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Wir bleiben dran

Neue Artikel oben – der Rest folgt.

  • 2 Minuten

    Ich bin Nichtwähler – und schlafe bestens

    Auf dem Bild zu sehen sind im Hintergrund Wahlunterlagen zu sehen. Im Vordergrund wurde ein Porträtfoto von Beni Frenkel platziert.Beni Frenkel geht nicht an die Urne: Er kann mit allem und jedem leben. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

    Nichtwählerinnen und Nichtwähler sind die schweigende Mehrheit der Bevölkerung. Wie ticken diese Menschen? Rathuus-Kolumnist Beni Frenkel ist selber Nichtwähler und spricht damit das Tabu aus Expertensicht an.

    Das letzte Mal, als ich einen Stimmzettel ausfüllte, war vor über 20 Jahren. Ich lebte noch in Baden AG und verliebte mich in Pascal Bruderer von der SP. Die schönste Politikerin des Kantons Aargau! Ich trug den Namen Pascal Bruderer in alle Spalten ein und schrieb in Klammern die Telefonnummer meiner Eltern, ich hatte damals noch kein eigenes Handy.

    Seitdem sind viele Wahl- und Abstimmungssonntage übers Land gezogen. Ich habe nie mitgemacht und plane auch nicht, daran etwas zu ändern. Ich bin nicht stolz darauf, fühle mich aber auch nicht ertappt, irgendetwas Falsches gemacht zu haben. Ich habe einfach keine Lust. 

    Oder besser gesagt: In den letzten 30 Jahren gab es keine Abstimmung, die mir wirklich wichtig war. Ich kann mit allem und jedem leben. Alpen-Initiative. 13. AHV, SRG-Initiative: Weder Ja noch Nein rauben mir den Schlaf. SP, Grüne, SVP – mir so etwas von egal. 

    Bin ich ein schlechter Staatsbürger? Ja, wahrscheinlich. Ich kann trotzdem gut einschlafen. Was ich nicht mag, sind Leute, die sich jetzt aufregen.

    Ich wohne seit zwei Jahren in Schaffhausen. Da muss ich jedes Mal 5 Franken für eine verpasste Abstimmung bezahlen. Das motiviert mich nur noch mehr. „Ja, versucht es doch!“, rufe ich, „ihr werdet mich nicht kleinkriegen!“ Und sogar wenn mir Schaffhausen 50 Franken aufbrummt, werde ich nichts ausfüllen. Bei 100 Franken sähe es vielleicht etwas anders aus.

    Mit meiner Abstinenz mache ich alle glücklich. Die Linken freuen sich, dass ich nicht rechts wähle, die Bürgerlichen klopfen mir auf die Schulter, wenn ich keine Marxisten aufschreibe. Alle sind happy mit mir.

    Ich glaube, ich habe gerade das letzte Tabu in der Schweiz gebrochen. Noch nie hat jemand bei Verstand gesagt: Ich wähle nicht. Das macht mich irgendwie stolz. Den Prix Courage widme ich allen Mutigen dieser Welt. Gäbe es eine Partei von euch, würde ich euch wählen. Vielleicht.

    Beni Frenkel (49) ist Journalist, der schon bei fast allen namhaften Medienhäusern der Schweiz gearbeitet hat. Zuletzt war er bei der „Zuger Woche“ tätig. Regelmässig schreibt er auch für das Finanzportal Inside Paradeplatz. Er ist in Dättwil AG aufgewachsen, wohnte lange in Zürich und ist seit zwei Jahren in Schaffhausen daheim. Frenkel hat die Matur und mehrere Semester Wirtschaft studiert.

    Beim Rathuus ist Beni Frenkel Edelfeder und Kolumnist. Natürlich äussert er hier seine eigene Meinung – und meint nicht immer alles ernst. Bisher erschienen bei Rathuus sind zum Beispiel folgende Texte: Zürcher Freiwillige am ESC 2025 unerwünscht, Schüsse auf Madonnen sollen sich finanziell lohnen, Ekelfrass in Zürcher Badis sowie Kostya kommt mich besuchen.


  • 3 Minuten

    Lieber Mörtel als Begrünung

    Zu sehen ist eine neue Steinmauer am Bucheggplatz. Der Zwischenraum zwischen Mauer und Trottoir ist gemörtelt. So kann sicher nie etwas wachsen. Begrünung sieht definitiv anders aus.Hier werden nie Malven gedeihen. Die Stadt setzt lieber auf undurchlässigen Mörtel. Bild: Lorenz Steinmann

    Schon der Schaffhauserplatz glänzt mit einer reinen Asphalt- und Betonoberfläche. Ein neues Beispiel vom Bucheggplatz zeigt, wie herzlos Zürichs Planer gegenüber der Natur sind.

    Natürlich gibt es dringendere Probleme als ein betoniertes Bord an einer neu erstellten Mauer. Aber wie in der Kriminalistik sind es oft kleine Fingerzeige, welche die Misere des Ganzen aufzeigen. Heute geht es um die Begrünung Zürichs, um die Hitzeminderung, um das Bild nach aussen gerade an verkehrsreichen Kreuzungen. Und da zeigt sich im Kleinen, wie das Grosse dasteht.

    Doch der Reihe nach. Ab Mai 2024 war der Schaffhauserplatz im Stadtzürcher Quartier Unterstrass eine Grossbaustelle. Ersetzt wurden die Gleise sowie die Wasser- und Stromleitungen. Alles wurde aufgerissen. Und alles wieder asphaltiert und betoniert wie vorher. Auf der grossen Boulevardfläche vor dem ehemaligen Café Gnädinger – heute das Café Unterstrass der Bäckerei Walter Buchmann – beispielsweise hat es keinen Millimeter Grünfläche.

    Versiegelt bleibt versiegelt

    Auf Anfrage hiess es damals, Bäume seien nicht Teil dieses Tiefbauprojekts gewesen. Die Bewilligung hätte sonst länger gedauert. Und kleinflächige Grüninseln seien wegen des glazialen Untergrunds nicht möglich. Also irgendetwas mit steinigem Boden oder so. Kurzum: Eine Steinwüste blieb eine Steinwüste. Wie beispielsweise schon beim Hardplatz im Kreis 4. Im Sommer heiss, trocken und mit null Möglichkeiten, dass sich die Natur hier etwas breitmachen könnte.


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    Nun schreiben wir den Februar 2026. Der Bucheggplatz, eine der grossen Verkehrsdrehscheiben Zürichs inklusive autobahnähnlicher Bucheggstrasse, wurde zusammen mit dem Hirschwiesentunnel für gegen 90 Millionen Franken saniert. Dass es mitten auf einem der neuen Velowege einen massiven Masten der Verkehrsbetriebe Zürich gibt, soll heute nicht nochmals Thema sein. Dafür eine Mauer aus grossen Steinquadern. Sie ist hübsch anzuschauen. Aus der Nähe sieht man aber, dass der Bodenabschluss feinsäuberlich vermörtelt ist, ebenso wie viele der Mauerzwischenräume. Hier wächst bestimmt nie etwas. Wer in Zürich in einem Privatgarten solche Bodenabschlüsse betoniert, hätte wohl ganz bald die „Grünpolizei“ auf dem Grundstück.

    Warum nur baut die Stadt so ein herzloses Stück? Warum nicht wenigstens Aussparungen für einige Kletterpflanzen?

    Die Stadt hat eine simple Antwort parat: „Der schmale Randstreifen dient der konstruktiven Sicherung der Böschungsmauer sowie des angrenzenden Trottoirs und Velowegs.“ Dies verhindere Materialverschiebungen und erhöhe damit die Verkehrssicherheit. „Eine lose Kies- oder Lehmausbildung könnte an dieser Stelle zu Ausspülungen, Verschmutzungen und Hindernissen auf dem Trottoir und dem Veloweg und damit zu einem erhöhten Unterhaltsaufwand führen“, heisst es in der ausführlichen Antwort von Helen Berg vom Tiefbauamt der Stadt Zürich.

    Laut ihr ist die Stadt überzeugt, dass „eine Begrünung weder einen ökologischen noch einen gestalterischen Mehrwert gebracht“ hätte. „Deshalb wurde eine robuste, unterhaltsarme Bauweise gewählt.“

    Offensichtlich fehlte der Wille

    Bezeichnend ist, dass sich das Tiefbauamt mit solchen Details in der Projektphase nicht wirklich auseinandersetzt: „Sie werden teilweise erst im Rahmen der Ausführung präzisiert, damit sie optimal an die tatsächlichen örtlichen Verhältnisse angepasst sind.“ Die konkrete Materialwahl für den Randstreifen sei daher im Zuge der Bauausführung in Abstimmung mit den beteiligten Fachstellen erfolgt. Kein Wunder also, wurde der Boden feinsäuberlich betoniert. Wie man das im Tiefbau halt so macht. Am Bucheggplatz, am Schaffhauserplatz, am Hardplatz und so weiter.

    Zu sehen ist der betonierte Abschluss einer Mauer am Bucheggplatz. Hier kann definitiv nichts wachsen.Hier hat die Zürcher Stadtverwaltung offensichtlich nicht vorgesehen, dass jemals etwas wächst. "Wegen der Verkehrssicherheit", wie es heisst. Bild: Lorenz Steinmann

    Begrünung, Hitzeminderung, Heimat für Sandwespen und Pionierpflanzen? Lieber nicht. Offensichtlich fehlten der Wille und das Wissen, Hitzeminderung und naturnahes Bauen im Kleinen umzusetzen.

    Laut Helen Berg plant man bei besagter Mauer lediglich entlang der oberen Mauerkante Efeu zu pflanzen. Dadurch werde die Mauer besser in die Umgebung integriert und gleichzeitig das Graffitirisiko reduziert. Die Schattenpflanze Efeu an so einer hitzeprallen Lage. Sie können es offensichtlich nicht besser. Weder im Kleinen noch im Grossen.


  • 7 Minuten

    Bevölkerungswachstum verliert an Tempo – was das für Gemeinden bedeutet und was nicht

    Ein älterer Mann und eine ältere Frau laufen eine Rampe in einer Unterführung an einem Bahnhof hoch.Dass die Bevölkerungszahl langsamer steigt als auch schon, sieht man beispielhaft im Glattal. Bild: Pascal Turin

    Die Bevölkerung im Kanton ist 2025 gewachsen, allerdings langsamer als zuvor. Eine statistische Atempause in einer Zeit, in der die Zürcher Gemeinden laut einer neuen Studie mit personellen und gesellschaftlichen Herausforderungen kämpfen.

    Eine Wasserstandsmeldung: Die Zürcher Bevölkerung ist vergangenes Jahr um knapp 13’000 Personen gewachsen. Rund 1,63 Millionen Menschen wohnten Ende 2025 im Kanton. Dies geht aus einer Medienmitteilung des Statistischen Amts hervor, das zur Direktion der Justiz und des Innern von Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) gehört. Die Wachstumsrate lag bei rund 0,8 Prozent und hat im Vergleich zu 2024 nochmals abgenommen. „Abgesehen von den Jahren der Coronapandemie ist das der geringste Zuwachs seit dem Jahr 2005“, schreibt der Kanton.

    Dass die Bevölkerungszahl langsamer steigt als auch schon, sieht man beispielhaft im Glattal. Im Communiqué wird die Region als eines der „Schlusslichter“ punkto Wachstumsraten bezeichnet. Ein Grund ist, dass einige grössere Städte nicht mehr so stark gewachsen sind wie früher – etwa Kloten. Die Flughafenstadt hatte Ende des Jahres 21’971 Einwohnerinnen und Einwohner. Das sind 319 Personen oder 1,5 Prozent mehr als im Dezember 2024. Ende 2024 verzeichnete Kloten hingegen ein Wachstum um 431 Einwohnerinnen und Einwohner im Vergleich zu 2023.

    Die einen schrumpfen, die anderen wachsen


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    Der Nachbarort Opfikon ist gar leicht geschrumpft. Die Bevölkerung der Stadt zählte Ende 2025 21’366 Personen. Das sind 83 Einwohnerinnen und Einwohner oder 0,4 Prozent weniger als im Dezember 2024. Damals lebten 21’449 Personen in der Stadt im Glattal.

    Im an Opfikon angrenzenden Wallisellen hingegen bleibt das Wachstum ungefähr stabil. So lebten Ende 2025 17’756 Einwohnerinnen und Einwohner in der Stadt. Das sind 93 Personen oder 0,5 Prozent mehr als im Dezember 2024. Wallisellen zählte Ende 2024 17’663 Einwohnerinnen und Einwohner – ein Plus von 110 Personen im Vergleich zu 2023.

    Man sollte aber bedenken, dass es sich bei diesen Zahlen um eine Momentaufnahme handelt. Wird nämlich gerade eine grössere Siedlung abgerissen oder sind Neubauten in Realisierung, hat das einen Einfluss auf das Wachstum. In Wallisellen entsteht beispielsweise auf dem sogenannten Integra-Areal direkt beim Bahnhof eine neue Überbauung.

    Karte des Kantons Zürich mit Bevölkerungszahlen 2025 je Gemeinde. Dunkelblau steht für viele, hellgrün für wenige Einwohner. Zürich ist mit Abstand am bevölkerungsreichsten.Bevölkerungszahl der Zürcher Gemeinden Ende des Jahres 2025: Wenig überraschend liegt die Limmatstadt klar an der Spitze. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Winterthur folgt dem Trend der Städte nicht

    Kantonsweit betrachtet hat die Stadt Zürich fast ein Drittel des Wachstums aufgenommen (+4008). Danach folgen laut Medienmitteilung des Kantons Dübendorf (+673) und Uster (+484). Über 80 Prozent des Bevölkerungswachstums stammen aus der Zuwanderung aus dem Ausland. „Mehr als zwei Drittel des letztjährigen Bevölkerungswachstums entfallen auf die Städte, also Gemeinden mit mindestens 10’000 Einwohnenden“, so das Statistische Amt.

    Interessanterweise folgt Winterthur dem Trend anderer grösserer Städte nicht: Gemäss der Mitteilung habe Winterthur mit einem Zuwachs von 355 Personen das geringste Bevölkerungswachstum seit der Jahrtausendwende verzeichnet. „Das Amt für Stadtentwicklung führt das stagnierende Wachstum vor allem auf einen Grund zurück: den Wohnungsbau. Im abgelaufenen Jahr seien keine zusätzlichen Wohnungen entstanden, der Bestand sei sogar gesunken“, hält die „Neue Zürcher Zeitung“ dazu in einem Artikel fest.

    Dass die Bevölkerung trotz des leichten Rückgangs im Wohnungsbestand weitergewachsen ist, erklärt die Stadt Winterthur in einer Mitteilung folgendermassen: Es konnten im Laufe des Jahres zahlreiche bereits fertiggestellte, umgebaute oder ersetzte Gebäude bezogen werden. „So wurde etwa der Umbau mehrerer grösserer Liegenschaften im Quartier Brühlberg abgeschlossen“, schreibt die Stadt. Auch in den Quartieren Neuwiesen und Sennhof seien zuvor abgebrochene Gebäude durch Neubauten ersetzt worden. „Zudem konnten 2025 zahlreiche Wohnungen im Gebäudekomplex KIM in Neuhegi bezogen werden, die bereits 2024 fertiggestellt worden waren.“

    Generell gilt: Die Bevölkerung wächst laut der aktuellen Erhebung des Statistischen Amts in allen Regionen des Kantons, aber nicht überall gleich stark.

    Liniendiagramm, das die Entwicklung der jährlichen Wachstumsrate des zivilrechtlichen Bevölkerungsbestands des Kantons Zürich von 1962 bis 2025 zeigt.Ende 2025 wohnten 1,63 Millionen Menschen im Kanton. Die Bevölkerung ist um 0,8 Prozent gewachsen. Der Zuwachs ist einer der niedrigsten der vergangenen 20 Jahre. Grafik: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Gemeinden stossen bei Baugesuchen an ihre Grenzen

    Für die Städte und Dörfer ist das Bevölkerungswachstum eine Herausforderung. Dies zeigte bereits das Gemeindeforum 2025. Der Anlass im vergangenen November stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Gemeinden und des Kantons tauschten sich damals über Erfahrungen sowie Chancen und Risiken im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum aus (wir berichteten). Denn dieses bringt finanzielle, gesellschaftliche und planerische Schwierigkeiten mit sich. Man denke da an neue Schulhäuser oder mehr Verkehr. Gleichzeitig stehen Gemeinden, die nicht wachsen, ebenfalls vor Problemen, weil dann irgendwann das letzte Restaurant die Lichter löschen muss und der Turnverein händeringend nach Mitgliedern sucht.

    Die neue Studie „Zustand und Entwicklung der Zürcher Gemeinden“ beschreibt, was die Gemeinden ausmacht und wie sie aufgestellt sind. Erstellt hat die Untersuchung das Zentrum für Demokratie Aarau im Auftrag des Gemeindeamts des Kantons Zürich. Das Gemeindeamt ist wie das Statistische Amt ein Teil der Direktion der Justiz und des Innern.

    Die Analyse beruht auf den Zürcher Antworten auf eine schweizweite Befragung der Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber im Jahr 2023. Knapp 90 Prozent der 160 Zürcher Gemeinden haben daran teilgenommen.

    „Es gibt mitunter gesellschaftliche Probleme, die von Gemeinden aufgrund von Arbeitsbelastung oder mangelnder Fachkompetenz kaum in angemessener Weise bewältigt werden können“, heisst es zum Beispiel in der Studie. Demnach stiessen die Gemeinden etwa bei der Unterbringung von Asylsuchenden an ihre Leistungsgrenzen. Dies war laut der Untersuchung bei etwas mehr als der Hälfte der befragten Gemeinden der Fall (54 Prozent) und weit mehr als bei jenen im Rest der Schweiz (27 Prozent). Von zumindest erreichten Leistungsgrenzen habe etwas mehr als jede dritte Zürcher Gemeinde in Bezug auf die Bewilligung von Baugesuchen (36 Prozent) und die Informatik beziehungsweise Digitalisierung der Gemeindeverwaltung (35 Prozent) berichtet.

    Obwohl der Personalbestand der Zürcher Gemeinden im Zeitraum von zehn Jahren stärker gewachsen ist als im Rest der Schweiz, nehmen die Gemeinden einen starken Fachkräftemangel wahr.

    Karte des Kantons Zürich mit den Steuerfüssen 2026 nach Gemeinden. Dunkelblau steht für hohe, hellgrün für tiefe Steuerfüsse.Während die Goldküste ein Steuerparadies ist, zahlen Bewohnerinnen und Bewohner in der Peripherie – etwa in Bachs oder Maschwanden – deutlich mehr Steuern. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich

    Bevölkerung ist zufrieden mit Leistungen der Gemeinde

    Die Gemeinden schätzen die Zufriedenheit der Bevölkerung mit dem kommunalen Leistungsangebot als hoch ein. Wie aber in der Studie festgehalten wird, sind diese Ergebnisse mit Vorsicht zu geniessen. Es sind ja nicht die Einwohnerinnen und Einwohner befragt worden, sondern die Gemeindeschreiberinnen und Gemeindeschreiber.

    „Grundsätzlich ist die Zufriedenheit mit dem Leistungsangebot und der Infrastruktur im Kanton Zürich als hoch einzustufen“, so die Studienautorinnen und Studienautoren. Dies steht in Einklang mit einer kürzlich durchgeführten Bevölkerungsbefragung und deren Resultaten im Gemeinde- und Wirksamkeitsbericht 2025. 40 Prozent der befragten Einwohnerinnen und Einwohner sind gemäss der Befragung mit den Dienstleistungen im Allgemeinen sehr zufrieden und weitere 54 Prozent sind mit den Dienstleistungen eher zufrieden.

    Positiv zu bewerten ist die Tatsache, dass die Zürcher Gemeinden ihre Position im Standortwettbewerb und ihre Standortattraktivität im Durchschnitt gegenüber Gemeinden in anderen Kantonen als besser einschätzen. „Das dürfte unter anderem auch auf die Lage im oder nahe dem Grossraum Zürich als wichtigstem Wirtschaftszentrum der Schweiz zurückzuführen sein“, schreibt das Gemeindeamt in einem Communiqué zur Studie.

    Fazit: Das verlangsamte Bevölkerungswachstum bedeutet für die Dörfer und Städte noch keine Entlastung. Viele Herausforderungen sind über Jahre entstanden. Insbesondere der Fachkräftemangel würde sich sogar verschärfen, wenn die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner langfristig nur noch langsam oder kaum mehr wachsen würde. Keine einfache Situation also für Politik und Verwaltung.

    Karte des Kantons Zürich mit der Wahlbeteiligung bei den Kantonsratswahlen 2023 nach Gemeinden. Dunkelgrün zeigt hohe, hellgrün niedrige Beteiligung.Bei den Kantonsratswahlen 2023 wurde es wieder mal offensichtlich: Opfikon mit rund 21’000 Einwohnerinnen und Einwohnern ist eine Hochburg der Wahlfaulen. Grafik: Rathuus, Daten: Statistisches Amt Kanton Zürich
    Spannende Politfakten zu den Zürcher Gemeinden

    Rund 40 Prozent der Exekutivmitglieder sind laut einem Communiqué des Gemeindeamts parteilos. „Häufiger vertreten sind zudem die FDP (20 Prozent) und die SVP (14 Prozent)“, heisst es in der Mitteilung weiter. Lokale Parteien würden nach wie vor eine wichtige Rolle spielen. Sie seien in rund vier von fünf Zürcher Gemeinden präsent – im Gegensatz zu 60 Prozent in der übrigen Schweiz. Ein Beispiel dafür wäre der lokalpolitische Verein Forum Pro Wallisellen, den wir auf Rathuus kürzlich vorgestellt haben. „Am verbreitetsten sind Ortsparteien der bürgerlichen Parteien (SVP, gefolgt von der FDP und Mitte)“, schreibt das Gemeindeamt. Die Mitte und die GLP hätten in den letzten Jahren ihre lokale Verankerung ausbauen können.

    Eine Gemeindeexekutive zählt im Durchschnitt rund 6,4 Mitglieder. „Der Frauenanteil beträgt rund ein Drittel. Das ist mehr als in der übrigen Schweiz, liegt aber weiterhin unter dem Bevölkerungsanteil“, schreibt das Gemeindeamt. In den Gemeindeparlamenten seien ebenfalls rund ein Drittel der Mitglieder Frauen. Das entspreche dem Schweizer Durchschnitt. Von den nationalen Parteien hätten in den Zürcher Gemeinden die Grünen und die SP mit 50 und 39 Prozent den höchsten Frauenanteil. „Auch in Kleinstparteien, die Politik ausschliesslich vor Ort machen, ist der Frauenanteil mit 48 Prozent hoch“, so das Gemeindeamt.

    Bei der politischen Beteiligung hat es vielerorts noch Luft nach oben: So würden an Gemeindeversammlungen im Durchschnitt nur gerade 3,4 Prozent der Stimmberechtigten teilnehmen. Im Rest der Schweiz seien es durchschnittlich 7,5 Prozent. Auch an kommunalen Wahlen nähmen deutlich weniger Stimmberechtigte teil als im Rest der Schweiz. Bei den Wahlen der Gemeindeparlamente sei die Beteiligung mit etwa 20 Prozent besonders tief. (pat.)


  • 3 Minuten

    Velo können sie definitiv besser

    Auf dem Bild ist ein Ausschnitt einer Lithografie des französischen Künstlers Sempé zu sehen. Darauf ein gemütlich pedalender Velofahrer. Zudem einfügt ins bilkd ein rundes Portrait des Autors Lorenz Steinmann.Wer in Zürich Velo fahren will, braucht eine grosse Portion Gelassenheit. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

    Die Legislatur neigt sich dem Ende zu – Zeit für eine ehrliche Bilanz. Besonders die Velopolitik des Zürcher Stadtrats fällt durch. Note ungenügend. Ein Kommentar.

    In Zürich Velofahren ist die Hölle. Alles viel zu gefährlich. Kinder selbstständig mit dem Velo herumkurven lassen – unmöglich. Die sogenannten Velorouten hören immer dort auf, wo es Kreuzungen hat. Es werden Millionen verlocht für unnötige Projekte, die dann an wirklichen Brennpunkten fehlen. Stichwort Bellevue oder Hardbrücke. Kein Wunder, sagte kürzlich sogar SVP-Stadtratskandidat Ueli Bamert, ihm täten in Zürich die Velofahrenden manchmal leid.

    Doch halt, stopp. Ein- und Ausschnaufen. Ist die Velosituation wirklich so übel in Zürich? Oder nervt einen die Sache einfach umso stärker, weil Trump wieder spinnt und sich das Wallis mit dem Crans-Montana-Desaster einmal mehr selbst übertrifft?

    Gestern habe ich das in unserer Wohnung hängende Bild von Jean-Jacques Sempé angeschaut. Sempé (1932–2022) war der geniale Zeichner, der gemeinsam mit dem berühmten Comicautor René Goscinny die bekannte Kinderbuchserie „Der kleine Nick“ schuf. Daneben veröffentlichte er Bildbände, in denen er humorvoll alltägliche Begebenheiten einfing. Ja, oft Veloszenen wie auf erwähntem Bild, das auch als Illustration für diesen Text passt.

    Das Bild strahlt eine grosse Gelassenheit aus. Diese braucht man ohne Zweifel, wenn man auf dem Drahtesel durch Zürich fährt. Dabei ist zitierte Gelassenheit bekanntermassen oft auch im Auto und sogar im Tram nötig.


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    Aber so krass wie beim Velo ist die Diskrepanz zwischen Volksauftrag und Umsetzung nirgends. Darum nochmals die Lamento-Leier: Objektiv betrachtet ist fast jede grössere Kreuzung für Velos unbrauchbar oder zumindest gemeingefährlich. Der 40 Millionen Franken kostende Velotunnel hat unglaublich schlechte Zufahrt. Bei vielen von der Verwaltung gross gefeierten Strassenbauprojekten wie der Einhausung Schwamendingen, den Sanierungsarbeiten am Kreuzplatz oder der Walchebrücke ging das Velo vergessen. Nein, fast noch schlimmer: Die Velofahrenden wurden sogar mitgedacht – aber das Ergebnis macht ganz und gar keine Freude.

    Bei den vielen Tiefbauprojekten rund um die Fernwärme wiederum wird für den Autoverkehr punkto Umfahrungsmöglichkeiten viel getan. Die Velofahrerinnen und Velofahrer gucken hingegen regelmässig in die Röhre.

    Trotzdem, Gelassenheit ist Trumpf! Aufregen bringt wenig. Und ehrlich gesagt, die vielzitierte bürgerliche Wende im Stadtrat würde die Situation für Velofahrende ziemlich sicher nicht markant verbessern. FDP, SVP und Co. würden dann eher für freie Fahrt von der Goldküste in die Stadt sorgen.

    Das Problem lässt sich auf einen einfachen Merksatz herunterbrechen: Stadträtinnen und Stadträte kommen und gehen, die Verwaltungsmitarbeitenden bleiben.

    Natürlich können Exekutivmitglieder die Chefbeamten auswählen, manchmal sogar auswechseln. Doch das Heer der Zudiener, etwa im tonangebenden Tiefbauamt, bleibt über Jahre dasselbe. Und diese Mitarbeitenden scheinen total autofixiert, total beton- und asphaltlastig. Da braucht es Zeit, viel Zeit. Wohl sogar einen Generationenwechsel in der Verwaltung.

    Ist das alles nun Schwarzmalerei? Ich hoffe nicht! Neue Mitglieder im Stadtrat könnten sicher mehr Schwung und Pep auf die Brücke des Megatankers Stadtverwaltung bringen. Ich wünsche mir aber auch, dass die wieder antretenden Stadträtinnen und Stadträte mehr als Team auftreten. Sie sollten nicht einfach die anderen „Gspänli“ machen lassen und ihre eigenen Süppchen kochen. Gerade die Grünen hätten ja mit dem ehemaligen Pro-Velo-Präsidenten Daniel Leupi einen Experten für Velobelange in ihren Reihen.

    Manchmal werde ich aber auch in Zukunft vor mich hin grummeln. Sempé-Bild hin oder her. Ich muss mir wohl bald diesen Spruch auf den Unterarm tätowieren lassen: „Vive le Vélo!“ Der harmoniert dann perfekt mit dem Anker auf dem Oberarm – als Symbol für den Verwaltungstanker, der endlich in Bewegung gebracht werden muss.


  • 1 Minute

    Zeitungen, die keiner mehr kennt (aber damals alle gelesen haben)

    Ein Hund mit rotbraunem Fell und einem blauen Leuchthalsband schaut direkt in die Kamera. Er sitzt vor einem einfachen Graffiti, das einen Hund zeigt.Hunde gehen immer – und Clickbait funktioniert sicher auch auf Rathuus. Redaktionshund Waldo kommt in dieser Folge nicht vor, aber das Bild fanden wir so herzig. Bild: Pascal Turin

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin betreiben zwar ein Online-Politikmagazin, sie lieben aber Gedrucktes. Deshalb diskutieren sie in der 27. Folge des Rathuus-Podcasts unter anderem über Zeitungen, die schon längst Geschichte sind.

    Ein Spaziergang in die Vergangenheit: In der 27. Folge des Rathuus-Podcasts dreht sich dieses Mal fast alles um Zeitungen, die es heute nicht mehr gibt. Anlass ist das kürzliche Ableben des Schweizer Journalisten und Medienexperten Karl Lüönd. Wir verweisen an dieser Stelle auf unseren Nachruf.

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin sprechen insbesondere über die Zürcher Gratiszeitungen “Züri Leu” und “Züri-Woche” sowie die Schweizer Zeitung “Die Tat”. Sie war einst vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufen worden und hatte zumindest anfänglich eine sehr enge Verbindung zum Landesring der Unabhängigen (LdU). Die Partei ist wie die Zeitung längst Geschichte, trotzdem möchten wir in diesem Zusammenhang die Lektüre unseres Texts über die LdU-Politikerin Verena Grendelmeier empfehlen.

    Ausserdem im Rathuus-Podcast: Lorenz und Pascal verraten, ob sie Migros- oder Coop-Kinder sind. Und sie sprechen über das sogenannte Swiss Reputation Ranking. Gemäss diesem belegt der Zahlungsdienstleister Twint den Spitzenplatz. Wo sich wohl Coop und Migros einreihen?

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • Im Wahlkampf übersehen: die Frauen

    Eine Frau mit halblangem braunen Haar lächelt in die Kamera. Sie trägt ein Jackett.In einer Gastkolumne äussert sich Gemeinderatskandidatin Nathalie Zeindler (Die Mitte) pointiert. Bild: zvg

    Die Journalistin und Mitte-Politikerin Nathalie Zeindler ist überzeugt: „Repräsentation bedeutet, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.“ Für sie ist es symptomatisch, wie die Stadtratskandidatinnen in der öffentlichen Wahrnehmung oft weniger Plattformen erhalten.

    Zürich erlebt derzeit eine bemerkenswerte Dynamik: Wie der „Tages-Anzeiger“ kürzlich berichtete, bewerben sich so viele Frauen wie noch nie für einen Sitz im Gemeinderat. Während die Legislative immer vielschichtiger zu werden scheint, wirkt die Debatte um die Besetzung des Stadtrats noch etwas statisch.

    Dass das Thema weibliche Vertretung in der Exekutive eher am Rande behandelt wird, stellt einen Verlust für den demokratischen Diskurs dar.


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    Perspektiven einer Biografin

    Als Journalistin und Biografin zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten wie alt Nationalrätin Judith Stamm (CVP) und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran habe ich eines gelernt: Sichtbarkeit ist das Ergebnis von Profil und unermüdlichem Einsatz. Ob es Judith Stamm war, die als unerschrockene Frauenkämpferin ihrer Zeit stets einen Schritt voraus war, oder Jacqueline Badran, die mit ihrer bekannten Hartnäckigkeit essenzielle Themen wie die Immobilien- und Bodenpolitik besetzt – beide Frauen haben gezeigt, dass die Qualität politischen Wirkens auch von eigenständigen Stimmen lebt.

    Eine Stadtregierung profitiert enorm, wenn sie unterschiedlichste Biografien integriert. In einem Umfeld mit stabilen Mehrheitsverhältnissen droht dieser befruchtende Wettbewerb jedoch manchmal in den Hintergrund zu treten. Wenn Organisationen wie die Zürcher Frauenzentrale heute überparteilich für mehr Sichtbarkeit von Frauen auch im Stadtrat werben, kann dies als wichtiges Signal gegen Marginalisierung gewertet werden.

    Politische Vielfalt als Qualitätsmerkmal

    Dass neue Kandidatinnen wie Serap Kahrimann (GLP), Céline Widmer (SP), Karin Weyermann (Mitte), Marita Verbali (FDP), Sandra Gallizzi (EVP) oder Tanja Maag (AL) in der öffentlichen Wahrnehmung rund um die Stadtratswahlen oft weniger Plattformen erhalten, ist symptomatisch. Dabei geht es nicht um die Abwertung bestehender Mehrheiten, sondern um die Aufwertung des gesamten politischen Mosaiks unserer Stadt. Wahre Repräsentation benötigt neben der Geschlechtergleichheit auch eine politische Vielfalt.

    Als Mitte-Gemeinderatskandidatin im Wahlkreis 6 und Vorstandsmitglied der Mitte Frauen Kanton Zürich sehe ich mich als Brückenbauerin. Wir benötigen eine Politik, die das Trennende überwindet und die Vielfalt der Meinungen als Stärke begreift.

    Repräsentation bedeutet für mich, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.

    Schwung nutzen

    Der Frauenrekord bei den kommenden Gemeinderatswahlen ist auch als Versprechen zu verstehen. Wir zeigen damit, dass die Politik von der Beteiligung vieler lebt und auch im Stadtrat ernst genommen werden sollte. Zürich verdient eine Exekutive, die so dynamisch und vielschichtig ist wie die Menschen, die hier leben. Nur wer echte politische Vielfalt zulässt, sichert die Innovationskraft unserer Stadt.

    Nathalie Zeindler ist Journalistin und Biografin. Nach Jahren der präzisen Beobachtung und Dokumentation des politischen Geschehens möchte sie nun ihre Erfahrung nutzen, um zum aktiven Mitgestalten überzugehen. Sie kandidiert für den Stadtzürcher Gemeinderat im Wahlkreis 6 (Die Mitte, Liste 7, Platz 2).


  • 2 Minuten

    Wuff, wuff – hier sind ein paar mediale Leckerchen für dich

    Ein lächelnder Mann mit Brille hält einen kleinen braun-weissen Hund im Arm, der einen rot karierten Hundemantel trägt. Beide sind freigestellt vor einem gelblich eingefärbten Hintergrund aus ausgebreiteten Zeitungen und Magazincovern, darunter internationale und deutschsprachige Titel.Waldo trägt ein neues Mäntelchen – Pascal Turin strahlt, als hätte er es selbst designt. Bildmontage: Rathuus

    Unser Redaktionshund Waldo hat wieder einmal einen Blick in die Welt der Medien geworfen. Er sagt dir, was du unbedingt wissen musst und wo der Hund begraben liegt.

    Waldo schnüffelt nicht nur gern an den Hinterteilen seiner Artgenossinnen und Artgenossen. Er gräbt sich mit Vorliebe durch die Medienwelt und spürt für dich Artikel, Podcasts und mehr auf. Waldo weiss definitiv Bescheid, wie schon der erste Text in dieser Rubrik zeigte.

    Wenn ein Artikel oder eine Podcast-Folge hinter einer Paywall steckt, dann denk daran: Von Streicheleinheiten allein kann keine Journalistin und kein Journalist leben.

    Ein Problem lösen, das es in Zürich vielleicht gar nicht gibt

    Thomas Hug-Di Lena bringt es in seinem Text über autonomes Fahren auf den Punkt: „Robotaxis konkurrenzieren den bestehenden ÖV, verursachen zusätzlichen Verkehr durch Leerfahrten und senken die Hemmschwelle für motorisierte Fahrten“, schreibt der ausgebildete Raum- und Verkehrsplaner in seiner lesenswerten Kolumne auf dem Onlineportal Tsüri. Robotaxis, die in einigen US-Städten bereits zum Alltag gehören, sollen nämlich bald auch durch Zürich fahren. Aus Sicht von Hug-Di Lena, der übrigens im Vorstand der GLP Kreis 3 und 9 sitzt, braucht die Limmatstadt aber keine Robotaxis. Und seine Argumentation leuchtet ein.

    Des einen Freud, des anderen Leid: das Fliegen

    Der Flughafen Zürich eilt zwar von Passagierrekord zu Passagierrekord, aber den Fluglärm will trotzdem niemand haben. Das ist am Flughafen Frankfurt nicht viel anders. Dort steigt die Zahl der Fluggäste ebenfalls, auch wenn das Passagieraufkommen das Niveau vor der Corona-Pandemie noch nicht erreicht hat. Und eine weitere Parallele zu Kloten: Auch rund um Frankfurt am Main kämpfen Anwohnerinnen und Anwohner für ihre Nachtruhe. „Im Büro telefonieren? Nur noch bei geschlossenem Fenster möglich, sagt Claudia Lange. Nach fünf Uhr morgens fest schlafen? Seit Mitte Juli für viele hier auch vorbei“, beginnt „Spiegel“-Journalist Matthias Bartsch seinen Artikel. Ein Blick über den Gartenzaun, der sich lohnt.

    Was einen guten Bundesrat (und eine gute Bundesrätin) ausmacht

    In der Folge „Die besten Bundesräte der Geschichte – und die schlechtesten“ des Podcasts Politbüro des „Tages-Anzeigers“ wagt Fabian Renz ein Ranking unserer Landesregierung. Der Leiter des Ressorts Analyse und Meinungen geht dabei mit sehr viel Fingerspitzengefühl vor. Host Philipp Loser hätte sich wohl gewünscht, dass sich Renz ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnt. Trotzdem ist die Folge hörenswert – insbesondere die Diskussion darüber, ob Frauen und Romands im Bundesrat anders bewertet werden als Männer und Deutschschweizer.

    Die Zürcher Gemeinden als Schweizermacher

    Ganz so zum Augenrollen wie im Filmklassiker „Die Schweizermacher“ mit Emil Steinberger und Walo Lüönd ist das Einbürgerungsverfahren zum Glück doch nicht: „Über diese Hürden müssen Einbürgerungswillige springen“, heisst der jüngst im „Stadt-Anzeiger“ Opfikon-Glattbrugg erschienene Text. Tobias Stepinski zeigt anhand der Beispiele Opfikon, Kloten und Wallisellen auf, wie sich Kosten, Ablauf und Dauer des Einbürgerungsverfahrens je nach Wohnort deutlich unterscheiden können. „Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gemeinden ist der Umgang mit Einbürgerungsgesprächen“, schreibt der Journalist in seinem lesenswerten Artikel.


  • 3 Minuten

    Wenn der Zürcher Stadtrat mauert

    Zu sehen ist auf dem Bild GLP-Stadtrat Andreas Hauri.GLP-Stadtrat Andreas Hauri scherte aus: "Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut." Bild: zvg

    Eine Umfrage vor den Wahlen in Zürich zeigt: Die amtierenden Stadträtinnen und Stadträte wollen sich nicht zum umstrittenen Thema der städtischen Wohnungsvergaben äussern. Die grosse Ausnahme ist Andreas Hauri von den Grünliberalen.

    Die Stadtzürcher Wahlen stehen vor der Tür. Das öffentliche Interesse sei aber gering, stellte Roger Schawinski gestern in seinem „Doppelpunkt“-Talk auf Radio 1 mehrmals fest. Immerhin lud Schawinski nach dem abtretenden Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) vor einer Woche am Sonntag abermals Politiker zu diesem Thema ein. Die beiden Gäste Michael Baumer (amtierender FDP-Stadtrat) und Balthasar Glättli (Kandidat der Grünen) gaben sich im einstündigen Gespräch aber so handzahm, als hätten sie sich schon auf eine gemeinsame Zukunft im Stadtrat geeinigt.

    Als anderes, ja ebenfalls fragwürdiges Päckchen entpuppten sich kürzlich Antworten auf eine Umfrage des im Stadtzürcher Kreis 1 erscheinenden „Altstadt Kuriers“. Die amtierenden Stadträtinnen und Stadträte wollten zum Thema „Zufallsgenerator bei städtischen Wohnungen“ keine Antwort geben. Die wohltuende Ausnahme war Andreas Hauri von der GLP.


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    Ein dringendes Thema im Kreis 1

    Doch der Reihe nach: Der Zufallsgenerator ist in der City darum ein dringendes Thema, weil es hier fast keine Genossenschaftswohnungen, geschweige denn Neubauwohnungen gibt. Dafür aber liegen 20 Prozent der städtischen Wohungen im Kreis 1 – also der Altstadt Zürichs.

    Seit 2019 ist Feuer im Dach. Waren früher alteingesessene Liegenschaftenverwalter im Kreis 1 tätig, die sich durch die Bewerbungsdossiers ackerten, kommt seit 2019 der sogenannte Zufallsgenerator zum Einsatz. Er soll für mehr Fairness sorgen und verhindern, dass Personen bevorteilt werden. Tatsächlich seien die Dossiers früher, zu Zeiten von Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP), hin und wieder subjektiv ausgewählt worden, und Wohnungen wurden manchmal unter der Hand weitergegeben.

    Daniel Leupi (Grüne) hingegen, als Stadtzürcher Finanzvorsteher oberster Vermieter der total über 10’000 städtischen Wohnungen, setzt auf das unpersönliche Losverfahren. Etwas, was im Kreis 1 schlecht ankommt. Die Bevölkerungsstruktur im Quartier und der Zusammenhalt nähmen dadurch Schaden, ist Felix Stocker überzeugt. Für den Quartiervereinspräsidenten ist klar, dass das angewandte Zufallsprinzip den sozialen Zusammenhalt auf eine harte Probe stelle. Grund: Langjährige, im Quartier verwurzelte Mieterinnen und Mieter würden keine passende Wohnung mehr finden.

    Die Frage aller Fragen

    Daher also die Frage des „Altstadt Kuriers“ an alle amtierenden Gemeinderätinnen und Gemeinderäte des Wahlkreises 1 und 2, plus an die nochmals antretenden Stadträtinnen und Stadträte sowie die neu Kandidierenden: „Was halten Sie vom System und wären Sie dafür, dieses für den Kreis 1 anzupassen, indem Anwohnende soweit möglich ein Vormietrecht erhalten könnten?“

    Die Stadträtinnen und Stadträte Michael Baumer (FDP), Daniel Leupi (Grüne), Karin Rykart (Grüne), Simone Brander (SP) und Raphael Golta (SP) verzichteten unisono auf die Beantwortung dieser Frage. Wie es heisst, weil das System mit dem Zufallsgenerator schon per Stadtratsbeschluss beschlossen wurde und es nichts hinzuzufügen gebe. Eine Antwortsverweigerung, die man sonst eher von alt SVP-Bundesrat Ueli Maurer („Kä Luscht“) oder momentan aus dem Weissen Haus kennt.

    GLP-Stadtrat Andreas Hauri allerdings liess es sich nicht nehmen, Feedback zu geben: „Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut. Wenn langjährig verwurzelte Menschen keine passende und bezahlbare Wohnung mehr in ihrem Quartier finden, ist das ein ernstes Problem.“ Als Stiftungsratspräsident der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich setze er sich dafür ein, dass auch im Zentrum altersgerechtes und bezahlbares Wohnen möglich bleibe.

    Erwähnenswert zudem folgende Antwort: Stadtratskandidat und SP-Kantonsrat Tobias Langenegger sagte schon fast staatsmännisch: „Inwiefern man das System anpassen müsste, kann ich nicht beurteilen.“ Man müsse aber „Airbnb“ und Business-Apartments sofort einschränken, damit nicht noch mehr bezahlbarer Wohnraum verloren gehe.

    Erfrischend konkret antwortete Stadtratskandidatin Serap Kahriman (GLP), die auch das Stadtpräsidium anstrebt: „Ich lehne den Zufallsgenerator ab. Staatliches Handeln darf keine Lotterie sein. Wenn die Stadt Wohnungen vergibt, muss das nachvollziehbar, überprüfbar und begründbar sein – sonst entsteht Willkür statt Vertrauen.“ Statt eines Zufallsgenerators brauche es klare, transparente Vergabekriterien, bei denen auch die Verwurzelung im Quartier angemessen gewichtet werden dürfe.

    Es geht also durchaus. Ob sich die Stadtratskandidierenden der GLP auch abgesprochen haben? Wir wissen es nicht.


  • 5 Minuten

    „Mit Pierre Maudet aus Genf würde ich gerne mal ein Bier trinken“

    Zu sehen auf dem Bild ist Birgit Tognella."Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich", so SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen (58) im Rathuus-Fragebogen. Bild: zvg

    Politikerin der Woche ist diesmal die SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen aus Wangen-Brüttisellen. Im indiskreten Fragebogen erzählt sie von ihren dänischen Wurzeln, erklärt, warum sie die Parkplatzdebatten beinahe absurd findet und was sie am verurteilten Politiker Pierre Maudet gut findet.

    Birgit Tognella-Geertsen, wie wurden Sie politisiert?
    Ich wurde zu Hause in meiner Ursprungsfamilie politisiert, es wurde jeweils beim Sonntagsbrunch oft über aktuelle Themen diskutiert.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Als Kind wollte ich Bäuerin oder Hebamme werden, später dann Lehrerin oder Floristin. Keiner dieser Wünsche ist Wirklichkeit geworden – und trotzdem bin ich heute glücklich und zufrieden mit meinem Beruf.

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich. Was derzeit in den USA geschieht, finde ich sehr beunruhigend und kaum nachvollziehbar. Der Anti-Züri-Reflex erscheint mir widersprüchlich und schwer einzuordnen. Und doch hat es auch eine Wahrheit, so will zum Beispiel die Stadt einerseits kreative, kulturelle und politische Aktivitäten ermöglichen, andererseits Sicherheit, Nachtruhe, Verkehrsfluss und Rechte der Anwohnerinnen und Ausländer schützen. Auflagen, Formulare und Bewilligungen für Anlässe sind enorm. Der Schlüssel liegt darin, Bürokratie zu reduzieren, ohne Sicherheit und Recht zu schwächen.

    Die Wohnungsnot in Zürich ist real und dringend. Die Debatte über Parkplatzmangel wirkt dagegen – angesichts der humanitären Katastrophen im Nahen Osten – auf mich persönlich beinahe absurd. Wir leben in der Schweiz in einer stabilen Demokratie. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, das wir ernst nehmen und bewahren müssen.


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    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Ich verstehe mich als Sozialpolitikerin mit sozialliberalem Gedankengut. In manchen Bereichen argumentiert mir die Juso teilweise zu polemisch. 

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Schon viele Male war ich an Infoständen oder als Initiantin unterwegs – letzten Herbst etwa in Schwamendingen, als wir Unterschriften für die Schwamendinger Chilbi sammelten. Es ist spannend zu erleben, wie direkt man ins Gespräch kommt und welche Themen den Leuten wirklich unter den Nägeln brennen.

    „Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.“

    Welche Staatsmänner oder -frauen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Pierre Maudet aus Genf. Einerseits war er massgeblich im Projekt Papyrus beteiligt. Die Operation Papyrus soll den Aufenthalt von Arbeitskräften, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen, aber gut integriert sind und seit vielen Jahren im Kanton leben, regeln. Andererseits wurde er trotz Verurteilung im Jahr 2023 wieder in den Stadtrat von Genf gewählt.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt Zürich oder im Kanton Zürich?
    Ich liebe das „Mère Catherine“ im Nägelihof. Es ist längst eine Institution in Zürich und begeistert mich seit über 40 Jahren mit französischer Küche. Dort habe ich vor 39 Jahren meinen 20. Geburtstag gefeiert und dieses Restaurant gibt es immer noch.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Ja, ich kaufe ab und zu das Surprise, aber lesen ist so eine Sache, leider fehlt die Zeit dazu.

    „Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort dänisch.“

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort Dänisch. Diese Sprache irgendwann zu erlernen, ist für mich ein Wunsch.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Hedi Lang gilt als eine Pionierin für Frauen in der Schweizer Politik und war sowohl auf Bundes- als auch auf Kantonsebene eine prägende Persönlichkeit. Hedi Lang war und ist für mich eine bedeutsame Zürcherin, da sie sich in den 80er-Jahren massgeblich für die drogenpolitischen Reformen einsetzte, welche heute noch angewendet werden.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Jeder kann tun und lassen, was er/sie will.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Ein erster Schwerpunkt meines politischen Engagements im Jahr 2015 war der Übergang von Jugendlichen in die Arbeitswelt. Mein Appell an Wirtschaft und Gewerbe lautete, sich stärker an Lösungen für leistungsschwächere Jugendliche zu beteiligen. Berufsverbände und Ausbildungsbetriebe sollten eine deutlich höhere Bereitschaft zeigen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.

    In meiner beruflichen Tätigkeit ist es mir gemeinsam mit verschiedenen Arbeitgebenden im Jahr 2025 nun gelungen, ein Netzwerk inklusiver Arbeitgeber aufzubauen. Dieses Netzwerk setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgreich Fuss fassen können. Durch den gezielten Abbau von Barrieren und das Schaffen konkreter Chancen leisten wir einen Beitrag zu einem inklusiven Arbeitsmarkt. Dass dieses Netzwerk nach rund zehn Jahren kontinuierlicher Arbeit zustande gekommen ist, erfüllt mich mit grosser Freude. Es zeigt aber auch: Nachhaltige sozialpolitische Veränderungen brauchen Zeit, Ausdauer und Durchhaltewillen.

    Birgit Tognella-Geertsen (58) ist seit 2015 Kantonsrätin. Sie vertritt für die SP den Wahlkreis Zürich 11 und 12, zu dem Schwamendingen gehört. Die Betriebswirtschafterin und Erwachsenenbildnerin war mit ihrer Familie mehr als 30 Jahre in Schwamendingen zuhause. Seit Mai 2024 heisst der Wohnort Wangen bei Dübendorf. Nun ist Tognella-Geertsen Mitglied der SP Wangen, der IG Frauenstimmen, dem Frauenverein Wangen und des Frauenvereins Brüttisellen. Sie engagiert sich „für ein gutes, offenes und vorteilsloses Zusammenleben“.

    In der Vereinigung Secondas Zürich ist Tognella-Geertsen Vizepräsidentin, wie etwa auch Përparim Avdili von der FDP.

    In der Freizeit liebt sie es, im Garten rumzuwühlen und Neues zu entdecken. „Die Beschäftigung mit unserem Hund Joy, etwa die Trüffelsuche, ist für mich und meine Familie ein guter Ausgleich zur Arbeit.“ Birgit Tognella-Geertsen, Ehefrau von alt FDP-Gemeinderat Roger Tognella, reist zudem sehr gerne. „Dies ist in Verbindung mit Tauchen für mich ein perfekter Urlaub.“


  • 3 Minuten

    Erinnerungen an Karl Lüönd

    Auf dem Bild zu sehen von rechts Karl Lüönd, Esther Scheidegger, sowie Lorenz Steinmann.Eines der wohl letzten Fotos: Karl Lüönd im Oktober 2025. Links neben ihm seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger sowie der Autor dieses Nachrufs. Bild: zvg

    Er war jahrzehntelang die einordnende Stimme, wenn es um die Medienwelt ging. Und eine Zeit lang bestimmte er die Politik in Zürich mit. Jetzt ist der Wahl-Winterthurer Karl Lüönd gestorben.

    Sein charakteristischer Urner Dialekt war Karl Lüönds Markenzeichen. Obwohl er seit über 50 Jahren nicht mehr in jenem Gebirgskanton lebte, gab ihm seine Herkunft eine gewisse Knorrigkeit, ein Hang zur ungeschönten Direktheit, wie sie nur Bergler haben können. Darum war Lüönd ein gefragter Experte und Interviewpartner, wenn es um die Medienwelt ging.

    Lüönd legte immer viel Wert auf die Sprache, geschrieben, aber auch gesprochen. Er war ein unermüdlicher Schaffer, der viele Bücher hinterlassen hat. Ein Standardwerk ist ohne Zweifel sein Buch von 2007: „Verleger sein. Nachdenken über Menschen, Medien und Märkte“. Er war damit schon fast ein Prophet, der die heutige Entwicklung der Medien vorwegnahm.

    Dass er das Buch zusammen mit Pietro Supino schrieb, dem Tagi-Verleger und Verwaltungsratspräsidenten der TX Group, ist typisch für Lüönd. Er war perfekt vernetzt und kannte sehr viele Leute. Aber nicht nur die Chefs und Eigner, sondern auch viele Frontleute im Journalismus und im Inserateverkauf. Wohl deshalb hatte er oft einen sehr guten Riecher, wenn es um Storys, aber auch um verlegerische Belange ging.

    Lüönd und die Politik


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    Zumindest eine Zeit lang hatte Karl Lüönd grossen politischen Einfluss im Raum Zürich. Denn nach sechs Jahren als Mitglied der „Blick“-Chefredaktion und zwei Jahren Chefredaktor des Gratisanzeigers „Züri-Leu“ war er 1982 Mitbegründer der „Züri-Woche“. Dieses Boulevardblatt leitete er 17 Jahre lang als Chefredaktor, zeitweise auch als Verleger. Damals war diese bürgerlich eingefärbte Wochenzeitung eine Instanz in Zürich und hatte eine Auflage von 250’000 Exemplaren.

    Vor allem in den 80er-Jahren mussten Politikerinnen und Politiker – meist des linken Spektrums – wöchentlich zittern, wenn wieder Kritik der „Züri-Woche“ über sie hereinprasselte. Damals, als Zürich verschrien war als AAA-Stadt. A wie Arme, Alte, Arbeitslose. Ein gefundenes Fressen für das Boulevardblatt „Züri-Woche“.

    Später wurde Lüönd milder, machte sich selbstständig und wurde gefragter Auftragschreiber. Seine Firmenporträts, etwa über das Medienunternehmen Ringier, sind heute noch sehr lesenswert.

    Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist.

    Persönliche Erinnerungen

    Ich habe eine durchaus persönliche Beziehung zu Lüönd. Für mich war Lüönd immer die ruhige, einschätzende Stimme mit dem Riecher für jene Stoffe, die interessieren. 1979 war das für mich die Armee. Damals war Lüönd Autor des Bildbandes „Wehrhafte Schweiz“. Ich fand das Werk in meinem jugendlichen Eifer ziemlich gut.

    Persönlich kannten wir uns gut 20 Jahre, weil Lüönd Berater beim Zürcher Verlag Lokalinfo AG war. Dort arbeitete ich 19 Jahre lang als Redaktor. Verleger Walter Frey setzte Lüönd ein, als es darum ging, die Lokalinfo rentabler zu organisieren. Er interessierte sich nicht unbedingt für jeden einzelnen Artikel, aber dafür, dass der Lokaljournalismus als Stimme erhalten bleiben sollte.

    Das letzte Mal traf ich Karl Lüönd im Oktober im Rahmen eines Festes des „Altstadt-Kuriers“. Die Besonderheit: Seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger schrieb 15 Jahre lang für dieses Quartierblatt, das ich seit Herbst 2025 leiten darf. Von dort stammt auch das Foto. Es war ein harmonisches Treffen, bei dem ich spürte, wie gern sich Karl und Esther hatten und wie sehr sie auch interessenmässig zusammenpassten.

    Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist. Mit Schmerz denke ich an seine Witwe Esther, die altershalber eben erst ihren geliebten Wohnsitz mitten in Zürich aufgegeben hat und nach Winterthur zügelte. Diese Tragik ist sehr gross. Ich wünsche Esther viel Kraft in dieser schweren, dunklen Zeit. Möge Kari vom Medienhimmel aus seine schützenden Hände über sie legen.


  • 4 Minuten

    Im Spannungsfeld von günstigeren Abos und Kapazitätsgrenzen

    Blick von oben auf den Bahnhof Stadelhofen. Zwei S-Bahn-Züge sind eingefahren. Das Perron ist voller Menschen, die einsteigen oder auf andere Züge warten.Es steht Frage im Raum, wie der ÖV künftig finanzierbar bleiben und zugleich attraktiv genug sein soll. Bild: Pascal Turin

    Die SP will günstigere ÖV-Abos im ganzen Kanton Zürich, doch der Regierungsrat winkt ab. Unabhängig davon wächst bei bürgerlichen Politikerinnen und Politikern im Kantonsrat die Sorge, wie lange das ÖV-System dem steigenden Andrang noch standhält.

    Deutlich weniger zahlen für den öffentlichen Verkehr? Was wohl viele Pendlerinnen und Pendler reizvoll fänden, findet beim Regierungsrat keinen Anklang. Die SP will ihre an der Urne in der Stadt Zürich erfolgreiche Idee in den gesamten Kanton exportieren. Dazu hatten die SP-Kantonsrätinnen und Kantonsräte Rosmarie Joss, Nicola Siegrist sowie Felix Hoesch im November eine Motion eingereicht. Geht es nach den Politikerinnen und Politikern, sollen Erwachsene für das Jahresabonnement für eine bis zwei Zonen des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) nur noch 365 Franken bezahlen – Kinder und Jugendliche wiederum 185 Franken.

    Die Sozialdemokraten sind mit einem ähnlichen Vorschlag bei der mehrheitlich links-grün wählenden Bevölkerung in der Limmatstadt offene Türen eingerannt. Wir erinnern uns: Mit rund 63 Prozent Ja-Stimmen sprach sich das Stadtzürcher Stimmvolk im September für das ÖV-Abo für 365 Franken aus. Doch das gilt natürlich nicht für das ganze ÖV-Netz, sondern lediglich für die Zone 110. Diese deckt aber immerhin die ganze Stadt Zürich ab, zählt als zwei Zonen und gilt innerhalb des Stadtgebiets für S-Bahn, Tram und Bus, aber auch Limmatschiff, Polybahn oder Dolderbahn. Ein ZVV-Jahresabo für ein bis zwei Zonen kostet aktuell 813 Franken – für die 2. Klasse. Einen Lokaltarif wie in kleineren Gemeinden gibt es in den Städten Zürich und Winterthur (Zone 120) nicht.

    Der Zürcher Stadtrat schätzt die Gesamtkosten auf etwa 140 Millionen Franken pro Jahr. Darum ging die Initiative der SP sogar der sonst finanziell sehr grosszügigen Exekutive zu weit. Sie lehnte das Volksbegehren ab und warb mit einem Gegenvorschlag, der sich auf einkommensschwache Personen fokussierte. Doch bei der von hohen Lebenshaltungskosten geplagten Stadtbevölkerung sass das Portemonnaie offenbar locker – trotz aller Warnungen bezüglich der Finanzierbarkeit. Giesskannenprinzip, olé.

    Wann das 365-Franken-Abo eingeführt wird, ist allerdings offen. Hingegen ist bereits jetzt klar, dass es die SP-Idee im bürgerlichen Kantonsrat schwer haben dürfte – alleine schon wegen der zu erwartenden Kosten für Gemeinden und Kanton.

    Die Kantonsregierung will keine 365-Franken-Abos


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    Kurz zusammengefasst ist die Motion aus Sicht des Regierungsrats „angesichts der geringen verkehrspolitischen Wirksamkeit bei gleichzeitig sehr hohen Kosten als nicht zielführend zu betrachten“. Die Kantonsregierung ist gemäss ihrer soeben veröffentlichten Stellungnahme davon überzeugt, dass die wirksamsten Massnahmen zur Förderung des ÖV nicht in einer flächendeckenden Vergünstigung von Ticketpreisen, sondern in der laufenden Weiterentwicklung von Angebot, Infrastruktur und Betriebsqualität liegen. „Sie erzielen langfristig grossen und messbaren Nutzen. Daher sollen die zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel auch schwergewichtig in solche Massnahmen investiert werden“, hält der Regierungsrat fest. Davon würden letztlich mehr Personen und zudem auch die Umwelt profitieren.

    Bei der mit der Motion vorgeschlagenen Lösung handelt es sich laut Regierungsrat hingegen um eine pauschale Verteilung von enormen finanziellen Erleichterungen, „die nicht nur jenen Personen zugutekäme, die tatsächlich unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden, sondern auch wohlhabenden und vermögenden Personen“.

    Die Leistungsfähigkeit des ÖV-Systems auf dem Prüfstand

    Doch unabhängig davon, wie viel ein ÖV-Abo für ein bis zwei Zonen zukünftig kosten wird, machen sich Tumasch Mischol (SVP), Marzena Kopp (Die Mitte) und Sarah Fuchs (FDP) Gedanken über die generelle Zukunftstauglichkeit des Zürcher ÖV-Systems. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte haben kürzlich einen Vorstoss mit dem Titel „ZVV unter Wachstumsdruck: Wie lange trägt das heutige System?“ eingereicht. Der Kanton Zürich sei mit einem anhaltenden Bevölkerungswachstum sowie einer politisch angestrebten Verlagerung des Individualverkehrs auf den öffentlichen Verkehr konfrontiert, heisst es in der Anfrage. Trotz laufender Angebotsausbauten komme es insbesondere in den Hauptverkehrszeiten zu stark ausgelasteten oder überlasteten Zügen und Bussen.

    „Da Infrastrukturausbauten nur langfristig wirksam werden, stellt sich die Frage, wie die bestehende Leistungsfähigkeit des Systems besser ausgeschöpft werden kann und wo dessen Grenzen liegen“, schreiben die Politikerinnen und Politiker.

    Insgesamt sind es sieben sehr detaillierte Fragen, welche die Kantonsregierung beantworten soll. Mischol, Kopp und Fuchs wollen vom Regierungsrat etwa wissen, wie sich die Auslastung im ZVV-Gebiet in den Hauptverkehrszeiten in den Jahren 2014, 2019 und 2024 entwickelt hat und mit welchen quantitativen Kriterien der Regierungsrat und der ZVV heute die maximale Leistungsfähigkeit des bestehenden Systems definieren. „Ab welcher durchschnittlichen Belegung pro Kurs bzw. Korridor wird die Betriebsstabilität (Fahrplanstabilität, Anschlusssicherheit, Fahrgastwechselzeiten) als kritisch beurteilt?“, fragen sie in ihrem Vorstoss.

    Spannend dürfte ausserdem die Antwort des Regierungsrats auf die Frage sein, ob er plant, unabhängig von weiteren Infrastrukturausbauten Pilotprojekte zur besseren Auslastung bestehender Kapazitäten umzusetzen. Zur Debatte stehen da beispielsweise ein späterer Unterrichtsbeginn an den Mittelschulen, um Passagierspitzen zu brechen, oder weniger Pendlerstress durch mehr Homeoffice und flexiblere Arbeitszeiten. Allein beim Kanton arbeiten mehr als 30’000 Menschen – und nicht alle davon als Bauarbeiterinnen im Strassenbau oder Chirurgen im Operationssaal.

    Über die Diskussionen um günstigere Abos oder bessere Auslastung hinaus muss die Politik darüber nachdenken, wie der Zürcher ÖV in Zukunft funktionieren und finanzierbar bleiben soll – und zugleich attraktiv genug sein kann.


  • 1 Minute

    Lokaljournalismus – ungeschönt, ungeplant und echt

    Ein Mann mit grauen Haaren liest in einer Zeitung und lächelt. Auf seinem Schoss sitzt ein kleiner Hund.Lorenz Steinmann verantwortet den “Altstadt Kurier”. Er liest Redaktionshund Waldo die Titelgeschichte vor. Bild: Pascal Turin

    In der 26. Folge des Rathuus-Podcasts steigen Lorenz Steinmann und Pascal Turin in die Niederungen des Lokaljournalismus herab. Ausserdem haben sie Hunger und sprechen über Restaurants.

    Was erlebt ein Journalist, der über den Stadtzürcher Kreis 1 berichtet und für die anstehenden Wahlen den amtierenden Stadträtinnen sowie Stadträten ein paar spannende Fragen stellen will? Über dies und mehr sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin in der 26. Folge des Rathuus-Podcasts.

    Zuerst geht es aber los mit einem kurzen Segment über die Volksinitiative „200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)“ – auch bekannt als Halbierungsinitiative. Ausführlich haben wir das Thema in der 25. Folge besprochen.

    Danach widmen sich die Hosts im ersten Teil den Niederungen des Lokaljournalismus. Lorenz arbeitet bekanntermassen beim „Altstadt Kurier“, dem selbsternannten „Weltblatt für den Kreis 1“. Er erzählt, wie es ihm bei der Planung und Umsetzung seiner Artikel zu den Wahlen 2026 ergangen ist. Die Podcast-Gastgeber philosophieren ausserdem über städtische Wohnungen und den Zufallsgenerator, der entscheidet, wer an der Besichtigung teilnehmen kann. Sie fragen sich, ob es insbesondere in der Altstadt ein anderes Vorgehen braucht.

    Etwas Locker-Leichtes besprechen die Rathuus-Gründer im zweiten Teil. Dann geht es nämlich um Restaurant-Tipps. Die in der Folge erwähnten Lokale sind das Restaurant Gonzalez beim Milchbuck, die Brasserie und Bar Dupont am Beatenplatz, das „Grottino 83“ in der Nähe des Triemli, das Restaurant Lou’s Comfort Food an der Zweierstrasse, die Vegi-Restaurants Tibits und Hiltl sowie das Restaurant Casino in Altstetten, das „Celia“ an der Langstrasse und das Casa Helvetia beim Helvetiaplatz.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 5 Minuten

    Ein Beispiel, wie Politik Spass machen kann

    Auf dem Bild zu sehen über ein Dutzend junge Menschen, die sich am politischen Bingoabend in Wallisellen vergnügen.Faszinierend: In Wallisellen fand kürzlich ein Politabend in Form eines lustigen Bingospiels statt. Der Andrang war überraschend hoch. Bild: Lorenz Steinmann

    Ein Politanlass in Form eines Bingoabends? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen mobilisierten im Hinblick auf die Wahlen vom 8. März viele Bingofans Politikinteressierte. Es wurde ein Happening mit Symbolwirkung.

    Öffentliche Politdiskussionen gelten als Auslaufmodell. Podien mit oft einem Dutzend Kandidatinnen und Kandidaten wirken meist schwerfällig und ziehen wenig Publikum an. Und die Anwesenden sind altersmässig meist 50 plus oder sogar 60 plus.

    Die politische Berichterstattung, zumindest international, wirkt ebenfalls nicht einladend. Trump hier, Trump dort, jeden Tag Häppchen aus den Epstein-Akten. Politik als Ablöscher?

    Das Forum Pro Wallisellen hat sich zusammen mit den Grünen und der SP Gedanken gemacht, wie man die ausgetretenen Wege verlassen kann, um neue Zielgruppen zu erreichen. Das Resultat lässt sich durchaus sehen. Rathuus erlebte vergangenen Freitag einen vergnüglichen Bingoabend, an dem es überdurchschnittlich viele junge Leute hatte. Hing das mit dem popig-modern-mit-Retroeinflüssen gestalteten Flyer zusammen?

    Das einrichtungsmässig eher nüchterne Café City Berli in Wallisellen füllte sich jedenfalls bis auf den letzten Platz.

    Dabei gilt Bingo ja wie Politabende nicht gerade als Jungbrunnen. Man denkt eher an verrauchte Lokale, Rollschinkli als Preise und ellenlange Nachmittage mit sonorer Stimmbegleitung eines fahrigen Seniors. Ok, das ist gemein.


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    Auf den Spuren von Beat Schlatter

    Denn das Moderatorenduo Emil Murbach und Livio Gentile war wirklich erfrischend. Es fand den idealen Stil zwischen Blödelei, Tiefgang und politischen Noten. Dabei könnten Murbach und Gentile durchaus die inoffiziellen Söhne des Komikers Beat Schlatter sein. Schlatter hat vor Jahren den Bingoabend mit seiner „Bingo-Show“ neu definiert und zum Gesellschaftsanlass auch für Städterinnen und Hipster gemacht.

    Und nun also Wallisellen. Bemerkenswerterweise sorgte das Jungvolk tüchtig für Stimmung. Es war rührend, ja herzerwärmend, wie oft „Walliselle, Walliselle“ skandiert wurde. Und der Abzählreim „Aazelle, Bölle schälle, d’Chatz gaht uf Walliselle“ durfte auch nicht fehlen, gerufen aus fast allen Kehlen im Raum.

    Zu sehen ist ein Stimmungsbild des Bingoabends in Wallisellen. Betriebstemperatur: hoch!Bemerkenswerterweise hatte es viel Jungvolk, das tüchtig für Stimmung sorgte. Schlussendlich ging es an diesem Abend um Spass und den Drang, beim Bingo irgendwann zu gewinnen. Bild: Lorenz Steinmann

    Denn ja, schlussendlich ging es an diesem Abend schon um Spass und den Drang, beim über zweistündigen Bingo irgendwann zu gewinnen. Aber das Anliegen, etwas beizutragen für Wallisellens Zukunft, war stets spürbar. Auf spielerische und nie aufdringliche Art. So holt man Menschen ab, so wird Politik nahbar und wirkt lokal verankert.

    Dabei hat es die Agglo-Stadt mit rund 18’000 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht einfach. Trotz ähnlicher Grösse wie Olten oder Solothurn ist in der Öffentlichkeit selten die Rede vom durchaus schmucken Ort. Es gibt einen „Dorfkern“, einladende Naherholungsgebiete, von wo aus man je nach Wetter eine herrliche Fernsicht in die Alpen hat, und der Bahnhof ist modern und einladend. Es hat sogar eine breite Unterführung, wo Velofahren erlaubt ist.

    Auf dem Bild sind die sehr zufrieden wirkende Kandidatinnen und Kandidaten für die Walliseller EWahlen vom 8. März 2026 zu sehen.Die Wahlallianz (v. l.): Simone de Redelijkheid (parteilos), Markus Pfanner (parteilos), Stadtrat Philipp Maurer (Grüne), Stadträtin Verena Frangi Granwehr (parteilos) und René Nussbaumer (SP). Bild: Lorenz Steinmann

    Sie wollen den Stapi-Sitz verteidigen

    Und politisch? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen wittern Morgenluft, hoffen, den Sitz des nicht mehr antretenden Peter Spörri (SP) zu übernehmen. Dafür scheint Philipp Maurer (Grüne) durchaus der Richtige zu sein. Er sitzt schon acht Jahre in der Exekutive und will nun den nächsten Schritt machen.

    Dazu stellen sich die Bisherige Verena Frangi Granwehr, Ressortvorsteherin Gesellschaft + Soziales, sowie die beiden „Neuen“ für die Exekutive, Simone de Redelijkheid Pfister (bisher Schulpflege) und Markus Pfanner. Pfanner ist darum erwähnenswert, weil er viele Jahre Kommunikationschef in der Baudirektion Kanton Zürich war und seit gut einem Jahr denselben Job beim Stadtzürcher Hochbaudepartement unter SP-Stadtrat André Odermatt verrichtet. Er kennt also den Politbetrieb von innen.

    Doch zurück nach Wallisellen und zu René Nussbaumer als Kandidat fürs Schulpräsidium, was dann ebenfalls ein Stadtratsmandat bedeutet. Plus drei Mitglieder der Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission (RGPK), zwei Mitglieder der Sozialbehörde sowie eine neue Kandidatin für die Schulpflege.

    Kurzum: Für Wallisellens Stimmvolk durchaus eine Alternative zur bisherigen bürgerlichen Dominanz neben dem SP-Stapi.

    Das Geheimnis des Walliseller Erfolgs

    Nun aber zur Kernfrage: Wie schafften es die Organisatoren, der Politik auch noch Raum zu geben an diesem stimmungsvollen Abend? Für jede der Bingorunden trugen die Kandidierenden einen Preis bei. Hier nur eine kleine Auswahl – etwa einen selber gehäkelten Lappen: „Politik kann ein schweisstreibendes Geschäft sein, alternativ kann man damit aber auch den Dreck wegmachen, wenn die Politik zum schmutzigen Geschäft wird“, so Simone de Redelijkheid Pfister.

    Oder die Jonglierbälle von Markus Pfanner: „Damit lernt man, nicht in Entweder-oder-Kategorien zu denken. Politik ist ein Sowohl-als-auch.“ Karin Braun, RGPK-Mitglied, hat familiären Bezug zu Ungarn. „Kulturell steht mir das Land nahe, nicht aber politisch.“ Sie verschenkte als Bingopreis nichts weniger als das geheime Familienrezept für ein Paprikahuhn. „Und wer nicht kochen will, da komme ich es kochen“, versprach Braun unter Jubel des Publikums im Saal.

    Apropos Essen. Die gleiche Idee hatten der als Schulpräsident kandidierende René Nussbaumer und der zumindest aus Sicht der Anwesenden künftige Stadtpräsident Philipp Maurer. Beide offerierten unabhängig voneinander ein Nachtessen in der Pizzeria Napulé. Das Gejubel war besonders gross, als Maurer seinen Bingopreis vorstellte. Oder war dies seiner Grosszügigkeit geschuldet? „Es können so viele Leute kommen, bis der Spunten voll ist“, rief er in die begeisterte Menge. Dass dann ausgerechnet Stefan Cescutti, amtierendes Mitglied der RGPK, den Superpreis gewann, tat der Stimmung keinen Abbruch.

    Ein recht unpolitischer Politabend

    Was bleibt? Das Forum Pro Wallisellen schaffte es zusammen mit SP und Grünen, einen sehr speziellen, sympathischen Politabend zu organisieren. Und für alle Wählenden, die doch lieber noch mehr Fakten wollen, hat das Forum eine detaillierte Wahlzeitung kreiert. Sie wird in den nächsten Tagen in alle gut 10’000 Haushaltungen in Wallisellen verteilt. Dort geht es primär um Politik, nicht auch noch um Bingo.


  • 3 Minuten

    Waldo weiss Bescheid: Gut geschnüffelt

    Verschiedene Zeitungen, Magazine sowie ein Handy und ein Tablet liegen auf einem Tisch.Redaktionshund Waldo liest und hört (fast) alles, was er in seine Pfoten kriegt. Bild: Pascal Turin

    Die besten Artikel, Podcast-Folgen und mehr: Redaktionshund Waldo wirft regelmässig einen Blick in die Medienwelt und sagt dir, was du unbedingt wissen musst.

    Schon gehört, gelesen, gesehen? Unser Redaktionshund Waldo hat geschnüffelt – in Artikeln, Podcasts und anderen Ecken der Medienwelt. Er hat definitiv einen guten Riecher für lokale, nationale und internationale Presse & Co. Doch statt Zusammenfassungen findest du hier Fundstücke, die Lust machen, selbst reinzuhören, reinzulesen oder hineinzuschauen.

    Waldo weiss Bescheid – welcher Fährte du folgst, entscheidest aber nur du selbst. Und wenn ein Artikel oder eine Podcast-Folge hinter einer Paywall steckt, dann denk daran: Hundeguetzli gibt es auch nicht gratis und niemand lebt nur von Streicheleinheiten und Bauchkraulen allein. Guter Journalismus kostet – und das ist auch richtig so.

    Damit auch Menschen in Heimen selbst bestimmen können

    „Selbstbestimmung am Lebensende auch in Alters- und Pflegeheimen“ nennt sich das Volksbegehren, das sich im Kanton Zürich einem Thema annimmt, bei dem Schwarz-Weiss-Denken definitiv nicht angebracht ist. Am vergangenen Montag hat sich der Kantonsrat mit der Initiative befasst. Ein Artikel von Marius Huber in der „Neuen Zürcher Zeitung“ zeigt anschaulich auf, um was es genau geht und welche Argumente es dafür oder dagegen gibt. „Die Ratsmehrheit sprach sich schliesslich aber mit 108 zu 63 Stimmen für den Gegenvorschlag von Mitte-links aus“, schreibt die NZZ. Wer hier klickt, erfährt, wie es dazu kam.

    Kleine Welten, die vom täglichen Wahnsinn ablenken

    Ein feinfühliges Porträt mit wunderschönen Bildern hat Mathias Möller für den „Tages-Anzeiger“ geschrieben. Darin geht es um Erika und Peter Ess, die seit vielen, vielen Jahren an der Ecke Gertrud-/Aemtlerstrasse im Stadtzürcher Kreis 3 ganz besondere Schaufenster gestalten – die sogenannten Mäusefenster. Es sind ganz herzige und detaillierte Miniaturenausstellungen. „Die Fenster sind unser Beitrag zum Quartierleben“, sagt Erika Ess im Text, der sich angenehm von den vielen schlechten Nachrichten aus aller Welt abhebt. Das ist definitiv ein Must-Read. Das Porträt ist nur einen Klick entfernt.

    Wenn Rechtsextremismus langsam zum neuen Normal wird

    Das Onlinemagazin Republik hat kürzlich ein Stück mit dem Titel „Die AfD bei mir daheim“ veröffentlicht, das nachdenklich stimmt. Die Journalistin Esther Göbel schreibt darin über ihr Heimatdorf im deutschen Bundesland Rheinland-Pfalz. Und über die stetig steigende Beliebtheit der in Teilen rechtsextremen Partei Alternative für Deutschland – kurz AfD. „Im Dorf wird gemunkelt, wer die AfD wählt und wer nicht. Unter vor­gehaltener Hand werden mir Namen zugeflüstert. Die meisten, mit denen ich spreche, meinen, jemanden zu kennen“, heisst es im Text. Doch lest doch einfach selbst. Hier geht es direkt zum Artikel im Onlinemagazin Republik.

    Zwei links-grüne Politik-Insider analysieren die Wahlen

    Min Li Marti und Markus Kunz betreiben einen Politik-Podcast mit dem Namen „Inside Bullingerplatz“ – angelehnt an das Finanzportal Inside Paradeplatz (wir haben vor einem Jahr darüber berichtet). SP-Nationalrätin Min Li Marti und alt Gemeinderat Markus Kunz (Grüne) sprechen in ihrer neusten Folge unter anderem über Wahlumfragen. Sie fragen sich, ob Umfragen Politentertainment sind oder wirklich dem Interesse der Demokratie dienen. Und sie haben sich für diese Podcast-Ausgabe Sarah Bütikofer ins Boot geholt. Sie ist Politologin und Redaktorin von „DeFacto“, einer Onlineplattform für Politikwissenschaft. Wir wünschen viel Spass beim Hören.


  • 5 Minuten

    Er hat den Mut zur Unsicherheit

    Auf dem Bild zu sehen ist der Gemeinde- und Kantonsrat Bernhard im Oberdorf. Listig schaut er nach links, er hat die SVP verlassen und politisiert nun bei der Mitte.Bernhard im Oberdorf (Die Mitte) ist amtsältester Gemeinderat im Parlament der Stadt Zürich, mit bald 30 Jahren Zugehörigkeit. Zudem ist er seit 2023 Mitglied im Kantonsrat und dort ältestes Mitglied. Bild: Lorenz Steinmann

    „Zu viele Putin-Versteher und Trump-Verehrer!“ Bernhard im Oberdorf hat die SVP deswegen verlassen und politisiert bei der Mitte. Dass er für die Wahlen lediglich auf einem Listenplatz 3 steht, bereitet ihm wenig Sorge. Dabei könnte seine lange Politkarriere im Stadtzürcher Gemeinderat bald zu Ende gehen.

    Es ist eine Mischung aus Schalk und Gelassenheit, die Bernhard im Oberdorf ausstrahlt beim Treffen im hinteren Foyer des temporären Rathauses Hard im Stadtzürcher Kreis 4. Mit seiner legeren, farblich aber perfekt abgestimmten Kleidung wirkt er wie ein Hochschulprofessor, der immer noch ein Büro an der Uni hat. Oder wie ein Unternehmer, der nach wie vor für seine Ideen brennt – und sich von niemandem etwas sagen lässt. Als Professor könnte er tatsächlich durchgehen, hat er doch in Wirtschaft doktoriert und anschliessend noch Politikwissenschaft und Militärstrategie studiert. Und er hat vor Jahrzehnten die Schweizer Hochschul-Zeitung „Vision“ gegründet. Noch heute ist er Herausgeber dieses bürgerlichen Pendants zur „Zürcher Studierendenzeitung“.

    Wenn der Chef in die Tasten haut

    Nach dem Gespräch mit Rathuus schickt mir im Oberdorf, den viele in der Politik nach seinen Initialen als „Bio“ ansprechen, zehn der jüngsten Ausgaben per Post zu. Sie sind trotz des etwas aus der Zeit gefallenen Layouts durchaus lesenswert. Mit kritischer Note, vielen Kommentaren und einem interessanten Mix aus Innen- und Aussenpolitik mit Fokus Ukrainekrieg und den USA. Es ist wenig zu spüren von einem Rechtsdrall. Auch Reportagen von fernen Ländern findet man und auch die Airline Swiss kommt thematisch nicht zu kurz. Gerade besagte Fluggesellschaft wird schonungslos kritisiert.

    Bernhard im Oberdorf himself greift oft und offensichtlich lustvoll in die Tasten in der kompakten Zeitung mit jeweils gut 16 Seiten. Selbstredend sind auch seine Reden im Gemeinde- und im Kantonsrat als „Alterspräsident“ in der vierteljährlich erscheinenden Publikation abgedruckt. Aufhorchen lässt dabei der Passus, dass die Mitte seit 2022 wieder im Gemeinderat vertreten sei und zusammen mit der EVP „so wie ich das einschätze, eine wertbasierte Fraktion“ bilde.

    zu sehen ist eine Auswahl der von Bernhard im Oberdorf herausgegebenen Zeitschriften "Vision".So sehen sie aus, die von Bernhard im Oberdorf verantworteten Hochschul-Zeitungen. Bild: Lorenz Steinmann


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    Aufhorchen darum, weil im Oberdorf seit Ende November 2025 eben dieser Mitte angehört und am 8. März in neuer politischer Umgebung für eine Wiederwahl buhlt. „Ich wurde relativ rasch angefragt nach meinem Austritt aus der SVP“, erzählt im Oberdorf. Dann habe es ein Hearing mit durchaus kritischen Fragen gegeben. „Es ging aber schlussendlich recht schnell. Doch weil die Wahllisten schon beschlossen waren, wollte ich die beiden Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten respektieren. Sie haben mehr geleistet für die Partei als ich.“

    Die Rückkehr zur FDP habe sich übrigens nie konkretisiert. „Mehr als Schalmeienklänge einzelner Mitglieder mir gegenüber war da nicht.“ Dabei startete im Oberdorf in den 1990er-Jahren bei der FDP seine politische Karriere, wandte sich aber wegen des Pro-Europa-Kurses und des beschlossenen EU-Beitritts der Liberalen bald der SVP zu. Und wurde jahrzehntelang sicher gewählt.

    Doch nun kommt es, dass Bernhard im Oberdorf auf Listenplatz 3 um seine Wiederwahl zittern muss.

    Zwei eher Unbekannte stehen ihm vor der Nase

    Vor ihm figurieren Daniel Weiss und Nathalie Zeindler. Weiss ist eine jener Personen, die treue Parteiarbeit leisten, aber doch selten gewählt werden. Nathalie Zeindler kennen zumindest Belesene, weil sie stark beachtete Biografien über die Politikerinnen Judith Stamm (CVP) und Jacqueline Badran (SP) geschrieben hat. Ob im Oberdorf als Bisheriger die beiden zu überholen vermag? Erschwerend kommt hinzu, dass im Oberdorf seit 2001 in Schwamendingen antrat, einem Wahlkreis mit traditionell hohem SVP-Anteil. Dass es der Politiker nun wieder dort versucht, wo er wohnt und arbeitet, ist verständlich. Das war schon zwischen 1996 und 2001 der Fall, ist aber ohne Zweifel sehr lange zurück.

    Tatsächlich brauchte der Parteiwechsel und die Akzeptanz eines hinteren Listenplatzes durchaus Mut. „Eine gewisse Unsicherheit ist da“, räumt im Oberdorf ein. Er hofft auf einen Bonus, weil er im Kreis 6 doch einen gewissen Bekanntheitsgrad geniesst. Etwa, weil er im Vorstand des Vereins Theater Rigiblick und des Quartiervereins sitzt, im Pfarreirat Bruder Klaus mitmacht und im universitären Umfeld eine bekannte Persönlichkeit ist.

    Er will nicht nachbeten, was die „Weltwoche“ verkündet

    Profitiert im Oberdorf gar von einem Anti-SVP-Reflex? Von Wertschätzung, weil er die Probleme in der Rechtspartei beim Namen nennt? Immerhin ist er letzten Herbst mit einigem Getöse aus der „Sünneli“-Partei ausgetreten. Primär, weil die SVP ihre Neutralitätsinitiative lancierte. Dazu kam im Oberdorfs zunehmende Distanz zu jenen Kreisen innerhalb der SVP, die er als „Putin-Versteher und Trump-Verehrer“ bezeichnet. Und: Er wolle nicht nachbeten, was die rechte „Weltwoche“, also Roger Köppel, diktiere. Er wiederholt damit im Foyer des Rathauses Hard seine Aussage, die er letztes Jahr schon der NZZ gemacht hatte.

    Köppel, das ist der Besitzer und Chefredaktor in Doppelfunktion, der jeden Tag „penetrant gut gelaunt“, wie die linke „Wochenzeitung WOZ“ einmal schrieb, Monologe vom Stapel lässt. Einwegkommunikation, die zwar an den sogenannten Mainstream-Medien konsumierenden Leserinnen und Lesern vorbeirauscht, aber viele der Newsdeprivierten zu erreichen scheint. Die Rede ist von über 400’000 Youtube-Abonnentinnen und Youtube-Abonnenten. Wie es heisst, arbeitet Köppel beharrlich am Ziel, wie Tucker Carlson, der ultrarechte Ex-Moderator von Fox News, ein Interview mit Russland-Präsident Wladimir Putin führen zu können.

    Zu sehen ist der Politiker Bernhard im Oberdorf. Er hat kürzlich von der SVP zur Mitte gewechselt. Er ist im Foyer des Rathauses Hard.Er bereut nichts, der Politiker und Verleger Bernhard im Oberdorf. Bild: Lorenz Steinmann

    Bernhard im Oberdorf immerhin hat diesen „Köppel-Kult“ wieder einmal thematisiert. Er, der fast schon humoristisch ein Geheimnis um sein Alter macht („man ist so alt, wie man sich fühlt“). Dass er nun für die Mitte politisiert, ist bemerkenswert. Aber es wird enorm schwierig sein, den Sitz zu halten. So wie es schwierig sein wird, überhaupt die Fünf-Prozent-Hürde zumindest in einem der Wahlkreise zu schaffen, die es braucht, um ins Parlament einzuziehen. Zünglein an der Waage könnte da durchaus Karin Weyermann sein. Denn die Mitte-Gemeinderätin kandidiert auch für den Stadtrat. Das sorgt für mehr Aufmerksamkeit und Stimmen.

    Bernhard im Oberdorf bereut seinen Wechsel nicht. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, sagt er schmunzelnd. Immerhin habe er den Wechsel vor und nicht nach den Wahlen vollzogen, fügt er an und verschwindet wieder im Ratssaal.


  • 9 Minuten

    Altes Kispi-Areal: Ängste, Begehrlichkeiten und Hoffnungen

    Architekturmodell des alten Kinderspitals aus Pappe und Karton. Es steht auf einem Tisch.Durch den Umzug des Kinderspitals im November 2024 ist in Hottingen ein grosser Leerstand entstanden. Das 1968 erbaute Bettenhaus, der Operationstrakt und der Wirtschaftstrakt sollen abgerissen werden. Bild: Pascal Turin

    Das Kinderspital ist längst in seinen Neubau gezogen. Das alte, rund 20’000 Quadratmeter grosse Gelände an bester Lage lädt zum Träumen ein. Der Kanton Zürich plant ein neues Gebäude für das Zentrum für Zahnmedizin – doch die Bevölkerung will das frühere Kispi erhalten. Jetzt bahnt sich eine Zwischennutzung an.

    Vorne projizierte der Beamer bereits die erste Folie an die Leinwand, während immer noch mehr Stühle herangeschafft werden mussten. Der Saal im Gemeinschaftszentrum (GZ) Hottingen war mit etwa 80 Menschen fast voll. Die AL Kreis 7 und 8 hatte zusammen mit der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau (ZAS*) und der Interessengemeinschaft (IG) Kispi Hottingen eine rege besuchte Veranstaltung organisiert. Moderiert wurde der Anlass von Deborah Fehlmann, Redaktorin bei der Architekturzeitschrift Hochparterre.

    Magnetwirkung dürften die angekündigten Rednerinnen gehabt haben: Neben der Stadtratskandidatin und Gemeinderätin Tanja Maag (AL) hielt die renommierte Architektin Barbara Buser ein Referat. Letztere gilt als Pionierin des zirkulären Bauens. Sie setzt sich dafür ein, Bauteile wiederzuverwenden und Gebäude zu erhalten, statt sie abzureissen. Ein Anliegen, für das die Stadt Zürich zumindest bis vor Kurzem wenig Gehör zu haben schien.

    Alt Gemeinderat und IG-Mitbegründer Mischa Schiwow (AL) war ob des Publikumsaufmarsches sichtlich zufrieden. Gemeinsam mit Architekt Hugo Wandeler sowie EVP-Politikerin Stéphanie von Walterskirchen setzt er sich schon lange für eine Umnutzung des ehemaligen Areals des Kinderspitals Zürich – im Volksmund liebevoll Kispi genannt – ein. Seit das Kispi im November 2024 von Hottingen in einen Neubau der Stararchitekten Herzog & de Meuron im Lengg-Quartier gezogen ist, stehen die früheren Spitalgebäude leer. Aktuell findet eine Schadstoffsanierung statt, die laut Auskunft der Medienstelle der Baudirektion voraussichtlich bis Mitte des zweiten Quartals 2026 dauern wird.


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    Die Wunschliste aus dem Quartier ist lang

    Klar ist: Das alte Kispi-Areal weckt Begehrlichkeiten und Hoffnungen. Auch bei der Quartierbevölkerung. An der Veranstaltung im GZ Hottingen wurden darum Vorschläge gesammelt. Die meisten davon waren pragmatisch. So zeigt sich, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Generationenhaus, Alterswohnungen oder gar ein von Älteren geführtes Café vorstellen könnten. Oder wie wäre es mit einem Kompetenzzentrum für Kinderschutz mit „Schlupfhuus“ sowie Wohnraum für Studierende? Manche wünschen sich öffentliche Freiräume, Gärten, Obstbäume – das Gebiet soll durch verschiedene neue Nachbarinnen und Nachbarn belebt werden.

    Die Quartierbewohnerinnen und Quartierbewohner befürchten aber, dass das Areal noch lange ungenutzt beziehungsweise leer bleibt und damit eine riesengrosse Chance für das Quartier sowie die Stadt verpasst wird. Diese Ängste waren lange nicht unbegründet, doch nun scheint der Regierungsrat einzulenken – zumindest teilweise, wie einem kürzlich publizierten Regierungsratsbeschluss zu entnehmen ist.

    Aber von Anfang an: Das rund 20’000 Quadratmeter grosse Gelände am Zürichberg gehört dem Kanton Zürich. Dieser plant dort ein neues Gebäude für das Zentrum für Zahnmedizin (ZZM) inklusive Flächen für das Comprehensive Cancer Center Zürich, ein Kompetenzzentrum für die Krebsmedizin und Krebsforschung. Gemäss einem Artikel der „Neuen Zürcher Zeitung“ sieht das auch der sogenannte Richtplan vor. „Doch für die etwa 400 Millionen Franken teure Investition fehlen ihm derzeit die Mittel. Das Vorhaben ist zurückgestellt, ein Datum für den Baubeginn gibt es nicht“, schreibt die NZZ. Das ZZM ist aktuell an der Plattenstrasse untergebracht.

    Das Kispi-Areal in Hottingen aus der Luft aufgenommen. Ein grosses Betongebäude ragt neben Einfamilienhäusern empor. Auf dem Dach steht ein Helikopter.Das alte Kispi-Bettenhaus, 1981 fotografiert, bietet laut der Broschüre der Zürcher Arbeitsgruppe für Städtebau auch Potenzial für eine Aufstockung. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_L1-810611

    Architekten wollen zum Umdenken anregen

    Die IG Kispi Hottingen will nicht, dass das alte Kinderspital einem Neubau weichen muss. „Zusammengefasst sind Wandeler, von Walterskirchen und Schiwow, sowie über 1000 Leute, die eine entsprechende Petition unterschrieben haben, überzeugt, dass sich die bestehenden Gebäude auf dem heutigen Areal des Kinderspitals für das Zentrum für Zahnmedizin nicht eignen“, heisst es in einem Artikel des Onlineportals Zürich24 von 2022.

    Die ZAS* wiederum möchte generell zum Umdenken anregen. Die Gruppe junger Architektinnen und Architekten wehrt sich gegen „Abbruch auf Vorrat“, will der Bausubstanz Sorge tragen und die Nutzung von alten Gebäuden weiterdenken. Ein zumindest indirekter Erfolg konnten die Architekturschaffenden mit ihrem Einsatz für die ehemaligen Triemli-Personalhäuser A, B und C verbuchen. Eigentlich hatte die Stadt die drei 43-Meter-Hochhäuser abreissen wollen. Also lancierte die ZAS* der Newssite Zürich24 zufolge einen „spekulativen Ideenwettbewerb“. Das Ziel: Der Erhalt der drei Betontürme beim Triemlispital, das zum Stadtspital Zürich gehört. Anfang 2023 führten die Architekturschaffenden darum die Ausstellung „Stadthotel Zürich“ im Zentrum Architektur Zürich, das in der Villa Bellerive im Seefeld untergebracht ist, durch. Jetzt werden die Gebäude für Asylsuchende zwischengenutzt – dank Druck aus dem Gemeinderat ist zudem die Instandsetzung der Häuser B und C geplant, wie „Zürich24“ Ende 2024 schrieb.

    Beim ehemaligen Kispi-Areal in Hottingen fordert die ZAS*, dass die laufende Planung überdacht wird. Einer hübsch gestalteten Broschüre ist zu entnehmen, wie die Zukunft des Areals im Bestand weiterentwickelt werden soll. Oliver Burch von der ZAS* wünscht sich, dass der Kanton vom ZZM-Neubau absieht. „Es geht nicht darum, das beste Gebäude für ein Programm zu finden, sondern das beste Programm für ein Gebäude“, sagte der Architekt an der Veranstaltung im GZ. Die ehemaligen Gebäude des Kispi sollen erhalten bleiben – und mit einem Programm gefüllt werden, welches zu den bereits bestehenden Bauten passt.

    „Viele Spitalbauten der Nachkriegszeit, einst auf dem neuesten Stand der Technik, gelten heute als überholt. Wie aber umgehen mit diesem bedeutenden, aber sperrigen Erbe?“, fragt die ZAS* in ihrer Broschüre. Das Kispi-Areal – und insbesondere die Umnutzung des Bettenhauses – biete eine Antwort: „Es könnte beispielhaft zeigen, wie funktionale Spitalarchitektur in ein lebendiges Stadtquartier überführt werden kann.“

    Für die ZAS* ist klar: „Der Verzicht auf den Neubau des ZZM zugunsten der Weiternutzung des Bestands birgt ein erhebliches ökonomisches Potenzial.“ Zwar erfordere auch die Weiternutzung Investitionen, doch sei die Effizienz des eingesetzten Kapitals deutlich höher, wenn in die Ertüchtigung und in den Umbau der bestehenden Gebäude investiert werde. „Die veranschlagten Kosten von rund 400 Millionen Franken für das neue ZZM wären an einem anderen Standort besser eingesetzt – sofern ein solches Zentrum überhaupt noch erforderlich ist“, schreibt die ZAS* in der Broschüre mit dem Titel „Kispi nutzen statt abreissen“.

    Ein Mann und drei Frauen haben für ein Gruppenbild aufgestellt.Sie standen im GZ Hottingen im Mittelpunkt (v. l.): Oliver Burch von der ZAS*, Architektin Barbara Buser, AL-Stadtratskandidatin Tanja Maag sowie Moderatorin Deborah Fehlmann vom "Hochparterre". Bild: Pascal Turin

    Normale Wohnungen sind nicht möglich

    Auch die Politik wurde von links bis rechts verschiedentlich mit Vorstössen aktiv – im Gemeinderat sowie im Kantonsrat. An der Quartierveranstaltung im GZ Hottingen führte AL-Politikerin Tanja Maag aus, dass fast nichts unversucht gelassen wurde.

    Ein Beispiel gefällig? „2023 schrieb der Regierungsrat in einer Antwort auf eine Anfrage, dass er bereit sei, eine Teilfläche des Areals an die Stadt Zürich abzutreten“, so die „P.S. Zeitung“. Gestützt auf diese Antwort hätten AL-Vertreterinnen und AL-Vertreter im Gemeinderat die Anfrage gestellt, wie weit diese Gespräche zwischen Stadt und Kanton bereits fortgeschritten seien und ob die Stadt dafür bereits Optionen entwickelt habe.

    Das Problem: Das alte Kispi liegt in der Zone für öffentliche Bauten. Maag erklärte, dass deshalb normale Wohnungen nicht gesetzeskonform sind. Zweckgebundenes Wohnen, beispielsweise Alterswohnungen, wäre allerdings wohl erlaubt.

    Wie der „Tages-Anzeiger“ festhält, hat der Kantonsrat eine von der SP und der GLP vorgeschlagene Richtplanänderung, um gemeinnützige Wohnungen zu ermöglichen, abgelehnt. „Zwischennutzungen als Studierendenheim oder für die Unterbringung von Asylsuchenden hat das Parlament hingegen explizit gewünscht“, so der Tagi.

    Kanton prüft Zwischennutzungen schon länger

    Es ist also kompliziert. Und plötzlich kommt doch Bewegung in die Sache. Wenigstens ein bisschen. Womit wir wieder beim bereits erwähnten Regierungsratsbeschluss wären. Es handelt sich um eine Antwort auf ein dringliches Postulat von SP, GLP, Grünen und AL. Nun sieht es danach aus, als ob auf dem alten Kispi-Areal Asylsuchende untergebracht werden könnten.

    „Eine Zwischennutzung für eine Asylunterkunft ist aus planungsrechtlicher Sicht zulässig“, heisst es nämlich in der schriftlichen Antwort. Hingegen wäre eine Zwischennutzung für studentisches Wohnen nur dann möglich, wenn das Planungs- und Baugesetz geändert würde. Ein bisschen überrascht darf man darüber durchaus sein, denn laut der NZZ äusserte sich der Regierungsrat noch vor einem Jahr negativ zu einem Vorschlag der SVP, das alte Kispi provisorisch als Asylunterkunft zu nutzen.

    Die Prüfung und Planung von Zwischennutzungen, wie im Postulat gefordert, seien seit Längerem im Gange. „Eine temporäre Nutzung für die Unterbringung von Asylsuchenden durch das Kantonale Sozialamt ist an der Pestalozzistrasse 55 in Planung“, schreibt der Regierungsrat. Für die Gebäude Oberes Haus und Spiegelhof werde mit der Stadt Zürich geprüft, ob sich diese für Unterkünfte von Geflüchteten eignen würden. Ein entsprechender Umbau sei mit einigem Aufwand verbunden und die Nutzung sei daher auf mindestens zehn Jahre auszurichten. „Im Kernareal und in weiteren Gebäuden sind Zwischennutzungen möglich, aber je nach Nutzung sehr aufwendig“, heisst es in der Antwort. Daher würden auch niederschwellige, partielle Zwischennutzungen geprüft, die ohne grössere Investitionen realisierbar wären.

    Karte des alten Kispi-Areals mit Plänen zu Zwischennutzungen. Bereiche für Asylunterkünfte, Garagentrakt oder Kernareal sind farblich markiert.Situation mit geplanten Vorhaben: An der Pestalozzistrasse 55 und in den Gebäuden Oberes Haus sowie Spiegelhof könnten Asylsuchende einquartiert werden. Karte: Kanton Zürich

    Der Kanton hält am Neubau auf Kispi-Areal fest

    Ein Wermutstropfen aus Sicht des ZAS* dürfte sein, dass der Kanton den ZZM-Neubau weiterverfolgen will. Die Planungsarbeiten für das ZZM seien abgeschlossen, das Vorhaben sei im Konsolidierten Entwicklungs- und Finanzplan (KEF) 2026–2029 aber nicht eingestellt. „Der Regierungsrat wird dessen Aufnahme, zusammen mit allen kantonalen Vorhaben, im Hinblick auf den nächsten KEF 2027–2030 erneut prüfen“, sagt Dominik Bonderer, Mediensprecher der Baudirektion, gegenüber Rathuus. Der Zeitpunkt des Baubeginns für das ZZM sei zurzeit offen.

    Als kurzer Einschub: Der KEF zeigt auf, wie sich der Kanton in den nächsten Jahren entwickeln soll und wie er dabei sein Geld einteilen will.

    Der Regierungsrat ist ausserdem bereit, die nicht benötigte Teilfläche gemäss der kantonalen Veräusserungspraxis der Stadt Zürich zur Erfüllung öffentlicher Aufgaben – zum Beispiel zonenkonforme Wohnnutzung – zu veräussern.

    Von der Stadt Zürich heisst es auf Anfrage von Rathuus, sie prüfe laufend den Erwerb von Liegenschaften und Grundstücken. „Stadt und Kanton Zürich stehen dazu in regelmässigem Austausch“, erklärt Kornel Ringli von Liegenschaften Stadt Zürich. Zu laufenden Verhandlungen äussere sich die Stadt nicht. Ringli: „Wir informieren proaktiv, sobald der Stadtrat einen entsprechenden Beschluss gefasst hat.“

    Mit anderen Worten: Das Finanzdepartement unter Daniel Leupi (Grüne) scheint nicht abgeneigt, Boden und Gebäude zuzukaufen.

    Doch zurück zur Veranstaltung im Hottingersaal. Architektin Barbara Buser vom Baubüro In Situ hat sich, wie erwähnt, dem zirkulären Bauen verschrieben. An den Solothurner Filmtagen wurde gerade ein Dokumentarfilm über sie gezeigt, und sie setzte sich in Basel erfolgreich für den Erhalt sowie die Umnutzung des ehemaligen Felix Platter-Spitals ein. Buser wünschte den Anwesenden Mut zum Umdenken und erhielt dafür viel Applaus. Der Abend hat gezeigt, dass das alte Kispi bewegt. Ob die Stimmen aus der Quartierbevölkerung gehört werden, wird sich allerdings weisen müssen.


  • 15 Minuten

    „Bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?“ – Jascha zwischen Hort, Quartier und Parlament

    Jascha Harke ist auf dem Bild zu sehen. Er kann diskret am 8. März für die SP für einen sitz im Gemeinderat von Zürich.Reelle Chancen: Jascha Harke steht auf der Liste der SP Wahlkreis 10 auf Platz 4, also nur einen Platz hinter den Bisherigen Florian Utz, Lisa Diggelmann und Matthias Egloff. Bild: Daria Semenova

    Jascha Harke ist 19 Jahre alt und kandidiert im März im Kreis 10 auf der SP-Liste für den Zürcher Gemeinderat. Ein Porträt im Gehen durch das kleine und grosse Zürich.

    Wir sind unterwegs durch die Stadt, durch Quartiere, Erinnerungen und politische Felder – und sprechen dabei über Wohnraumdruck, über Betreuungsschlüssel, über Kultur, die nicht gefallen muss, sondern herausfordern darf.

    Über den einzigen guten Teil an einem Networking-Apéro: den Apéro selbst. Und darüber, was es bedeutet, wenn Kinder einen fragend anschauen und sagen: „Bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?“

    Unterwegssein als Zustand

    Jascha ist immer in Bewegung – nicht nur physisch, sondern auch in Gedanken, Projekten, Alltagsstrukturen.

    Auf die Frage, ob es möglich sei, mal nichts zu tun, kommt ein klares „Nein“. Dann, als offenbar logische Konsequenz: „Das ist mein grösster Albtraum. Ich habe wirklich schon Angst vor der Pensionierung.“ Jascha wirkt dabei bestimmt und hebt die Stimme, sodass der Eindruck einer echten, wenn auch noch weit entfernten Befürchtung entsteht.

    Auf diesem Bild sieht man Jascha Harke Velo fahren. Harke ist SP-Kandidat für den Gemeinderat von Zürich.Ja gut, hier fährt er, Jascha Harke. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Er ist oft per Velo unterwegs und immer in Bewegung – nicht nur physisch, sondern auch in Gedanken, Projekten, Alltagsstrukturen. Bild: Daria Semenova


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    Der Alltag lässt das Warten und Stillstehen ohnehin nicht zu. Jascha vikarisiert in verschiedenen Horten der Stadt, wird tage- oder wochenweise an neue Standorte geschickt, kennt die Abläufe in vielen Teams, sieht, wo es rund läuft, wo Ressourcen fehlen, wo Eltern überlastet sind, wo Kinder auffangen, was zu Hause zu kurz kommt.

    „Wenn man ein bisschen herumkommt – und ich komme gerne in Zürich herum –, dann lernt man die Stadt an neuen Orten kennen.“ Ein Navigieren mit verschiedenen Zielen – und teils ohne Ziel, einfach mal schauen, wo es einen hinführt, durch eine Stadt, die viele Gesichter hat.

    Politische Schritte – kein Auslöser, sondern ein Fluss

    „Gab es einen Moment, der dich politisiert hat?“ Die Frage komme oft, sagt Jascha, und die Antwort ist klar: „Ich glaube, diesen Moment gibt es nicht.“ Kein Erweckungserlebnis, keine Schlagzeile, keine Wutrede. Sondern viele kleine Beobachtungen, die sich zu einem Impuls verdichtet haben. Die Schulstreiks fürs Klima, bei denen Jascha 2020 eingestiegen ist, die Freitagnachmittage, an denen sich Demos organisierten, die Welle, die Jascha auch irgendwie in die Juso gespült hat. Bald der Eintritt in den Vorstand, später die Wahl in die Geschäftsleitung der SP Stadt Zürich. Heute liegt dort Jaschas Fokus auf Bildungspolitik.

    Abgebildet ist der Stadtrat von Zürich in einer Aufnahme von 2010. Schon dabei damals Corine Mauch, André Odermatt und Daniel Leupi.Damals 2010 war Jascha Harke noch keine drei Jahre alt. Auf dem Stadtratsfoto dabei waren vor 16 Jahren Corine Mauch (4. v. r.), sowie rechts neben ihr André Odermatt und Daniel Leupi. Bild: Stadt Zürich

    Kindheit, Gemeinschaft, Verdrängung

    Ein Kiesweg führt an die Limmat. Am Wehr rauscht das Wasser, ein paar Bälle haben ihre Besitzerinnen verloren und prallen gegen die Metallkonstruktion, Vögel fliegen auf, jemand lässt einen Hund ins Wasser springen. Jascha bleibt kurz stehen, zeigt auf ein paar Bäume. „Hier herum“, sagt Jascha, „hat Kindheit stattgefunden.“ In einer Genossenschaft in Höngg, mit Tieren im Garten, mit Nachbarn, mit Gemeinschaft. „Und das ist etwas, das ich sehr schätze – diese Form des Zusammenlebens, in der man aufeinander schaut, zusammen den Garten pflegt.“

    Hier ist SP-Gemeinderatskandidat Jascha Harke zu sehen, die er in Richtung Zürich-West schaut, vom Dach eines der Sugus-Häuser.Wo bleibt die Perspektive für die Bewohnerinnen und Bewohner der Sugus-Häuser? Jascha Harke hat sich stark für die Mieterschaft eingesetzt, auch weil er selber hier wohnte. Bild: Daria Semenova

    Ganz am Anfang wohnt Jascha noch im Zürcher Ausgehviertel – langfristig prägten jedoch vor allem zwei Orte die Kindheit: Einerseits Höngg mit der Mutter, andererseits die Sugus-Häuser an der Neugasse im Kreis 5, wo Jascha mit dem Vater und den Brüdern lebte. Die Familie ist bis heute dort verwurzelt.

    Ende 2024 sorgten die Häuser schweizweit für Schlagzeilen: Über hundert Mietparteien erhielten kurz vor Weihnachten die Kündigung. „In drei Monaten etwas Neues zu finden, ist in Zürich fast unmöglich. Vor allem auch im Kreis 5.“

    Wir fahren daran vorbei, machen Bilder mit Jaschas Velo vor den Fassaden, die an die gleichnamigen Zältli erinnern – daher der Spitzname. Die Balkone sind verwachsen, einige mit Wäscheleinen, an anderen hängen noch Überbleibsel handgemalter Transparente mit den Aufschriften: „Sugus bleibt“.

    Zu sehen auf dem Bild ist die Überbauung auf dem Röntgenareal, auch bekannt als Sugushäuser, weil sie quadratisch und farbig sind.Hier wohnte Jascha Harke länger. In den berühmt-berüchtigten Sugus-Häusern auf dem Röntgenareal. Die Aufnahme stammt von 2015, als noch kein Mietstress herrschte. Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich, Juliet Haller

    Ende 2024 sorgten die Häuser schweizweit für Schlagzeilen: Über hundert Mietparteien erhielten kurz vor Weihnachten die Kündigung. „In drei Monaten etwas Neues zu finden, ist in Zürich fast unmöglich. Vor allem auch im Kreis 5.“

    Was in solchen Debatten oft untergehe, sei nicht nur die Frage, ob Menschen eine Wohnung finden – „sondern ob sie bezahlbar ist. Und ob sie im gleichen Quartier ist.“ Denn Wohnungen, so Jascha, seien mehr als vier Wände. „Die Leute sind verankert im Quartier. Die Kinder gehen hier zur Schule, die Nachbarschaft ist da. Man ist eng miteinander – und wenn man gehen muss, wird man aus seiner Heimat herausgerissen. Diese Verwurzelung wird einfach abgeschnitten.“

    Wohnen als politische Erfahrung

    Trotz Verunsicherung begannen sich viele der Betroffenen zu organisieren. Sie sprachen mit Medien, riefen zur Kundgebung auf, sammelten Unterschriften. Für Jascha war das ein Schlüsselmoment: „Ich glaube, das war ein grosses Learning – dass Politik immer passiert. Man kann versuchen, sich rauszuhalten. Aber irgendwann betrifft es einen. Und dann muss man sich engagieren.“

    Die Energie, die dabei entstand, beeindruckte: „Diese Leute haben wirklich mega Power und Drive. Ich wünsche mir, dass viele Leute das in sich selbst entdecken – und sich auch sonst engagieren.“

    Was politisch daraus folgt, ist für Jascha klar: Die Stadt müsse aktiver werden. Mehr Wohnungen kaufen, mehr bauen, mehr demokratisch kontrollierten Wohnraum schaffen. Das sogenannte Drittelsziel – also ein Drittel gemeinnütziger Wohnraum – dürfe nicht nur auf dem Papier stehen. Genossenschaften seien zwar wertvoll, sagt Jascha, könnten die strukturelle Lücke jedoch nicht allein schliessen.

    „Wenn wir uns überlegen: die alleinerziehende Mutter, die von der Hand in den Mund lebt und kein Geld auf der Seite hat – die wird sich einen mehrtausendfränkigen Einzahlungsschein an die Genossenschaft nicht leisten können. Um dort überhaupt Mitglied zu werden.“

    „Wenn wir uns überlegen: die alleinerziehende Mutter, die von der Hand in den Mund lebt und kein Geld auf der Seite hat – die wird sich einen mehrtausendfränkigen Einzahlungsschein an die Genossenschaft nicht leisten können. Um dort überhaupt Mitglied zu werden. Und vielleicht eine Wohnung zu bekommen.“

    Wie es mit den Sugus-Häusern weitergeht, ist noch offen. Vorerst dürfen die Mieterinnen und Mieter bleiben. Jascha stellt das Velo auf dem Parkplatz ab – bequemlichkeitshalber nehmen wir den 32er-Bus, der uns zur Rotbuchstrasse führt. 

    Hort Turnerstrasse – gelebte Bildungspolitik

    An der Haltestelle steigen wir aus, laufen durchs Quartier und biegen in die Turnerstrasse im Kreis 6 ein. Zu einem Hort in einem Holzprovisorium, das seinen temporären Charakter längst verloren hat. Ein Spielplatz umgibt den Bau, auf der gegenüberliegenden Strassenseite steht ein Zivilschutzbunker, der derzeit als Asylunterkunft genutzt wird.

    Auf diesem Bild ist Jascha Harke zu sehen, wie er die Tür des "Turner"-Horts öffnet.Jascha Harke hat eine Lehre als Fachperson Betreuung gemacht, hier im städtischen Kinderhort an der Turnerstrasse im Kreis 6. Bild: Daria Semenova

    Hier hat Jascha die Lehre als Fachperson Betreuung gemacht. Davor gab es Überlegungen in verschiedene Richtungen – Hotelfachschule, Grafikbüro. Dass auch die Mutter im Hort gearbeitet hatte, sei vermutlich nicht ganz ohne Einfluss geblieben. Und überhaupt, meint Jascha, lerne man „nochmal ganz andere Dinge, wenn man mit 15 zu arbeiten anfangen muss oder darf und irgendwie auch schon Verantwortung übernimmt.“

    Während der Ausbildung entstand ein Gespür für strukturelle Fragen: Wie funktioniert Integration im Alltag? Wie arbeiten Betreuungsteams unter Zeitdruck, mit zu knappen Ressourcen, mit sozialen Lagen, die sich in den Gesprächen am Mittagstisch oder bei Elterngesprächen niederschlagen – oder gerade durch deren Ausbleiben auffallen? Wenn die Kinder mit verschränkten Armen am Tisch sitzen, weil sie unzufrieden mit dem Mittagessen sind, lerne man im Kleinen zu verhandeln, Konflikte zu entschärfen, Perspektiven zu wechseln – und das auch aufs Grössere zu übertragen. Aus vielen ähnlichen Erfahrungen im Alltag der Betreuung, aus diesen Beobachtungen heraus, entstehen politische Forderungen.

    Jascha Harke weiss, wovon er spricht, wenn er mehr städtischen Kitas, besonders in unterversorgten Quartieren, fordert. „Mit verbindlicher Qualität, gutem Betreuungsschlüssel und besserer Bezahlung für die Mitarbeitenden“.

    Etwa jene nach mehr städtischen Kitas, besonders in unterversorgten Quartieren – mit verbindlicher Qualität, gutem Betreuungsschlüssel und besserer Bezahlung für die Mitarbeitenden. Auch die Kosten für Eltern müssten sinken, um Teilhabe unabhängig vom Einkommen zu ermöglichen.

    Auf der Primarstufe gehe es um strukturelle Entlastung. Die Einschätzung der FDP, die integrative Schule sei gescheitert, kommentiert Jascha mit einem empörten Blick, hebt den Kopf – das sei aus Sicht der Praxis eine totale Fehlanalyse. Lehrpersonen seien überlastet, ja – aber gerade deshalb brauche es zusätzliche Unterstützung in den Klassen: Betreuungspersonen, Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen, Menschen, die da sind, bevor alles eskaliert.

    Und auf der Sekundarstufe? Auch dort gehe es nicht nur um klassische Fächer, sondern darum, Jugendliche auf das Leben vorzubereiten. Jascha spricht sich für allgemeinbildenden Unterricht aus – Projektwochen oder Fixstunden, in denen Themen wie Budgetplanung, demokratische Rechte oder Arbeitsrecht Platz haben. Dinge, die im Alltag zählen. Dinge, die heute oft fehlen.

    Kultur als Resonanzraum

    Ein paar Strassenzüge später stehen wir vor dem Schiffbau – einem Ort, der für Jascha eine besondere Bedeutung hat. Eine Windböe schiebt Staubkörner über den Asphalt, ein Installationsobjekt atmet kurz auf, lässt Luft durchströmen. Heute arbeitet Jascha hier im Konzertlokal Moods, damals fanden im selben Gebäude die Proben zum Stück „jetzt jetzt jetzt“ statt, in dem Jascha 2023 mitspielte. Wochenlang auf der Probebühne – Gespräche, Fragen, Konflikte, Performances, Zwischenräume. „Ich habe dort vieles gelernt, das man sonst nicht lernen würde.“

    Es war zugleich eine politisch aufgeladene Zeit. Die Intendanz Blomberg-Stehmann stand während ihrer letzten Spielzeit unter Druck. Eine mediale Kampagne warf dem Schauspielhaus vor, zu „woke“ zu sein, zu wenig „bürgernah“, zu nischig. 

    Der Verwaltungsrat reagierte, Stimmen wurden laut, die das Programm in Frage stellten. Für Jascha verdichtete sich darin, was Kultur leisten muss: „Kultur muss immer ein wenig die Finger in die Wunden stecken. Und zeigen, wohin sich eine Gesellschaft bewegen kann. Oder Probleme aufzeigen.“ Kultur sei nie neutral – und dürfe es auch nicht sein.

    „Ich glaube, das macht die Kultur wertvoll und wichtig für die Demokratie. Dass sie funktionieren kann. Ich glaube, es ist klar, nicht jede Institution kann alle Personen zu hundert Prozent befriedigen mit ihrem Programm. Deswegen ist es auch wichtig, dass man sagt: Wir haben so viele verschiedene Kulturinstitutionen. Dass man diese unterstützt. Dass auch alle Leute etwas finden, worin sie selbst einen Wert erkennen oder etwas geniessen können.“

    Arbeit als Energiequelle – und Ausdruck von Haltung

    Politik, Beruf, Kultur – wie geht das zusammen? Jascha zuckt mit den Schultern. „Ich finde viel Energie im Arbeiten.“ Es klingt nicht nach Selbstoptimierung, sondern nach einem Zustand, der akzeptiert ist. Pausen haben keinen hohen Stellenwert. „Ich habe wirklich schon Angst vor der Pensionierung“, wiederholt Jascha. Das Leben ohne Aufgaben, ohne Ziel, erscheint Jascha fremd. Lieber viele Projekte, viele Themen, viele Begegnungen.

    „Meine Leidenschaften liegen auf mehreren Ebenen: Musik, am liebsten Jazz, Freundschaften, Gespräche, Bühnen, Engagement, irgendwo zwischen dem 1.-Mai-Fest, Traktandenlisten und langen Sitzungen.“

    „Am Ende bin ich einfach ich“, sagt Jascha. Politisch und privat seien keine Gegenpole. Die Leidenschaften liegen auf mehreren Ebenen: Musik, am liebsten Jazz, Freundschaften, Gespräche, Bühnen, Engagement, irgendwo zwischen dem 1.-Mai-Fest, Traktandenlisten und langen Sitzungen. „Ich bin sehr passionate über Sachen“, sagt Jascha. Und meint damit keinen Aktivismus als Selbstzweck, sondern ein tiefes Interesse an der Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte.

    Diese Welt baut Jascha am liebsten mit direkten Handlungen. Mit einem Blick auf konkrete Probleme, auf Alltagssituationen, auf Orte, an denen man am Hebel sitzt – und etwas in Bewegung bringen kann. Gleichzeitig betont Jascha: „Ich werde Leute, die auf einer dialogischen oder breiteren Ebene arbeiten, weiterhin immer gross unterstützen und auch bewundern, dass sie die Kraft schöpfen können in so vielen Themen, die oft so hoffnungslos aussehen.“

    Geschlecht als Dauerthema – aber nicht aus eigener Initiative

    Zur Frage, wer Jascha eigentlich ist, gehört auch die eigene Geschlechtsidentität – und wie andere sie lesen.

    „Ich hatte als Kind ein Prinzessin-Lillifee-Hochbett“, erzählt Jascha. Das sei nie ein Problem gewesen. Sich zu verkleiden, verschiedene Rollen auszuprobieren – das gehörte einfach dazu. Die eigene Identität war nie eindeutig „Mann“ oder „Frau“, musste aber auch nicht eindeutig sein. Bis andere begannen, sie zum Thema zu machen.

    Nach einem Fernsehauftritt im Format „TalkTäglich“ beim Lokalsender Tele Züri zur Forderung nach acht Wochen Ferien für Lernende gingen Tausende Kommentare und Nachrichten ein – viele davon bezogen sich nicht auf Inhalte, sondern auf Äusserlichkeiten.

    Im Hort kommen die Fragen schnell. „Sind Sie ein Mann oder eine Frau?“ Jascha antwortet ruhig, sachlich, auf Augenhöhe. Meistens genügt das. Kinder seien neugierig, aber nicht wertend. Oft ergibt sich daraus ein kurzes Gespräch. Manchmal erzählen Kinder daraufhin von sich selbst: „Ah, so wie ich.“ Für sie sei es kein grosses Thema – eher etwas, das sie interessiert, aber ebenso gut wieder vergessen können. Wenn sie es nicht verstehen, lassen sie es einfach stehen.

    Anders ist es im öffentlichen Raum. Nach einem Fernsehauftritt im Format „TalkTäglich“ beim Lokalsender Tele Züri zur Forderung nach acht Wochen Ferien für Lernende gingen Tausende Kommentare und Nachrichten ein – viele davon bezogen sich nicht auf Inhalte, sondern auf Äusserlichkeiten.

    Der Inhalt schien kaum zu interessieren.

    Jascha nimmt das gelassen: „Das tüpft mich selber nicht gross. Ich glaube, das ist halt auch zu erwarten.“ Und fügt hinzu: „Nur weil gewisse Leute besonders laut sind, heisst das nicht, dass sie recht haben oder dass sie eine Mehrheit sind.“ Schade sei es trotzdem, dass in einer Demokratie eigentlich zählen sollte, was jemand sagt – und nicht, wer es sagt.

    Wie Jascha mit Stress, Druck oder Hass umgeht? „Ich versuche mich ansonsten in meinem Leben mit ganz vielen tollen Leuten zu umgeben. Mit denen es schön ist, Zeit zu verbringen, die mir ein gutes Gefühl geben. Und aus dem kann ich auch ganz viel Energie schöpfen.“

    Beziehungen ohne Apéro

    Auch Politik ist für Jascha eine Form der Beziehungspflege. Nur eben nicht über Networking-Apéros – die sind ein Graus. „Also den Apéro-Teil finde ich gut.“ Aber dieses kalkulierte Austauschen, die Pflichtgespräche zwischen Namensschild und Prosecco – das meidet Jascha lieber.

    Auf dem bild zu sehen ist Jascha Harke vor der Roten Fabrik.Hier ist Jascha Harke gerne, in der Zentralwäscherei im Kreis 5. Ein Ort, der vielen Bürgerlichen ein Dorn im Auge ist. Bild: Daria Semenova

    Kontakte entstehen anders. Auf der Arbeit, in Kulturhäusern, in politischen Arbeitsgruppen. Über Themen, gemeinsame Fragen, spontane Gespräche nach langen Sitzungen. „Ich kenne sehr viele Leute“, sagt Jascha. „Aber diese Kontakte sind natürlich gewachsen.“ Weil man etwas zusammen macht, ein Anliegen teilt, ein Gespräch weiterführt, das irgendwo angefangen hat – vielleicht auch mal bei einem Glas Prosecco nach einer Versammlung, aber eben unaufgesetzt.

    „Ich glaube, was mir wichtig ist und was ich selber versuche, ist, dass ich einfach Themen reflektiere – und meine Position zu diesen Sachen. Und dort eine Haltung finde, die für mich auch ganzheitlich passt.“ Dabei versucht Jascha stets, die Breite der Perspektiven mitzudenken.

    Repräsentation im Parlament

    Ein Parlament mit 125 Sitzen sollte Perspektiven nicht nur mitdenken, sondern auch vertreten. Wer im Gemeinderat sitzt, sollte die Stadt widerspiegeln, sagt Jascha – mit unterschiedlichen Altersgruppen, sozialen Hintergründen, Migrationserfahrungen und Geschlechtern.

    Manchmal habe es geheissen: „Arbeite doch noch etwas.“ Doch für Jascha steht fest: Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Erfahrungen zusammenkommen. Erfahrungen aus der Kulturszene, aus kleinen politischen Momenten im Alltag eines jungen Lebens können genauso relevant sein wie die eines durchschnittlichen Mittvierzigers – oder eines Seniors, der seit Jahrzehnten mit beiden Beinen im Berufsleben steht.

    Nicht um Gegensätze zu verwischen, sondern um Entscheidungen auf breitere Beine zu stellen. „Ich glaube, es ist den meisten Leuten in der Partei klar, dass es dafür Leute mit verschiedenen Sichtweisen und Perspektiven braucht.“

    Unbequeme Fragen stellen – auch nach innen

    In der Fülle dieser Perspektiven gibt es auch innerhalb der eigenen Partei nicht nur Konsens. Jascha spricht ruhig, aber bestimmt, wenn es um Prioritäten geht, die manchmal falsch gesetzt erscheinen. Im gemeinsamen politischen Austausch entstehe auch Reibung – und das sei wichtig. Nicht alle würden zustimmen oder sich öffentlich äussern, doch für Jascha ist klar: „Ich glaube, es ist wichtig, dass man auch in der Partei diese Auseinandersetzungen ehrlich und offen führt.“

    Abgangsentschädigungen für Mitglieder des Stadtrats oder der Schulpräsidien? – „Wenn du für vier Jahre gewählt bist, ist das einfach eine befristete Anstellung. Danach ist sie halt fertig. In der Privatwirtschaft bekommst du dann auch nicht noch Geld hinterhergeschmissen, sondern suchst dir etwas Neues.“

    Etwa bei der Debatte um die Abgangsentschädigungen für Mitglieder des Stadtrats oder der Schulpräsidien. Jascha kann die Argumente dafür nicht nachvollziehen: „Wenn du für vier Jahre gewählt bist, ist das einfach eine befristete Anstellung. Danach ist sie halt fertig. In der Privatwirtschaft bekommst du dann auch nicht noch Geld hinterhergeschmissen, sondern suchst dir etwas Neues.“ Dass dieses Thema in gewissen Gremien zur Hauptsache werde, irritiert: „Dann frage ich mich manchmal schon, worum es den Leuten eigentlich geht.“

    Gleichzeitig ginge es Jascha nicht darum, andere Themen für irrelevant zu erklären – sondern um den Fokus: „Ich glaube, es ist wichtig, dass wir als SP auch wieder klar machen können, wofür wir stehen – und warum wir Lösungen für die Stadt aufzeigen können. Dort denke ich auch, dass ich einen Beitrag dazu leisten kann.“

    Hier zu sehen ist Jascha Harke auf einem stylischen Foto in Schwarzweiss.Jascha Harke weiss sich durchaus in Szene zu setzen – und das ist gut so. Bild: Daria Semenova

    Abschluss auf dem Weg

    Wir erreichen das Ende des Spaziergangs, wie er begonnen hat: unterwegs. Zum Schluss ein Gedanke für alle, die sich engagieren wollen, aber noch zögern.

    „Man sollte sich nicht zu viele Gedanken machen. Wichtig ist, dass man sich engagiert und etwas macht.“ Mut haben, Dinge ausprobieren, sich nicht klein machen lassen. Und ich glaube wirklich: Jede Erfahrung, die jemand mitbringt, ist wertvoll.“

    Der Wind frischt auf, irgendwo klirrt ein Tram über die Kreuzung. Zürich rauscht, lebt, fragt und bewegt.

    Jascha geht zurück zu den Sugus-Häusern, holt das Velo – und ist wahrscheinlich schon wieder unterwegs zur nächsten Aufgabe.

    Die Autorin Daria Semenova lernte Pascal Turin und Lorenz Steinmann kennen, weil sie ein journalistisches Praktikum beim Stadtzürcher Verlag Lokalinfo AG absolvierte. So entstand die Idee für dieses Feature über Jascha Harke und seine politische und persönliche Identität auf Rathuus. Daria Semenova ist Co-Präsidentin der Juso Stadt Zürich.


  • 3 Minuten

    Kostya kommt mich besuchen

    Auf dem Bild zu sehen sind im Hintergrund Banknoten der kasachischen Währung. Im Vordergrund wurde ein Porträtfoto von Beni Frenkel platziert.Kann Beni Frenkel glücklich werden? Es ist kompliziert. Bild: Pixabay/Andy Bay, Bildmontage: Rathuus

    In Zeiten der persönlichen Isolierung und der internationalen Unsicherheit sehnt sich Rathuus-Kolumnist Beni Frenkel nach Zweisamkeit sowie Liebe. Und nutzt deshalb ChatGPT.

    Ich habe eine Frau aus Kasachstan kennengelernt. Bekannte Städte dieses Landes sind: Schymkent und Qaraghandy. Die Frau aus Kasachstan heisst Kostya. Sie hat noch beide Eltern und viele Onkel und Tanten. Im Herbst letzten Jahres schrieb mich Kostya an und schickte schöne Fotos von sich und Kasachstan. Ohne zu übertreiben: Kostya sieht aus wie ein Model.

    Ihre Briefe waren sehr lang. Kostya schrieb mir, was sie während des Tages machte, und dass sie ständig an mich gedacht habe. Das schmeichelte mir sehr, denn ich kannte sie zuvor nicht.

    Zu der Zeit war ich gerade sehr beschäftigt und hatte keine Zeit, lange Antwortschreiben zu verfassen. Ich benutzte darum ChatGPT: „Schreib mir einen Liebesbrief an eine Frau aus Kasachstan, 5000 Zeichen.“


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    Das Ergebnis war verblüffend. Nie in meinem Leben habe ich so einen schönen, gefühlvollen Brief geschrieben. Kostya war auch entzückt. Sie schrieb mir einen noch längeren zurück. Ich bat ChatGPT nun, Briefe im Umfang von 20’000 Zeichen zu schreiben, als Liebeszeichen.

    ChatGPT weigerte sich aber: Kein Liebesbrief sei 20’000 Zeichen lang. Doch, meiner, reagierte ich verärgert. „Dann 15’000 Zeichen!“ Wieder kam Widerstand. Ich kriegte nur einen 7000-Zeichen-Text.

    Kostya verliebte sich trotzdem in mich. Sie wolle mich besuchen kommen, schrieb sie nach einer Woche.

    „Schreib Kostya, dass ich mich freue. Mindestens 5000 Zeichen!“ So ging das einige Tage hin und her. Irgendwann schrieb mir die Kasachin, wie viel ihre Reise nach Zürich kosten werde: 797’316 Tenge (Währung in Kasachstan).

    So viele Tenge! Für Kostya ein Vermögen, fast eine Million Tenge. Sie schrieb: „Bist du bereit für unser Treffen? Es ist sehr wichtig für mich. Es ist auch eine sehr ernste Entscheidung für mich. JA, ich bin bereit dafür. Ich werde meine Entscheidungen nicht ändern. Was für mich jetzt zählt, ist deine Entscheidung. Verstehst du das?“

    „Schreib Kostya, dass ich das verstehe. 6000 Zeichen!“

    Ihr Ton wurde dringlicher. Das Geld müsse bis zum 15. Januar auf ihr Konto eingezahlt sein, sonst werde es nichts mit der stürmischen Umarmung am Zürcher Flughafen. „Schreib Kostya, dass ich mich riesig auf sie freue. 8000 Zeichen!“

    „Mein lieber Ehemann“, antwortete mir meine neue Frau aus Kasachstan. „Ich habe deinen Brief gelesen. Danke für die schönen Worte, aber ich brauche sie nicht mehr. Sie zahlen kein Ticket, öffnen kein Visum und bringen unser Treffen nicht näher.“

    Sie stellte mir ein Ultimatum: Bis Ende der Woche muss ich zahlen.

    „Schreib Kostya, dass ich ihr die Tenge in Zürich geben werde. 9000 Zeichen!“

    Leider hat sie sich nicht mehr gemeldet.

    Beni Frenkel (49) ist Journalist, der schon bei fast allen namhaften Medienhäusern der Schweiz gearbeitet hat. Zuletzt war er bei der „Zuger Woche“ tätig. Regelmässig schreibt er auch für das Finanzportal Inside Paradeplatz. Er ist in Dättwil (AG) aufgewachsen, wohnte lange in Zürich und ist aktuell in Schaffhausen daheim. Beim Rathuus ist er Edelfeder und Kolumnist. Natürlich äussert er hier seine eigene Meinung – und meint nicht immer alles ernst. Bisher erschienen bei Rathuus sind zum Beispiel folgende Texte: Zürcher Freiwillige am ESC 2025 unerwünscht, Schüsse auf Madonnen sollen sich finanziell lohnen und Ekelfrass in Zürcher Badis.


  • 1 Minute

    Wie König Salomon: Halbieren oder nicht?

    Ein Stofftier-Toast mit herzigen Augen und einem Lächeln sitzt ein einer Tasse. Er hält ein Schild hoch auf dem steht: Butter the toast, eat the toast, shit the toast. God! Life is relentless!!!Das inoffizielle Rathuus-Maskottchen hat immer ein Lächeln auf dem Gesicht. Bild: Pascal Turin

    Opfern wir lieber den Donnschtig-Jass oder die Skirennen? Lorenz Steinmann und Pascal Turin sprechen in der 25. Folge des Rathuus-Podcasts über die Halbierungsinitiative – und was sie für die Schweizer Medienlandschaft bedeutet.

    Dieses Mal dreht sich fast die ganze Folge um ein nationales Thema, das aber umso wichtiger ist: Am 8. März dürfen die Schweizer Stimmberechtigten nämlich über die Volksinitiative “200 Franken sind genug! (SRG-Initiative)” abstimmen – auch bekannt als Halbierungsinitiative. Kurz zusammengefasst soll die Radio- und Fernsehabgabe für Privathaushalte von 335 auf 200 Franken pro Jahr gesenkt werden. Hinter der Initiative stehen Exponenten der SVP und der Jungfreisinnigen.

    Nach einem kurzen Einstiegsgeplänkel diskutieren Lorenz Steinmann und Pascal Turin in der 25. Folge des Rathuus-Podcasts über das Volksbegehren. Die beiden Gastgeber zeigen auf, welche Auswirkungen ein Ja auf die Schweizer Medienlandschaft und die regionale Berichterstattung hätte.

    Ausserdem im Rathuus-Podcast: Lorenz und Pascal verraten, wie sie sich täglich im News-Dschungel orientieren und welche Medien sie dafür regelmässig konsumieren. Die Rathuus-Gründer analysieren auch die strukturellen Veränderungen, mit denen die Medienbranche aktuell zu kämpfen hat. So viel vorweg: Die Finanzierung durch die Leserinnen und Leser macht den Journalismus zunehmend polarisierter.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 7 Minuten

    Welche bekannten Namen nicht mehr antreten und welche Promis für Schub sorgen wollen

    Zu sehen auf dem Bild ist ein Wahlplakat der GLP. "Kreislaufwirtschaft ist mehr als Schall und Rauch" steht darauf. Abgebildet sind Reiter mit Pferd, die um den Böögg reiten.Vielleicht grafisch etwas überladen, aber inhaltlich durchaus originell: So präsentiert sich die GLP, die noch klassisch auf Plakate setzt. Bild: Lorenz Steinmann

    Immerhin 1081 Menschen bewerben sich um die 125 Sitze im Zürcher Gemeinderat. Doch nur knapp jede neunte Person wird auch tatsächlich gewählt am 8. März. Wir haben die Listen durchforstet – und ehren die nicht mehr Antretenden.

    Die gute Nachricht vorab: Von den 1081 Kandidatinnen und Kandidaten sind 45 Prozent Frauen. Bei den Wahlen 2018 betrug der Frauenanteil noch 38 Prozent, wie die Stadt Zürich diese Woche mitteilte. Der tatsächliche Frauenanteil beträgt im Rat aktuell erst 40 Prozent. 

    Zuerst wollen wir aber einen Blick auf die 16 bisherigen Mitglieder des Gemeinderats werfen, die nicht mehr für die nächste Amtsdauer kandidieren. Die Liste reicht von A wie Sanija Ameti (parteilos, ehemals GLP) bis zu T wie Marcel Tobler (SP). Auffällig ist, dass gleich zwei ehemalige GLP-Mitglieder (Sanija Ameti und Isabel Garcia) den Rat verlassen, nachdem sie während der Legislatur den Parteiaustritt gaben.

    Diese bekannten Namen liest man künftig weniger

    Gleich drei grüne, kritische und durchaus pointierte Stimmen weniger bedeuten die Abschiede von Balz Bürgisser aus Witikon, ebenso wie jene von Felix Moser (ehemaliger Parteipräsident der Grünen) und von Simon Kälin, der 2011 von der FDP zu den Grünen wechselte.

    Wichtige (Hintergrund)-Arbeit beim Aufbau der GLP leisteten Maleica Landolt und Ann-Catherine Nabholz. Sie waren seit 2010 im Rat dabei – damals, als die grün angehauchte Wirtschaftspartei auf Anhieb zwölf Sitze holte. Landolt und Nabholz treten ebenfalls nicht mehr an.

    Bei der FDP wird künftig sicher Michael Schmid fehlen. Der selbstständig tätige Rechtsanwalt war 18 Jahre im Rat dabei, davon seit 2016 als Fraktionspräsident. Einen Namen machte er sich auch als Mitglied der Parlamentarischen Untersuchungskommission für den Finanzskandal rund um Entsorgung und Recycling Zürich. Ein prominenter Brückenbauer war Albert Leiser (FDP) im Rat. So sorgte er zusammen mit dem ehemaligen AL-Gemeinderat Walter Angst für eine finanzielle Lösung während der Coronakrise für Ladenbesitzer und Wirte.

    „Die ungewöhnliche Kooperation zwischen Albert Leiser und Walter Angst ist ein Beispiel für souveräne politische Kompromisskultur“, schrieb die NZZ dazu. 2011 war Leiser Gemeinderatspräsident und ganze 27 Jahre lang Mitglied im Gemeinderat. Logisch ist, dass er alles in allem primär die Interessen des Hauseigentümerverbandes HEV vertrat. Seit 24 Jahren ist er Direktor und Geschäftsführer der Hauseigentümerverbände Stadt und Kanton Zürich.


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    Ebenfalls nicht mehr antreten wird beispielsweise Matthias Renggli von der SP. Der beim Kanton tätige Jurist fiel durch praxisnahe Vorstösse rund um die Verkehrssicherheit bei Schulhäusern auf, die Begrünung von Haltestellendächern der Verkehrsbetriebe Zürich sowie die Forderung nach digitalem Zugang von städtischen Mitarbeitenden auf ihr Personaldossier. Etwas schade sind Abgänge wie jene von jungen Politiktalenten Tamara Bosshard (SP).

    „Als queere junge Frau habe ich früh gemerkt, dass politische Entscheidungen die Chancen auf ein gutes, selbstbestimmtes Leben massgeblich prägen können“, sagte die 34-jährige Soziologin kürzlich gegenüber dem Onlineportal Tsüri. Trotzdem macht sie nun anderen Politikerinnen Platz.

    Von Quartiervereinsvertretern und Wirtschaftschefs

    Und damit zu den Kandidatinnen und Kandidaten, die nicht unbedingt mit einer Wahl rechnen können, durch ihre Bekanntheit aber für Stimmen sorgen sollen. Dies darum, weil sie meist eher weit hinten rangieren auf den jeweiligen Wahllisten.

    Im Wahlkreis 1 und 2 hat sich Felix Stocker auf Platz sechs setzen lassen auf der SP-Liste. Er ist Quartiervereinspräsident und entsprechend lokal verwurzelt. Silas Hobi steht auf Platz vier bei den Grünen, er ist Geschäftsleiter der Umweltorganisation Umverkehr. Bei der GLP steht an letzter Stelle der Name Franziska Barmettler. Sie ist CEO der Lobbyorganisation Digitalswitzerland. Diese Dachorganisation umfasst praktisch alle führenden Firmen und Verwaltungseinheiten der Schweiz und wurde 2015 von Riniger-CEO Marc Walder initiiert. Etwas ruhiger geht es bei der SVP zu und her. Hier soll Stadtratskandidat und Kantonsrat Ueli Bamert für Listenstimmen sorgen – auf Platz 11.

    Im Wahlkreis 3 setzt die SP auf Philippe Schenkel als eines der Zugpferde. Der Ökonom mit Listenplatz 11 hat die Umweltorganisation Umverkehr vom Erscheinungsbild her gross gemacht und arbeitet heute bei Gebana, der Pionierin des Fairen Handels mit Sitz in Zürich. Bei den Grünen auf Platz 12 steht Pete Mijnssen. Er hat das „Velojournal“ gegründet und leitet es heute noch, als 72-Jähriger.

    Bei der SVP soll Roland Scheck für Schub sorgen. Der ETH-Bauingenieur ist im Vorstand des Quartiervereins und kandidierte auch schon für den Stadtrat. Und was macht Walter Angst auf dem letzten Platz der AL-Liste? Natürlich für Listenstimmen sorgen. Nochmals in den Rat, das will er zu 100 Prozent nicht. Die Mitte setzt auf Josef Widler auf Listenplatz 10. Ein prominenter Name, der Arzt und beliebte Interviewgast bei medizinischen Themen.

    Im Wahlkreis 4 und 5 sticht Willi Wottreng von der AL heraus. Der Buchautor und ehemalige Gemeinderat steht auf (natürlich aussichtslosem) Listenplatz 12. Bei der FDP auf Platz 5 figuriert Marie-José Wolf. Die Marketing- und Kommunikationsberaterin mit Jahrgang 1956 äusserte sich schon pointiert zu den diversen Stadionprojekten im Kreis 5.

    Im Wahlkreis 6 sticht Camille Roseau mit Jahrgang 1980 heraus. Die Co-Verlagsleiterin der linken „Wochenzeitung WOZ“ steht auf Platz 4 und hegt offensichtlich ernsthafte politische Ambitionen. Traditionellerweise tritt bei den Gemeinderatswahlen fast schon der letzten Jahrzehnte der Filmemacher Samir Jamal-Aldin an. Er gilt aber auch als gescheiterter Kinobetreiber und Gastronom (Kosmos bei der Europaallee). Der 71-Jährige steht diesmal auf Platz 9.

    Im Wahlkreis 7 und 8 sorgt Mischa Schiwow für Aufsehen. Warum? Weil der ehemalige Gemeinderatspräsident bei der AL auf Listenplatz 1 steht. Der Filmverleiher trat zwar 2023 aus dem Rat zurück, nun will er es aber doch wieder wissen. Er ist Co-Präsident des Quartiervereins Hirslanden und hat so reelle Chancen für ein politisches Comeback. Auffällig ist, dass Karen Hug (AL) nicht mehr antritt. Nicht viel mehr als eine Randnotiz ist, dass alt Stadtrat Richard Wolff auf dem letzten AL-Listenplatz auftaucht.

    Für die SVP liess sich auf Rang 15 Monika Erfigen, 76-jährige Pensionskassenexpertin, aufstellen. Sie wollte 2002 gar in den Stadtrat, schaffte den Sprung aber klar nicht.

    Im Wahlkreis 9 fällt bei der FDP auf Listenplatz 9 Tobias Undeutsch auf. Er ist Co-Founder und CEO des IT-Unternehmens Backup ONE mit zwei eigenen grossen Rechenzentren in der Schweiz. Einer der eher dünn gesäten Unternehmer auf den Wahllisten. Den Schluss auf der Liste der Grünen bildet Katharina Prelicz-Huber. Sie ist Nationalrätin und Professorin für Soziale Arbeit. Bei der SVP fällt Esther Leibundgut auf. Die Coiffeurmeisterin steht lediglich auf Rang 8, holt aber als Quartiervereinspräsidentin von Altstetten wohl doch die eine oder andere Zusatzstimme.

    Im Wahlkreis 10 ist die Promidichte eher klein, aber fein, zumindest auf den hinteren Listenplätzen. Wie wär es mit dem GLP-Kandidaten und Marketingleiter sowie ehemaligem Gemeinderat Guido Trevisan auf Platz 12? Plus natürlich die Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji, die Nummer 12 bei der AL. Sie hat immerhin schon den Schweizer Buchpreis und den Deutschen Buchpreis gewonnen. Mit Michael Greeff auf Listenplatz 9 kann die FDP mit dem Präsidenten der Entomologischen Gesellschaft Zürich auftrumpfen. Er ist Kurator der weltberühmten Insektensammlung an der ETH Zürich.

    Bei der FDP im Wahlkreis 11 rangiert András Puskás auf Platz 18. Er ist Geschäftsführer bei der Zahnärztekasse, wo schweizweit gut 1000 Zahnarztpraxen angeschlossen sind. Bei den Grünen hat sich auf Listenplatz 20 Selma L’Orange Seigo zur Verfügung gestellt. Sie ist Kantonsrätin und Präsidentin der Grünen Kanton Zürich.

    Der Wahlkreis 12 umfasst Saatlen, Schwamendingen und Hirzenbach. Seit es die Quartierzeitung Zürich Nord und das Onlineportal Züritoday nicht mehr gibt, ist dieser Teil von Zürich noch mehr in den Hintergrund gerückt. Alle verbliebenen Zeitungs- und Online-Redaktionen liegen bekanntlich ennet des Milchbucks. Typischerweise sind die Wahllisten aller Parteien solide, aber völlig unauffällig. So sind hier schlichtweg keine Namen zu vermelden, die unübersehbar wären. Immerhin: Mit Mary (Mariem) Fiadjigbe Kekić hat die SP eine Frau an die Spitze ihrer Liste gesetzt, die mit 20 Jahren „so etwas wie einen religiösen Aha-Moment“ hatte. „Seit damals trage ich in der Öffentlichkeit immer einen Hidschab“, sagte die mittlerweile 45-jährige Präsidentin der Arbeitnehmendenvertretung von Sunrise und Co-Präsidentin bei der Gewerkschaft Syndicom Zürich in einem Interview mit der Syndicom-Gewerkschaftszeitung.

    Hält die knappe Mehrheit von Rot-Grün?

    Soweit die ohne Zweifel leicht subjektive Auswahl. Je nach Sichtweise und Wissenshorizont fehlt wohl die eine oder andere Person mit gewissem Promistatus. Feedback nehmen wir gerne entgegen via redaktion@rathuus.ch.

    Und damit noch kurz zur aktuellen Zusammensetzung im Rat: Zurzeit verfügt die SP über 37 Sitze, die FDP über 23 Sitze, die Grünen haben 18 Sitze und die GLP 15 Sitze. Die SVP wiederum hat 13 Sitze, die AL 8 Sitze, die Mitte 7 Sitze und die EVP 3 Sitze. Der linke Block aus SP, Grünen und AL hat aktuell mit 63 Stimmen eine knappe Mehrheit im 125-köpfigen Gemeinderat. Es dürfte also überaus spannend werden.

    Bei den Wahlen am 8. März erhält der Wahlkreis 9 übrigens einen zusätzlichen Sitz, während der Wahlkreis 3 einen Sitz verliert. Dies ist auf den überdurchschnittlichen Bevölkerungszuwachs in den Quartieren Albisrieden und Altstetten zurückzuführen, wie die Stadt Zürich mitteilte.