Ivo Bieri, frisch gekürter Gemeinderatspräsident von Zürich, ist fasziniert von der Idee der Vereinigten Föderation der Planeten. Es schwebt ihm eine friedliebende Koexistenz für das 125-köpfige Parlament vor. Und was macht Happy-Day-Star Röbi Koller auf der Tribüne? Ein Stimmungsbild des Rats in neuer Besetzung.
Der Polizist zuckt mit den Schultern. Er und seine fünf Stapo-Gspändli sind heute ein wenig zu spät eingetroffen. Wie auch der Rathuus-Chronist. Denn unüblicherweise ging die erste Ratssitzung des Gemeinderats in neuer Besetzung schon um 16 Uhr statt wie üblich um 17 Uhr los. Grund: Damit genug Zeit zum Festen bleibt.
Irgendwie kommen dann doch alle Gäste rechtzeitig auf der Tribüne und der amtsälteste Gemeinderat, Roger Bartholdi, kann den ersten Sitzungsteil leiten. Bartholdi, seit 2002 im Rat, hat Jahrgang 1969. Er ist als Langstreckenläufer punkto Ausdauer wohl in den obersten fünf Prozent des Rats einzustufen. Aber Alterspräsident?
Da würde Bernhard im Oberdorf (Die Mitte) eigentlich eher passen. Der Ü-70-Politiker musste freilich seine Nichtwiederwahl nach fast 30 Jahren erst einmal verdauen. Neben im Oberdorf flogen weitere zwölf Männer und zwei Frauen bei den Wahlen am 8. März aus dem Rat. Etwa Flurin Capaul (FDP), Markus Knauss (Grüne), Luca Maggi (Grüne), Dominik Waser (Grüne) und Sandra Gallizzi (EVP).
Fällt auf, dass sie heute fehlen? In unserer schnelllebigen Zeit bleibt fast kein Augenblick der Ruhe. Ganz nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Mandy Abou Shoak will es nochmals wissen
Höchstens, wenn Përparim Avdili (FDP) vorbeihuscht. War da nicht mal etwas? Statt am Mittwoch, 27. Mai, erstmals in neuer Stadtrats-Runde im Stadthaus zu tagen, sitzt Avdili weiterhin im Rat, auf Platz Nummer 79. Der Versuch, als neuer Stadtpräsident oder zumindest als Stadtrat zu reüssieren, hat nicht gefruchtet.
Nun taucht SP-Kantonsrätin Mandy Abou Shoak auf der Zuschauertribüne auf. Keine Spur von Wehmut. Sie hat eine neue Rastafrisur und ist kaum wiederzuerkennen. Ihre Augen blitzen. Keine Frage: Mit ihr ist in vier Jahren wieder zu rechnen. Die SP-Delegierten werden sie dann wohl kein zweites Mal übergehen, wenn es um die Stadtratswahlen geht.
Eine weitere Kantonsrätin, Sonja Rueff-Frenkel, ist heute anwesend, weil sie den ersten Tag ihres Schwiegersohns Alex Guggenheim im Gemeinderat miterleben will. Es trifft sich bestens, dass beide der FDP angehören. So bleibt die Kirche, oder besser gesagt die Synagoge im Dorf.
Happy Day für SRF-Entertainer Röbi Koller
Der strahlendste Maikäfer auf der Zuschauertribüne aber ist Röbi Koller. Der eben pensionierte SRF-Entertainer, bekannt von der Unterhaltungssendung Happy Day. ist heute da, weil seine Tochter Stefania Koller ebenfalls ihren ersten Einsatz als Gemeinderätin hat. Die Architektin und Stadtplanerin mit markanter Kurzhaarfrisur vertritt die SP und den Kreis 10 im Rat.
Nun aber zurück zum Parlament. Roger Bartholdi (SVP) macht seinen Job durchaus gut. Ein ganz klein wenig mit der Stimmlage wie ein Marktfahrer führt er durch das Wahlprozedere. Schon fast staatstragend. Man fühlt sich schier wie im Bundeshaus. Doch im Gegensatz zu Bern darf man an der Bullingerstrasse beim Wahlprozedere weder filmen noch fotografieren. Das verleiht der Abstimmung für den neuen Gemeinderatspräsidenten eine gewisse geheimnisvolle Aura.
Dabei ist jeweils seit zwei Jahren glasklar, wer dereinst auf den Bock steigen wird als höchster Stadtzürcher oder als höchste Stadtzürcherin. Nach Ivo Bieri wird es 2027 Christian Traber (Mitte) und 2028 Sebastian Zopfi (SVP) sein. Als Anmerkung: Die jeweiligen Parteien dürfen nach Parteistärke alternierend eine Person aufstellen.
Traber sitzt mit Unterbrüchen seit 1994 im Rat. Der passionierte Handballer schlägt sich momentan mit einer Schulterverletzung herum und trägt den rechten Arm in einer Art Gestell. Müsste er seine Wahl zum ersten Vizepräsidenten (sehr passable 106 Stimmen) mit einem „Rütli-Schwur“ bezeugen, würde es gerade schwierig.
Nur mit einem eher mageren Resultat von 78 Stimmen zum zweiten Vize gewählt wurde SVP-Vertreter Sebastian Zopfi. Aber der Banker hat ja nun noch zwei Jahre Zeit, sich mehr Respekt und Achtung zu verschaffen. Sebastian Zopfi (37) ist übrigens der Sohn von Margrit Zopfi (75), die 2021 bis 2022 für kurze Zeit im Gemeinderat dabei war, ebenfalls für die SVP.
Sie kritisierte die alt Stadträtin Monika Stocker
Margrit Zopfi machte 2006 Schlagzeilen, weil sie als Whistleblowerin interne Informationen aus dem Sozialdepartement an die „Weltwoche“ weiterleitete. Sie wurde daraufhin entlassen, weil sie Missstände wie den berühmten BMW einer Sozialhilfebezügerin aufdeckte. Die damalige Stadträtin und Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne) ging geschwächt aus der Affäre hervor, keine Frage.
Für genau diese Monika Stocker steht nun eine Schweigeminute an. Denn die ehemalige Stadträtin (1994 bis 2008) und Nationalrätin (1987 bis 1991) der Grünen verstarb am 21. April. Sie wurde 77 Jahre alt. Roger Bartoldi würdigt Stocker „als Vorkämpferin für würdevolle Jobs für Sozialhilfeempfänger“. Fast noch bemerkenswerter als die folgende Schweigeminute ist, dass die SVP laut eigenen Angaben aus Pietätsgründen darauf verzichtete, nach den 1. Mai-Ausschreitungen eine Protestnote zu verlesen.
Analogie zur Vereinigten Föderation der Planeten
Diese Rücksichtnahme wurde zwar in keiner Zeitung vermerkt, ist aber sicher Wasser auf die Mühlen des neuen Gemeinderatspräsidenten Ivo Bieri. Denn in seiner Antrittsrede nach glanzvollem Wahlresultat (104 von möglichen 116 Stimmen) lässt es sich der „Trekkie“ nicht nehmen, seine Serienliebhaberei zur Weltanschauung zu machen. Für Laien: „Trekkie“ bedeutet quasi eingetragener Fan der US-amerikanischen Science-Fiction-Franchise „Star Trek“ zu sein.
Und dort gibt es bekanntlich die Vereinigten Föderation der Planeten – kurz Föderation – eine Gemeinschaft ganz unterschiedlicher Wesen und Kreaturen. Darin sieht Bieri ein Vorbild für den 125-köpfigen Zürcher Gemeinderat. Die Föderation im „Trekkie“-Universum funktioniere nicht, weil immer alle gleicher Meinung seien, sondern weil man sich zusammenraufe, verhandle und zuhöre. „Und weil man akzeptiert, dass niemand allein im Besitz der Wahrheit ist“, so wird Bieri tags darauf in der „NZZ“ zitiert. Und es wird nachgeschoben, Bieri selbst sei ein SPler, der hin und wieder von der Parteimeinung abweiche. Etwa, wenn es um das geplante Werbeverbot im öffentlichen Raum gehe.
Das macht darum Sinn, weil Bieri seinen Lebensunterhalt mit einer Werbe- und Grafikfirma bestreitet. Diese führt er mit seinem Geschäfts- und Lebenspartner. Dazu bemerkt Bieri in seiner Rede, es sei das erste Mal seit immerhin 13 Jahren (damals Martin Abele, Anm. d. Red.), dass wieder eine Vertretung der LGBT-Bewegung als Gemeinderatspräsident oder Gemeinderatspräsidentin agiere. „Alle sollen Platz haben im Parlament“, so Bieri. Und zitiert Klaus Wowereit, den ehemaligen regierenden SPD-Bürgermeister von Berlin: „Ich bin schwul. Und das ist auch gut so.“
Jüdisch und muslimisch vereint
Apropos „Platz im Parlament“. Die Ratssitzung eröffnen durfte als jüngstes Ratsmitglied Vera Çelik (20). Die SP-Gemeinderätin aus dem Kreis 11 ist die erste Politikvertretung überhaupt im Gemeinderat und in einem Deutschschweizer Parlament mit einem Kopftuch.
Sie appelliert in ihrer Rede daran, nicht zu kompliziert zu politisieren. „Wir sprechen oft eine Sprache, die auf der Strasse fast niemand mehr versteht“, so die ausgebildete Dentalassistentin. Die Revision der Bau- und Zonenordnung sei gut und recht, doch Junge wollten wissen, wie lange sie noch ein bezahlbares WG-Zimmer finden würden. Dafür etwa will sich Çelik einsetzen. Und nicht einfach auf ihren muslimischen Glauben reduziert werden. Auch wenn sie betont: „Nun sitzen Menschen mit einer Kippa und Menschen mit einem Kopftuch im Rat, das zeigt die Vielfalt dieser Stadt“.
Bevor die geladenen Gäste zum Feiern übergehen, wird auch noch ein wenig politisiert. So reichen die Grünen ein Postulat ein, das salopp gesagt Werbung für Flugreisen auf städtischem Gebiet verbieten soll. Sie sprechen damit vor allem die Verkehrsbetriebe Zürich an, welche etwa der Billigfluglinie EasyJet seit Jahren Werbeflächen auf Trams verkaufen.
Ivo Bieri hält wohl wenig vom Verbot. Denn im Flugzeug ist man dem Weltraum und fernen Galaxien schon ein ganz kleines Stück näher.
Und ja, gestern Sonntag fand ausserdem der zweite Wahlgang fürs Stadtpräsidium statt. Raphael Golta (SP) siegte mangels Herausforderer klar. Er holte gut 40’000 Stimmen, immerhin fast 10’000 Stimmen gingen an andere Mitglieder des Stadtrats. Am Mittwoch, 27. Mai, wird im Stadtrat die Verteilung der Departemente vorgenommen. Es könnte durchaus sein, dass Michael Baumer (FDP) ins freiwerdende Schul- und Sportdepartement wechseln muss und Balthasar Glättli (Grüne) neuer Chef im Departement der Industriellen Betriebe wird.

Reden, Wahlen, Blumensträusse und ein kleiner Abstecher in die fernen Weiten der Galaxien. Bild: Lorenz Steinmann
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„Ich gehöre nicht zu den Kantonsräten, die tausend Anfragen einreichen“, sagt Cristina Cortellini (53). Bild: Pascal Turin
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