Wir bleiben dran

Neue Artikel oben – der Rest folgt.

  • 2 Minuten

    Ich bin Nichtwähler – und schlafe bestens

    Auf dem Bild zu sehen sind im Hintergrund Wahlunterlagen zu sehen. Im Vordergrund wurde ein Porträtfoto von Beni Frenkel platziert.Beni Frenkel geht nicht an die Urne: Er kann mit allem und jedem leben. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

    Nichtwählerinnen und Nichtwähler sind die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Wie ticken diese Menschen? Rathuus-Kolumnist Beni Frenkel ist selber Nichtwähler und spricht damit das Tabu aus Expertensicht an.

    Das letzte Mal, als ich einen Stimmzettel ausfüllte, war vor über 20 Jahren. Ich lebte noch in Baden AG und verliebte mich in Pascal Bruderer von der SP. Die schönste Politikerin des Kantons Aargau! Ich trug den Namen Pascal Bruderer in alle Spalten ein und schrieb in Klammern die Telefonnummer meiner Eltern, ich hatte damals noch kein eigenes Handy.

    Seitdem sind viele Wahl- und Abstimmungssonntage übers Land gezogen. Ich habe nie mitgemacht und plane auch nicht, daran etwas zu ändern. Ich bin nicht stolz darauf, fühle mich aber auch nicht ertappt, irgendetwas Falsches gemacht zu haben. Ich habe einfach keine Lust. 

    Oder besser gesagt: In den letzten 30 Jahren gab es keine Abstimmung, die mir wirklich wichtig war. Ich kann mit allem und jedem leben. Alpen-Initiative. 13. AHV, SRG-Initiative: Weder Ja noch Nein rauben mir den Schlaf. SP, Grüne, SVP – mir so etwas von egal. 

    Bin ich ein schlechter Staatsbürger? Ja, wahrscheinlich. Ich kann trotzdem gut einschlafen. Was ich nicht mag, sind Leute, die sich jetzt aufregen.

    Ich wohne seit zwei Jahren in Schaffhausen. Da muss ich jedes Mal 5 Franken für eine verpasste Abstimmung bezahlen. Das motiviert mich nur noch mehr. „Ja, versucht es doch!“, rufe ich, „ihr werdet mich nicht kleinkriegen!“ Und sogar wenn mir Schaffhausen 50 Franken aufbrummt, werde ich nichts ausfüllen. Bei 100 Franken sähe es vielleicht etwas anders aus.

    Mit meiner Abstinenz mache ich alle glücklich. Die Linken freuen sich, dass ich nicht rechts wähle, die Bürgerlichen klopfen mir auf die Schulter, wenn ich keine Marxisten aufschreibe. Alle sind happy mit mir.

    Ich glaube, ich habe gerade das letzte Tabu in der Schweiz gebrochen. Noch nie hat jemand bei Verstand gesagt: Ich wähle nicht. Das macht mich irgendwie stolz. Den Prix Courage widme ich allen Mutigen dieser Welt. Gäbe es eine Partei von euch, würde ich euch wählen. Vielleicht.

    Beni Frenkel (49) ist Journalist, der schon bei fast allen namhaften Medienhäusern der Schweiz gearbeitet hat. Zuletzt war er bei der „Zuger Woche“ tätig. Regelmässig schreibt er auch für das Finanzportal Inside Paradeplatz. Er ist in Dättwil AG aufgewachsen, wohnte lange in Zürich und ist seit zwei Jahren in Schaffhausen daheim. Frenkel hat die Matur und mehrere Semester Wirtschaft studiert.

    Beim Rathuus ist Beni Frenkel Edelfeder und Kolumnist. Natürlich äussert er hier seine eigene Meinung – und meint nicht immer alles ernst. Bisher erschienen bei Rathuus sind zum Beispiel folgende Texte: Zürcher Freiwillige am ESC 2025 unerwünscht, Schüsse auf Madonnen sollen sich finanziell lohnen, Ekelfrass in Zürcher Badis sowie Kostya kommt mich besuchen.

  • 3 Minuten

    Lieber Mörtel als Begrünung

    Zu sehen ist eine neue Steinmauer am Bucheggplatz. Der Zwischenraum zwischen Mauer und Trottoir ist gemörtelt. So kann sicher nie etwas wachsen. Begrünung sieht definitiv anders aus.Hier werden nie Malven gedeihen. Die Stadt setzt lieber auf undurchlässigen Mörtel. Bild: Lorenz Steinmann

    Schon der Schaffhauserplatz glänzt mit einer reinen Asphalt- und Betonoberfläche. Ein neues Beispiel vom Bucheggplatz zeigt, wie herzlos Zürichs Planer gegenüber der Natur sind.

    Natürlich gibt es dringendere Probleme als ein betoniertes Bord an einer neu erstellten Mauer. Aber wie in der Kriminalistik sind es oft kleine Fingerzeige, welche die Misere des Ganzen aufzeigen. Heute geht es um die Begrünung Zürichs, um die Hitzeminderung, um das Bild nach aussen gerade an verkehrsreichen Kreuzungen. Und da zeigt sich im Kleinen, wie das Grosse dasteht.

    Doch der Reihe nach. Ab Mai 2024 war der Schaffhauserplatz im Stadtzürcher Quartier Unterstrass eine Grossbaustelle. Ersetzt wurden die Gleise sowie die Wasser- und Stromleitungen. Alles wurde aufgerissen. Und alles wieder asphaltiert und betoniert wie vorher. Auf der grossen Boulevardfläche vor dem ehemaligen Café Gnädinger – heute das Café Unterstrass der Bäckerei Walter Buchmann – beispielsweise hat es keinen Millimeter Grünfläche.

    Versiegelt bleibt versiegelt

    Auf Anfrage hiess es damals, Bäume seien nicht Teil dieses Tiefbauprojekts gewesen. Die Bewilligung hätte sonst länger gedauert. Und kleinflächige Grüninseln seien wegen des glazialen Untergrunds nicht möglich. Also irgendetwas mit steinigem Boden oder so. Kurzum: Eine Steinwüste blieb eine Steinwüste. Wie beispielsweise schon beim Hardplatz im Kreis 4. Im Sommer heiss, trocken und mit null Möglichkeiten, dass sich die Natur hier etwas breitmachen könnte.


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    Nun schreiben wir den Februar 2026. Der Bucheggplatz, eine der grossen Verkehrsdrehscheiben Zürichs inklusive autobahnähnlicher Bucheggstrasse, wurde zusammen mit dem Hirschwiesentunnel für gegen 90 Millionen Franken saniert. Dass es mitten auf einem der neuen Velowege einen massiven Masten der Verkehrsbetriebe Zürich gibt, soll heute nicht nochmals Thema sein. Dafür eine Mauer aus grossen Steinquadern. Sie ist hübsch anzuschauen. Aus der Nähe sieht man aber, dass der Bodenabschluss feinsäuberlich vermörtelt ist, ebenso wie viele der Mauerzwischenräume. Hier wächst bestimmt nie etwas. Wer in Zürich in einem Privatgarten solche Bodenabschlüsse betoniert, hätte wohl ganz bald die „Grünpolizei“ auf dem Grundstück.

    Warum nur baut die Stadt so ein herzloses Stück? Warum nicht wenigstens Aussparungen für einige Kletterpflanzen?

    Die Stadt hat eine simple Antwort parat: „Der schmale Randstreifen dient der konstruktiven Sicherung der Böschungsmauer sowie des angrenzenden Trottoirs und Velowegs.“ Dies verhindere Materialverschiebungen und erhöhe damit die Verkehrssicherheit. „Eine lose Kies- oder Lehmausbildung könnte an dieser Stelle zu Ausspülungen, Verschmutzungen und Hindernissen auf dem Trottoir und dem Veloweg und damit zu einem erhöhten Unterhaltsaufwand führen“, heisst es in der ausführlichen Antwort von Helen Berg vom Tiefbauamt der Stadt Zürich.

    Laut ihr ist die Stadt überzeugt, dass „eine Begrünung weder einen ökologischen noch einen gestalterischen Mehrwert gebracht“ hätte. „Deshalb wurde eine robuste, unterhaltsarme Bauweise gewählt.“

    Offensichtlich fehlte der Wille

    Bezeichnend ist, dass sich das Tiefbauamt mit solchen Details in der Projektphase nicht wirklich auseinandersetzt: „Sie werden teilweise erst im Rahmen der Ausführung präzisiert, damit sie optimal an die tatsächlichen örtlichen Verhältnisse angepasst sind.“ Die konkrete Materialwahl für den Randstreifen sei daher im Zuge der Bauausführung in Abstimmung mit den beteiligten Fachstellen erfolgt. Kein Wunder also, wurde der Boden feinsäuberlich betoniert. Wie man das im Tiefbau halt so macht. Am Bucheggplatz, am Schaffhauserplatz, am Hardplatz und so weiter.

    Zu sehen ist der betonierte Abschluss einer Mauer am Bucheggplatz. Hier kann definitiv nichts wachsen.Hier hat die Zürcher Stadtverwaltung offensichtlich nicht vorgesehen, dass jemals etwas wächst. "Wegen der Verkehrssicherheit", wie es heisst. Bild: Lorenz Steinmann

    Begrünung, Hitzeminderung, Heimat für Sandwespen und Pionierpflanzen? Lieber nicht. Offensichtlich fehlten der Wille und das Wissen, Hitzeminderung und naturnahes Bauen im Kleinen umzusetzen.

    Laut Helen Berg plant man bei besagter Mauer lediglich entlang der oberen Mauerkante Efeu zu pflanzen. Dadurch werde die Mauer besser in die Umgebung integriert und gleichzeitig das Graffitirisiko reduziert. Die Schattenpflanze Efeu an so einer hitzeprallen Lage. Sie können es offensichtlich nicht besser. Weder im Kleinen noch im Grossen.


  • 7 Minuten

    Bevölkerungswachstum verliert an Tempo – was das für Gemeinden bedeutet und was nicht

    Ein älterer Mann und eine ältere Frau laufen eine Rampe in einer Unterführung an einem Bahnhof hoch.Dass die Bevölkerungszahl langsamer steigt als auch schon, sieht man beispielhaft im Glattal. Bild: Pascal Turin

    Die Bevölkerung im Kanton ist 2025 gewachsen, allerdings langsamer als zuvor. Eine statistische Atempause in einer Zeit, in der die Zürcher Gemeinden laut einer neuen Studie mit personellen und gesellschaftlichen Herausforderungen kämpfen.

    Eine Wasserstandsmeldung: Die Zürcher Bevölkerung ist vergangenes Jahr um knapp 13’000 Personen gewachsen. Rund 1,63 Millionen Menschen wohnten Ende 2025 im Kanton. Dies geht aus einer Medienmitteilung des Statistischen Amts hervor, das zur Direktion der Justiz und des Innern von Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gehört. Die Wachstumsrate lag bei rund 0,8 Prozent und hat im Vergleich zu 2024 nochmals abgenommen. „Abgesehen von den Jahren der Coronapandemie ist das der geringste Zuwachs seit dem Jahr 2005“, schreibt der Kanton.

    Dass die Bevölkerungszahl langsamer steigt als auch schon, sieht man beispielhaft im Glattal. Im Communiqué wird die Region als eines der „Schlusslichter“ punkto Wachstumsraten bezeichnet. Ein Grund ist, dass einige grössere Städte nicht mehr so stark gewachsen sind wie früher – etwa Kloten. Die Flughafenstadt hatte Ende des Jahres 21’971 Einwohnerinnen und Einwohner. Das sind 319 Personen oder 1,5 Prozent mehr als im Dezember 2024. Ende 2024 verzeichnete Kloten hingegen ein Wachstum um 431 Einwohnerinnen und Einwohner im Vergleich zu 2023.

    Die einen schrumpfen, die anderen wachsen


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    Der Nachbarort Opfikon ist gar leicht geschrumpft. Die Bevölkerung der Stadt zählte Ende 2025 21’366 Personen. Das sind 83 Einwohnerinnen und Einwohner oder 0,4 Prozent weniger als im Dezember 2024. Damals lebten 21’449 Personen in der Stadt im Glattal.

    Im an Opfikon angrenzenden Wallisellen hingegen bleibt das Wachstum ungefähr stabil. So lebten Ende 2025 17’756 Einwohnerinnen und Einwohner in der Stadt. Das sind 93 Personen oder 0,5 Prozent mehr als im Dezember 2024. Wallisellen zählte Ende 2024 17’663 Einwohnerinnen und Einwohner – ein Plus von 110 Personen im Vergleich zu 2023.

    Man sollte aber bedenken, dass es sich bei diesen Zahlen um eine Momentaufnahme handelt. Wird nämlich gerade eine grössere Siedlung abgerissen oder sind Neubauten in Realisierung, hat das einen Einfluss auf das Wachstum. In Wallisellen entsteht beispielsweise auf dem sogenannten Integra-Areal direkt beim Bahnhof eine neue Überbauung.

    Karte des Kantons Zürich mit Bevölkerungszahlen 2025 je Gemeinde. Dunkelblau steht für viele, hellgrün für wenige Einwohner. Zürich ist mit Abstand am bevölkerungsreichsten.Bevölkerungszahl der Zürcher Gemeinden Ende des Jahres 2025: Wenig überraschend liegt die Limmatstadt klar an der Spitze. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Winterthur folgt dem Trend der Städte nicht

    Kantonsweit betrachtet hat die Stadt Zürich fast ein Drittel des Wachstums aufgenommen (+4008). Danach folgen laut Medienmitteilung des Kantons Dübendorf (+673) und Uster (+484). Über 80 Prozent des Bevölkerungswachstums stammen aus der Zuwanderung aus dem Ausland. „Mehr als zwei Drittel des letztjährigen Bevölkerungswachstums entfallen auf die Städte, also Gemeinden mit mindestens 10’000 Einwohnenden“, so das Statistische Amt.

    Interessanterweise folgt Winterthur dem Trend anderer grösserer Städte nicht: Gemäss der Mitteilung habe Winterthur mit einem Zuwachs von 355 Personen das geringste Bevölkerungswachstum seit der Jahrtausendwende verzeichnet. „Das Amt für Stadtentwicklung führt das stagnierende Wachstum vor allem auf einen Grund zurück: den Wohnungsbau. Im abgelaufenen Jahr seien keine zusätzlichen Wohnungen entstanden, der Bestand sei sogar gesunken“, hält die „Neue Zürcher Zeitung“ dazu in einem Artikel fest.

    Dass die Bevölkerung trotz des leichten Rückgangs im Wohnungsbestand weitergewachsen ist, erklärt die Stadt Winterthur in einer Mitteilung folgendermassen: Es konnten im Laufe des Jahres zahlreiche bereits fertiggestellte, umgebaute oder ersetzte Gebäude bezogen werden. „So wurde etwa der Umbau mehrerer grösserer Liegenschaften im Quartier Brühlberg abgeschlossen“, schreibt die Stadt. Auch in den Quartieren Neuwiesen und Sennhof seien zuvor abgebrochene Gebäude durch Neubauten ersetzt worden. „Zudem konnten 2025 zahlreiche Wohnungen im Gebäudekomplex KIM in Neuhegi bezogen werden, die bereits 2024 fertiggestellt worden waren.“

    Generell gilt: Die Bevölkerung wächst laut der aktuellen Erhebung des Statistischen Amts in allen Regionen des Kantons, aber nicht überall gleich stark.

    Liniendiagramm, das die Entwicklung der jährlichen Wachstumsrate des zivilrechtlichen Bevölkerungsbestands des Kantons Zürich von 1962 bis 2025 zeigt.Ende 2025 wohnten 1,63 Millionen Menschen im Kanton. Die Bevölkerung ist um 0,8 Prozent gewachsen. Der Zuwachs ist einer der niedrigsten der vergangenen 20 Jahre. Grafik: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Gemeinden stossen bei Baugesuchen an ihre Grenzen

    Für die Städte und Dörfer ist das Bevölkerungswachstum eine Herausforderung. Dies zeigte bereits das Gemeindeforum 2025. Der Anlass im vergangenen November stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Gemeinden und des Kantons tauschten sich damals über Erfahrungen sowie Chancen und Risiken im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum aus (wir berichteten). Denn dieses bringt finanzielle, gesellschaftliche und planerische Schwierigkeiten mit sich. Man denke da an neue Schulhäuser oder mehr Verkehr. Gleichzeitig stehen Gemeinden, die nicht wachsen, ebenfalls vor Problemen, weil dann irgendwann das letzte Restaurant die Lichter löschen muss und der Turnverein händeringend nach Mitgliedern sucht.

    Die neue Studie „Zustand und Entwicklung der Zürcher Gemeinden“ beschreibt, was die Gemeinden ausmacht und wie sie aufgestellt sind. Erstellt hat die Untersuchung das Zentrum für Demokratie Aarau im Auftrag des Gemeindeamts des Kantons Zürich. Das Gemeindeamt ist wie das Statistische Amt ein Teil der Direktion der Justiz und des Innern.

    Die Analyse beruht auf den Zürcher Antworten auf eine schweizweite Befragung der Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber im Jahr 2023. Knapp 90 Prozent der 160 Zürcher Gemeinden haben daran teilgenommen.

    „Es gibt mitunter gesellschaftliche Probleme, die von Gemeinden aufgrund von Arbeitsbelastung oder mangelnder Fachkompetenz kaum in angemessener Weise bewältigt werden können“, heisst es zum Beispiel in der Studie. Demnach stiessen die Gemeinden etwa bei der Unterbringung von Asylsuchenden an ihre Leistungsgrenzen. Dies war laut der Untersuchung bei etwas mehr als der Hälfte der befragten Gemeinden der Fall (54 Prozent) und weit mehr als bei jenen im Rest der Schweiz (27 Prozent). Von zumindest erreichten Leistungsgrenzen habe etwas mehr als jede dritte Zürcher Gemeinde in Bezug auf die Bewilligung von Baugesuchen (36 Prozent) und die Informatik beziehungsweise Digitalisierung der Gemeindeverwaltung (35 Prozent) berichtet.

    Obwohl der Personalbestand der Zürcher Gemeinden im Zeitraum von zehn Jahren stärker gewachsen ist als im Rest der Schweiz, nehmen die Gemeinden einen starken Fachkräftemangel wahr.

    Karte des Kantons Zürich mit den Steuerfüssen 2026 nach Gemeinden. Dunkelblau steht für hohe, hellgrün für tiefe Steuerfüsse.Während die Goldküste ein Steuerparadies ist, zahlen Bewohnerinnen und Bewohner in der Peripherie – etwa in Bachs oder Maschwanden – deutlich mehr Steuern. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Bevölkerung ist zufrieden mit Leistungen der Gemeinde

    Die Gemeinden schätzen die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem kommunalen Leistungsangebot als hoch ein. Wie aber in der Studie festgehalten wird, sind diese Ergebnisse mit Vorsicht zu geniessen. Es sind ja nicht die Einwohnerinnen und Einwohner befragt worden, sondern die Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

    „Grundsätzlich ist die Zufriedenheit mit dem Leistungsangebot und der Infrastruktur im Kanton Zürich als hoch einzustufen“, so die Studienautorinnen und Studienautoren. Dies steht in Einklang mit einer kürzlich durchgeführten Bevölkerungsbefragung und deren Resultaten im Gemeinde- und Wirksamkeitsbericht 2025. 40 Prozent der befragten Einwohnerinnen und Einwohner sind gemäss der Befragung mit den Dienstleistungen im Allgemeinen sehr zufrieden und weitere 54 Prozent sind mit den Dienstleistungen eher zufrieden.

    Positiv zu bewerten ist die Tatsache, dass die Zürcher Gemeinden ihre Position im Standortwettbewerb und ihre Standortattraktivität im Durchschnitt gegenüber Gemeinden in anderen Kantonen als besser einschätzen. „Das dürfte unter anderem auch auf die Lage im oder nahe dem Grossraum Zürich als wichtigstem Wirtschaftszentrum der Schweiz zurückzuführen sein“, schreibt das Gemeindeamt in einem Communiqué zur Studie.

    Fazit: Das verlangsamte Bevölkerungswachstum bedeutet für die Dörfer und Städte noch keine Entlastung. Viele Herausforderungen sind über Jahre entstanden. Insbesondere der Fachkräftemangel würde sich sogar verschärfen, wenn die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner langfristig nur noch langsam oder kaum mehr wachsen würde. Keine einfache Situation also für Politik und Verwaltung.

    Karte des Kantons Zürich mit der Wahlbeteiligung bei den Kantonsratswahlen 2023 nach Gemeinden. Dunkelgrün zeigt hohe, hellgrün niedrige Beteiligung.Bei den Kantonsratswahlen 2023 wurde es wieder mal offensichtlich: Opfikon mit rund 21’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist eine Hochburg der Wahlfaulen. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich
    Spannende Politfakten zu den Zürcher Gemeinden

    Rund 40 Prozent der Exekutivmitglieder sind laut einem Communiqué des Gemeindeamts parteilos. „Häufiger vertreten sind zudem die FDP (20 Prozent) und die SVP (14 Prozent)“, heisst es in der Mitteilung weiter. Lokale Parteien würden nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie seien in rund vier von fünf Zürcher Gemeinden präsent – im Gegensatz zu 60 Prozent in der übrigen Schweiz. Ein Beispiel dafür wäre der lokalpolitische Verein Forum Pro Wallisellen, den wir auf Rathuus kürzlich vorgestellt haben. „Am verbreitetsten sind Ortsparteien der bürgerlichen Parteien (SVP, gefolgt von der FDP und Mitte)“, schreibt das Gemeindeamt. Die Mitte und die GLP hätten in den letzten Jahren ihre lokale Verankerung ausbauen können.

    Eine Gemeindeexekutive zählt im Durchschnitt rund 6,4 Mitglieder. „Der Frauenanteil beträgt rund ein Drittel. Das ist mehr als in der übrigen Schweiz, liegt aber weiterhin unter dem Bevölkerungsanteil“, schreibt das Gemeindeamt. In den Gemeindeparlamenten seien ebenfalls rund ein Drittel der Mitglieder Frauen. Das entspreche dem Schweizer Durchschnitt. Von den nationalen Parteien hätten in den Zürcher Gemeinden die Grünen und die SP mit 50 und 39 Prozent den höchsten Frauenanteil. „Auch in Kleinstparteien, die Politik ausschliesslich vor Ort machen, ist der Frauenanteil mit 48 Prozent hoch“, so das Gemeindeamt.

    Bei der politischen Beteiligung hat es vielerorts noch Luft nach oben: So würden an Gemeindeversammlungen im Durchschnitt nur gerade 3,4 Prozent der Stimmberechtigten teilnehmen. Im Rest der Schweiz seien es durchschnittlich 7,5 Prozent. Auch an kommunalen Wahlen nähmen deutlich weniger Stimmberechtigte teil als im Rest der Schweiz. Bei den Wahlen der Gemeindeparlamente sei die Beteiligung mit etwa 20 Prozent besonders tief. (pat.)


  • 3 Minuten

    Velo können sie definitiv besser

    Auf dem Bild ist ein Ausschnitt einer Lithografie des französischen Künstlers Sempé zu sehen. Darauf ein gemütlich pedalender Velofahrer. Zudem einfügt ins bilkd ein rundes Portrait des Autors Lorenz Steinmann.Wer in Zürich Velo fahren will, braucht eine grosse Portion Gelassenheit. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

    Die Legislatur neigt sich dem Ende zu – Zeit für eine ehrliche Bilanz. Besonders die Velopolitik des Zürcher Stadtrats fällt durch. Note ungenügend. Ein Kommentar.

    In Zürich Velofahren ist die Hölle. Alles viel zu gefährlich. Kinder selbstständig mit dem Velo herumkurven lassen – unmöglich. Die sogenannten Velorouten hören immer dort auf, wo es Kreuzungen hat. Es werden Millionen verlocht für unnötige Projekte, die dann an wirklichen Brennpunkten fehlen. Stichwort Bellevue oder Hardbrücke. Kein Wunder, sagte kürzlich sogar SVP-Stadtratskandidat Ueli Bamert, ihm täten in Zürich die Velofahrenden manchmal leid.

    Doch halt, stopp. Ein- und Ausschnaufen. Ist die Velosituation wirklich so übel in Zürich? Oder nervt einen die Sache einfach umso stärker, weil Trump wieder spinnt und sich das Wallis mit dem Crans-Montana-Desaster einmal mehr selbst übertrifft?

    Gestern habe ich das in unserer Wohnung hängende Bild von Jean-Jacques Sempé angeschaut. Sempé (1932–2022) war der geniale Zeichner, der gemeinsam mit dem berühmten Comicautor René Goscinny die bekannte Kinderbuchserie „Der kleine Nick“ schuf. Daneben veröffentlichte er Bildbände, in denen er humorvoll alltägliche Begebenheiten einfing. Ja, oft Veloszenen wie auf erwähntem Bild, das auch als Illustration für diesen Text passt.

    Das Bild strahlt eine grosse Gelassenheit aus. Diese braucht man ohne Zweifel, wenn man auf dem Drahtesel durch Zürich fährt. Dabei ist zitierte Gelassenheit bekanntermassen oft auch im Auto und sogar im Tram nötig.


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    Aber so krass wie beim Velo ist die Diskrepanz zwischen Volksauftrag und Umsetzung nirgends. Darum nochmals die Lamento-Leier: Objektiv betrachtet ist fast jede grössere Kreuzung für Velos unbrauchbar oder zumindest gemeingefährlich. Der 40 Millionen Franken kostende Velotunnel hat unglaublich schlechte Zufahrt. Bei vielen von der Verwaltung gross gefeierten Strassenbauprojekten wie der Einhausung Schwamendingen, den Sanierungsarbeiten am Kreuzplatz oder der Walchebrücke ging das Velo vergessen. Nein, fast noch schlimmer: Die Velofahrenden wurden sogar mitgedacht – aber das Ergebnis macht ganz und gar keine Freude.

    Bei den vielen Tiefbauprojekten rund um die Fernwärme wiederum wird für den Autoverkehr punkto Umfahrungsmöglichkeiten viel getan. Die Velofahrerinnen und Velofahrer gucken hingegen regelmässig in die Röhre.

    Trotzdem, Gelassenheit ist Trumpf! Aufregen bringt wenig. Und ehrlich gesagt, die vielzitierte bürgerliche Wende im Stadtrat würde die Situation für Velofahrende ziemlich sicher nicht markant verbessern. FDP, SVP und Co. würden dann eher für freie Fahrt von der Goldküste in die Stadt sorgen.

    Das Problem lässt sich auf einen einfachen Merksatz herunterbrechen: Stadträtinnen und Stadträte kommen und gehen, die Verwaltungsmitarbeitenden bleiben.

    Natürlich können Exekutivmitglieder die Chefbeamten auswählen, manchmal sogar auswechseln. Doch das Heer der Zudiener, etwa im tonangebenden Tiefbauamt, bleibt über Jahre dasselbe. Und diese Mitarbeitenden scheinen total autofixiert, total beton- und asphaltlastig. Da braucht es Zeit, viel Zeit. Wohl sogar einen Generationenwechsel in der Verwaltung.

    Ist das alles nun Schwarzmalerei? Ich hoffe nicht! Neue Mitglieder im Stadtrat könnten sicher mehr Schwung und Pep auf die Brücke des Megatankers Stadtverwaltung bringen. Ich wünsche mir aber auch, dass die wieder antretenden Stadträtinnen und Stadträte mehr als Team auftreten. Sie sollten nicht einfach die anderen „Gspänli“ machen lassen und ihre eigenen Süppchen kochen. Gerade die Grünen hätten ja mit dem ehemaligen Pro-Velo-Präsidenten Daniel Leupi einen Experten für Velobelange in ihren Reihen.

    Manchmal werde ich aber auch in Zukunft vor mich hin grummeln. Sempé-Bild hin oder her. Ich muss mir wohl bald diesen Spruch auf den Unterarm tätowieren lassen: „Vive le Vélo!“ Der harmoniert dann perfekt mit dem Anker auf dem Oberarm – als Symbol für den Verwaltungstanker, der endlich in Bewegung gebracht werden muss.


  • 1 Minute

    Zeitungen, die keiner mehr kennt (aber damals alle gelesen haben)

    Ein Hund mit rotbraunem Fell und einem blauen Leuchthalsband schaut direkt in die Kamera. Er sitzt vor einem einfachen Graffiti, das einen Hund zeigt.Hunde gehen immer – und Clickbait funktioniert sicher auch auf Rathuus. Redaktionshund Waldo kommt in dieser Folge nicht vor, aber das Bild fanden wir so herzig. Bild: Pascal Turin

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin betreiben zwar ein Online-Politikmagazin, sie lieben aber Gedrucktes. Deshalb diskutieren sie in der 27. Folge des Rathuus-Podcasts unter anderem über Zeitungen, die schon längst Geschichte sind.

    Ein Spaziergang in die Vergangenheit: In der 27. Folge des Rathuus-Podcasts dreht sich dieses Mal fast alles um Zeitungen, die es heute nicht mehr gibt. Anlass ist das kürzliche Ableben des Schweizer Journalisten und Medienexperten Karl Lüönd. Wir verweisen an dieser Stelle auf unseren Nachruf.

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin sprechen insbesondere über die Zürcher Gratiszeitungen “Züri Leu” und “Züri-Woche” sowie die Schweizer Zeitung “Die Tat”. Sie war einst vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufen worden und hatte zumindest anfänglich eine sehr enge Verbindung zum Landesring der Unabhängigen (LdU). Die Partei ist wie die Zeitung längst Geschichte, trotzdem möchten wir in diesem Zusammenhang die Lektüre unseres Texts über die LdU-Politikerin Verena Grendelmeier empfehlen.

    Ausserdem im Rathuus-Podcast: Lorenz und Pascal verraten, ob sie Migros- oder Coop-Kinder sind. Und sie sprechen über das sogenannte Swiss Reputation Ranking. Gemäss diesem belegt der Zahlungsdienstleister Twint den Spitzenplatz. Wo sich wohl Coop und Migros einreihen?

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • Im Wahlkampf übersehen: die Frauen

    Eine Frau mit halblangem braunen Haar lächelt in die Kamera. Sie trägt ein Jackett.In einer Gastkolumne äussert sich Gemeinderatskandidatin Nathalie Zeindler (Die Mitte) pointiert. Bild: zvg

    Die Journalistin und Mitte-Politikerin Nathalie Zeindler ist überzeugt: „Repräsentation bedeutet, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.“ Für sie ist es symptomatisch, wie die Stadtratskandidatinnen in der öffentlichen Wahrnehmung oft weniger Plattformen erhalten.

    Zürich erlebt derzeit eine bemerkenswerte Dynamik: Wie der „Tages-Anzeiger“ kürzlich berichtete, bewerben sich so viele Frauen wie noch nie für einen Sitz im Gemeinderat. Während die Legislative immer vielschichtiger zu werden scheint, wirkt die Debatte um die Besetzung des Stadtrats noch etwas statisch.

    Dass das Thema weibliche Vertretung in der Exekutive eher am Rande behandelt wird, stellt einen Verlust für den demokratischen Diskurs dar.


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    Perspektiven einer Biografin

    Als Journalistin und Biografin zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten wie alt Nationalrätin Judith Stamm (CVP) und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran habe ich eines gelernt: Sichtbarkeit ist das Ergebnis von Profil und unermüdlichem Einsatz. Ob es Judith Stamm war, die als unerschrockene Frauenkämpferin ihrer Zeit stets einen Schritt voraus war, oder Jacqueline Badran, die mit ihrer bekannten Hartnäckigkeit essenzielle Themen wie die Immobilien- und Bodenpolitik besetzt – beide Frauen haben gezeigt, dass die Qualität politischen Wirkens auch von eigenständigen Stimmen lebt.

    Eine Stadtregierung profitiert enorm, wenn sie unterschiedlichste Biografien integriert. In einem Umfeld mit stabilen Mehrheitsverhältnissen droht dieser befruchtende Wettbewerb jedoch manchmal in den Hintergrund zu treten. Wenn Organisationen wie die Zürcher Frauenzentrale heute überparteilich für mehr Sichtbarkeit von Frauen auch im Stadtrat werben, kann dies als wichtiges Signal gegen Marginalisierung gewertet werden.

    Politische Vielfalt als Qualitätsmerkmal

    Dass neue Kandidatinnen wie Serap Kahrimann (GLP), Céline Widmer (SP), Karin Weyermann (Mitte), Marita Verbali (FDP), Sandra Gallizzi (EVP) oder Tanja Maag (AL) in der öffentlichen Wahrnehmung rund um die Stadtratswahlen oft weniger Plattformen erhalten, ist symptomatisch. Dabei geht es nicht um die Abwertung bestehender Mehrheiten, sondern um die Aufwertung des gesamten politischen Mosaiks unserer Stadt. Wahre Repräsentation benötigt neben der Geschlechtergleichheit auch eine politische Vielfalt.

    Als Mitte-Gemeinderatskandidatin im Wahlkreis 6 und Vorstandsmitglied der Mitte Frauen Kanton Zürich sehe ich mich als Brückenbauerin. Wir benötigen eine Politik, die das Trennende überwindet und die Vielfalt der Meinungen als Stärke begreift.

    Repräsentation bedeutet für mich, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.

    Schwung nutzen

    Der Frauenrekord bei den kommenden Gemeinderatswahlen ist auch als Versprechen zu verstehen. Wir zeigen damit, dass die Politik von der Beteiligung vieler lebt und auch im Stadtrat ernst genommen werden sollte. Zürich verdient eine Exekutive, die so dynamisch und vielschichtig ist wie die Menschen, die hier leben. Nur wer echte politische Vielfalt zulässt, sichert die Innovationskraft unserer Stadt.

    Nathalie Zeindler ist Journalistin und Biografin. Nach Jahren der präzisen Beobachtung und Dokumentation des politischen Geschehens möchte sie nun ihre Erfahrung nutzen, um zum aktiven Mitgestalten überzugehen. Sie kandidiert für den Stadtzürcher Gemeinderat im Wahlkreis 6 (Die Mitte, Liste 7, Platz 2).


  • 2 Minuten

    Wuff, wuff – hier sind ein paar mediale Leckerchen für dich

    Ein lächelnder Mann mit Brille hält einen kleinen braun-weissen Hund im Arm, der einen rot karierten Hundemantel trägt. Beide sind freigestellt vor einem gelblich eingefärbten Hintergrund aus ausgebreiteten Zeitungen und Magazincovern, darunter internationale und deutschsprachige Titel.Waldo trägt ein neues Mäntelchen – Pascal Turin strahlt, als hätte er es selbst designt. Bildmontage: Rathuus

    Unser Redaktionshund Waldo hat wieder einmal einen Blick in die Welt der Medien geworfen. Er sagt dir, was du unbedingt wissen musst und wo der Hund begraben liegt.

    Waldo schnüffelt nicht nur gern an den Hinterteilen seiner Artgenossinnen und Artgenossen. Er gräbt sich mit Vorliebe durch die Medienwelt und spürt für dich Artikel, Podcasts und mehr auf. Waldo weiss definitiv Bescheid, wie schon der erste Text in dieser Rubrik zeigte.

    Wenn ein Artikel oder eine Podcast-Folge hinter einer Paywall steckt, dann denk daran: Von Streicheleinheiten allein kann keine Journalistin und kein Journalist leben.

    Ein Problem lösen, das es in Zürich vielleicht gar nicht gibt

    Thomas Hug-Di Lena bringt es in seinem Text über autonomes Fahren auf den Punkt: „Robotaxis konkurrenzieren den bestehenden ÖV, verursachen zusätzlichen Verkehr durch Leerfahrten und senken die Hemmschwelle für motorisierte Fahrten“, schreibt der ausgebildete Raum- und Verkehrsplaner in seiner lesenswerten Kolumne auf dem Onlineportal Tsüri. Robotaxis, die in einigen US-Städten bereits zum Alltag gehören, sollen nämlich bald auch durch Zürich fahren. Aus Sicht von Hug-Di Lena, der übrigens im Vorstand der GLP Kreis 3 und 9 sitzt, braucht die Limmatstadt aber keine Robotaxis. Und seine Argumentation leuchtet ein.

    Des einen Freud, des anderen Leid: das Fliegen

    Der Flughafen Zürich eilt zwar von Passagierrekord zu Passagierrekord, aber den Fluglärm will trotzdem niemand haben. Das ist am Flughafen Frankfurt nicht viel anders. Dort steigt die Zahl der Fluggäste ebenfalls, auch wenn das Passagieraufkommen das Niveau vor der Corona-Pandemie noch nicht erreicht hat. Und eine weitere Parallele zu Kloten: Auch rund um Frankfurt am Main kämpfen Anwohnerinnen und Anwohner für ihre Nachtruhe. „Im Büro telefonieren? Nur noch bei geschlossenem Fenster möglich, sagt Claudia Lange. Nach fünf Uhr morgens fest schlafen? Seit Mitte Juli für viele hier auch vorbei“, beginnt „Spiegel“-Journalist Matthias Bartsch seinen Artikel. Ein Blick über den Gartenzaun, der sich lohnt.

    Was einen guten Bundesrat (und eine gute Bundesrätin) ausmacht

    In der Folge „Die besten Bundesräte der Geschichte – und die schlechtesten“ des Podcasts Politbüro des „Tages-Anzeigers“ wagt Fabian Renz ein Ranking unserer Landesregierung. Der Leiter des Ressorts Analyse und Meinungen geht dabei mit sehr viel Fingerspitzengefühl vor. Host Philipp Loser hätte sich wohl gewünscht, dass sich Renz ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnt. Trotzdem ist die Folge hörenswert – insbesondere die Diskussion darüber, ob Frauen und Romands im Bundesrat anders bewertet werden als Männer und Deutschschweizer.

    Die Zürcher Gemeinden als Schweizermacher

    Ganz so zum Augenrollen wie im Filmklassiker „Die Schweizermacher“ mit Emil Steinberger und Walo Lüönd ist das Einbürgerungsverfahren zum Glück doch nicht: „Über diese Hürden müssen Einbürgerungswillige springen“, heisst der jüngst im „Stadt-Anzeiger“ Opfikon-Glattbrugg erschienene Text. Tobias Stepinski zeigt anhand der Beispiele Opfikon, Kloten und Wallisellen auf, wie sich Kosten, Ablauf und Dauer des Einbürgerungsverfahrens je nach Wohnort deutlich unterscheiden können. „Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gemeinden ist der Umgang mit Einbürgerungsgesprächen“, schreibt der Journalist in seinem lesenswerten Artikel.


  • 3 Minuten

    Wenn der Zürcher Stadtrat mauert

    Zu sehen ist auf dem Bild GLP-Stadtrat Andreas Hauri.GLP-Stadtrat Andreas Hauri scherte aus: "Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut." Bild: zvg

    Eine Umfrage vor den Wahlen in Zürich zeigt: Die amtierenden Stadträtinnen und Stadträte wollen sich nicht zum umstrittenen Thema der städtischen Wohnungsvergaben äussern. Die grosse Ausnahme ist Andreas Hauri von den Grünliberalen.

    Die Stadtzürcher Wahlen stehen vor der Tür. Das öffentliche Interesse sei aber gering, stellte Roger Schawinski gestern in seinem „Doppelpunkt“-Talk auf Radio 1 mehrmals fest. Immerhin lud Schawinski nach dem abtretenden Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) vor einer Woche am Sonntag abermals Politiker zu diesem Thema ein. Die beiden Gäste Michael Baumer (amtierender FDP-Stadtrat) und Balthasar Glättli (Kandidat der Grünen) gaben sich im einstündigen Gespräch aber so handzahm, als hätten sie sich schon auf eine gemeinsame Zukunft im Stadtrat geeinigt.

    Als anderes, ja ebenfalls fragwürdiges Päckchen entpuppten sich kürzlich Antworten auf eine Umfrage des im Stadtzürcher Kreis 1 erscheinenden „Altstadt Kuriers“. Die amtierenden Stadträtinnen und Stadträte wollten zum Thema „Zufallsgenerator bei städtischen Wohnungen“ keine Antwort geben. Die wohltuende Ausnahme war Andreas Hauri von der GLP.


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    Ein dringendes Thema im Kreis 1

    Doch der Reihe nach: Der Zufallsgenerator ist in der City darum ein dringendes Thema, weil es hier fast keine Genossenschaftswohnungen, geschweige denn Neubauwohnungen gibt. Dafür aber liegen 20 Prozent der städtischen Wohungen im Kreis 1 – also der Altstadt Zürichs.

    Seit 2019 ist Feuer im Dach. Waren früher alteingesessene Liegenschaftenverwalter im Kreis 1 tätig, die sich durch die Bewerbungsdossiers ackerten, kommt seit 2019 der sogenannte Zufallsgenerator zum Einsatz. Er soll für mehr Fairness sorgen und verhindern, dass Personen bevorteilt werden. Tatsächlich seien die Dossiers früher, zu Zeiten von Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP), hin und wieder subjektiv ausgewählt worden, und Wohnungen wurden manchmal unter der Hand weitergegeben.

    Daniel Leupi (Grüne) hingegen, als Stadtzürcher Finanzvorsteher oberster Vermieter der total über 10’000 städtischen Wohnungen, setzt auf das unpersönliche Losverfahren. Etwas, was im Kreis 1 schlecht ankommt. Die Bevölkerungsstruktur im Quartier und der Zusammenhalt nähmen dadurch Schaden, ist Felix Stocker überzeugt. Für den Quartiervereinspräsidenten ist klar, dass das angewandte Zufallsprinzip den sozialen Zusammenhalt auf eine harte Probe stelle. Grund: Langjährige, im Quartier verwurzelte Mieterinnen und Mieter würden keine passende Wohnung mehr finden.

    Die Frage aller Fragen

    Daher also die Frage des „Altstadt Kuriers“ an alle amtierenden Gemeinderätinnen und Gemeinderäte des Wahlkreises 1 und 2, plus an die nochmals antretenden Stadträtinnen und Stadträte sowie die neu Kandidierenden: „Was halten Sie vom System und wären Sie dafür, dieses für den Kreis 1 anzupassen, indem Anwohnende soweit möglich ein Vormietrecht erhalten könnten?“

    Die Stadträtinnen und Stadträte Michael Baumer (FDP), Daniel Leupi (Grüne), Karin Rykart (Grüne), Simone Brander (SP) und Raphael Golta (SP) verzichteten unisono auf die Beantwortung dieser Frage. Wie es heisst, weil das System mit dem Zufallsgenerator schon per Stadtratsbeschluss beschlossen wurde und es nichts hinzuzufügen gebe. Eine Antwortsverweigerung, die man sonst eher von alt SVP-Bundesrat Ueli Maurer („Kä Luscht“) oder momentan aus dem Weissen Haus kennt.

    GLP-Stadtrat Andreas Hauri allerdings liess es sich nicht nehmen, Feedback zu geben: „Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut. Wenn langjährig verwurzelte Menschen keine passende und bezahlbare Wohnung mehr in ihrem Quartier finden, ist das ein ernstes Problem.“ Als Stiftungsratspräsident der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich setze er sich dafür ein, dass auch im Zentrum altersgerechtes und bezahlbares Wohnen möglich bleibe.

    Erwähnenswert zudem folgende Antwort: Stadtratskandidat und SP-Kantonsrat Tobias Langenegger sagte schon fast staatsmännisch: „Inwiefern man das System anpassen müsste, kann ich nicht beurteilen.“ Man müsse aber „Airbnb“ und Business-Apartments sofort einschränken, damit nicht noch mehr bezahlbarer Wohnraum verloren gehe.

    Erfrischend konkret antwortete Stadtratskandidatin Serap Kahriman (GLP), die auch das Stadtpräsidium anstrebt: „Ich lehne den Zufallsgenerator ab. Staatliches Handeln darf keine Lotterie sein. Wenn die Stadt Wohnungen vergibt, muss das nachvollziehbar, überprüfbar und begründbar sein – sonst entsteht Willkür statt Vertrauen.“ Statt eines Zufallsgenerators brauche es klare, transparente Vergabekriterien, bei denen auch die Verwurzelung im Quartier angemessen gewichtet werden dürfe.

    Es geht also durchaus. Ob sich die Stadtratskandidierenden der GLP auch abgesprochen haben? Wir wissen es nicht.


  • 5 Minuten

    „Mit Pierre Maudet aus Genf würde ich gerne mal ein Bier trinken“

    Zu sehen auf dem Bild ist Birgit Tognella."Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich", so SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen (58) im Rathuus-Fragebogen. Bild: zvg

    Politikerin der Woche ist diesmal die SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen aus Wangen-Brüttisellen. Im indiskreten Fragebogen erzählt sie von ihren dänischen Wurzeln, erklärt, warum sie die Parkplatzdebatten beinahe absurd findet und was sie am verurteilten Politiker Pierre Maudet gut findet.

    Birgit Tognella-Geertsen, wie wurden Sie politisiert?
    Ich wurde zu Hause in meiner Ursprungsfamilie politisiert, es wurde jeweils beim Sonntagsbrunch oft über aktuelle Themen diskutiert.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Als Kind wollte ich Bäuerin oder Hebamme werden, später dann Lehrerin oder Floristin. Keiner dieser Wünsche ist Wirklichkeit geworden – und trotzdem bin ich heute glücklich und zufrieden mit meinem Beruf.

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich. Was derzeit in den USA geschieht, finde ich sehr beunruhigend und kaum nachvollziehbar. Der Anti-Züri-Reflex erscheint mir widersprüchlich und schwer einzuordnen. Und doch hat es auch eine Wahrheit, so will zum Beispiel die Stadt einerseits kreative, kulturelle und politische Aktivitäten ermöglichen, andererseits Sicherheit, Nachtruhe, Verkehrsfluss und Rechte der Anwohnerinnen und Ausländer schützen. Auflagen, Formulare und Bewilligungen für Anlässe sind enorm. Der Schlüssel liegt darin, Bürokratie zu reduzieren, ohne Sicherheit und Recht zu schwächen.

    Die Wohnungsnot in Zürich ist real und dringend. Die Debatte über Parkplatzmangel wirkt dagegen – angesichts der humanitären Katastrophen im Nahen Osten – auf mich persönlich beinahe absurd. Wir leben in der Schweiz in einer stabilen Demokratie. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, das wir ernst nehmen und bewahren müssen.


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    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Ich verstehe mich als Sozialpolitikerin mit sozialliberalem Gedankengut. In manchen Bereichen argumentiert mir die Juso teilweise zu polemisch. 

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Schon viele Male war ich an Infoständen oder als Initiantin unterwegs – letzten Herbst etwa in Schwamendingen, als wir Unterschriften für die Schwamendinger Chilbi sammelten. Es ist spannend zu erleben, wie direkt man ins Gespräch kommt und welche Themen den Leuten wirklich unter den Nägeln brennen.

    „Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.“

    Welche Staatsmänner oder -frauen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Pierre Maudet aus Genf. Einerseits war er massgeblich im Projekt Papyrus beteiligt. Die Operation Papyrus soll den Aufenthalt von Arbeitskräften, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen, aber gut integriert sind und seit vielen Jahren im Kanton leben, regeln. Andererseits wurde er trotz Verurteilung im Jahr 2023 wieder in den Stadtrat von Genf gewählt.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt Zürich oder im Kanton Zürich?
    Ich liebe das „Mère Catherine“ im Nägelihof. Es ist längst eine Institution in Zürich und begeistert mich seit über 40 Jahren mit französischer Küche. Dort habe ich vor 39 Jahren meinen 20. Geburtstag gefeiert und dieses Restaurant gibt es immer noch.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Ja, ich kaufe ab und zu das Surprise, aber lesen ist so eine Sache, leider fehlt die Zeit dazu.

    „Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort dänisch.“

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort Dänisch. Diese Sprache irgendwann zu erlernen, ist für mich ein Wunsch.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Hedi Lang gilt als eine Pionierin für Frauen in der Schweizer Politik und war sowohl auf Bundes- als auch auf Kantonsebene eine prägende Persönlichkeit. Hedi Lang war und ist für mich eine bedeutsame Zürcherin, da sie sich in den 80er-Jahren massgeblich für die drogenpolitischen Reformen einsetzte, welche heute noch angewendet werden.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Jeder kann tun und lassen, was er/sie will.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Ein erster Schwerpunkt meines politischen Engagements im Jahr 2015 war der Übergang von Jugendlichen in die Arbeitswelt. Mein Appell an Wirtschaft und Gewerbe lautete, sich stärker an Lösungen für leistungsschwächere Jugendliche zu beteiligen. Berufsverbände und Ausbildungsbetriebe sollten eine deutlich höhere Bereitschaft zeigen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

    In meiner beruflichen Tätigkeit ist es mir gemeinsam mit verschiedenen Arbeitgebenden im Jahr 2025 nun gelungen, ein Netzwerk inklusiver Arbeitgeber aufzubauen. Dieses Netzwerk setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgreich Fuss fassen können. Durch den gezielten Abbau von Barrieren und das Schaffen konkreter Chancen leisten wir einen Beitrag zu einem inklusiven Arbeitsmarkt. Dass dieses Netzwerk nach rund zehn Jahren kontinuierlicher Arbeit zustande gekommen ist, erfüllt mich mit grosser Freude. Es zeigt aber auch: Nachhaltige sozialpolitische Veränderungen brauchen Zeit, Ausdauer und Durchhaltewillen.

    Birgit Tognella-Geertsen (58) ist seit 2015 Kantonsrätin. Sie vertritt für die SP den Wahlkreis Zürich 11 und 12, zu dem Schwamendingen gehört. Die Betriebswirtschafterin und Erwachsenenbildnerin war mit ihrer Familie mehr als 30 Jahre in Schwamendingen zuhause. Seit Mai 2024 heisst der Wohnort Wangen bei Dübendorf. Nun ist Tognella-Geertsen Mitglied der SP Wangen, der IG Frauenstimmen, dem Frauenverein Wangen und des Frauenvereins Brüttisellen. Sie engagiert sich „für ein gutes, offenes und vorteilsloses Zusammenleben“.

    In der Vereinigung Secondas Zürich ist Tognella-Geertsen Vizepräsidentin, wie etwa auch Përparim Avdili von der FDP.

    In der Freizeit liebt sie es, im Garten rumzuwühlen und Neues zu entdecken. „Die Beschäftigung mit unserem Hund Joy, etwa die Trüffelsuche, ist für mich und meine Familie ein guter Ausgleich zur Arbeit.“ Birgit Tognella-Geertsen, Ehefrau von alt FDP-Gemeinderat Roger Tognella, reist zudem sehr gerne. „Dies ist in Verbindung mit Tauchen für mich ein perfekter Urlaub.“


  • 3 Minuten

    Erinnerungen an Karl Lüönd

    Auf dem Bild zu sehen von rechts Karl Lüönd, Esther Scheidegger, sowie Lorenz Steinmann.Eines der wohl letzten Fotos: Karl Lüönd im Oktober 2025. Links neben ihm seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger sowie der Autor dieses Nachrufs. Bild: zvg

    Er war jahrzehntelang die einordnende Stimme, wenn es um die Medienwelt ging. Und eine Zeit lang bestimmte er die Politik in Zürich mit. Jetzt ist der Wahl-Winterthurer Karl Lüönd gestorben.

    Sein charakteristischer Urner Dialekt war Karl Lüönds Markenzeichen. Obwohl er seit über 50 Jahren nicht mehr in jenem Gebirgskanton lebte, gab ihm seine Herkunft eine gewisse Knorrigkeit, ein Hang zur ungeschönten Direktheit, wie sie nur Bergler haben können. Darum war Lüönd ein gefragter Experte und Interviewpartner, wenn es um die Medienwelt ging.

    Lüönd legte immer viel Wert auf die Sprache, geschrieben, aber auch gesprochen. Er war ein unermüdlicher Schaffer, der viele Bücher hinterlassen hat. Ein Standardwerk ist ohne Zweifel sein Buch von 2007: „Verleger sein. Nachdenken über Menschen, Medien und Märkte“. Er war damit schon fast ein Prophet, der die heutige Entwicklung der Medien vorwegnahm.

    Dass er das Buch zusammen mit Pietro Supino schrieb, dem Tagi-Verleger und Verwaltungsratspräsidenten der TX Group, ist typisch für Lüönd. Er war perfekt vernetzt und kannte sehr viele Leute. Aber nicht nur die Chefs und Eigner, sondern auch viele Frontleute im Journalismus und im Inserateverkauf. Wohl deshalb hatte er oft einen sehr guten Riecher, wenn es um Storys, aber auch um verlegerische Belange ging.

    Lüönd und die Politik


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    Zumindest eine Zeit lang hatte Karl Lüönd grossen politischen Einfluss im Raum Zürich. Denn nach sechs Jahren als Mitglied der „Blick“-Chefredaktion und zwei Jahren Chefredaktor des Gratisanzeigers „Züri-Leu“ war er 1982 Mitbegründer der „Züri-Woche“. Dieses Boulevardblatt leitete er 17 Jahre lang als Chefredaktor, zeitweise auch als Verleger. Damals war diese bürgerlich eingefärbte Wochenzeitung eine Instanz in Zürich und hatte eine Auflage von 250’000 Exemplaren.

    Vor allem in den 80er-Jahren mussten Politikerinnen und Politiker – meist des linken Spektrums – wöchentlich zittern, wenn wieder Kritik der „Züri-Woche“ über sie hereinprasselte. Damals, als Zürich verschrien war als AAA-Stadt. A wie Arme, Alte, Arbeitslose. Ein gefundenes Fressen für das Boulevardblatt „Züri-Woche“.

    Später wurde Lüönd milder, machte sich selbstständig und wurde gefragter Auftragschreiber. Seine Firmenporträts, etwa über das Medienunternehmen Ringier, sind heute noch sehr lesenswert.

    Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist.

    Persönliche Erinnerungen

    Ich habe eine durchaus persönliche Beziehung zu Lüönd. Für mich war Lüönd immer die ruhige, einschätzende Stimme mit dem Riecher für jene Stoffe, die interessieren. 1979 war das für mich die Armee. Damals war Lüönd Autor des Bildbandes „Wehrhafte Schweiz“. Ich fand das Werk in meinem jugendlichen Eifer ziemlich gut.

    Persönlich kannten wir uns gut 20 Jahre, weil Lüönd Berater beim Zürcher Verlag Lokalinfo AG war. Dort arbeitete ich 19 Jahre lang als Redaktor. Verleger Walter Frey setzte Lüönd ein, als es darum ging, die Lokalinfo rentabler zu organisieren. Er interessierte sich nicht unbedingt für jeden einzelnen Artikel, aber dafür, dass der Lokaljournalismus als Stimme erhalten bleiben sollte.

    Das letzte Mal traf ich Karl Lüönd im Oktober im Rahmen eines Festes des „Altstadt-Kuriers“. Die Besonderheit: Seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger schrieb 15 Jahre lang für dieses Quartierblatt, das ich seit Herbst 2025 leiten darf. Von dort stammt auch das Foto. Es war ein harmonisches Treffen, bei dem ich spürte, wie gern sich Karl und Esther hatten und wie sehr sie auch interessenmässig zusammenpassten.

    Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist. Mit Schmerz denke ich an seine Witwe Esther, die altershalber eben erst ihren geliebten Wohnsitz mitten in Zürich aufgegeben hat und nach Winterthur zügelte. Diese Tragik ist sehr gross. Ich wünsche Esther viel Kraft in dieser schweren, dunklen Zeit. Möge Kari vom Medienhimmel aus seine schützenden Hände über sie legen.


  • 4 Minuten

    Im Spannungsfeld von günstigeren Abos und Kapazitätsgrenzen

    Blick von oben auf den Bahnhof Stadelhofen. Zwei S-Bahn-Züge sind eingefahren. Das Perron ist voller Menschen, die einsteigen oder auf andere Züge warten.Es steht Frage im Raum, wie der ÖV künftig finanzierbar bleiben und zugleich attraktiv genug sein soll. Bild: Pascal Turin

    Die SP will günstigere ÖV-Abos im ganzen Kanton Zürich, doch der Regierungsrat winkt ab. Unabhängig davon wächst bei bürgerlichen Politikerinnen und Politikern im Kantonsrat die Sorge, wie lange das ÖV-System dem steigenden Andrang noch standhält.

    Deutlich weniger zahlen für den öffentlichen Verkehr? Was wohl viele Pendlerinnen und Pendler reizvoll fänden, findet beim Regierungsrat keinen Anklang. Die SP will ihre an der Urne in der Stadt Zürich erfolgreiche Idee in den gesamten Kanton exportieren. Dazu hatten die SP-Kantonsrätinnen und Kantonsräte Rosmarie Joss, Nicola Siegrist sowie Felix Hoesch im November eine Motion eingereicht. Geht es nach den Politikerinnen und Politikern, sollen Erwachsene für das Jahresabonnement für eine bis zwei Zonen des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) nur noch 365 Franken bezahlen – Kinder und Jugendliche wiederum 185 Franken.

    Die Sozialdemokraten sind mit einem ähnlichen Vorschlag bei der mehrheitlich links-grün wählenden Bevölkerung in der Limmatstadt offene Türen eingerannt. Wir erinnern uns: Mit rund 63 Prozent Ja-Stimmen sprach sich das Stadtzürcher Stimmvolk im September für das ÖV-Abo für 365 Franken aus. Doch das gilt natürlich nicht für das ganze ÖV-Netz, sondern lediglich für die Zone 110. Diese deckt aber immerhin die ganze Stadt Zürich ab, zählt als zwei Zonen und gilt innerhalb des Stadtgebiets für S-Bahn, Tram und Bus, aber auch Limmatschiff, Polybahn oder Dolderbahn. Ein ZVV-Jahresabo für ein bis zwei Zonen kostet aktuell 813 Franken – für die 2. Klasse. Einen Lokaltarif wie in kleineren Gemeinden gibt es in den Städten Zürich und Winterthur (Zone 120) nicht.

    Der Zürcher Stadtrat schätzt die Gesamtkosten auf etwa 140 Millionen Franken pro Jahr. Darum ging die Initiative der SP sogar der sonst finanziell sehr grosszügigen Exekutive zu weit. Sie lehnte das Volksbegehren ab und warb mit einem Gegenvorschlag, der sich auf einkommensschwache Personen fokussierte. Doch bei der von hohen Lebenshaltungskosten geplagten Stadtbevölkerung sass das Portemonnaie offenbar locker – trotz aller Warnungen bezüglich der Finanzierbarkeit. Giesskannenprinzip, olé.

    Wann das 365-Franken-Abo eingeführt wird, ist allerdings offen. Hingegen ist bereits jetzt klar, dass es die SP-Idee im bürgerlichen Kantonsrat schwer haben dürfte – alleine schon wegen der zu erwartenden Kosten für Gemeinden und Kanton.

    Die Kantonsregierung will keine 365-Franken-Abos


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    Kurz zusammengefasst ist die Motion aus Sicht des Regierungsrats „angesichts der geringen verkehrspolitischen Wirksamkeit bei gleichzeitig sehr hohen Kosten als nicht zielführend zu betrachten“. Die Kantonsregierung ist gemäss ihrer soeben veröffentlichten Stellungnahme davon überzeugt, dass die wirksamsten Massnahmen zur Förderung des ÖV nicht in einer flächendeckenden Vergünstigung von Ticketpreisen, sondern in der laufenden Weiterentwicklung von Angebot, Infrastruktur und Betriebsqualität liegen. „Sie erzielen langfristig grossen und messbaren Nutzen. Daher sollen die zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel auch schwergewichtig in solche Massnahmen investiert werden“, hält der Regierungsrat fest. Davon würden letztlich mehr Personen und zudem auch die Umwelt profitieren.

    Bei der mit der Motion vorgeschlagenen Lösung handelt es sich laut Regierungsrat hingegen um eine pauschale Verteilung von enormen finanziellen Erleichterungen, „die nicht nur jenen Personen zugutekäme, die tatsächlich unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden, sondern auch wohlhabenden und vermögenden Personen“.

    Die Leistungsfähigkeit des ÖV-Systems auf dem Prüfstand

    Doch unabhängig davon, wie viel ein ÖV-Abo für ein bis zwei Zonen zukünftig kosten wird, machen sich Tumasch Mischol (SVP), Marzena Kopp (Die Mitte) und Sarah Fuchs (FDP) Gedanken über die generelle Zukunftstauglichkeit des Zürcher ÖV-Systems. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte haben kürzlich einen Vorstoss mit dem Titel „ZVV unter Wachstumsdruck: Wie lange trägt das heutige System?“ eingereicht. Der Kanton Zürich sei mit einem anhaltenden Bevölkerungswachstum sowie einer politisch angestrebten Verlagerung des Individualverkehrs auf den öffentlichen Verkehr konfrontiert, heisst es in der Anfrage. Trotz laufender Angebotsausbauten komme es insbesondere in den Hauptverkehrszeiten zu stark ausgelasteten oder überlasteten Zügen und Bussen.

    „Da Infrastrukturausbauten nur langfristig wirksam werden, stellt sich die Frage, wie die bestehende Leistungsfähigkeit des Systems besser ausgeschöpft werden kann und wo dessen Grenzen liegen“, schreiben die Politikerinnen und Politiker.

    Insgesamt sind es sieben sehr detaillierte Fragen, welche die Kantonsregierung beantworten soll. Mischol, Kopp und Fuchs wollen vom Regierungsrat etwa wissen, wie sich die Auslastung im ZVV-Gebiet in den Hauptverkehrszeiten in den Jahren 2014, 2019 und 2024 entwickelt hat und mit welchen quantitativen Kriterien der Regierungsrat und der ZVV heute die maximale Leistungsfähigkeit des bestehenden Systems definieren. „Ab welcher durchschnittlichen Belegung pro Kurs bzw. Korridor wird die Betriebsstabilität (Fahrplanstabilität, Anschlusssicherheit, Fahrgastwechselzeiten) als kritisch beurteilt?“, fragen sie in ihrem Vorstoss.

    Spannend dürfte ausserdem die Antwort des Regierungsrats auf die Frage sein, ob er plant, unabhängig von weiteren Infrastrukturausbauten Pilotprojekte zur besseren Auslastung bestehender Kapazitäten umzusetzen. Zur Debatte stehen da beispielsweise ein späterer Unterrichtsbeginn an den Mittelschulen, um Passagierspitzen zu brechen, oder weniger Pendlerstress durch mehr Homeoffice und flexiblere Arbeitszeiten. Allein beim Kanton arbeiten mehr als 30’000 Menschen – und nicht alle davon als Bauarbeiterinnen im Strassenbau oder Chirurgen im Operationssaal.

    Über die Diskussionen um günstigere Abos oder bessere Auslastung hinaus muss die Politik darüber nachdenken, wie der Zürcher ÖV in Zukunft funktionieren und finanzierbar bleiben soll – und zugleich attraktiv genug sein kann.