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Hunde gehen immer – und Clickbait funktioniert sicher auch auf Rathuus. Redaktionshund Waldo kommt in dieser Folge nicht vor, aber das Bild fanden wir so herzig. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Lorenz Steinmann und Pascal Turin betreiben zwar ein Online-Politikmagazin, sie lieben aber Gedrucktes. Deshalb diskutieren sie in der 27. Folge des Rathuus-Podcasts unter anderem über Zeitungen, die schon längst Geschichte sind.
Ein Spaziergang in die Vergangenheit: In der 27. Folge des Rathuus-Podcasts dreht sich dieses Mal fast alles um Zeitungen, die es heute nicht mehr gibt. Anlass ist das kürzliche Ableben des Schweizer Journalisten und Medienexperten Karl Lüönd. Wir verweisen an dieser Stelle auf unseren Nachruf.
Lorenz Steinmann und Pascal Turin sprechen insbesondere über die Zürcher Gratiszeitungen “Züri Leu” und “Züri-Woche” sowie die Schweizer Zeitung “Die Tat”. Sie war einst vom Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler ins Leben gerufen worden und hatte zumindest anfänglich eine sehr enge Verbindung zum Landesring der Unabhängigen (LdU). Die Partei ist wie die Zeitung längst Geschichte, trotzdem möchten wir in diesem Zusammenhang die Lektüre unseres Texts über die LdU-Politikerin Verena Grendelmeier empfehlen.
Ausserdem im Rathuus-Podcast: Lorenz und Pascal verraten, ob sie Migros- oder Coop-Kinder sind. Und sie sprechen über das sogenannte Swiss Reputation Ranking. Gemäss diesem belegt der Zahlungsdienstleister Twint den Spitzenplatz. Wo sich wohl Coop und Migros einreihen?
In einer Gastkolumne äussert sich Gemeinderatskandidatin Nathalie Zeindler (Die Mitte) pointiert. Bild: zvg
Nathalie Zeindler
Die Journalistin und Mitte-Politikerin Nathalie Zeindler ist überzeugt: „Repräsentation bedeutet, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.“ Für sie ist es symptomatisch, wie die Stadtratskandidatinnen in der öffentlichen Wahrnehmung oft weniger Plattformen erhalten.
Zürich erlebt derzeit eine bemerkenswerte Dynamik: Wie der „Tages-Anzeiger“ kürzlich berichtete, bewerben sich so viele Frauen wie noch nie für einen Sitz im Gemeinderat. Während die Legislative immer vielschichtiger zu werden scheint, wirkt die Debatte um die Besetzung des Stadtrats noch etwas statisch.
Dass das Thema weibliche Vertretung in der Exekutive eher am Rande behandelt wird, stellt einen Verlust für den demokratischen Diskurs dar.
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Perspektiven einer Biografin
Als Journalistin und Biografin zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten wie alt Nationalrätin Judith Stamm (CVP) und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran habe ich eines gelernt: Sichtbarkeit ist das Ergebnis von Profil und unermüdlichem Einsatz. Ob es Judith Stamm war, die als unerschrockene Frauenkämpferin ihrer Zeit stets einen Schritt voraus war, oder Jacqueline Badran, die mit ihrer bekannten Hartnäckigkeit essenzielle Themen wie die Immobilien- und Bodenpolitik besetzt – beide Frauen haben gezeigt, dass die Qualität politischen Wirkens auch von eigenständigen Stimmen lebt.
Eine Stadtregierung profitiert enorm, wenn sie unterschiedlichste Biografien integriert. In einem Umfeld mit stabilen Mehrheitsverhältnissen droht dieser befruchtende Wettbewerb jedoch manchmal in den Hintergrund zu treten. Wenn Organisationen wie die Zürcher Frauenzentrale heute überparteilich für mehr Sichtbarkeit von Frauen auch im Stadtrat werben, kann dies als wichtiges Signal gegen Marginalisierung gewertet werden.
Politische Vielfalt als Qualitätsmerkmal
Dass neue Kandidatinnen wie Serap Kahrimann (GLP), Céline Widmer (SP), Karin Weyermann (Mitte), Marita Verbali (FDP), Sandra Gallizzi (EVP) oder Tanja Maag (AL) in der öffentlichen Wahrnehmung rund um die Stadtratswahlen oft weniger Plattformen erhalten, ist symptomatisch. Dabei geht es nicht um die Abwertung bestehender Mehrheiten, sondern um die Aufwertung des gesamten politischen Mosaiks unserer Stadt. Wahre Repräsentation benötigt neben der Geschlechtergleichheit auch eine politische Vielfalt.
Als Mitte-Gemeinderatskandidatin im Wahlkreis 6 und Vorstandsmitglied der Mitte Frauen Kanton Zürich sehe ich mich als Brückenbauerin. Wir benötigen eine Politik, die das Trennende überwindet und die Vielfalt der Meinungen als Stärke begreift.
Repräsentation bedeutet für mich, dass wir den Mut aufbringen, die Dynamik der Basis auch an der Spitze zuzulassen.
Schwung nutzen
Der Frauenrekord bei den kommenden Gemeinderatswahlen ist auch als Versprechen zu verstehen. Wir zeigen damit, dass die Politik von der Beteiligung vieler lebt und auch im Stadtrat ernst genommen werden sollte. Zürich verdient eine Exekutive, die so dynamisch und vielschichtig ist wie die Menschen, die hier leben. Nur wer echte politische Vielfalt zulässt, sichert die Innovationskraft unserer Stadt.
Nathalie Zeindler ist Journalistin und Biografin. Nach Jahren der präzisen Beobachtung und Dokumentation des politischen Geschehens möchte sie nun ihre Erfahrung nutzen, um zum aktiven Mitgestalten überzugehen. Sie kandidiert für den Stadtzürcher Gemeinderat im Wahlkreis 6 (Die Mitte, Liste 7, Platz 2).
Waldo trägt ein neues Mäntelchen – Pascal Turin strahlt, als hätte er es selbst designt. Bildmontage: Rathuus
Waldo
Unser Redaktionshund Waldo hat wieder einmal einen Blick in die Welt der Medien geworfen. Er sagt dir, was du unbedingt wissen musst und wo der Hund begraben liegt.
Waldo schnüffelt nicht nur gern an den Hinterteilen seiner Artgenossinnen und Artgenossen. Er gräbt sich mit Vorliebe durch die Medienwelt und spürt für dich Artikel, Podcasts und mehr auf. Waldo weiss definitiv Bescheid, wie schon der erste Text in dieser Rubrik zeigte.
Wenn ein Artikel oder eine Podcast-Folge hinter einer Paywall steckt, dann denk daran: Von Streicheleinheiten allein kann keine Journalistin und kein Journalist leben.
Ein Problem lösen, das es in Zürich vielleicht gar nicht gibt
Thomas Hug-Di Lena bringt es in seinem Text über autonomes Fahren auf den Punkt: „Robotaxis konkurrenzieren den bestehenden ÖV, verursachen zusätzlichen Verkehr durch Leerfahrten und senken die Hemmschwelle für motorisierte Fahrten“, schreibt der ausgebildete Raum- und Verkehrsplaner in seiner lesenswerten Kolumne auf dem Onlineportal Tsüri. Robotaxis, die in einigen US-Städten bereits zum Alltag gehören, sollen nämlich bald auch durch Zürich fahren. Aus Sicht von Hug-Di Lena, der übrigens im Vorstand der GLP Kreis 3 und 9 sitzt, braucht die Limmatstadt aber keine Robotaxis. Und seine Argumentation leuchtet ein.
Des einen Freud, des anderen Leid: das Fliegen
Der Flughafen Zürich eilt zwar von Passagierrekord zu Passagierrekord, aber den Fluglärm will trotzdem niemand haben. Das ist am Flughafen Frankfurt nicht viel anders. Dort steigt die Zahl der Fluggäste ebenfalls, auch wenn das Passagieraufkommen das Niveau vor der Corona-Pandemie noch nicht erreicht hat. Und eine weitere Parallele zu Kloten: Auch rund um Frankfurt am Main kämpfen Anwohnerinnen und Anwohner für ihre Nachtruhe. „Im Büro telefonieren? Nur noch bei geschlossenem Fenster möglich, sagt Claudia Lange. Nach fünf Uhr morgens fest schlafen? Seit Mitte Juli für viele hier auch vorbei“, beginnt „Spiegel“-Journalist Matthias Bartsch seinen Artikel. Ein Blick über den Gartenzaun, der sich lohnt.
Was einen guten Bundesrat (und eine gute Bundesrätin) ausmacht
In der Folge „Die besten Bundesräte der Geschichte – und die schlechtesten“ des Podcasts Politbüro des „Tages-Anzeigers“ wagt Fabian Renz ein Ranking unserer Landesregierung. Der Leiter des Ressorts Analyse und Meinungen geht dabei mit sehr viel Fingerspitzengefühl vor. Host Philipp Loser hätte sich wohl gewünscht, dass sich Renz ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnt. Trotzdem ist die Folge hörenswert – insbesondere die Diskussion darüber, ob Frauen und Romands im Bundesrat anders bewertet werden als Männer und Deutschschweizer.
Die Zürcher Gemeinden als Schweizermacher
Ganz so zum Augenrollen wie im Filmklassiker „Die Schweizermacher“ mit Emil Steinberger und Walo Lüönd ist das Einbürgerungsverfahren zum Glück doch nicht: „Über diese Hürden müssen Einbürgerungswillige springen“, heisst der jüngst im „Stadt-Anzeiger“ Opfikon-Glattbrugg erschienene Text. Tobias Stepinski zeigt anhand der Beispiele Opfikon, Kloten und Wallisellen auf, wie sich Kosten, Ablauf und Dauer des Einbürgerungsverfahrens je nach Wohnort deutlich unterscheiden können. „Ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zwischen den Gemeinden ist der Umgang mit Einbürgerungsgesprächen“, schreibt der Journalist in seinem lesenswerten Artikel.
GLP-Stadtrat Andreas Hauri scherte aus: "Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut." Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Eine Umfrage vor den Wahlen in Zürich zeigt: Die amtierenden Stadträtinnen und Stadträte wollen sich nicht zum umstrittenen Thema der städtischen Wohnungsvergaben äussern. Die grosse Ausnahme ist Andreas Hauri von den Grünliberalen.
Die Stadtzürcher Wahlen stehen vor der Tür. Das öffentliche Interesse sei aber gering, stellte Roger Schawinski gestern in seinem „Doppelpunkt“-Talk auf Radio 1 mehrmals fest. Immerhin lud Schawinski nach dem abtretenden Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) vor einer Woche am Sonntag abermals Politiker zu diesem Thema ein. Die beiden Gäste Michael Baumer (amtierender FDP-Stadtrat) und Balthasar Glättli (Kandidat der Grünen) gaben sich im einstündigen Gespräch aber so handzahm, als hätten sie sich schon auf eine gemeinsame Zukunft im Stadtrat geeinigt.
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Ein dringendes Thema im Kreis 1
Doch der Reihe nach: Der Zufallsgenerator ist in der City darum ein dringendes Thema, weil es hier fast keine Genossenschaftswohnungen, geschweige denn Neubauwohnungen gibt. Dafür aber liegen 20 Prozent der städtischen Wohungen im Kreis 1 – also der Altstadt Zürichs.
Seit 2019 ist Feuer im Dach. Waren früher alteingesessene Liegenschaftenverwalter im Kreis 1 tätig, die sich durch die Bewerbungsdossiers ackerten, kommt seit 2019 der sogenannte Zufallsgenerator zum Einsatz. Er soll für mehr Fairness sorgen und verhindern, dass Personen bevorteilt werden. Tatsächlich seien die Dossiers früher, zu Zeiten von Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP), hin und wieder subjektiv ausgewählt worden, und Wohnungen wurden manchmal unter der Hand weitergegeben.
Daniel Leupi (Grüne) hingegen, als Stadtzürcher Finanzvorsteher oberster Vermieter der total über 10’000 städtischen Wohnungen, setzt auf das unpersönliche Losverfahren. Etwas, was im Kreis 1 schlecht ankommt. Die Bevölkerungsstruktur im Quartier und der Zusammenhalt nähmen dadurch Schaden, ist Felix Stocker überzeugt. Für den Quartiervereinspräsidenten ist klar, dass das angewandte Zufallsprinzip den sozialen Zusammenhalt auf eine harte Probe stelle. Grund: Langjährige, im Quartier verwurzelte Mieterinnen und Mieter würden keine passende Wohnung mehr finden.
Die Frage aller Fragen
Daher also die Frage des „Altstadt Kuriers“ an alle amtierenden Gemeinderätinnen und Gemeinderäte des Wahlkreises 1 und 2, plus an die nochmals antretenden Stadträtinnen und Stadträte sowie die neu Kandidierenden: „Was halten Sie vom System und wären Sie dafür, dieses für den Kreis 1 anzupassen, indem Anwohnende soweit möglich ein Vormietrecht erhalten könnten?“
Die Stadträtinnen und Stadträte Michael Baumer (FDP), Daniel Leupi (Grüne), Karin Rykart (Grüne), Simone Brander (SP) und Raphael Golta (SP) verzichteten unisono auf die Beantwortung dieser Frage. Wie es heisst, weil das System mit dem Zufallsgenerator schon per Stadtratsbeschluss beschlossen wurde und es nichts hinzuzufügen gebe. Eine Antwortsverweigerung, die man sonst eher von alt SVP-Bundesrat Ueli Maurer („Kä Luscht“) oder momentan aus dem Weissen Haus kennt.
GLP-Stadtrat Andreas Hauri allerdings liess es sich nicht nehmen, Feedback zu geben: „Ich verstehe die Sorgen im Kreis 1 sehr gut. Wenn langjährig verwurzelte Menschen keine passende und bezahlbare Wohnung mehr in ihrem Quartier finden, ist das ein ernstes Problem.“ Als Stiftungsratspräsident der Stiftung Alterswohnungen der Stadt Zürich setze er sich dafür ein, dass auch im Zentrum altersgerechtes und bezahlbares Wohnen möglich bleibe.
Erwähnenswert zudem folgende Antwort: Stadtratskandidat und SP-Kantonsrat Tobias Langenegger sagte schon fast staatsmännisch: „Inwiefern man das System anpassen müsste, kann ich nicht beurteilen.“ Man müsse aber „Airbnb“ und Business-Apartments sofort einschränken, damit nicht noch mehr bezahlbarer Wohnraum verloren gehe.
Erfrischend konkret antwortete Stadtratskandidatin Serap Kahriman (GLP), die auch das Stadtpräsidium anstrebt: „Ich lehne den Zufallsgenerator ab. Staatliches Handeln darf keine Lotterie sein. Wenn die Stadt Wohnungen vergibt, muss das nachvollziehbar, überprüfbar und begründbar sein – sonst entsteht Willkür statt Vertrauen.“ Statt eines Zufallsgenerators brauche es klare, transparente Vergabekriterien, bei denen auch die Verwurzelung im Quartier angemessen gewichtet werden dürfe.
Es geht also durchaus. Ob sich die Stadtratskandidierenden der GLP auch abgesprochen haben? Wir wissen es nicht.
"Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich", so SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen (58) im Rathuus-Fragebogen. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Politikerin der Woche ist diesmal die SP-Kantonsrätin Birgit Tognella-Geertsen aus Wangen-Brüttisellen. Im indiskreten Fragebogen erzählt sie von ihren dänischen Wurzeln, erklärt, warum sie die Parkplatzdebatten beinahe absurd findet und was sie am verurteilten Politiker Pierre Maudet gut findet.
Birgit Tognella-Geertsen, wie wurden Sie politisiert? Ich wurde zu Hause in meiner Ursprungsfamilie politisiert, es wurde jeweils beim Sonntagsbrunch oft über aktuelle Themen diskutiert.
Was wollten Sie als Kind werden? Als Kind wollte ich Bäuerin oder Hebamme werden, später dann Lehrerin oder Floristin. Keiner dieser Wünsche ist Wirklichkeit geworden – und trotzdem bin ich heute glücklich und zufrieden mit meinem Beruf.
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Vieles bewegt mich – global wie lokal. Das politische Weltgeschehen belastet mich. Was derzeit in den USA geschieht, finde ich sehr beunruhigend und kaum nachvollziehbar. Der Anti-Züri-Reflex erscheint mir widersprüchlich und schwer einzuordnen. Und doch hat es auch eine Wahrheit, so will zum Beispiel die Stadt einerseits kreative, kulturelle und politische Aktivitäten ermöglichen, andererseits Sicherheit, Nachtruhe, Verkehrsfluss und Rechte der Anwohnerinnen und Ausländer schützen. Auflagen, Formulare und Bewilligungen für Anlässe sind enorm. Der Schlüssel liegt darin, Bürokratie zu reduzieren, ohne Sicherheit und Recht zu schwächen.
Die Wohnungsnot in Zürich ist real und dringend. Die Debatte über Parkplatzmangel wirkt dagegen – angesichts der humanitären Katastrophen im Nahen Osten – auf mich persönlich beinahe absurd. Wir leben in der Schweiz in einer stabilen Demokratie. Das ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Privileg, das wir ernst nehmen und bewahren müssen.
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Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Ich verstehe mich als Sozialpolitikerin mit sozialliberalem Gedankengut. In manchen Bereichen argumentiert mir die Juso teilweise zu polemisch.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Schon viele Male war ich an Infoständen oder als Initiantin unterwegs – letzten Herbst etwa in Schwamendingen, als wir Unterschriften für die Schwamendinger Chilbi sammelten. Es ist spannend zu erleben, wie direkt man ins Gespräch kommt und welche Themen den Leuten wirklich unter den Nägeln brennen.
„Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.“
Welche Staatsmänner oder -frauen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Mahatma Gandhi setzte konsequent auf Gewaltfreiheit und ethische Prinzipien im politischen Kampf und lebte diese Werte auch privat nicht nur politisch.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit Pierre Maudet aus Genf. Einerseits war er massgeblich im Projekt Papyrus beteiligt. Die Operation Papyrus soll den Aufenthalt von Arbeitskräften, die keine gültigen Aufenthaltspapiere besitzen, aber gut integriert sind und seit vielen Jahren im Kanton leben, regeln. Andererseits wurde er trotz Verurteilung im Jahr 2023 wieder in den Stadtrat von Genf gewählt.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt Zürich oder im Kanton Zürich? Ich liebe das „Mère Catherine“ im Nägelihof. Es ist längst eine Institution in Zürich und begeistert mich seit über 40 Jahren mit französischer Küche. Dort habe ich vor 39 Jahren meinen 20. Geburtstag gefeiert und dieses Restaurant gibt es immer noch.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Ja, ich kaufe ab und zu das Surprise, aber lesen ist so eine Sache, leider fehlt die Zeit dazu.
„Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort dänisch.“
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Mein dänischer Urgrossvater kam vor mehr als 100 Jahren von Dänemark in die Schweiz. Ich habe also dänische Wurzeln, leider kann ich kein Wort Dänisch. Diese Sprache irgendwann zu erlernen, ist für mich ein Wunsch.
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin? Hedi Lang gilt als eine Pionierin für Frauen in der Schweizer Politik und war sowohl auf Bundes- als auch auf Kantonsebene eine prägende Persönlichkeit. Hedi Lang war und ist für mich eine bedeutsame Zürcherin, da sie sich in den 80er-Jahren massgeblich für die drogenpolitischen Reformen einsetzte, welche heute noch angewendet werden.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Jeder kann tun und lassen, was er/sie will.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Ein erster Schwerpunkt meines politischen Engagements im Jahr 2015 war der Übergang von Jugendlichen in die Arbeitswelt. Mein Appell an Wirtschaft und Gewerbe lautete, sich stärker an Lösungen für leistungsschwächere Jugendliche zu beteiligen. Berufsverbände und Ausbildungsbetriebe sollten eine deutlich höhere Bereitschaft zeigen, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen.
In meiner beruflichen Tätigkeit ist es mir gemeinsam mit verschiedenen Arbeitgebenden im Jahr 2025 nun gelungen, ein Netzwerk inklusiver Arbeitgeber aufzubauen. Dieses Netzwerk setzt sich dafür ein, dass Menschen mit Behinderungen oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt erfolgreich Fuss fassen können. Durch den gezielten Abbau von Barrieren und das Schaffen konkreter Chancen leisten wir einen Beitrag zu einem inklusiven Arbeitsmarkt. Dass dieses Netzwerk nach rund zehn Jahren kontinuierlicher Arbeit zustande gekommen ist, erfüllt mich mit grosser Freude. Es zeigt aber auch: Nachhaltige sozialpolitische Veränderungen brauchen Zeit, Ausdauer und Durchhaltewillen.
Birgit Tognella-Geertsen (58) ist seit 2015 Kantonsrätin. Sie vertritt für die SP den Wahlkreis Zürich 11 und 12, zu dem Schwamendingen gehört. Die Betriebswirtschafterin und Erwachsenenbildnerin war mit ihrer Familie mehr als 30 Jahre in Schwamendingen zuhause. Seit Mai 2024 heisst der Wohnort Wangen bei Dübendorf. Nun ist Tognella-Geertsen Mitglied der SP Wangen, der IG Frauenstimmen, dem Frauenverein Wangen und des Frauenvereins Brüttisellen. Sie engagiert sich „für ein gutes, offenes und vorteilsloses Zusammenleben“.
In der Freizeit liebt sie es, im Garten rumzuwühlen und Neues zu entdecken. „Die Beschäftigung mit unserem Hund Joy, etwa die Trüffelsuche, ist für mich und meine Familie ein guter Ausgleich zur Arbeit.“ Birgit Tognella-Geertsen, Ehefrau von alt FDP-Gemeinderat Roger Tognella, reist zudem sehr gerne. „Dies ist in Verbindung mit Tauchen für mich ein perfekter Urlaub.“
Eines der wohl letzten Fotos: Karl Lüönd im Oktober 2025. Links neben ihm seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger sowie der Autor dieses Nachrufs. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Er war jahrzehntelang die einordnende Stimme, wenn es um die Medienwelt ging. Und eine Zeit lang bestimmte er die Politik in Zürich mit. Jetzt ist der Wahl-Winterthurer Karl Lüönd gestorben.
Sein charakteristischer Urner Dialekt war Karl Lüönds Markenzeichen. Obwohl er seit über 50 Jahren nicht mehr in jenem Gebirgskanton lebte, gab ihm seine Herkunft eine gewisse Knorrigkeit, ein Hang zur ungeschönten Direktheit, wie sie nur Bergler haben können. Darum war Lüönd ein gefragter Experte und Interviewpartner, wenn es um die Medienwelt ging.
Lüönd legte immer viel Wert auf die Sprache, geschrieben, aber auch gesprochen. Er war ein unermüdlicher Schaffer, der viele Bücher hinterlassen hat. Ein Standardwerk ist ohne Zweifel sein Buch von 2007: „Verleger sein. Nachdenken über Menschen, Medien und Märkte“. Er war damit schon fast ein Prophet, der die heutige Entwicklung der Medien vorwegnahm.
Dass er das Buch zusammen mit Pietro Supino schrieb, dem Tagi-Verleger und Verwaltungsratspräsidenten der TX Group, ist typisch für Lüönd. Er war perfekt vernetzt und kannte sehr viele Leute. Aber nicht nur die Chefs und Eigner, sondern auch viele Frontleute im Journalismus und im Inserateverkauf. Wohl deshalb hatte er oft einen sehr guten Riecher, wenn es um Storys, aber auch um verlegerische Belange ging.
Lüönd und die Politik
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Zumindest eine Zeit lang hatte Karl Lüönd grossen politischen Einfluss im Raum Zürich. Denn nach sechs Jahren als Mitglied der „Blick“-Chefredaktion und zwei Jahren Chefredaktor des Gratisanzeigers „Züri-Leu“ war er 1982 Mitbegründer der „Züri-Woche“. Dieses Boulevardblatt leitete er 17 Jahre lang als Chefredaktor, zeitweise auch als Verleger. Damals war diese bürgerlich eingefärbte Wochenzeitung eine Instanz in Zürich und hatte eine Auflage von 250’000 Exemplaren.
Vor allem in den 80er-Jahren mussten Politikerinnen und Politiker – meist des linken Spektrums – wöchentlich zittern, wenn wieder Kritik der „Züri-Woche“ über sie hereinprasselte. Damals, als Zürich verschrien war als AAA-Stadt. A wie Arme, Alte, Arbeitslose. Ein gefundenes Fressen für das Boulevardblatt „Züri-Woche“.
Später wurde Lüönd milder, machte sich selbstständig und wurde gefragter Auftragschreiber. Seine Firmenporträts, etwa über das Medienunternehmen Ringier, sind heute noch sehr lesenswert.
Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist.
Persönliche Erinnerungen
Ich habe eine durchaus persönliche Beziehung zu Lüönd. Für mich war Lüönd immer die ruhige, einschätzende Stimme mit dem Riecher für jene Stoffe, die interessieren. 1979 war das für mich die Armee. Damals war Lüönd Autor des Bildbandes „Wehrhafte Schweiz“. Ich fand das Werk in meinem jugendlichen Eifer ziemlich gut.
Persönlich kannten wir uns gut 20 Jahre, weil Lüönd Berater beim Zürcher Verlag Lokalinfo AG war. Dort arbeitete ich 19 Jahre lang als Redaktor. Verleger Walter Frey setzte Lüönd ein, als es darum ging, die Lokalinfo rentabler zu organisieren. Er interessierte sich nicht unbedingt für jeden einzelnen Artikel, aber dafür, dass der Lokaljournalismus als Stimme erhalten bleiben sollte.
Das letzte Mal traf ich Karl Lüönd im Oktober im Rahmen eines Festes des „Altstadt-Kuriers“. Die Besonderheit: Seine Lebenspartnerin Esther Scheidegger schrieb 15 Jahre lang für dieses Quartierblatt, das ich seit Herbst 2025 leiten darf. Von dort stammt auch das Foto. Es war ein harmonisches Treffen, bei dem ich spürte, wie gern sich Karl und Esther hatten und wie sehr sie auch interessenmässig zusammenpassten.
Es stimmt mich darum besonders traurig, dass Karl „Kari“ Lüönd mit erst 80 Jahren verstorben ist. Mit Schmerz denke ich an seine Witwe Esther, die altershalber eben erst ihren geliebten Wohnsitz mitten in Zürich aufgegeben hat und nach Winterthur zügelte. Diese Tragik ist sehr gross. Ich wünsche Esther viel Kraft in dieser schweren, dunklen Zeit. Möge Kari vom Medienhimmel aus seine schützenden Hände über sie legen.
Es steht Frage im Raum, wie der ÖV künftig finanzierbar bleiben und zugleich attraktiv genug sein soll. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Die SP will günstigere ÖV-Abos im ganzen Kanton Zürich, doch der Regierungsrat winkt ab. Unabhängig davon wächst bei bürgerlichen Politikerinnen und Politikern im Kantonsrat die Sorge, wie lange das ÖV-System dem steigenden Andrang noch standhält.
Deutlich weniger zahlen für den öffentlichen Verkehr? Was wohl viele Pendlerinnen und Pendler reizvoll fänden, findet beim Regierungsrat keinen Anklang. Die SP will ihre an der Urne in der Stadt Zürich erfolgreiche Idee in den gesamten Kanton exportieren. Dazu hatten die SP-Kantonsrätinnen und Kantonsräte Rosmarie Joss, Nicola Siegrist sowie Felix Hoesch im November eine Motion eingereicht. Geht es nach den Politikerinnen und Politikern, sollen Erwachsene für das Jahresabonnement für eine bis zwei Zonen des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) nur noch 365 Franken bezahlen – Kinder und Jugendliche wiederum 185 Franken.
Die Sozialdemokraten sind mit einem ähnlichen Vorschlag bei der mehrheitlich links-grün wählenden Bevölkerung in der Limmatstadt offene Türen eingerannt. Wir erinnern uns: Mit rund 63 Prozent Ja-Stimmen sprach sich das Stadtzürcher Stimmvolk im September für das ÖV-Abo für 365 Franken aus. Doch das gilt natürlich nicht für das ganze ÖV-Netz, sondern lediglich für die Zone 110. Diese deckt aber immerhin die ganze Stadt Zürich ab, zählt als zwei Zonen und gilt innerhalb des Stadtgebiets für S-Bahn, Tram und Bus, aber auch Limmatschiff, Polybahn oder Dolderbahn. Ein ZVV-Jahresabo für ein bis zwei Zonen kostet aktuell 813 Franken – für die 2. Klasse. Einen Lokaltarif wie in kleineren Gemeinden gibt es in den Städten Zürich und Winterthur (Zone 120) nicht.
Der Zürcher Stadtrat schätzt die Gesamtkosten auf etwa 140 Millionen Franken pro Jahr. Darum ging die Initiative der SP sogar der sonst finanziell sehr grosszügigen Exekutive zu weit. Sie lehnte das Volksbegehren ab und warb mit einem Gegenvorschlag, der sich auf einkommensschwache Personen fokussierte. Doch bei der von hohen Lebenshaltungskosten geplagten Stadtbevölkerung sass das Portemonnaie offenbar locker – trotz aller Warnungen bezüglich der Finanzierbarkeit. Giesskannenprinzip, olé.
Wann das 365-Franken-Abo eingeführt wird, ist allerdings offen. Hingegen ist bereits jetzt klar, dass es die SP-Idee im bürgerlichen Kantonsrat schwer haben dürfte – alleine schon wegen der zu erwartenden Kosten für Gemeinden und Kanton.
Die Kantonsregierung will keine 365-Franken-Abos
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Kurz zusammengefasst ist die Motion aus Sicht des Regierungsrats „angesichts der geringen verkehrspolitischen Wirksamkeit bei gleichzeitig sehr hohen Kosten als nicht zielführend zu betrachten“. Die Kantonsregierung ist gemäss ihrer soeben veröffentlichten Stellungnahme davon überzeugt, dass die wirksamsten Massnahmen zur Förderung des ÖV nicht in einer flächendeckenden Vergünstigung von Ticketpreisen, sondern in der laufenden Weiterentwicklung von Angebot, Infrastruktur und Betriebsqualität liegen. „Sie erzielen langfristig grossen und messbaren Nutzen. Daher sollen die zur Verfügung stehenden öffentlichen Mittel auch schwergewichtig in solche Massnahmen investiert werden“, hält der Regierungsrat fest. Davon würden letztlich mehr Personen und zudem auch die Umwelt profitieren.
Bei der mit der Motion vorgeschlagenen Lösung handelt es sich laut Regierungsrat hingegen um eine pauschale Verteilung von enormen finanziellen Erleichterungen, „die nicht nur jenen Personen zugutekäme, die tatsächlich unter steigenden Lebenshaltungskosten leiden, sondern auch wohlhabenden und vermögenden Personen“.
Die Leistungsfähigkeit des ÖV-Systems auf dem Prüfstand
Doch unabhängig davon, wie viel ein ÖV-Abo für ein bis zwei Zonen zukünftig kosten wird, machen sich Tumasch Mischol (SVP), Marzena Kopp (Die Mitte) und Sarah Fuchs (FDP) Gedanken über die generelle Zukunftstauglichkeit des Zürcher ÖV-Systems. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte haben kürzlich einen Vorstoss mit dem Titel „ZVV unter Wachstumsdruck: Wie lange trägt das heutige System?“ eingereicht. Der Kanton Zürich sei mit einem anhaltenden Bevölkerungswachstum sowie einer politisch angestrebten Verlagerung des Individualverkehrs auf den öffentlichen Verkehr konfrontiert, heisst es in der Anfrage. Trotz laufender Angebotsausbauten komme es insbesondere in den Hauptverkehrszeiten zu stark ausgelasteten oder überlasteten Zügen und Bussen.
„Da Infrastrukturausbauten nur langfristig wirksam werden, stellt sich die Frage, wie die bestehende Leistungsfähigkeit des Systems besser ausgeschöpft werden kann und wo dessen Grenzen liegen“, schreiben die Politikerinnen und Politiker.
Insgesamt sind es sieben sehr detaillierte Fragen, welche die Kantonsregierung beantworten soll. Mischol, Kopp und Fuchs wollen vom Regierungsrat etwa wissen, wie sich die Auslastung im ZVV-Gebiet in den Hauptverkehrszeiten in den Jahren 2014, 2019 und 2024 entwickelt hat und mit welchen quantitativen Kriterien der Regierungsrat und der ZVV heute die maximale Leistungsfähigkeit des bestehenden Systems definieren. „Ab welcher durchschnittlichen Belegung pro Kurs bzw. Korridor wird die Betriebsstabilität (Fahrplanstabilität, Anschlusssicherheit, Fahrgastwechselzeiten) als kritisch beurteilt?“, fragen sie in ihrem Vorstoss.
Spannend dürfte ausserdem die Antwort des Regierungsrats auf die Frage sein, ob er plant, unabhängig von weiteren Infrastrukturausbauten Pilotprojekte zur besseren Auslastung bestehender Kapazitäten umzusetzen. Zur Debatte stehen da beispielsweise ein späterer Unterrichtsbeginn an den Mittelschulen, um Passagierspitzen zu brechen, oder weniger Pendlerstress durch mehr Homeoffice und flexiblere Arbeitszeiten. Allein beim Kanton arbeiten mehr als 30’000 Menschen – und nicht alle davon als Bauarbeiterinnen im Strassenbau oder Chirurgen im Operationssaal.
Über die Diskussionen um günstigere Abos oder bessere Auslastung hinaus muss die Politik darüber nachdenken, wie der Zürcher ÖV in Zukunft funktionieren und finanzierbar bleiben soll – und zugleich attraktiv genug sein kann.
Lorenz Steinmann verantwortet den “Altstadt Kurier”. Er liest Redaktionshund Waldo die Titelgeschichte vor. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
In der 26. Folge des Rathuus-Podcasts steigen Lorenz Steinmann und Pascal Turin in die Niederungen des Lokaljournalismus herab. Ausserdem haben sie Hunger und sprechen über Restaurants.
Was erlebt ein Journalist, der über den Stadtzürcher Kreis 1 berichtet und für die anstehenden Wahlen den amtierenden Stadträtinnen sowie Stadträten ein paar spannende Fragen stellen will? Über dies und mehr sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin in der 26. Folge des Rathuus-Podcasts.
Danach widmen sich die Hosts im ersten Teil den Niederungen des Lokaljournalismus. Lorenz arbeitet bekanntermassen beim „Altstadt Kurier“, dem selbsternannten „Weltblatt für den Kreis 1“. Er erzählt, wie es ihm bei der Planung und Umsetzung seiner Artikel zu den Wahlen 2026 ergangen ist. Die Podcast-Gastgeber philosophieren ausserdem über städtische Wohnungen und den Zufallsgenerator, der entscheidet, wer an der Besichtigung teilnehmen kann. Sie fragen sich, ob es insbesondere in der Altstadt ein anderes Vorgehen braucht.
Faszinierend: In Wallisellen fand kürzlich ein Politabend in Form eines lustigen Bingospiels statt. Der Andrang war überraschend hoch. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Ein Politanlass in Form eines Bingoabends? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen mobilisierten im Hinblick auf die Wahlen vom 8. März viele Bingofans Politikinteressierte. Es wurde ein Happening mit Symbolwirkung.
Öffentliche Politdiskussionen gelten als Auslaufmodell. Podien mit oft einem Dutzend Kandidatinnen und Kandidaten wirken meist schwerfällig und ziehen wenig Publikum an. Und die Anwesenden sind altersmässig meist 50 plus oder sogar 60 plus.
Die politische Berichterstattung, zumindest international, wirkt ebenfalls nicht einladend. Trump hier, Trump dort, jeden Tag Häppchen aus den Epstein-Akten. Politik als Ablöscher?
Das Forum Pro Wallisellen hat sich zusammen mit den Grünen und der SP Gedanken gemacht, wie man die ausgetretenen Wege verlassen kann, um neue Zielgruppen zu erreichen. Das Resultat lässt sich durchaus sehen. Rathuus erlebte vergangenen Freitag einen vergnüglichen Bingoabend, an dem es überdurchschnittlich viele junge Leute hatte. Hing das mit dem popig-modern-mit-Retroeinflüssen gestalteten Flyer zusammen?
Das einrichtungsmässig eher nüchterne Café City Berli in Wallisellen füllte sich jedenfalls bis auf den letzten Platz.
Dabei gilt Bingo ja wie Politabende nicht gerade als Jungbrunnen. Man denkt eher an verrauchte Lokale, Rollschinkli als Preise und ellenlange Nachmittage mit sonorer Stimmbegleitung eines fahrigen Seniors. Ok, das ist gemein.
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Auf den Spuren von Beat Schlatter
Denn das Moderatorenduo Emil Murbach und Livio Gentile war wirklich erfrischend. Es fand den idealen Stil zwischen Blödelei, Tiefgang und politischen Noten. Dabei könnten Murbach und Gentile durchaus die inoffiziellen Söhne des Komikers Beat Schlatter sein. Schlatter hat vor Jahren den Bingoabend mit seiner „Bingo-Show“ neu definiert und zum Gesellschaftsanlass auch für Städterinnen und Hipster gemacht.
Und nun also Wallisellen. Bemerkenswerterweise sorgte das Jungvolk tüchtig für Stimmung. Es war rührend, ja herzerwärmend, wie oft „Walliselle, Walliselle“ skandiert wurde. Und der Abzählreim „Aazelle, Bölle schälle, d’Chatz gaht uf Walliselle“ durfte auch nicht fehlen, gerufen aus fast allen Kehlen im Raum.
Bemerkenswerterweise hatte es viel Jungvolk, das tüchtig für Stimmung sorgte. Schlussendlich ging es an diesem Abend um Spass und den Drang, beim Bingo irgendwann zu gewinnen. Bild: Lorenz Steinmann
Denn ja, schlussendlich ging es an diesem Abend schon um Spass und den Drang, beim über zweistündigen Bingo irgendwann zu gewinnen. Aber das Anliegen, etwas beizutragen für Wallisellens Zukunft, war stets spürbar. Auf spielerische und nie aufdringliche Art. So holt man Menschen ab, so wird Politik nahbar und wirkt lokal verankert.
Dabei hat es die Agglo-Stadt mit rund 18’000 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht einfach. Trotz ähnlicher Grösse wie Olten oder Solothurn ist in der Öffentlichkeit selten die Rede vom durchaus schmucken Ort. Es gibt einen „Dorfkern“, einladende Naherholungsgebiete, von wo aus man je nach Wetter eine herrliche Fernsicht in die Alpen hat, und der Bahnhof ist modern und einladend. Es hat sogar eine breite Unterführung, wo Velofahren erlaubt ist.
Die Wahlallianz (v. l.): Simone de Redelijkheid (parteilos), Markus Pfanner (parteilos), Stadtrat Philipp Maurer (Grüne), Stadträtin Verena Frangi Granwehr (parteilos) und René Nussbaumer (SP). Bild: Lorenz Steinmann
Sie wollen den Stapi-Sitz verteidigen
Und politisch? Die Grünen, die SP und das Mitte-links positionierte Forum Pro Wallisellen wittern Morgenluft, hoffen, den Sitz des nicht mehr antretenden Peter Spörri (SP) zu übernehmen. Dafür scheint Philipp Maurer (Grüne) durchaus der Richtige zu sein. Er sitzt schon acht Jahre in der Exekutive und will nun den nächsten Schritt machen.
Dazu stellen sich die Bisherige Verena Frangi Granwehr, Ressortvorsteherin Gesellschaft + Soziales, sowie die beiden „Neuen“ für die Exekutive, Simone de Redelijkheid Pfister (bisher Schulpflege) und Markus Pfanner. Pfanner ist darum erwähnenswert, weil er viele Jahre Kommunikationschef in der Baudirektion Kanton Zürich war und seit gut einem Jahr denselben Job beim Stadtzürcher Hochbaudepartement unter SP-Stadtrat André Odermatt verrichtet. Er kennt also den Politbetrieb von innen.
Doch zurück nach Wallisellen und zu René Nussbaumer als Kandidat fürs Schulpräsidium, was dann ebenfalls ein Stadtratsmandat bedeutet. Plus drei Mitglieder der Rechnungs- und Geschäftsprüfungskommission (RGPK), zwei Mitglieder der Sozialbehörde sowie eine neue Kandidatin für die Schulpflege.
Kurzum: Für Wallisellens Stimmvolk durchaus eine Alternative zur bisherigen bürgerlichen Dominanz neben dem SP-Stapi.
Das Geheimnis des Walliseller Erfolgs
Nun aber zur Kernfrage: Wie schafften es die Organisatoren, der Politik auch noch Raum zu geben an diesem stimmungsvollen Abend? Für jede der Bingorunden trugen die Kandidierenden einen Preis bei. Hier nur eine kleine Auswahl – etwa einen selber gehäkelten Lappen: „Politik kann ein schweisstreibendes Geschäft sein, alternativ kann man damit aber auch den Dreck wegmachen, wenn die Politik zum schmutzigen Geschäft wird“, so Simone de Redelijkheid Pfister.
Oder die Jonglierbälle von Markus Pfanner: „Damit lernt man, nicht in Entweder-oder-Kategorien zu denken. Politik ist ein Sowohl-als-auch.“ Karin Braun, RGPK-Mitglied, hat familiären Bezug zu Ungarn. „Kulturell steht mir das Land nahe, nicht aber politisch.“ Sie verschenkte als Bingopreis nichts weniger als das geheime Familienrezept für ein Paprikahuhn. „Und wer nicht kochen will, da komme ich es kochen“, versprach Braun unter Jubel des Publikums im Saal.
Apropos Essen. Die gleiche Idee hatten der als Schulpräsident kandidierende René Nussbaumer und der zumindest aus Sicht der Anwesenden künftige Stadtpräsident Philipp Maurer. Beide offerierten unabhängig voneinander ein Nachtessen in der Pizzeria Napulé. Das Gejubel war besonders gross, als Maurer seinen Bingopreis vorstellte. Oder war dies seiner Grosszügigkeit geschuldet? „Es können so viele Leute kommen, bis der Spunten voll ist“, rief er in die begeisterte Menge. Dass dann ausgerechnet Stefan Cescutti, amtierendes Mitglied der RGPK, den Superpreis gewann, tat der Stimmung keinen Abbruch.
Ein recht unpolitischer Politabend
Was bleibt? Das Forum Pro Wallisellen schaffte es zusammen mit SP und Grünen, einen sehr speziellen, sympathischen Politabend zu organisieren. Und für alle Wählenden, die doch lieber noch mehr Fakten wollen, hat das Forum eine detaillierte Wahlzeitung kreiert. Sie wird in den nächsten Tagen in alle gut 10’000 Haushaltungen in Wallisellen verteilt. Dort geht es primär um Politik, nicht auch noch um Bingo.
Redaktionshund Waldo liest und hört (fast) alles, was er in seine Pfoten kriegt. Bild: Pascal Turin
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