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Lorenz Steinmann, Pascal Turin
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Sie setzten sich 2021 für mehr Grün und weniger Hitze in Zürich ein (v. l.): Stadtrat Michael Baumer und der damalige VBZ-Direktor Marco Lüthi. Das ist nun nicht mehr als eine Randnotiz der Geschichte. Bild: zvg/Verkehrsbetriebe Zürich
Lorenz Steinmann
Mit Pauken und Trompeten lancierten die VBZ vor vier Jahren ein Dachbegrünungskonzept für ihre Haltestellenhäuschen. Nun teilen die VBZ mit, dass die Spezialbauten gar nie dafür geeignet waren. Stattdessen sollen Aluplatten für weniger Hitze sorgen.
Rekordheisse Sommer rufen nach Hitzeminderung, vor allem in Städten mit vielen versiegelten Flächen. Da sind sich Experten und auch Zürichs Politikerinnen und Politiker einig. 2021 taten sich die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) bei diesem Thema durchaus als Pioniere hervor. Die Erfahrung aus verschiedenen europäischen Städten zeige, dass „begrünte Haltestellendächer viele Vorteile haben: Die Pflanzen dienen Insekten als Schutzort und Nahrung, binden Feinstaub und Luftschadstoffe und können Regenwasser speichern. Damit leistet die Begrünung einen Beitrag zur Beschattung und Kühlung der Umgebung und hilft, Hitze zu mindern“. Dies teilten die VBZ vor fast genau vier Jahren an einer Medienkonferenz auf dem Hardplatz im Stadtzürcher Kreis 4 mit.
Und weiter mit der Euphorie: „Die Haltestelle der Zukunft soll auch punkto Klima smart sein: Hier nutzen wir das Dach für die Verbesserung des Mikroklimas und der Biodiversität“, so Stadtrat Michael Baumer, Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, zu dem die VBZ gehören, damals. Sekundiert wurde der FDP-Politiker vom damaligen und heute bei Postauto AG arbeitenden VBZ-Direktor Marco Lüthi. Dieser pries die besonderen Vorzüge der „Züri“-Bepflanzung an.
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Es war eine ausgeklügelt eruierte und nun angesäte, niedrigwachsende und bewährte Dachkräutermischung mit über 50 Arten sowie Setzlinge von rund zehn Pflanzenarten wie Edelgamander, rundblättrige Glockenblume oder gelbe Reseda. „Erfunden“ hatten die Mischung Experten der Dienstabteilung Grün Stadt Zürich, die für den Unterhalt sämtlicher städtischer Grünräume zuständig ist.
VBZ verfolgen Projekt nicht weiter
Vorerst war der Versuch auf die Tramhaltestellen Hardplatz (8er-Tram Richtung Hardturm) sowie Albisriederplatz (2er-Tram Richtung Schlieren) beschränkt. „Eine Vielzahl solch kleiner begrünter Flächen kann einen wichtigen Beitrag zur Biodiversität und zur Vernetzung leisten, vor allem, wenn diese nahe beieinander liegen. Dies zeigt eine neue Studie aus der Stadt Zürich“, hiess es in einer VBZ-Mitteilung weiter. Dementsprechend wohlwollend und ausführlich berichteten die Medien damals.
Nun schreiben wir das Jahr 2025. Auf einen rekordheissen Juni folgte ein regnerischer Juli und ein hochsommerlicher August. Ideale Voraussetzungen also für Dachbegrünungen. Doch auf Anfrage teilen die VBZ mit, dass man das Projekt nicht weiterverfolgt habe. „Das Pilotprojekt wurde mittlerweile wie geplant abgeschlossen. Der Pilot hat gezeigt, dass sich die Flächen der VBZ-Haltestellen-Dächer nur in einem sehr begrenzten Rahmen für eine Begrünung eignen“, heisst es von Mediensprecherin Judith Setz.
Die Tramhaltestelle des 8er-Trams am Hardplatz in Zürich. Die aufwändig erstellte Dachbegrünung kommt bald wieder weg. Bild: Lorenz Steinmann
Eine Erkenntnis ist laut den VBZ, dass ein Umbau der Standardwartehallen auf Wartehallen mit Dachbegrünung mit hohen Kosten verbunden wäre. „Würden die Haltestellendächer begrünt, müssten die Standardwartehallen aufgrund der Statik von Grund auf neu konstruiert werden. Dazu kommt, dass der mit der Begrünung verbundene (finanzielle und personelle) Aufwand nicht mit dem Nutzen vereinbar ist“, so Setz weiter. Die VBZ stellen ihre Wartehäuschen übrigens nicht selber her, sondern beziehen diese von der Firma Burri AG aus Glattbrugg.
Milchige Dachscheiben kommen weg
Nichtsdestotrotz sei eine Weiterführung des Projekts aktuell nicht geplant. Immerhin: „Um die Sonneneinstrahlung unter einer Wartehalle zu reduzieren, beginnen die VBZ aktuell, an neuralgischen Punkten die milchigen Dachscheiben durch eine Aluplatte zu ersetzen“, so Mediensprecherin Setz.
Die VBZ kämpfen also mit Aluplatten statt mit Dachbegrünungen gegen die Stadthitze. Dass Aluminium wegen seiner Leitfähigkeit sehr heiss werden kann, scheint bei den Überlegungen keine Rolle gespielt zu haben. Hauptsache Schatten. Bleibt zu hoffen, dass die Aluminiumplatten wenigstens weiss beschichtet sind, damit sie mehr Sonnenlicht reflektieren (Albedo-Effekt).
Auf die Frage, was das Projekt bisher kostete, gaben die VBZ keine Antwort.
Es geht auch einfacher: Wartehäuschen der Offenbacher Verkehrs-Betriebe der Stadt Offenbach am Main in Deutschland mit begrüntem Dach. Bild: Lorenz Steinmann
In Offenbach geht es dank Mauerpfeffer
Und damit zurück zum eingangs Artikel zitierten Zitat der VBZ mit den „vielen Vorteilen begrünter Haltestellendächer“. Im Gegensatz zu Zürich gibt es aktuell viele umgesetzte Beispiele von begrünten Wartehäuschendächern. Herausgepickt sei Offenbach bei Frankfurt. Jene Stadt hat etwa die Grösse von Winterthur – wo es übrigens dank der Initiative der Versicherungsgesellschaft AXA ebenfalls einige entsprechende Wartehäuschen gibt.
Offenbach ist finanziell im Gegensatz zu Zürich nicht auf Rosen gebettet. Daher spannte man mit einem Profi aus der Privatwirtschaft zusammen. Dieser verzichtete auf komplizierte Samenmischungen und pflegeintensive Pflanzen. In einfachen, nicht mehr als zehn Zentimeter hohen Erdkisten gedeiht seit einigen Jahren der anspruchslose Sedum, auch als Mauerpfeffer bekannt. Dieser verträgt wochenlange Trockenphasen wie auch Starkregen und Frost im Winter. Sedum speichert Wasser ideal und ist Bienen- und insektenfreundlich. Offenbach ist ein Beispiel, das zeigt, wie es mit weniger hohen Ansprüchen, also ohne den berühmt-berüchtigten „Züri-Finish“, durchaus funktioniert.
Im sogenannten "InnoTram" testen die VBZ seit Juli 2024 verschiedene "kleine und grosse" Neuerungen. Etwa berührungslose Türöffnungs-Knöpfe oder wie im Text erwähnt spezielle Sonnenschutzfolien. Bild: Pascal Turin
Dabei scheint Alu statt Pflanzentröge auch für Zürcher Verhältnisse nicht gerade innovativ, Aludächer wirken im Gegenteil kontraproduktiv bezüglich Stadthitze. Immerhin sind die VBZ diesbezüglich nicht ganz untätig geblieben. Sie testen aktuell im sogenannten „InnoTram“ eine Sonnenschutzfolie. „Der Energieverbrauch für Lüftung und Klimaanlagen konnte im ‚InnoTram‘ gesenkt werden, weil es sich durch die Sonnenschutzfolien weniger aufheizte“, erklärt Setz dazu. Hochgerechnet könnten damit pro Jahr etwa vier Megawattstunden elektrische Energie eingespart werden – also etwa der Jahresverbrauch eines Vier-Personen-Haushalts pro Tram.
Wenn die Aluplatten diese Bemühungen nur nicht wieder zunichte machen, ist man versucht zu denken.
Matthias Renggli und Severin Meier (beide SP) bissen mit ihrem 2022 eingereichten Postulat beim Stadtrat auf Granit. Im Juli 2025 doppelten sie nach.
Doch der Reihe nach. Die Gemeinderäte Renggli und Meier fragten mit einem Postulat (GR Nr. 2022/23) beim Stadtrat nach, ob und wie Dächer und Wände von bestehenden und neuen Tram- und Bushaltestellen, unter Einbezug der Bevölkerung, begrünt werden können. Man muss tief in den 147 Seiten langen Abschreibungsanträgen der Stadtverwaltung zum Geschäftsbericht 2024 (verfasst im März 2025) graben, um konkrete Antworten zu finden.
Diese Antworten zeigen auf, dass Hitzeminderung zumindest im Departement von Stadtrat Michael Baumer keine Priorität hat. Ein paar Killerargumente:
Zusätzliche Gewichte (Substrat, Tröge), welche die Statik der „Standardwartehallen“ zu stark beanspruchen würden.
Unberechenbarer Pflegeaufwand, der nach Starkregen und Sturm entstehe.
Überschaubarer Effekt bezüglich Biodiversität „aufgrund der isolierten Kleinstflächen“.
Zum Besteigen der Haltestellendächer seien Hilfsmittel erforderlich – „und ab einer Fallhöhe von drei Metern sind Absturzsicherungen vorgeschrieben bzw. ein Gerüst notwendig“.
Die Parlamentarier Renggli und Meier liessen sich von dieser fast erschlagenden Argumentation nicht beeindrucken. Am 2. Juli 2025 reichten sie zusammen mit Marco Denoth (ebenfalls SP) und zwei weiteren Unterzeichnenden einen neuerlichen Vorstoss ein. Darin fordern sie den Stadtrat auf, zu prüfen, „wie Prototypen von Tram- und Bushaltestellen, allenfalls in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV), anderen Verkehrsbetrieben und Hochschulen entwickelt und getestet werden können, deren Dächer und Wände begrünt und/oder mit Solarzellen ausgerüstet werden können“. Ziel solle sein, dass bei Neubauten oder umfassenden Sanierungen eine neue Generation Tram- und Bushaltestellen realisiert werde, die neben der Funktion als Wartebereich einen Beitrag zur Biodiversität leiste und/oder der Stromerzeugung diene.
Weil die SVP einen Ablehnungsantrag stellte, wurde das Geschäft noch nicht an den Stadtrat überwiesen. Grundsätzlich hat der Stadtrat nach der Überweisung zwei Jahre Zeit, das Anliegen zu prüfen und Ergebnisse zu liefern.
Begrünte Tramhäuschen hätten in der Limmatstadt zum Standard werden können, doch es fehlt der Stadtverwaltung offensichtlich der Wille. Bild: Lorenz Steinmann
Pascal Turin
Im Rathuus-Podcast geht es dieses Mal auch um Hitzeminderung. Lorenz Steinmann und Pascal Turin machen Pflanzen auf Dächern von Tram- und Bushaltestellen zum Thema. Ausserdem wird in der 14. Folge über eine Schulhaus-Einweihung gesprochen.
Ach wie schön wäre ein kühlendes Dach: In der 14. Folge des Rathuus-Podcasts widmen wir uns einem Thema, das Leute mit grünem Daumen besonders interessieren könnte. Es geht um Pflanzen auf Dächern von Tram- und Bushaltestellen.
Hobbygärtner Lorenz Steinmann sieht nur Vorteile wie die Förderung der Biodiversität, die Verbesserung der Luftqualität oder eine kühlende Wirkung. Der Podcaster erzählt von einem Pilotprojekt der Verkehrsbetriebe Zürich, das so erfolgreich war, dass es schubladisiert wurde. Das freut weder Lorenz noch Bienen und andere Insekten. Auch Co-Host Pascal Turin gibt sich schockiert, obwohl er nicht einmal Tannen von Palmen unterscheiden kann. Aber die Rettung der begrünten Wartehäuschen naht bereits in Form eines Vorstosses im Stadtzürcher Gemeinderat.
Doch bevor wir uns dem städtischen Dschungel annähern, erzählt Pascal von der Einweihung des Ersatzneubaus der Baugewerblichen Berufsschule Zürich – kurz BBZ – nahe des Hauptbahnhofs. Ausserdem verkündet Lorenz zum Schluss noch Big News aus seinem Berufsleben.
Sie freuen sich bereits auf ihre Reden zur feierlichen Einweihung des Schul-Neubaus (v. l.): Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne) und Regierungsrätin Silvia Steiner (Die Mitte). Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Bildungsdirektorin Silvia Steiner und Baudirektor Martin Neukom durften heute Freitag den Neubau der Baugewerblichen Berufsschule Zürich einweihen. Seit kurzem werden hier angehende Maurerinnen, Schreiner oder Zeichnerinnen unterrichtet.
Das erste Wort hatte Rektor Heinz Schlegel. Er durfte zurückschauen auf den Baustart und rief Erinnerungen an die Grundsteinlegung wach. Baudirektor Martin Neukom und Bildungsdirektorin Silvia Steiner hatten im September 2022 zur Schaufel gegriffen und damit den Startschuss für die Bauarbeiten gegeben. Heute Freitag wurde nun der Ersatzneubau der Baugewerblichen Berufsschule Zürich – kurz BBZ – nahe des Hauptbahnhofs Zürich offiziell eingeweiht.
“Ich bin ein Fan der Berufslehre”, sagte Regierungspräsident Martin Neukom in seiner Ansprache. Der Grünen-Politiker absolvierte ursprünglich eine Lehre als Konstrukteur, bevor er im Anschluss studierte. Ohne die Leute, die hier ausgebildet werden, könne ein solches Gebäude gar nicht gebaut werden. Doch er wolle nun keinen Exkurs in die Bildungspolitik machen, dies überlasse er Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner.
„Besonders relevant heute beim Bauen ist die Nutzungsflexibilität“, führte der Baudirektor aus. Man wisse noch nicht, wie die Bedürfnisse in 30 Jahren aussehen würden. Darum sei es wichtig, dass die Räume in Zukunft relativ flexibel umgenutzt werden können. Stolz verwies Neukom zudem darauf, dass die neue Schule als „erstes Bildungsgebäude der Schweiz“ mit dem Label „Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz“ Stufe Gold des Netzwerks Nachhaltiges Bauen Schweiz zertifiziert wurde.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Das neue Schulhaus befindet sich an der Limmatstrasse in Zürich. Bild: Pascal Turin
Ins neue Gebäude eingezogen ist die Abteilung „Planung und Rohbau“. Hier werden seit dem Ende der Sommerferien rund 1500 Lernende in der Grundbildung und 750 Studierende in der Weiterbildung ausgebildet. Die Lernenden, die im Neubau an der Limmatstrasse 53 im Kreis 5 zur Schule gehen, wollen zum Beispiel Architekturmodellbauer, Maurerinnen, Schreiner oder Zeichnerinnen werden. In den 31 Unterrichtszimmern werden laut einer gemeinsamen Mitteilung der Baudirektion und der Bildungsdirektion insgesamt 80 Klassen unterrichtet.
Im Untergeschoss des Neubaus befinden sich die Sporthallen, im Erdgeschoss die Eingänge und im ersten Obergeschoss öffentlich zugängliche Räume wie Sekretariat, Mediothek und Mehrzweckraum. Die oberen Stockwerke bieten Klassenzimmer, Gruppenarbeitsräume und Lernnischen. Auf dem Dach hat es eine Photovoltaikanlage. Geheizt wird mit Fernwärme.
Kanton investiert in die Berufsbildung
“Mit der Einweihung des Schulhauses setzen wir ein Zeichen für die Berufsbildung im Bereich Bau“, sagte Silvia Steiner (Die Mitte) am Anlass. Ihr sei bewusst, dass es aufwendiger sei, junge Menschen für Bauberufe zu begeistern als für andere Berufe, bei denen man mit sauberen Händen an einem Schreibtisch sitze. Es brauche darum Perspektiven und attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Bildungsdirektorin nannte das Stichwort Durchlässigkeit und verwies auf die Maurer: Rund 40 Prozent der Maurerabsolventinnen und -absolventen qualifizieren sich weiter auf die Kaderstufe oder machen eine Weiterbildung im Bereich der höheren Berufsbildung.
Das Projekt stammt aus der Feder des Zürcher Architekturbüros Gunz und Künzle. Der Ersatzneubau kostete rund 50 Millionen Franken. Er ist ein Teil der sogenannten Berufsbildungsmeile, die im Gebiet zwischen Hauptbahnhof und Limmatplatz entstehen soll. Das Hauptschulhaus der BBZ befindet sich nur rund zwei Minuten Fussmarsch entfernt an der Reishauerstrasse 2. Dort gehen unter anderem angehende Metallbauerinnen und Heizungsinstallateure in den Unterricht. Ebenfalls in der Nähe sind die Allgemeine Berufsschule Zürich an der Ausstellungsstrasse und die Berufsschule Mode und Gestaltung an der Ackerstrasse.
Im Untergeschoss des Gebäudes befinden sich zwei Sporthallen. Bild: Pascal Turin
Vier Politikerinnen und Politiker mit Leib und Seele (von oben links nach unten rechts): Elmar Ledergerber, Verena Grendelmeier, Vreni Spoerry und Christoph Blocher. Collage: Rathuus, Bilder: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Pascal Turin
Pascal Turin
Christoph Blocher, Verena Grendelmeier, Elmar Ledergerber und Vreni Spoerry – sie haben die Politik im Kanton Zürich und in der Schweiz geprägt. Einer mischt weiterhin mit.
Hand aufs Herz: Wer hatte nicht schon das Gefühl, dass sich in unserer zum Teil behäbigen Demokratie kaum je was ändert? Oder zugespitzt formuliert, dass „die da oben“ einfach ihre Zeit bis zu den nächsten Wahlen absitzen? Wir wagen in diesem Text die Gegenthese und haben vier Politikerinnen und Politiker aus dem Kanton Zürich herausgesucht, die definitiv Einiges erreicht haben.
Zugegeben, die Auswahl ist völlig subjektiv erfolgt. Darum bemühen wir hier das Prinzip pars pro toto: Vier Köpfe, die für viele stehen.
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Die Grande Dame des Zürcher Freisinns
Vreni Spoerry, fotografiert im Jahr 1987, sass für den Kanton Zürich von 1996 bis 2003 im Ständerat. Sie ist im Mai 2025 im Alter von 87 Jahren gestorben. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1501-00S-004-001
Als Vreni Spoerry Ende Mai im Alter von 87 Jahren starb, war die Anteilnahme gross. „Ihr politisches und gesellschaftliches Wirken bleibt für uns ein bleibendes Vorbild. Wir verlieren mit ihr eine geschätzte Weggefährtin, eine starke Stimme der liberalen Sache und einen liebenswerten Menschen“, schrieb die FDP Horgen. Die ehemalige Nationalrätin und Ständerätin lebte in der Gemeinde am Zürichsee und war Ehrenmitglied der FDP-Ortspartei.
„Die am 8. März 1938 geborene Juristin Vreni Spoerry stieg relativ spät in die Politik ein, machte danach aber eine Bilderbuchkarriere“, so das Schweizer Radio und Fernsehen auf seiner News-Website. Politische Ämter habe sie nur übernommen, wenn sich diese mit ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter von drei Kindern vereinbaren liessen.
„Vreni Spoerry war die erste Frau in der Rechnungsprüfungskommission, so wie später auch im Gemeinderat von Horgen oder im Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt“, schrieb die NZZ in ihrem Nachruf. Die Juristin amtete aber nicht nur im Verwaltungsrat der Kreditanstalt, die später Credit Suisse genannt und schliesslich von der UBS übernommen wurde. Die Freisinnige war ausserdem Verwaltungsrätin bei der Zürich-Versicherung, bei Nestlé und in der heute noch existierenden Bauunternehmung Toneatti, die Spoerrys Grossvater gegründet hatte.
Sie galt als profilierte Finanz- und Wirtschaftspolitikerin. Als Ständerätin und Teil der Wirtschaftselite kumulierten sich bei ihr viel Einfluss. Wohl so viel wie zur damaligen Zeit bei nur wenigen anderen unter der Kuppel des Bundeshauses.
Es gab auch einen besonderen Tiefpunkt in ihrer sonst glänzenden Karriere: Spoerry sass im Verwaltungsrat der früheren Fluggesellschaft Swissair und war darum mitverantwortlich für das unrühmliche Ende der Airline, das sogenannte Grounding, also die Einstellung des Flugbetriebs im Oktober 2001. Für sie war das eine schwierige Zeit. Schon bevor der Untergang der Swissair unausweichlich war, stand Spoerry gewaltig unter Beschuss. Mit ihr hatte das Grounding ein Gesicht. Statt auf anonyme Anzugsträger konnten Bevölkerung und Medien mit dem Finger auf eine erfolgreiche Politikerin zeigen.
Jahre später sagte die alt Ständerätin in einem Interview mit dem Magazin „Schweizer Familie“: „Vielleicht haben wir im Verwaltungsrat nicht immer alles richtig gemacht. Aber immer wollten wir das Beste für die Swissair.“ Ihr Mann (der Direktor der Zürcher Ziegeleien war, Anm. d. Red.) habe sie unterstützt, wenn man ihr wieder einmal zusetzte, „und die echten Freunde standen zu mir“.
Der Stapi mit Bundesratsformat
Der Sozialdemokrat Elmar Ledergerber, hier 1991 als Nationalrat bei einer Demo, war von 2002 bis 2009 ein beliebter Stadtpräsident von Zürich. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1501-00L-019-001
Elmar Ledergerber ist ein Phänomen. Als er im Oktober 2008 seinen Rücktritt als Stadtpräsident auf Ende April 2009 verkündete, tat er dies an einer Medienkonferenz mit den Worten: „Ich bin quasi jetzt ein wenig auf dem Weg vom Stapi zum Papi und auch das ist ein schöner Weg. Auf das freue ich mich.“
Der damals 64-jährige SP-Politiker und Vater von einer Tochter sowie zwei Söhnen gab als Begründung an, dass er in Zukunft mehr Zeit für seinen 16-jährigen Sohn aufwenden wolle – der allerdings kein Problemfall sei, wie er versicherte. „Auch gebe es keinen politischen Druck oder andere Hintergründe für diesen Schritt. Er wolle lediglich mehr Zeit mit seiner Familie verbringen“, schrieb der Tagi.
Die Medien konnten es kaum glauben und für kurze Zeit war Ledergerber alias Super-Papi das Thema Nummer 1. „Mit Elmar Ledergerber verliert die Stadt ihren besten Verkäufer“, hiess es im Beitrag in der Hintergrundsendung „Echo der Zeit“ von Radio SRF. Er habe Zürich vermarktet wie kein anderer, stets optimistisch und selbstbewusst – auch in eigener Sache, etwa im Wahlkampf fürs Stadtpräsidium.
Manche kritisierten den Sozialdemokraten hingegen als Ankündigungsminister, unter anderem wegen des einst geplanten und vom Volk im Jahr 2008 versenkten neuen Kongresszentrums am See.
Nach seinem Rücktritt engagierte sich Ledergerber während sechs Jahren als Präsident für die Vermarktungsorganisation Zürich Tourismus. 2015 gab der studierte Historiker und Ökonom sein Amt ab. Der heute 81-Jährige hält sich medial verhältnismässig zurück. Doch es gibt Ausnahmen: Ledergerber kämpfte 2024 (erfolglos) gegen die Initiative für eine 13. AHV-Rente. Er stellte sich damit gegen seine eigene Partei, die SP. Zudem ist er wöchentlich als Kolumnist beim Privatsender Radio 1 zu hören.
Die letzte grosse Stimme des LdU
Verena Grendelmeier war Kantonsrätin und Nationalrätin des Landesrings der Unabhängigen. Die eloquente Rednerin – hier in einer Aufnahme von 1985 – starb 2018. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1500-0851
Es war rückblickend eine ihrer wichtigsten politischen Leistungen: Verena Grendelmeier legte im März 1995 mit einer parlamentarischen Initiative im Nationalrat den Grundstein für die Aufarbeitung der nachrichtenlosen Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg. Dabei handelte es sich um Guthaben auf Schweizer Banken, die oft jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gehörten.
Grendelmeier starb 2018 im Alter von 79 Jahren. Sie hatte in Bundesbern den Landesring der Unabhängigen – kurz LdU – vertreten und sass von 1983 bis 1999 in der Grossen Kammer. Ab 1992 war sie Präsidentin der Fraktion LdU/EVP.
Die Zürcherin, vor ihrem Nationalratsmandat im Kantonsrat, war schon als Kind von ihrem Vater und LdU-Nationalrat Alois Grendelmeier politisch geprägt worden. Nach der Matur wurde sie Primarlehrerin und später Schauspielerin sowie Regisseurin. Schweizweite Bekanntheit erlangte sie als Moderatorin der Sendungen „Tatsachen und Meinungen“ sowie „Rundschau“ beim Schweizer Fernsehen.
Grendelmeiers vorzeitiger Rücktritt aus dem Nationalrat nach der Frühjahrssession 1999 sorgte dafür, dass der ehemalige Fernsehmoderator und damalige Kantonsrat Anton Schaller nachrücken konnte. Die NZZ hatte diesen Schachzug in einem Artikel als „Damenopfer“ bezeichnet. Die Idee der unter Druck geratenen Partei war, dass LdU-Präsident Schaller bei den nationalen Wahlen im Herbst 1999 als Bisheriger antreten konnte. „Eitel Freude löste diese Rochade nicht überall aus“, so die Tageszeitung kritisch.
Doch die Partei hatte die Rechnung ohne die Wählerinnen und Wähler gemacht. Schaller wurde nicht gewählt. Der LdU erlitt eine schwere Niederlage. Die von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1936 ins Leben gerufene Partei wurde im Dezember 1999 aufgelöst. Als Todesstoss gilt die Wahlniederlage an den Eidgenössischen Wahlen im Herbst, aber schon zuvor war die Migros-Partei, die mal linke, mal rechte Positionen vertrat, aus vielen kantonalen Parlamenten gefallen. Der LDU war zusehends zwischen rot-grünem und bürgerlichem Lager zerquetscht worden.
Nach ihrer Zeit im Nationalrat arbeitete Verena Grendelmeier als Mediendozentin. „Es wurde still im sonst lärmigen Ratssaal, wenn sie ans Rednerpult trat“, hiess es in einem rührenden Nachruf in der NZZ. Die Nationalrätinnen und Nationalräte hätten ihre Zeitungen, ihre Dokumente für kurze Zeit abgelegt, wenn sie gesprochen habe. „Ihre Auftritte hatten eine besondere Klasse.“
Der beharrlichste EU-Gegner der Schweiz
SVP-Doyen Christoph Blocher erhielt für seine Rede an der Albisgüetli-Tagung 2024 viel Applaus. Der 84-jährige alt Bundesrat wird noch heute häufig von den Medien nach seiner Meinung gefragt. Bild: Pascal Turin
Die Albisgüetli-Tagung in Zürich ist das Stelldichein der meist bürgerlichen Polit-Prominenz. Alle, die in der SVP etwas zu sagen haben, sind dort anzutreffen. Manche Vertreterin oder mancher Vertreter anderer Parteien hat dort ebenfalls schon vorbeigeschaut – und sich von den zahlreich anwesenden Medienvertretungen filmen oder fotografieren lassen.
So ähnlich war es im Januar 2024. Der Anlass nahm seinen Gang, es wurde an den Tischen geredet und gelacht. Manche kauften Tombola-Lose. Eigentlich warteten sowieso alle auf die Rede von Christoph Blocher.
Die SVP-Überfigur war Gemeinderat in Meilen, Kantonsrat, Nationalrat – von 2004 bis 2007 Bundesrat – und nach seiner Abwahl als Bundesrat erneut Nationalrat. Er baute die Zürcher SVP zur stärksten Kantonalpartei auf und lenkt die wählerstärkste Partei der Schweiz bis heute, auch wenn er seit 2018 kein offizielles SVP-Amt mehr bekleidet. Sein prägendster Erfolg war 1992 die Nein-Kampagne zum Europäischen Wirtschaftsraum, einer geplanten Anbindung an die EU.
Blocher ist mehr als Politiker. Er ist der Lieblingsgegner der Linken und ein Idol für rechts-konservative Politiker. Der Herrliberger ist studierter Jurist und Unternehmer. Als langjähriger Hauptaktionär und Chef der Ems-Chemie wurde Blocher zum Milliardär. Seine Mehrheitsbeteiligung an der Ems-Chemie hat er aber schon 2003 als frisch gewählter Bundesrat an seine vier Kinder übertragen, berichtete die Nachrichtenplattform Swissinfo. Bekanntestes Kind des alt Bundesrats ist Magdalena Martullo-Blocher, die für die SVP im Nationalrat politisiert und seit 2004 Chefin der Ems-Chemie ist.
Nach 1987 versuchte es Christoph Blocher 2011 zum zweiten Mal, für den Kanton Zürich in den Ständerat einzuziehen. Das Zugpferd der SVP scheiterte aber erneut. Die Bisherigen Felix Gutzwiller (FDP) und Verena Diener (GLP) hatten klar die Nase vorn. Als stark polarisierende Figur erlitt er das gleiche Schicksal wie schon der SVP-Ständeratskandidat Ueli Maurer. Der spätere Bundesrat war 2007 ebenfalls an Diener gescheitert.
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, Christoph Blocher sei noch immer Justizminister – obwohl er im Dezember 2007 vom Parlament überraschend abgewählt worden ist. Hinter seinem Rücken hatten Sozialdemokraten, Grüne und CVP (heute Die Mitte) einen Plan geschmiedet und die damalige Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf gewählt. Gegen den Willen ihrer Partei nahm sie die Wahl an. Worauf ihr mit dem Ausschluss gedroht wurde. Kurz darauf entstand die BDP. Widmer-Schlumpf blieb deren einzige Bundesrätin. Doch das ist eine andere Geschichte.
Der 84-Jährige sitzt zwar seit 2014 nicht mehr im Nationalrat, wird allerdings trotzdem häufig zu allerlei Themen befragt. Im Juni gab er den Zeitungen des Verlags CH-Media ein Interview und äusserte sich zur Weltlage. Erst vor wenigen Tagen durfte er seine Meinung zum US-Zollhammer in der „SonntagsZeitung“ kundtun. Es ging darum, dass viele Politikerinnen und Politiker nun eine schnelle Annäherung an die Europäische Union fordern. Für den beharrlichsten EU-Gegner der Schweiz ein rotes Tuch.
Kommen wir zurück zur Albisgüetli-Tagung 2024. Als Blocher die Bühne betritt, wird eifrig geklatscht. Die Rede selbst plätschert vor sich hin und wäre wohl nicht in Erinnerung geblieben, hätte der alt Bundesrat zum Schluss keine Bombe platzen lassen: Er kündigte an, dass es seine letzte an einer Albisgüetli-Tagung gewesen sei. „Meine Redezeit ist abgelaufen“, sagte er – und sang den Rest zur Melodie des Volkslieds „Dr Schacher Seppli“. Blocher überraschte damit selbst wichtige Vertraute seiner Partei.
Die Stadt Zürich will die Wehntalerstrasse wegen des Tramprojekts um bis zu zehn Meter verbreitern. Ein Zankapfel sind die vielen Bäume, die gefällt werden sollen. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die rund eine halbe Milliarde Franken kostende Tramverlängerung nach Affoltern sorgt für Irritationen. Eine neue Zählung erwähnt zusätzlich 118 zu fällende Bäume auf Privatgrund. Obwohl der Kanton das Megaprojekt aus finanziellen Gründen zurückgestellt hat, will die Stadt es durchpeitschen.
Schon seit über zehn Jahren wird an einer Tramverlängerung nach Zürich-Affoltern herumstudiert. Entsprechend gross war die Enttäuschung bei den Projektverantwortlichen, aber wohl auch bei Stadtrat Michael Baumer (FDP) als oberstem Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ). Denn die neue, vier Kilometer lange Tramlinie entlang der Wehntalerstrasse zwischen Haltestelle Brunnenhof (ehemals Radiostudio) und Haltestelle Holzerhurd kann nicht wie geplant gebaut werden. Vor 2027 läuft gar nichts.
Grund ist der Kanton. Denn Ende August 2024, also vor fast genau einem Jahr, informierte Finanzdirektor Ernst Stocker, dass diverse Bauprojekte im Kanton Zürich zurückgestellt würden. Um mindestens zwei Jahre. „Die Verhinderung eines weiteren Schuldenaufbaus“, lautete die Erläuterung des SVP-Politikers dazu. Beim Tram Affoltern sprechen wir von 325 Millionen Franken, die der Kanton beisteuern müsste.
Kantonsrat war gegen Ausnahme
Der Kantonsrat stützte im Dezember 2024 den Entscheid des Regierungsrates und war mit 124 zu 49 Stimmen dagegen, das Projekt doch schon 2025 voranzutreiben. GLP-Kantonsrätin Monica Sanesi, die selber im Quartier wohnt, sagte damals: „Entweder haben wir als Kanton die nötigen Finanzen, um alle Projekte voranzutreiben, oder wir stellen alle zurück.“
Erschwerend kommt hinzu, dass der Kanton inzwischen grünes Licht gegeben hat für einen Kreditantrag zum Ausbau der Glattalbahn vom Flughafen über das Stadtzentrum Kloten ins Quartier Steinacher. Ein Gebiet, das im Gegensatz zu Affoltern eher ungenügend erschlossen ist durch den ÖV.
Das sind keine guten Aussichten fürs Tramprojekt Affoltern. Denn dort geht es schlussendlich „nur“ um die Substitution der Trolleybuslinie 32 durch ein Tram. Das bedeutet zwar mehr Komfort und einen Kapazitätsausbau pro verkehrendem Fahrzeug. Aber nicht mehr.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Am Zehntenhausplatz in Affoltern haben die Verkehrsbetriebe Zürich einen Inforaum für das Tramprojekt eingerichtet. Er ist jedoch nur mittwochs von 14 bis 16 Uhr offen. Bild: Lorenz Steinmann
Trotzdem will der Gemeinderat den Regierungsratsentscheid nicht auf sich sitzen lassen. Das Stadtzürcher Parlament beschloss deshalb im Frühling 2025 eine Art Sonderkredit, um das erst später fliessende Geld des Kantons vorzuschiessen. Die linke Mehrheit war dafür, einen Sololauf zu starten. Dazu muss die Stadt nun bis Anfang September Antwort geben. Erwartet wird eine Monstervorlage an den Gemeinderat, die später dann auch vors Volk kommen soll.
Ein Vorschuss von 325 Millionen Franken
Die Abstimmungsvorlage würde wohl nicht nur die Details der Streckenführung inklusive zweier neuer Erholungspärke mit den Namen Furttalpark und Stadtplatz Glaubten enthalten. Nein, vor allem ginge es um die Ausgaben von besagten 325 Millionen Franken, die der Kanton (noch) nicht bereit ist zu zahlen. Dabei müsste die Stadt für die Tramlinie mit ein bisschen mehr Geduld eigentlich lediglich einen Anteil von 22 Millionen Franken beitragen.
Dazu kommen aber 110 Millionen der Stadt für parallele Projekte. Etwa ein Rechtsabbieger bei der Kreuzung Wehntaler- und Regensbergstrasse und die erwähnten beiden Parks.
Als dritter Geldgeber dabei wäre bei der Realisierung der neuen Tramlinie der Bund mit gut 23 Prozent der Kosten, was Stand heute gut 100 Millionen Franken ausmacht. Jener Beitrag ist aber an die Bedingung gekoppelt, dass das Tram Affoltern Teil im Agglomerationsprogramm der kommenden Jahre bleibt und mit dem Bau vor 2029 begonnen wird.
Hier an der Kreuzung Wehntalerstrasse und Binzmühlestrasse bei der Glaubtenkirche soll ein Park entstehen. Speziell ist, dass jene Bäume dem Tramprojekt zugerechnet werden. Bild: Lorenz Steinmann
Stadt zählte die Bäume nochmals nach
Das sind ein bisschen viele Wenn und Aber. Hinzu kommen noch gewichtige politische Player wie die Zürcher Sektion des Verkehrs-Clubs der Schweiz – kurz VCS. Laut Grünen-Kantonsrätin und Co-Geschäftsleiterin Gabi Petri ist die VCS-Einsprache gegen das Tramprojekt immer noch hängig. Es fand nicht einmal ein Treffen der beiden Parteien statt. Gabi Petri sagt zu Rathuus, dass sich Regierungsrätin Carmen Walker Späh und Stadtrat Michael Baumer (beide FDP) ein bauliches Denkmal setzen wollen würden, nachdem es mit dem Rosengartentunnel nicht geklappt habe. Kompromissbereitschaft habe man in Vorgesprächen keine gespürt.
Der VCS kritisiert das Projekt als überrissen, weil es bis zu zehn Meter breitere Verkehrswege gäbe und die Fällung von 682 Bäumen geplant sei. Hier weckt eine neue Anmerkung der VBZ zusätzliche Aufmerksamkeit. Denn das Verkehrsunternehmen sagte auf Anfrage, man habe „aufgrund des grossen öffentlichen Interesses 2024 ein Baumkonzept erstellt“. Und weiter: „Mit dem Baumkonzept verfügen wir nun über eine präzisere Datengrundlage. Gemäss aktuellem Stand des 2024 erarbeiteten Baumkonzepts müssen im öffentlichen Raum 564 Bäume von 606 gefällt werden.“ 851 würden neu gepflanzt. „Zusätzlich werden auf angrenzendem privaten Grund 118 Bäume gefällt“, so die VBZ.
Immerhin entkräften die VBZ damit ein Gerücht im Quartier: In der Affoltemer Bevölkerung wurde gemunkelt, dass viel mehr Bäume gefällt werden müssten als ursprünglich kommuniziert. Doch neu für die Öffentlichkeit ist, dass immerhin 118 Bäume auf privatem Grund daran glauben müssen. Ob da alle Grundstücksbesitzerinnen und -besitzer ihre Freude daran haben, darf bezweifelt werden. Vor allem, wenn die Stadt anderswo bei Baumfällungen ziemlich zurückhaltend ist.
Das wird wohl noch für Diskussionen bei der Bevölkerung sorgen: 118 Bäume auf Privatgrund müssten fürs Tramprojekt weichen. Bild: Lorenz Steinmann
Durchaus als Kniff darf man zudem die Auslegung der Stadt interpretieren, dass bei der als positiv herausgestrichenen Baumbilanz („Die Gesamtzahl der zu fällenden Bäume beträgt somit nach wie vor 682 wie ursprünglich kommuniziert, nämlich 564 + 118.“) einfach jene Neupflanzungen in den geplanten Pärken Furttalpark und Stadtplatz Glaubten dazugezählt werden.
Geld vorstrecken als „politische Zumutung“
Nun kann man gespannt sein, was die Stadt und die VBZ, welche laut der Verwaltung beim Projekt den Lead haben, dem Gemeinderat präsentieren werden. GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim aus Seebach sagte im Parlament: „Es geht gar nicht ums Tram. Es geht um eine unübliche Vorfinanzierung für den öffentlichen Verkehr.“ Dass die Stadt vorstrecken soll, ohne Sicherheit, dass der Kanton das Geld je zurückzahlt – für Sobernheim eine politische Zumutung. Er fragte rhetorisch: „Sie sagen uns im Ernst, dass der Kanton dieses Geld der verhassten Stadt Zürich zurückzahlen würde?“
Schon einmal die Rechnung ohne den Wirt machten die VBZ übrigens in den 70er-Jahren, als sie das Tramtunnel vom Milchbuck nach Schwamendingen bohren liessen. In der festen Annahme, das sei der Beginn des Zürcher U-Bahnnetzes. Danach sagte aber das Stimmvolk Nein trotz vollendeter Tatsachen. Ungenutzt blieb der Tunnel immerhin nicht. Er wird von den Tramlinien 7 und 9 befahren.
In einer ersten Text-Version stand, dass der Bund als dritter Geldgeber fürs Tramprojekt dabei wäre, wenn das Tram Affoltern Teil im Agglomerationsprogramm der kommenden Jahre bleibt und mit dem Bau vor 2028 begonnen wird. Richtig ist, dass es sich um das Jahr 2029 handelt.
Die Grossbaustelle am Verkehrsknotenpunkt Kreuzplatz in Zürich ist eines von verschiedenen Beispielen, wo Bedürfnisse des Gewerbes und der Stadt aufeinanderprallen. Bild: Lorenz Steinmann
Pascal Turin
In der Stadt Zürich wächst die Beschäftigung insgesamt, doch das Gewerbe tritt auf der Stelle. Dies zeigt eine neue Studie. Ein Problem neben den vielen Baustellen könnten die hohen Mieten für Gewerbeflächen sein. Eine Analyse.
Der Tenor der Kritikerinnen und Kritiker: Nach der Sanierung der Forchstrasse im vergangenen Jahr und der sowieso schon polarisierenden Rad-WM 2024 kommt es nun schon wieder zu starken Beeinträchtigungen für die Läden und Restaurants.
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Stadt beschwichtigt und setzt auf Information
„Die Stadt ist sich bewusst, dass Baustellen oder Grossanlässe wie die Rad- und Para-Cycling-WM mit Einschränkungen verbunden sind“, heisst es auf Anfrage beim Präsidialdepartement. Genau deshalb setze sie alles daran, die Auswirkungen für Anwohnende und Gewerbetreibende möglichst gering zu halten. „So geschehen beim erwähnten Beispiel vom Kreuzplatz, wo die Bauzeit durch intensive Arbeiten zwischen Mai und Dezember 2025 möglichst kurzgehalten wird“, sagt Sebastian Hos, Stabsmitarbeiter der Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP).
Und weiter: Die Stadt stehe im Austausch mit Anwohnenden und Gewerbe, informiere regelmässig über Anwohnerrundschreiben und habe vor Baustart eine öffentliche Informationsveranstaltung für das Quartier und das lokale Gewerbe durchgeführt. Auch bei der Rad- und Para-Cycling-WM sei mit Bekanntgabe der Verkehrsmassnahmen Anfang 2023 frühzeitig kommuniziert worden. „Insgesamt wurden durch die Dienstabteilung Verkehr 650 Begehungen, Gespräche und Informationsanlässe mit Stakeholdern durchgeführt, darunter zahlreiche Termine mit den Gewerbevereinen und einzelnen Gewerbetreibenden“, betont Hos.
Die permanente Sperrung des Limmatquais während zehn Tagen im September 2024 für die Rad-WM sorgte für ziemlichen Missmut beim Gewerbe. Bild: Lorenz Steinmann
Nun macht aber auch eine Studie klar, dass in Sachen Gewerbe in der Limmatstadt definitiv nicht alles rund läuft. „Die Beschäftigung in der Zürcher Wirtschaft ist von 2011 bis 2022 stark gestiegen. Das Gewerbe hingegen hat stagniert“, heisst es in einer im Juli verschickten Medienmitteilung der Stadtentwicklung Zürich, die zum Präsidialdepartement gehört.
Gewerbestudie ermöglicht interessante Einblicke
2022 arbeitete rund jeder siebte Beschäftigte (13,8 Prozent) in Zürich im Gewerbe, wie einer Auswertung der Statistik der Unternehmensstruktur 2011 bis 2022 zu entnehmen ist. Gemäss der Stadtentwicklung werden als Gewerbe Kleinst- und kleine Unternehmen bis 49 Vollzeitstellen in den Bereichen Produktion und Handwerk, Reparatur und Instandhaltung, Gastronomie, Handel sowie quartierbezogene Dienstleistungen verstanden. Also zum Beispiel Autogaragen, Bäckereien, Coiffeursalons, Optikergeschäfte, Restaurants, Schreinereien oder Wäschereien.
Unterschieden wird zudem zwischen publikumsorientierten Gewerblern mit starkem Bezug zum Quartier und produzierenden Unternehmen. „Zum publikumsorientierten Gewerbe zählten 2022 total 43’653 Beschäftigte in 7871 Arbeitsstätten“, heisst es in der Mitteilung. Die Zahl der Beschäftigten und der Arbeitsstätten sei zwischen 2011 und 2022 je um 5 Prozent gestiegen. „Im produzierenden Gewerbe waren es 2022 noch 30’604 Beschäftigte in 6431 Arbeitsstätten“, so die Stadtentwicklung. Das entspreche einem Rückgang von 10 beziehungsweise 1 Prozent.
Das publikumsorientierte Gewerbe war 2022 in der Innenstadt zahlenmässig stark vertreten. Spitzenreiter war das Quartier City (Bahnhofstrasse, Paradeplatz und Co.) mit total 4865 Beschäftigten.
Im produzierenden Gewerbe gab es mit Altstetten und seinen 4345 Beschäftigten eine klare Nummer Eins. An zweiter Stelle folgte Seebach mit 2743 Beschäftigten.
Die meisten Gewerbe-Beschäftigten in der Branche Handel fanden sich laut Studie 2022 im Quartier City mit 3076 Personen (ganze Stadt total 24’930 Beschäftigte).
In der Gastronomie(19’055) dominierte das Quartier Langstrasse mit 2403 Beschäftigten.
Für viele Diskussionen wegen schlecht zugänglichen Gewerbebetrieben sorgte die Baustelle an der Badenerstrasse. Die Sperrung dauerte mit Unterbrüchen von Mai 2024 bis Juni 2025. Bild: Lorenz Steinmann
Im Communiqué, das die Stadt zur Gewerbestudie 2025 verschickt hat, lässt sich Anna Schindler zitieren. „Die Stadt Zürich setzt sich gemäss ihren Strategien Zürich 2040 für eine diversifizierte Wirtschaft ein“, so die Direktorin der Stadtentwicklung. Das Gewerbe trage massgeblich zum Erhalt der Vielfalt an Branchen und Fachkräften in Zürich bei. Schindler, die die Dienstabteilung seit 2011 leitet: „Attraktive Rahmenbedingungen für das Gewerbe und die gesamte Wirtschaft sind daher ein zentrales Ziel der Stadt.“
Wir wollten wissen, wie solche Rahmenbedingungen konkret aussehen.
„Die verlässliche Finanz- und Steuerpolitik der Stadt Zürich ist eine zentrale Rahmenbedingung für eine möglichst hohe Planbarkeit bei den Unternehmen“, betont Sebastian Hos vom Präsidialdepartement. Die städtischen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, in Schulen sowie Betreuungsangebote und Erholungsräume seien wichtig für die hohe Standortqualität. Sie würden das Rekrutieren und Halten von Fachkräften in verschiedensten Berufen erleichtern.
Dem gegenüber stehen Aussagen der City-Vereinigung Zürich. Sie hat im Juni ihre Mitglieder dazu aufgerufen, bei der aktuellen Firmenbefragung der Stadt die Stimme zu erheben: „Als Wirtschaftsverband stellen wir fest, dass viele unternehmerische Anliegen zu wenig gehört werden – sei es bei den hohen Gewinnsteuern, dem massiven Abbau von Parkplätzen, der mühsamen Baubewilligungspraxis oder dem steigenden Regulierungsdruck.“
Auf dem Kochareal realisiert die Stadt Zürich ein weiteres Gewerbehaus. Das Bild stammt von der Baustellen-Webcam und zeigt den Baufortschritt am 14. August 2025. Bild: zvg
Auf dem Koch-Areal entsteht ein Gewerbehaus
Die seit 2005 von der Stadt durchgeführten Firmenbefragungen zeigen ausserdem, dass sich Verfügbarkeit und Mietpreisniveau von Produktions- und Verkaufsflächen für kleinere Unternehmen verschlechtert haben. Das zu ändern, dürfte allerdings schwierig sein.
Mit der Bau- und Zonenordnung (BZO) 2016 sind immerhin die verbliebenen Industriezonen in Zürich vorerst gesichert. Der Erhalt der Industriezonen könnte für die Zukunft der zahlreichen Gewerbebetriebe in der Stadt entscheidend sein. „Nur in den Industriezonen sind stark störende wirtschaftliche Tätigkeiten, wie sie beispielsweise in der Produktion oder Logistik vorkommen können, überhaupt noch zulässig“, erklärt Stabsmitarbeiter Sebastian Hos. Zudem seien die Boden- und die Mietpreise aufgrund der Nutzungsbeschränkungen tiefer als in anderen Zonen.
In der BZO gelten an ausgewählten Lagen spezielle Bestimmungen zugunsten publikumsorientierter Nutzungen wie Restaurants oder Verkaufsgeschäfte in den Erdgeschossen. „Liegenschaften Stadt Zürich vermietet in den eigenen Liegenschaften preisgünstige Gewerberäume insbesondere auch an kleingewerbliche Betriebe“, sagt Hos. Ausserdem, fügt er an, dass die Stadt die Realisierung von Gewerbehäusern im Baurecht wie beim Gewerbehaus West in Altstetten, dem Örlikerhus in Zürich-Nord oder neu dem Gewerbehaus MACH auf dem Koch-Areal ermögliche.
Fazit: Das wirtschaftliche Wachstum in Zürich ging nicht auf das Konto des Gewerbes. Wie es von der Stadt heisst, findet regelmässig Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus den unterschiedlichsten Branchen und Wirtschaftszweigen statt. Die Gewerbestudie 2025 ist insofern also eine wichtige Grundlage für die Verwaltung und die Politik, um die aktuelle Situation zu beurteilen und mögliche Verbesserungen anzustossen. Ob das allerdings reicht, um das Zürcher Gewerbe zu stärken, wird sich zeigen.
GLP-Gemeinderätin Serap Kahriman will in Zürich Stadträtin werden. Ob sie auch fürs Stadtpräsidium kandidiert, lässt sie derzeit noch offen. Sie wäre die bisher einzige Frau, die sich zur Wahl stellt. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Serap Kahriman ist GLP-Gemeinderätin in Zürich und kandidiert für den Stadtrat. Im Rathuus-Fragebogen zeigt die 35-Jährige auf, was sie von den Politikerinnen Sanna Marin und Jacinda Ardern hält und erinnert daran, dass das Leben in Zürich für Familien mit zwei Einkommen herausfordernd ist.
Serap Kahriman, wie wurden Sie politisiert? Weil ich angeblich keine „echte“ Eidgenossin sei. Und durch alt Bundesrat Christoph Blocher (SVP). Danke dafür.
Was wollten Sie als Kind werden? Lehrerin. Weil ich schon früh gern erklärt habe, wie die Welt funktioniert, ob es jemand hören wollte oder nicht. Heute mache ich das halt im Parlament.
„Der Mittelstand trägt vieles mit und hält vieles am Laufen, bleibt aber in den politischen Debatten oft vergessen.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Für die Vermögenden wird lobbyiert, Personen mit tiefen Einkommen werden staatlich unterstützt – und dazwischen? Der Mittelstand trägt vieles mit und hält vieles am Laufen, bleibt aber in den politischen Debatten oft vergessen. Mich beschäftigt, wie wir Zürich nachhaltig gestalten können, ohne diese Menschen aus dem Blick zu verlieren – gerade auch Familien mit zwei Einkommen, für die das Leben in der Stadt spürbar teurer und herausfordernder wird.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Ich bin Mitglied der GLP – also grün und liberal. Das sind manchmal schon Abwanderungsgelüste genug. Aber im Ernst: Wer nie kritisch hinterfragt, hat das mit der Politik nicht ganz verstanden.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ja, zuletzt für die Familienzeit-Initiative. Und ich sage es ehrlich: Es ist jedes Mal eine Charakterprüfung. Die einen ignorieren dich, die anderen halten dich für das Allerletzte oder das Beste und wiederum andere diskutieren drei Stunden lang über alles – nur nicht über das Anliegen.
„Moralische Staatsmänner? Da kann ich nur lachen. Moralische Staatsfrauen? Sanna Marin. Weil öffentlich tanzen durchaus moralisch ist.“
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Moralische Staatsmänner? Da kann ich nur lachen. Moralische Staatsfrauen? Sanna Marin (ehemalige finnische Ministerpräsidentin, Anm. d. Red.). Weil öffentlich tanzen durchaus moralisch ist.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit Jacinda Ardern (ehemalige Premierministerin von Neuseeland, Anm. d. Red.), um über Empathie in der Politik zu diskutieren und darüber, wie man dabei nicht zynisch wird.
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Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Die Wirtschaft Ziegelhütte.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Ja und ja – am liebsten bei der Verkäuferin vor dem Coop Eleven in Oerlikon und weil darin Stimmen laut werden, die sonst selten gehört werden.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Einiges: Arabisch lernen, Saz spielen (türkisches Saiteninstrument, Anm. d. Red.), eine Bouillabaisse kochen und die praktische Segelprüfung.
„Ich halte nicht viel von Personenkult, denn es endet oft in Autokratien. Aber wenn, dann: meine zweijährige Tochter. Sie hat mein Leben bedeutend umgekrempelt.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin oder der bedeutendste Zürcher? Ich halte nicht viel von Personenkult, denn es endet oft in Autokratien. Aber wenn, dann: meine zweijährige Tochter. Sie hat mein Leben bedeutend umgekrempelt.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Mehr als von Politik ohne Haltung.
„Was mein grösster politischer Erfolg war bisher? Als mir ein junger Mann sagte, er fühle sich durch meine politische Arbeit gesehen. Das ist mehr wert als jeder erfolgreiche Vorstoss – denn unsere Parlamente sind noch lange nicht für alle zugänglich.“
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Als mir ein junger Mann sagte, er fühle sich durch meine politische Arbeit gesehen. Das ist mehr wert als jeder erfolgreiche Vorstoss – denn unsere Parlamente sind noch lange nicht für alle zugänglich.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Ich verstehe die Frage nicht.
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Zurück ins historische Rathaus! Enge Räume wie im britischen Unterhaus: da rückt man näher zusammen und findet vielleicht sogar bessere Kompromisse.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Was für eine Frage für eine Schweizerin mit türkischen Wurzeln! Am liebsten aber: Iskender Kebab.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Taylor Swift, aber nur, weil sie öffentlich gegen Donald Trump Stellung bezogen hat.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Das vorgeschlagene iPhone-Hintergrundbild. Ich bin zu faul, es zu ändern. Choose your battles wisely.
Worauf freuen Sie sich? Darauf, dass der Fragebogen bald endet. Und auf die Stadtratswahlen vom 8. März 2026.
Und worüber können Sie lachen? Über viele meiner Unfähigkeiten – etwa, vulnerability (Verletzlichkeit, Anm. d. Red.) korrekt auszusprechen oder eine Zeitung von vorne nach hinten zu lesen, wie der Rest der Menschheit.
Serap Kahrimans Familie stammt ursprünglich aus der Türkei. Ihr Grossvater kam in den 60er-Jahren in die Schweiz, um hier zu arbeiten. Kahriman wurde 1990 in der Schweiz geboren und wuchs im Toggenburg auf. „Zuhause erlebte ich die türkische Kultur, während die Schweiz immer meine Heimat war – damals wie heute. Die Verbindung dieser beiden Welten hat mich immer bereichert und tut es noch heute“, so die GLP-Gemeinderätin auf ihrer Website.
Nach ihrer Lehre zur Gärtnerin entschied sie sich, einen neuen Weg zu gehen und zu studieren. Zuerst erlangte sie einen Bachelor in Wirtschaftsrecht an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. 2018 schloss sie ihren Master in Rechtswissenschaften an der Universität Luzern ab. Nachdem sie über fünf Jahre in der Versicherungsbranche als Kader-Mitglied gearbeitet hatte, startete sie nach der Geburt ihrer Tochter im Jahr 2023 einen Neuanfang. Serap Kahriman leitet heute die Koordinationsstelle für Umweltschutz beim Kanton Schaffhausen. Ausserdem arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Rechtsdienst des Departements des Innern.
Serap Kahriman wohnt mit ihrer Familie in Unterstrass. Die GLP-Gemeinderätin (seit 2022) präsidiert die Sachkommission Finanzdepartement. Ausserdem kandidiert sie für den Stadtrat von Zürich, nachdem sie schon 2022 einen Versuch mit beachtlichem Erfolg wagte, damals als Kandidatin für die Jungen Grünliberalen. Offen ist zurzeit, ob sie oder ihr Parteikollege und amtierender Stadtrat Andreas Hauri, Vorsteher des Gesundheits- und Umweltdepartements, fürs Amt des Stadtpräsidiums kandidiert.
So sah das Hardturm-Stadion 1987 aus. 2008 wurde es abgerissen. Bis der schon ewig geplante Neubau steht, dürfte es noch einige Zeit dauern. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1028-005-003, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Der Spielbetrieb in der Super League hat begonnen. Perfekte Gelegenheit für die Fans des FCZ und von GC, sich wirklich mal zu beweisen. Ein neues Hardturm-Stadion sollte es nur ohne ständige Ausschreitungen geben. Ein Kommentar.
Für die Stadtzürcher Clubs dürfte der Meisterpokal auch in der Saison 2025/26 unerreichbar bleiben, zumindest deuten das die bisherigen Leistungen an. Doch sollten sich am Ende entweder die Young Boys aus Bern, der FC Basel oder vielleicht sogar der FC Thun an der Tabellenspitze sonnen, wäre das kein Drama. Hauptsache, wir erleben in der Limmatstadt mal eine Saison ohne grössere Ausschreitungen.
Das erste Derby zwischen dem FC Zürich und den Grasshoppers steht zwar erst Anfang Oktober auf dem Spielplan, doch einige Unverbesserliche dürften sich schon heute auf die Scharmützel vor und danach freuen. Das ist sehr bedauerlich, weil die grosse Mehrheit der Zürcher Fussballfans einfach gern den Sport geniessen würde.
Das führt mich zu einem Gedanken, den vermutlich schon einige Personen hatten, die weder dem einen noch dem anderen der zwei Stadtzürcher Klubs besonders nahestehen. Warum genau sollten die Fans dieser Vereine mit einem neuen Fussballstadion auf dem Hardturm-Areal belohnt werden, wenn ein Teil von ihnen immer wieder marodierend durch die Quartiere zieht und alles vollsprayt, was nicht bei drei auf dem Baum ist?
Die Situation ist verzwickt.
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Streng genommen wollen übrigens die Vorsorgestiftungen der Credit Suisse gemeinsam mit ihren Projektpartnern bauen – und nicht die Bank selbst. Diese Einrichtungen blieben nach dem Niedergang der CS bestehen. Einziger Unterschied zu früher: Nach Abschluss der Integration der CS in die UBS soll für alle Mitarbeitenden in der Schweiz dasselbe Vorsorgemodell gelten. Ob aus heutiger Perspektive langfristig gesehen ein Stadion ein gutes Renditeobjekt ist, müssen Finanz-Fachleute entscheiden.
Nach diesem Banken-Exkurs soll ausserdem nicht vergessen gehen, dass sich die Stimmberechtigten demokratisch für ein neues Stadion ausgesprochen haben.
Doch der Letzigrund mit all seinen Vor- und Nachteilen als Fussball- und Leichtathletikstadion erfüllt eigentlich seinen Zweck: In Zürich kann auf professioneller Ebene Fussball gespielt werden. FCZ und GC sind nicht in einer Situation wie der FC Lugano und müssen ausweichen, wenn sie dereinst wieder einmal europäisch mittun dürfen.
Aus meiner Sicht geht es ums Prinzip. Es darf nicht sein, dass die Vereine für ihre Fans kaum Verantwortung übernehmen müssen, sobald diese ausserhalb des Stadions sind. Kollektivstrafen oder personalisierte Tickets sind vielleicht unpopulär und wohl sogar unfair, aber unter Umständen nötig, wenn sich trotz diverser Versuche niemand von den Verantwortlichen dazu durchringen kann, einmal Tacheles zu reden.
Das Gewaltproblem muss endlich gelöst werden. Und wenn sich gar nichts bewegt, dann soll die Stadt das Areal halt an die UBS zurückgeben. Mein Vorschlag: Eine Saison ohne Ausschreitungen – dann bringe ich den Spaten persönlich. Bis dahin bleibt er im Geräteschuppen.
Sie geben sich Mühe, einfallsreich zu wirken (v. l.): Pascal Turin trägt für die Folge extra ein Trikot der US-Fussball-Nati und Lorenz Steinmann outet sich als Anhänger der Kickers Offenbach. Bild: Stephanie Turin
Pascal Turin
Seit dem 1. August sind die USA für uns nicht mehr nur das Land der Burger, sondern das Land der Zölle. Die 13. Folge des Rathuus-Podcasts widmet sich darum Donald Trumps Zollhammer und dessen Konsequenzen für die Schweiz sowie den Kanton Zürich.
Die 13. Folge des Rathuus-Podcasts dreht sich um Trumps Zollhammer, der die Schweiz mit voller Wucht getroffen hat. Wir versuchen, die Konsequenzen einzuordnen und reden darüber, welchen Einfluss das wirtschaftsunfreundliche Gebaren der Weltmacht USA auf den Kanton Zürich haben könnte.
Während Lorenz Steinmann in der “Wochenzeitung WOZ” Bestätigung für seine Thesen findet, wildert Pascal Turin in der “Neuen Zürcher Zeitung”. Die beiden Rathuus-Gründer geben sich nicht nur Mühe, nicht auf Finanzministerin Karin Keller-Sutter (FDP) herumzuhacken, nein, sie nehmen die Bundespräsidentin sogar in Schutz.
Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann will in den Zürcher Stadtrat und für ihre Partei den vor sieben Jahren verlorenen Sitz zurückerobern. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Im indiskreten Rathuus-Fragebogen spricht Karin Weyermann die Polarisierung in der Politik an. Ausserdem erklärt sie, dass der einst angestrebte Kauf des CS-Uetlihofs im Nachhinein ein Fehler war. Die Mitte-Politikerin sitzt im Stadtzürcher Gemeinderat und will im März 2026 ein Mandat im Stadtrat erobern.
Karin Weyermann, wie wurden Sie politisiert? Bei uns zu Hause wurde das aktuelle Geschehen immer lebhaft diskutiert. Dazu gehörten auch die anstehenden Abstimmungen. Politik war somit schon immer Bestandteil meines Lebens. Letztendlich wurde ich 2006 als Listenfüllerin für die damalige CVP angefragt.
Was wollten Sie als Kind werden? Wahrscheinlich Zirkusartistin. Jedes Jahr gastierte der Zirkus Medrano bei uns in der Nachbarschaft und ich hatte dort ein Dauerabo.
„Derzeit bereite ich die Kampagne für meine Stadtratskandidatur vor. Generell macht mir die gesellschaftliche und politische Polarisierung Sorgen.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Derzeit bereite ich die Kampagne für meine Stadtratskandidatur vor. Generell macht mir die gesellschaftliche und politische Polarisierung Sorgen. In der Stadt Zürich äussert sich das beispielsweise in der immer ideologischer werdenden Verbotskultur von Links-Grün. Dem möchte ich entgegentreten und mich stattdessen für ein Miteinander und eine Politik mit Augenmass einsetzen.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Als ich für die CVP angefragt wurde, habe ich die Parteiprogramme studiert und mich entschieden, dass dies die richtige Partei für mich ist. Daran hat sich seither nichts geändert. Allerdings bin ich froh über den Namenswechsel und darüber, dass ich auf der Strasse nicht mehr erklären muss, dass wir unsere Politik nicht mit dem Papst abstimmen müssen.
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Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ja, schon diverse Male und ich finde das immer wieder eine spannende und bereichernde Erfahrung, da man dabei mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt kommt.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk. Sie erhielten zusammen den Friedensnobelpreis für ihre Versöhnungspolitik nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Sie sind für mich ein sehr gutes Beispiel, wie man gemeinsam Lösungen finden kann.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Am liebsten trinke ich mit ganz gewöhnlichen Leuten überall auf der Welt einen Tee. Die haben meistens die spannendsten Geschichten und so lernt man Land und Leute am besten kennen.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Ich liebe das syrische Essen im „Sham“. Im „Brisket“ gibt es tolles Fleisch.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Unregelmässig. Letztes Mal wohl, als „unsere“ lokale Surprise-Verkäuferin darin porträtiert wurde.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Eine längere Weltreise.
„Als Fraktionspräsidentin arbeitete ich am Kompromiss zum Vermietungsreglement der Stadt Zürich mit. Da konnten wir erreichen, dass die Belegungsvorschriften und Einkommenslimiten auch während des laufenden Mietverhältnisses überprüft werden und die städtischen Wohnungen damit denjenigen zugutekommen, welche finanziell darauf angewiesen sind.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin oder der bedeutendste Zürcher? Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin der Fraumünsterabtei, übergab diese mit allen dazugehörigen Gütern freiwillig dem Rat von Zürich und trug damit wesentlich zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt Zürich bei.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Wenn es für beide passt, warum nicht.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Als Fraktionspräsidentin arbeitete ich am Kompromiss zum Vermietungsreglement der Stadt Zürich mit. Da konnten wir erreichen, dass die Belegungsvorschriften und Einkommenslimiten auch während des laufenden Mietverhältnisses überprüft werden und die städtischen Wohnungen damit denjenigen zugutekommen, welche finanziell darauf angewiesen sind.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Ich habe mich sehr für den Kauf des Uetlihofs (riesiger Bürokomplex beim Albisgüetli, der einst der Credit Suisse gehörte, Anm. d. Red.) durch die Stadt Zürich eingesetzt. Im Nachhinein bin ich froh, dass der Gemeinderat anders entschieden hat.
„Im Rathaus Hard sind die Platzverhältnisse natürlich sehr komfortabel. Allerdings vermisse ich den Charme des historischen Rathauses durchaus.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Im Rathaus Hard sind die Platzverhältnisse natürlich sehr komfortabel. Allerdings vermisse ich den Charme des historischen Rathauses durchaus. Und dadurch, dass es nur einen Eingang in den Ratssaal hatte, kam man über die Parteigrenzen hinaus viel mehr miteinander in Kontakt.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Poulet-Kebab.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Taylor Swift.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Eigentlich immer ein Landschaftsfoto von einer Reise. Derzeit die tiefstehende Wintersonne in der Nähe von Tromsø in Norwegen über einem See.
Worauf freuen Sie sich? Darauf, die Weiten und die Tiere von Alaska während sechs Wochen zu entdecken (Karin Weyermann füllte den Fragebogen am 28. Juli aus, Anm. d. Red.).
Und worüber können Sie lachen? Über mich selbst. Das ist notwendig, da ich manchmal etwas schusselig bin.
Karin Weyermann ist 41 Jahre alt, Präsidentin der Stadtpartei der Mitte und Mitglied in der Leitung der Kantonalpartei. Die Rechtsanwältin politisiert seit insgesamt elf Jahren im Gemeinderat – mit einem Unterbruch von vier Jahren, nachdem ihre Partei bei den Wahlen 2018 aus dem Parlament ausgeschieden ist. Weyermann tritt als Kandidatin der Mitte für die Gesamterneuerungswahlen des Stadtrats von Zürich an. Die Wahlen finden am 8. März 2026 statt.
Sieben Jahre ist es her, seit die Mitte-Partei ihren Sitz in jener Exekutive eingebüsst hat; der gebürtige Walliser Gerold „Geri“ Lauber war 2018 nach zwölf Jahren im Amt nicht mehr zur Wiederwahl angetreten. Weyermann arbeitet als Bezirksratsschreiberin in Pfäffikon ZH und lebt mit ihrem Partner in Oerlikon. Aufgewachsen ist Karin Weyermann in Witikon und fühlt sich mit jenem Quartier immer noch sehr verbunden.
Ein grosses Hobby von Karin Weyermann ist das Reisen. Daneben spielt sie Klarinette in der Polizeimusik Zürich-Stadt. Zudem fährt sie gerne Ski und liebt es, in den Bergen zu wandern. Ausserdem ist Weyermann Fussballfan. Ihr Herzensverein sind die Grasshoppers. Beim 1. FC Köln ist Karin Weyermann sogar Mitglied. Eben sind die Kölner wieder in die 1. Bundesliga aufgestiegen.
Das muslimische Grabfeld in Witikon besteht schon seit gut 20 Jahren. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Nach muslimischer Tradition gibt es die ewige Grabesruhe – doch diese ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn auch in der Stadt Zürich beträgt sie die üblichen 20 Jahre, was öffentlich bekannt ist. Trotzdem haben SVP-Politiker eine Anfrage dazu eingereicht.
Und weiter: „Die Gebeine im Boden werden nicht angetastet.“ Diese Regelung wurde in einer Vereinbarung zwischen der Stadt Zürich und der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich festgelegt. Zwar darf nach islamischer Auffassung die Totenruhe nicht mehr gestört werden, doch ist das eher symbolisch gemeint und einer Wiederbelegung steht auch im internationalen Kontext nichts im Wege. Für einmal war die Stadt Zürich beim Thema aber nicht Pionier. Das erste Grabfeld für Musliminnen und Muslime wurde in der Deutschschweiz bereits im Jahr 2000 auf dem Bremgarten-Friedhof in Bern eingerichtet.
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2024 folgte der Friedhof Eichbühl
Neben dem Grabfeld auf dem Friedhof Witikon folgte 2024 ein weiteres muslimisches Grabfeld auf dem Friedhof Eichbühl in Altstetten. Vielleicht brachte dieses zweite Grabfeld zwei SVP-Politiker auf die Idee, im April zu den Grabstätten eine Anfrage im Stadtparlament einzureichen.
Im Kern ging es darum, dass die SVP eine Ungleichbehandlung der Religionen vermutete. Die beiden Parlamentarier monierten gemäss der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass die jüdischen Gemeinden ihre Friedhöfe selbst finanzieren müssten und die Gräber der Christen und Atheisten nach zwanzig Jahren aufgehoben würden. „Muslime haben jedoch eine garantierte ewige Grabesruhe, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen“, schrieben die Gemeinderäte Samuel Balsiger und Michele Romagnolo in ihrer Anfrage. Dass wesentliche Fragen öffentlich zugänglich beantwortet werden, spielte da offensichtlich keine Rolle.
Trotzdem verzichtete der Stadtrat in seiner Antwort auf Belehrungen. Fazit: Wie alle anderen Reihengräber werden auch jene im Grabfeld für Muslime nach einer Ruhezeit von gewöhnlich zwanzig Jahren geräumt. Eine längere Dauer sei zwar möglich, aber nur mit Mietgräbern. Diese werden für dreissig Jahre vergeben, wobei der Vertrag verlängert werden kann. Solche Mietgräber stehen allen Personen offen. Was hingegen bleibt, sind die menschlichen Überreste im Boden. Wie der Stadtrat schreibt, werden in den geräumten Grabfeldern später wieder Tote bestattet. Und weiter: Ein Kapazitätsproblem gebe es bei den muslimischen Gräbern nicht. Erst in etwa achtzig bis hundert Jahren würden die Reihengräber vollständig belegt sein.
Von Adliswil bis Wetzikon
Zugutezuhalten ist den SVP-Vertretern immerhin, dass dank ihrer Anfrage nun bekannt ist, dass 33 Gemeinden aus dem Kanton Zürich einen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen haben. So können auch sie ihre muslimischen Toten in der Zwinglistadt beerdigen.
Konkret sind dies Adliswil, Bassersdorf, Bonstetten, Dällikon, Dänikon, Dielsdorf, Dietikon, Dübendorf, Egg, Hinwil, Hittnau, Hüttikon, Kloten, Lufingen, Niederhasli, Niederweningen, Nürensdorf, Opfikon-Glattbrugg und Pfäffikon sowie Regensdorf, Richterswil, Russikon, Schleinikon, Schlieren, Schwerzenbach, Stäfa, Thalwil, Uitikon, Urdorf, Wädenswil, Wallisellen, Wangen-Brüttisellen und Wetzikon.
Spannend ist, dass besagte Gemeinden der Stadt Zürich für ein muslimisches Kindergrab 1900 Franken bezahlen und für ein Reihengrab für Erwachsene sogar 3800 Franken. Ob und wie die einzelnen Gemeinden diese Kosten an die Hinterbliebenen abwälzen, geht aus der Antwort nicht hervor.
So verteilt sich die Religionszugehörigkeit im Kanton Zürich
Total wohnen im Kanton Zürich etwa 1,6 Millionen Menschen (Stand Ende 2024). Gut 40 Prozent der Bevölkerung sind konfessionslos. Nach den Reformierten und den Katholiken, die ungefähr gleich viele Mitglieder haben (je etwa 300’000), folgen die Islamischen Glaubensgemeinschaften mit gegen 100’000 Mitgliedern. Jüdischen Glaubensgemeinschaften gehören gut 6500 Menschen an.
Am 27. Mai 1990 gab es für Hans Künzi einen Grund zum Feiern, nämlich die Eröffnung der Zürcher S-Bahn. Hier ist der Politiker mit einem herzigen Glückssäuli zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1943-021-007
Pascal Turin
Hans Künzi förderte nicht nur den öffentlichen Verkehr, er war auch IT-Pionier. Der Mathematiker und spätere FDP-Regierungsrat befasste sich zudem mit der Frage, welches Kampfflugzeug die Schweiz beschaffen sollte. Doch der Vorschlag seines Teams wurde vom Bundesrat abgeschossen.
Es gibt diesen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom Mai 1991. Erschienen in einer Samstagsausgabe mit gesamthaft sage und schreibe 108 Seiten und ganz vielen Anzeigen. Der Text könnte fast als Liebesbrief durchgehen, eine Huldigung ist er definitiv. Vielleicht lässt sich der Mensch Hans Künzi damit am besten beschreiben. „Seit dem 7. April ist die Zusammensetzung des Regierungsrates für die am kommenden Montag, 6. Mai, mit der Konstituierung beginnende Amtsdauer 1991 bis 1995 bekannt.“ Die Stimmberechtigten hätten alle bisherigen und wiederkandidierenden Regierungsmitglieder in ihrem Amt bestätigt und sie hätten anstelle der beiden Zurücktretenden Hans Künzi und Jakob Stucki Ernst Homberger und Moritz Leuenberger als neue Regierungsräte gewählt.
„Wer aber geglaubt haben sollte, der noch bis am Montag amtierende Regierungspräsident, Hans Künzi, verbrächte seine letzten Tage als Direktor der Volkswirtschaft, der er nun seit 21 Jahren vorgestanden ist, in mehr oder weniger melancholischer Abschiedsstimmung in seinem Büro im Kaspar-Escher-Haus, sähe sich arg getäuscht“, schrieb die NZZ. Die auswärtigen und verwaltungsinternen Termine und Verpflichtungen würden nicht abreissen, „ja sie scheinen sich zu häufen wie noch nie, und sie werden vom amtsältesten der Regierungsräte mit unverminderter Freude, ja mit Vergnügen, mit ungeschmälertem Schwung und Optimismus wahrgenommen wie am ersten Tag“, schwärmte der Journalist.
Erst ein Jahr zuvor durfte Künzi (1924–2004) den Höhepunkt seiner Politkarriere feiern: die offizielle Eröffnung der Zürcher S-Bahn am 27. Mai 1990, als deren Vater der Freisinnige bezeichnet wird.
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Künzi war als Regierungsrat beim Volk beliebt
Lange bevor seine politische Laufbahn begann, war der gebürtige Oltener im Herbst 1943 für sein ETH-Studium nach Zürich gezogen und hatte sich für Mathematik und Physik eingeschrieben. 15 Jahre später, im Jahr 1958, fand die Familie Künzi eine Mietwohnung an der Stockerstrasse. „Zwischen Paradeplatz und Bahnhof Enge gelegen, bot sie für Hans Künzi den idealen Ausgangspunkt, um den damaligen und späteren beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Gehdistanz oder mit dem öffentlichen Verkehr bequem nachgehen zu können“, schreibt Historiker Joseph Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Die Wohnung sei bis zum Tod des Politikers sein Zuhause geblieben. „Die Stockerstrasse war nun aber wenig kinderfreundlich: stark befahren, und Grünflächen gab es in der direkten Umgebung nicht“, heisst es in der Biografie. Hans und Magdalen Künzi bauten darum in der Nähe von Einsiedeln ein Ferienhaus – als Wochenendrefugium.
Künzi wollte sich in der Limmatstadt politisch engagieren. Doch das wurde ihm gar nicht so einfach gemacht. Im Kreis 2 hatte es der Wahl-Engemer nämlich nicht geschafft, bei Gemeinderatswahlen auf die vorderen Plätze der FDP-Liste gesetzt zu werden. Kantonal gelang ihm hingegen der Durchbruch – 1967 stellte er sich der FDP als Kantonsratskandidat zur Verfügung und wurde gewählt. 1970 kandidierte Künzi für den vakant gewordenen Sitz im Regierungsrat. Die Delegiertenversammlung der FDP nominierte ihn mit 158:0 Stimmen.
Die Nominierung Künzis sollte sich für die Freisinnigen auszahlen. In einer Ausmarchung gegen den bekannten SP-Kandidaten, Nationalrat und späteren Gewerkschafter Walter Renschler wurde er im Februar 1970 in den Regierungsrat gewählt. Er erzielte 70’640 Stimmen – rund 14’000 mehr als Renschler. Insgesamt 21 Jahre amtete der Mathematiker bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Viermal war Künzi Regierungsratspräsident.
„Bereits bei der ersten Gesamterneuerungswahl 1971 erzielte er das beste Resultat. Künzi wurde der beliebteste Regierungsrat aller Zeiten, wie ein ehemaliger Kollege das Phänomen Künzi doppelt zugespitzt formulierte“, hält Jung fest. Für diese Feststellung brauche es keine wissenschaftliche Erhebung und keine tiefgründigen Analysen. Die vorliegenden Fakten und Indizien würden vollauf genügen. Etwa die alle vier Jahre wiederkehrenden Regierungsratswahlen, bei denen Künzi stets hervorragende Resultate erzielt habe. „Man wird wohl auch niemanden finden, der persönlich etwas gegen Künzi gehabt hätte – trotz politischer Abgrenzungen“, heisst es im Buch.
In den Jahren 1971 bis 1987 politisierte Künzi zudem als Nationalrat – damals war es rechtlich noch möglich, gleichzeitig Mitglied in einer Kantonsregierung und des eidgenössischen Parlaments zu sein. Doch nicht nur politisch hatte der Zürcher viel bewegt. Als Professor schaffte Künzi für die Universität Zürich beispielsweise den ersten Computer an.
Universität ins Computerzeitalter verholfen
Künzi war 1958 mit 34 Jahren Professor für Operations Research und elektronische Datenverarbeitung an der Universität Zürich (UZH) geworden. Unter Operations Research wird der Einsatz von mathematischen Verfahren zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen verstanden. Ohne Computer hat man da keine Chance. Darum setzte sich der Mathematiker für die Anschaffung einer grossen elektronischen Datenverarbeitungsanlage ein.
Und so kam es: „Vier Jahre später schaffte dann die UZH mit dem IBM 1620 ihren ersten Computer an – dieses schreibtischgrosse Ungetüm wog eine halbe Tonne und konnte für die damalige Zeit phänomenale 20′000 Dezimalzahlen à 6 Bit speichern. Heutzutage würde, was die Rechenkapazität betrifft, jede Smartwatch jenen Koloss einfach pulverisieren“, schreibt die Universität dazu auf ihrer Website.
Historiker Joseph Jung beschreibt den Schritt der Uni Zürich ins Computerzeitalter in seinem Buch wie folgt: „Unter den staunenden Augen gleich mehrerer Regierungsräte wurden mit Seilwinden die einzelnen Elemente des Computers durch das grosse Treppenhaus des Hauptgebäudes hochgezogen, wo das Rechenzentrum im Eckraum unter dem Uni-Turm provisorisch untergebracht wurde.“
1966 wurde Künzi an die ETH gewählt und bekleidete fortan eine an den Zürcher Hochschulen seltene Doppelprofessur. 1967 folgte mit der IBM 360 an der Universität die Nachfolgelösung. Diese war allerdings noch grösser als der Vorgänger. „Die Installation wurde zu einem Spektakel, zu dem Künzi seine Frau und seine drei Kinder mitgenommen hatte“, so Jung.
Insgesamt 21 Jahre amtete Hans Künzi bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Hier ist er auf einem Foto aus dem Jahr 1971 zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C20-020-006-002
Bundesrat schiesst Kampfjet-Evaluation ab
Mit seinen wissenschaftlichen Methoden sollte Künzi einst ein neues Kampfflugzeug evaluieren. Der Kauf von Kampfjets führt bekanntlich in der Schweiz regelmässig zu Problemen. Die F-35A-Beschaffungsposse oder die Mirage-Affäre zeigen auf: Das mit den Kosten kriegen die Verantwortlichen in der Schweiz irgendwie nicht in den Griff. Weder 1961 mit den französischen Mirage-III-Kampfflugzeugen noch 2022 mit dem US-amerikanischen F-35A.
Wär es nach den Berechnungen des Zürchers gegangen, wäre die Schweizer Luftwaffe nie mit dem F-5 Tiger geflogen. In den 1960er-Jahren forschte er nämlich mit Mathematikern, Physikern, Ingenieuren, Computerspezialisten und Ökonomen zur Frage, welchen Kampfjet der Bund beschaffen sollte. Gestützt wurden die Analysen auf eine riesige Menge von Daten. Aus einer langen Liste von Kandidaten ermittelte Künzi mit seinem Team das US-Kampfflugzeug A-7 Corsair als dasjenige, das am besten für die Schweizer Luftwaffe geeignet war. Gesucht war eine Ergänzung zum Allwetter-Abfangjäger Mirage III. Es sollte ein Kampfflugzeug für den Erdkampf werden – also für den gezielten Angriff auf Panzer oder andere Bodenziele.
„Die ausgeklügelte wissenschaftliche Evaluation wurde ergänzt durch die praktische, welche die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen mit Testflügen durchführten“, schreibt Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Zu diesen Bewertungsansätzen seien volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte gekommen, die in eigenen Studien beleuchtet worden seien. „Doch dieses Rüstungsgeschäft, das sorgfältig wie zuvor keine andere vergleichbare Beschaffung vorbereitet wurde und das zudem den vorgegebenen Kreditrahmen von 1,3 Milliarden Franken nicht strapazierte, fiel 1972 im Bundesrat durch“, so Jung.
Laut Historiker und Alfred-Escher-Biograf Joseph Jung ist der Entscheid der Landesregierung auch aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar zu begründen.
Der Bundesrat wählte einige Jahre später den Tiger F-5E, heute bekannt durch die Flugshows der Patrouille Suisse. Der Tiger habe seine Wahl politischen Gründen und für ihn günstigen Konstellationen und Umständen zu verdanken, wie Jung schreibt. „Für den Erdkampfeinsatz – bei der Corsair-Evaluation entscheidendes Kriterium – war er nicht ausgerüstet.“ Er habe 1976 von einem Konzeptionswechsel profitiert. „Denn nun wollte man keinen Erdkämpfer mehr, sondern ein Flugzeug für den Raumschutz.“
Sie haben ihm ein Denkmal gebaut
Nach seinem Rücktritt als Regierungsrat 1991 betätigte sich Hans Künzi im Bereich der Non-Profit-Organisationen und unterstützte wissenschaftliche Stiftungen. Zum Beispiel war er von 1992 bis zu seinem Tod am 16. November 2004 Gründungspräsident der Karl-Schmid-Stiftung. Schmid war ein für die wissenschaftliche Entwicklung der Schweiz sehr wichtiger ETH-Rektor.
Aussergewöhnlich ist, dass einem ehemaligen Regierungsrat der Neuzeit ein Denkmal im öffentlichen Raum gewidmet wurde. Der Zugang von der Europaallee zum Hauptbahnhof Zürich ist nämlich auch ein Kunstwerk. Denn unter dem Dach leuchten rund 400 Neonringe. Erschaffen hat die Installation der Künstler Carsten Höller. Das Ganze soll ein Denkmal zu Ehren von Hans Künzi darstellen und das Bewegungssystem symbolisieren, welches er mit der S-Bahn geschaffen hat. Bei der Einweihung im September 2017 waren der damalige SBB-Chef Andreas Meyer, die FDP-Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh sowie der FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger anzutreffen.
Doch kommen wir zurück zum am Anfang erwähnten NZZ-Artikel. Der Text aus dem Jahr 1991 endete damit, dass Künzis Volksverbundenheit auf seiner Menschlichkeit gegründet habe – der Begriff sei in Gesprächen mit ihm regelmässig aufgetaucht. „Ein menschlicher Regierungsrat zu sein, darauf legte er grössten Wert, und es bedeutete ihm viel, wenn diese seine Stärke auf freundschaftliche Gegenliebe stiess und Anerkennung fand“, so die Tageszeitung. Für seine grosse Leistung im Dienste der Gemeinschaft, dafür, dass er sie auf diese menschliche Art und Weise erbracht habe, dürfe er „des Dankes des Zürchervolkes“ gewiss sein.
Joseph Jung: Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik. 192 S. www.pioniere.ch
Themenbezogene Interessenbindung des Autors: Pascal Turin ist Mitglied des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, der das Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“ herausgegeben hat.
Mikhail Shalaev (23) will für die Jung-FDP in den Stadtrat von Zürich. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Mikhail Shalaev ist Vizepräsident der Zürcher Jungfreisinnigen. Nun will er einen Sitz im Stadtrat von Zürich erobern. Im indiskreten Rathuus-Fragebogen thematisiert er seine Vorfahren aus der Sowjetunion und erzählt, was er als Kind werden wollte.
Mikhail Shalaev, wie wurden Sie politisiert? Wenn man Vorfahren hat, die in der Sowjetunion gelebt haben, ist einem bewusst, welche Gefahren der Kommunismus birgt. Die Schweiz ist gerade deshalb erfolgreich, weil die Freiheit seit jeher ein zentraler Wert ist. Dies hat mich fasziniert. Von Anfang an war es mir ein Anliegen, mich für den Erhalt dieser Freiheit einzusetzen.
Was wollten Sie als Kind werden? Journalist. Diesen Traum habe ich sofort verwirklicht: Als Kind habe ich gemeinsam mit Freunden eine Zeitung geschrieben, die wir in der Nachbarschaft verkauft haben.
„Was mich am meisten politisch beschäftigt? In der Stadt Zürich sind das die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt, die Mobilität und die öffentliche Sicherheit.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Mich beschäftigt das, was die Menschen um mich herum bewegt. In der Stadt Zürich sind das die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt, die Mobilität und die öffentliche Sicherheit. Bei der Mobilität bin ich der Ansicht, dass kein Verkehrsteilnehmer ausgebremst werden darf und keine Mobilitätsform benachteiligt werden soll. In der Schulbehörde denke ich viel darüber nach, wie Integration am besten gelingen kann. Darüber hinaus befindet sich die Gastro- und Ausgangsszene im Wandel. Ich halte es für wichtig, dass diese Entwicklung nicht zu einem schleichenden Verlust der Vielfalt in unserer Stadt führt.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Streng genommen bin ich in zwei Parteien aktiv – bei der FDP und den Jungfreisinnigen. Die Zusammenarbeit zwischen Mutter- und Jungpartei funktioniert hervorragend. Beide teilen dieselbe Grundstimmung: freiheitlich, zukunftsgerichtet, innovativ. Wir wollen Zürich gestalten und noch besser machen. Da ist an Abwanderungsgelüste nicht zu denken.
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„Das Unterschriftensammeln und der Austausch mit der Bevölkerung sind Kerntätigkeiten in einer lebendigen Demokratie.“
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ich sammle sehr oft. Das Unterschriftensammeln und der Austausch mit der Bevölkerung liegen mir am Herzen. Es sind Kerntätigkeiten in einer lebendigen Demokratie.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Ich beschränke mich auf den Kanton Zürich: Jonas Furrer, Alfred Escher und Elisabeth Kopp. All diese Persönlichkeiten waren Pioniere und prägten die Entwicklung unseres Staates entscheidend mit.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Historisch: Mit Ulrich Ochsenbein, dem Präsidenten der Kommission, die 1848 unsere Bundesverfassung erarbeitete. Mich fasziniert dabei nicht nur der Inhalt der damaligen Debatten, sondern besonders auch die bemerkenswerte Effizienz. Dieses so fundamentale Werk entstand in nur 51 Tagen. Aktuell: Mit OZ, einem Schweizer Musikproduzenten, dessen Produktionen international durch die Decke gehen, während er hierzulande unter dem Radar fliegt.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Die Osteria Sazio im Zürcher Seefeld: Hervorragende italienische Küche, auch mit Take-away-Option, von der ich in meiner Gymizeit oft Gebrauch machte.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Noch nicht gekauft, aber einige Male gelesen.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Ich würde gerne programmieren lernen.
„Aussergewöhnliches geleistet hat zum Beispiel Emilie Kempin-Spyri: Sie war die erste promovierte Juristin Europas und die erste Dozentin an der Universität Zürich. Ende des 19. Jahrhunderts stiess sie vor dem Bundesgericht den ersten Gleichstellungsprozess der Schweiz an.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin respektive der bedeutendste Zürcher? Für mich gibt es da nicht eine Person, denn je nach Lebensbereich haben viele Zürcher Persönlichkeiten Aussergewöhnliches geleistet. Eine von ihnen ist Emilie Kempin-Spyri: Sie war die erste promovierte Juristin Europas und die erste Dozentin an der Universität Zürich. Ende des 19. Jahrhunderts stiess sie vor dem Bundesgericht den ersten Gleichstellungsprozess der Schweiz an. Obwohl sie zunächst vor Gericht unterlag, ebnete sie den Weg für die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau sowie für das Frauenstimmrecht. Ihrem beharrlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass 1898 im Kanton Zürich ein neues Anwaltsgesetz eingeführt wurde, das Frauen trotz fehlendem Aktivbürgerrecht die Ausübung des Anwaltsberufs ermöglichte.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Nichts für mich, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Für mich ist es jedes Mal ein Erfolg, wenn ich jemanden bei einer Standaktion überzeugen oder insbesondere junge Menschen für Politik begeistern kann.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Zum Glück bin ich davon verschont geblieben. Viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man seine Ideen mit anderen diskutiert. Insbesondere mit denen, die nicht dieselbe Meinung haben.
„Mir gefällt das historische Rathaus deutlich besser.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Mir gefällt das historische Rathaus deutlich besser.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Sofern gut zubereitet, finde ich beides sehr lecker.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Wenn die beiden ein gemeinsames Konzert spielen würden, würde ich vorbeischauen.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Meine Freundin.
Worauf freuen Sie sich? Auf den Wahlkampf.
Und worüber können Sie lachen? Über politische Memes.
Mikhail Shalaev ist Vizepräsident der Jungfreisinnigen des Kantons und der Stadt Zürich. 2022 wurde er für die FDP in die Schulbehörde der Stadt Zürich gewählt. Darüber hinaus engagiert er sich als Vizepräsident der FDP Kreis 11 (Oerlikon, Affoltern, Seebach). Bei den Wahlen am 8. März 2026 will er für die Jung-FDP in den Stadtrat von Zürich einziehen. Shalaev ist zudem Co-Präsident des Vereins „Studierende für die Freiheit UZH“.
Der 23-Jährige ist Student der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und plant, 2026 den Master of Law abzuschliessen. Seit Februar 2025 ist er Hilfsassistent an der juristischen Fakultät. Das Gymnasium absolvierte der Jungfreisinnige von 2016 bis 2020 an der Kanti Stadelhofen. Aufgewachsen ist er in Zürich-Affoltern. In seiner Freizeit liest Mikhail Shalaev gerne, er spielt Fussball, Tennis und Klavier.
Fünf von fünf Sternen gibt es für die Medienstelle des Stadtzürcher Sportamts, weil sie dieses schöne Foto des Letzigrunds während der EM zur Verfügung gestellt hat. Bild: Stadt Zürich
Pascal Turin
Die Uefa Women’s Euro 2025 ist vorbei. Jetzt beginnt das gegenseitige Schulterklopfen. Bund, Kanton und Stadt stimmen zum Selbstlob an. Eine Annäherung an drei Communiqués.
Kaum begonnen, ist die Fussball-Europameisterschaft der Frauen schon wieder Geschichte: Englands Frauen setzten sich im Final im Elfmeterschiessen glücklich gegen Spanien durch. Die Engländerinnen bewiesen damit, dass sie punkto Siegerinnenmentalität gegenüber ihren männlichen Gegenstücken klar die Nase vorn haben.
Die Schweizerinnen wiederum durften nach dem Einzug ins Viertelfinal mit erhobenen Häuptern von der EM-Bühne treten. Die 2:0-Niederlage gegen Spanien ist schnell vergessen. Die vielen positiven Erinnerungen überwiegen, darunter die aufopfernde Spielweise und die grosse Euphorie rund um unsere Nati. Der Megaanlass war ein Erfolg – und zwar nicht nur subjektiv.
Wer Beweise braucht, muss nur die Medienmitteilung des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) konsultieren: SRF verkündete am vergangenen Dienstag, dass man über das gesamte Turnier mit den Live-Übertragungen der EM-Spiele 2,75 Millionen Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer erreicht habe. Auch die Schweizer Nati sorgte mit ihren Auftritten für grosses Interesse beim SRF-Publikum. „Die vier Spiele der Nati verfolgten im Schnitt 719’000 Menschen“, so das Medienunternehmen. Zum Vergleich: Die drei Partien an der EM 2022 in England haben im Mittel 219’000 Personen gesehen. Dem gegenüber hat sich der Zuschauendenschnitt also mehr als verdreifacht.
Und auch die Stadt Zürich zieht eine positive Bilanz.
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Stadtrat Filippo Leutenegger freut sich
Alle fünf Spiele in Zürich waren gemäss Mitteilung des Schul- und Sportdepartements ausverkauft. Insgesamt verfolgten 112’523 Fans die Spiele im Letzigrund in Altstetten. Ebenfalls ein starkes Zeichen: „Bei allen Spielen im Stadion Letzigrund waren mehr Frauen als Männer im Publikum“, so die Stadt. An der „ZüriFanzone“ in der Europaallee wurden offenbar über 170’000 Besuchende über das gesamte Turnier gezählt.
Freuen darf sich darum FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger. „Die Euphorie, die das Schweizer Nationalteam ausgelöst hat, war einzigartig. In den letzten vier Wochen haben wir in Zürich erlebt, wie Fussball verbindet und begeistert. Die friedliche und fröhliche Stimmung in der ‚ZüriFanzone‘, im Stadion Letzigrund und während der Fan Walks bleibt besonders in Erinnerung“, lässt sich der Vorsteher des Schul- und Sportdepartements im Commmuniqué zitieren.
Neben Departementsvorsteher Leutenegger kommen in der Mitteilung zwei weitere Personen zu Wort:
Thomas Wüthrich, Direktor Zürich Tourismus, zieht ein positives Fazit: „Der grösste Gewinn liegt im Imagetransfer: Das Turnier hat eindrücklich gezeigt, wie positiv sich eine Grossveranstaltung auf die Wahrnehmung der Tourismusregion auswirken kann. Unsere Gäste erlebten Zürich als offen, lebendig und farbenfroh.“
Zum Erlebnis beigetragen haben rund 400 Volunteers im Letzigrund und in der Fanzone an der Europaallee. „Nebst ihrem unverzichtbaren Einsatz gaben sie dem Turnier in Zürich durch ihr Engagement und ihre Motivation ein besonderes Flair“, so Regula Schweizer, Projektleiterin der Gastgeberstadt Zürich, in der Presseaussendung.
Während der EM blieb es in Zürich friedlich. Nicht mal die Zahl der Taschendiebstähle ist laut der Polizei angestiegen. Einziger Wermutstropfen: Die Berufsfeuerwehr musste ausrücken, weil an der Europaallee das Fahrzeug eines Imbissstands in Vollbrand geriet, höchstwahrscheinlich wegen eines technischen Defekts.
Fünf von fünf Sternen gibt es ausserdem für die Medienstelle, weil sie eine hübsche Auswahl an Fotos zur Verfügung gestellt hat.
Während der Frauen-EM herrschte auch in Zürich eine tolle Stimmung. Hier sind niederländische Fans zu sehen, wie sie in Richtung Letzigrund marschieren. Bild: Stadt Zürich
Regierungsrat Mario Fehr bedankt sich
In der Medienmitteilung des Kantons kommt – genauso wie im Pressetext der Stadt mit Filippo Leutenegger – der Chef vor. Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) bedankt sich nämlich artig bei allen Beteiligten. Offiziell erwähnt werden Turnierdirektorin Doris Keller, die kantonale EM-Koordinatorin Sandra Plaza sowie Regula Schweizer, Stadtzürcher Projektleiterin. „Das sportliche Ausrufzeichen der Nati und das ganze Turnier sind ein Glücksfall für die Entwicklung des Frauenfussballs. Jetzt gilt es, die Begeisterung weiterzuführen“, sagt Fussball-Fan Fehr. In seiner Funktion als Sicherheitsdirektor ist er auch Sportminister.
Der Kantonsrat sprach 2023 für die nachhaltige Förderung von Frauen und Mädchen im Fussball 1,5 Millionen Franken aus dem Gemeinnützigen Fonds. Das kantonale Sportamt seinerseits hat mit dem Fussballverband Region Zürich (FVRZ) und weiteren Partnern zusammengearbeitet. „So konnte der FVRZ seine Frauenabteilung professionalisieren, einen Vereinscoach einsetzen und Vereine beim Aufbau von Juniorinnen-Teams begleiten“, schreibt der Kanton, der in der Mitteilung nicht mit Zahlen geizt. Richtige Fussballfans lieben halt Zahlen.
Seit Oktober 2023 ist die Anzahl der Juniorinnen-Teams um 43 Prozent gestiegen.
Aktuell spielen knapp 10’000 Frauen und Mädchen Fussball.
Es gibt 30 Prozent mehr Schiedsrichterinnen und 10 Prozent mehr Funktionärinnen.
Claudia Gfeller, Projektleiterin Entwicklung Frauenfussball beim FVRZ, ist darum happy: „Wir konnten unsere Strukturen stärken und neue Angebote schaffen. Damit haben wir vielen Mädchen und Frauen den Zugang zum Fussball erleichtert.“
Die gezielte Förderung von Trainerinnen ist übrigens ein Fokus des Sportamts. Seit 2018 bietet es Trainerinnen-Kurse an.
Ja, auch das Bundesamt für Sport – kurz Baspo – hat einige Zeilen zur EM geschrieben. Auffällig: Bundesrat Martin Pfister (Die Mitte), zu dessen Eidgenössischem Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport das Baspo gehört, ist in der Mitteilung der grosse Abwesende. Generell lässt sich niemand aus Bundesbern zitieren, was man als vornehme Zurückhaltung interpretieren kann.
Mut fassen dürfen zudem alle, die gern mal wieder Olympische Winterspiele in der Schweiz sehen würden. Der Bund will nämlich die Erfahrungen aus der Organisation der Frauen-EM auswerten und für künftige Sportgrossanlässe nutzbar machen. Insbesondere Standards mit Fokus auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit sollen weiterentwickelt werden. Laut der Mitteilung beweist die EM, dass grosse Anlässe in der Schweiz möglich sind – „mit bestehender Infrastruktur, hoher Sicherheit, kurzen Wegen und gezielter Vermarktung“.
Fazit: Läuft bei uns. Das Publikum war da, die Stimmung grossartig – jetzt müssen Bund, Kanton und Stadt nach dem kollektiven Schulterklopfen aber am Ball bleiben. Von schönen Medienmitteilungen und Applaus allein lebt der Frauenfussball nicht.
Was bringen die drei Sonntagsblätter "SonntagsZeitung", "SonntagsBlick" und "NZZ am Sonntag", übrigens alle mit Redaktion in Zürich, über die Stadt und den Kanton Zürich? Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Rathuus wagt eine Blattkritik. Wir haben in drei Sonntagszeitungen nach Spuren Zürcher Politik gesucht. Zwei Interviews mit älteren Zürchern, ein Seitenhieb gegen die Gesundheitsdirektion und einige Trouvaillen stechen ins Auge.
Der 27. Juli 2025 fällt mitten in die Hochsommerferien. Die Chilbi auf dem Sechseläutenplatz ist schwach besucht, das Ringier-Restaurant „The Studio“ ganz geschlossen. Das Wetter durchzogen und das Quecksilber klebt im 20er Bereich fest.
Zeit für eine intensive Lektüre der Sonntagsblätter. Keine Angst, schön portioniert und so kurz wie möglich zusammengefasst. Wir fokussieren uns auf Zürcher Politthemen, wie es sich fürs Rathuus gehört. Die Reihenfolge wurde ausgelost. Wir beginnen mit der „NZZ am Sonntag“.
Lewinsky als Warner
48 Seiten dick ist die Zeitung aus dem Hause NZZ für 7 Franken und 10 Rappen, die neuerdings jeden Sonntag magazinartig mit einem Grundsatzthema aufmacht. Diesmal: „Kann es für die Schweiz noch besser werden?“
Lewinsky erklärt zum Thema Ressentiments gegen Ausländer, dass es diese schon immer gegeben habe. „Geändert hat sich nur, wer als unerwünschter Ausländer gilt.“ Italiener, dann Jugoslawen. „Jetzt haben wir einen Secondo mit albanischen Wurzeln, der für die FDP als Zürcher Stadtpräsident kandidiert“, so der Zürcher Bestsellerautor. Fremd heisse das Zauberwort. „Wen man als fremd definieren kann, den kann man auch bekämpfen.“
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Ameti als Störerin
Eher gewagt die These in einem weiteren Artikel: Denn in „Nichts ist mehr sakrosankt“ vergleicht die NZZaS einen Brandanschlag in der reformierten Kirche in Ossingen mit der Ablage eines abgetrennten Schweinekopfes vor einer Moschee in Basel und einem „Übergriff auf religiöse Symbole“. Hier kommt laut der Zeitung die „ehemalige GLP-Politikerin Sanija Ameti“ ins Spiel. Sanija Ameti, das ist die mittlerweile tief gefallene Gemeinderätin aus Zürich, die im Januar 2025 aus der GLP-Fraktion austrat und seither als Parteilose im Zürcher Gemeinderat sitzt.
Grund der Kontroverse: Ameti hatte im September 2024 mit einer Luftpistole auf ein Bild von Jesus und Maria geschossen. Bilder davon veröffentlichte sie kurzzeitig auf Instagram. Daraufhin entschuldigte sich die 33-Jährige öffentlich, was aber wenig nützte. Der Schaden war angerichtet, die Reputation dahin. Im Juli 2025 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Politikerin. Grund: Störung der Glaubensfreiheit.
Auf den vier Sportseiten findet man übrigens nichts als Hintergrundtext ohne Resultate vom Samstag. Der Saisonstart in der Super League mit der Heimniederlage von GC ist kein Thema. Müsste ich Punkte für die Aktualität vergeben, die NZZaS läge weit hinter den anderen gelesenen Blättern.
Giaccobo als Twitter-Verteidiger
Die „SonntagsZeitung“ aus dem Tagi-Verlag (62 Seiten, 6 Franken 40 Rappen) macht mit dem Hinweis auf ein Interview mit Viktor Giacobbo auf. Der 73-jährige Comedian stellt darin fest, dass „die Rechten gemütlichere Simpel sind“. Er verteidigt X, das ehemalige Twitter, als „immer noch grosse Plattform, die ich dort habe“. Es gebe dort einige stramme Rechte, denen „ich schon seit Jahren folge und sie mir auch“. Aber es seien Leute, die nicht nur über Linke und Grüne fluchen, „sondern ihre Sicht darlegen“ würden.
Und sonst? Giacobbo steuert das Gespräch auf Cedric Schild. Schild ist wohl einer der talentiertesten Journalisten und Comedian der Schweiz. Er ist auch bekannt unter dem Namen „Supercedi“. Aktuell tingelt er mit grossem Erfolg mit Liveshows durch die Schweiz, Viktor Giaccobbo führt Regie bei „Cedis“ Auftritten. Schild kennt man als Schauspieler aus der Fernsehserie „Tschugger“, als Telefon-Comedian, aber auch als Investigativ-Journalist im 80-Minuten-Streifen „Die Enkeltrick Betrüger“.
Ruthishauser als Aufdecker
Bemerkenswert einmal mehr, wie „SonntagsZeitung“-Chefredaktor Arthur Rutishauser nach wie vor selbst in die Tasten haut. Und was für Beziehungen er pflegt. Neuster Coup: Er hat die Kopien der Originalunterlagen des Handelsgerichts des Kantons Zürich in Sachen Übernahme der Grossbank CS durch die jetzt noch grössere Grossbank UBS bekommen. Das Gericht am Hirschengraben 15 hat nämlich entschieden, dass es neue unabhängige Gutachten geben soll.
Nachträglich scheint es doch nicht ganz so sicher, dass die mittlerweile verschwundene Credit Suisse keinen Rappen wert gewesen sein soll zum Zeitpunkt der Übernahme. Dass also alle CS-Aktionärinnen und CS-Aktionäre per Dekotierung am 13. Juni 2023 einfach leer ausgingen, soll nochmals untersucht werden. Dazu steht nun ein 50-Milliarden-Streitwert zur Diskussion.
Wyss als Lärmmesserin
Und damit zum „SonntagsBlick“ (zweimal 44 Seiten im Tabloidformat für 5 Franken 20 Rappen). Das kleinere Zeitungsformat schränkt auf der Titelseite spürbar ein. Das Hauptthema „Die PS-Protzer“ legt den Fokus auf laute Autos in Rorschach. Kein Thema in der Reportage von Rebecca Wyss ist Zürich, obwohl hier vom April bis Juni 2025 ein Lärmradar getestet wurde und der Artikel sich eigentlich angeboten hätte für die Bekanntgabe erster Resultate.
Die Limmatstadt steht dafür in der Story „Es hat sich ausgenüchtert“ im Mittelpunkt. Denn in die Ausnüchterungszellen der Stadtpolizei Zürich wurden 2024 mit 773 Berauschten so wenige Personen eingewiesen wie seit 2016 nicht mehr. Eingeführt wurde die Einrichtung 2015 – nach einem Volksentscheid ein Jahr vorher.
Plass als Kritiker
Immer wieder flackert in den Medien das Thema „Todesfälle in der Herzklinik“ am Universitätsspital Zürich auf. Der „Sonntagsblick“ zitiert den in anderen Medien auch schon zur Sprache gekommene Ex-Kaderarzt André Plass. Dieser kritisiert die Taskforce zu den Vorkommnissen rund um die vielen misslungenen Herzoperationen mit Todesfolge am Unispital. Die Taskforce sei nicht unabhängig, es gebe darin kein einziges Mitglied aus dem Ausland und die Taskforce arbeite generell zu langsam.
Die unheimlichen Vorkommnisse im Unispital begannen 2015 und dauerten bis 2020. Seit 2019 ist Natalie Rickli (SVP) Regierungsrätin, Gesundheitsdirektorin und damit politische Verantwortliche des Unispitals. Ihr Vorgänger war Thomas Heiniger (FDP), der von 2007 bis 2019 in der Kantonsregierung sass.
Wohl doch nie wieder
Was bleibt nach den ausgegebenen 18 Franken 70 Rappen? Durchaus solider Lesestoff ohne Riesenüberraschungen. Und die Bestätigung, dass drei Zeitungen am Sonntag doch zu viel sind. Auch wenn die „Wochenzeitung WOZ“ grad Sommerpause hat und das Wetter nicht zu längeren Velotouren einlädt.
Gut gelaunt und top vorbereitet für die zwölfte Folge: Lorenz Steinmann und Redaktionshund Waldo sind begeisterte Podcaster. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Wer nach Ferienlektüre sucht, ist hier an der richtigen Stelle. In der zwölften Folge des Rathuus-Podcasts sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin über ihre Lieblingsbücher. Zuvor geht es aber um ein ernstes Thema: die Sicherheitslage.
Die zwölfte Folge beginnt mit einem Vorgeplänkel. Danach leitet Lorenz Steinmann elegant auf das Hauptthema über. Im Rathuus-Podcast sprechen wir über die Vorträge von Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer, an denen Lorenz kürzlich zugehört hat.
Lorenz gibt spannende Einblicke in die Veranstaltung und erzählt von Details, die keinen Eingang in seinen Artikel in unserem Politikmagazin gefunden haben. Pascal Turin stellt mehr oder weniger passende Fragen und hält sich als Zivilschützer a. D. (ausser Dienst) sonst vornehm zurück. Dafür blüht er dann im zweiten Teil auf – der locker-leichten Rubrik “Unsere Lieblings-…”, in der es um Bücher geht.
Die Rathuus-Gründer haben in ihren mehr oder weniger umfangreichen Heimbibliotheken gestöbert und nach Büchern gesucht, mit denen sie die Zuhörerinnen und Zuhörer beeindrucken und begeistern können.
Laut, roh, auffällig und schön anzusehen: Am vergangenen Dienstagabend stand die Offene Rennbahn Oerlikon im Zeichen von Rennwagen und Renntöffs. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Einmal im Jahr wird die Offene Rennbahn Oerlikon zu einer Motoren-Arena. Ein Eldorado für Menschen mit Benzin im Blut. Kaum zu glauben, dass so etwas ausgerechnet im links-grünen Zürich noch möglich ist.
Wo sonst das Sirren der Rennvelos oder höchstens das Knattern der Stehertöffs – umgebaute Motorräder für Bahnrennen – zu hören ist, ging es am vergangenen Dienstag richtig laut zu und her. Das Motto des Abends auf der Offenen Rennbahn Oerlikon lautete „Indianapolis“.
Ältere Rennwagen aus der Formel 1 und Formel 2, Sportwagen mit riesigen Auspuffrohren und Motorräder – vom 50er-Töff bis zur 1000-Kubik-Maschine – waren im Innenraum des Velodroms zu besichtigen. Oft mit laufendem Motor, denn alle Fahrzeuge durften der Reihe nach auch Runden drehen auf der in den Kurven mit 44,5 Grad furchterregend steilen Betonpiste.
Wobei Runden drehen eher harmlos ausgedrückt ist. Von 18 bis 22 Uhr konnten die eingeladenen Fahrerinnen und Fahrer mit ihren historischen Fahrzeugen dreimal auf die Rennbahn. Gefühlt jedes Mal mit mehr Temperament und Renncharakter. Die historischen Rennwagen der Formel 1 und 2 etwa kreisten mit minimalen Abständen zueinander durchs Oval. Risikofaktor: hoch. Doch dem sehr zahlreich erschienenen Publikum gefiel es sichtlich. Gut 6000 Motorsportfans kamen nach Oerlikon. Typus Bier- bis Schwingfest-Besucherinnen und -besucher. Politisch wohl eher konservativ-bewahrend. Und oft nur für den Besuch des Zirkus Knie in Zürich oder eben für „Indianapolis“. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Gesichtet wurde auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran aus Wipkingen.
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6000 Eintritte bedeuten natürlich Jahresrekord. Bei den Radrennen, die von Mai bis September jeden regenfreien Dienstag stattfinden, sind es jeweils keine 1000 Nasen. Der Eintrittspreis betrug am Dienstag 20 Franken statt wie sonst 10 Franken. Das ist ein kräftiger Zustupf für die Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon – kurz IGOR, die sich mehrheitlich in Fronarbeit um den Betrieb der offenen Rennbahn kümmert. Besitzerin dieser ältesten Sportanlage der Schweiz ist übrigens die Stadt Zürich.
Schnittig, aber sehr laut: Der Brabham BT36/11 Formel 2 von 1971. Bild: Lorenz Steinmann
Für die Stadt ist die Rennbahn ein Aushängeschild für umweltfreundliche Mobilität. Am Dienstag absolvierten die Radsportlerinnen und Radsportler zwar auch einige Rennen. Doch alles in allem konnten einem die Velofahrerinnen und Velofahrer leidtun. Denn das Interesse an der Muskelkraft war minimal. Das Publikum lechzte nach Motoren, nach Benzingeruch und nach Lärm.
Wer schon einmal an einem Formel-1-Rennen war, weiss, dass diese Rennboliden laut sind wie ein Düsenjet. Erstaunlich war dementsprechend, dass die Lärmschutzfachstelle der Stadtpolizei keinen Anruf erhielt. „Es gab keine einzige Lärmklage“, sagt Judith Hödl, Medienchefin der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage.
Er weckt Emotionen, der windschnittige Seitenwagen-Töff aus den 1980er-Jahren. Damals war das Töff-Duo Rolf Biland und Kurt Waltisperg Weltspitze in dieser Spezialdisziplin. Bild: Lorenz Steinmann
Das ist eigentlich erstaunlich, weil der Lärmschutz in Zürich politisch einen sehr hohen Stellenwert hat. Tempo 30 möglichst flächendeckend, wohl bald starke Einschränkungen für den Gebrauch von Laubbläsern sowie Lautsprecherverbote bei Quartierfesten als drei Beispiele. Wenn nun aber so ein Anlass wie jüngst in Oerlikon gar keine Reaktionen auslöst, dann scheint das Lärmthema zumindest in Zürich-Nord doch nicht allzu akut.
Mit einem typähnlichen Renntöff wurde der Schweizer Motorradrennfahrer Stefan Dörflinger in den 1980er-Jahren viermal Weltmeister. Bild: Lorenz Steinmann
So oder so erfrischend war der Motorsportabend auch darum, weil sich die Fans mit Bier und Fanta aus der Glasflascheeindecken konnten. Mitnehmen auf die Tribüne? Kein Problem! Das Vertrauen in die Disziplin der gut 6000 Anwesenden ist also sehr, sehr gross. Denn nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn es Glasflaschen und Scherben auf der Bahn gäbe.
An einem Fussballspiel wäre das undenkbar: Auf der offenen Rennbahn trinkt man das Bier aus Glasflaschen. Sicherheitsbedenken gibt es keine. Bild: Lorenz Steinmann
Warum aber heisst die Veranstaltung eigentlich „Indianapolis“? Die 500 Meilen auf dem Indianapolis Motor Speedway im US-Bundesstaat Indiana – Indy 500, wie sie abgekürzt heissen – sind quasi der heilige Gral des Automobilsports. Auf dem 2,5 Meilen langen Oval mit vier überhöhten Kurven in der Stadt Speedway, die komplett von der Grossstadt Indianapolis umschlossen ist, wird das bekannteste Autorennen der Welt ausgetragen.
Der Zürcher Anlass ist also zumindest vom Namen her daran angelehnt. Der grosse Unterschied neben der Länge der Bahn – in Oerlikon sind es lediglich 333 Meter – ist, dass das Rennen in der Limmatstadt nur Show ist. Zeiten werden keine genommen. Spass gemacht hat das Zuschauen trotzdem.
So gut besucht präsentierte sich die Offene Rennbahn Oerlikon bei Indianapolis 2025. Bild: Lorenz Steinmann
Martin Suter ist bekannt für seine vielen erfolgreichen Romane. Der Zürcher gilt als sehr produktiver Autor. Kürzlich gab Suter dem "Spiegel" ein Interview, das Pascal Turin zu diesem Text inspirierte. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Bundeskanzler Friedrich Merz, Regierungsrat Ernst Stocker und Schriftsteller Martin Suter haben eines gemeinsam: Sie sind extrem fleissig. Glaube ich zumindest. Aber Fleiss ist bald sowieso ein Ding der Vergangenheit. Eine Glosse in Langform.
Martin Suter hat dem „Spiegel“ ein Interview gegeben. Ich habe das Gespräch mit dem Bestsellerautor aus der Schweiz gern gelesen. Wohlgemerkt habe ich mir an einem der tausend Kioske am Hauptbahnhof Zürich eine gedruckte Ausgabe des Hefts gekauft. In der S-Bahn durfte ich mich dann wie ein Intellektueller fühlen. Alle anderen haben nur auf ihre Handys oder aus dem Fenster gestarrt. Ich schaute hingegen in den „Spiegel“.
Doch zurück zum Interview mit Martin Suter.
Der Zürcher hat etwas gesagt, das mich nachdenklich gestimmt hat. „Ich glaube nicht, dass man die Wirtschaft mit mehr Arbeit retten kann. Das ist keine sehr kreative Idee. Wir müssen froh sein, wenn es überhaupt für alle Menschen genügend Arbeit gibt, am besten eine, die nicht öde ist.“
Der 77-Jährige müsste rein vom Alter her schon länger nicht mehr arbeiten. Darum ist mir nicht bekannt, wie gut er sich noch in der heutigen Arbeitswelt auskennt. Nicht, dass Schreiben keine Arbeit wäre. Ich tue es ja jeden Tag. Aber Suter entspricht natürlich voll der Zielgruppe des „Spiegels“. Er ist ja ungefähr gleich alt wie die Durchschnittslesenden des Nachrichtenmagazins.
Im „Spiegel“ stand also Folgendes:
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„Wir wollen mit Ihnen über Fleiss reden“, verkündeten die zwei Redaktoren, die auf Suter angesetzt worden waren. Friedrich Merz habe gesagt, die Deutschen müssten mehr arbeiten, um den Wohlstand zu halten.
Martin Suter grätschte rein – zumindest wirkt es so im schriftlichen Interview: „Hat er das gesagt? Aber das ist ja Blödsinn.“
Unbekannt ist, was der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dachte, als er das Interview gelesen hat. Vielleicht kauft er jetzt aus Trotz Suters nächstes Buch nicht.
Vielleicht weiss Merz aber insgeheim, dass seine Aussage tatsächlich etwas deplatziert war. Der deutsche Bundeskanzler ist halt ein Boomer, also Jahrgang 1964 und tiefer. Ich selbst bin Generation Y, auch bekannt als Millennials, und ich verwende den Begriff „Boomer“ in diesem Fall nicht despektierlich. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb jüngst über ihn: „Wer Friedrich Merz zuhört, merkt: Der Mann ist nicht nur ein Boomer, er spricht auch boomerisch.“ Das ist ein bisschen gemein. War aber bestimmt nicht gemein gemeint.
Friedrich Merz hat wohl schon in jungen Jahren gelernt, dass fleissige Leute alles erreichen können. Er weiss vermutlich nicht, dass das heute nicht mehr stimmt. Besonders fleissig sein reicht nicht. Wichtig sind auch die richtigen Eltern, der richtige Wohnort und vor allem das richtige Verständnis im Umgang mit ChatGPT & Co.
Ein Buch im Stil von Martin Suter
Ich könnte zum Beispiel mithilfe von KI ein Buch schreiben, das genau nach Martin Suter klingt und nur Martin Suter würde es merken und vielleicht sein Verlag Diogenes. Das Dumme ist, dass ich gar nicht wirklich weiss, wie Suter schreibt. Ausser „Die dunkle Seite des Mondes“ habe ich von ihm kein Buch gelesen. ChatGPT könnte mir also auch einen Text von Stephen King als Suter-Hommage verkaufen.
Genauso wie Suter ist der Meister der Albträume ein äusserst produktiver Autor. King haut einen Hit nach dem anderen raus. Da sind sich Suter und er sehr ähnlich. Aber Martin Suter schreibt kürzere Bücher.
Auch Friedrich Merz hat schon Bücher verfasst. Aber keine, die ich kenne. Trotzdem ist Merz bestimmt fleissig und würde liebend gern mehr Bücher schreiben, wenn er nicht Deutschland regieren müsste.
Ich habe mich gefragt, wer ausser Merz denn noch fleissig ist. Die FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter und der SVP-Bundesrat Albert Rösti wirken zumindest beflissen. Aber ob sie fleissig sind, mag ich nicht beurteilen. Die haben ja Dutzende Helferinnen und Helfer aus der Bundesverwaltung. Da ist es einfach, sich ganz viel Arbeit aufzuhalsen, wenn man sie dann einfach delegieren kann. Das kann ich nicht. Bei Rathuus sind wir nur zu zweit und alles kann ich Lorenz nicht abschieben.
Leid tun mir die fleissigen Buchhalterinnen und Buchhalter, die nun bald arbeitslos werden. Jahrelang konnten sie ihrem Chef vorjammern, wie kompliziert das Ausfüllen der Steuererklärung sei. Doch dann kam Ernst Stocker und hat alles verändert. „Die Einführung von ZHcorporateTax ist ein wichtiger Schritt in der Digitalisierung des Zürcher Steuerwesens“, sagte der Finanzdirektor bei einem Sommer-Spaziergang mit Medienanhang durch Rüti. Der Politiker möchte, dass die Journalistinnen und Journalisten zumindest einmal jährlich von ihren Schreibtischen wegkommen.
Ich war zwar nicht am Spaziergang dabei, weil ich lieber im Kraftraum statt in Rüti schwitze. Die Aussage von Stocker hat mich trotzdem ganz euphorisch gestimmt. Jetzt geht es endlich vorwärts. Kaum vorstellbar, was als Nächstes kommt. Immer mehr Arbeit wird mir abgenommen. Fleiss war gestern. Heute wird die Steuererklärung digital erledigt und schon morgen das neuste Schulbuch des Lehrmittelverlags von einer KI geschrieben. Das ist für die Verwaltungen wohl wie Weihnachten und Ostern zusammen.
Die Self-Check-out-Automaten im Coop und in der Migros waren die Vorboten. Statt einkassieren dürfen die Verkäuferinnen und Verkäufer nun nur den Maschinen gut zureden und hoffen, dass sie nicht wegen eines Softwarefehlers in den Streik treten. Stolz stehen sie neben ihren Metall-Kolleginnen und -Kollegen und beobachten die Automaten beim Verrichten der Arbeit. Vor allem die Gespräche in der Mittagspause stelle ich mir bereichernd vor. „Piu! Piu-piu!“, sagt der Self-Check-out-Automat, wie der berühmte Roboter R2-D2 aus Star Wars. Die menschliche Kollegin antwortet mit einem entnervten „Biep, biep“ und rennt schreiend aus dem Pausenraum. Lieber Regale auffüllen als das.
Immerhin kann man den Automaten nicht vorwerfen, dass sie nicht fleissig wären. Fast rund um die Uhr sind sie im Einsatz. Ein Traum für alle wirtschaftsnahen Politikerinnen und Politiker. Nostalgikern wie Friedrich Merz und mir bleibt der Trost, dass man Fleiss immerhin googeln kann – solange Google seine Suchmaschine wegen der KI-Konkurrenz nicht einstellt und man dann nur noch Chatbots um Antworten bitten darf.
In martialischer Umgebung in der Mehrzweckhalle der Kaserne Kloten (v. l.): Regierungsrat Mario Fehr (parteilos), Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer sprachen in Kloten über das aggressive Russland, das Wiedererwachen der Nato, den unberechenbaren Donald Trump und auch über den Kampfjet F-35A. Trotzdem war das mediale Interesse überschaubar. Eine Analyse.
Seit in Europa wieder ein Krieg tobt und erst noch die Weltmacht Russland als Aggressor beteiligt ist, bekommt unsere Armee viel mehr öffentliche Beachtung. Wenn dann noch die unselige Beschaffungsposse um den neuen Kampfflieger F-35A dazukommt, dann stehen der Armeechef und sein für die Ostschweiz inklusive Kanton Zürich verantwortlicher Divisionär unter besonderer Beobachtung. Würde man meinen. Doch als kürzlich Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer vor Mitgliedern des Netzwerks Flughafenregion Zürich Vorträge hielten, interessierte sich dafür lediglich der Schreibende, in seiner Doppelfunktion als Berichterstatter für den „Anzeiger von Wallisellen“, den „Klotener Anzeiger“, den „Stadt-Anzeiger“ sowie für Rathuus.
Kein einziges Medium sonst hatte sich für den dreistündigen Anlass angemeldet. Na gut, einen klassischen Fauxpas leisteten sich die Medienverantwortlichen der Armee, die im Vorfeld intensiv um die Gunst der Medienschaffenden warben. Zuerst die Vorträge, dann das gemeinsame Essen und zuletzt die Interviews. Wer von der schreibenden Zunft hat denn noch so viel Zeit? Wir haben kürzlich über das leidige Thema berichtet: Warum Medienkonferenzen ein Auslaufmodell sind.
Der zuständige Informationsoffizier vor Ort meinte dazu achselzuckend, ja fast entschuldigend, die Medien würden halt nur über die Armee berichten, wenn wieder etwas Negatives vorgefallen sei. Und wegen meines gewünschten Interviews – man könne schon versuchen, das Programm umzustellen. Was dann auch passierte.
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Die Flexibilität des Divisionärs
Divisionär Willy Brülisauer erwies sich in der Folge als geduldiger Interviewpartner, der sogar sein Mittagessen um eine halbe Stunde verschob. Angesprochen als Chef der Territorialdivision 4 gab Brülisauer dann Entwarnung. Entwarnung, dass man heute noch mit einer Invasion der Russen mit zivilen Flugzeugen über den Flughafen Zürich rechnet. Das war während des Kalten Krieges komplett anders. Also während jener Zeit zwischen 1947 und 1989 mit dem Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem sogenannten Ostblock unter Führung der Sowjetunion.
Damals war die Russeninvasion jahrzehntelang ein realistisches Szenario, für das die Armee eine eigene Einheit unter dem Namen „Flughafenregiment 4“ unterhielt. Denn Überfälle beim Prager Frühling 1968 und die sowjetische Intervention in Afghanistan 1979 mit zivilen Kursmaschinen wurden so eingeleitet, dass statt ziviler Passagiere Elitesoldaten zur Besetzung der Flughäfen transportiert wurden. Sprich, der Flughafen Zürich und auch die Basis Dübendorf galten im Kalten Krieg als mögliches Eingangstor für feindliche Truppen.
Kluger Rat, Notvorrat? Armeechef Thomas Süssli hat selber auch einen Notvorrat angelegt, ist wachsam und „verlässt sich nicht allein auf den Staat“, wie er versicherte.
Die Idee der Verteidigung: Die eingeteilten Milizsoldaten mussten im Umkreis von höchstens 30 Fahrminuten vom Flughafen in Kloten arbeiten und wohnen. Sie konnten jederzeit durch ein permanentes Alarmsystem mit Pagern aufgeboten werden und waren während 365 Tagen im Jahr innerhalb von zwei bis drei Stunden gefechtsbereit. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR, der damaligen Sowjetunion, ab 1989 wurden diese Szenarien obsolet.
Laut Divisionär Willy Brülisauer gehört der Flughafen aber nach wie vor zu den kritischen Infrastrukturen der Schweiz, ist sogar in die höchsten Stufen 4 und 5 eingeteilt. Hierfür ist die Armee zuständig. Dazu Brülisauer: „Seit dem Jahr 2007 hätten im Flughafengebiet die Militärpolizei und Durchdiener zum Einsatz kommen sollen.“ Durchdiener sind jene Soldaten, welche die Rekrutenschule und die Wiederholungskurse in einem Zug innert zehn Monaten absolvieren.
Heute würden aber Infanteriebataillone eingesetzt, dazu kommt laut Brülisauer, dass jede Kompanie bereits einmal einen Wiederholungskurs beim Flughafen absolviert und so die möglichen Szenarien trainiert hat. Und: „Alle Angehörigen der uniformierten Kantonspolizei arbeiten die ersten zwei Jahre nach ihrer Ausbildung am Flughafen, das gibt auch Erfahrung.“ Im Ernstfall wäre eine Mobilmachung für den Flughafen innerhalb von 96 Stunden möglich. Logisch ist, dass Angehörige der Kantonspolizei bedeutend schneller einsatzfähig wären für Bewachungs- und Verteidigungsdienste. Etwas, das der ebenfalls anwesende Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) in seinen Grussworten vor dem Publikum explizit ansprach: die Kantonspolizei Zürich als wichtiger Teil des Sicherheitskonzepts des Flughafens.
Und damit zum Hauptteil der Veranstaltung, dem doch gut eine Stunde dauernden Vortrag des Chefs der Armee Thomas Süssli. „Die heutige militärische Bedrohung ist grösser als während des Kalten Krieges“, betonte der Berufsoffizier im Rang eines Korpskommandanten. Er ist seit 2020 und noch bis Ende 2025 verantwortlich für die Führung der Armee. Als „Lame Duck“, also als „lahme Ente“, da er seinen Abgang schon kommuniziert hatte, kam Süssli aber keineswegs rüber. Im Gegenteil. Der gebürtige Küsnachter vermochte bei seinem Vortrag durchaus zu überzeugen. Durch Analysen, persönliche Bonmots und Szenarien für die Zukunft.
Donald Trump und die Nato
Zentrale Themen Süsslis waren natürlich der blutige Ukrainekrieg, der unberechenbare amerikanische Präsident Donald Trump (Stichwort: Verteidigungsbündnis North Atlantic Treaty Organization – besser bekannt als Nato), aber auch das prosperierende China als Welt-Grossmacht. „Am 24. Februar 2022 erfolgte ein völkerrechtswidriger Angriff Russlands auf die Ukraine“, stellte Süssli fest. Das bedeute eine Zeitenwende und die Welt werde nicht mehr so sein wie bisher. Denn: „Russland will Europa spalten und destabilisieren. Und sein eigenes Einflussgebiet ausdehnen.“
Dazu gehören neben dem Angriffskrieg in der Ukraine Desinformation etwa via dem Sender Russia Today und die Beeinflussung sozialer Medien, Cyberangriffe im Westen, aber auch handfeste Sabotage. „Dafür gibt es 60 dokumentierte Fälle wie etwa Paketbomben“, erklärte Süssli. Allein in der Schweiz lebten 80 Russen, die hier Infos über die Schweiz beschaffen.
Für Russland gelte das folgende Szenario: US-Präsident Donald Trump verliert die Geduld und unterstützt Europa nicht mehr, Russland gewinnt den Krieg, fünf Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer flüchten in den Westen und sorgen für Chaos. Dabei komme dem russischen Machthaber Wladimir Putin zugute, dass der Westen immer noch von russischer Energie abhängig sei in Form von Flüssiggas. „Das kann er jederzeit abstellen“, ist Süssli überzeugt.
«Heroische Expo 1964»
Nun zog Süssli den Bogen zur Landesausstellung im Jahr 1964, der Expo in Lausanne. Es sei eine heroische Ausstellung gewesen, mit dem Ziel, im Ausland militärisch stark zu wirken. Er nannte dazu das in Zeiten des Kalten Krieges berühmt-berüchtigte Wort „Dissuasion“, gleichbedeutend mit Abschreckung. Und genau diese Haltung müsse wieder Realität werden. „Doch jetzt ist die Armee ganz unten“, so Süssli. Aktuell könnte nur ein Drittel der Soldaten im Ernstfall mit zeitgemässen Waffen und Equipment ausgerüstet werden. „Man hat die letzten 20 Jahre viel zu sehr gespart“, so Süsslis zumindest aus Armee-Sicht düsteres Fazit.
„Russland will Europa spalten und destabilisieren. Und sein eigenes Einflussgebiet ausdehnen“, ist Armeechef Thomas Süssli überzeugt.
40 Milliarden Franken würde allein die Ausrüstung und Modernisierung der Armee kosten – und die Aufrüstung womöglich bis 2050 dauern.
„Das kann nicht aufgehen“, warnte der Armeechef. Denn laut Experten werde 2028 weltweit das gefährlichste Jahr. „Wir brauchen darum die amerikanischen Flugzeuge des Typs F-35A dringend“, lautet Süsslis Forderung. Dieses Flugzeug sei für die momentane riesige technische Revolution gewappnet und werde zudem von anderen Staaten wie Italien und den Niederlanden ebenfalls geordert. Stichwort Kooperationen.
Laut Armeechef Thomas Süssli wird das Jahr 2028 zum internationalen Härtetest. Bild: Lorenz Steinmann
Krieg ist schlecht für die Wirtschaft
Zurück zur Weltpolitik. Süssli attestierte dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump eine gewisse Weitsicht. Denn dieser wisse, dass Krieg schlecht sei für die Wirtschaft. Was für Süssli aber ein weiterer Knackpunkt ist: „Die Folgen der Erderwärmung nehmen zu. Es wird schwierig!“ Der Armeechef ist immerhin überzeugt, „dass sich die Schweizer Politikerinnen und Politiker bewusst sind, dass sich die Lage verändert hat, auch die SP.“ Der Grundkonsens sei seit dem Ukrainekrieg vorhanden. Nur wisse man nicht, wie vorzugehen.
„Die SVP will sparen bei der internationalen Zusammenarbeit, die FDP pocht auf die Schuldenbremse, die Mitte möchte diese lockern und die SP will nur mitmachen, wenn es einen Sozialfonds für die Ukrainehilfe gibt.“ Nun wurde Süssli persönlich und ehrlich: „Manchmal habe ich Angst, dass etwas passieren muss, bis es in der Politik Klick macht.“ Er warnte davor, zuzuwarten. „Wer früher Waffen bestellt, ist eher dran. Zudem werden etwa Artilleriegranaten immer teurer“, so der ehemalige Investmentbanker bei der Bank Vontobel.
Kurz ging Süssli noch auf China ein. Das Reich der Mitte wolle eine Supermacht sein, respektiere aber durchaus staatliche Souveränitäten. Trotzdem drohe Taiwan wohl ein ähnliches Schicksal wie Hongkong, das seit 1997 unter der Kontrolle Chinas steht. Süssli wagt die Prognose, dass China bis 2027 eine militärische Lösung in Taiwan suche. So macht auch die genannte Jahreszahl 2028 Sinn, die laut Süssli als internationaler Härtetest gilt. Sprich: Dann ist laut Sicherheitsexperten die Gefahr am grössten, dass es weitere kriegerische Auseinandersetzungen gibt.
Apropos möglichem Einmarsch in Taiwan. Die Staaten Estland und Litauen hätten lebhafte Erinnerungen an die Besetzung durch die damalige UdSSR. „Die Menschen im Baltikum haben Angst“, weiss Süssli. Bei einem Glas Wein mit den militärischen Führungen der Länder am Simplon betonten diese Süssli gegenüber: „Wenn ihr Rauch seht, sehen wir Feuer.“ Gerade bei den Esten sei der Wille gross, sich nicht nochmals durch Russland besetzen zu lassen. Dabei habe Europa für die USA an Bedeutung verloren.
„Die USA haben zwar ein Jahresmilitärbudget von 1000 Milliarden Dollar, doch alles werde gerechtfertigt mit Chinas Expansionsgelüsten.“ Süssli betonte zudem, dass Europa in den letzten Jahrzehnten nicht alles richtig gemacht und sich zu sehr auf die USA verlassen habe. Doch klar sei, dass momentan die meisten Nato-Staaten am gleichen Strick ziehen würden.
Die Frage nach der desolaten russischen Armee
Aus dem Publikum kam nun die Frage, wie desolat die russische Armee tatsächlich sei. Für Süssli ist klar, dass die russische Waffenproduktion, etwa von Drohnen und von Panzern, enorm zugenommen habe. So würden aktuell 1500 Panzer pro Jahr produziert. Und das Reservoir an Truppen sei gross, obwohl bei den Bodentruppen bisher eine Million Soldaten gestorben, vermisst oder verwundet seien.
Die Neutralität verglich Süssli mit der Ehe: „Es ist ein Geben und Nehmen.“ Internationale Kooperationen seien unabdingbar, so müssten Systeme und Geräte miteinander kommunizieren können (Stichwort: Interoperabilität).
Zu seinem Rücktritt auf Ende 2025 sagte Süssli, die Amtsdauer als Armeechef sei international bedeutend kürzer, also zwei bis drei Jahre. Mit der damaligen Mitte-Bundesrätin Viola Amherd habe er fünf Jahre vereinbart. Jetzt gehe es halt ein wenig länger. Aber: „Ich bin nicht resigniert“, so Süssli in seinen Ausführungen.
Und noch ein Schmankerl zum Schluss: Der Schweizer Geheimdienstchef Christian Dussey traf sich im Februar mit Süssli zum Austausch. Beide wussten laut Süssli nicht, dass das Gegenüber kündigen würde. Sie erfuhren es später jeweils über die Öffentlichkeit. Fazit: Auch ganz oben menschelt es.
Der schnelle Weg trotz grossem Kommunikationsapparat
Alles in allem wirkte der Anlass in der Mehrzweckhalle der Kaserne Kloten durchaus eindrücklich. Die Personenkontrolle durch Militärpolizisten mit Maschinenpistolen ging eher formell und rasch über die Bühne, kritische Zeitgenossinnen und Zeitgenossen waren keine auszumachen. Ein Anlass nach dem Motto „unter uns“ – also ein Heimspiel.
Das war aus medialer Sicht durchaus positiv, weil mehr als erwartet über die Armee und die heutige Sicherheitslage zu erfahren war. Bemerkenswert auch das unkomplizierte Gegenlesen der Interviewzitate durch Divisionär Willy Brülisauer. Obwohl die Armee über gegen 100 Vollzeitstellen allein für die Kommunikation verfügt, durfte ich den Text direkt an ihn schicken und eine halbe Stunde später kam schon das OK zurück. Fast einziger Fehler: Einmal verwechselte ich in der Eile den Vornamen des Armeechefs und schrieb statt Thomas fälschlicherweise Roland …