Wir bleiben dran

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  • 6 Minuten

    Ein politischer Shootingstar aus der Zürcher Agglo

    Leandra Columberg posiert für ein Foto in Stettbach. Es ist ein sehr sonniger Tag, darum trägt sie eine Sonnenbrille. Im Hintergrund sind ein Café, ein asphaltierter Platz und moderne Gebäude zu sehen.„Nicht nur in der Stadt Zürich sind bezahlbarer Wohnraum, sichere Velowege oder finanzielle Mittel für Kinderbetreuung Thema“, sagt SP-Kantonsrätin Leandra Columberg aus Dübendorf. Bild: Pascal Turin

    Politisiert wurde Leandra Columberg als Teenager wegen Donald Trump und der SVP-Durchsetzungsinitiative. Die 25-jährige SP-Kantonsrätin aus Dübendorf ist angehende Juristin und widmet sich darum am liebsten den komplizierten Themen.

    Dübendorf, das ist nach Zürich, Winterthur und Uster immerhin die viertgrösste Stadt im Kanton. Der Vorort ist eine Gemeinde, die wächst und wächst. Die boomenden Hochhaus-Quartiere und vielen Neubauten gehören genauso dazu wie das ländliche Gockhausen und die Möbelmeile mit Möbel Pfister, Micasa & Co. Nicht zu vergessen der Flugplatz, der zum staatlich verordneten Innovationspark für Forschung und Entwicklung werden soll.

    Als „Königin der Schweizer Vorstädte“ adelte die „Neue Zürcher Zeitung“ Dübendorf vergangenes Jahr. „Dübendorf gehört zu den Orten, die das mit dem Höher- und Dichter-Bauen am ernsthaftesten betreiben im Kanton Zürich“, heisst es im Artikel. In den letzten zehn Jahren sei die Gemeinde um 22 Prozent gewachsen.

    Aus Dübendorf stammt Leandra Columberg, die SP-Kantonsrätin. Wir treffen uns im auf improvisiert machenden aber cool-gemütlichen Restaurant Waldkantine ganz in der Nähe des Bahnhofs Stettbach. Columberg hat gerade die Prüfungsphase an der Universität Zürich hinter sich und wirkt entspannt. Sie studiert Rechtswissenschaften im Master. „Mit Studium und Politik war ich in den vergangenen Wochen ziemlich ausgelastet“, sagt die Politikerin fast entschuldigend. Dabei hat der E-Mail-Wechsel zur Terminfindung nur kurz gedauert.


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    Apolitisch aufgewachsen und von Trump politisiert

    Columberg ist in Dübendorf aufgewachsen. Als sie vor mittlerweile sechs Jahren als damals 19-Jährige fürs Kantonsparlament kandidierte, war ihr die Aufmerksamkeit durch die Medien sicher. Die „Wochenzeitung WOZ“ begleitete die heute 25-Jährige neugierig und mit Grossstädter-Brille durch den klar bürgerlich dominierten Vorort – hier ist die Politikerin zur Schule und in die Pfadi gegangen. Sie sei eher apolitisch aufgewachsen, sagte Columberg gegenüber der WOZ. Dann aber, „während eines Auslandjahrs in den USA, hat mich der Wahlkampf von Donald Trump schockiert – und, zurück in der Schweiz, die Durchsetzungsinitiative der SVP“.

    Nach den Kantonsratswahlen 2019 klopfte sogar der „Blick“ an. „Kaum aus der Pubertät, schon im Kantonsrat: Im März wurde Shootingstar Leandra Columberg mit 19 Jahren zur jüngsten Kantonsrätin Zürichs gewählt“, schrieb das Boulevardmedium. Noch nie zuvor habe sie ein politisches Amt bekleidet, die Kandidatur für den Kantonsrat sei sogar ihre erste überhaupt gewesen. „Trotzdem klappte es gleich auf Anhieb. Vom vierten Listenplatz schaffte sie die Wahl“, so der „Blick“ bewundernd.

    Seit 2022 engagiert sich die ehemalige Präsidentin der Juso Zürich Oberland auch für die SP im Dübendorfer Gemeinderat. „Nicht nur in der Stadt Zürich sind bezahlbarer Wohnraum, sichere Velowege oder finanzielle Mittel für Kinderbetreuung Thema“, erinnert Columberg, die besonnen redet und ohne Umschweife auf den Punkt kommt. Man merkt ihr an, dass sie ihrem jungen Alter zum Trotz oder gerade deswegen sehr gut vorbereitet ist und keine unbedachten Äusserungen machen will.

    Als akribisch und dossierfest könnte man Columberg bezeichnen, was vermutlich zu einer Jus-Studentin passt. „Ich lese mich sehr genau in die Geschäfte ein und versuche mich gut auf Debatten vorzubereiten“, sagt die Kantonsrätin. In ihrem Privatleben sei sie aber weniger strukturiert, da könne sie schon mal ziemlich chaotisch sein, fügt sie lächelnd an.

    Über Parteigrenzen miteinander reden

    Als SP-Politikerin aus der Agglo muss die Dübendorferin, die mit ihrem Partner als Wochenaufenthalterin in einer WG im Stadtzürcher Kreis 5 wohnt, manchmal kleine Brötchen backen. Das gilt für den Kantonsrat, in dem sich die linken Parteien häufig in der Minderheit befinden, wie für das Stadtparlament der Glattaler Gemeinde, wo SP und Grüne noch deutlicher in der Unterzahl sind. Sie setzt darum auf die Gespräche im Hintergrund und geht schon mal direkt auf Amtschefinnen und Amtschefs oder Regierungsrätinnen und Regierungsräte zu, wie sie erzählt. Viele Themen könnten informell angesprochen und vielleicht sogar gelöst werden – über die Parteigrenzen hinaus. „Erst wenn ich merke, dass ich damit nichts bewirke, mache ich einen Vorstoss“, sagt Columberg, die Mitglied der Geschäftsleitung der Juso Schweiz war.

    Insgesamt siebzehn Vorstösse hat die Kantonsrätin bisher als Erstunterzeichnerin eingereicht. Einige Anliegen betreffen das Asylwesen, so zum Beispiel eine Anfrage zu Zwangsausschaffungen in den Irak und nach Eritrea oder ein Vorstoss zur Stärkung der Bildungs- und Arbeitsmarktintegration geflüchteter Frauen. Bei anderen Anfragen geht es um Rechtsextremismus oder die Studiengebühren.

    Leandra Columberg stellt sich nicht gern in den Mittelpunkt, ausser es geht um die Sache. Nicht einmal eine persönliche Website hat die Politikerin, dafür gibt es einen Wikipedia-Eintrag über sie. Bild: Pascal Turin

    Pointiert äusserte sich Columberg im Jahr 2022 zu den damals ans Licht gekommenen Problemen im Asylzentrum Lilienberg in Affoltern am Albis. AL, Grüne und SP hatten gefordert, dass sich die Situation der sogenannten MNA (Mineurs non accompagnés) rasch verbessern müsse. „Das Kindswohl praktisch aller Bewohnenden ist gefährdet, das ist das Fazit der Lehrpersonen, welche die Kinder unterrichten“, sagte Leandra Columberg gemäss einem Artikel auf der News-Website des Schweizer Radio und Fernsehens während der Ratsdebatte.

    Die Sozialdemokratin fiel durch ihr Engagement gegen die „Anti-Chaoten-Initiative“ der Jungen SVP auf und gab Onlineportalen wie Nau und Tsüri oder dem Fernsehsender Tele Z Interviews. Columberg sah in der Initiative eine Gefahr für die Grundrechte, weil das kantonale Polizeigesetz verschärft worden wäre. Das SVP-Volksbegehren scheiterte im März 2024 klar an der Urne, angenommen wurde hingegen der abgeschwächte Gegenvorschlag.

    Einen Achtungserfolg erzielte die Dübendorferin Ende November zusammen mit ihren Parteikolleginnen und Parteikollegen auf lokaler Ebene. Die SP-Initiative „Dübendorf für alle – Wohnbauförderung durch aktive Liegenschaftspolitik“ ist zwar mit 59,2 Prozent Nein-Stimmen deutlich abgelehnt worden. Die SP und die Grünen hatten aber über ihre Wählerbasis von rund 25 Prozent hinaus mobilisiert. Die Initiantinnen und Initianten wollten, dass die Stadt Dübendorf keine Liegenschaften mehr verkauft, sondern wo möglich neues Land erwirbt und dieses für bezahlbaren Wohnraum einsetzt. „Als linke Politikerinnen und Politiker weiss man, dass man einfach nicht locker lassen darf. Irgendwann kommt man einen Schritt weiter“, ist Columberg überzeugt.

    Sie ist auch bei Wikipedia zu finden

    Die junge Politikerin, die für die SP schon als Campaignerin gewirkt oder als Geschäftsführerin des Vereins Demokratische Jurist*innen Zürich gearbeitet hat, stellt sich selbst nicht gern in den Mittelpunkt. Nicht einmal eine persönliche Website hat die Politikerin und auf Social Media ist sie nur unregelmässig aktiv. Auf der Social-Media-Plattform Instagram postet sie manchmal politische Statements und macht etwas Werbung in eigener Sache. „Ich möchte nicht zu selbstdarstellerisch wirken“, sagt sie. Wenn es nötig sei, zum Beispiel für eine Kampagne, werde sie sich überlegen, wieder aktiver auf Social Media zu werden. „Es ist aus meiner Sicht fast schlechter eine Website zu haben, die nicht mehr aktuell ist, weil man keine Zeit oder Freude hat, sie zu pflegen.“

    Dafür gibt es einen deutschsprachigen und sogar einen englischsprachigen Wikipedia-Artikel über die Kantonsrätin – das können nicht so viele Lokalpolitikerinnen und Lokalpolitiker von sich behaupten. „Die Wikipedia-Einträge stimmen immer noch einigermassen“, sagt Columberg schmunzelnd.

    Nach ihrer Freizeit gefragt, zögert die Sozialdemokratin: „Die Politik nimmt viel Zeit in Anspruch, sie ist quasi mein Hobby und mein Beruf.“ Früher habe sie Theater gespielt, was aber im Moment nicht mehr drin liege. Sonst sei sie gern mit Freundinnen und Freunden unterwegs. Ausserdem gehe sie häufig schwimmen und lese viel – nicht nur Gesetzesvorlagen des Regierungsrats oder Fachliteratur fürs Studium. Und sie möge Tiere, besonders die zwei Hunde ihrer Familie. Leandra Columberg: „Wenn ich bei meinen Eltern bin, gehe ich, wenn immer möglich, mit unserem Dackel und unserem Parson Russell Terrier spazieren.“


  • 3 Minuten

    „Taylor Swift, aber nur wegen der Armbändeli“

    Tanja Maag will für die AL in den Stadtrat. Bild: Diana Studerus

    Tanja Maag will 2026 für die AL einen Sitz im Zürcher Stadtrat holen. Für Rathuus hat die Gemeinderätin jetzt schon unseren indiskreten Fragebogen ausgefüllt. Die Politikerin über Angela Merkel, Anna Rosenwasser, Taylor Swift und darüber, warum sie im temporären Rathaus Hard bleiben möchte.

    Tanja Maag, wie wurden Sie politisiert?
    Durch meinen Erstberuf.

    Apropos Erstberuf. Was wollten Sie als Kind werden?
    Krankenschwester (so hiess das damals noch). Und das wurde ich dann auch.

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Die Wohnungskrise, die totalitären MachtHABER:innen auf dem Globus, die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern, Gewalt an Frauen, die Kostenentwicklung im Gesundheitswesen, der Kapitalismus, das Nordische Modell (für Prostitution, Anm. d. Red.), Sans Papiers unter Druck, die psychische Gesundheit von jungen Erwachsenen, unser Leben auf Kosten des globalen Südens, die Zerstörung im Lötschen- und Maggiatal, die humanitäre Katastrophe in Gaza, der Zürcher Regierungsrat und, und, und.

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Sollte ich jemals Abwanderungsgelüste entwickeln gibt es für mich nur den Grauen Block.

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Oh ja! Ich liebe Unterschriften sammeln!

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Angela Merkel – Sie merken, mir fällt grad kein Mann ein.


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    „Mit Anna Rosenwasser würde ich gerne einmal etwas trinken gehen. Sie wirkt mutig, intellektuell und herzlich.“

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Anna Rosenwasser. Sie wirkt mutig, intellektuell und herzlich.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Das Bebek an der Kalkbreite in Zürich.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Bei meiner Lieblingsverkäuferin beim Coop A-Park in Albisrieden. Ich lese immer mindestens einen Artikel und das Porträt eine:r Surpriseverkaufenden.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    E-Bass spielen.

    Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin respektive der bedeutendste Zürcher?
    Anna Heer (1863-1918), die erste Schweizer Chirurgin und Mitbegründerin der Schweizerischen Pflegerinnenschule mit Frauenspital. Die Institution bot 1901 eine professionelle, konfessionsunabhängige Ausbildung in Krankenpflege. Das war ungewöhnlich für damals.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Brot ohne Butter.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Mit meiner Überzeugungskraft konnte ich die Wählerinnen und Wähler im Kreis 9 für mich als Newcomerin gewinnen. Seit meiner Wahl in den Gemeinderat setze ich mich ein für soziale Stadtentwicklung, Steuergerechtigkeit und eine starke öffentliche Gesundheitsversorgung, die für alle zugänglich ist.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Ich habe der bürgerlichen Ratsseite in einer flappigen Ausdrucksweise gesagt, sie hätten kein Recht auf eine Minderheitenposition (im Abstimmungsbüchlein).

    „Ich will im Rathaus Hard bleiben. Mir gefällt der umfunktionierte grosszügige Raum.“

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Ich will im Rathaus Hard bleiben. Mir gefällt der umfunktionierte grosszügige Raum. Und ich habe keine Lust, meinen Sitznachbar:innen auf den Schoss zu fallen, wenn ich mal raus muss. (So stelle ich mir das Rathaus vom Hören sagen vor).

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Falafel.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Taylor Swift, aber nur wegen der Armbändeli. Auf ihre Musik steh ich nicht.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Die Berglandschaft am Oberalppass.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf das Konzert von Amyl and the Sniffers im X-tra; mein Mix – Metal und Punk.

    Und worüber können Sie lachen?
    Über Wortspiele.

    Tanja Maag ist Gemeinderätin der AL und Co-Präsidentin der AL-Gemeinderatsfraktion in der Stadt Zürich. Die ausgebildete Pflegefachfrau und Erwachsenenbildnerin arbeitet als Ausbildungsverantwortliche für Lernende und Studierende bei der Stiftung Diakoniewerk Neumünster – Schweizerische Pflegerinnenschule. Als einen Schwerpunkt ihrer politischen Arbeit nennt die 51-Jährige eine integrierte Gesundheitsversorgung. 2026 will sie für die AL einen Stadtratssitz in Zürich holen.


  • 4 Minuten

    Den gedruckten Amtlichen könnte es bald an den Kragen gehen

    Auf dem Bild sieht man das Cover des Tagblatts vom 9. Juli 2025.Bald Geschichte? Die Wochenzeitung "Tagblatt der Stadt Zürich" wird in zwei politischen Vorstössen im Gemeinderat indirekt und direkt kritisiert. Bild: Lorenz Steinmann

    Der Stadtrat von Zürich hält nichts von der Idee von mindestens zwei amtlichen Infokanälen. Schlechte Nachrichten gibt es auch für Print-Fans: Die Exekutive stellt in Aussicht, dass es mittelfristig zu Ende geht mit amtlichen Mitteilungen auf Papier.

    Die Sommerferien haben begonnen. Die städtische Verwaltung arbeitet ferienbedingt weniger, wie das in der Privatwirtschaft nicht anders ist. Doch auch wenn es weniger amtliche Mitteilungen und Medienkonferenzen gibt, erscheint die Wochenzeitung „Tagblatt der Stadt Zürich“ trotzdem jeden Mittwoch. In einer Auflage von gut 100’000 Exemplaren, was laut der Werbeforschung auch ungefähr der Anzahl erreichter Leserinnen und Leser entspricht.

    Hört man sich aber herum bei Lokalpolitikerinnen und -politikern, hat das Onlinemedium Tsüri das „Tagblatt“ fast schon abgelöst als lokale Informationsquelle – zumindest, wenn es um die Stadtzürcher Politik geht. Thematisch in diese Richtung zielte auch ein Gemeinderatsvorstoss von Sven Sobernheim (GLP), Pascal Lamprecht (SP) und lvo Bieri (SP). Die Politiker forderten den Stadtrat per Motion auf, die Publikationsverordnung so anzupassen, dass die amtlichen Publikationen „zusätzlich ganz oder teilweise durch Dritte in digitaler oder gedruckter Form erscheinen. Dabei sollen mindestens 2 verschiedene Medien mit lokaler Berichterstattung berücksichtigt werden“.


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    „Immer weniger gerecht“

    Mit anderen Worten: Die drei Politiker wollten das Amtsblatt-Monopol, das aktuell durch das „Tagblatt der Stadt Zürich“ wahrgenommen wird, durchbrechen. Sie hielten dazu fest: „Aktuell zeigt sich, dass das ‚Tagblatt der Stadt Zürich‘ der Funktion als gedrucktes Format immer weniger gerecht werden kann.“ Gleichzeitig hätten sich bei vielen Medienhäusern Daily Briefings oder Ähnliches etabliert, welche eine immer breitere Masse von Personen in der Stadt erreichen würden.

    Was die Politiker meinen, aber nicht schreiben: „Tsüri“ ist eines der Medienhäuser, das jeden Werktag frühmorgens ein sogenanntes „Züri Briefing“ publiziert. Es ist je nach Sichtweise eine zusammenfassende Aneinanderreihung von Artikeln aus anderen Medien oder aber eine austarierte Kuratierung aller relevanten Vorkommnisse in Zürich aus den wichtigsten Medienquellen.

    Sei’s drum. Sobernheim, Lamprecht und Bieri wollen mehr Vielfalt und weniger Einheitsbrei.

    Medienhaus der Familie Blocher

    Zudem bestehen in der Bevölkerung und in der Politik immer grössere Vorbehalte gegenüber dem „Tagblatt“, weil es seit 2018 zu 100 Prozent dem SVP-Doyen Christoph Blocher gehört. Zwar erscheint im „Tagblatt der Stadt Zürich“ Blochers wöchentliche Kolumne („Der Verleger hat das Wort“) im Gegensatz zu den 23 restlichen Zeitungen des Verlags Swiss Regiomedia AG nicht. Aber sonst sehen sich Zürichs politische Mehrheiten laut übereinstimmenden Angaben eher beim Onlineportal Tsüri als beim gedruckten „Tagblatt“.

    Die kürzlich publizierte Antwort des Stadtrats auf den Vorstoss ist eher kryptisch ausgefallen. Offensichtlich lässt sich der Stadtrat alle Türen offen, auch wenn zwischen den Zeilen der Wunsch nach einer Neuausrichtung durchaus spürbar ist. So steht in der Antwort: „Der Stadtrat teilt das Anliegen einer breiten und niederschwelligen Verbreitung amtlicher Publikationen“. Dabei wolle die Stadt gemäss angepasster Publikationsverordnung von 2018 am gratis verteilten gedruckten Amtsblatt festhalten, um möglichst viele Personen zu erreichen.

    Doch der Stadtrat äussert grosse Bedenken, weil wegen der Motion künftig möglicherweise zwei Printprodukte als amtliche Nachrichten wirken könnten. Denn es gebe bekanntlich einen zusätzlichen gemeinderätlichen Vorstoss, der den Papierverbrauch der Verwaltung reduzieren wolle. Zusammenfassend lehnt der Stadtrat das Anliegen von Sobernheim, Lamprecht und Bieri ab. Er ist aber laut der Antwort bereit, die Idee im Rahmen eines Postulats aufzunehmen, „um zu prüfen, wie die amtlichen Publikationen in der sich wandelnden Medienlandschaft optimal verbreitet werden können“.

    Weg vom Papier

    Zurück zum erwähnten Papierverbrauch-Vorstoss. Dieses von Matthias Renggli (SP), Barbara Wiesmann (SP) und sechs Mitunterzeichnenden lancierte Postulat will nichts weniger als das „Tagblatt der Stadt Zürich“ aus zumindest vordergründig ökologischen Gründen streichen.

    Eine Idee, mit welcher der Stadtrat durchaus einverstanden scheint. Denn er schreibt in seiner Antwort an Sobernheim, Lamprecht und Bieri weiter: „Zudem widerspricht die Motion teilweise der bereits eingeschlagenen Richtung, wonach mittelfristig auf den Druck der amtlichen Mitteilungen verzichtet werden soll.“

    Für die Beantwortung des Papierverbrauch-Vorstosses hat der Stadtrat übrigens Zeit bis zum 31. Januar 2026. Ab dann dauert es nur noch knapp zwei Jahre bis zum 31. Dezember 2027. Dann endet nämlich die vertragliche Regelung zwischen dem „Tagblatt der Stadt Zürich“ und der Stadt Zürich. Und bis dahin müsste – wenn überhaupt – ein neuer Vertrag ausgehandelt werden.

    Das elektronische Amtsblatt

    Unbestritten ist, dass das elektronische Amtsblatt, welches von der Stadt Zürich seit 2018 direkt publiziert wird, zumindest gestalterisch Luft nach oben hat. Es sind simple Dokumente, die auf der städtischen Website aufgelistet sind. Trotzdem gelten sie seit acht Jahren als offiziell gültige amtliche Nachrichten. Die Printversion über das „Tagblatt der Stadt Zürich“ diene „ergänzend als analoges Verbreitungsmedium für Bürgerinnen und Bürger, die eine physische Ausgabe bevorzugen“, hält der Stadtrat dazu fest.

    „Ergänzend“ und „analoges Verbreitungsmedium“ machen also schon recht deutlich, dass in der Stadtverwaltung das Thema Print als ein Ding der Vergangenheit angesehen wird. Kein gutes Zeichen für das „Tagblatt der Stadt Zürich“.


  • 1 Minute

    Freude herrscht: positiver Journalismus und EM-Fieber

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin posieren locker, sommerlich gekleidet mit dem Maskottchen der Uefa Women's Euro 2025. Das Maskottchen soll ein Bernhardiner-Welpe darstellen.Ein Foto fürs Erinnerungsalbum (v. l.): Lorenz Steinmann, EM-Maskottchen Maddli und Pascal Turin geniessen die Fanmeile an der Europaallee. Bild: Daria Semenova

    In der elften Folge ihres Rathuus-Podcasts sind Lorenz Steinmann und Pascal Turin hörbar guter Laune – denn aus den Zürcher Verwaltungen sind drei Good News ins improvisierte Studio an der Stauffacherstrasse geflattert. Ausserdem freuen sich die Rathuus-Gründer über die Viertelfinal-Qualifikation der Frauen-Nati.

    Die elfte Folge des Rathuus-Podcasts beginnt mit einem Gespräch darüber, ob wir bei Rathuus zu häufig Probleme bewirtschaften und stattdessen mehr auf lösungsorientierten beziehungsweise positiven Journalismus setzen sollten. Aus diesem Grund rücken Lorenz Steinmann und Pascal Turin dieses Mal drei gute Nachrichten aus den Zürcher Verwaltungen in den Fokus. Und wir sprechen über einen Traum, der dereinst sogar Realität werden könnte: Direktzüge von Zürich nach London.

    Ausserdem blicken wir auf die packende Begegnung der Schweiz gegen Finnland zurück. Die beiden Rathuus-Podcaster haben nämlich gemeinsam das Public Viewing an der Europaallee in Zürich besucht.

    Nach einem Abstecher ins Filmbusiness gehen wir dann zum dritten Thema dieser Folge über – der vertrackten Situation rund um den Veloverkehr in der Limmatstadt. Lorenz vertritt als Velo-Nerd pointierte Meinungen und Pascal hält sich bis auf ein paar Zwischenrufe für einmal etwas zurück.

    Zum Abschluss reden wir darüber, was uns diese Woche beschäftigt hat – einer leicht abgewandelten Form der Rubrik “Can’t Let It Go” des NPR Politics Podcasts.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 4 Minuten

    Reiseziel London: Kanton soll sich für Direktzüge einsetzen

    Die Militärkapelle der Grenadier Guards in ihren typischen Uniformen mit Bärenfellmütze und roten Uniformjacken.Die Grenadier Guards – hier zu sehen die Militärkapelle – sind ein beliebtes Fotomotiv. Das Bild wurde zwischen 1980 und 1990 geschossen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC0653-004-007

    Das Bahnunternehmen Eurostar möchte mit seinen Hochgeschwindigkeitszügen direkte Verbindungen in die Schweiz anbieten. Als Erstes soll Genf angefahren werden. Ein SP-Kantonsrat und eine FDP-Kantonsrätin befürchten darum, dass Zürich aufs Abstellgleis geschoben wird.

    Der Titel des Vorstosses im Kantonsrat sagt eigentlich schon alles: „Direktverbindungen Zürich-London – Zürich nicht auf dem Abstellgleis“, nannten Felix Hoesch (SP) und Sonja Rueff-Frenkel (FDP) ihre Anfrage, die sie kürzlich im Kantonsrat eingereicht haben.

    Hintergrund ist eine Ankündigung, die seit einigen Wochen in den Medien die Runde macht: „In fünf Stunden mit dem Zug nach London: Bundesrat Rösti und die SBB wollen es möglich machen. Doch das wird teuer“, schrieb das Schweizer Radio und Fernsehen im Mai auf ihrer News-Website. Und der „Tages-Anzeiger“ doppelte im Juni nach: „Als Erstes sollen die Bahnhöfe in Genf und Frankfurt angefahren werden.“

    Der Tagi hatte übrigens schon im Februar darüber berichtet, dass sich die Firma Getlink um neue Direktverbindungen zwischen London und dem europäischen Festland bemüht. Getlink ist die Betreibergesellschaft des rund 50 Kilometer langen Eurotunnels unter dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und Grossbritannien. „Wir wollen attraktive Möglichkeiten für umweltfreundliche Reisen nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz“, liess sich Getlink-Chef Yann Leriche gemäss Artikel der Tageszeitung in einer Mitteilung zitieren.


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    Von der Calvin-Stadt ins britische Machtzentrum

    Laut Eurostar International könnte ab Anfang der 2030er Jahre eine neue Zugflotte zum Einsatz kommen und drei neue Direktverbindungen bedienen. Dies geht aus einer Mitteilung des Bahnunternehmens hervor. Die Betreiberin der Eurostar-Züge will diese Verbindungen nun gemeinsam mit Partnern entwickeln. Es geht um die Angebote Amsterdam/Brüssel – Genf, London – Frankfurt sowie London – Genf.

    Die Reise von Genf nach London würde dann statt achteinhalb Stunden nur noch etwa fünf bis fünfeinhalb Stunden dauern. Aktuell müssen Zugreisende zuerst mit dem TGV von Genf nach Paris zum Gare de Lyon fahren und dort umsteigen. Da die Eurostar-Züge jedoch nicht vom Gare de Lyon, sondern vom Gare du Nord abfahren, ist zusätzlich ein Trip mit dem Taxi, mit der Metro oder mit der S-Bahn durch die französische Hauptstadt nötig, der schnell einmal 15 Minuten dauert. Zum Vergleich: Laut der Website der Airline Swiss dauert ein Flug von Genf nach London circa 1 Stunde und 40 Minuten.

    Ein erster Schritt ist jetzt mit der Absichtserklärung getan, die SVP-Bundesrat Albert Rösti, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), und seine Labour-Amtskollegin Heidi Alexander, britische Transportministerin, vor kurzem unterzeichnet haben.

    Bis jedoch Genfer Geschäftsleute für ihre Meetings mit dem Direktzug nach London reisen können, müssen einige Herausforderungen gemeistert werden. So braucht es zum Beispiel spezielle Terminals für Sicherheits- und Passkontrollen, ähnlich wie an einem Flughafen. Dies ist einerseits nötig, weil das Vereinigte Königreich nicht Teil des Schengen-Raums ist. Andererseits gelten für die Fahrt durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal generell verschärfte Sicherheitsvorschriften. „Für die Etablierung einer direkten Bahn-Verbindung in die Schweiz ist auch ein Abkommen zwischen der Schweiz, Frankreich und dem Vereinigten Königreich notwendig“, schreibt das UVEK in einer Mitteilung.

    Bundesrat Albert Rösti und die britische Transportministerin Heidi Alexander sprechen miteinander. Beide tragen formelle Businesskleidung.Ins Gespräch vertieft (v. l.): Die britische Transportministerin Heidi Alexander (Labour Party) und der SVP-Bundesrat sowie Verkehrsminister Albert Rösti besichtigen den Londoner Bahnhof St. Pancras. Bild: UVEK

    Auswirkungen und Kosten abschätzen

    Kantonsrat Felix Hoesch und Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel wollen darum frühzeitig verhindern, dass der Standort Zürich den Anschluss verliert – und „auf dem Abstellgleis landet“, wie es im Vorstoss heisst. Die Politikerinnen und Politiker möchten unter anderem von der Kantonsregierung wissen, wie sich der Kanton bei den Gesprächen betreffend Direktverbindung Schweiz-London auf Bundesebene einbringen kann und ob der Regierungsrat oder der Zürcher Verkehrsverbund in dieser Frage aktiv ist. „Wie stuft der Regierungsrat die sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Auswirkungen einer Direktverbindung Zürich-London ein?“, fragen die Stadtzürcher Rueff-Frenkel und Hoesch.

    Ausserdem soll der Regierungsrat abklären, wie und wo der Hauptbahnhof Zürich umgebaut werden muss, um die nötigen Grenz- und Sicherheitsvorgaben umsetzen zu können. Zudem sind auch die Kosten Thema und nicht zuletzt wer dafür zuständig ist. „Gibt es neben London noch weitere Direktverbindungen, die der Kanton Zürich wünscht?“, schreiben die beiden Kantonsrätinnen und Kantonsräte in ihrer Anfrage weiter.

    Für die Antwort auf folgende Frage wird der Regierungsrat allerdings wohl in die Glaskugel schauen müssen: „Was sind die Auswirkungen auf die Flugverbindungen Zürich-London und die damit zusammenhängenden Folgen für den Flughafen Zürich?“

    Eins ist schon heute klar: Ob Zürich tatsächlich aufs Abstellgleis geschoben wird oder doch irgendwann einen direkten Anschluss nach London an den Bahnhof St. Pancras erhält, ist offen. Wer aktuell mit dem Zug statt mit dem Flugzeug aus der Limmatstadt in die britische Hauptstadt reisen will, braucht Geduld – und bis dereinst eine Direktverbindung Realität ist, wohl noch deutlich mehr davon.


  • 4 Minuten

    Drei Mal Good News aus der Verwaltung

    Das Elektro-Salonboot Tugenia fährt bei schönstem Wetter durchs Zürcher Seebecken. Zwei weibliche Gäste mit sommerlicher Bekleidung und Hüten sitzen hinten und geniessen die Fahrt.Kann man sich heute kaum vorstellen: Das Motorboot Tugenia fuhr schon 1904 mit Elektroantrieb. Nun soll das Salonboot saniert werden. Bild: Stiftung Historische Zürichsee Boote

    Fast ohne Pause prasseln von allen Seiten die schlechten Nachrichten auf uns ein. Darum sorgen wir mit drei positiven News aus den Verwaltungen im Kanton Zürich für Abwechslung.

    US-Präsident Donald Trump drückt sein umstrittenes Steuer- und Ausgabengesetz mit dem neckischen Namen „Big Beautiful Bill“ durch den Kongress, bei den hochgelobten F-35-Kampfjets drohen der Schweiz Milliarden-Mehrkosten und das in die Kritik geratene Zürcher Kinderspital könnte für den Kanton zum Fass ohne Boden werden. Die Newslage weckt nicht gerade Zukunftshoffnungen – obwohl die drei genannten Punkte nur die Spitze des Eisbergs darstellen.

    Oder wie es die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider aus Uster kürzlich auf der Social-Media-Plattform Bluesky formulierte: „Die weltpolitische Lage lässt nicht einmal ein anständiges Sommerloch zu.“ Alles, was die Politikerin möchte, sei eine Geschichte, in der ein Hund eine Katze vor dem Ertrinken rettet, ein neu entdecktes 250-jähriges Tiefseetier und die fünf besten Rezepte für kühle Drinks.

    Doch jetzt schafft Rathuus Abhilfe – mit drei positiven News aus den Verwaltungen des Kantons Zürich, der Stadt Winterthur und der Stadt Zürich.


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    1. Elektro-Salonboot Tugenia soll saniert werden

    Freudige Nachricht für die Stiftung Historische Zürichsee Boote: Sie ist seit 2023 im Besitz des 121-jährigen Motorboots Tugenia, das 1904 in Wollishofen gebaut worden ist und bereits damals elektrisch unterwegs war. In späteren Jahren hat man dann das Boot durch Verbrennungsmotoren angetrieben und erst 2005 wieder auf Elektroantrieb umgerüstet, wie der Website der Stiftung zu entnehmen ist.

    Nun soll das herzige Wasserfahrzeug mit zwölf Plätzen umfassend saniert werden. Der Kanton unterstützt das Projekt laut einer Mitteilung mit einem Beitrag von 165’000 Franken aus dem Gemeinnützigen Fonds.

    Geplant sind eine technische Überholung des Elektroantriebs und ein Ersatz aller Elektroinstallationen. Gemäss der Stiftung kostet das Vorhaben 330’000 Franken inklusive zehn Prozent Reserven. „Wir freuen uns sehr, dass der Gemeinnützige Fonds 50 Prozent der Kosten übernimmt“, sagt Roger Staub, Präsident der Stiftung Historische Zürichsee Boote, auf Anfrage. Die Planung habe eben erst begonnen, je nach Auslastung der Werft soll das Salonboot Tugenia aber diesen Herbst etwas früher ausgewassert und mit den Arbeiten begonnen werden. Läuft alles nach Plan, ist das Motorboot bis zum Frühling 2026 wieder einsatzbereit.

    Fördern will der Regierungsrat zudem den Aufbau eines regionalen Netzwerks von Arbeitgebern zur Reintegration und Anstellung von Menschen mit Behinderung. Das Projekt der Stiftung Profil wird mit 150’000 Franken unterstützt. Ausserdem erhält der Verein Evangelischer Frauenbund Zürich einen Beitrag von 33’000 Franken. Der Verein lässt die Geschichte seines Kinderheims Pilgerbrunnen in Wiedikon vor dem Hintergrund der Fremdplatzierung von Kleinkindern in der Schweiz untersuchen. Insgesamt bewilligte der Regierungsrat laut Mitteilung Fondsbeiträge von 415’000 Franken.

    2. Virtuell eintauchen in das antike Zürich

    Für Outdoor-Abenteuer war es lange viel zu heiss und plötzlich muss man wieder drei dicke Pullover übereinander anziehen – da bleibt man lieber zu Hause. Zum Glück eilte vor kurzem das Stadtzürcher Amt für Städtebau zur Rettung und schaltete ein neues historisches 3D-Modell Zürichs im Internet auf. Dieses zeigt laut einer Mitteilung des Amts, wie „Turicum“ um das Jahr 200 n. Chr. ausgesehen hat. Die Menschen wohnten im antiken Zürich mehrheitlich in Häusern mit strassenseitig überdachten Laubengängen.

    Wer sich auf den virtuellen Spaziergang wagt, kann sehr nah reinzoomen und in den Hinterhöfen der Häuser auch die Gärten erkunden oder die Jupitergigantensäule an der Limmat bestaunen. Sonst gibt es allerdings noch nicht allzu viel zu sehen.

    Dank der Webapplikation Zürich 4D lässt sich die Stadt von der Jungsteinzeit bis in die mittelfristige Zukunft aus ungewohnter Perspektive auskundschaften. Gezeigt werden verschiedene Zeitabschnitte als di­gitale 3D-Stadtmodelle.

    Hier klicken, um sofort in die Vergangenheit abzutauchen.

    3. Süsser Nachwuchs bei den Mufflons und bei den Wölfen

    Und zum Schluss noch was für Fellfreunde: Im Wildpark Bruderhaus sind elf Mufflons zur Welt gekommen. „Erstmalig gab es bei den Bruderhaus-Mufflons eine bei dieser Tierart seltene Zwillingsgeburt“, schreibt die Stadt Winterthur in einer Ende Juni verschickten Mitteilung. Mufflons sind Wildschafe und haben nichts mit Muffins zu tun, falls sich das jemand gefragt haben sollte.

    Wie es in der Mitteilung weiter heisst, seien zudem fünf junge Mufflonwidder mit Geburtsjahrgängen 2024 und 2023 an den Natur- und Tierpark Goldau abgegeben worden, um dort für eine Blutauffrischung in der Gruppe zu sorgen.

    Auch bei den Wölfen gab es Nachwuchs: Die Wölfin Tara brachte am 28. April nach einer Tragzeit von etwa zwei Monaten zwei Jungwölfe zur Welt. Vater ist Wolf Romulus. „Bei der ersten Gesundheitskontrolle der fünf Wochen alten Welpen konnten die Wildparkmitarbeitenden nur ein Jungtier kontrollieren und das Geschlecht bestimmen“, so die Stadt Winterthur. Der männliche Wolfswelpe sei dabei gechippt worden. Das andere Jungtier war hingegen schon zu flink und liess sich nicht kontrollieren. Welches Geschlecht der zweite Wolfswelpe hat, wird sich also erst in den kommenden Wochen zeigen. Laut Mitteilung erhalten die Jungtiere erst Namen, wenn auch das Geschlecht des zweiten Welpen bekannt ist.

    Der Wildpark Bruderhaus gehört der Stadt Winterthur und befindet sich im Quartier Heiligberg. Hier leben neben Wölfen und Mufflons auch Przewalskipferde, Luchse und Wildschweine. Der Eintritt ist frei.

    Eine Herde Mufflons (Wildschafe) in einem Gehege. Die Tiere tragen ein braunes kurzes Fell.Sie haben trotz Wortähnlichkeit rein gar nichts mit Muffins zu tun: Mufflons sind Wildschafe und nahe mit den Hausschafen verwandt. Bild: Stadt Winterthur

  • 5 Minuten

    „Ich bin ziemlich resigniert“

    Das Bild zeigt eine Situation, wo ein Automobilist einem Velofahrer auf der Velospur gefährlich nahe kommt.Das erlebt Gemeinderat Sandro Gähler oft: Autos, die den Velos zu wenig Beachtung schenken oder sogar zur Selbstjustiz in Form von Abdrängen greifen. Bild: zvg

    Sandro Gähler ist Velofahrer und SP-Gemeinderat. Der Politiker empfindet die Stadt Zürich für Velofahrende oft als lebensgefährlich. Er hat Situationen erlebt, in denen es zu Selbstjustiz durch Autofahrende kam. Darum hat er eine schriftliche Anfrage an den Stadtrat eingereicht.

    Zürich und das Thema Veloverkehr. Das ist wie McDonald’s und das Thema Abfall. Niemand fühlt sich richtig verantwortlich. Sogar Rad-Weltmeister und Olympiasieger Fabian Cancellara sagte letztes Jahr an einem nationalen Velokongress, er bedauere, wie gefährlich es sei, durch Zürich zu pedalen.

    Tatsächlich sind neuralgische Punkte wie das Bellevue, das Central, der Bucheggplatz oder der Stadelhoferplatz für Velofahrende nach wie vor höchst gefährlich. Auf der privaten Plattform www.bikeable.ch sind Dutzende von Beispielen dazu dokumentiert, etwa über die „Velohölle“ Bucheggplatz. Oft führen schlechte Signalisationen und fehlende Velowege zu Konflikten zwischen Velofahrenden und Automobilisten. Das hat die Lobbyorganisation Pro Velo Kanton Zürich schon öfter thematisiert.


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    Der Verkehrsexperte mit ETH-Abschluss

    Einer, der solche Situationen jeden Tag erlebt, ist Gemeinderat Sandro Gähler. Der ETH-Elektroingenieur und Verkehrsplaner sitzt seit Mai 2024 für die SP Zürich 12 im Gemeinderat. Er hat einen bemerkenswerten Vorstoss im Stadtzürcher Parlament eingereicht. Der 38-Jährige fragt darin das zuständige Sicherheitsdepartement an, was die Stadt „gegen das aggressive Verkehrsklima in Zürich“ zu unternehmen gedenke. Denn laut Gähler hält dieses Klima viele potenzielle Velofahrende davon ab, in Zürich per Velo unterwegs zu sein.

    Sandro Gähler, zuerst einmal eine klärende Frage. Was für ein (Stadt-)Velo fahren Sie?
    Ich fahre ein 25er-E-Bike (also ein Elektrovelo, das höchstens 25 km/h schnell fährt, Anm. d. Red.). Das gemütlichste, unsportlichste Modell, welches ich gefunden habe. Es ist mit einem grossen Frontkorb ausgestattet, um auch einen grossen Einkauf transportieren zu können. Der Gepäckträger hat ein Polster und Fussstützen zum Transport von einer zusätzlichen erwachsenen Person, was seit dem 1. Juli erlaubt ist.

    Ihr Vorstoss zur fehlenden Verkehrsregelkenntnis bei Autolenkenden greift ein Thema auf, das wohl viele Velofahrende kennen. Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen dazu?
    Meine Erfahrungen mit dem Thema sind leider sehr zahlreich. Sie reichen von sehr velospezifisch (Zusatzschild „Rechts Abbiegen bei Rot für Velos erlaubt“ an Lichtsignalen) bis zu grundlegendsten Verkehrsregeln (Velos fahren auf der Fahrbahn, nicht auf dem Trottoir; Vortrittsregelung bei Trottoir-Überfahrten). Wie mir das mitgeteilt wurde, reichen die Feedbacks von Anmaulen, nach dem Ansprechen aufs Fehlverhalten („Das Handy in meiner Hand geht dich nichts an, und überhaupt fahr gefälligst auf dem Trottoir.“) über Anhupen und Anschreien („Rotes Lichtsignal!“, „Arschloch!“) bis zu vorsätzlicher Gefährdung durch Selbstjustiz durch Weg abschneiden etc.

    Sie sprechen das Rechtsabbiege-Schild für Velofahrende an. Ist diese relativ neue Möglichkeit in Zürich überhaupt selbsterklärend genug?
    Das finde ich gar keine so wichtige Frage. Das an vielen Orten erlaubte Rechtsabbiegen bei Rot ist ein optionales Zusatzangebot für den Veloverkehr. Mit dem Velo kommt man tipptopp durch, ohne dieses jemals zu nutzen. Und das Bundesgericht hat wiederholt festgehalten, dass man sich im Strassenverkehr darauf verlassen können muss, dass es die anderen schon richtig machen werden – von dem her müssen die Autolenkenden solche Verkehrsregeln, welche sie gar nicht betreffen, auch nicht kennen, sondern einfach dem bei Rot rechts abbiegenden Velolenkenden zunicken und denken „der macht das schon richtig“.

    „Noch schlimmer als das fehlende Verkehrswissen ist die Arroganz der Autolenkenden, dass Menschen auf dem Velo weniger wichtig und dem Autoverkehr untergeordnet sind.“

    Gibt es aus Ihrer Sicht Städte, die das besser gelöst haben?
    Brenzlige Situationen würde es gar nicht geben, wenn der Auto- und Veloverkehr strikt räumlich getrennt wäre. Separate Radwege haben separate Vortrittsregelungen, eigene Velolichtsignale etc. (Niederlande, Kopenhagen, Paris). Ganz trennen lässt sich der Verkehr jedoch nicht, und auf genügend wenig befahrenen Quartierstrassen macht eine Trennung auch keinen Sinn. Dort würden deutlich mehr Velofahrende einen grossen Unterschied machen, denn dann hätten alle Autolenkenden das ihnen aktuell unbekannte Verhalten der Velolenkenden schon dutzende Male gesehen und es wäre nicht mehr unbekannt.

    Auf dem Bild sieht man einen Velofahrer auf einer rot markierten Velospur, der von einem Auto abgedrängt wird.Brenzliche Situation auf dem Bucheggplatz. Wenn der Velofahrer nicht aufmerksam gewesen wäre, läge er jetzt am Boden. Bild: zvg

    Gibt es noch andere velospezifische Verkehrsregeln, die zu heiklen Situationen mit Autofahrenden führen können?
    Dort, wo die Veloinfrastruktur nicht benutzt werden muss, zum Beispiel bei mehreren Fahrstreifen, die in dieselbe Richtung führen, wenn aber nicht alle davon einen Velostreifen haben. Ich fahre auf dem Fahrstreifen, welcher dorthin führt, wo ich hin will – und muss nicht auf den nebenan wechseln, um dort auf einem Velostreifen irgendwo ganz anders hinzufahren.

    „Ich bin ziemlich resigniert und mittlerweile der Meinung, dass der (nationale) Gesetzgeber will, dass die Situation so schlecht ist, wie sie ist.“

    Wie erleben Sie das Nebeneinander von Autos und Velos generell?
    Die Arroganz der Autolenkenden, dass Menschen auf dem Velo weniger wichtig und dem Autoverkehr untergeordnet sind, ist noch schlimmer als das fehlende Verkehrswissen. Zwanzig Zentimeter Abstand beim Überholen werden als völlig in Ordnung angesehen, obwohl Abstand die einzige Knautschzone des Velos ist. Und die Haltung, dass Menschen auf dem Velo die Fahrfehler der Autolenkenden ja korrigieren können, zum Beispiel indem man das Velo auf das Trottoir schiebt, um in einer Engstelle Platz zu machen, auch wenn die Person auf dem Velo Vortritt hat.

    Das Bild zeigt eine Auseinandersetzung zwischen einem Automobilisten und einem Velofahrer. Der Autofahrer war durch sein Handy abgelenkt und sah den Velofahrer nicht.Achtung Gefahr: Der Automobilist war am Handy und übersah den Velofahrer. Jetzt wird diskutiert. Bild: zvg

    Wie sehen Sie das Problem, dass oft Töffs Velospuren befahren und belegen (vor allem vor den Lichtsignalen)?
    Es ist tatsächlich ein weiteres Problem, welches sich mit stärkerer physischer Trennung zwischen Auto-/Töff- und Veloverkehr lösen liesse. Es würde sich aber mit deutlich mehr Velofahrenden von alleine entschärfen, da es dann einfach zu wenig Platz für Töffs auf den Velostreifen hätte beziehungsweise diese vor lauter Veloverkehr nicht mehr schneller vorwärts kämen.

    Glauben Sie, dass Infokampagnen etwas bewirken oder braucht es mehr Polizeikontrollen?
    Ich bin ziemlich resigniert und mittlerweile der Meinung, dass der (nationale) Gesetzgeber will, dass die Situation so schlecht ist, wie sie ist. Sonst gäbe es gescheitere Gesetze, zum Beispiel mit einem Mindestüberholabstand und Überholverboten. Und so lange die Mehrheiten bleiben, wie sie sind, wird sich an dieser Ausgangslage nichts ändern. Die Stadt Zürich kann kantonale und nationale Probleme nur sehr begrenzt lösen.

    Die Stadt hat bis zum 11. September 2025 Zeit, um Sandro Gählers schriftliche Anfrage zu beantworten.


  • 4 Minuten

    Doppelt gemietet hält besser – Zürich zahlt für zwei Rathäuser

    Auf der Rathausbrücke posieren Touristen für Fotos. Im Hintergrund ragt das Rathaus vor der Altstadtkulisse empor.Die Stadt zahlt Miete fürs historische Rathaus, obwohl sie es gar nicht nutzen kann. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Juliet Haller

    Ab 2026 wird die Rathausbrücke saniert. Die Bauerei wird so laut, dass der Kanton Zürich der Stadt ab nächstem Jahr den Mietzins fürs historische Rathaus erlässt. Bis dahin zahlt die Stadt weiter doppelt – fürs Rathaus und das Provisorium im Kreis 4.

    Weil das historische Rathaus am Limmatquai grundsätzlich nutzbar wäre, muss die Stadt Zürich dem Kanton dafür aktuell die jährliche Miete von 240’000 Franken entrichten. Dazu kommt für die Nutzung des temporären Rathauses Hard im Kreis 4 ein jährlicher Nettomietzins von ebenfalls gut einer Viertelmillion Franken. Weiter muss die Stadt jedes Jahr einen Investitionsanteil von gegen 700’000 Franken an den Kanton überweisen. Dies ist einem Stadtratsbeschluss zu entnehmen, der am 2. Juli online aufgeschaltet wurde.

    Diese doppelten Mietausgaben sollen allerdings vorerst nur bis Anfang 2026 gelten. „Während der Instandsetzungszeit des Rathauses und der Rathausbrücke kann das Rathaus insbesondere aufgrund der Lärmemissionen nicht genutzt werden. In dieser Zeit stellt das Provisorium Hard ein Realersatz für das Rathaus dar, weshalb die Stadt dem Kanton ab diesem Zeitpunkt nur den Netto-Mietzins von 199’000 Franken für das Rathaus, nicht aber für das Provisorium Hard schuldet“, heisst es in bestem Amtsdeutsch.


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    Konkret ist geplant, dass die Rathausbrücke ab 2026 wegen des Hochwasserschutzes neu gebaut wird. Als Erstes starten die Arbeiten für die Absenkung der Flusssohle. Sprich: Die Limmat wird ausgebaggert. Dann folgen bis 2029 die Bauarbeiten für eine neue Brücke über die Limmat. Für die Bauzeit gibt es eine Hilfsbrücke zwischen Weinplatz und Limmatquai.

    Sanierungsbeginn frühestens 2030

    Auch wenn das noch niemand offiziell bestätigen will, können die geplanten Renovationsarbeiten des historischen Rathauses erst starten, wenn die neue Limmatbrücke fertig ist. Vorher fehlt der Platz für die Installationsbauten.

    Sprich, vor 2030 passiert gar nichts. Das ist darum gar nicht so einschneidend, weil die Planungsarbeiten immer noch blockiert sind. Grund: Es ist nach wie vor ein notwendig gewordenes Schutzgutachten hängig und es stehen Bedenken der kantonalen und eidgenössischen Denkmalpflegekommissionen im Raum.

    Dabei wächst die Kritik an den kantonalen Plänen immer mehr. Gegenüber Rathuus sagte SP-Kantonsrat Andrew Katumba vor einigen Wochen, das Megaprojekt zum Umbau des historischen Rathauses komme wegen der Denkmalschutzvorgaben und der Sicherheitsbedenken nie. Mit Sicherheitsbedenken meint er einen notwendigen Fluchttunnel zum Polizeiposten der Kantonspolizei Zürich nebenan. „Es hat zu viele juristische Angriffspunkte und die Kosten von bis zu 33 Millionen Franken sind viel zu hoch“, ist Katumba überzeugt.

    Was soll denn mit dem historischen Rathaus passieren? Laut Katumba wäre dieser Ort als kantonales Eventlokal ideal. Es würde die bestehenden Lokalitäten ideal ergänzen. „Das historische Rathaus soll ein Haus der Demokratie werden“, so der SP-Politiker, der per 14. Juli aus dem Kantonsrat zurücktritt.

    2010 gab es eine Mietpreis-Erhöhung um rund 600 Prozent

    Andere Politiker, vor allem aus dem bürgerlichen Lager, trauern der historischen Stätte aber nach und sehnen sich nach einer baldigen Rückkehr. Vor einem Jahr haben die FDP-Gemeinderatsmitglieder Martina Zürcher, Michael Schmid und Flurin Capaul den Stadtrat sogar gefragt, ob nicht der Kauf des Rathauses vom Kanton oder zumindest die Projektleitung des Rathausumbaus durch die Stadt anstatt durch den Kanton möglich wäre. Die Antwort lautete damals aber nein.

    Besonders erwähnenswert aus der Stadtratsantwort ist, dass die Stadt das Rathaus seit der ersten Eingemeindung von 1893 nutzt. Bis 2010 entrichtete sie im Rahmen eines Gebrauchsleihevertrags aber lediglich einen Beitrag an die Reinigungs-/Hauswartungskosten, an die Heizung und an das Warmwasser – 2010 waren das knapp 40’000 Franken. Seither muss die Stadt dem Kanton bedeutend mehr zahlen, da „die Unterhalts- und Betriebskosten des Kantons damit nicht gedeckt waren“. Konkret zahlt die Stadt heute gut 600 Prozent des ursprünglichen Betrags – brutto etwa 240’000 Franken jährlich.

    Doch zurück zum Zeithorizont. Auch wenn alles nach Plan laufen würde und die neue Brücke 2029 fertig wäre, ginge es immer noch bis 2033, bis die Umbauarbeiten am historischen Rathaus beendet wären. Somit könnten Gemeinde- und Kantonsrat frühestens in acht Jahren wieder am angestammten Ort am Limmatquai tagen.

    In der Zwischenzeit finden Gesamterneuerungswahlen sowohl in der Stadt Zürich (2026) als auch beim Kanton (2027) statt. Ob und welche Auswirkungen die Wahlergebnisse auf die Bauplanung haben werden, ist offen. Sicher ist, dass die Erinnerungen ans historische Rathaus bei den Parlamentarierinnen und Parlamentariern immer mehr verblassen werden.


  • 6 Minuten

    Die steile Erfolgskurve der Frauen-Nati macht Freude

    Eine freundlich dreinblickende Figur des Fussball-EM-Maskottchens, ein Bernhardiner-Welpe, steht am Zürcher Seeufer. Das Wetter ist wunderbar und im Hintergrund besteigen Touristinnen und Touristen ein Schiff. Auf dem Bild ist ausserdem mit Photoshop ein Porträtfoto von Lorenz Steinmann auf platziert.Maddli heisst das putzige Maskottchen der Fussball-EM. Es besticht durch seinen typischen Hundeblick, findet Rathuus-Gründer Lorenz Steinmann. Bild: Stadt Zürich, Bildmontage: Rathuus

    Die Fussball-Nati der Männer brauchte einige Jahrzehnte, um auf heutigem Niveau zu performen. Darum plädiere ich (59) dafür, an unser Frauen-Team zu glauben und mehr Freude, Geduld und Toleranz zu zeigen. Ein Kommentar.

    Als Fussballfan musste ich schon einige Durststrecken erdulden. Darum kann ich es nicht erwarten, dass heute endlich die Europameisterschaft (EM) mit Schweizer Beteiligung beginnt.

    Durststrecken? Das kam so. Zwischen 1966 und 1994 konnte sich die Schweiz mit ihrem Männerteam nie für eine Weltmeisterschaft (WM) qualifizieren. Ich feierte schon meinen 28. Geburtstag, als ich erstmals unserer Nati an einer WM zujubeln konnte. Bei der EM ging es dann nochmals zwei Jahre, bis es 1996 so weit war.

    Vorher gab es gefühlt meist ehrenvolle Niederlagen oder diskussionslose Pleiten wie das 0:3 am 12. Oktober 1983 in Ostberlin. Ich weiss das noch, weil ich vor Ort war im grau-tristen Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark gleich neben der berühmt-berüchtigten Berliner Mauer. Dazu ein bisschen Statistik: In total fünf Länderspielen konnte die Schweiz gegen die Deutsche Demokratische Republik nie gewinnen. Eine triste Zeit, nicht nur wegen des damaligen Sowjetregimes in Osteuropa.

    Die Fussball-EM 2025 – oder die Uefa Women’s Euro 2025, wie sie offiziell heisst – ist ein Grossanlass, an dem die Schweiz eigentlich nur gewinnen kann. Denn einerseits können wir zeigen, dass wir zur Festhütte taugen, und andererseits kann sich unsere Frauen-Auswahl vor nationalem und internationalem Publikum präsentieren.


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    Die Frauen-Nati muss sich nicht verstecken und darf auf erfolgreiche Endrundenqualifikationen zurückblicken. Da wären zum Beispiel die WM-Achtelfinals 2015 und 2023. Ausserdem war unser Nationalteam an der EM 2017 und an der EM 2022 dabei. Das ist eine beeindruckende Bilanz.

    Die Nati befindet sich momentan in einem Generationenwechsel. Junge Talente wie Sidney Schertenleib, Leila Wandeler und Iman Beney drängen nach vorne und könnten in den nächsten Wochen für positive Schlagzeilen sorgen.

    Erfreulich ist zudem, dass Stadt und Kanton ihre Hausaufgaben gemacht haben. Das Thema Fussball-EM ist auf sympathische, einnehmende Art im Zürcher Stadtbild präsent. Etwa mit den überdimensionierten roten Fussballtoren oder den grossen EM-Symbolen in Form eines Balls und einer Schiedsrichterpfeife. Auch süss ist das witzige Maskottchen Maddli. Das ist der Bernhardinerwelpe mit dem typischen Hundeblick. Maddli hebt sich wohltuend ab von den vielen eher verunglückten Maskottchen vergangener Grossanlässe. Kein Wunder, dass die Stofftier-Version in den meisten Filialen von Migros und Coop ausverkauft ist.

    Kritiker des Frauenfussballs haben ihre Sternstunde

    Was bei der Rad-WM von 2024 in Zürich völlig misslang, scheint bei der Fussball-EM zu gelingen. Nämlich das Sportthema so zu platzieren, dass es nachhaltige Wirkung hat. Sportminister Mario Fehr (parteilos) hat 100’000 Franken locker gemacht, um etwa das „Girl Soccer Talent Tournament 2025“ beim SC Wipkingen, das Turnier der „Flüelikurve“ des SC Veltheim, den Mädchen- und Frauenfussballtag des FC Stäfa oder das Trainingswochenende für Frauen mit den Fussball-Expertinnen Kathrin Lehmann und Martina Voss-Tecklenburg zu unterstützen. Es sind volksnahe Projekte, bei denen das Geld nicht in irgendeinem Büro einer Werbeagentur versickert.

    Es bleibt zu hoffen, dass der Staat die Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs in den nächsten Jahren nicht plötzlich wieder vergisst.

    In den letzten Wochen hatten natürlich auch die Kritiker des Frauenfussballs ihre Sternstunde. Immerhin ging es meistens um die sportliche Leistung und den Abstand zur Weltspitze. Das ist schon ein Fortschritt. Ausser in der „Weltwoche“ oder auf dem Onlineportal „Inside Paradeplatz“, wo den Frauen auch 2025 nicht einmal das Flankenschlagen zugetraut wird. Aber das ist genau die Art Journalist, die dann zuvorderst mitjubelt, wenn unsere Nati im Viertel- oder sogar im Halbfinal stehen wird. Und es sind die Sorte Männer, die weiche Knie bekommen, wenn ihnen die selbstbewussten Ana-Maria Crnogorcevic oder Meriame Terchoun gegenüberstehen.

    Halbfinal? Wenn nicht 2025, dann in einigen Jahren. Das haben die Männer im Übrigen noch nie geschafft. Aber ein Vergleich mit der Männer-Nati ist sowieso sinnlos. Im Tennis zum Beispiel stehen sich im Einzel zwei Damen oder zwei Herren gegenüber. Und niemand käme ernsthaft auf die Idee, die Aufschlaggeschwindigkeit von Martina Hingis und Roger Federer miteinander zu vergleichen.

    Eine überdimensionierte Trillerpfeife steht auf dem Löwenplatz. Zwei Frauen laufen vorbei, dahinter ist ein Tram der Linie 14 zu sehen.Die überdimensionierte Trillerpfeife auf dem Löwenplatz in der Stadt Zürich fällt definitiv auf. Bild: Stadt Zürich

    Eine neue (viel bessere) Fankultur entsteht

    Mit dem Erfolg kommt auch die Präsenz in den Medien. Ich war die letzten Jahre an einigen Länderspielen der Frauen-Nati im Letzigrund in Altstetten. Manchmal waren die Weltformatplakate rund ums Stadion die einzigen Hinweise auf die Anlässe. Keine Vorschauen in den Tageszeitungen, geschweige denn Matchberichte nachher, zumindest nicht bei Freundschaftsspielen. Dafür eine super Stimmung im Stadion, viele junge Menschen und viele Familien. Gewaltpotenzial gleich null, aber eine riesige Liebe der Fans zum Team und zum Fussball. Die Toleranzgrenze gegenüber der nicht immer perfekten Fussballkunst: ebenfalls hoch. Es hat sich eine Fangemeinschaft etabliert, die sich nicht am Mainstream in den Medien orientiert.

    Keine Frage also, dass die Medien bei der Berichterstattung Luft nach oben haben. Aber es wird langsam besser. Das Schweizer Fernsehen überträgt nun öfter Spiele der Axa Women’s Super League und der „Blick“ hat jüngst den Podcast „FORZA! Frauen. Fussball.“ gestartet. Ausserdem gibt es seit kurzem sogar ein gedrucktes Magazin über Frauenfussball aus der Schweiz.

    Die positiven Erinnerungen an die EM 08 überwiegen

    Doch zurück zur Fussball-Nati. Natürlich, hohe Niederlagen gab es in jüngster Zeit immer wieder. Etwa gegen die Topteams von Deutschland, England und Spanien. Mit entsprechenden ätzenden Kommentaren in den Medien. Dabei ist heute das Frauen-Fussballteam schon bedeutend weiter, als es das Männer-Pendant lange Zeit war. Im Oktober letzten Jahres gab es in Genf ein grandioses 2:1 gegen Frankreich. Dazu wie erwähnt zwei Achtelfinals an der WM und immerhin zwei Vorrundenteilnahmen an der EM. Ein beachtlicher Leistungsausweis!

    Und noch ein Vergleich: Als die Schweiz zusammen mit Österreich die Fussball-EM 2008 ausrichtete, schied unsere Männer-Nati in der Vorrunde mit zwei Niederlagen aus drei Spielen sang- und klanglos aus. Trotz illustren Spielernamen wie Diego Benaglio, Philippe Senderos, Hakan Yakin, Valon Behrami und dem schon im ersten Spiel verletzten Alex Frei. Trotzdem bleibt mir die EM 08 als tolles Fussballfest in Erinnerung.

    Das Momentum ist auf Seiten der Schweiz

    Doch nun genug der ollen Kamellen. Heute Abend gilt es für die Schweiz um 21 Uhr gegen Norwegen ernst. Nach dem magischen 4:1 im Testspiel gegen Tschechien letzte Woche in Winterthur ist der zweite Sieg in Folge für die Frauen-Nati in Reichweite.

    Das Momentum kippt auf unsere Seite und plötzlich ist alles möglich. Die Schweiz wird zum klassischen Turnierteam. Da bin ich voll überzeugt als typischer Modefan. In der Agenda dick angestrichen habe ich mir, dass ab dem 16. Juli die Viertelfinals stattfinden, auch in Zürich. Das Finale ist dann in Basel am 27. Juli. Bald rollt der Ball. Hopp Schwiiz!


  • 7 Minuten

    Zürcher Datenschützerin deckt Probleme auf

    Die Datenschutzbeauftragte Dominika Blonski steht im Medienzentrum des Kantons vor einem Aufsteller mit der Aufschrift "30 Jahre Datenschutzgesetz im Kanton Zürich"."Wenn wir kontrollieren, wird auch etwas bewirkt", sagt die Datenschutzbeauftragte Dominika Blonski. Bild: Pascal Turin

    Die Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich hatte im vergangenen Jahr viel zu tun. 2024 standen Kirchgemeinden und Spitex­-Organisationen im Fokus ihrer Kontrollen. Die Datenschützerin hat dabei zum Teil erhebliche Mängel festgestellt. Zudem wird die Cloud-Lösung Microsoft 365 immer mehr zum Zankapfel.

    Fangen wir mit dem Positiven an: „Wenn wir kontrollieren, wird auch etwas bewirkt“, sagt Dominika Blonski. So trage man dazu bei, dass der Datenschutz im Kanton Zürich insgesamt besser werde. Blonski ist die Datenschutzbeauftragte des Kantons Zürich. Kürzlich hat sie an einer Medienkonferenz ihren Tätigkeitsbericht 2024 vorgestellt.

    Wer den Bericht studiert, stellt schnell fest, dass viele öffentliche Organe punkto Datenschutz Luft nach oben haben. Die Datenschutzbeauftragte hat bei ihren Kontrollen – aber auch durch Meldungen von Datenschutzvorfällen – nämlich teilweise erhebliche Mängel festgestellt.

    Das ist ein Problem, denn der Schutz unserer Daten wird angesichts der international zunehmenden Cyberrisiken immer relevanter. Im Vorwort schreibt Blonski, dass gerade deshalb die Umsetzung der datenschutzrechtlichen Vorgaben und der Massnahmen zur Informationssicherheit von hoher Bedeutung sei. „Erfolgt dies nicht, geht das Vertrauen der Bevölkerung verloren – und dieses Vertrauen ist essenziell, damit die öffentlichen Organe ihre Aufgaben erfüllen können“, so die Datentschutzbeauftragte. Sie und ihr Team führten im vergangenen Jahr 74 Kon­trollen durch – deutlich mehr als noch 2023, als es 60 Kontrollen gewesen waren.


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    Wenn eine Institution kontrolliert wurde, wird ein Kontrollbericht verfasst. Was nicht gut läuft wird festgehalten und die Umsetzung wird dann in Nachkontrollen überprüft. Unter die Lupe genommen hat Zürichs Datenschützerin neben Spitex-Organisationen auch Schulen, Ämter, Direktionen sowie Kirchenorganisationen und Gemeinden.

    Flüchtigkeitsfehler als Hauptursache

    Im vergangenen Jahr erhielt die Datenschutzbeauftragte diverse Meldungen zu Datenschutzvorfällen. Laut dem Tätigkeitsbericht ereigneten sich die meisten Vorfälle in der kantonalen Verwaltung sowie in Spitälern. Hinzukommen aber immer mehr auch Gemeinden oder Städte. „Von total 82 Meldungen im Jahr 2024 waren rund zwei Drittel auf Fehler beim Versand von Daten zurückzuführen“, heisst es im Bericht. Hauptursache sind Flüchtigkeitsfehler oder falsche Stammdaten, also zum Beispiel Adressen, gewesen.

    Weitere Beispiele zeigen, dass Cyberangriffe uns alle im Geschäftsalltag treffen können:

    • Einmal wurden die Zugangsdaten eines Mitarbeiters einer Gemeinde missbraucht, um rund 800 Phishing-E-Mails, also betrügerische Nachrichten, von seinem Konto zu verschicken und E-Mails zu löschen.
    • Ein anderes Mal stahlen Angreifer die Zugangsdaten von 80 Personen einer Schule. Die Zugangsdaten wurden danach an 500 interne E-Mail-Adressen verschickt – zusammen mit antisemitischen Inhalten.

    Doch nicht alles kann auf Internetbetrugsversuche und Cyberkriminelle zurückgeführt werden. So soll ein Patient in einer Klinik mit seinem Smartphone eine Liste mit Patientendaten gefilmt und die Aufnahme anschliessend auf das Videoportal Tiktok gestellt haben. „Die Klinik reagierte sofort und veranlasste deren Löschung. Zudem wurden die Mitarbeitenden unter anderem dahingehend sensibilisiert, dass sämtliche Bild- und Tonaufnahmen auf dem gesamten Gelände der Klinik verboten sind“, heisst es im Tätigkeitsbericht.

    Viel Verbesserungspotenzial vorhanden

    2024 wurden in einer Stichprobe 17 der insgesamt 71 Spitex-Organisationen mit kommunalen Leistungsaufträgen kon­trolliert. Weil die Spitex-Mitarbeitenden meist unterwegs sind und mit mobilen Geräten arbeiten, braucht es besondere Sicherheitsmassnahmen – etwa regelmässige Software-Updates oder eine doppelte Anmeldung (Zwei-Faktor-Authentifizierung), damit Unbefugte keinen Zugriff auf sensible Daten haben. Doch genau diese Vorkehrungen wurden gemäss dem Tätigkeitsbericht der Datenschutzbeauftragten nur selten getroffen. 

    Was bei der Spitex ebenfalls Thema ist: Mehrere Mitarbeitende müssen auf die Informationen zu einzelnen Patientinnen und Patienten Zugriff haben. Darum ist es wichtig, dass die jeweiligen Mitarbeitenden nur auf die Daten zugreifen können, die sie für ihre Arbeit benötigen.

    Die Datenschutzbeauftragte führte ausserdem in sieben Kirchgemeinden der römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Kirche Kontrollen durch. Auch bei den Kirchen ist Verbesserungspotenzial vorhanden. Sie sind ebenfalls durch unsichere mobile Geräte, fehlende Sicherheitsvorgaben und veraltete Betriebssysteme negativ aufgefallen. Auch der Schutz geschäftlicher Daten im Homeoffice muss verbessert werden. Immerhin: „Es gibt ein sehr hohes Bewusstsein für das Thema Datenschutz“, sagt Dominika Blonski. Und Back-ups – also Datensicherungen – waren vorhanden.

    Damit sich die Situation in Zukunft verbessert, arbeitet die Datenschutzbeauftragte nun mit dem Synodalrat der katholischen Kirche des Kantons Zürich und der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich zusammen. Wie Blonski an der Medienkonferenz ausführte, habe man die Kirchen über die Schwachstellen informiert und mit ihnen angeschaut, wie man sie beheben kann.

    Generell gilt: Je grösser die Institution, desto besser hat sie das Thema Datenschutz im Griff. „Je mehr Know-how vorhanden ist, desto besser kann man sich juristisch oder technisch mit dem Thema beschäftigen“, erklärt Blonski.

    Datenverschlüsselung ist wichtig

    Eine auf Rathuus schon thematisierte und auch im Tätigkeitsbericht angesprochene Problematik sind Cloud-Dienste – insbesondere von US-amerikanischen Anbietern. Viele Verwaltungen in der Schweiz – darunter die Stadt und der Kanton Zürich – setzen beispielsweise auf Microsoft 365 oder planen die Einführung der Cloud-Lösung. Neben allen nützlichen Funktionen, die Microsoft 365 mit den Büroprogrammen Word, Outlook, Excel oder Teams bietet, gibt es aus Sicht des Datenschutzes Risiken.

    Einerseits liegen die Daten bei Cloud-Diensten nicht mehr auf dem eigenen Computer, andererseits untersteht Microsoft als US-Unternehmen dem CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) der USA – also der Gesetzgebung des US-Kongresses. Der CLOUD Act erlaubt es amerikanischen ­Behörden, auf Daten von US-Firmen zu­zugreifen – unabhängig davon, wo diese Daten auf der Welt gespeichert sind. „Diese Zugriffsmöglichkeit ist aus datenschutzrechtlicher Sicht rechtswidrig“, heisst es dazu im Tätigkeitsbericht.

    Sensible Daten, etwa solche, die unter einem besonderen Amtsgeheimnis oder dem Berufsgeheimnis stehen, müssen so verschlüsselt werden, dass die Cloud-Anbieter keine Möglichkeit haben, darauf zuzugreifen. Die Datenschutzbeauftragte hat für die Nutzung von Microsoft 365 einen Leitfaden erstellt.

    Der Softwarekonzern Microsoft selbst setzt sich laut eigener Aussage „intensiv für den Datenschutz unserer Kunden und die Wahrung ihrer Privatsphäre ein“. Ein Microsoft-Sprecher sagte im März gegenüber Rathuus: „Wir haben umfangreiche technische, vertragliche und organisatorische Massnahmen getroffen, um Daten zu schützen und sicherzustellen, dass wir bei der Beantwortung von Anfragen von Strafverfolgungsbehörden die geltenden Gesetze einhalten.“

    Microsoft 365 sorgt für Zoff in Luzern

    Auch in den Behörden sind nicht alle mit der Umstellung auf Microsoft 365 glücklich. „Der Luzerner Regierungsrat stellt den kantonalen IT-Sicherheits­chef frei – aufgrund von dessen Kritik an der Einführung der Microsoft-Cloud“, schrieb vor kurzem die „Republik“. Das Onlinemagazin verwies im Artikel auf mehrere nicht genannte Quellen.

    Die Geschichte geht aber noch weiter: Wie das Onlineportal Zentralplus gestern Montag berichtete, hat die Luzerner Regierung bekannt gegeben, dass sie Anzeige gegen Unbekannt erstattet – wegen Amtsgeheimnisverletzung. „Im veröffentlichten Artikel wurden drei Dokumente zitiert und in ihrer Gesamtheit öffentlich zugänglich gemacht, die dem Amtsgeheimnis unterliegen“, heisst es in der Mitteilung des Kantons Luzern. Es handle sich um den Regierungsratsbeschluss zur Einführung von Microsoft 365, eine Stellungnahme des vormaligen kantonalen Datenschutzbeauftragten an die Dienststelle Informatik sowie eine Stellungnahme des Kantonsgerichtes an den Regierungsrat. „Der Regierungsrat toleriert die unbefugte Herausgabe von amtlichen Dokumenten an Externe nicht“, schreibt der Kanton Luzern.

    Kanton Zürich muss Stellung nehmen

    Die Debatte zu Microsoft 365 beschränkt sich nicht auf den Kanton Luzern. Auch am Zürcher Regierungsrat zieht das Thema nicht vorbei. Er musste sich kürzlich hinsichtlich des Einsatzes der Cloud-Lösung in der kantonalen Verwaltung äussern. Hintergrund ist eine Anfrage der Kantonsrätinnen und Kantonsräte Selma L’Orange Seigo (Grüne), Tobias Langenegger (SP), Marc Bochsler (SVP), Tina Deplazes (Die Mitte), Martin Huber (FDP) und Markus Schaaf (EVP).

    „Vor der Inbetriebnahme von Microsoft 365 wurde eine umfassende Bewertung der Risiken in Bezug auf die Informationssicherheit und den Datenschutz durchgeführt“, schreibt der Regierungsrat. Bestandteil dieser Analyse sei unter anderem die Bewertung des Risikos eines behördlichen Zugriffs, der sich auf einen Rechtserlass stütze und ein Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen zur Herausgabe von Kundendaten zwinge.

    „Der Regierungsrat ist der Ansicht, dass sich der gewählte Ansatz zur Risikoanalyse bewährt hat und dass die Fragestellung, die dem gewählten Modell in Bezug auf die Bewertung des Risikos eines ‚Lawful Access‘ zugrunde liegt, nach wie vor treffend ist und die gegenwärtigen Risiken widerspiegelt“, heisst es in der Antwort auf Behördendeutsch. Mit „Lawful Access“ meint der Regierungsrat den Fall, dass US-Behörden auf Grundlage des CLOUD Acts Cloud-Anbieter wie Microsoft zur Herausgabe gespeicherter Kundendaten zwingen können.

    Die Frage bleibt, ob Verwaltungen zwingend auf Microsoft 365 angewiesen sind. Sie hätten durchaus die Möglichkeit, auf andere Software oder andere Dienstleister aus der Europäischen Union oder der Schweiz zu setzen oder zumindest einen Wechsel ins Auge zu fassen. Dominika Blonski riet an der Medienkonferenz auf Nachfrage zwar nicht direkt von der Nutzung von Microsoft 365 ab. Sie liess aber durchblicken, dass es Alternativen zu amerikanischen Produkten gibt.


  • 3 Minuten

    Die Gewaltenteilung kurz erklärt

    Eine Engelsfigur aus Stein auf dem Dach des Hauptbahnhofs. Der Engel stützt sich nachdenklich auf das Zürcher Wappen ab.Die Staatsgewalt wird im Kanton Zürich in drei verschiedene Bereiche aufgeteilt: die Legislative, die Exekutive und die Judikative. Bild: Pascal Turin

    Sie ist ein grundlegendes Prinzip der Demokratie: die Gewaltenteilung zwischen Legislative, Exekutive und Judikative. Sie verhindert die Machtkonzentration bei einzelnen Personen oder Institutionen. Wir erklären, wie das konkret im Kanton Zürich aussieht.

    Mit der sogenannten Gewaltenteilung wird die Macht auf verschiedene Personen und Institutionen aufgeteilt. Im Kanton Zürich gibt es drei Gewalten – das Parlament (Legislative), die Regierung (Exekutive) und die Gerichte (Judikative).

    Legislative

    Der Kantonsrat ist das Parlament des Kantons Zürich. Er umfasst 180 Mitglieder und tagt im Moment im temporären Rathaus Hard (Bullingerkirche im Kreis 4), da das historische Rathaus Zürich in der Altstadt instandgesetzt werden soll.

    Die Mitglieder des Kantonsrats werden im Proporzverfahren (Verhältniswahl) gewählt. Ausser den Bezirken Zürich (Stadt Zürich) und Winterthur entspricht jeder Bezirk einem Wahlkreis. Die Mitglieder des Kantonsrats sind jeweils für vier Jahre gewählt.

    Der Kantonsrat erlässt Gesetze und kontrolliert die Regierung. Ausserdem ist das Parlament unter anderem dafür zuständig, die Rechnung und das Budget des Kantons Zürich zu genehmigen.

    Hier klicken, um auf Rathuus mehr zum Kantonsrat zu erfahren.

    Exekutive

    Der Regierungsrat ist die Regierung des Kantons Zürich. Er besteht aus sieben Mitgliedern, die jeweils für vier Jahre gewählt werden.

    Die Mitglieder des Regierungsrats werden in einer Majorzwahl (Mehrheitswahl) gewählt. Will heissen: Die sieben Kandidierenden, die am meisten Stimmen erhalten haben, erhalten einen Sitz in der Regierung.

    Jedes Jahr wird eine Regierungsrätin oder ein Regierungsrat zur Regierungsratspräsidentin oder zum Regierungsratspräsidenten. Dabei handelt es sich um eine repräsentative Funktion. Die Regierungsratspräsidentin oder der Regierungsratspräsident hat nicht mehr Macht als die anderen Regierungsrätinnen und Regierungsräte.

    Die wichtigste Aufgabe des Regierungsrats ist das Regieren. Er schlägt Gesetze vor und setzt die vom Parlament beschlossenen Gesetze um. Der Regierungsrat leitet ausserdem die kantonale Verwaltung, bereitet Volksabstimmungen vor und vertritt den Kanton Zürich nach aussen.

    Der Regierungsrat setzt sich aktuell aus folgenden Mitgliedern zusammen:

    • Jacqueline Fehr (SP), Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern
    • Mario Fehr (parteilos), Vorsteher der Sicherheitsdirektion
    • Martin Neukom (Grüne), Vorsteher der Baudirektion
    • Natalie Rickli (SVP), Vorsteherin der Gesundheitsdirektion
    • Silvia Steiner (Die Mitte), Vorsteherin der Bildungsdirektion
    • Ernst Stocker (SVP), Vorsteher der Finanzdirektion
    • Carmen Walker Späh (FDP), Vorsteherin der Volkswirtschaftsdirektion

    Die kantonale Verwaltung besteht aus sieben Direktionen. Jeder Direktion steht eine Regierungsrätin oder ein Regierungsrat vor. Zu den Direktionen wiederum gehören Ämter und andere Organisationseinheiten. Zum Beispiel ist das Volksschulamt Teil der Bildungsdirektion und die Kantonspolizei Zürich Teil der Sicherheitsdirektion.

    Wer hier klickt, erfährt auf der kantonalen Website mehr zum Regierungsrat.

    Die Illustration im Comicstil zeigt drei Figuren, die die Gewaltenteilung symbolisieren: eine Frau mit Schriftrolle (Legislative), ein Mann mit Aktentasche (Exekutive) und eine Person in Richterrobe mit Waage und Gesetzbuch (Judikative). Im Hintergrund ist das Wappen des Kantons Zürich zu sehen.Gewaltenteilung im Kanton Zürich (v. l.): Die Illustration soll Parlament, Regierung und Justiz darstellen. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

    Judikative

    Die Judikative sind die Gerichte. Im Kanton Zürich haben alle Gemeinden mindestens eine Friedensrichterin oder einen Friedensrichter. Diese sind häufig die erste Instanz, bevor das Verfahren an ein Bezirksgericht weitergeht. Auf Bezirksebene sind die Bezirksgerichte für die Rechtsprechung zuständig. Das heisst, jeder der zwölf Bezirke im Kanton Zürich verfügt über ein eigenes Bezirksgericht.

    Folgende Gerichte gibt es auf der obersten kantonalen Ebene:

    • Obergericht (mit Handelsgericht) ==> Rechtsmittelinstanz in Zivil- und Strafsachen – etwa bei Streit zwischen Privatpersonen oder bei Straftaten
    • Verwaltungsgericht ==> Konflikte zwischen Privatpersonen und kantonalen oder kommunalen Behörden
    • Sozialversicherungsgericht ==> Streitigkeiten bei IV, ALV, Unfallversicherung

    Die Friedensrichterinnen und Friedensrichter sowie die Richterinnen und Richter auf Bezirksebene werden direkt von den Wahlberechtigten gewählt. Im Gegensatz dazu werden die Richterinnen und Richter der obersten kantonalen Gerichte vom Kantonsrat gewählt.


  • 1 Minute

    Zurück aus den Ferien: Was Zürich von Nizza lernen kann

    Comicartige Darstellung eines Flugzeugs, das im All den Globus umkreist.Ferienstimmung im Rathuus-Podcast: Während Lorenz Steinmann gedanklich noch über den Alpen kreist, versucht Pascal Turin den Landeanflug auf die Zürcher Politik. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

    Sommer, Sonne, Sonnenschein – was will man eigentlich mehr? Lorenz Steinmann erzählt von seinen Ferien und Pascal Turin lauscht gebannt. Ausserdem sprechen die zwei Rathuus-Gründer über den FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te und einen offenen Brief der Quartierkonferenz Zürich.

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin sind endlich wieder vor den Mikrofonen vereint. Die zehnte Folge beginnt mit einem Rückblick auf die Ferien von Lorenz in Südfrankreich. Der Rathuus-Podcaster erzählt, warum er sich in die Stadt Nizza verliebt hat und was Zürich vom beliebten Reiseziel an der Côte d’Azur lernen kann.

    Wir sprechen über den FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te aus Unterengstringen und fragen uns, ob er nicht ein valabler Regierungsratskandidat wäre. Er führt mit seinen Geschwistern das Thai-Restaurant Ah-Hua beim Helvetiaplatz in Zürich und leitet das Beleuchtungsunternehmen Lumina Swiss GmbH. Doch das ist längst nicht alles. Yiea Wey Te ist Gemeinderat, Oberstleutnant im Militär sowie passionierter Pilot und Gamer. Eine spannende Persönlichkeit also.

    Ausserdem im Rathuus-Podcast: Die Stadtzürcher Quartiervereine sorgen für Leben in den Quartieren, man denke da an die Räbeliechtliumzüge oder an die Neuzuzügeranlässe. Die Verwaltung zieht sie auch gern als Sprachrohr der Bevölkerung heran, obwohl nur ein Bruchteil der Zürcherinnen und Zürcher effektiv Mitglied der Vereine ist. Doch bei den Finanzen sind sich die Quartierkonferenz Zürich – die Dachorganisation der 25 Quartiervereine – und die Stadt in die Haare geraten.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 7 Minuten

    Offener Brief als letzte Chance

    Quartiervereine sorgen für Leben in den Quartieren, etwa mit der Unterstützung dieses Turnfestes in Affoltern im Jahr 2024. Doch bei den Finanzen sind sich die Quartierkonferenz und die Stadt in die Haare geraten. Bild: Lorenz Steinmann

    Gut eine halbe Million Franken sollen die Stadtzürcher Quartiervereine zukünftig vom Staat erhalten. Das ist viel mehr Geld als bisher – doch dafür will die Stadtverwaltung mehr Kontrolle ausüben. Zumindest ein Teil der insgesamt 25 Quartiervereine ist sehr unzufrieden und hat einen offenen Brief veröffentlicht.

    5712 Franken kostet eine Inserateseite im „Tagblatt der Stadt Zürich“. Und so viel hat die Quartierkonferenz Zürich, der Zusammenschluss der 25 Quartiervereine, für ein ganzseitiges Inserat in der Mittwochausgabe ausgegeben. Die Quartierkonferenz agiert eigentlich als Bindeglied zur Verwaltung und zum Stadtrat – und fällt ihnen nun in den Rücken.

    Das „Tagblatt“-Inserat ist als offener Brief deklariert. Darin wird nichts weniger gefordert, als die in langwieriger Arbeit zustande gekommene Weisung für die Unterstützung der Quartiervereine abzulehnen. Diese kommt am 2. Juli nach diversen Beratungen, auch in der zuständigen Gemeinderatskommission fürs Präsidialdepartement, vor den Gemeinderat.

    Die Quartierkonferenz wolle lieber mit den städtischen Vorgaben von 2011 weiterfahren, heisst es im Inserat. Damals bekamen die insgesamt 25 Quartiervereine von der Stadt total 325’000 Franken jährlich. Künftig geplant sind maximal 495’000 Franken, immerhin eine Erhöhung um 52 Prozent.

    Laut dem offenen Brief geht es den Quartiervereinen darum, ihre Autonomie zu behalten und vor allem auf die geplanten individuellen Subventionsverträge zu verzichten. Offensichtlich ist ihnen das mehr wert, als der spürbar höhere Betrag, den die 25 Quartiervereine Zürichs künftig pro Jahr bekommen sollen.

    Konkret will die Stadt künftig 170’000 Franken mehr pro Jahr an die Quartiervereine ausschütten. Dies auch, weil sie neu grundsätzlich externe Revisionen durchführen lassen müssen. Grund waren gröbere finanzielle Ungereimtheiten seit 2011 in den Quartiervereinen Witikon, Leimbach und Affoltern. Zudem bekommen die Quartiervereine finanzielle Anreize, damit sie auch tatsächlich genügend Aktivitäten in den Quartieren durchführen.


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    Das fordert die Stadt gemäss Weisung:

    • Durchführung von Veranstaltungen als Beitrag an eine hohe Lebensqualität, an den Zusammenhalt und die Integration der Bevölkerung und die Förderung der Vielfalt und Lebendigkeit der Stadt.
    • Durchführung einer jährlichen Vernetzungsveranstaltung mit den verschiedenen Quartier-Organisationen.
    • Durchführung von speziellen Anlässen zur Information von Neuzugezogenen.
    • Wahrnehmung einer Mittlerrolle zwischen lokalen Anliegen und der Stadtverwaltung sowie Vertretung der Interessen der Quartiere.

    Nach der Überarbeitung in der zuständigen Gemeinderatskommission wurden teils die Vorgaben bezüglich der Finanzrevision gelockert. Neu ist grundsätzlich wie früher eine sogenannte Laienrevision möglich. Wer so vorgeht, bekommt aber logischerweise die Pauschale von jährlich 5000 Franken für eine externe Revision nicht. Dass neu Kollektivunterschrift bei Verträgen und Zahlungsfreigaben gilt, wurde auch von der Gemeinderatskommission nicht kritisiert. Die bisherige Einzelunterschrift beim Geldabheben war der Hauptgrund, dass es zu Betrugsfällen in drei Quartiervereinen kam.

    Sobernheim tippt auf ein klares Ja

    Die Stadtratsforderungen tönen eigentlich recht fair und attraktiv. Das findet zumindest Gemeinderat Sven Sobernheim (GLP). Sobernheim ist seit wenigen Monaten Quartiervereinspräsident von Seebach. Er hat den langjährigen Präsidenten Albert Frölich abgelöst. „Ich unterstütze die Stossrichtung der Mehrheit des Gemeinderats, welche eine ausgewogene Vorlage gemacht hat“, sagt Sobernheim zu Rathuus. Er ist sogar überzeugt, dass „die Unterstützung im Gemeinderat, aus meiner Sicht, einstimmig gesprochen wird. Differenzen gibt es nur bei den Details“.

    Die oft diskutierte, von der Stadt initiierte Diskussion um die Neuausrichtung, also Ausgewogenheit der Quartiervereine gemäss Zusammensetzung der Bevölkerung, sieht Sobernheim kritisch: „Der Prozess war aufwändig und hat nicht viele Ergebnisse gebracht.“ Doch es sieht auch Positives: „Er war wichtig, denn er hat die Diskussion um die Quartiervereine auf politische Ebene wieder versachlicht.“ Ebenso sei die Akzeptanz der Arbeit der Quartiervereine in der Politik gestiegen. „Dies sieht man auch daran, wie viele Politikerinnen und Politiker von allen Seiten aktuell in den Quartiervereinen tätig sind oder ihnen verbunden sind“, so Sobernheim.

    Tatsächlich ist die Liste aktuell überaus lang: Martin Bürki, Präsident des Quartiervereins Wollishofen, ist für die FDP im Gemeinderat und war im Amtsjahr 2018/19 sogar Gemeinderatspräsident und damit höchster Stadtzürcher. Christian Traber ist neben seinem Amt als Quartiervereinspräsident von Leimbach auch Mitte-Gemeinderat. AL-Gemeinderätin Karen Hug amtet als Co-Präsidentin des Quartiervereins Hirslanden. Zudem präsidierte der Grünen-Gemeinderat Balz Bürgisser viele Jahre lang den Quartierverein Witikon. Dazu kommt noch SP-Kantonsrätin Monika Wicki, die Quartiervereinspräsidentin von Oerlikon ist.

    Einheit oder eher zerstrittener Haufen?

    Doch zurück zur im „Tagblatt“ geäusserten Fundamentalkritik. Treibende Kraft dahinter und Ansprechperson nach aussen ist Martin Bürki, der Präsident der Quartierkonferenz Zürich. Er hat schon zusammen mit Urs Rauber, dem Präsidenten des Quartiervereins Wiedikon und ehemaligen Vizepräsidenten der Quartierkonferenz, zum Betrugsfall im Quartierverein Witikon eine pfeffrige Stellungnahme verfasst. Diese Kollegenschelte liess Aussenstehende daran zweifeln, dass die Quartiervereine wirklich als Einheit auftreten.

    Damit wären wir bei der grossen Frage, ob die Quartiervereine nicht doch nur einen Teil der Quartierbevölkerung repräsentieren, wie der Stadtrat und die Verwaltung schon öfters monierten. Sven Sobernheim, Vertreter aus Seebach, sieht da tatsächlich Nachholbedarf. „Der Vorstand muss diverser werden, auch ein Co-Präsidium ist das Ziel. Weiter muss aber zusätzlich gesagt werden, dass leider auch unsere Mitgliederbasis die Diversität des Quartiers noch nicht widerspiegelt.“ Der Vorstand des Quartiervereins Seebach stellt sich vor, dass möglichst viele Seebacherinnen und Seebacher Mitglieder werden. Angesprochen seien insbesondere Menschen, die bereits länger im Quartier wohnen. Denn diese interessieren sich aus Sicht von Sobernheim eher für das Quartier und dessen Entwicklung.

    Ganz anders sieht das Martin Bürki. Der Präsident des Quartiervereins Wollishofen ortet beim Thema, ob und wie Quartiervereine die Bevölkerung repräsentieren, wenig Handlungsbedarf. Lieber erinnert er nochmals an die grosse Standortbestimmung vor einigen Jahren. Bürki ist nach wie vor überzeugt, dass die Quartiervereine damals gestärkt aus diesem Prozess hervorgingen. Doch er kritisiert noch heute eine Vorgehensweise der Stadt, die für Stirnrunzeln sorgte: „Da waren Vereine dabei, die nach zwei Jahren schon die Auflösung beschlossen hatten, oder Vereine, die von einer Familie geführt werden und seit Jahren keine Mitgliederversammlung hatten“, so der Präsident der Quartierkonferenz Zürich. Im Gegenzug dazu hätten die meisten Quartiervereine seit über 100 Jahren und über Generationen bewiesen, dass sie sich für ein lebenswertes Quartier einsetzen würden.

    „Völlig überbordende Subventionsvereinbarung“

    Bürki betont, dass man drei Anliegen hatte, als man mit der Stadt die Modalitäten für eine neue Weisung diskutierte: „Verzicht auf den Bussenkatalog für die Vernetzungsveranstaltung, keine externe Revision und Verzicht auf die neue Subventionsvereinbarung.“ Mit Bussen meint er den Passus, dass die Stadt Beiträge an einzelne Quartiervereine kürzen kann, wenn die Vereine weniger Veranstaltungen als vereinbart organisieren.

    Generell sei für die meisten Quartiervereine „die völlig überbordende Subventionsvereinbarung der grösste Dorn im Auge“. Tatsächlich will die Stadt neu mit jedem der 25 Quartiervereine Einzelverträge über die Subventionen abschliessen. „Das sorgt in zahlreichen Quartieren für erheblichen Unmut. Viele sehen darin eine bürokratische Überregulierung, die das ehrenamtliche Engagement massiv erschwert“, betont Bürki gegenüber Rathuus. Und: „Obwohl wir unsere Anliegen frühzeitig eingebracht haben, wurde keine unserer Forderungen ernst genommen.“

    Für Bürki ist klar, dass erst ein Zeitungsbericht, der die Durchführung der Schwamendinger Chilbi wegen der neuen Bargeldregelung infrage stellte, die Stadt zum Handeln bewegte. Sie lenkte beim Thema Bargeld ein. Also dürfen Quartiervereine auch künftig über eine gewisse Bargeldsumme verfügen. „Wir machen leider immer wieder die Erfahrung: Ohne Druck aus den Medien oder politischen Anträgen im Gemeinderat bewegt sich nichts. Das finde ich sehr schade“, so der 54-Jährige. Aber höchstwahrscheinlich werde sich das erst mit einer neuen Stadtpräsidentin oder einem neuen Stadtpräsidenten ändern.

    Noch bleibt knapp eine Woche, um Druck aufzubauen, damit der Gemeinderat dem Wunsch der Quartierkonferenz folgt. Bisher war das Echo in den Medien mässig. Dieser Artikel ist neben einem Beitrag von Tele Züri die grosse Ausnahme. Plus natürlich das Inserat im „Tagblatt“.

    Städtisches Internetprojekt „Mein Quartier“ als Flop

    Die Stadt Zürich stellt klammheimlich eine teure Website ab. Diese hätte die Quartiere vernetzen sollen – doch das interessiert offensichtlich niemanden. Dies berichtete vor einigen Tagen die „Neue Zürcher Zeitung“. Das Internetprojekt entstand aus einer Idee heraus, als vor einigen Jahren die Quartiervereine zusammen mit der Stadt an Workshops teilnahmen.

    Für FDP-Gemeinderat Martin Bürki warf das Projekt nie grosse Wellen. „Einige Quartiervereine haben mitgemacht. Alle Quartiervereine haben eine eigene Homepage und etablierte Kommunikationswege zu den Mitgliedern. Alle Veranstaltungen noch in einer zweiten Datenbank zu erfassen und diese zu pflegen, war den meisten Quartiervereinen zu viel“, so Wollishofens Quartiervereinspräsident.

    GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim, Seebachs Quartiervereinspräsident, sieht folgende Gründe fürs Scheitern: „Dass die Stadt selbst zu wenig ans Projekt geglaubt hat und gar nie an einer sauberen Evaluation interessiert war. Man wollte was tun, ohne ein Ziel oder eine Strategie und hatte gleichzeitig noch einen zu wenig langen Atem.“ (ls.)


  • 5 Minuten

    Das Langzeitgymnasium bleibt, die Ungleichheit auch

    Im Hintergrund sind nebeneinander aufgereihte Farbstifte zu sehen, die exakt gleich lang sind. Im Vordergrund ist ein Porträt-Foto von Pascal Turin platziert.Haben wir alle die gleichen Chancen und wie gerecht ist unser Bildungssystem? Es braucht nicht viel zu Fantasie, um zu glauben, dass es Kinder aus weniger bildungsaffinen Familien schwerer haben. Bild: Pascal Turin, Bildmontage: Rathuus

    Im Kantonsrat wurde über die Abschaffung des Langzeitgymnasiums im Kanton Zürich diskutiert. Der Vorstoss hatte keine Chance. Doch die Alternative Liste hat damit einen wunden Punkt getroffen. Ein Kommentar.

    Kürzlich berichteten die „Neue Zürcher Zeitung“ und der „Tages-Anzeiger“ beide über eine Debatte im Kantonsrat. Es ging ums Langzeitgymnasium. Die AL-Politikerinnen Judith Stofer, Lisa Letnansky und Nicole Wyss hatten nämlich eine Motion mit provokantem Inhalt eingereicht: Die Kantonsrätinnen forderten nichts Geringeres als die Abschaffung des Langzeitgymnasiums. Am vergangenen Montag wurde der Vorstoss im Parlament diskutiert.

    „Unterschiedliche Studien zeigen, dass die Selektion aus neurologischer Sicht zu früh und zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt erfolgt, nämlich dann, wenn die Kinder in die Pubertät kommen“, heisst es in der Motion unter anderem. Ausserdem würden verschiedene Forschungsarbeiten darauf hinweisen, „dass diese Selektion zu Diskriminierungen von sozioökonomisch benachteiligten und/oder fremdsprachigen Kindern führt“.

    „Die Abschaffung des Langzeitgymnasiums im Kanton Zürich ist ein erster Schritt zu einer Gesamtschule. Alle Kinder und Jugendlichen sollen dieselbe Schule besuchen“, so die Motionärinnen.

    Was für manche im Mitte-Rechts-Lager eine Provokation darstellt, ist für AL-Kantonsrätin Judith Stofer ein Weg zu einer chancengerechteren Volksschule.

    Chancengerechte Schule? Lasst uns über eine unbequeme Wahrheit sprechen.


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    Ist eine Welt ohne Langzeitgymnasium gerechter?

    Der sozioökonomische Hintergrund spielt eine Rolle, wie eine Bildungslaufbahn verläuft. An der Goldküste wollten dieses Jahr zum Beispiel so viele Kinder ins Gymi wie nirgendwo sonst im Kanton. Oder anders formuliert: Vor allem ganz viele Eltern im Bezirk Meilen wollten, dass ihre Kinder ins Gymi gehen. „Von 10 Schulkindern haben 4 die Gymiprüfung absolviert, mehr als die Hälfte hat bestanden, also 248 Meilemer Sechstklässler“, schrieb kürzlich der Tagi.

    Da lässt sich ein Zusammenhang zwischen Kontostand und Bildungsaussichten wohl nicht wegdiskutieren.

    Doch eine Welt ohne Langzeitgymnasium wäre nicht gerechter. Eltern, die nicht jeden Rappen zweimal umdrehen müssen, werden immer versuchen, ihrem Kind eine möglichst reibungslose und erfolgreiche Bildungskarriere zu ermöglichen. Unabhängig davon, ob der Übertritt ins Gymnasium nach der 6. Klasse oder erst später erfolgt.

    Darüber brauchen wir aber sowieso gar nicht gross diskutieren. Eine klare Mehrheit des Kantonsrats hatte kein Musikgehör für das Anliegen der AL. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier folgten damit der Position des Regierungsrats, der sich deutlich gegen die Motion ausgesprochen hatte.

    Dass die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler – um die sich viele der (bürgerlichen) Politikerinnen und Politiker in der Kantonsratsdebatte solche Sorgen gemacht haben – ins Gymi gehen, daran ist von meiner Warte aus betrachtet nichts auszusetzen.

    Trotzdem sollten wir die Tatsachen nicht aus den Augen verlieren. Der Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen hängt zu einem grossen Teil davon ab, in welchem Umfeld sie aufwachsen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – kurz OECD – zeigt zum Beispiel auf, dass die Schweiz eines der Länder ist, in denen der soziale Hintergrund den Schulerfolg besonders stark voraussagt. Das zeigen auch die Ergebnisse der PISA-Studie 2022 (Programme for International Student Assessment), insbesondere bei der Leseleistung.

    Der Weg durchs Bildungssystem kann generell steinig sein, aber er ist nicht für alle gleich steil. Ich schrieb vergangenes Jahr in einem Artikel für die mittlerweile eingestellte Quartierzeitung „Zürich West“: „Es gibt ein paar Dinge im Leben, die auf der Hand liegen.“ Dazu gehöre, dass es einfacher sei, ins Gymnasium zu kommen, wenn man dabei von den Eltern unterstützt werde. „Es braucht auch nicht viel Fantasie, um zu glauben, dass Kinder mit Migrationshintergrund eher in die Sek B eingeteilt werden als Kinder, deren Eltern beide aus der Schweiz stammen – selbst dann, wenn sie in der Schule gleich gut sind“, kommentierte ich damals.

    Die Schere öffnet sich während der Schulzeit

    Hintergrund des Artikels war eine interne Veranstaltung der Kreisschulbehörde Limmattal im Eventlokal Alte Kaserne Zürich, an der die Bildungsforscherin Carola Mantel über das Thema „Chancengerechtere Schulen – Was können wir tun?“ sprach.

    Eine Aussage hatte mich besonders zum Nachdenken gebracht: „Leistungsdifferenzen bei der Einschulung vergrössern sich im Verlauf der Primarschulzeit zuungunsten sozial benachteiligter Kinder“, sagte Mantel. Mit anderen Worten: „Die Schere geht im Laufe der Schulzeit weiter auf.“

    Zwar tun der Kanton und die Stadt Zürich bereits einiges, um die Bildungschancen gerechter zu verteilen.

    Doch gegen gesellschaftliche Realitäten kommt Bildungspolitik nur begrenzt an. Je mehr sich die Chancen formal angleichen, desto mehr Geld investieren privilegiertere Familien in die Bildung ihres Nachwuchses. Damit meine ich nicht nur jene, die am Zürichberg leben. Auch anderswo wünschen sich Eltern für ihre Emilia oder ihren Noah eine Karriere als Juristin oder Ökonom. Wer studiert hat, will sein Kind oft durchs Gymi bringen, selbst wenn es in einer Lehre besser aufgehoben wäre. Ganz egal, ob man in Fluntern, Höri oder Wiesendangen wohnt.

    Klar, man kann Gymi-Vorbereitungskurse und Privat-Lehrpersonen verbieten. Aber man muss der Realität ins Auge sehen: Es werden selbst dann nie alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen haben.

    Bevor jemand reklamiert – mir ist bewusst, dass eine Berufslehre ebenso zum Studium führen kann wie das Gymnasium. Doch selbst dann gilt: Wer von seinen Eltern unterstützt wird, kommt schneller ans Ziel und muss weniger Hürden überwinden. Das war auch mein Werdegang mit KV-Lehre, Berufsmittelschule und späterem Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

    Der „Tages-Anzeiger“ veröffentlichte vergangenes Jahr übrigens eine beeindruckende Datenanalyse. Der Titel „Die Schule diskriminiert Kinder aus bildungs­fernen Haushalten“ sagt eigentlich schon fast alles.

    Fazit: Auch wenn der Vorstoss der AL chancenlos war, trifft die Partei damit einen wunden Punkt. Wer in der Schweiz erfolgreich lernen will, braucht mehr als Talent – er braucht das passende Elternhaus.


  • 4 Minuten

    Der Architekt hinter den Werbe­einschränkungen im öffentlichen Raum

    Auf dem Bild ist Michael Schmid von der AL zu sehen.Michael Schmid (AL): "Mein grösster politischer Erfolg? Dass das Parlament kürzlich Einschränkungen zur Werbung im öffentlichen Raum gutgeheissen hat." Bild: Diana Studerus

    Für die Werbewirtschaft ist er ein rotes Tuch, zumindest für die Bewohnerinnen und Bewohner der Zürcher Innenstadt aber auch eine wichtige politische Stimme – Michael Schmid von der AL. Hier beantwortet er den Rathuus-Fragebogen: Der Gemeinderat sagt, warum er in Zusammenhang mit E-Scootern lachen kann und was er an Grosshaushalten gut findet.

    Michael Schmid, wie wurden Sie politisiert?
    Am frühesten vermutlich durch den Unterricht und Diskussionen mit Kolleg:innen am Gymnasium (Schwerpunkt Wirtschaft und Recht). Während des Studiums dann ganz konkret: Velo fahren in Zürich, ständig von Autos abgedrängt werden – das schärft den Blick.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Kartograf. Mich haben Karten fasziniert – vor allem das, was drauf fehlt.

    „Auch wenn ich mit meiner Meinung manchmal in der Minderheit oder sogar alleine bin in AL-Gremien, fühle ich mich stets ernst genommen und wertgeschätzt in der AL.“

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Allgemein die multiplen sozialen und ökologischen Krisen der Moderne. Spezifisch die Wohnkrise sowie die Qualität und Quantität von öffentlichen Räumen.

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu, oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Auch wenn ich mit meiner Meinung manchmal in der Minderheit oder sogar alleine bin in AL-Gremien, fühle ich mich stets ernst genommen und wertgeschätzt. Das reicht mir als Parteibindung.


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    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Ich kann mir nicht recht vorstellen, wie jemand 20 Jahre politisieren könnte, ohne für eine unübersichtliche Anzahl an Initiativen, Referenden und Petitionen auf der Strasse gestanden zu sein.

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Moral haben wir alle – nur nicht dieselbe. Ich halte sie für wenig hilfreich beim Aushandeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und mit dem Begriff „Staatsmann“ kann ich ähnlich wenig anfangen.

    „Das ‚Surprise‘ ist oft lohnenswerter als so manche Sonntagszeitung.“

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Der Konjunktiv liegt mir nicht so – mit Leuten, deren Ideen mich interessieren, komme ich bald ins Gespräch. Zum Beispiel mit Hans Widmer (einem Schweizer Autoren und Philologen, der vor allem durch seine unter dem Pseudonym P. M. publizierte anarchistische und antikapitalistische soziale Utopie bolo’bolo bekannt wurde, Anm. d. Red.).

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Die Hausküche in meinem Grosshaushalt. Authentisch, saisonal, solidarisch finanziert – und mit Abwaschrotation.

    Kauf Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Selten. Meist liegt es eh schon auf dem Küchentisch, weil eine Mitbewohnerin es gekauft hat – und dann blättere ich gern drin. Oft lohnenswerter als so manche Sonntagszeitung.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Viele Dinge – und das ist gut so. Ich vertraue darauf, dass spannende Erfahrungen auf mich zukommen, ohne dass ich sie planen muss.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Ich nutze die Gelegenheit, auf eine eher unbekannte Person aufmerksam zu machen: Mentona Moser. Ihre Perspektive auf die politischen Verhältnisse im frühen 20. Jahrhundert, wie sie sie in ihrer Autobiografie beschreibt, hat mich beeindruckt.

    „Das historische Rathaus hat Atmosphäre, das neue hat Veloständer. Ich schwanke – aber funktionierende Mikrofone sind auch nicht schlecht.“

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Sehr gut – wenn es genau das ist, was alle Beteiligten wollen.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Dass das Parlament kürzlich Einschränkungen zur Werbung im öffentlichen Raum gutgeheissen hat –  wenn auch in einer entschärften Version. Trotzdem ein Schritt.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Es fällt mir gerade keiner ein. Aber ich bin gespannt, welche E-Mails in meinem Postfach landen, nachdem dieser Fragebogen erschienen ist.

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Das Historische hat Atmosphäre, das Neue hat Veloständer. Ich schwanke – aber funktionierende Mikrofone sind auch nicht schlecht.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Fast Food mag ich genauso wenig wie die Illusion binärer Optionen. Und bitte keine Pommes dazu.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Dota Kehr. Und wenns mehrstimmig sein darf: Steiner & Madlaina.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Eine Aufnahme aus dem Sihlwald: übereinanderliegende, vermooste Baumstämme, eine grosse Pfütze, viel wildes Gewucher.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf das Ende dieses Fragebogens.

    Und worüber können Sie lachen?
    Über mich selbst – zum Beispiel, wenn ich mich über E-Scooter aufrege und dabei fast gegen einen Poller laufe.

    Seit rund drei Jahren sitzt Michael Schmid für die AL im Zürcher Stadtparlament. Schmid, der gleich heisst wie FDP-Gemeinderat Michael Schmid, hat schon erfolgreiche Vorstösse lanciert zu den Themen Werbung im öffentlichen Raum, Gestaltung von Quartierzentren, Reduktion von Bauvorschriften zu Autoabstellplätzen und zum Datenschutz. Der 39-jährige Software-Entwickler merkte laut SRF als Gemeinderat schnell, „wie einfach es ist, im Parlament Aufmerksamkeit zu bekommen.“

    Früher als Aktivist habe sich niemand für seine Anliegen interessiert. „Jetzt habe ich diese Aufmerksamkeit und nutze sie gerne, um Anliegen aus der Bevölkerung einzubringen und ihnen Gehör zu verschaffen“, so Schmid zu Rathuus. Als Parlamentarier tritt er im Jahr 2026 wieder im Wahlkreis 1+2 an. Kürzlich kandidierte Schmid AL-intern für die Stadtratswahlen 2026, er unterlag aber Tanja Maag.


  • 7 Minuten

    Der (fast) typische Schweizer

    Yiea Wey Te sitzt im Restaurant Ah-Hua an einem Tisch.Noch vor dem Mittagsansturm posiert Yiea Wey Te (42) für Fotos. Seit seine Eltern im Ruhestand sind, führt der FDP-Politiker das Thai-Restaurant Ah-Hua gemeinsam mit seinen Brüdern. Bild: Pascal Turin

    Oberstleutnant, Politiker und Unternehmer: Yiea Wey Te aus Unterengstringen sitzt für die FDP im Kantonsrat und führt mit seinen Geschwistern das Thai-Restaurant Ah-Hua in Zürich. Gegründet hatten es seine Eltern. Sie waren in den 1970er-Jahren vor der Terrorherrschaft der Roten Khmer aus Kambodscha geflohen.

    Es herrscht die Ruhe vor dem Sturm. Gleich beim Eingang setzen sich die ersten Gäste an einen Tisch. Es ist 11.30 Uhr. Eine halbe Stunde später wird im beliebten Thai-Restaurant Ah-Hua an der Ankerstrasse im Kreis 4 fast jeder Platz besetzt sein. Im vergangenen Jahr hatte es der Gastrobetrieb beim Onlineportal Tsüri auf die Liste der sieben besten Thai-Restaurants in Zürich geschafft.

    Das „Ah-Hua“ ist ein Familienunternehmen. 1998 eröffnete die Familie Te ihr erstes Restaurant an der Brauerstrasse. 2006 kam die Filiale direkt beim Helvetiaplatz hinzu. Der Standort an der Brauerstrasse ist allerdings aktuell geschlossen – weil es dem Team an Köchinnen und Köchen fehlt, wie Yiea Wey Te erklärt. Seit 2010 leitet er das von seinen Eltern gegründete Restaurant zusammen mit seinen zwei Brüdern. „Bellevue“, das Lifestyle-Portal der NZZ, adelte das „Ah-Hua“ 2022: „Vielleicht ist es also genau das unverschämt Unprätentiöse, was mich immer mal wieder ins thailändische Restaurant Ah-Hua am Zürcher Helvetiaplatz lockt – ganz abgesehen vom guten Essen natürlich.“


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    Genauso unprätentiös wie sein Restaurant ist Yiea Wey Te. Der Politiker führt nach einer kurzen Fotosession direkt zu einem kleinen Tischchen am Fenster. Immer wieder winkt der Gastronom, der seit 2021 im Kantonsrat sitzt, Menschen zu, die gerade das „Ah-Hua“ betreten haben. „Das ist ein Stammgast“, erklärt Te, „viele Leute kommen regelmässig hierher“.

    Wegen der vielen Gäste wird es immer lauter im Raum und draussen fährt auch noch eine Kehrmaschine von Entsorgung und Recycling Zürich vorbei. „Soll ich die Schiebetür zumachen?“, fragt der Parlamentarier fast entschuldigend. Sofort merkt man, wie extrem wichtig ihm ist, dass man sich wohl fühlt. Ein Gastgeber wie aus dem Bilderbuch eben.

    Yiea Wey Te musste früh im Familienbetrieb anpacken

    Er ist Gemeinderat, Oberstleutnant im Militär und lebt mit seiner Familie in einem Einfamilienhaus in Unterengstringen. Eigentlich ist Yiea Wey Te ein typischer Schweizer – fast typischer als die allermeisten. Doch es gibt Unterschiede: „Geboren in Sursee und aufgewachsen im luzernischen Emmenbrücke, wurde er im Alter von neun Jahren zusammen mit seinen Eltern und zwei jüngeren Brüdern eingebürgert. Zuvor war er auf dem Papier staatenloser Flüchtling“, schrieb die „Limmattaler Zeitung“ vor ein paar Jahren über den heute 42-Jährigen.

    Im Unterengstringer Gemeinderat amtet der studierte Japanologe als Finanz- und Liegenschaftenvorstand. „Diese Rolle liegt mir sehr, weil mir wichtig ist, dass die öffentlichen Gelder sinnvoll eingesetzt werden“, sagt der Freisinnige. Aus seiner Sicht brauche ein erfolgreicher Kanton eine gut funktionierende und effiziente Verwaltung. Te ist Mitglied der Geschäftsprüfungskommission des Kantonsrats. Neben dem Restaurant Ah-Hua führt er ausserdem mit seinem besten Freund das auf LED spezialisierte Beleuchtungsunternehmen Lumina Swiss GmbH mit Sitz in Dietikon.

    Yiea Wey Te hat schon früh gelernt, anzupacken. Das prägt ihn bis heute. „Meine Geschwister und ich haben an den Wochenenden eigentlich immer mitgeholfen.“ Genau deshalb ist die Eigenverantwortung für ihn ein wichtiger Wert. „Darum bin ich Mitglied der FDP“, sagt Te. Dem Kanton gehe es als Wirtschaftsmotor des Landes sehr gut. Damit das so bleibe, brauche es eine liberale Wirtschaftspolitik. Als Unternehmer wisse er aus erster Hand, wie die vielen Vorschriften und Regeln das Wirtschaften unnötig verkomplizieren würden.

    Doch die FDP habe es schwer, ihre Standpunkte den Wählerinnen und Wählern zu erklären. „Ich glaube, dass viele Leute heutzutage wenig Zeit haben, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Die einfachen Botschaften der SP oder der SVP kommen gut an.“ An diesem Punkt sollte die FDP aus seiner Sicht ansetzen. „Wir sind lösungsorientiert, müssen jedoch einen Weg finden, komplizierte Sachverhalte den Bürgerinnen und Bürger einfach zu erklären um Emotionen zu wecken.“

    Yiea Wey Te steht vor dem Restaurant Ah-Hua. Die Schiebetüren sind offen, man sieht direkt ins Restaurant.„Die illegale Migration muss eingeschränkt werden. Sie nimmt den echten Schutzbedürftigen die Plätze und die Ressourcen weg“, sagt FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te. Bild: Pascal Turin

    Wie sich die Asylpolitik aus seiner Sicht ändern muss

    Sein Engagement im Militär und der Politik sieht er als eine Möglichkeit, Dankbarkeit zu zeigen. „In den 1970er-Jahren wurde meine Familie Opfer der Roten Khmer in Kambodscha“, erzählt Te. Sie hätten wegen des kommunistischen Terrorregimes unter der Führung des Diktators Pol Pot alles verloren und seien zu Zwangsarbeit auf den Feldern gezwungen worden. Dem Vater gelang die Flucht in ein Flüchtlingslager in Thailand, von wo er Asyl in der Schweiz beantragte.

    Hier lernte sein Vater seine Mutter kennen. Diese war ebenfalls vor der Herrschaft der Roten Khmer geflohen. Dem Völkermord in Kambodscha seien viele seiner Familienmitglieder zum Opfer gefallen, darunter seine Grossväter. „Das meiste hat mir meine Grossmutter erzählt, meine Eltern haben nie viel über ihre Vergangenheit geredet“, sagt Yiea Wey Te.

    Te ist keiner, der Mitleid will. Darum hatte er auch mit sich gerungen, als er für die FDP-Zeitung „Zürcher Freisinn“ über seine Familiengeschichte schreiben sollte. „Es ist nicht meine Geschichte, sondern die meiner Eltern“, sagt der Kantonsrat. Am Ende entschied er sich trotzdem dazu, weil er damit einen anderen Blick auf die Schweizer Asylpolitik eröffnen wollte. „Die Medien konzentrieren sich häufig auf die negativen Seiten der Migration.“ Dabei gebe es viele Erfolgsgeschichten, von denen man nur selten rede. Gerade darum ist Te überzeugt, dass sich die Schweiz auf die humanitäre Hilfe konzentrieren soll. Aus seiner Sicht braucht es eine Asylpolitik, die Flüchtlingen aus Kriegs- und Krisengebieten hilft. „Die illegale Migration muss eingeschränkt werden. Sie nimmt den echten Schutzbedürftigen die Plätze und die Ressourcen weg“, so der Unterengstringer.

    Die Asylpolitik begleitet ihn auch im politischen Alltag: Im Kantonsrat hat er gemeinsam mit Linda Camenisch (FDP) und Stefan Schmid (SVP) eine parlamentarische Initiative eingereicht. Diese verlangt, dass für Gemeinden eine verbindliche Aufnahmequote von Asylsuchenden pro Einwohner gelten soll, welche die Obergrenze von einem Prozent der Wohnbevölkerung nicht überschreitet. Im Kanton Zürich liegt die Asylquote aktuell bei 1,6 Prozent. Ausserdem sollen nur Asylsuchende nach einem abgeschlossenen Verfahren und die keinen Nichteintretensentscheid – kurz NEE – erhalten haben, den Gemeinden zugeteilt werden. Ein NEE bedeutet, dass das Asylgesuch nicht inhaltlich geprüft wird, weil zum Beispiel ein anderer Staat dafür zuständig ist.

    Der Kantonsrat hat die parlamentarische Initiative vorläufig unterstützt. Nun muss sich die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit darüber beugen.

    „Was die Schweiz voranbringt, ist der Respekt vor Andersdenkenden.“

    Die Kalender-App als wichtiges Hilfsmittel

    Te hat drei Kinder. Die älteste Tochter ist bereits 21 Jahre alt. „Ihr stehen alle Türen offen – das ist das tolle an der Schweiz“, schwärmt der Politiker, der neben Englisch und Französisch auch Kantonesisch, also eine Variante des Chinesischen, sowie Kambodschanisch und Japanisch spricht. „Japan ist einfach ein faszinierendes Land, darum habe ich ein Jahr an der Universität Tokio studiert“, erzählt Te.

    In seiner Freizeit sitzt er gern im Cockpit von einmotorigen Propellerflugzeugen. Ausserdem geht Te klettern und liebt es, mit seiner Familie Zeit zu verbringen. Seine Harley-Davidson hat er den Kindern und der Frau zuliebe eingemottet. „Irgendwann hatte ich einfach zu viele gefährliche Hobbys“, sagt der FDP-Kantonsrat lächelnd.

    Wenn er Zeit findet, spielt Yiea Wey Te Videospiele, zuletzt das Mittelalter-Rollenspiel Kingdom Come: Deliverance von Warhorse Studios. Kürzlich ist der zweite Teil erschienen. „Da kann ich ganz in einer anderen Welt versinken.“ Das Game versetzt die Spielerinnen und Spieler ins Königreich Böhmen im frühen 15. Jahrhundert. „Cool wäre ein ähnliches Spiel, welches aber in der Schweiz spielt, zum Beispiel im mittelalterlichen Zürich.“

    Gute Planung heisst sein Rezept, um all seine Hobbys unter einen Hut zu bringen. „Mein Kalender ist vollgestopft, aber ich finde immer wieder Lücken für den Champions-League-Final oder die Spiele der Schweizer Eishockeynati“, sagt Te und zeigt die Kalender-App auf dem iPhone. Neben den Kantonsratssitzungen sind dort seine vielen Geschäftstermine eingetragen. Ob er sich als Macher sieht? Te überlegt kurz und sagt dann verschmitzt: „Meine Brüder würden mich wahrscheinlich schon als Macher bezeichnen.“

    Es ist jetzt 12.30 Uhr und der Laden brummt. Yiea Wey Te, der sich selbst als waschechter Gewerbler bezeichnen würde, wirkt zufrieden. „Was die Schweiz voranbringt, ist der Respekt vor Andersdenkenden“, sagt der Politiker zum Abschluss des Gesprächs. In Zukunft, befürchtet er, werde die Polarisierung aber weiter zunehmen. „Das ist gefährlich, weil gegenseitige Diskreditierungen das sind, was bei den Wählenden hängen bleibt.“


  • 7 Minuten

    Von Praktikanten, Parkuhren und Präservativen

    Eine Parkuhr in Frankreich, wo man für ein Ticket das Autokennzeichen eingeben muss.Bald drohen Verhältnisse wie hier an der französischen Mittelmeerküste: komplizierte Parkuhren, bei denen man die Autonummer eingeben muss. Bild: Lorenz Steinmann

    Es ist ein 458 Seiten starker Wälzer: der Geschäftsbericht des Stadtrats von Zürich. Am 25. Juni wird er im Gemeinderat behandelt. Für alle Interessierten liefern wir schon jetzt eine Zusammenfassung. Heikle Themen wie die defizitären Rad-Weltmeisterschaften werden darin nur sehr kurz und bruchstückhaft erwähnt. Eine Analyse.

    „Die Berichterstattung über das Geschäftsjahr soll auch kritische Punkte beleuchten“, verspricht Stadtrat und Finanzchef Daniel Leupi (Grüne) im Vorwort zu seinem Kapitel. Doch wer die neun Kapitel der Stadträte zu ihren Departementen im Jahr 2024 anschaut, merkt schnell, dass Schönwetter überwiegt. Ob man sich das von der Privatwirtschaft abgeschaut hat?

    Rathuus hat den Geschäftsbericht des Zürcher Stadtrats durchgeackert und präsentiert hier einen durchaus subjektiven Querschnitt.

    Mehr Personal, im Verhältnis dazu aber weniger Lernende

    Total arbeiteten 2024 33’658 Personen bei der Stadtverwaltung. 2023 waren es noch 32’135, 2020 gar nur 29’778 Personen. Das bedeutet also einen Zuwachs von 13 Prozent in den letzten vier Jahren. Die Bevölkerungszahl in der Stadt Zürich entwickelte sich parallel dazu zwischen 2020 und 2024 unterproportional zum Anstieg der Angestellten. Ende 2020 lebten rund 434’000 Menschen in Zürich, Ende 2024 dann 448’664. Das macht einen Anstieg von nur 3,4 Prozent.

    Bemerkenswert ist, dass der Anstieg der Anzahl der Lernenden im Verhältnis zur totalen Angestelltenanzahl viel tiefer war. 2020 waren es 1339 junge Leute, 2023 dann 1381 und 2024 etwas mehr, nämlich 1399. Das macht lediglich einen Zuwachs von 4,5 Prozent. Erwähnenswert ist, dass 2024 fast 1000 Hochschulpraktikantinnen und -praktikanten beschäftigt waren bei der Stadt – also nicht bedeutend viel weniger, als es Lernende hatte. „Dass sich gerade junge Berufsleute für einen Job bei der Stadt begeistern können, zeigt diese hohe Zahl“, freut sich Daniel Leupi dazu in seinem Vorwort. Mit den jungen Berufsleuten meinte er die Praktikantinnen und Praktikanten.


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    Die missratene Rad-WM mit unterschiedlichen Zahlen

    Zu einem der am meisten diskutierten Themen rund um die Stadtverwaltung im Jahr 2024 – die Rad-Weltmeisterschaften. Dass die Zahl der Radsportfans in den verschiedenen Erwähnungen vom Präsidialdepartement übers Tiefbau- und Entsorgungs- bis zum Schul- und Sportdepartement zwischen 1 und 1,2 Millionen variierte, passt zum Millionen-Loch im Vereinsbudget, das primär von staatlichen Geldern finanziert wurde. Das Organisationskomitee meldete gar Insolvenz an, ging also pleite. Doch das findet man nirgends im Bericht. Gut, das passierte auch erst Anfang 2025.

    Wenn man die Aussagen der Stadt im Vorfeld des Events zum Massstab nimmt, war die Erwähnung hinterher bemerkenswert mickrig. Dem mitorganisierenden Sportamt etwa war der Mega-Anlass gerade zwei Sätze wert. Auch das Präsidialdepartement erwähnte das Spektakel, das zumindest lokal enorm viele Kontroversen entfachte, kaum. Immerhin räumte Stadträtin und Sicherheitschefin Karin Rykart (Grüne) ein, dass „mit interdisziplinären Teams bis zum allerletzten Moment am Verkehrskonzept gefeilt wurde“.

    Das totgeschwiegene nationale Veloforum

    Das erste nationale Veloforum im Kongresshaus Zürich fand im Rahmen der Rad-WM statt. Es wurde von öffentlichen Geldern von Stadt und Kanton Zürich mitfinanziert. Trotz 300 Teilnehmenden, darunter auch Radstar und Olympiasieger Fabian Cancellara, wurde im Geschäftsbericht der Stadt gar nicht darüber berichtet. Dabei ging es am Anlass um innovative Lösungen für die Zukunft von Velothemen in der Schweiz, aber auch in Zürich. Das Ziel: Eine Verdoppelung der Velokilometer.

    Vielleicht waren die Stadtoberen einfach sauer, dass Cancellara die grossen Gefahren erörterte, die auf Zürichs Strassen auf Velofahrende lauern. Oder man wollte nicht mehr darüber reden, dass die Stadt bei ihrer Bewerbung als Austragungsort für die internationale Fachtagung Velo-City 2024 dem belgischen Gent schon vor Jahren überraschend unterlag.

    Bei der WM-Bewerbung vor sechs Jahren war jene Velo-City-Konferenz noch ein wichtiges Argument gegenüber dem internationalen Radsportverband. Im Sinne von, dass das Velofahren dank der Rad-WM auch in der Breite etwas auslösen könne.

    So bleibt das Fazit, dass die Rad-WM für die Förderung des Velofahrens in Zürich kaum was bewirkt hat. Im Gegenteil: Der Anlass hat bei vielen Zürcherinnen und Zürchern das Image von Velorennen nachhaltig beschädigt.

    Viele unerledigte politische Vorstösse

    Im üblichen Rahmen stapelte sich Ende 2024 der Pendenzenberg bei den politischen Vorstössen. 70 Motionen und 598 Postulate waren unbeantwortet. 2023 waren es noch 71, respektive 612. Das ist darum bemerkenswert, weil 2024 lediglich 12 Motionen respektive 143 Postulate eingereicht worden sind.

    Anzahl Stadtratsbeschlüsse schoss in die Höhe

    2023 und 2024 verdreifachten sich die Stadtratsbeschlüsse gegenüber früheren Jahren fast. War der Stadtrat besonders fleissig? Oder nimmt die Bürokratie immer mehr überhand? Hier ein paar Zahlen: 2020 waren es 1242 Stadtratsbeschlüsse, 2024 dann 4104 Stadtratsbeschlüsse. Eine markante Steigerung auf dem Papier. Ein PR-Vertreter der Stadt würde nun anfügen, dass es nur folgerichtig sei, dass die Stadt überdurchschnittlich mehr Personal brauche. Doch Antwort ist simpel. Neuerdings tauchen auch Einbürgerungsbeschlüsse in der Statistik auf.

    Atomstrom und Event-Management

    Irgendwo weit hinten im Bericht werden die 15 Prozent Beteiligungen am Atomkraftwerk Gösgen-Däniken AG erwähnt. Immerhin zwei städtische Vertreter sind im elfköpfigen Verwaltungsrat dabei. Die Stadt will ihre Beteiligung seit Jahren veräussern, ohne Erfolg, weil Atomkraftwerke einfach zu viel kosten.

    Ebenfalls für Kopfzerbrechen sorgt das Hallenstadion. Hier ist die Stadt mit 39,1 Prozent beteiligt. Der Wegzug der ZSC Lions war schwieriger als erwartet, heisst es zur finanziellen Lage dieses Eventtempels in Oerlikon.

    Pendente Baurechtsverträge

    Bei den Baurechtsverträgen im Finanzdepartement tauchen einige pendente Verträge auf, die auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen scheinen.

    So sind im Grundbuch rund um die geplante Überbauung der Hardturmbrache (ehemals Fussballstadion des Grasshopper Clubs Zürich) mehrere Verträge noch nicht im Grundbuch eingetragen. Weil darin oft der Name Credit Suisse (CS) auftaucht, scheinen die Abschlüsse kompliziert. Es geht um den Vertrag mit der Stadion Züri AG Hardturm-Areal (Fussballstadion mit rund 18’000 Plätzen) mit 29’580 Quadratmetern.

    Ausserdem kommt der Vertrag mit der Credit Suisse Funds AG, der SIAT Immobilien AG und der Interswiss Immobilien AG mit dem Hardturm-Areal (Hochhaus mit rund 300 Wohnungen, Atelier- und Gewerbeflächen) mit 6’165 Quadratmetern vor. Und zu guter Letzt die Vereinbarung mit der Credit Suisse Anlagestiftung Hardturm-Areal (Hochhaus mit rund 300 Wohnungen, Atelier- und Gewerbeflächen) mit 8’750 Quadratmetern.

    Zum Vergleich: Der Sechseläutenplatz hat eine Fläche von etwa 16’000 Quadratmetern. Zwar heisst es immer, die Vorsorgestiftungen der CS agierten unabhängig vom Zusammenbruch der Grossbank. Aber wie es weitergeht mit dem Stadionprojekt, ist auch in dieser Hinsicht nicht klar. Sicher ist, dass irgendwann die Vorsorgestiftungen der CS ins Konstrukt der Grossbank UBS überführt werden müssen. Bei der Stadionfrage und den beiden Hochhäusern kommen die hängigen Rechtsverfahren hinzu.

    Die berühmt-berüchtigten Sozialdetektive

    Das Inspektorat der Sozialbehörde ermittelt im Auftrag der Sozialbehörde auf unrechtmässigen Bezug von wirtschaftlicher Sozialhilfe oder Asylvorsorge. Das war öfters schon ein grosses Thema in den Medien. Verfolgt wurden vergangenes Jahr jedoch lediglich 19 Fälle, wobei bei 7 der Verdacht nicht erhärtet werden konnte. Bei 63 Prozent also wurden Missstände entdeckt. Etwa nicht deklarierte Nebeneinkünfte, Scheinehen oder nicht angezeigter Fahrzeugbesitz. Pro Monat wurde im Schnitt 2335 Franken zu viel bezogen, 2023 waren es noch 2803 Franken. Den Sozialbehörden steht Stadtrat Raphael Golta (SP) vor.

    Im Stadthaus läuft wenig

    Keine Stricke zerrissen hat die Kulturabteilung der Stadt Zürich punkto Ausstellungen im Stadthaus. Es fand nämlich nicht eine einzige statt. Immerhin wurden die Vorbereitungen für die Ausstellung „Kreislaufwirtschaft in Zürich“ gestartet. Die Ausstellung, die im November 2025 eröffnet wird, soll die Prinzipien der Kreislaufwirtschaft in Zürich und mögliche Lösungswege aufzeigen, wie es vom Präsidialdepartement heisst.

    Mehr Sonderzeichen beim Zivilstandsamt

    Schon fast rührend ist der Hinweis, dass seit dem 11. November 2024 im Zivilstandsregister des Präsidialdepartements ein erweiterter Zeichensatz existiert. Viele Sonderzeichen, die bisher nicht eingetragen werden konnten, sind nun möglich. Personen, bei deren Namen Sonderzeichen bisher fehlten, können die Eintragung der fehlenden Zeichen mittels Gesuch schriftlich beantragen.

    Neue, umständlichere Parkuhren

    Die neue Parkkartenverordnung kommt an die Urne. Gegen die aus Sicht der Bürgerlichen zu teure und zu komplizierte Neuregelung der öffentlichen Parkplätze in Zürich wurde das Referendum ergriffen. Bisher unter dem Radar blieb, dass zum Gesamtkonzept der Parkplatzbewirtschaftung auch die Erneuerung der Parkuhren gehört. Grund: Sie haben laut der Dienstabteilung Verkehr das Ende ihrer Nutzungsdauer erreicht.

    Bei den neuen Parkuhren müssen die Nutzerinnen und Nutzer künftig die Kontrollschildnummer ihres Fahrzeugs eingeben. Man kennt das. Es ist umständlich und geht lange. Laut der Stadt werden diese Daten an eine Datenbank übermittelt. Die Anzahl der Parkuhren wird im Vergleich zu heute deutlich reduziert. Grund: Inzwischen erfolgen gegen 75 Prozent der Bezahlvorgänge beim Parkieren über Apps. Die ersten neuen Parkuhren sollen in der zweiten Jahreshälfte 2025 in Betrieb gehen.

    Sicherer Verkehr

    Bemerkenswert ist noch diese Zahl, herausgegeben vom Stadtärztlichen Dienst: 2024 wurden 550’550 Kondome abgegeben. 2023 waren es erst deren 352’800. Eine Steigerung um 56 Prozent. Kondome, die zum Präventionsmaterial wie etwa Spritzen und Nadeln gehört, werden an diverse Institutionen in der Stadt und im Kanton Zürich, an die eigenen Patientinnen und Patienten sowie im Verkauf über Automaten in der Stadt Zürich verteilt.

    Eine gute Sache im Dienste der Gesundheitsvorsorge. Aus heutiger Sicht unvorstellbar: 1985, also vor 40 Jahren, wurde noch über die Abgabe von Präventionsmaterial gestritten. Der damalige Kantonsarzt verbot gar die Abgabe von sauberen Spritzen an Fixerinnen und Fixer.

    Fazit unserer kleinen Analyse: Die Debatte vom 25. Juni im Gemeinderat kann kommen.


  • 4 Minuten

    „Ein dörflich-idyllisch-autofreies Zürich schreckt das Gewerbe ab“

    Auf dem Bild sieht man Gemeinderätin Karin Stepinski (Die Mitte)."Die derzeitige Zürcher Politik ist sehr von links-grünen Ideologien geprägt", findet die Stadtzürcher Mitte-Gemeinderätin Karin Stepinski. Bild: zvg

    „Man kann nicht lautstark Frieden in der Ukraine fordern, aber mit dem Nachbarn einen Waschküchenstreit anzetteln“, findet Karin Stepinski, Mitte-Gemeinderätin aus Zürich. Sie hat den Rathuus-Fragebogen mit viel Verve ausgefüllt und erzählt, was sie von Alfred Escher und von links-grünen Ideologien hält.

    Karin Stepinski, wie wurden Sie politisiert?
    Bereits in meiner Kindheit sass ich mit politisierenden Erwachsenen am Tisch (als Einzelkind und einziges Kind im Bekanntenkreis meiner Eltern). Die Jugendunruhen in den 80er-Jahren und die Drogenproblematik in den 90ern prägten meine Jugend. Als die Mitte (damals noch mit dem Namen CVP) 2018 im Kreis 9 wegen 0,1 Prozentpunkten zu wenig Wähleranteile aus dem Gemeinderat „flog“, trat ich der Partei bei und half tatkräftig mit, dass wir vier Jahre später mit über 7 Prozent in Fraktionsstärke wieder in den Rat einzogen.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Lehrerin.

    „Ein dörflich-idyllisch-autofreies Zürich, wie sich manch einer im Gemeinderat wünscht, schreckt nicht nur das Gewerbe ab, sondern vertreibt vielleicht dereinst auch mal grosse Steuerzahler.“


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    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Die derzeitige Zürcher Politik ist sehr von links-grünen Ideologien geprägt. Ich habe das Gefühl, dass ganze Bevölkerungsschichten nicht mehr wahr- und ernst genommen werden. Nicht alle Menschen, die hier leben und arbeiten, können ihre Wege mit dem Velo bewältigen. Ein dörflich-idyllisch-autofreies Zürich, wie sich manch einer im Gemeinderat wünscht, schreckt nicht nur das Gewerbe ab, sondern vertreibt vielleicht dereinst auch mal grosse Steuerzahler. Der Stadt geht es gut, aber wir müssen auch schauen, dass es so bleibt. Da würde ich mir manchmal etwas mehr Weitsicht, Pragmatismus und weniger Ideologie wünschen.

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Sicher nicht! Die Mitte ist die beste Partei.

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Ja, sicher, bereits öfters. Das mache ich sehr gerne. Dabei komme ich mit den Menschen ins Gespräch und kann hören und spüren, was sie bewegt und wo die Sorgen drücken.

    „Am Sechseläuten in einer Zunft als Reiterin um den Böögg galoppieren – das ist Nr. 1 auf meiner Bucket-List.“

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Das ist eine gute Frage … Mein Eindruck ist, dass zurzeit immer mehr laute Selbstdarsteller an die Macht gelangen, die weder die Demokratie im eigenen Land noch zum Beispiel die Menschenrechte wirklich achten. Donald Trump ist das beste Beispiel: Er ist schlicht seine eigene moralische Instanz. Was wohl Max Frisch über ihn sagen würde? Ich finde es wichtig, immer wieder zu prüfen, wie man selber mit der Moral umgeht. Man kann nicht lautstark Frieden in der Ukraine fordern, aber mit dem Nachbarn einen Waschküchenstreit anzetteln. Da bin ich schon ganz bei Max Frisch.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Barack Obama.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Die Brasserie Lipp.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Kaufen immer, lesen in Teilen.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Am Sechseläuten in einer Zunft als Reiterin um den Böögg galoppieren – das ist Nr. 1 auf meiner Bucket-List. Reiten kann ich übrigens.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Alfred Escher, wenn auch als Politiker nicht unumstritten, war er doch eine immens treibende Kraft. Seine visionären Projekte prägen Zürich bis heute.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Ist ein wunderbarer, entspannender Zeitvertreib.

    „Es gefällt mir im Rathaus Hard sehr gut, obwohl ich ja das historische Rathaus nur von Bildern her kenne.“

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Dass ich am Postulat zur Minderung der Fangewalt rund um den Fussball mittels einer Vier-Säulen-Politik mitgearbeitet habe und dieses ohne Gegenstimme überwiesen wurde.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Bin noch nicht solange dabei, dass ich jetzt gröbere Fehler gemacht hätte … Zumindest ist mir keiner bewusst.

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Es gefällt mir im Rathaus Hard sehr gut, obwohl ich ja das historische Rathaus nur von Bildern her kenne.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Chateaubriand.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Ed Sheeran.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Eine auf glasierte Kacheln gemalte Ansicht von Castell’ Arquato in Italien, diese habe ich gerade in den Ferien auf dem dortigen Friedhof fotografiert.

    Worauf freuen Sie sich?
    Noch lange im Zürcher Gemeinderat zu politisieren.

    Und worüber können Sie lachen?
    Seit 32 Jahren über die unerwarteten, aber stets gut platzierten, trockenen Sprüche meines Mannes.

    Karin Stepinski hat den Rathuus-Fragebogen am 5. Mai ausgefüllt. Sie ist seit Herbst 2023 Gemeinderätin in der Stadt Zürich, als Nachfolgerin von Urgestein Josef Widler. Die 55-Jährige ist Präsidentin der Mitte-Kreispartei 3 + 9. Sie hat eine betriebswirtschaftliche sowie eine theologische Ausbildung und arbeitet bei der katholischen Kirche Maria-Hilf in Zürich-Leimbach. Stepinski hat zwei Söhne und einen Hund.


  • 600 Franken ans neue Velo: Das bekommen städtische Angestellte als Lohn­neben­leistungen

    Auf dem Foto sieht man eine Veloausstellung in den Züspa-Hallen in Oerlikon 1977.Das wäre eine Punktlandung gewesen. Mit den jährlichen 600 Franken des neuen städtischen Mobilitätsbeitrags hätte es 1977 dieses Velo der Marke Eddy Merckx gegeben. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L26-0009-0008-0001

    Der Spruch „wer hat, dem wird gegeben“, greift in diesem Fall sicher zu kurz. Trotzdem lohnt sich ein Blick auf die „dezentralen Lohnnebenleistungen“ der Zürcher Stadtverwaltung. So wurde etwa das Lohnreglement des Präsidialdepartements überarbeitet. Gibt es keine Einsprachen, erhalten alle Mitarbeitenden eine Art Sommer-Gratifikation.

    Corine Mauch, Zürichs Noch-SP-Stadtpräsidentin, hat das Reglement über dezentrale Lohnnebenleistungen des Präsidialdepartements angepasst. Publiziert wurde das Reglement in den digitalen amtlichen Mitteilungen der Stadt vom 4. Juni. Gibt es keine Einsprachen dagegen, tritt es am 1. Juli in Kraft. Alle Mitarbeitenden erhalten dann ab sofort einen Gutschein im Wert von 150 Franken pro Jahr. Sie können damit wahlweise ins Filmpodium, das städtische Kino an der Nüschelerstrasse, ans Zürcher Theaterspektakel, oder sie können sich für die 150 Franken „bei ausgewählten Partnern“ etwas aussuchen.

    Das Beispiel des Präsidialdepartements ist die neue Regel in der Stadtverwaltung. Diese beruht auf einem Antrag des Stadtrats von 2022 an den Gemeinderat. Vor zwei Jahren sagte dann die Legislative mit 104 zu 13 Stimmen Ja zu dieser Teilrevision des städtischen Personalrechts. Darin aufgeführt sind Verpflegungsbeiträge (bekannt als Lunch-Checks), ein Kultur- und Sportbeitrag, wie im Fall von Stadtpräsidentin Mauch beschrieben, sowie der sogenannte Mobilitätsbeitrag.

    Den Lunch mit der legendären Karte bezahlen

    Unbestritten und seit Jahrzehnten Lohnbestandteil ist der städtische Beitrag an die Kosten der Verpflegung in Form von Lunch-Checks oder Barvergütungen – höchstens 1200 Franken pro Jahr bei einem Vollzeitpensum. Die Lunch-Checks (heutzutage eine Karte mit Guthaben) werden von den Mitarbeitenden oft gar nicht nur fürs Mittagessen, sondern für private Essen genutzt, etwa abends mit der Familie und mit Weinbegleitung. Früher, Achtung Nostalgie, wurden die Lunch-Checks in Form von Papiermarken abgegeben und man durfte nur je einen Check pro Tag zwischen 11.30 und 14 Uhr einlösen. Tempi passati!


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    600 Franken ans ökologische Pendeln

    Recht kompliziert erscheint dafür der neu eingeführte Mobilitätsbeitrag. Mitarbeitende bekommen pro Jahr nämlich bis zu 600 Franken, wenn sie ohne Auto, aber mit dem ÖV oder mit dem Velo zur Arbeit kommen. „Mobilitätsgrüne“ Mitarbeitende können wählen, ob sie den Mobilitätsbeitrag in Form von vergünstigten Reka-Rail-Checks (für Bahnbillette) oder in Form einer Barvergütung für den Kauf eines Velos – einschliesslich eines Elektrovelos – erhalten wollen. Der Beitrag ans Velo kann auch über mehrere Jahre verteilt sein, wenn der Drahtesel mehr als 600 Franken kostet.

    Die Idee trägt eindeutig die Handschrift von Stadtrat Daniel Leupi (Grüne), früher Präsident der Lobbyorganisation Pro Velo Kanton Zürich. Damit sollen laut dem Stadtrat die umweltfreundliche Mobilität der Angestellten im Sinne des Netto-Null-Ziels gefördert und die Spesenadministration bei Dienstfahrten auf Stadtgebiet vereinfacht werden.

    Wer nicht aufs Auto verzichten kann, bekommt dafür in der Regel eine pauschale Kilometergeldentschädigung zwischen 0,70 und 0,72 Franken. Bei Lehrpersonen kommt manchmal ein im Verhältnis zum Privatmarkt günstiger Parkplatz hinzu. Alles in allem ist es bei der Stadtverwaltung aber sicher ein Plus, wenn man ohne Auto zur Arbeit kommt.

    Städtisches Transportunternehmen mit „Spezialität“

    Bei den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ) gibt es laut der Stadt „eine Spezialität“: Die Angestellten der VBZ erhalten im Rahmen einer gesamtschweizerischen Branchenlösung bereits seit langem „eine organisationsspezifische Lohnnebenleistung in Form eines Mobilitätsbeitrags“.

    Und die darf sich ohne Zweifel sehen lassen. Denn wer beim städtischen Transportunternehmen mindestens 50 Prozent arbeitet, bekommt ein kostenloses 2.-Klasse-Generalabonnement für die ganze Schweiz im Wert von 3995 Franken. Für Familienangehörige gibt es stark vergünstigte Angebote zusätzlich. Und für einen Aufpreis von 517 Franken jährlich bekommt man auf Wunsch sogar das Upgrade in die 1. Klasse. Für Normalos kostet das 1.-Klasse-GA 6520 Franken. Das sind immerhin gut 92 Prozent Rabatt.

    Dazu erhält man bei den VBZ noch einen Gutschein, um „die geistige und körperliche Fitness zu erhalten und zu stärken“, wie es auf der VBZ-Website heisst. Er hat einen Wert von 500 Franken pro Jahr, um Sport zu treiben oder sich in einer von drei Bildungsinstitutionen weiterzubilden.

    Fazit: Bei den VBZ muss man zwar oft Schicht arbeiten (immerhin mit Lohnzulagen), doch bei den sogenannten Fringe Benefits sind die VBZ spitze.

    Wildwuchs bei den Departementen

    Doch zurück zu den eingangs erwähnten „dezentralen Lohnnebenleistungen“, wie sie eben Corine Mauch festgelegt hat. Hier scheint in der Stadtverwaltung ein gewisser Wildwuchs zu blühen. Das ist kein Wunder, wird die Umsetzung dieser in der Botschaft an den Gemeinderat genannten „Ermässigungen für Kultur und Sport“ doch den einzelnen Departementsvorsteherinnen und -vorstehern überlassen.

    So bekommen alle Mitarbeitenden des Finanzdepartements von Daniel Leupi (Grüne) „höchstens 150 Franken pro Kalenderjahr zur Förderung der Gesundheit“. Dazu gehören Sportabonnements, Sportausrüstungen und allgemein Dinge, die dem gesundheitlichen Wohlbefinden dienen.

    150 Franken pro Jahr gibt es als Beispiel auch für alle Angestellten des Sicherheitsdepartements, dem Karin Rykart (Grüne) vorsteht. Hier bekommt man unabhängig von der Höhe des Arbeitspensums 150 Franken, die mit dem Juli-Lohn ausbezahlt werden. Gemäss dem Reglement vom 9. Dezember 2024 darf der Zustupf nicht für Zwecke eingesetzt werden, „die den Aufgaben und Zielen der Stadt gemäss Gemeindeordnung widersprechen“, sowie nicht für „Verpflegung und Mobilität“. Also vielleicht ein Fairtrade-Pullover oder ein in Zürich gedrucktes Buch? Ob es hier dereinst Ausführungsbestimmungen gibt, weil der Verwendungszweck zu vage formuliert ist?

    Sachlich gehalten ist das Reglement für das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich. Hier hat FDP-Stadtrat Michael Baumer am 25. Februar beschlossen, dass alle Mitarbeitenden unabhängig von der Höhe des Arbeitspensums jährlich 150 Franken zusätzlich bekommen. Ohne Zweckgebundenheit. Was streng genommen allerdings den Vorgaben des Personalrechts widerspricht.

    So gesehen ist das von SP-Politikerin Corine Mauch angepasste und sehr zweckgebunden ausformulierte Lohnreglement voll im Sinne des Gesamtstadtrats. Dies im Gegensatz zur grosszügig ausgelegten Pauschale von Michael Baumer, das den liberalen Gedanken „seiner“ FDP abbildet.


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    Eine ungewöhnliche Therapiestunde

    Stephanie Turin und Pascal Turin posieren für ein Selfie an der Stauffacherstrasse in Zürich.Sie posieren neben dem Podcast-Studio alias Rathuus-Büro (v. l.): Psychotherapeutin Stephanie Turin ist Gast in der neunten Folge und fühlt Pascal Turin auf den Zahn. Bild: Rathuus

    Da Rathuus-Podcaster Lorenz Steinmann in den wohlverdienten Ferien weilt, musste sein Kollege Pascal Turin improvisieren. Für die neunte Folge des Podcasts hat er darum seine Ehefrau und Psychotherapeutin Stephanie Turin eingeladen. Diese erweist sich als Naturtalent und hartnäckige Interviewerin.

    In der neunten Folge des Rathuus-Podcasts sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin über … Halt, stopp! Wo ist denn eigentlich Lorenz? Heute wäre Aufnahmetermin und der Start-up-Mitgründer hat sich einfach in die Ferien verabschiedet. Damit Pascal sich nicht allein bespassen muss, hat er eine Gästin eingeladen.

    Psychotherapeutin Stephanie Turin legt Pascal sinnbildlich auf die Couch und entlockt ihm (fast) alles, was sein Innerstes zu verbergen hat. Allerdings geht es in dieser Podcast-Folge nicht um Pascals Kindheit oder seine ungesunde Liebe zu Zombie-Filmen, sondern im weitesten Sinn um das Politikmagazin Rathuus.

    Ausserdem lenken wir unseren Blick auf die Bildungspolitik. Stephanie punktet dabei mit ihrem Erfahrungsschatz als Schulpsychologin und Psychotherapeutin im schultherapeutischen Dienst.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

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