Der Zürcher AL-Gemeinderat David Garcia Nuñez setzt sich für einen niederschwelligen Zugang zur medizinischen Grundversorgung ein, besonders für trans Personen. Als grössten politischen Erfolg bezeichnet er im Rathuus-Fragebogen die Sicherung der Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers.
David Garcia Nuñez, wie wurden Sie politisiert?
Zuhause. Meine Eltern haben sich während der spanischen Diktatur sehr intensiv politisch engagiert. Wir sind nach Francos Tod häufig an Demos mitmarschiert und haben Parolen skandiert. Mein Bruder und ich haben an den Wochenenden viel Zeit in Partei- und Gewerkschaftszentralen verbracht. Selbstverständlich haben wir am Familientisch immer kontrovers über alles Mögliche debattiert.
Was wollten Sie als Kind werden?
Arzt. Ich wollte schon immer Medizin studieren. Ich hatte die Hoffnung, den Diabetes meiner Grossmutter heilen zu können.
„Mich beschäftigt politisch momentan am meisten der ungebremste Wachstum faschistoider Tendenzen innerhalb alter und neuer Parteien.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
Der ungebremste Wachstum faschistoider Tendenzen innerhalb alter und neuer Parteien.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu, oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
Ich bin mit Körper, Herz und Seele AL-Mitglied. Andere Optionen sind für mich nie in Frage gekommen. Zumal sich in keiner anderen Partei derart gut diskutieren lässt wie in der AL. Unsere Vollversammlung ist immer wieder ein Ort, wo differenziert und lustvoll um Meinungen und Haltungen gerungen wird.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
Unzählige Male. Ich mache das gerne. Nirgends kommt man derart direkt mit den Stadtbewohnerinnen und -bewohnern in Kontakt. Diese Gespräche sind immer interessant. Da bekommt man als Politiker einen transparenten – und sehr wichtigen – Spiegel vorgehalten.
„Es gab und gibt viele Menschen in linken und linkslinken Parteien, die eine ausserordentliche moralische Grösse und Glaubwürdigkeit hatten.“
Welche Staatsmänner oder -frauen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
Rosa Luxemburg (eine Deutsche Sozialdemokratin und Kämpferin gegen den 1. Weltkrieg, Anm. d. Red.), Fritz Brupbacher (ein Stadtzürcher Arzt, libertärer Sozialist und Schriftsteller, Anm. d. Red.), Dolores Ibárruri (eine spanische Revolutionärin und Politikerin der Arbeiterbewegung, Anm. d. Red.), Julio Anguita (ein spanischer Politiker, der Bürgermeister von Córdoba und Abgeordneter im andalusischen und im spanischen Parlament war, Anm. d. Red.). Es gab und gibt viele Menschen in linken und linkslinken Parteien, die eine ausserordentliche moralische Grösse und Glaubwürdigkeit hatten.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
Ich würde gerne einen Wein mit Diego Velázquez (ein Barockmaler aus Spanien, Anm. der Red.), ein Bier mit Judith Butler (einer US-amerikanischen Geschlechterforscherin und Expertin für Gewaltlosigkeit, Anm. der Red.) und einen Tee mit Miuccia Prada (Mitinhaberin des Modeunternehmens Prada, eine deren kreativen Köpfe und in den 70ern Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens, Anm. der Red.) trinken.
„Das ‚Il Giglio‘ am Hallwylplatz ist seit Jahrzehnten der beste Ort in Zürich, um echte italienische Küche geniessen zu können.“
Welches ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
„Il Giglio“ am Hallwylplatz. Seit Jahrzehnten der beste Ort in Zürich, um echte italienische Küche geniessen zu können.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
Ich bin seit Jahren Abonnent des „Taxi“. Das ist die Undergroundschwester des „Surprise“. Und ja: Ich lese diese Zeitschrift mit Interesse. Insbesondere, da ich daraus immer wieder einiges lerne.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
Ich habe meine Habilitationsschrift noch nicht geschrieben. Obwohl sie seit Jahr und Tag auf mich wartet.
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
Geschoben.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
Als Sexualtherapeut weiss ich, dass es Menschen gibt, die darauf stehen. Als Sexualtherapeut weiss ich aber auch, dass nicht alle das geil finden.
„Mein grösster politischer Erfolg? Die Sicherung der Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers.“
Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
Die Sicherung der Gesundheitsversorgung von Sans-Papiers. Dank meiner Arbeit im Gemeinderat muss niemand in dieser Stadt die Angst haben, sich keine medizinische Behandlung leisten zu können.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
Die Thematisierung von Penis-Beschneidungen bei Neugeborenen am Stadtspital. Ich habe unterschätzt, wie emotional manche Menschen auf meine Fragen nach Daten über diesen Körpereingriff reagieren könnten.
„Mein grösster politischer Fauxpas? Die Thematisierung von Penis-Beschneidungen bei Neugeborenen am Stadtspital.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
Das Rathaus Hard ist trotz des sakralen Hintergrunds als frühere Kirche unendlich viel besser, effizienter und entspannter. Ich würde – trotz meiner Wohnortsnähe – nie ins historische Rathaus zurückwollen.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
Ich lebe seit einigen Jahren wieder vegetarisch. Daher …
Taylor Swift oder Beatrice Egli?
Billie Holiday. Immer. Ohne Ausnahme und Ausrede.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
Das Sujet von unserem nächsten Symposium am Innovations-Focus Geschlechtervarianz.
Worauf freuen Sie sich?
Auf jeden Tag, den ich mit meinem Lebenspartner teilen kann.
Und worüber können Sie lachen?
Über alles und am liebsten über mich selbst.
Der 50-jährige David Garcia Nuñez ist seit neun Jahren AL-Gemeinderat der Stadt Zürich. Er wohnt mit seinem Partner in der Altstadt und vertritt im Rat den Wahlkreis 4 und 5. Als Co-Fraktionsleiter ist er seit Frühling 2022 Mitglied der Interfraktionellen Konferenz sowie Teil der 16-köpfigen Geschäftsleitung des Gemeinderates. Von 2017 bis 2022 gehörte er der Spezialkommission Gesundheits- und Umweltdepartement an, davon zwischen 2020 bis 2022 als Kommissionspräsident und vorher zwei Jahre als Vizepräsident.
Garcia Nuñez ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Sexualtherapeut und Lehrbeauftragter an den Universitäten Basel und Zürich. Er ist Leiter des Innovations-Focus Geschlechtervarianz am Universitätsspital Basel. Dabei geht es um die medizinische und gesellschaftliche Begleitung von trans Menschen.
Nuñez‘ Eltern waren Mitglieder der spanischen Sozialdemokratischen Partei und im faschistischen Spanien im Widerstand. „Ich habe meine Kindheit in Partei- und Gewerkschaftszentren verbracht“, erzählte er gegenüber dem Onlineportal Tsüri. Nach dem Tod Francisco Francos und dem Übergang zur Demokratie seien sie bald enttäuscht gewesen von den personellen Kontinuitäten zwischen dem alten und dem neuen System. 1986, als David Garcia Nuñez elf Jahre alt war, kam die Familie dann in die Schweiz. Seine Jugendjahre verbrachte Garcia Nuñez im Glarnerland: „Als Kind von Einwanderern und als queere Person stand ich dort immer am Rand. Ich wanderte zwischen den verschiedenen Welten, und war zwischen diesen auch immer als Dolmetscher unterwegs“, verriet er in besagtem „Tsüri“-Porträt.

Gemeinderat David Garcia Nuñez: "Unsere AL-Vollversammlung ist immer wieder ein Ort, wo differenziert und lustvoll um Meinungen und Haltungen gerungen wird." Bild: Flurina Rothenberger for Alternative Liste
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