Der Regierungsrat lässt seine Muskeln spielen und foutiert sich um die Velosicherheit bei der Baustelle rund um den Zürcher Hauptbahnhof. Das weckt Erinnerungen an das Spritzenverbot 1985. Ist die frühere Hetzerei gegen Heroinabhängige das heutige Velo-Bashing? Ein Trauerspiel in vier Kapiteln.
1. Die Premiere im 21. Jahrhundert
Am Donnerstag vor einer Woche passierte etwas, was so seit 41 Jahren nicht mehr geschehen ist Der Regierungsrat beschloss, es der Stadt Zürich heimzuzahlen. Und zwar sofort.
Den Rückbau der beiden wegen der Grossbaustelle am HB installierten Velostreifen zu veranlassen. Sofort. „Unverzüglich“, wie das in der Amtssprache heisst.
Und so schliffen Handwerker in der Nacht auf Samstag die von der Stadt angebrachten Velosymbole aus dem Asphalt und nahmen die Plastikständer (Fachsprache: Leitbaken) mit. Seither rollt der Autoverkehr wieder vierspurig (Neumühlequai), respektive dreispurig (Walchestrasse). Velofahrende müssen selber schauen, obwohl ihnen 120 Meter weiter das Fahren im Gegensatz zu den Autos verboten ist.
2. Die Regierung mit Benzin im Blut
Für den Regierungsrat ist klar: „Eine Notwendigkeit der städtischen Anordnungen für die Baustelle am Bahnhofquai ist weder ersichtlich noch von der Stadt Zürich öffentlich kommuniziert“, heisst es im Regierungsratsbeschluss.
Die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden? Für den Regierungsrat kein Thema. Besagter Beschluss vom 26. März 2026 – nach Antrag von Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) und Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos) – ist eine Ansammlung von Fachbegriffen aus der Autowelt. Verkehrssicherheit? Ja bitte, aber nur für die vierrädrige Mobilität. Der Rückstau sei zu gross geworden, das Verkehrschaos perfekt. Der bürgerlich dominierte Regierungsrat als verlängerter Arm der Autolobby? Es macht sehr diesen Eindruck.
Es ist eine einseitige Haltung, die an eine dunkle Zeit erinnert. An jene Zeit, als der Regierungsrat 1985 genug davon hatte, dass die Stadt Zürich das damals herrschende Drogenelend im Platzspitz indirekt mindern wollte. Indem frische, saubere Spritzen abgegeben wurden. So wollte die Stadt das Risiko vermeiden, dass sich die Drogenabhängigen durch den Austausch der Spritzen mit Infektionen ansteckten, auch mit dem damals noch tödlichen HI-Virus, das unbehandelt zur Krankheit AIDS führen kann.
Zeigen, wo Bartli den Most holt: Der Umgang des Kantons mit der Stadt weckt düstere Erinnerungen an die 1980er-Jahre. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L38-0123-0001-0012Und was machte der Kanton? Er stützte sich auf übergeordnete Gesetze und Verordnungen, aufs Gemeinwohl der Gesellschaft und aufs Prinzip der „drogenfreien Gesellschaft“. Und liess das Spritzenverbot polizeilich durchsetzen. Im liberaleren Teil der Gesellschaft sorgte das für viel Unmut, es dauerte aber ein Jahr, bis die Radikalmassnahme wieder aufgehoben wurde. Die Anzahl der Toten durch entstandene Infektionen war beträchtlich und völlig unnötig.
Warum dieser leicht makabre Vergleich? Seither gab es nie mehr ein so krasses, praktisches Eingreifen des Kantons auf Stadtgebiet. Zeigen, wo Bartli den Most holt. Wo die Chefs zuhause sind und wo der Applaus abzuholen ist. Früher bei der konservativen Landbevölkerung. Heute bei den konservativ-libertären Bürgerlichen.
3. Die schweigenden Mediensprecherinnen und Mediensprecher
Doch zurück zum Thema Velostreit. Für Rathuus war die Berichterstattung wie eigentlich für alle Medien schwierig. Sehr schwierig. Denn im Gegensatz zu Stadt mauerte der Kanton, wo es nur ging. Die kommunikativen Leitlinien des Regierungsrates erwiesen sich als Farce.
Dazu ganz konkret, wie es hinter den Kulissen ablief die vergangene und diese Woche.
Am Freitag (also am 27. März) um etwa 11 Uhr verschickte das Sicherheitsdepartement der Stadt Zürich eine Mitteilung. Tenor: Wir sind sauer auf den Kanton. In der offiziellen Diktion: „Dass der Kanton in Eigenregie einen Rückbau veranlasst hat, findet der Stadtrat befremdlich.“ In der Diplomatensprache bedeutet „befremdlich“ eine höfliche, aber deutliche Rüge. Es ist die Stufe unter dem Protest, aber natürlich noch weit entfernt von einem Beziehungsabbruch.
Ganz auf Ausgewogenheit ausgerichtet, versuchte Rathuus beim Kanton, eine Stellungnahme einzuholen. Wer verantwortlich sei für den Entscheid, wann zurückgebaut werde, wie es um die Sicherheit der Velofahrenden stehe. Das Übliche halt. Bei der immerhin neunköpfigen Abteilung „Regierungskommunikation“ liefen zwei Telefonanrufe ins Leere. Bei Regierungssprecher Andreas Melchior kam kein „Bändli“ und es gab auch keine automatische Weiterleitung.
Also ein weiterer Versuch, dieses Mal bei der Kantonspolizei. Carmen Surber von der Medienstelle wusste nichts von der Information des Regierungsrates. Ebenso sei der Kapo nichts bekannt von einem bevorstehenden Rückbau. Am Freitagnachmittag noch Informationen zu diesem Thema innerhalb der Kantonsverwaltung einzuholen sei zudem sehr schwierig bis unmöglich. Man könne aber eine E-Mail senden an die Kapo. Dann schaue man weiter.
Keine Antwort am Freitagabend, keine Antwort am Samstag, am Sonntag sowieso nicht. Am Montagfrüh eine Nachfrage unsererseits bei der Kapo. „Besten Dank für Ihre Anfrage. Für Ihr Anliegen können Sie sich direkt und vertrauensvoll an die Kommunikationsabteilung der Staatskanzlei des Kantons Zürich wenden“, so das baldige Antwortmail von Sprecher Kenneth Jones.
Wir schrieben zurück, dass eine so dürftige Kommunikation weder im Inhalt noch zeitlich akzeptabel sei. Daraufhin rief Patrick Céréda an, Leiter des Mediendienstes der Kapo. Es folgten längliche Erklärungen, wer wofür zuständig sei beim Kanton. Die Kapo etwa lediglich für Signalisationen. Nicht aber federführend bei den kantonalen Einwendungen gegen Tempo 30, andere Verkehrsberuhigungsmassnahmen oder eben dem Rückbau von Velowegen. Rathuus könne da nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Eine Entschuldigung fürs lange Warten. Nada.
Céréda sagte immerhin, er habe im Vorfeld nicht gewusst, wann der Rückbau der Velospuren stattfinde. Was wiederum höchst verwunderlich ist, denn dieser „Velo-Streit“ bewegte die Gemüter doch sehr stark in den letzten Tagen. Fazit: Die Informationen scheinen innerhalb des Kantons nicht zu fliessen.
Ein Unfallrisiko: Velofahrende, die hier vom Veloweg auf die Strasse geleitet werden, müssen zwei Fahrspuren überqueren, bevor sie sich auf der engen Fahrspur in Richtung Central befinden. Bild: Lorenz SteinmannDann also doch wieder Andreas Melchior. Wieder warten. Dienstag. Mittwoch. Auf Nachfrage dann endlich ein knappes E-Mail: „Zu Ihren Fragen verweise ich auf den entsprechenden Regierungsratsbeschluss. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen.“ Transparente, zeitnahe Kommunikation sieht anders aus.
Im Nachhinein wird klar, warum so zurückhaltend über den „Velostreit“ zwischen Stadt und Kanton Zürich berichtet wurde. Wer Hintergrundinfos liefern wollte oder O-Töne des Kantons, guckte als Medienschaffender in die Röhre. So lieferte der News-Ticker tagelang nichts Erhellendes.
Für den Regierungsrat und seine Kommunikationsleute lohnte sich das Mauern. Bisher wurde der Jahrzehntestreit wenig bis nicht thematisiert. Abtauchen, nichts sagen, aussitzen. Diese alte Kommunikationsweisheit hat sich wieder einmal bewährt.
4. Die beflissene Stadt mit griffigen Antworten
Nun ist es natürlich nicht so, dass die Stadt Zürich kommunikativ immer in höchsten Sphären schwebt. Aber vergangenen Freitag machte das Sicherheitsdepartement mit Karin Rykart (Grüne) an der Spitze einen sehr ordentlichen Job. Die Antworten des Sicherheitsdepartements kamen prompt.
„Für den Veloverkehr bestand keine sichere Querungsmöglichkeit im Baustellenperimeter“, so die Antwort, warum man für temporäre Spurumwandlungen gesorgt habe. Zudem seien aufgrund des frühlingshaften Wetters seit Anfang März mehr Velos unterwegs gewesen.
Ganz grundsätzlich scheinen die juristischen Ansichten zwischen Kanton und Stadt um Lichtjahre auseinanderzuliegen: „Die von der Stadt vorgenommenen befristeten Verkehrsanpassungen für die Sicherheit der Velofahrenden liegen gemäss kantonaler Signalisationsverordnung in der Zuständigkeit der Stadt Zürich“. Für den Kanton hingegen sind gefühlt zehn Paragrafen verletzt worden, primär natürlich der Anti-Stau-Artikel in der Kantonsverfassung.
Durchfahrt verboten. Grund: Eine Baustelle. Darum installierte die Stadt eine temporäre, eigene Velospur. Es bleibt zu hoffen, dass nach dem Rückbau durch den Kanton keine Unfälle passieren. Bild: Lorenz SteinmannUnd noch eine Suggestivfrage zum Schluss: „Der Kanton argumentiert gemäss Medienberichten mit der ‚Verkehrssicherheit‘, wenn er die Spuren rückbauen will. Ist das nicht ein wenig zynisch, da damit ja die Verkehrssicherheit der Velofahrenden reduziert wird?“
„Die befristeten Verkehrsmassnahmen der Stadt am Neumühlequai und in der Walchestrasse sind wichtig: Es geht dabei um die Sicherheit der Velofahrenden. Wegen der komplexen Baustellensituation am Bahnhofquai brauchte es eine sichere Veloroute. Die haben wir eingerichtet. Dass der Kanton in Eigenregie einen Rückbau veranlasst hat, findet der Stadtrat befremdlich.“
Befremdlich also. Da ist es wieder, dieses Diplomaten-Wort. Mittlerweile soll ein Gespräch zwischen Stadt und Kanton stattgefunden haben. Eine Information dazu des Kantons – Fehlanzeige. Und von der Stadt? Dort legte die Verwaltung am Donnerstag einen Brückentag ein. Also heruntergefahrene Computer, geschlossene Bürotüren und ausgeschaltete Kaffeemaschine – seit Mittwochabend bis nächsten Dienstagmorgen. Frohe Ostern!

Neben dem Neumühlequai wurde auch ein temporärer Veloweg auf der Walchestrasse wieder zurückgebaut – durch den Kanton und ohne Rücksicht auf Verluste. Bild: Lorenz Steinmann
Die Passagierzahlen bei Stadtbus Winterthur sind gestiegen. 32 Millionen Personen nutzten 2025 das Angebot. Erneut markant gewachsen ist die Fahrgastzahl auf der Linie 7. Bild: Pascal Turin
Hatten Quartiervereine früher mehr Geltung? 1980 überreicht der damalige Seebacher Quartiervereinspräsident Fritz Senn dem ältesten Seebacher einen speziellen Seebacher Pass. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L29-0005-0022-0004
Waldo: "Ich hab keine Ahnung, wo wir sind – aber ich tue so, als hätte ich alles im Griff." Bild: Pascal Turin
SP-Kantonsrat Davide Loss (38) hat schon als Kind mit seinen Eltern die Tagesschau geschaut. "Ich wollte bereits damals alles wissen und verstehen. So kam ich früh in Berührung mit Politik." Bild: zvg
Hier passt einfach alles: See, Berge, Blumen. Bild: Lorenz Steinmann
Der Grund für den temporären Velostreifen liegt in der Komplettsperrung des Bahnhofquais für Velos während des Neubaus der Tramhaltestelle Bahnhofquai/Hauptbahnhof. Bild: Lorenz Steinmann
Dieser Gastkommentar von Politgeograf Michael Hermann in der bürgerlichen "Wohnziitig Züri" gegen die zwei linken Wohninitiativen wirft Fragen auf. Bild: Pascal Turin
1928 wurden die Beiträge der Regierungsräte an ihre Pensionskasse noch handschriftlich in einem Buch eingetragen. Für Korrespondenz waren aber schon Schreibmaschinen vorhanden. Bild: Staatsarchiv Zürich
Heruntergerechnet gut 400 Franken kostet die Produktion eines Artikels bei Wnti. "Das ist viel Geld für langweilige Buchstabenanreihungen", findet unser Medienkritiker. Bild: Pascal Turin
Betretene Gesichter bei der EVP (v. l.): Claudia Rabelbauer, Stefan Reusser, Stefanie von Walterskirchen und Sandra Gallizzi erfahren am vergangenen Sonntag von der knappen Wahlniederlage. Bild: Lorenz Steinmann
Am vergangenen Sonntag wurde die rot-grüne Vormachtstellung in der Zürcher Exekutive zementiert. Die Zeit der Sentimentalitäten ist deshalb vorbei, finden Pascal Turin und Lorenz Steinmann. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Nach gut 30 Jahren wurde Bernhard im Oberdorf nicht mehr in den Gemeinderat gewählt. Einer der Gründe: Er wechselte von der SVP zur Mitte. Bild: Lorenz Steinmann
Eine fotogene Gruppe (v. l.): Beni Frenkel, Damjan Bardak und Lorenz Steinmann sind kein bisschen nervös. Bild: Pascal Turin
Der frisch wiedergewählte Stadtrat Michael Baumer (FDP) muss im zweiten Wahlgang der Stapiwahlen für die Bürgerlichen die Kohlen aus dem Feuer holen. Bild: Lorenz Steinmann
Haben sie bald ausgelacht? Raphaela Birrer jedenfalls graut es vor noch mehr Rot-Grün im Zürcher Stadtrat. Also keinesfalls (v. l.) neben Stadtrat Daniel Leupi und Stadträtin Karin Rykart auch noch Nationalrat Balthasar Glättli (alle Grüne). Bild: zvg
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