Der Termin steht längst fest. Am 4. April 2027 steht ein personeller Umbruch im Regierungsrat bevor. Doch warum tun sich die Parteien so schwer, geeignetes Personal aufzubauen?
Wenn es nach Filippo Leutenegger, dem kantonalen FDP-Parteipräsidenten gegangen wäre, wären die Freisinnigen in gut zehn Monaten lediglich mit einer Einerkandidatur angetreten. Nationalrat Andri Silberschmidt hätte bei den Gesamterneuerungswahlen den Sitz übernommen, nachdem Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh auf eine weitere Amtsperiode verzichtet hat.
Ein Sitz. Nicht mehr und nicht weniger.
Im April sagte Leutenegger (73) dazu, man wolle vor allem „unseren Sitz sichern“. Die NZZ sprach von „mutloser Besitzstandwahrung“. Nun hat Leutenegger nachgegeben, am 23. Juni wird die Delegiertenversammlung der FDP über eine Doppelkandidatur für die Regierungsratswahlen vom 4. April 2027 befinden.
Wesentlich zu diesem Umdenken beigetragen hat Frank Rühli. Der Medizinprofessor, Uni-Dekan und bekannte Mumienforscher sagt zu Rathuus: „Ich bin – wie viele andere übrigens auch – immer davon ausgegangen, dass die FDP mit einem Zweierticket antreten soll. Daher war für mich immer klar, dass ich dafür auch öffentlich eintrete.“
Der 55-jährige Rühli, der zwischen 2020 und 2024 dem Stadtzürcher Gemeinderat angehörte, schätzt die Chancen für ein Zweierticket „aktuell als hoch ein“. Die Politik sei aber bekanntlich kurzlebig „und vieles kann in den nächsten Wochen geschehen“. Er spüre ein grosses, zunehmendes Momentum, viele Parteimitglieder unterstützten aktiv ein solches Zweierticket. Neben Frank Rühli und dem gesetzten Andri Silberschmidt stellen sich zur Auswahl noch Monika Keller, Kantonsrätin und Gemeindepräsidentin von Greifensee, sowie Martin Huber, Kantonsrat und Landwirt.
Am meisten Chancen für das zweite Ticket scheint dabei die 57-jährige Monika Keller zu haben. Stichwort: Frauenbonus.
Frank Rühli spürt laut eigenen Angaben „ein grosses, zunehmendes Momentum, viele Parteimitglieder unterstützten aktiv ein solches Zweierticket“.
Frauenbonus? Dafür spricht, dass Regierungsrätin Silvia Steiner eben mitteilen liess, sie trete 2027 nicht mehr an. Damit verliert die Mitte einen sicheren Wert. Als aussichtsreichster und prominentester Favorit für die Nachfolge gilt Nationalrat Philipp Kutter. Er prüft derzeit eine Kandidatur, hat sich aufgrund seiner familiären Situation und seines Gesundheitszustands – er sitzt seit einem Skiunfall im Rollstuhl – aber noch nicht endgültig festgelegt. Als weitere mögliche Mitte-Personen genannt werden Kantonsrätin Marzena Kopp, Nationalrätin Nicole Barandun, Jean-Philippe Pinto, alt Kantonsrat und Gemeindepräsident von Volketswil, sowie Michael Künzle, alt Stadtpräsident von Winterthur.
Wie bei der FDP wird man auch bei der Mitte den Eindruck nicht los, dass die abtretende Regierungsrätin die Parteioberen mit ihrer Entscheidung auf dem falschen Fuss erwischt hat. Wenn das wahr ist, wäre das von den jeweiligen Parteileitungen ziemlich naiv. Mitte-Bildungsdirektorin Silvia Steiner ist wie FDP-Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh bereits 68 Jahre alt. Klar kann man da noch weitermachen. Aber es überrascht nicht, dass die beiden Politik-Schlachtrösser nicht als Sesselkleber in die Geschichte eingehen möchten.
Mario Fehr ist ein Unsicherheitsfaktor
Ein Spezialfall ist Regierungsrat Mario Fehr. Er politisiert seit 2021 als Parteiloser, nachdem ihm damals die SP eine Unterstützung verweigert hatte und Fehr per sofort aus seiner Mutterpartei austrat. Seither ist Fehr eher dem bürgerlichen Lager zuzurechnen. Der Adliswiler wird im September 68 Jahre alt, hütet sich aber, etwas zu seiner politischen Zukunft im Regierungsrat preiszugeben. Eine Interview-Anfrage von Rathuus zum Thema setzte er auf den Dezember 2026 an. Es ist davon auszugehen, dass er für Kontinuität im Gremium sorgen will – und noch eine Legislatur anhängt.
Mit zumindest nach aussen weniger grossem Tohuwabohu geht es aktuell bei der SP zu und her. SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr tritt bei den kommenden Regierungsratswahlen nicht mehr zur Wiederwahl an. Um ihren Sitz zu verteidigen und einen zweiten SP-Sitz zurückzugewinnen, streben aktuell Nationalrätin Priska Seiler Graf und der Winterthurer Stadtrat Nicolas Galladé die offizielle SP-Kandidatur an. Sie stellen sich der Parteiversammlung am 4. Juli und hoffen, dann auf dem Zweiterticket der SP zu landen.
Die SP hat dieses Vorgehen schon im vergangenen Januar kommuniziert.
SVP verzichtet nun wohl auf dritte Kandidatur
Und die SVP? Sie ist ohne Zweifel die stärkste politische Kraft im Kanton Zürich. Natalie Rickli (SVP) will eine dritte Legislatur bestreiten. Die 49-jährige Gesundheitsdirektorin ist zumindest im bürgerlichen Lager unbestritten. In die Quere kommen könnte der SVP und dem Kanton Zürich dereinst höchstens eine Bundesratswahl, wenn Rickli nach Bern abberufen würde.
Ernst Stocker hingegen tritt 2027 nicht mehr an. Der 71-jährige Finanzdirektor ist mit 16 Amtsjahren das dienstälteste Regierungsratsmitglied. Stocker, der bereits 2023 nur nach einigem Zögern nochmals antrat, sieht nun den richtigen Zeitpunkt für den Generationenwechsel gekommen. Dafür scheint Martin Hübscher Favorit. Der 57-jährige Landwirt und Nationalrat wird als Favorit gehandelt. Die SVP wird im Juli entscheiden, ob sie mit ihm und Natalie Rickli oder gar mit einem Dreierticket antritt. Dies könnte obsolet werden, weil die FDP nun aller Voraussicht nach doch mit zwei Personen antritt.
Es sind sich grundsätzlich alle Bürgerlichen einig: Auf dem Spiel steht die bürgerliche Mehrheit. Heute sitzen zwei SVPler und je ein Mitglied der Mitte und der FDP im Regierungsrat. Die drei Parteien halten vier von sieben Sitzen. Und das muss aus deren Sicht unbedingt so bleiben.
Unklar ist, wie sicher Grünen-Regierungsrat Martin Neukom im Sattel sitzt. Der 2019 in die Exekutive gewählte Winterthurer will nach zwei Legislaturen nochmals antreten und seine durchaus ökologisch orientierte Politik weiterführen. Die Grünen verzichten aber im Gegensatz zu den Stadtratswahlen in Zürich auf eine zusätzliche Kandidatur.
Quo vadis, GLP, EVP und AL?
Eher defensiv agieren auch die Grünliberalen. Für die GLP tritt Nora Ernst an. Die Umweltwissenschafterin (39) und kantonale Co-Parteipräsidentin stellt sich zur Verfügung, nachdem Schwergewichte wie Ständerätin Tiana Moser abgesagt hatten. Ernst übernimmt nun also die schwierige Aufgabe, die GLP in die Exekutive zu führen. Es wäre eine Premiere, nachdem Verena Diener bis 2007 im Regierungsrat dabei war.
Doch was ist mit den kleineren Parteien? Für eine Überraschung gut sein könnte EVP-Kantonsrat Donato Scognamiglio. Der Immobilienexperte (56) hofft, so der Evangelischen Volkspartei zu mehr Publizität zu verhelfen. Und wegen seines Expertenwissens rund um das Thema Wohnen sogar für eine Überraschung zu sorgen.
Bleibt noch die Alternative Liste (AL). Hier ist aktuell – und ähnlich wie bei den Stadtratswahlen in Zürich – keine Strategie auszumachen, eine Kandidatur aufzubauen. Am bekanntesten in der Öffentlichkeit ist noch der Stadtzürcher Gemeinderat Michael Schmid. Er gilt als Architekt des geplanten Werbeverbots im öffentlichen Raum in der Stadt Zürich. Ein rotes Tuch für den bürgerlich dominierten Kanton – unwählbar – keine Frage.
Aber wie wär es mit Kantonsrat David Garcia Nuñez oder mit Kantonsrätin Gianna Berger? Um die beiden zu bekannten Polit-Persönlichkeiten werden zu lassen, wäre allerdings ein baldiger Kampagnenstart nötig. Das Potenzial wäre durchaus vorhanden. „Mit dem Sitzgewinn in Winterthur gehört die AL kantonsweit als einzige Nicht-Bundesratspartei zu den Gewinnern der Kommunalwahlen. Ein solides Fundament und ein ermutigendes Zeichen für die Wahlen von 2027“, heisst es dazu von der AL auf deren Website.
Es bleiben also noch gut zehn Monate, bis die Stimmen ausgezählt werden. Für den neuen Regierungsrat – und auch für den Kantonsrat. Der Termin steht längst fest. Kandidaturen wird es genügend geben. Die entscheidende Frage ist: Haben die Parteien bis dahin wirklich ihre besten Köpfe ins Rennen geschickt?
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