So viel Weihnachtsstimmung herrscht sonst im Rathuus-Büro nie (v. l.): Pascal Turin und Lorenz Steinmann wollten besonders lustig sein – ob ihnen das gelungen ist? Bild: Stephanie Turin
Pascal Turin
Leise rieselt der Schnee – schön wär’s. Lorenz Steinmann und Pascal Turin haben in der 22. Folge des Rathuus-Podcasts Mühe, in Vorweihnachtsstimmung zu kommen. Aber sie nutzen diese besinnliche Zeit, um über ein ernstes Thema zu sprechen und werden dafür gegen Ende umso gelassener.
Oh, du schöne Adventszeit: Draussen ist es entweder grau oder es herrscht Frühlingswetter und so viel Glühwein trinken, dass man in Weihnachtsstimmung kommt, widerspricht ziemlich sicher der Alkoholempfehlung der Weltgesundheitsorganisation. Darum sind Lorenz Steinmann und Pascal Turin in der 22. Folge des Rathuus-Podcasts umso nachdenklicher – zumindest zu Beginn.
Die Rathuus-Gründer widmen sich dem Artikel „Wie ein tödlicher Unfall die Verwaltung aufrüttelte“ von Lorenz. Darin geht es um den schlimmen Unfall vom 21. Dezember 2022 am Escher-Wyss-Platz im Stadtzürcher Kreis 5. Damals ist am frühen Morgen ein fünfjähriger Bub auf dem Weg zum Kindergarten angefahren und getötet worden. Lorenz erzählt, wie man sich innerlich vorbereitet, wenn man sich als Journalist an ein solch trauriges Thema wagt, und er berichtet von den Massnahmen, die die Stadt seit dem Unfall getroffen hat.
Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November wurde bei der Wasserkirche in Zürich mit einer Schuhinstallation Frauen und Kindern gedacht, die 2024 und 2025 getötet worden sind. Bild: Lorenz Steinmann
Pascal Turin
Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen sind auch hierzulande ein ernstes Problem. Der Kanton macht darum die Forensic Nurses bekannter – und die Stadt Zürich unterstützt das Frauenhaus sowie das Mädchenhaus finanziell für gezielte Öffentlichkeitsarbeit.
Es ist ein blinder Fleck der Gesellschaft: Fast die Hälfte aller Gewaltstraftaten geschieht zu Hause. Zwar können auch Männer betroffen sein, die Gewalt richtet sich allerdings häufiger gegen Frauen. Das gilt übrigens auch für sexuelle Belästigung, wie das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann festhält.
Die Stadt Zürich spricht im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt von einer traurigen Realität. „Für viele Betroffene bedeutet sie existentielle Not, Angst und Unsicherheit“, schreibt das Sozialdepartement in einer Mitteilung. Schutz- und Zufluchtsorte wie das Frauenhaus und das Mädchenhaus seien deshalb zentral – sie würden Sicherheit, Rückzugsraum und professionelle Unterstützung für Frauen und Mädchen bieten, die Gewalt erfahren haben.
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Doch damit diese Angebote ihre Aufgabe wahrnehmen können, müssen Betroffene wissen, dass es sie gibt. Darum unterstützt das Sozialdepartement die Stiftung Frauenhaus Zürich sowie den Verein Mädchenhaus Zürich in den Jahren 2025 bis 2027 mit einem einmaligen Beitrag von je 45’000 Franken. „Mit diesen Mitteln können die beiden Einrichtungen je ein Pilotprojekt zu zielgerichteter Öffentlichkeitsarbeit umsetzen, das dazu beitragen soll, ihre Schutz- und Hilfsangebote bekannter, zugänglicher und damit schlussendlich auch wirksamer zu machen“, erklärt die Stadt in ihrer Mitteilung.
Mit der finanziellen Unterstützung des Frauenhauses und des Mädchenhauses will die Stadt Zürich ein klares Zeichen setzen: „Der Schutz vor häuslicher Gewalt und die Hilfe für Betroffene haben höchste Priorität“, betont das Sozialdepartement.
Der Kanton Zürich lanciert Kampagne
Auch der Kanton setzt auf Öffentlichkeitsarbeit und startet gemäss einer Mitteilung eine Sensibilisierungskampagne. Diese soll die Opferbetreuung „Aufsuchender Dienst Forensic Nurses“ bekannter machen und wird bis 21. Januar 2026 im öffentlichen Verkehr in der Stadt Zürich sowie als Onlinewerbung zu sehen sein.
Bei den Forensic Nurses handelt es sich um speziell ausgebildete Fachkräfte, die kostenlos zu allen Notfallstationen der Spitäler im Kanton ausrücken, um Opfer von häuslicher oder sexueller Gewalt vor Ort zu betreuen. Sie beraten, sichern gerichtsverwertbare Spuren und dokumentieren Verletzungen.
Der Kanton richtet sich laut Mitteilung mit seiner Kampagne an potenziell betroffene Personen, ihr Umfeld sowie an medizinische Fachpersonen. Die Forensic Nurses sind bis Ende November bei 236 Opfern ausgerückt und haben Spuren dokumentiert. „Hinzu kommen telefonische Beratungen bei rund 212 Fällen“, schreibt die Gesundheitsdirektion. Der „Aufsuchende Dienst Forensic Nurses“ ist am Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich angesiedelt. Es handelt sich um ein Pilotprojekt, das bis Ende 2026 läuft.
Die Kampagne für die Opferbetreuung "Aufsuchender Dienst Forensic Nurses" wird bis 21. Januar 2026 im öffentlichen Verkehr in der Stadt Zürich sowie als Onlinewerbung zu sehen sein. Bild: zvg
Der Bund zeichnet ein düsteres Bild
Häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen sind in der ganzen Schweiz ein ernstes Problem. Das lässt sich auch mit Zahlen belegen: Im Schnitt stirbt gemäss dem Bund alle zwei Wochen eine Frau an den Folgen dieser Form von Gewalt. „Seit Anfang Jahr ist die Zahl der Femizide in der Schweiz bereits sehr hoch“, so der Bundesrat Ende September in einem Communiqué.
2024 registrierte die Polizei 21’127 Straftaten im Bereich häuslicher Gewalt, das entspricht gemäss Mitteilung 6 Prozent mehr als im Vorjahr. 70 Prozent der Opfer waren Frauen, so der Bundesrat weiter. Auch Kinder seien besonders von Gewalt in der Familie betroffen.
Sowohl Stadt als auch Kanton wollen also bestehende Hilfsangebote sichtbarer und zugänglicher machen. Für eine nachhaltige Wirkung braucht es aber einen gesellschaftlichen Wandel und eine konsequente Ächtung von frauenfeindlichem und sexistischem Verhalten. Oder wie es das Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann schreibt: „Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt sind Menschenrechtsverletzungen.“
FDP-Postulat erhält breite Unterstützung
Das Stadtzürcher Parlament debattierte diese Woche über das Budget 2026 und kam deshalb nicht nur am Mittwoch zusammen wie normalerweise. Heute Samstag durfte sich die FDP-Gemeinderätin Marita Verbali freuen. „Einstimmig überwiesen!“, jubiliert sie in einem Beitrag auf dem Business-Netzwerk Linkedin. Das von ihr gemeinsam mit ihren FDP-Gemeinderatskolleginnen Deborah Wettstein und Sabine Koch eingereichte Postulat zur Stärkung von Präventionsmassnahmen gegen häusliche Gewalt und Femizide habe breite Unterstützung gefunden. „Ein besonders schöner Erfolg nach zwei intensiven, aufreibenden Tagen Budgetdebatte bis nach Mitternacht – und einer Samstagssitzung“, schreibt Verbali weiter. Solche Momente würden zeigen, dass sich der Einsatz lohne.
Mit dem Postulat wollen Verbali, Wettstein und Koch erreichen, dass der Stadtrat prüft, wie die Stadt Zürich die Prävention von Femiziden und geschlechtsspezifischer Gewalt systematisch stärken kann. „Dabei soll insbesondere untersucht werden, wie Schulprogramme zur Gewalt- und Präventionsbildung in Zürich eingeführt bzw. erweitert werden können“, heisst es im Vorstoss. Der Stadtrat soll ausserdem unter anderem klären, ob und wie die Stadt Unterstützungsprogramme für Kinder von Femizid-Opfern schaffen kann, die psychologische Betreuung und soziale Stabilität sichern und wie eine engere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Schule, Polizei, Sozialdiensten und Gesundheitswesen institutionalisiert werden kann.
Politische Beteiligung kennt viele Formen: Etwa 100 Kantischülerinnen und Kantischüler protestierten 2016 beim Helmhaus am Limmatquai in Zürich gegen geplante Sparmassnahmen. Archivbild: Pascal Turin
Pascal Turin
Mit originalgetreuen Abstimmungs- und Wahlunterlagen sollen Jugendliche lernen, wie die direkte Demokratie funktioniert. Der Kanton Zürich hat dazu ein neues Angebot für Schulen umgesetzt – angestossen durch ein Postulat zweier Mitte-Politikerinnen.
Sind wir ehrlich: Könnte man jedes politische Thema so kurzweilig zusammenschneiden wie ein Filmchen auf der Video-App Tiktok, dann würde sich die Stimm- und Wahlbeteiligung ziemlich sicher gleich ins Unermessliche steigern. Doch leider, leider ist Demokratie manchmal selbst für Politik-Aficionados eine eher trockene Angelegenheit. Umso wichtiger ist, dass man sich davon nicht abschrecken lässt. Denn wie heisst es so schön: Früh übt sich, wer ein Meister – oder eine Meisterin – werden will.
Ein neues Angebot des Kantons möchte die politischen Prozesse für Sek-, Gymi- und Berufsschulklassen erlebbar machen. Zürcher Schulen können darum bis zu zwei Mal pro Jahr mit originalgetreuen Unterlagen das Abstimmungs- und Wahlprozedere im Unterricht realistisch üben. Das „Schulblatt Kanton Zürich“ berichtete in seiner jüngsten Ausgabe darüber. Die Zeitschrift der Bildungsdirektion besuchte für eine Reportage das Bildungszentrum Limmattal, wo man Logistik-, Strassentransport- und Recyclingberufe lernen kann. Eigentlich befindet sich die Berufsschule in Dietikon. Weil dort aber gerade das Gebäude saniert wird, findet der Unterricht temporär an der Lagerstrasse in der Stadt Zürich statt.
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Das Abstimmungscouvert richtig öffnen
Zeljka Nedovic, die Lehrerin für allgemeinbildenden Unterricht, hatte sich für die angehenden Strassentransportfachleute etwas Besonderes einfallen lassen. Die Lernenden erwartete ein Stapel hellgrauer Couverts auf dem Tisch vor den Bankreihen. Darin enthalten waren kantonale Abstimmungsunterlagen für die Abstimmung vom 30. November. Die Lernenden beschäftigten sich mit zwei Vorlagen und stimmten schliesslich darüber ab. „Allerdings nicht an der Urne, sondern als Übung“, heisst es im Artikel des „Schulblatts“.
Dabei hätte wohl die eine oder andere ältere Person etwas ganz Praktisches erfahren: „Zurück im Schulzimmer zeigt Zeljka Nedovic, wie man das Abstimmungscouvert mit viel Fingerspitzengefühl so öffnet, dass es nicht an der falschen Stelle reisst“, schreibt das „Schulblatt“. Ein paar der Lernenden schauten wohl amüsiert, merkten dann aber schnell, dass das tatsächlich nicht ganz einfach ist.
Ein Postulat war der Auslöser
Das Angebot nennt sich „Politik im Unterricht: Wir stimmen ab!“. Hintergrund ist ein Postulat von 2022 der Kantonsrätin Janine Vannaz sowie der damaligen Kantonsrätin und heutigen Nationalrätin Yvonne Bürgin (beide Mitte). Die Politikerinnen wollten, dass Schülerinnen und Schüler mit fiktiven Abstimmungs- und Wahlunterlagen lernen, wie die direkte Demokratie funktioniert. Das haben die Bildungsdirektion, die Direktion der Justiz und des Innern und die Staatskanzlei umgesetzt.
„Für die demokratische Schweiz ist es zentral, dass sich junge Menschen aktiv daran beteiligen“, hielt die Bildungsdirektion in einer Mitteilung fest. Der Kanton Zürich bereite darum die Jugendlichen in der Schule darauf vor, am politischen Leben teilzuhaben und mitzuwirken. Zusätzlich zu den Abstimmungs- und Wahlunterlagen wird den Lehrpersonen begleitendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Die Stimmzettel oder die Stimmrechtsausweise sind laut Kanton so gekennzeichnet, dass sie nicht für die echte Abstimmung verwendet werden können.
Inspiration für Lehrpersonen: Auf der Website www.politikvermittlung.ch sind alle Angebote des Kantons Zürich zur politischen Bildung übersichtlich aufgeführt. Bild: Pascal Turin
Auch Kantonsrat will Politik vermitteln
Zum internationalen Tag der Demokratie im vergangenen September lancierte das Kantonsparlament übrigens eine neue Website für Schulen. Auf www.politikvermittlung.ch sind alle Angebote des Kantons zur politischen Bildung übersichtlich aufgeführt. Zu finden ist dort zum Beispiel das interaktive Planspiel „Wir sind Parlament“ oder ein Lexikon mit wichtigen Politikbegriffen. Und mit der Web-Applikation „The Lawmaker“ kann man auf spielerische Art lernen, wie Gesetze entstehen.
Zurück im allgemeinbildenden Unterricht am Bildungszentrum Limmattal: Eine Lernende fände es positiv, wenn in der Schule mehr über Politik geredet würde. Und ein Lernender ergänzt gegenüber dem „Schulblatt“: „Man müsste die Politik schmackhafter machen – schon in der Volksschule.“ Die Idee mit den Abstimmungsunterlagen im Unterricht finde er gut. Er meint, solche Angebote für die Schulen müsse es mehr geben, man könne Politik ja in verschiedenen Fächern einbauen.
Klar, die direkte Demokratie ist kein Tiktok-Video. Politische Inhalte eignen sich nur in ihrer radikalen Verkürzung für virale Kurzclips. Politik ist nicht immer spektakulär, aber sie lebt davon, verstanden und genutzt zu werden. Dass Jugendliche jetzt in der Schule demokratische Prozesse nicht nur in der Theorie, sondern praktisch erleben können, ist deshalb bestimmt ein lohnenswerter Schritt.
Schon in früheren Zeiten wurde am Bahnhofquai gebaut, hier 1949. Ab Anfang 2026 steht wiederum ein Umbau an, mit Komplettsperrung des Trambetriebs für ein ganzes Jahr. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_M01-0499-0011
Lorenz Steinmann
Die Verkehrsbetriebe Zürich sanieren ab Anfang 2026 die Haltestelle Bahnhofquai/Hauptbahnhof. Das dauert ein ganzes Jahr. Die zentralen Tramverbindungen nach Zürich Nord werden gekappt. Und am Bahnhof muten die VBZ den Fahrgästen bis zu 700 Meter lange Fussmärsche zu. Ob das gut kommt? Eine Auslegeordnung.
Vergangene Woche im Restaurant Tibits in Oerlikon: Drei ältere Ehepaare diskutieren am Nebentisch engagiert über den anstehenden Fahrplanwechsel und die geplanten Änderungen. Sie nerven sich darüber, wie kompliziert das Tramfahren bald werde und dass es ein volles Jahr keine Tramverbindung mehr gebe von Oerlikon an den Bahnhofplatz und an die Bahnhofstrasse. „Wir kommen nicht draus und fühlen uns im Kreis 11 abgehängt von der City“, so der einhellige Tenor.
Tatsächlich steht am kommenden Sonntag, 14. Dezember, der grösste Fahrplanwechsel in der Geschichte der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) an. „Die meisten Tramlinien fahren neue Strecken und werden teilweise durch Bau-Linien ersetzt“, heisst es auf der Website des Verkehrsunternehmens.
Auffällig ist, dass die VBZ einen rund um den Bahnhof auf längere Fusswege schicken. Von der Haltestelle Bahnhofstrasse/Hauptbahnhof etwa bis zum Stampfenbachplatz oder von jenem Platz zum Central. Grund: Die Megabaustelle am Bahnhofquai. Der Schreibende hatte gut zehn Minuten von der Bahnhofstrasse zum Stampfenbachplatz – noch ohne Baustelle und ohne Rollkoffer oder Einkaufstasche. Vom Stampfenbachplatz zum Central immerhin auch gut sieben Minuten. Heute Montag zum Glück ohne Regen!
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Immer noch unter den Zahlen von 2019
Doch warum die ganzen Umstellungen? Dazu gibt es laut den VBZ zwei Gründe: Erstens fahren immer mehr Leute von und zu den Spitälern am Balgrist. Deshalb wollen die VBZ mehr Trams auf diese Strecke bringen. „Ausserdem möchten wir, dass die Fahrgäste aus möglichst vielen Quartieren direkt und zeitlich gut abgestimmt den nächsten Bahnhof erreichen. Um das alles zu erfüllen, haben wir – vor allem ab Bellevue und Stadelhofen – die Strecken einiger Linien getauscht“, so die VBZ weiter. Dazu gibt es auch einen Auftrag aus dem Gemeinderat. Balz Bürgisser (Grüne), Jürg Rauser (Grüne) und Ann-Catherine Nabholz (GLP) waren mit ihrer Idee im Stadtparlament erfolgreich. Der Stadtrat hat den Job gefasst, einen Bericht auszuarbeiten, „wie das Spitalgebiet Lengg langfristig durch den ÖV gut erschlossen werden“ könne.
Zweitens wird 2026 die Tramhaltestelle Bahnhofquai/HB hindernisfrei umgebaut. Bemerkenswert ist, dass dies ein volles Jahr dauert, obwohl keine zusätzlichen Gleise oder Abzweigungen gebaut werden. Dabei nehmen die VBZ in Kauf, dass der eine oder andere Fahrgast wohl wieder das Auto nimmt oder Zürich schlichtweg meidet. Die Fahrgastzahlen der VBZ sind nach der Coronakrise zwar wieder steigend, haben aber bis heute nicht das Rekordvolumen von 2019 erreicht. Ob da die Kappung der für Zürich Nord so wichtigen Tramlinien 11 und 14 die richtige Strategie ist?
Im Gemeinderat resultierte aus der Fahrplanumstellung und der Megabaustelle am HB bisher lediglich ein Vorstoss. Mathias Egloff (SP), Florian Utz (SP), Lisa Diggelmann (SP) sowie 27 Mitunterzeichnende monieren, dass „viele Menschen im Quartier Rütihof die neue Linienführung als deutlichen Abbau empfinden, und sie fühlen sich von grösseren Teilen der Stadt abgehängt, so namentlich von Letzipark, Letzigrund und Sihlcity“. Der Stadtrat hat schon geantwortet, mit den üblichen salbungsvollen Worten.
Doch zurück zum Kreis 11, zu den drei Ehepaaren im Oerliker „Tibits“. Ihre Sorgen hat Rathuus an die VBZ weitergeleitet.
Ausgerechnet die quartierverbindenden Tramlinien 14 und 11 von Zürich Nord in die City werden für ein Jahr gekappt. Gab es keine besseren Alternativen, etwa auf der Strecke, wo heute der 7er fährt? Zwar hätten die von Oerlikon kommenden Linien tatsächlich entlang der Linie 7 umgeleitet werden können, jedoch wären dadurch das Central und die Bahnhofbrücke noch stärker belastet worden. Gleichermassen müssten die drei von der Limmatstrasse kommenden Linien dennoch bis mindestens Bucheggplatz und Milchbuck verlängert werden, weil erst dort wieder eine Wendemöglichkeit besteht. Am Bucheggplatz kann nur eine Linie gewendet werden, folglich hätten die beiden anderen bis Milchbuck geführt werden müssen. Dies hätte den Schaffhauserplatz wiederum derart überbelastet, dass kein stabiler Linienbetrieb mehr möglich gewesen wäre.
Trotzdem: Warum fährt auf der Weinbergstrasse nur eine Tramlinie? Aus verschiedenen Gründen ist es nicht möglich, mehrere Linien über die Weinbergstrasse umzuleiten. Dass zusätzlich die Linie 15 in diesem Bereich wegfällt, liegt an den Herausforderungen, welche die südlich vom HB verkehrenden Linien mit sich bringen. Normalerweise verkehren fünf Linien über den Bahnhofquai, nun müssen diese alle vom Süden her an einen alternativen Endpunkt geführt werden. Da keine Wendemöglichkeit besteht, die Gessnerallee ist von der Bahnhofstrasse aus nicht anfahrbar, greifen die VBZ auf das Konzept der Linienmutationen zurück. Zudem ist zu berücksichtigen, dass auf der Stampfenbachstrasse im 2026 drei statt zwei Tramlinien unterwegs sind. Die räumliche Nähe zur Weinbergstrasse spielte in der Betrachtung daher eine Rolle.
Warum wurde nicht am Neumühlequai ein zweites Gleis verlegt, um dort zum Beispiel das 14er-Tram umzuleiten und so die Direktverbindung Seebach-HB-Triemli aufrechtzuerhalten? Der Neumühlequai ist abschnittsweise eine Einbahnstrasse. Ein provisorisch verlegtes Gleis in Gegenrichtung hätte weitreichende Änderungen an der Verkehrsführung zur Folge gehabt. Darüber hinaus hätten sowohl im Bereich Walcheknoten als auch beim Central Anschlüsse an das bestehende Gleisnetz erstellt werden müssen, was ebenfalls einer Grossbaustelle gleichkäme. Diese Überlegungen bestehen aus gutem Grund daher erst für den Zeitraum, wenn dereinst der Masterplan HB Central zur Umsetzung gelangen soll und somit insbesondere beim Central die Infrastruktur grundlegend angepasst werden kann.
Erstaunlich: Die VBZ setzen auf Muskelkraft statt auf Ersatzstrecken rund um den Hauptbahnhof. Bild: VBZ
In Instagram-Filmen rät ein VBZ-Angestellter, man solle von der Haltestelle Bahnhofplatz/HB zum Stampfenbachplatz laufen. Ist das ernsthaft gemeint? Das sind ja gefühlt 900 Meter und es geht ziemlich bergauf. Gab es tatsächlich keine Alternativen für ein Jahr? Alle Trams, die am Bahnhofplatz (oder in der Bahnhofstrasse) halten, bedienen vorher oder nachher auch das Central. Von dort ist der Fussweg zum Stampfenbachplatz kürzer (ca. 350 Meter statt 550 Meter ab Bahnhofplatz). Vom Bahnhofplatz liegt zudem die Haltestelle Sihlquai etwas näher als der Stampfenbachplatz, für Personen mit Ziel in der Limmatstrasse sicher der naheliegende Weg.
„Mit einer provisorischen Haltestelle vor dem Landesmuseum würde der starke Verkehr um den HB etwa alle 2,5 Minuten blockiert, was erhebliche negative Auswirkungen auf das Gesamtverkehrssystem hätte.“
Gab es Überlegungen, zum Beispiel vor dem Landesmuseum eine provisorische Haltestelle zu erstellen und so lange Fusswege für die Passagiere zu verhindern beziehungsweise was waren die Argumente dagegen? Die Möglichkeit einer Ersatzhaltestelle wurde eingehend geprüft. Diese müsste Richtung Stampfenbachplatz auf der Walchebrücke platziert werden. Das würde jedoch bedeuten, dass die Fahrgäste über die Fahrbahn ein- und aussteigen müssten. Damit würde der starke Verkehr um den HB etwa alle 2,5 Minuten blockiert, was erhebliche negative Auswirkungen auf das Gesamtverkehrssystem hätte. Auch könnten gefährliche Situationen für die Fahrgäste entstehen, weil sie direkt über die Fahrbahn ein- und aussteigen müssten. In der Gegenrichtung müsste die Ersatzhaltestelle in der Fahrspur vor dem Landesmuseum bei der Unterführung Bahnhofquai zu liegen kommen. Auch bei dieser Haltestelle würden die oben genannten Nachteile entstehen. Zudem würden beide Ersatzhaltestellen nicht den Anforderungen des Behindertengleichstellungsgesetzes entsprechen.
Warum wurde mit der Bauerei am Bahnhofquai/HB nicht gewartet bis Anfang 2026 und dem Ende des Weihnachtsrummels, wie es etwa die Stadtzürcher Gewerbeverbandspräsidentin Nicole Barandun forderte? Der Fahrplanwechsel ist europaweit koordiniert und findet jährlich am zweiten Sonntag im Dezember statt. Mit der Einführung des „Tramnetz Süd“ kommt es am 14. Dezember auch ohne die Baustelle Bahnhofquai zu einer umfassenden Anpassung von Tramlinien.
Die Sperrung der Haltestelle Bahnhofquai hat weitreichende Auswirkungen auf das gesamte VBZ-Netz. Würde die Haltestelle bis Anfang 2026 in Betrieb bleiben, müssten sich nicht nur die VBZ, sondern auch die Fahrgäste innerhalb von vier Wochen zweimal auf vollständig neue Linienführungen einstellen. Zudem sind bereits in den Tagen nach dem Fahrplanwechsel erste Vorarbeiten am Bahnhofquai wie die Demontage der Fahrleitungen nötig.
„Würde die Haltestelle bis Anfang 2026 in Betrieb bleiben, müssten sich nicht nur die VBZ, sondern auch die Fahrgäste innerhalb von vier Wochen zweimal auf vollständig neue Linienführungen einstellen.“
Wie wurden die Bauarbeiten abgestimmt auf die Pläne vom Stadtraum HB? Für die nächsten Jahre sind ja grosse Umstellungen angedacht auch beim ÖV. Der hindernisfreie Ausbau der Haltekanten am Bahnhofquai geht einher mit den Zielen im Weissbuch „Stadtraum Hauptbahnhof 2050“. Zwar sieht das Weissbuch noch weitere Anpassungen am Bahnhofquai vor. Um diese zu vertiefen und ein Bauprojekt auszuarbeiten, braucht es aber noch viel Zeit. Die Gleisanlagen haben das Ende ihrer Lebenszeit jetzt erreicht. Deshalb ist eine Verzögerung der Arbeiten nicht möglich.
Wie verkraften die VBZ den Ausfall?
Fazit: Die VBZ sind überzeugt, nur das Beste für Zürich zu wollen. Dass der Bahnhofquai für Trams ein Jahr gesperrt bleibt, sehen sie nicht als Risiko. Dabei fällt auf, dass etwa die Kapazitäten am Bucheggplatz (zweites Wendeschlaufen-Gleis) oder eine bessere Verbindung der Gleise Gessnerallee zur Bahnhofstrasse nicht angepackt wurden vor der bald beginnenden Grossbaustelle. Jetzt werden diese Flaschenhälse als Argument gebracht, dass es nicht anders ging.
Dass derweil der motorisierte Individualverkehr rund um den Hauptbahnhof während der Bauerei nur marginale Einschränkungen über sich ergehen lassen muss, ist ein anderes Kapitel. Ob und wie sich die Fahrgastzahlen nach einem Jahr Unterbruch am Bahnhofquai entwickeln werden, bleibt abzuwarten. Im Handel und in der Wirtschaft bedeuten ein Jahr Pause Welten und Rückstände, die nur schwierig wieder aufzuholen sind.
Um zurückzukommen auf die drei älteren Paare im „Tibits“ in Oerlikon: Vielleicht orientiert man sich für ein Jahr besser in Richtung Glattzentrum in Wallisellen oder Airport Shopping am Flughafen Zürich – und stimmt dann gegen das Tram Affoltern, weil die Direktverbindung zur Bahnhofstrasse gar nicht so wichtig ist. Man hat sich ja daran gewöhnt, dass es ohne geht.
Die GLP-Politikerin Sandra Bienek ist grundsätzlich zufrieden, was "in Anbetracht der Umstände" an Sicherheitsmassnahmen beim und auf dem Escher-Wyss-Platz geschehen sei. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Am 21. Dezember 2022, also vor bald drei Jahren, ist am Escher-Wyss-Platz in Zürich am frühen Morgen ein fünfjähriger Bub auf dem Weg zum Kindergarten angefahren und getötet worden. Jetzt zeigt sich, dass die Stadt aus dem Unfall einiges gelernt hat.
Sandra Bienek steht am Escher-Wyss-Platz im Stadtzürcher Kreis 5. Es steht ein Termin mit Rathuus an. Es ist kurz nach halb fünf am Abend und ähnlich dunkel wie an jenem verhängnisvollen Dezembermorgen, dem 21. Dezember 2022. Damals wurde der fünfjährige Tony an einem der Zebrastreifen kurz vor 8 Uhr von einem Auto oder von einem Lastwagen angefahren und tödlich verletzt. Noch heute sind die Umstände unklar, die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren immer noch nicht eingestellt, wie es auf Anfrage heisst.
Die GLP-Kantonsrätin war darum besonders vom Unfall betroffen, weil eines ihrer Kinder mit dem verstorbenen Tony in den Kindergarten ging. „Es war eine traumatische Zeit, die mir auch heute noch nahegeht“, sagt die 46-Jährige. Sie setzte sich schon vor dem Unfall für sichere Schulwege ein und tut es heute noch.
Der Unfall sorgte über die Grenzen Zürichs hinaus für grosse Anteilnahme, aber auch für grosse Schlagzeilen. Die Stadt wurde kritisiert, dass man schon lange auf den Gefahrenherd Escher-Wyss-Platz hingewiesen habe. Passiert sei nichts. So habe ausgerechnet der Vater von Tony etwa zwei Jahre vor dem Unfall bei der Stadt nachgefragt, warum sich nichts ändere.
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Alles in allem war aber der Schock und die Pietät vor dem schrecklichen Unfall so gross, dass nach dem Tod des fünfjährigen Knaben grosse Schuldzuweisungen ausblieben. Im Gegenteil ging die von der Stadt Zürich gewünschte Temporeduktion auf 30 rund um den Escher-Wyss-Platz still und ohne Rekurse über die Bühne. Seither gilt hier Tempo 30, was laut Experten wegen der vielen unübersichtlichen Stellen mit den vielen Betonpfeilern für die Hardbrücke definitiv mehr Sicherheit für die Fussgängerinnen und Fussgänger bedeutet.
Mobilitätsexperte Thomas Hug schrieb dazu auf dem Onlineportal Tsüri: „Tempo 30 ist gut für uns alle. Und das sollte uns bewusst werden, bevor zuerst Menschen sterben müssen.“ Denn der Escher-Wyss-Platz sei eine kantonale Hauptverkehrsachse. Trotzdem habe niemand etwas dagegen einzuwenden gehabt. Und für einmal machte auch die Kantonspolizei keine Einsprache. Laut Hug stellte sich die Frage: Wäre dieses Temporegime auch ohne den tragischen Unfall so einfach akzeptiert worden? Oder traute sich hier schlicht niemand, sein wahres Gesicht zu zeigen?
Tempo 30 am Escher-Wyss-Platz wackelt
Bald eine Woche nach der Annahme der Mobilitätsinitiative im Kanton Zürich könnte das Tempo-30-Regime auch am Escher-Wyss-Platz wackeln. Doch daran mögen die Beteiligten nicht denken, auch Sandra Bienek nicht. Vielmehr freut sie sich, als sie von den respektablen Massnahmen hört, die Rathuus von der Dienstabteilung Verkehr – kurz DAV – erfahren hat. Aktuell ist der erst seit wenigen Wochen geltende Abbau einer Fahrspur zugunsten einer breiteren, besser einsehbaren Aufstellfläche (unter anderem Fussgängerinseln, Anm. d. Red.) für die Fussgängerinnen und Fussgänger. Es ist eine Fahrbahn auf der vorher doppelspurigen Hardturmstrasse, die auf dem Escher-Wyss-Platz immer für Stress und sich stauende Fahrzeuge auf den Zebrastreifen sorgte.
Gerade heute sind zufälligerweise Angehörige vom Polizeilichen Assistenzdienst dabei, Autofahrerinnen und Autofahrer herauszuwinken, die immer noch quer und verbotenerweise im Stau stehen. Für Sandra Bienek eine gute und notwendige Aktion. Dazu kommt, dass die fix installierte Geschwindigkeitsüberwachung Fahrzeuge, die vom Sihlquai herkommen, gefühlt im Minutentakt blitzt.
Die zuständige DAV unter Stadträtin Karin Rykart (Grüne) hat zudem noch weitere Massnahmen umgesetzt.
Der Planausschnitt zeigt den Escher-Wyss-Platz mit den Schulwegen. Bild: Screenshot
Seit August 2025 sind Schulwegbegleiterinnen und Schulwegbegleiter im Einsatz, damit die Kinder von der eben erst bezogenen Wohnsiedlung Tramdepot Hard sicherer über die Hardturmstrasse und die Tramgleise gelangen können. Dazu gab es Informationsanlässe für die Mieterschaft der Wohnsiedlung Tramdepot und spezielle Informationen an Eltern. Ausserdem wurde der online verfügbare Schulwegplan angepasst.
Der Weg quer über den Escher-Wyss-Platz, über das Gewirr von Gleisen, aber ohne Motorfahrzeugverkehr, ist neuerdings als Querungsmöglichkeit angegeben. Dazu wurden im Mai 2025 Bodenlampen „für eine sichere Querung der Tramschienen“ angebracht. Sie leuchten rot auf, wenn sich ein Tram nähert. Man kennt die Lampen von der Hardbrücke. Dort sollen sie Velofahrerinnen und Velofahrer dazu bewegen, anzuhalten, wenn sich Busse oder das 8er-Tram an der Haltestelle befinden. So können Fahrgäste ungestörter ein- und aussteigen. Dass sich dort eher wenige Velofahrerinnen und Velofahrer ans Rotlicht halten, ist eine andere Sache.
Doch zurück zum Escher-Wyss-Platz. Vor drei Jahren, als das Unglück passierte, waren die Querungsmöglichkeiten laut Schulwegplan noch anders. Damals wurde der eher umständliche und längere Weg nördlich über die Zebrastreifen als Idealweg angegeben (siehe Bild). Die Schwierigkeit dort, man muss bei Rot auf einem Strassenabschnitt ohne Trottoirbord warten. Gerade für Kinder eine ziemliche Herausforderung, wie auch Sandra Bienek vor Ort urteilt.
Kein leichter Schulweg: Hier über den Zebrastreifen geht es beim beim Escher-Wyss-Platz. Im Hintergrund ist die Überbauung Tramdepot Hard zu sehen. Bild: Lorenz Steinmann
Offen, wie die Planung weitergeht
Alles in allem findet Sandra Bienek, dass die Stadt im Rahmen der Umstände erstaunlich viel umgesetzt habe. Sie bemängelt aber das schwache Licht unter der Brücke, dort wo wie beschrieben die Gleise der Verkehrsbetriebe Zürich zusammenkommen. Und sie ist gespannt, wie das Gesamtkonzept für eine Neugestaltung dieses vom motorisierten Individualverkehr dominierten Platzes an die Hand genommen wird.
Darauf angesprochen heisst es von der DAV: „Die Planungen des Tiefbauamts zur Umgestaltung des Escher-Wyss-Platzes pausieren derzeit. Grund dafür ist, dass aktuell ein städtebauliches Gesamtkonzept für den Raum vom Wipkingerplatz über den Escher-Wyss-Platz und die Hardstrasse bis zum Bahnhof Hardbrücke erarbeitet wird.“ Dieses solle als Grundlage für die weiteren Planungen berücksichtigt werden. „Parallel dazu wird, unter Berücksichtigung der angrenzenden Projekte im Raum Zürich-West, die Verkehrsführung untersucht“, so die DAV. In Bearbeitung sei zudem die SP-Petition „Sicher über den Escher-Wyss-Platz – jetzt Fahrspuren reduzieren“. Die Petition wurde am 1. Oktober 2025 mit respektablen 500 Unterschriften übergeben.
Die Begehung vor Ort mit Sandra Bienek neigt sich dem Ende zu. Auffällig ist, dass es beim Todesort des kleinen Tony an der Säule beim Zebrastreifen über die Hardturmstrasse keine Blumen und keine Erinnerungsstücke mehr gibt. Es sind lediglich noch schlichte, gemalte Motive und der Name des Jungen auf der Betonsäule vorhanden.
Sandra Bienek sagt, beim Abbau der Erinnerungsstücke sei alles korrekt und mit dem nötigen Feingefühl verlaufen.
Von der Stadt heisst es dazu: „Die Entfernung eines grossen Teils der Gedenkstätte wurde in Absprache und im Beisein der Familie vorgenommen. Ein Grund war, dass andere Schulkinder durch die recht auffällige Gedenkstätte nicht abgelenkt werden sollten.“ Man habe sich auf verbleibende Elemente geeinigt, damit das Gedenken an diesem Ort erhalten bleibe.
Es weihnachtet im Stadtzürcher Quartier Oerlikon: Wer noch nicht weiss, was er oder sie unter den Christbaum legen möchte, könnte wieder mal in einem Buchladen vorbeischauen. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Sie gehören neben Socken zu den beliebtesten Weihnachtsgeschenken: Die Rede ist natürlich von Büchern. Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte verraten, welchen Lesestoff sie unter den Christbaum legen würden – von Biografien bis Ratgebern.
Weihnachtszeit ist Geschenkezeit. Noch bleiben genügend Tage für die Suche nach der perfekten Gabe. Einer der Klassiker ist das Buch. Bücher kommen eigentlich immer gut an und lauthals darüber beschweren darf man sich als Beschenkte oder Beschenkter sowieso nicht. Sind wir ehrlich: Wer will sich schon als Literaturbanause zu erkennen geben?
Wir haben Geschenktipps zusammengetragen und dafür bei Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräten nachgefragt. Die Auswahl ist vielfältig und durchaus überraschend. Es ist sicher auch etwas für jemanden darunter, der schon fast alles gelesen hat.
Los geht es mit einer Leseempfehlung von EVP-Kantonsrat Markus Schaaf. Der ehemalige Buchhändler schlägt „Der Mann, der überlebte“ des US-amerikanischen Schriftstellers Lawrence Elliott vor. Das Buch erzähle die erstaunliche Lebensgeschichte von George W. Carver. Geboren als Sohn einer Sklavin im tiefsten amerikanischen Süden, überwinde er mit Wissbegier, Bescheidenheit und tiefem Glauben Armut, Diskriminierung und Entbehrung. „Aus anfänglicher Hoffnungslosigkeit wird ein Leben, das mit unscheinbaren Erdnüssen und bodenständiger Landwirtschaft nicht nur eine Baumwollmonokultur überwindet, sondern zugleich ein Zeichen für Mitmenschlichkeit, Nachhaltigkeit und die Würde aller Menschen setzt“, so der Politiker aus Zell.
„Die Perimenopause wurde lange totgeschwiegen – zu lange“, sagt AL-Kantonsrätin Nicole Wyss und empfiehlt darum „Mittendrin“ von Jeanette Kuster.
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Ein Buch für alle Frauen ab Mitte 30
Die AL-Kantonsrätin Nicole Wyss hingegen empfiehlt „Mittendrin“ der Schweizer Autorin Jeanette Kuster. „Die Perimenopause wurde lange totgeschwiegen – zu lange“, sagt Wyss. Obwohl es doch die Hälfte aller Menschen betreffe. „Wussten Sie zum Beispiel, dass rund siebzig verschiedene Symptome durch diese hormonellen Schwankungen ausgelöst werden können?“, fragt die Politikerin. Und ergänzt: „Ich wusste das lange nicht.“
Mit dem Buch „Mittendrin“ habe Jeanette Kuster eine Ode an die Wechseljahre geschrieben, ohne sie zu beschönigen und trotzdem mit viel Liebe und Hoffnung. „Frauen erzählen ihre persönlichen Erfahrungen und Geschichten über die Achterbahnfahrten der Wechseljahre. Expertinnen ordnen ein“, erklärt die Stadtzürcherin. Es sei ein Buch für alle Frauen ab Mitte 30 wie auch für alle Männer, die sich für Frauen interessieren würden.
Einen Ratgeber schlägt auch Hans Egli vor. „Ich werde das Buch ‚Das Kind in dir muss Heimat finden‘ der deutschen Psychotherapeutin Stefanie Stahl verschenken“, sagt der EDU-Politiker. Es sei aus seiner Sicht ein unglaublich lehrreiches Buch, das helfe, eigene Muster zu verstehen und sich damit auseinanderzusetzen. Ausserdem verrät der Kantonsrat aus Steinmaur, was er sich selbst wünscht: „Ich selber erhalte auch sehr gern Bücher, lasse mich aber gern überraschen.“
„Ein tolles Buch, mit vielen Exkursen zu Gesellschaft und Religion“, sagt SVP-Kantonsrätin Barbara Grüter über „Unter Heiden“ von Tobias Haberl.
Ein Buch passend zur Weihnachtszeit
Ebenfalls in Richtung Sachbuch geht es beim nächsten Geschenktipp von Barbara Grüter. Die SVP-Politikerin empfiehlt „Unter Heiden“ des deutschen Autors Tobias Haberl. „Insbesondere in der Weihnachtszeit sollte uns eigentlich bewusst sein, was es bedeutet, Christ zu sein. Was es bedeutet, in einem abendländisch, christlich geprägten Land zu leben“, sagt die Kantonsrätin aus Rorbas. Es werde ständig gefragt, was die Kirche ändern müsse, um im 21. Jahrhundert noch präsent zu sein. Der Autor stelle die Gegenfrage: Was kann das 21. Jahrhundert von gläubigen Menschen lernen? Wie kann der Glaube eine verunsicherte Gesellschaft von ihrer Angst und Atemlosigkeit befreien? Und was kann uns in einer digital optimierten, aber seelisch oft verkümmerten Gegenwart noch Hoffnung geben?
Grüters Fazit ist eindeutig: „Ein tolles Buch, mit vielen Exkursen zu Gesellschaft und Religion. Der Autor spricht mir oft aus dem Herzen. Authentisch, ehrlich und mit Gefühl. Eine spirituelle Gesellschaftsanalyse. Absolut lesenswert!“
Sie selbst wünscht sich kein besonderes Buch zu Weihnachten. „Ich habe schon einige Bücher auf Vorrat gekauft. Leider fehlt mir momentan die Zeit, am Lesen dran zu bleiben“, verrät Grüter. Meist lese sie ein Buch in einem Zug durch. Daher benötige sie eher Zeit, „die man aber leider nicht geschenkt bekommen kann, sondern sich selber nehmen muss“. Die Politikerin freue sich deshalb sehr auf ein paar freie und besinnliche Tage über Weihnachten. So könne sie ihren Lesevorrat endlich wieder etwas „abbauen“.
Und was wird die Kantonsrätin anderen unter den Christbaum legen? „Jedes Jahr verschenke ich viele Bücher“, sagt Franzen. Dieses Jahr möchte sie eines der deutschen Autorin Vera Weidenbach mit dem Titel „Ada Lovelace. Visionärin und Genie“ erwähnen. „Das Buch über die erste Programmiererin der Geschichte schenke ich meiner Tochter, einer Physikerin.“
Alle Buchtipps auf einen Blick
Fabienne Amlinger: Unerhört. Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus, 2025, 240 Seiten, Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte.
Johannes Block: Die friedliche Revolution: 500 Jahre Übergabe der Fraumünsterabtei an die Stadt Zürich, 2025, 120 Seiten, Theologischer Verlag Zürich.
Lawrence Elliott: Der Mann, der überlebte. George W. Carver – eine faszinierende Lebensgeschichte – Vom Sklavenjungen zum genialen Erfinder und Weltveränderer, 2023, 250 Seiten, Neukirchener Verlagsgesellschaft.
Tobias Haberl: Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe – Was kann das 21. Jahrhundert eigentlich von gläubigen Menschen lernen?, 2024, 288 Seiten, Btb.
Jeanette Kuster: Mittendrin – Die Perimenopause meistern. Gespräche und Erfahrungsberichte, 2025, 220 Seiten, Arisverlag.
Stefanie Stahl: Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme, 2015, 288 Seiten, Kailash.
Matthew Walker: Das grosse Buch vom Schlaf. Die enorme Bedeutung des Schlafs – Beste Vorbeugung gegen Alzheimer, Krebs, Herzinfarkt und vieles mehr, 2018, 480 Seiten, Goldmann.
Vera Weidenbach: Ada Lovelace. Visionärin und Genie, 2025, 256 Seiten, Rowohlt.
So schön kann die Welt sein: Ein Wohnquartier in Birmensdorf, wo Tempo 30 gilt. Für Tempo 30 an Durchgangsstrassen hat die Mehrheit der Stimmberechtigten jedoch kein Gehör, auch wenn dort ebenfalls Menschen wohnen. Bild: Pascal Turin
Lorenz Steinmann
Ganz so klar konnte man das Ja zur Mobilitätsinitiative nicht erwarten. Mit 240’982 Ja- zu 183’538 Nein-Stimmen fiel das Verdikt aber überaus deutlich aus. Wir fassen die Reaktionen der Parteien zum Entscheid zusammen, dass die Städte Zürich und Winterthur die Hoheit über Tempo 30 verlieren sollen.
Es war ein Kampf der grossen Städte Winterthur und Zürich gegen den Rest. Und das Verdikt überrascht in seiner Deutlichkeit durchaus. Über die Geschwindigkeit auf Hauptstrassen bestimmt künftig der Kanton. 56,8 Prozent sagten am vergangenen Sonntag Ja zur Änderung des Strassengesetzes beziehungsweise zur Umsetzung der Mobilitätsinitiative.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ titelte in ihrem Kommentar schon fast euphorisch: „Das bürgerliche Zürich schlägt zurück.“ Was auf den ersten Blick stimmig klingt, brachte Kantonsrat Thomas Forrer von den Grünen zum Schmunzeln. Auf der Social-Media-Plattform Bluesky rief er in Erinnerung, dass eben gerade das zitierte Imperium in der Filmserie Star Wars das Böse vertrete. Die bürgerliche Mehrheit als Gegnerschaft der guten Föderation und der mutigen Jedi-Ritter, der Städte Zürich und Winterthur also? Rathuus hütet sich, ein Urteil abzugeben. Nur so viel: Die Medienmitteilungen der Sieger waren zahlreicher als jene der Verlierer.
„Grosser Sieg für die SVP – Tempo-30-Irrsinn verhindert“ – so überschrieb die SVP Kanton Zürich ihre Medienmitteilung. Sie gewann laut eigenen Angaben „alle vier kantonalen Vorlagen“. Die Stimmbevölkerung habe ein starkes Zeichen gesetzt: Für fliessenden Verkehr statt Stau, schnellere Rettung statt Ausbremsung und ruhige Quartiere statt Ausweichverkehr. „Das klare Resultat stützt auch die neue Verordnung von Bundesrat Albert Rösti, welche ebenfalls an Tempo 50 auf Hauptverkehrsachsen festhält und dem Tempo-30-Irrsinn den Riegel schiebt“, so die SVP.
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Ins gleiche Horn blies die FDP Kanton Zürich: „Wichtiger Richtungsentscheid: Ja zur Mobilitätsinitiative“. Das Ja sei ein wichtiger Erfolg: „Die Bevölkerung will vorwärtskommen – und kein flächendeckendes Tempo 30“. Pointiert liess sich FDP-Kantonsrat Marc Bourgeois, Co-Präsident des Abstimmungskomitees, zitieren: „Gerade die grossen Städte haben jahrelang am Bundesrecht geritzt, das auf Hauptstrassen innerorts Tempo 50 vorsieht. Und dabei offensichtlich den Bevölkerungswillen missachtet. Dieser Rosinenpickerei hat die Bevölkerung nun einen Riegel geschoben.“
Der Ton der Parteicommuniqués war zwischen euphorisch und leicht besserwisserisch anzusiedeln. Kein Wunder: FDP und SVP hatten die Mobilitätsinitiative gemeinsam lanciert und damit nun reüssiert.
„Klare Zuständigkeiten und weniger Ausweichverkehr“, fasste die Mitte Kanton Zürich ihre Mitteilung zum Thema zusammen. Sie sei „erfreut über dieses klare Ja zu einem geordneten, effizienten und alltagstauglichen Verkehrssystem“. Die Initiative schaffe klare Zuständigkeiten zwischen Kanton und Gemeinden bei Temporegelungen. „Mit dem heutigen Entscheid wird ein wichtiger Schritt zur Entlastung der Quartiere und einer verlässlichen Mobilitätsplanung gemacht. Die Mitte wird sich weiterhin für eine faire Balance zwischen Verkehrsfluss, Sicherheit und Lebensqualität einsetzen.“
Interessant ist, dass alle drei Parteien in Winterthur und in Zürich nicht die prägenden Parteien des Politlebens sind.
Zu Wort meldete sich auch der TCS, genauer die Sektion Zürich des Touring Clubs Schweiz. „Mit Tempo 50 auf dem übergeordneten Strassennetz bleiben Quartiere und Schulen vor Ausweichverkehr verschont“, so der TCS. Das Ja sei zudem ein deutliches Statement gegen die ideologisch gefärbte Verdrängungspolitik von rot-grüner Seite und ein Zeichen ans Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, die in der Vernehmlassung befindlichen Verordnungsänderungen umzusetzen. Die Mitteilung schliesst mit einer ganz feinen Drohung an Zürich und an Winterthur: „Der TCS wird die Umsetzung der beschlossenen Vorgaben verfolgen und sich für eine konsequente Durchsetzung stark machen.“
Gegner befürchten verkehrspolitische Stagnation
Und die Verlierer? Auf dem Lokalsender Tele Züri sagte Zürichs SP-Stadträtin Simone Brander, verloren hätten die Schulkinder und die 125’000 Stadtzürcher Bewohnerinnen und Bewohner, die an lärmbelasteten Strassen wohnten. Oliver Heimgartner, Präsident der SP Stadt Zürich, liess sich in der SP-Medienmitteilung folgendermassen zitieren: „Die rechten Parteien werden nie müde, in ihren Sonntagsreden den Föderalismus und die Gemeindeautonomie zu betonen.“ Der Abstimmungssonntag zeige einmal mehr, wie sie in der Realität das Gegenteil machten: Die Bevölkerung werde bevormundet und die Städte würden mit ihren Problemen alleine gelassen. Obwohl die Stadtbevölkerung sichere Schulwege und ruhigere Strassen wünsche, werde den Städten nun eine seit über 150 Jahren eingeräumte Kompetenz entzogen, so Heimgartner.
„Wirkungslose Bevormundung der Städte“, heisst es in der Mitteilung der Grünen Kanton Zürich. Die Mobilitätsinitiative vertiefe lediglich den verkehrspolitischen Stadt-Land-Graben. Die Grünen geben sich dazu durchaus selbstkritisch. „Offenbar ist es den Gegnerinnen und Gegnern der Initiative nicht gelungen zu erklären, dass die Verkehrsthemen in Zürich und Winterthur ganz andere sind als in den Landbezirken.“ Dass nun der Kanton die Hoheit über die Hauptstrassen in Zürich und Winterthur übernehme, werde nichts verbessern, sondern lediglich in eine weitere verkehrspolitische Stagnation führen.
Aufmerksam auf sich machte auch das Gemeindekomitee „Nein zum Strassengesetz“. Es bedauert laut eigenen Angaben das Abstimmungsresultat. Die Mobilitätsinitiative der SVP (die FDP wird nicht erwähnt, Anm. d. Red.) sei ein massiver Eingriff in die Gemeindeautonomie, gefährde die Sicherheit der lokalen Bevölkerung, führe zu langwierigen und teuren Rechtsverfahren und verunmögliche wirkungsvollen Lärmschutz.
Sandra Rottensteiner, Urdorfer EVP-Gemeindepräsidentin, wird in der Mitteilung zitiert: „Die Mobilitätsinitiative bringt den Autofahrenden kaum Vorteile, gefährdet jedoch die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden – insbesondere von älteren Menschen und Schulkindern.“ Man werde weiterhin alles tun, um Unfälle im Strassenverkehr zu verhindern – dies werde jedoch ab jetzt schwieriger. „Es ist zu hoffen, dass der Kanton in seiner Verkehrspolitik in Zukunft mit Augenmass handelt“, so Rottensteiner. Sie bildete mit der Winterthurer SP-Stadträtin Christa Meier und der Zürcher SP-Stadträtin Brander sowie weiteren elf Exekutivmitgliedern aus dem Kanton das gegnerische Gemeindekomitee, das mit 43,2 Prozent Nein-Anteil deutlich scheiterte.
Wie stark pressiert der Kanton?
Nun stellt sich die Frage, wie es weitergeht. Die Umsetzung obliegt der Kantonspolizei, die wiederum in der Sicherheitsdirektion unter Mario Fehr (parteilos) angesiedelt ist. Der Kanton wird nun auf dieser Basis die konkreten Massnahmen prüfen und anordnen, wobei die Zürcher Regierung bereits angedeutet hat, dass bestehende oder zumindest angekündigte Tempo-30-Regelungen rückgängig gemacht werden könnten. Es handelt sich zum Beispiel um Tempo 30 rund um den Hauptbahnhof Zürich. Jene Anordnung der Stadt wurde noch kurz vor dem Abstimmungssonntag der Mobilitätsinitiative öffentlich ausgeschrieben. Dafür erntete die Stadt Zürich Kritik aus dem bürgerlichen Lager.
Rasch ein Selfie fürs Episodenbild (v. l.): Lorenz Steinmann und Pascal Turin nach getaner Arbeit. Bild: Rathuus
Pascal Turin
In der 21. Folge des Rathuus-Podcasts stehen disruptive Volksinitiativen im Mittelpunkt: Lorenz Steinmann und Pascal Turin diskutieren über die Ecopop-Initiative und die Schwarzenbach-Initiative, aber auch die SVP-Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz”. Ausserdem geht es um Bargeld und das Kunsthaus.
Über das Thema Bevölkerungswachstum durften die Schweizerinnen und Schweizer bereits häufig an der Urne entscheiden. Die Anliegen trugen Namen wie Masseneinwanderungsinitiative, Ecopop-Initiative oder Schwarzenbach-Initiative. Ihnen allen war ihr disruptives Potenzial gemein. Lorenz Steinmann und Pascal Turin wagen in der 21. Folge des Rathuus-Podcasts einen Blick zurück, schauen aber auch in die Zukunft. Wir diskutieren darüber, ob die Politik die SVP-Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz” auf die leichte Schulter nimmt.
Hintergrund ist unser Artikel über das Gemeindeforum 2025, das vom Kanton Zürich kürzlich organisiert worden ist. Der Anlass stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Vorgestellt wurde auch der Stadt-Land-Monitor 2025 des Forschungsinstituts Sotomo. Glaubt man der Studie, dann liegt für die Schweizerinnen und Schweizer die optimale Bevölkerungszahl im Schnitt bei bloss 8,3 Millionen Menschen. Aktuell sind es aber bereits über 9 Millionen. Das kann man durchaus als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen.
Zum Abschluss widmen sich die Podcaster in dieser Folge weiteren Fragen der Stadtzürcher AL-Gemeinderätin Karen Hug. Wer schon immer wissen wollte, welches Fabelwesen Pascal sein möchte und welche Superpower sich Lorenz wünscht, sollte unbedingt bis zum Ende hören.
Eindrücklich! Die Betonstützen des EWZ-Rohbaus. Unten der öffentliche Durchgang zwischen dem Pfingstweidpark und dem Migros-Hochhaus Herdern. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die Seilbahn der ZKB blieb ein Traum von Touristikern. Und ob die Zoo-Seilbahn dereinst mehr als eine Planungsleiche sein wird, muss sich noch weisen. Immerhin hat Zürich aber bald eine imposante Seilbahnstation. Zumindest sieht das neue Betriebsgebäude des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich so aus.
Noch ist erst der Rohbau fertig. Aber die Ausmasse und vor allem ein Blick auf die Visualisierung lassen erahnen, dass im ehemaligen Industriegebiet Zürich-West ein Wurf entsteht. Ein Bauwerk, welches ab Herbst 2027 das neue zentrale Betriebsgebäude des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) beherbergt. Wurf deshalb, weil es zumindest für die automobile Gesellschaft, die von Bern und Basel in Richtung City kurvt, für Aufsehen sorgen wird. Denn es ragt sehr markant in den Strassenraum.
Das neue Gebäude des Elektrizitätswerk der Stadt Zürich in der Fertigansicht, wie man sie auf Ende 2027 erwartet. Visualisierung: Karin Gauch, Fabien Schwartz
Bemerkenswert ist zudem, dass für den Neubau nicht einfach alles Alte abgebrochen wurde. Es war vielmehr ein Rückbau auf die Betonstruktur des bisherigen EWZ-Gebäudes mit einer Aufstockung um zwei zusätzliche Etagen und der Ergänzung durch den markanten, von drei Schrägstützen getragenen Vorbau. Er wird künftig über den durchgängigen Mühleweg ragen. Damit entsteht eine direkte und öffentlich zugängliche Verbindung zwischen dem Pfingstweidpark und dem Areal ennet der Duttweilerstrasse, dort wo sich das Migros-Hochhaus Herdern befindet. Die Duttweilerstrasse wird dazu unterquert, was beim dortigen vielen Verkehr sicher Sinn macht.
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Vor einer Handvoll Medienvertretern (Frauen hatte es keine) führten am vergangenen Mittwoch drei Experten über das Areal und durch die Baustelle. Stadtrat Michael Baumer (FDP), Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, zeigte sich beim Rundgang beeindruckt: „Der imposante Vorbau erinnert fast an eine Seilbahnstation – oder gar an eine James-Bond-Filmkulisse“, so der ETH-Ingenieur schmunzelnd. Spektakulär ist die Konstruktion tatsächlich: Für den Vorbau, die sogenannte Auskragung, musste zunächst ein spezielles Schwerlast-Traggerüst errichtet werden. Erst als Stützen und Überhang Mitte 2025 „vereint“ waren, trug die Konstruktion sich selbst.
Roman Pfister (links) von Meili, Peter und Partner Architekten wusste die Teilnehmenden des Rundgangs mit seinen Ausführungen zu fesseln und zu unterhalten. Bild: Lorenz Steinmann
Nachhaltig erneuert statt neu gebaut
Das Betriebsgebäude aus dem Jahr 1974 wurde bis auf seine Betonstruktur zurückgebaut. „Dieser Ansatz, der deutlich ressourcenschonender ist als ein Komplettabriss mit Neubau, entspricht ganz unserer nachhaltigen Unternehmenspolitik“, erklärte EWZ-Gesamtprojektleiter Simon Frei. Eine Aussage, die man eher im Departement von Hochbauvorsteher André Odermatt (SP) verorten würde. Dort hingegen sind, Stichworte Hallenbad Oerlikon und Eishalle Oerlikon, eher Abbrüche und Neubauten angesagt.
Ein Blick in die Vergangenheit: So präsentierte sich das Gebäude des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich vor gut 15 Jahren. Bild: Baugeschichtliches Archiv/Juliet Haller
Doch zurück in die Herdern in Zürich-West. Der auffällige Bau des Architekturbüros Meili, Peter und Partner Architekten kostete sicher etwas mehr als ein 0815-Gebäude, wie man es etwa von einer Aldi-Standardfiliale auf der grünen Wiese her kennt. Aber es sieht gut aus. Das Projekt ist energietechnisch schon fast unabhängig und es ist eine städtebauliche Bereicherung fürs Quartier. Denn es wertet die autodominierte Gegend für Fussgänger und Velofahrerinnen markant auf. Für Architekt Roman Pfister ist der EWZ-Bau ein wichtiger Beitrag zu einem „immensen Urbanisierungsprozess“ in der Gegend. Hier, wo es vor 15 Jahren noch Familiengärten hatte, sowie stadteinwärts ein wuchtiges Verteilzentrum von Coop. Ob sich noch jemand daran erinnert?
Dieser Teil des Gebäudes war bestehend und wurde lediglich ausgekernt. Bald werden überall noch die Fenster (siehe oben) angehängt. Bild: Lorenz Steinmann
Eine Million Franken weniger Mietkosten
Im Herbst 2027 sollen die Mitarbeitenden der Geschäftsbereiche „Anlagen und Netze“ sowie „Netz-Services“ und weitere Supportbereiche das erneuerte Gebäude beziehen. Damit konzentriert EWZ seine Arbeitsplätze in der Stadt künftig auf die beiden Hauptstandorte Oerlikon und Herdern. Durch die Aufgabe externer Mietflächen können jährlich rund eine Million Franken eingespart werden, wie Michael Baumer stolz verkündete.
Auch energietechnisch (Minergie-P-eco) wird das Projekt wegweisend sein: Die wichtigste Energiequelle bildet das Grundwasser, das über eine neuartige Rezirkulationsanlage genutzt wird. Auf dem Dach wird eine Photovoltaikanlage von knapp 2000 Quadratmetern rund 160’000 Kilowattstunden Solarstrom pro Jahr erzeugen. Das ist der Energieverbrauch von etwa 35 Einfamilienhäusern.
88,2 Prozent der Stimmenden sagten 2020 Ja
Das Betriebsgebäude Herdern ist der zweite Teil der Gesamtinstandsetzung des EWZ-Areals Herdern. Bereits im September 2023 wurde das neue Zentrallager in Betrieb genommen. Es steht bei der Auffahrt zur Duttweilerbrücke und hat eine auffällige Holzfassade. Für die Instandsetzung und Optimierung des gesamten EWZ-Areals Herdern haben die Stimmberechtigten der Stadt Zürich im September 2020 mit einem Ja-Anteil von 88,2 Prozent den Objektkredit von 167,44 Millionen Franken bewilligt.
Sie sprachen vor den Medien zum Projekt (v. l.): Architekt Roman Pfister, FDP-Stadtrat Michael Baumer und Gesamtprojektleiter Simon Frei. Bild: Lorenz Steinmann
Das EWZ versorgt Zürich und Teile Graubündens mit Energie. Es ist einer der grössten Energieversorger der Schweiz. Weil das EWZ selber Kraftwerke betreibt, sind die gut 220’000 angeschlossenen Haushaltungen und Betriebe technisch und preislich strommässig stabil versorgt. Das zeigte sich eindrücklich während der Stromkrise zu Beginn des Ukrainekriegs, als das EWZ viel tiefere Tarife anbieten konnte als andere Stromanbieter wie die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich oder der Stromkonzern Axpo, die bedeutend mehr Strom zukaufen müssen.
Weil drei der aktuellen Stadtratsmitglieder zurücktreten, ist das Wahlgerangel im Hinblick auf den 8. März 2026 grösser als auch schon. Bild: Stadt Zürich/zvg
Lorenz Steinmann
Heute Mittwoch wurde sie veröffentlicht, die Liste mit den Kandidierenden für den Zürcher Stadtrat und das Stadtpräsidium. Es sind die üblichen Verdächtigen, garniert mit einigen Exoten.
Marcel Bühler (Freie Liste), Jan Holtkamp (Volt), Thomas Horath (Freie Liste), Sandra Gallizzi (EVP), Sebastian Karrer (Freie Liste), Rita Maiorano (Partei der Arbeit – PdA), Mikhail Shalaev (Jungfreisinnige), Sevin Senem Satan (PdA) und Peter Vetsch (parteilos).
So könnte der Stadtrat von Zürich ab dem 8. März 2026 aussehen, wenn die Zürcher Exekutive zu unser aller Überraschung komplett ausgewechselt wird – mit 9 der 24 Kandidierenden, die wohl die wenigsten auf dem Radar für den Einzug ins Stadthaus haben. Und Marcel Bühler von der Freien Liste will sogar Stadtpräsident werden.
Das sind natürlich Hirngespinste.
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Alles in allem sind Überraschungen mit speziellen und bekannten neuen Namen ausgeblieben. Die von den SP-Delegierten ausgebootete Kantonsrätin Mandy Abou Shoak kandidiert nicht als parteilose Stadträtin und im Kampf ums Stadtpräsidium nehmen sich Përparim Avdili (FDP), Ueli Bamert (SVP) und Serap Kahriman (GLP) wohl gegenseitig Stimmen ab, sodass der SP-Kandidat Raphael Golta allem Anschein nach schon heute als Nachfolger von Corine Mauch eingetragen werden kann.
In einer ersten Einschätzung halten sich linke und rechte Splitterkandidatinnen und -kandidaten die Waage. Den Kandidatinnen und Kandidaten der Freien Liste werden recht enge Kontakte zu den Massnahmenkritikern während der Corona-Pandemie und der Vereinigung von Aufrecht Schweiz nachgesagt. Dem gegenüber stehen die Kommunismus-Sympathisanten von der Partei der Arbeit für „eine konsequente Stimme für die arbeitende Bevölkerung und für Frieden in Palästina“.
Peter Vetsch, der einzige Parteilose, kandidierte auch schon für die Exekutive in Sargans im Kanton St. Gallen und wollte 2023 Regierungsrat im Kanton Zürich werden. Er steht dafür, „unser Leben nachhaltig umwelt- und klimaschonend zu gestalten“.
Bemerkenswert ist die Kandidatur von Jan Holtkamp (Volt). Volt ist laut eigenen Angaben „die erste paneuropäische Partei, die in über 31 Ländern aktiv ist“. Volt will „diverse Elemente der direkten Demokratie auf die EU übertragen und diese von Grund auf reformieren. Umgekehrt möchten wir auch Best Practices aus ganz Europa in die Schweiz bringen“.
Wir (vom Rathuus) sind gespannt, wer am Ende reüssieren wird. Es bleiben noch gut dreieinhalb Monate bis zu den Wahlen.
Um das liebe Geld ging es in zwei Artikeln von Rathuus, deren Themen nun weiter für Furore sorgen. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Geld bewegt die Welt. Auch im Kanton Zürich. In den ersten elf Monaten des Rathuus-Bestehens waren zwei Artikel besonders nahe am Puls des Geschehens. Ein kommentierendes Update.
War das Bezahlen mit Bargeld an einer Kasse lange Zeit total normal, kehrte der Wind in den letzten Jahren. Vor allem in hippen Restaurants wird seither oft nur noch Kartengeld angenommen. Das spart Zeit für Abrechnungen, keine Frage. Doch die zu entrichtenden Gebühren sind nicht unerheblich.
Wie das Onlineportal Watson berichtete, wurde vergangenes Jahr eine Studie publik, die auch der Schweizerische Gewerbeverband mitfinanziert hat. Die versteckten Gebühren der Visa- und der Mastercard-Debitkarte an die Restaurants und Verkaufsläden betragen zwischen 0,3 und 2,5 Prozent. Bei der Postkarte sind es 0,1 bis 1,5 Prozent, bei Twint 0,4 bis 1,5 Prozent. Das kann ganz schön ins Geld gehen für die Restaurants und generell für die Firmen und Betriebe, die auf bargeldlosen Geldverkehr setzen.
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Die Kehrtwende des Kunsthauses
Besonders umstritten war der Entscheid des Kunsthauses Zürich, dass Bargeld nicht mehr als Zahlungsmittel akzeptiert werde. Man setze „im Sinne der Nachhaltigkeit, Nutzungsfreundlichkeit, Effizienz und Sicherheit neu auf bargeldloses Zahlen“, so das Kunsthaus. Dies nahmen die EDU-Kantonsräte Roger Cadonau aus Wetzikon, Hans Egli aus Steinmaur und Thomas Lamprecht aus Bassersdorf zum Anlass, eine kritische Anfrage zum Thema einzureichen, wie wir berichteten.
Die Stadtzürcher Gemeinderäte Stefan Urech und Yves Peier (beide SVP) sowie Sebastian Vogel (FDP) wiederum wollten politisch Tatsachen schaffen und reichten ein Postulat ein. „Der Stadtrat wird aufgefordert zu prüfen, wie die Kunsthausgesellschaft dazu bewegt werden kann, beim Eintritt ins Kunsthaus der Stadt Zürich wieder die Möglichkeit der Bezahlung mit Bargeld anzubieten“, heisst es im Vorstoss.
„Die Rückkehr zur Bargeldzahlung erfolgt per 1. Januar 2026, da die technischen und organisatorischen Anpassungen an unseren Kassen-, Shop- und Gastronomiesystemen (z.B. Anpassungen der Versicherungen etc.) eine kurze Vorlaufzeit erfordern“.
Der Zugang zum Kunsthaus solle für alle möglichst unkompliziert bleiben, so das Museum nach seinem Salto rückwärts. Deshalb werde man in beiden Gebäuden wieder eine Kasse für Bargeldzahlung ausstatten. Auch in den Shops und in den Gastronomiebetrieben wird wieder Bargeldzahlung eingeführt. Doch erst auf den 1. Januar 2026.
Dass man dem Vernehmen nach Kassen herausgerissen habe und nun vieles neu aufbauen müsse, will das Kunsthaus nicht kommentieren. Medienchefin Priska Amstutz, bis Ende 2023 leitende Journalistin beim „Tages-Anzeiger“, schreibt: „Die Rückkehr zur Bargeldzahlung erfolgt per 1. Januar 2026, da die technischen und organisatorischen Anpassungen an unseren Kassen-, Shop- und Gastronomiesystemen (z. B. Anpassungen der Versicherungen etc.) eine kurze Vorlaufzeit erfordern.“
Wieviel die „Rückbesinnung“ kostet, will Amstutz trotz der vielen jährlichen Subventionsmillionen durch die Stadt Zürich nicht herausrücken: „Zu detaillierten Kostenangaben geben wir keine Auskunft. Grundsätzlich können wir sagen, dass aufgrund der Rückbesinnung keine bedeutenden Kosten entstehen, aber bestimmte Einsparziele nicht realisiert werden können.“ Es sind umständliche Antworten zu einem Thema, das erstaunlich heiss gekocht wird. Zugegebenermassen auch von Rathuus.
Die Krux mit dem geplanten Verkauf von Energie 360°
Zum zweiten Geld-Thema: Es war ein mittleres Erdbeben im Medienwald, als Stadtrat Michael Baumer (FDP) am 6. November verlauten liess, er habe den Energie-360°-Chef entlassen. Jörg Wild musste Knall auf Fall gehen, weil er Oberchef werden wollte. Und zwar Chef der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich – kurz EKZ – inklusive Energie 360°. Dabei verdiente Wild laut dem Finanzbericht 2024 des Energieversorgers schon als Chef des ehemals Erdgas Zürich genannten Betriebs 400’000 Franken im Jahr, deutlich mehr als sein politischer Vorgesetzter und Verwaltungsratspräsident, Michael Baumer.
Dazu muss man wissen, dass Michael Baumer und mit ihm eine Dreierdelegation des Stadtrats bereits seit einigen Monaten intensiv dabei sind, den Verkauf des Milliardenunternehmens an den Kanton aufzugleisen. Die Rede ist von 1,1 Milliarden Franken, die der Kanton der Stadt Zürich bezahlen müsste.
Am Mittwoch vor zwei Wochen sorgte der geplante Verkauf für weitere Diskussionen im Gemeinderat, ja schon fast für Aufruhr. Auslöser war ein dringlicher Nachtragskredit von 978’000 Franken, den das Departement der Industriellen Betriebe von Stadtrat Baumer beantragte, um den Verkauf weiter voranzutreiben.
Dumm gelaufen – Geld ist schon ausgegeben
Das Blöde: Das Geld hatte der Stadtrat schon ausgegeben. Dennoch nutzten SP, Grüne und AL die Möglichkeit, um mit einem Nein zu der zusätzlichen knappen Million ihre Ablehnung des Verkaufs zu unterstreichen. SP, Grüne und AL. Sie können zusammen Entscheide im Gemeinderat kippen.
Der Unbeteiligte fragt sich unabhängig von den Verkaufsabsichten, warum so ein Verkauf so viel kosten soll. Erfolgshonorare? Externe Beraterhilfen? Vertiefungstage in schönen Hotels oder gar Austausch von Geschenken? Sei’s drum. Es sind ein bisschen viele Ungereimtheiten, die momentan im Departement Baumer vor sich gehen.
Der Nachtragskredit wurde vom Gemeinderat mit 75 zu 44 Stimmen abgelehnt. Das sind keine guten Prognosen für den Verkauf von Energie 360°.
Dabei versuchte Baumer im Gemeinderat, seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. Er wies darauf hin, dass das Gasnetz in Zürich in den kommenden Jahren schrittweise sowieso stillgelegt und durch thermische Netze ersetzt werden soll (ausser in der Altstadt und etwa in Witikon, Anm. d. Red.). So sei Energie 360° bald einmal eine Firma im Besitz der Stadt, die künftig in Zürich gar nicht mehr tätig sei. Baumer wehrte sich gegen den Vorwurf der Geheimnistuerei. So sei die Parlamentskommission bereits vor rund zwei Jahren über die Marktabklärungen informiert worden, wie der „Tages-Anzeiger“ berichtete.
Es bleibt abzuwarten, wie Baumers Finanzexperten die schon ausgegebene „Verkaufs-Million“ irgendwo im Budget 2026 unterbringen. Denn der Nachtragskredit wurde vom Gemeinderat mit 75 zu 44 Stimmen abgelehnt. Das sind keine guten Prognosen für den Verkauf von Energie 360°. Gelitten hat ohne Zweifel der Ruf von Michael Baumer.
Die Urbanisierung schreitet immer weiter voran: Laut Bevölkerungsszenarien werden 2050 gegen zwei Millionen Menschen im Kanton Zürich leben. Die Frage ist, ob Gemeinden und Kanton mit dem Wachstum Schritt halten können. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Ein gut schweizerischer Kompromiss? Am Gemeindeforum 2025 haben sich kürzlich Vertretende der Zürcher Gemeinden sowie des Kantons über Chancen und Risiken des Bevölkerungswachstums ausgetauscht. Fazit von Regierungspräsident Martin Neukom: „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“
Ein bisschen Netzwerken muss sein, auch wenn es schon frühmorgens losging. Dafür bot das Gemeindeforum 2025 vor Kurzem sicher eine ideale Gelegenheit. Ab 7.30 Uhr lud der Kanton gemäss Programm zum Begrüssungskaffee in die Eventlocation X-Tra im Stadtzürcher Kreis 5. Der Anlass stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Gemeinden und des Kantons tauschten sich über Erfahrungen sowie Chancen und Risiken im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum aus.
Laut Bevölkerungsszenarien des Statistischen Amtes sowie des Bundesamtes für Statistik könnten 2050 nämlich gegen zwei Millionen Menschen im Kanton leben. Zum Vergleich: Aktuell zählt Zürich 1,62 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Haupttreiber für das Wachstum bleibt die Zuwanderung aus dem Ausland, was natürlich Munition für die Befürworter der eidgenössischen Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“ aus den Reihen der SVP sein dürfte. Das ist allerdings ein anderes Thema.
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„Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, so SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr.
Das Wachstum in die richtigen Bahnen lenken
Egal ob in Dietikon, in Dübendorf oder in Dürnten: Wenig überraschend bringt das prognostizierte Wachstum finanzielle, gesellschaftliche und planerische Herausforderungen mit sich, insbesondere für die 160 Gemeinden des Kantons. Man denke da an neue Hallenbäder, neue Schulhäuser oder einfach mehr Verkehr. Gleichzeitig stehen Gemeinden, die nicht wachsen, vor ganz anderen Problemen. Der Turnverein sucht händeringend nach Mitgliedern, das letzte Restaurant muss die Lichter löschen und der Busfahrplan wird ausgedünnt, weil zu wenige Menschen den ÖV benutzen.
Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) hat darum Gemeindevertretende zum Dialog eingeladen. „Wenn der Kanton Zürich wächst, heisst das ganz konkret: Die Gemeinden wachsen. Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, liess sich die Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern in einem Communiqué zitieren.
Ähnlich klang es laut Mitteilung bei Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne): „Das Thema Wachstum betrifft uns alle in irgendeiner Form: Bei uns im Kanton alle Direktionen und bei Ihnen in den Gemeinden alle Ressorts.“ Wichtig ist gemäss Neukom das Bewusstsein dafür, dass das Thema in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird. Er werte Wachstum weder rein positiv noch rein negativ. „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“
Das Publikum kam ebenfalls zu Wort. Es konnte abstimmen, ob es das Bevölkerungswachstum eher als Fluch oder Segen erachtet. Das Resultat: 50,6 Prozent sehen es negativ, 49,4 Prozent positiv. Ein gut schweizerischer Kompromiss.
Der Kanton will eine Auslegeordnung vorlegen
Baudirektor Neukom erwähnte zudem das direktionsübergreifende Projekt „Wachstum 2050“. Dieses will aufzeigen, welche grundsätzlichen Fragestellungen mit dem prognostizierten Wachstum verbunden sind. Fast schon dem Verwaltungsklischee entsprechend soll bis 2027 eine Auslegeordnung mit möglichen Massnahmen vorliegen. Auch Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinden dürfen in einer Arbeitsgruppe ihre Sicht einbringen.
Einfliessen ins kantonale Projekt sollen überdies die Überlegungen der Teilnehmenden des Gemeindeforums zu den Bereichen „Sozialer Zusammenhalt und Akzeptanz“, „Öffentliche Einrichtungen und Leistungen“, „Raumplanung und Mobilität“ und „Wohnraum“.
Sie eröffneten das Gemeindeforum (v. l.): Jörg Kündig (FDP), Präsident Verband der Gemeindepräsidien, Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne) und Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Bild: Sabina Bobst/zvg
Der Stadt-Land-Monitor 2025 zeigt gegenüber der Erstbefragung 2021 einen wachsenden Stadt-Land-Graben: „Ein Drittel der Bevölkerung empfindet die Differenzen zwischen Stadt und Land als ernsthafte Belastungsprobe für die Schweiz“, schrieb die Fenaco in einer Medienmitteilung. Immer weniger seien der Ansicht, ihre Anliegen würden vom jeweils anderen Pol gehört.
Gemäss den Studienautorinnen und Studienautoren wird die einfache Unterscheidung in Stadt und Land der Realität aber nicht gerecht. Der Stadt-Land-Monitor differenziert zwischen grösseren Städten mit über 50’000 Bewohnerinnen und Bewohnern wie Lausanne oder Zürich und Gemeinden in der Agglomeration – im Einzugsgebiet solcher Städte. Unterschieden wird zudem zwischen kleineren, eigenständigen Städten wie Chur oder Sion mit mindestens 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die nicht Teil einer grösseren Agglomeration sind, sowie kleinen, dörflich geprägten Gemeinden auf dem Land.
„Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, sagte Politanalyst Michael Hermann gegenüber dem Fernsehsender Tele Z.
Das Wachstum hat positive Aspekte
„Mit der Lebensqualität in ihrer Gemeinde sind die meisten zufrieden“, heisst es in der Fenaco-Mitteilung weiter. Besonders positiv werde die Entwicklung dort wahrgenommen, wo das Wachstum überdurchschnittlich gewesen sei – obwohl das Bevölkerungswachstum insgesamt kritisch beurteilt werde. Gegenüber dem Fernsehsender Tele Z versuchte Politgeograf Michael Hermann den Gegensatz zu erklären: „Das Interessante ist, dass die Bevölkerung findet, dass gerade in wachsenden Gemeinden die Lebensqualität besser geworden ist. Wenn man aber die Leute nach dem Wachstum selber fragt, sobald man das Wort Bevölkerungswachstum in den Mund nimmt, sehen sie es plötzlich negativ.“
Hermann zeigte das Paradoxon an einem Beispiel auf: In wachsenden Gemeinden sagen die Leute, dass der ÖV besser geworden ist. Spricht man aber davon, dass die Bevölkerungszahl steigt, denken alle nur an volle Züge. „Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, führte Hermann aus. Wo die Bevölkerung hingegen schrumpft, dort wo sie nicht wächst, verschwinden Angebote und es fehlen Ressourcen.
Doch zurück zum Gemeindeforum: Zum Abschluss bedankte sich SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr bei den Gemeindevertretenden für die engagierten Diskussionen. Sie plädierte laut Mitteilung des Kantons dafür, das Bevölkerungswachstum trotz aller Widersprüche als Chance zu sehen – „als Chance, lebenswerte Gemeinden und Städte zu gestalten.“
Um 12.15 Uhr gab es dann laut Programm einen Apéro riche. Erneute Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen und bilateral darüber zu diskutieren, wie die Zürcher Gemeinden mit dem Bevölkerungswachstum umgehen sollen. Übrigens: Glaubt man dem Stadt-Land-Monitor 2025, dann liegt für die Schweizerinnen und Schweizer die optimale Bevölkerungszahl im Schnitt bei bloss 8,3 Millionen Menschen. Aktuell sind es aber bereits über 9 Millionen.
Unabhängige Statistik schützt vor verzerrten Bildern, verlässliche Daten stärken das Vertrauen. Die Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz ist ein Verhaltenskodex, der Standards festlegt. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ unterzeichnet. Das klingt für Laien vielleicht langweilig, ist es aber definitiv nicht. Denn Glaubwürdigkeit ist in Zeiten von Fake News ein umso wertvolleres Gut.
Drei bis vier Mal pro Jahr finden in der Schweiz Volksabstimmungen statt. Je nach Themenlage entscheiden die Stimmberechtigten über eidgenössische, kantonale oder kommunale Anliegen. Bei vielen Abstimmungen spielen Zahlen eine entscheidende Rolle. Regierungen, Parlamente oder Initiantinnen und Initianten untermauern damit ihre Argumentation. Die Grundlage bildet häufig die öffentliche Statistik – also die Daten über den Zustand und die Entwicklung von Bevölkerung, Umwelt oder Wirtschaft.
Umso wichtiger ist, dass die Zahlen stimmen. Das zeigt ein Blick auf jüngste Ereignisse.
Wir erinnern uns: Das Bundesamt für Sozialversicherungen – kurz BSV – wies die Ausgaben der AHV zu hoch aus. Plötzlich stand deshalb die Forderung im Raum, dass die Abstimmung über die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre von 2022 wiederholt werden muss. Laut einer Administrativuntersuchung lag zwar kein Rechenfehler im Programm der AHV-Finanzperspektiven vor und es wurden keine Sorgfaltspflichtverletzungen durch Mitarbeiter des BSV festgestellt. „Das Berechnungsprogramm habe aber zwei Formeln enthalten, die mathematisch zu wenig abgestützt und dokumentiert waren und langfristig zu unplausibel hohen Ausgaben führten“, heisst es in einer Medienmitteilung des Eidgenössischen Departements des Innern.
Das BSV gelobte Besserung und ergriff Massnahmen. Doch der Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung war bereits angerichtet. Denn in Zeiten von Fake News und demokratiefeindlichen Tendenzen muss die öffentliche Statistik umso höheren Ansprüchen genügen.
Genau hier setzt die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ an, die in mittlerweile vierter Auflage vorliegt. Das Bundesamt für Statistik und die Konferenz der regionalen statistischen Ämter der Schweiz hielten in einer im Frühling verschickten Mitteilung fest, dass die Statistikstellen mit der revidierten Charta „ein starkes Zeichen“ für Transparenz, Qualität und Innovation und gegen Desinformation und Fake News in einer zunehmend datengetriebenen Welt setzen würden.
Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die Charta kürzlich unterzeichnet. Was darin enthalten ist, lohnt einen genaueren Blick.
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„Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss“, sagt Co-Amtsleiterin Andrea Schnell.
Öffentliche Statistik soll verlässlich und unabhängig sein
Wie man einem Communiqué des Statistischen Amts entnehmen kann, ist die Grundsatzerklärung ein berufsethischer Verhaltenskodex, der Standards für das Entwickeln, Erstellen und Verbreiten öffentlicher Statistiken festlegt. „Die Charta definiert in Ergänzung zu den bestehenden Rechtsgrundlagen verschiedene Qualitätsstandards der öffentlichen Statistik und trägt zu deren Glaubwürdigkeit bei“, heisst es in der Mitteilung der Direktion der Justiz und des Innern, zu der das Statistische Amt gehört. Die politische Leitung der Direktion hat Jacqueline Fehr (SP).
In der Charta sind verschiedene Prinzipien aufgeführt, an denen sich das Statistische Amt nun zu orientieren hat. Die Idee: Die öffentliche Statistik soll fachlich unabhängig, objektiv, transparent und von hoher Qualität sein.
„Die Glaubwürdigkeit und die Verlässlichkeit der öffentlichen Statistik der Schweiz ist sehr hoch“, sagt Andrea Schnell, Co-Amtsleiterin, auf Anfrage. Die öffentliche Statistik sei ein System mit zahlreichen Akteuren aus allen föderalen Ebenen. Die Charta biete diesen Akteuren einen einheitlichen Qualitätsrahmen, einen Verhaltenskodex. Und sie betont: „Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss. Die Charta bietet den Statistikstellen, vor allem aber auch der Öffentlichkeit, einen Bezugsrahmen dafür.“
Doch dieser Anspruch muss sich im Alltag bewähren.
Offene Fehlerkultur ist laut Statistischem Amt wichtig
Wie wird aber sichergestellt, dass Objektivität und Unabhängigkeit gewährleistet sind? Das geschieht gemäss dem Statistischen Amt auf mehreren Ebenen, etwa indem es die Publikationen thematisch und zeitlich unabhängig plant. „Die Ergebnisse werden so bald wie möglich publiziert und durchlaufen fachliche Qualitätsreviews“, führt Schnell aus. Zudem würden die Grundlagen der statistischen Analysen – sofern keine datenschutzrechtlichen Bestimmungen dagegensprechen – öffentlich zugänglich gemacht. Stichwort: Open Government Data. Schnell spricht in diesem Zusammenhang von Transparenz in Bezug auf die verwendeten Datenquellen und die Analysemethodik sowie von einer offenen Fehlerkultur, die für den Erhalt des Vertrauens unabdingbar sind.
„In der Öffentlichkeit wurden jüngst einige, meist jedoch vermeintliche Statistikfehler diskutiert“, sagt Andrea Schnell. Sie ist seit 2014 für das Statistische Amt tätig und seit Juli 2023 Co-Leitende. Wichtig sei hier die Differenzierung zwischen tatsächlichen Rechenfehlern und Anpassungen bei Prognosemodellen beziehungsweise ihren zugrundeliegenden Annahmen und Wirkungsweisen. Wenn Fehler passieren würden, sei eine transparente Kommunikation und offene Fehlerkultur wichtig, damit daraus gelernt werden könne.
In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten, verhindere aber auch Fehler, so Andrea Schnell.
Künstliche Intelligenz hält auch bei Statistik Einzug
Neben den Prinzipien enthält die Charta Zielvorgaben und Ergänzungen zu den gesetzlichen Grundlagen. Die Statistikstellen, welche das Dokument unterzeichnet haben, tauschen sich regelmässig darüber aus, wie die Umsetzung gelingt und wo Entwicklungsbedarf besteht.
Gleichzeitig ändert sich das Umfeld für Statistikämter.
Laut dem Statistischen Amt entwickelt sich die öffentliche Statistik weiter – von der Erhebung über die Verarbeitung und die Analyse bis zur Veröffentlichung. So werden einerseits vermehrt vorhandene Informationen aus amtlichen Registern genutzt, damit der Erhebungsaufwand bei Bevölkerung und Wirtschaft minimal ist. Ausserdem werden Methoden der künstlichen Intelligenz – kurz KI – beispielsweise bei der Analyse von Satellitenbildern angewendet.
„Andererseits stellt auch die öffentliche Statistik die Nutzenden ihrer Produkte ins Zentrum“, sagt Andrea Schnell. Die öffentliche Statistik beschränke sich seit langem nicht mehr nur auf die Veröffentlichung der Ergebnisse, sondern suche den Dialog. In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten und verhindere Fehler. „Schliesslich gehört auch Transparenz und Reproduzierbarkeit dazu“, so Schnell. Auswertungscode werde vermehrt kollaborativ durch verschiedene Statistikstellen entwickelt und veröffentlicht, um Analysen für Fachexpertinnen und Fachexperten überprüfbar zu machen.
Am Ende hängt die Qualität unserer Demokratie also auch von etwas Unspektakulärem ab: Zahlen, denen man trauen kann. Eine verlässliche öffentliche Statistik bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen.
Rathuus-Autorin Lara Alina Hofer ist allein in Paris unterwegs, wie jedes Jahr. Mit einem leidenden und einem sehnsüchtigen Herzen – und Rilke! Bild: Lara Alina Hofer
Lara Alina Hofer
Es herbstelt in Paris. Unsere Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) schlendert durch die Champs-Élysées. Mit Rilke und Pablo Neruda an ihrer Seite wird fleissig über Liebe im politischen Kontext diskutiert. Ein Bruch mit dem modernen Dating. Früher war alles besser. Und gibt es überhaupt noch Hoffnung?
Es ist ein sonniger Herbsttag, die Blätter fallen im Sekundentakt von den Bäumen und rascheln beim Gehen unter den Stiefeln, als wollten sie einem davon abhalten. Like you can see in trees, everything beautiful leaves. Und ich mittendrin: der Champs-Élysées entlangspazierend, Kaffee in der Rechten, Croissant in der Linken, den Mantel bis oben zugeknöpft, weil ein Wind weht.
Und Rilke! Der mich durch die Gassen jagt und mir höllischen Druck macht mit seinem Herbstgedicht: “Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr!”
Romantik provoziert. Der Vollmond spioniert. Redet mir ins Gewissen. Verfolgt mich. Während ich, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, alleine in Paris bin, mit einem leidenden und sehnsüchtigen Herzen, und Rilke! Der mich durch die Gassen jagt und mir höllischen Druck macht mit seinem Herbstgedicht: “Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr!” Pssst, Rilke, halt die Klappe. Ich ertrage dich grad nicht.
Es gibt einen Mann, den ich liebe, und der mich liebt, so sagt man es sich zumindest, und doch bin ich allein in Paris, nicht dass ich es bedauern würde, aber es ist im Grunde doch bedauerlich. Weil es “kompliziert” ist, weil man sich “nicht sicher” ist, weil es “Effort” braucht, weil einer “avoidant” und einer „anxious“ ist. (Lest euch endlich ein in diese Attachment Styles!). Ja, Erklärungsversuche gibt es viele.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Bild: Lara Alina Hofer
Ich stehe vor dem Louvre und zerbreche mir den Kopf über all diese Möglichkeiten und nerve mich zugleich darüber, dass ich mir den Kopf zerbreche, während ich vor dem Louvre stehe. Liebe sollte genug sein. Romantik sollte genug sein. Eine echte Liebesbeziehung sollte nicht zu viel verlangt sein. Eine Pause ist die Hölle. Ich mache jetzt keine Pausen mehr. Schreite zügig weiter.
Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Und jetzt Pablo Neruda, der Rilke vom Trottoir stösst und mir ins Ohr flüstert: “My love, we have found each other hungry, and we bit each other, as fire bites, leaving wounds in us.” Also gehen? “Wait for me, keep for me your sweetness.” Aber was habe ich davon? “I will give you too a rose.” Na, immerhin!
Ist das grauenvoll anti-feministisch? Oder irgendwie… nachvollziehbar?
Man kommt jetzt in Versuchung, zu sagen: Früher war alles besser. Auch in der Popkultur. “Lieb mich, als wäre es das Jahr 1965”, singt die Sängerin Jessie Murph (18) aus den USA in ihrem neuen Song “1965” – und provoziert damit. “Ich würde ein paar Rechte aufgeben, damit du mich liebst, als wäre es 1965”, singt sie weiter. Und noch schlimmer: “Ich würde vielleicht ein paar Schläge von dir kriegen, dafür würdest du mir nicht nachts auf Snapchat schreiben.”
Ist das grauenvoll anti-feministisch? Oder irgendwie … nachvollziehbar?
Ich denke, es ist vor allem eines: Ein verzweifelter Hilferuf. Eine junge Frau sagt: Ich habe das moderne Dating satt. Ich will romantische Gesten, Blumensträusse, handgeschriebene Briefe und echte Dates. Ich will keinen belanglosen Sex, Unzuverlässigkeit und perverse Nachrichten auf Snapchat. In dieser Botschaft sehe ich durchaus etwas Feministisches: Eine junge Frau weiss, was ihre Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sind, wie sie geliebt werden will – und wie eben nicht.
Auch eine Art von Wärme. Bild: Lara Alina Hofer
Natürlich halte ich es für daneben, häusliche Gewalt zu verharmlosen und die hart erkämpften Frauenrechte einfach mal so über Bord zu werfen. Ich sehe darin aber auch die Dringlichkeit des Anliegens. Ein Ausdruck echter Verzweiflung. Ein Hilfeschrei, der sagt: Ich würde sogar Gewalt und Unterdrückung in Kauf nehmen, wenn ich dafür Romantik und Liebe kriege, wie ich sie mir wünsche.
Keine Gewalt und Unterdrückung, und trotzdem Romantik und Liebe? Das kriegen Männer seit Jahrtausenden. Das steht auch uns Frauen zu. Es muss nicht das eine oder das andere sein. So war es früher. Aber wollen in die Zukunft.
Meine Antwort auf dieses Dilemma: Geht denn nicht auch beides? Keine Gewalt und Unterdrückung, und trotzdem Romantik und Liebe? Das kriegen Männer seit Jahrtausenden. Das steht auch uns Frauen zu. Es muss nicht das eine oder das andere sein. So war es früher. So war es 1965. Wir aber wollen in die Zukunft. Eine Zukunft, in der beides gleichzeitig geht. In die wir die positiven Faktoren aus der Vergangenheit mitnehmen, die negativen aber zurücklassen. “Lieb mich, als wäre es das Jahr 2035.”
Um das zu erreichen, braucht es Veränderung. Hoffnung. Und Arbeit. Sieht man die neuesten Headlines, spürt man unter heterosexuellen Frauen jedoch eine grosse Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Journalistin Chanté Joseph polarisierte kürzlich mit ihrem „Vogue“-Artikel: “Ist es für Frauen heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?” Darin argumentiert sie, dass es für Frauen oft von Vorteil sei, keinen Freund zu haben.
Oder Autorin Asa Seresin, die in ihrem Artikel “Heterosexualität ist kein persönliches Problem” den Begriff Hetero-Pessimismus einführt: Frauen, die es satt haben, hetero zu sein, auf Männer zu stehen und Männer daten zu müssen. “Ein Ausdruck von Bedauern, sogar von Peinlichkeit, über die eigene Heterosexualität, ohne etwas daran ändern zu können”, lautet die Definition.
Die Theoretikerin Jane Ward, Autorin des Buches “Die Tragödie der Heterosexualität”, kommt in ihrem neuesten „Zeit“-Artikel zur Lösung: “Männer könnten lernen, Frauen so zu lieben, wie Lesben Frauen lieben. So sehr, dass sie ihnen zuhören wollen, sie respektieren und bewundern, ihrer Führung folgen, ihre Ideen ernst nehmen, ihre Bücher lesen und ihre Interessen teilen.”
Viele moderne Frauen brauchen heute keinen Mann mehr fürs Überleben, sie wollen einen Mann – oder eben nicht. Umso wichtiger wird es also, dass Männer zu den Männern werden, die Frauen wollen können.
Es ist also an der Zeit, dass Männer lernen, Frauen wirklich zu lieben. Von Herzen. Und für alles, was sie ausmacht. Dass sie sie aufrichtig respektieren, ihnen auf Augenhöhe begegnen und auf ihre modernen Bedürfnisse eingehen. Nicht auf Männer hören, die erklären, was Frauen wollen, sondern auf Frauen hören, die erklären, was Frauen wollen. Dass sie patriarchales Wissen und toxische Männlichkeitsdynamiken unlearnen. Verhaltensmuster ändern, auch wenn es Arbeit ist.
Viele moderne Frauen brauchen heute keinen Mann mehr fürs Überleben, sie wollen einen Mann – oder eben nicht. Umso wichtiger wird es also, dass Männer zu den Männern werden, die Frauen wollen können.
Davon profitieren schlussendlich beide Seiten. Das ist also ein Versöhnungsangebot. Auch an dich, Rilke.
Herren, es ist Zeit, die Unterdrückung war sehr gross. Stellt eure Bemühungen über das Patriarchat, und auf den Fluren, lasset den Feminismus los. Befiehlt, den letzten Männern gut zu sein, gebt ihnen noch zwei versöhnliche Tage, dann dränget sie zur Veränderung hin und jaget Harmonie in ihre Herzen rein. Wer jetzt keinen Boyfriend hat, ist im Trend. Wer jetzt allein ist, wird es nicht ewig bleiben, wird wachsen, lesen, lange Briefe schreiben, und wird in den Alleen hin und her zufrieden wandern, wenn die Blätter treiben.
Lara Alina Hofer (23) war in Paris und hat für Rathuus einen berührenden Text geschrieben. Bild: zvg
Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie publiziert auch fürs Junge Literaturlabor Zürich. Jene Texte erschienen mehrere Jahre lang jeweils in den Zeitungen der Lokalinfo AG. Nun schreibt Lara Alina Hofer bei Rathuus über „Poesie und Politik“ und über „Politik und Liebe“.
Politiker wollen wissen, warum das Restaurant "Wilder Mann" in Zürich schon so lange zu ist. Bild: Liegenschaften Stadt Zürich
Lorenz Steinmann
Weil sich der trübe Sonntag geradezu anbot, haben wir uns einen Blick in die lange Liste der Vorstösse im Zürcher Gemeinderat gegönnt. Rathuus präsentiert die Anliegen, die nach einem gerüttelten Mass an Arbeit für die Verwaltung riechen.
Die Sprachdiskussion um den Genderstern war gestern, jetzt geht es um Formulierungen bei Polizeimeldungen. Und diese können durchaus suggestive Wirkung haben. Dies zumindest ist die Auffassung von Anna Graff (SP), Michael Schmid (AL) und Anna-Béatrice Schmaltz (Grüne). Die drei Mitglieder des Stadtzürcher Gemeinderats haben deshalb eine schriftliche Anfrage an den Stadtrat gerichtet. Die Stossrichtung: Verkehrsunfälle würden in Polizeimeldungen oft „als schicksalhafte und damit unvermeidliche Vorfälle dargestellt (z. B. Unfall fordert ein Todesopfer)“.
Und weiter: „Unpersönliche Formulierungen wie ‚Es kam zu einem Unfall‘ lassen das Ereignis als Vorgang ohne Handelnde und ohne Ursache erscheinen“. Dadurch werde der Eindruck des Schicksalhaften verstärkt. Weiter erwähnen Graff, Schmid und Schmaltz das Beispiel des verwendeten Begriffs „Eifersuchtsdrama“ statt „Femizid“. Damit werde implizit die Gleichwertigkeit der Betroffenen suggeriert.
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Leicht didaktisch wirkend wird im Vorstoss gefragt, ob es diesbezügliche „Leitlinien, Leitfäden oder andere interne Vorgaben“ gebe und wenn nein, ob die Stadt so etwas plane.
Leicht didaktisch wirkend wird im Vorstoss gefragt, ob es diesbezügliche „Leitlinien, Leitfäden oder andere interne Vorgaben“ gebe und wenn nein, ob die Stadt so etwas plane. Dazu liefern die drei Parteimitglieder von SP, AL und Grünen eine Reihe von Links zu Beispielen, die sprachlich durchaus ihre Richtigkeit haben – aber eine erhebliche Umgewöhnung bedürften, bei Medienstellen, bei den Medienhäusern und den Medienrezipienten. Ehrlich gesagt haben sich alle an den typischen Polizeislang gewöhnt.
Die Stadt hat nun drei Monate Zeit für eine Antwort.
Genaue Unfallanalysen bitte
Der nächste aufgefallene Vorstoss riecht nach Arbeit, nach viel Arbeit für die Verwaltung. Die drei SVP-Gemeinderäte Derek Richter, Johann Widmer und Michele Romagnolo wollen mit ihrer schriftlichen Anfrage Klarheit darüber, „warum sich in den letzten fünf Jahren im Gebiet um den Hauptbahnhof mehr als 700 Verkehrsunfälle ereignet haben“. Dazu wollen sie „eine tabellarische Aufstellung getrennt in Jahre und Art der Unfälle“. Und weiter: Zu welchem Prozentsatz sei die Geschwindigkeit des MIV (motorisierter Individualverkehr, Anm. d. Red.) jeweils die „hauptursächliche Unfallursache“ gewesen?
Kritik hat der Stadt das Anliegen auch darum eingebracht, weil die Bürgerlichen eine Art Buebetrickli gewittert haben. Sprich: Die Stadt wolle ein Temporegime kurz vor der schicksalshaften Abstimmung vom 30. November einführen.
Hintergrund der Anfrage ist, dass die Stadt rund um den Hauptbahnhof Tempo 30 einführen will. Kritik hat der Stadt das Anliegen auch darum eingebracht, weil die Bürgerlichen eine Art Buebetrickli gewittert haben. Sprich: Die Stadt wolle ein Temporegime kurz vor der schicksalshaften Abstimmung vom 30. November einführen. Dann wird über die sogenannte Mobilitätsinitiative befunden. Diese will, dass zukünftig der Kanton das letzte Wort hat, wenn es um Tempo 30 auf Hauptstrassen geht.
In diesem Zusammenhang wollen die SVP-Vertreter vom Stadtrat wissen, ob „der Kanton Zürich als Inhaber eines Grossteils der von dieser Massnahme betroffenen Strassen vorab konsultiert wurde? Falls nein, weshalb nicht?“.
Alles in allem ein umfassender Vorstoss, der durchaus spannende und nicht unbedingt SVP-typische Massnahmen beinhaltet. Etwa „wurden alternative Massnahmen (z. B. gezielte Polizeikontrollen, Beleuchtung oder Verkehrsführungen ohne Geschwindigkeitslimits, etc.) geprüft?“.
Die Anfrage bedeutet aber wie eingangs erwähnt viel, viel Arbeit. Man darf gespannt sein, wie detailliert die Antwort auf 700 auszuwertende Unfälle ausfallen wird. Sie muss bis Ende Januar 2026 vorliegen.
Die Sorge um die Gastronomievielfalt
Was wäre das Parlament ohne wachsame Politikerinnen und Politiker, die mit Argusaugen durch die Quartiere streifen und den Finger auf wunde Punkte legen? Etwa darauf, dass Restaurants lang und länger leer stehen oder umgenutzt werden? So beispielsweise in Höngg. Die „Alte Trotte“ ist Geschichte. Der „Rebstock“ wurde zugunsten einer Herzklinik geschlossen und findet heute nur noch Erwähnung in Gesprächen über „die guten alten Zeiten“, wie es in der „Neuen Zürcher Zeitung“ kürzlich hiess.
Die NZZ erwähnte auch, dass die Restaurantkette Desperado, die in Höngg und an anderen Standorten präsent war, schon 2019 Konkurs ging. Besitzerin der Liegenschaft ist die Stadt Zürich. Selbst bei einer Miete, welche die Kosten der Stadt nicht decke, seien mehrere Betreiber an diesem Standort gescheitert, erklärte Stadtrat und Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) dem Quartierverein und gemäss NZZ. Alexander Jäger, Präsident des Quartiervereins Höngg, zeigte sich gleichwohl verärgert: „Wenn die Liegenschaft leer steht, dürfte der Ertrag tiefer sein als zu Zeiten des mexikanischen Restaurants“, so der FDP-Kantonsrat.
Punkto „Wildem Mann“ wollen Suter, Capaul und Koch zwar nicht gerade eine gendergerechte Umbenennung, aber immerhin eine aktive Unterstützung der Stadt für eine Zwischennutzung „etwa für Kultur, soziale oder gastronomische Projekte“.
Jüngstes Beispiel einer ungenutzten Beiz ist der „Wilde Mann“ in Hirslanden. Das Lokal steht seit Mitte 2023 leer. „Ein prominenter Standort wie dieser prägt das Quartierleben, sein Leerstand wird von der Quartierbevölkerung zunehmend als stossend wahrgenommen“, heisst es im Vorstoss der Gemeinderatsmitglieder Roger Suter, Flurin Capaul und Sabine Koch (alle FDP). Das Trio schlägt eine Zwischennutzung vor und will vom Stadtrat wissen, wie er „allgemein das Potenzial von Zwischennutzungen im Bereich leerstehender Gastronomieflächen in Zürich“ einschätzt.
Punkto „Wildem Mann“ wollen Suter, Capaul und Koch zwar nicht gerade eine gendergerechte Umbenennung, aber immerhin eine aktive Unterstützung der Stadt für eine Zwischennutzung „etwa für Kultur, soziale oder gastronomische Projekte“. Etwas, was man üblicherweise eher von der AL oder von der SP erwarten dürfte. Auch hier hat der Stadtrat drei Monate Zeit für eine Antwort.
Was bleibt? Natürlich sind nicht alle Vorstösse im Parlamentsbetrieb gleich spannend und zumindest für Aussenstehende sinnvoll. Hin und wieder wirken Vorstösse wie Strafaufgaben oder Beschäftigungstherapien, je nach Sichtweise. Aber alles in allem sind solche sonntäglichen Recherchen herrlich, weil sie beweisen, wie wichtig unsere Volksvertreterinnen und Volksvertreter ihre Aufgabe nehmen.
Die Fensterreinigung ist bereits geplant (v. l.): Lorenz Steinmann und Pascal Turin während der Aufnahme der 20. Folge des Rathuus-Podcasts in ihrem Büro im Stadtzürcher Kreis 4. Bild: Andrea Thelen
Pascal Turin
Als Anregung und nicht als Kritik: Lorenz Steinmann und Pascal Turin stellen sich für die 20. Folge des Rathuus-Podcasts tapfer dem Feedback von Branchenpersönlichkeiten.
Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Das Rathuus-Politikmagazin gibt es seit gut elf Monaten. Hipp, hipp, hurra! Lorenz Steinmann und Pascal Turin rieben sich erstaunt die Augen, als sie merkten, dass nun schon die 20. Folge des Rathuus-Podcasts ansteht. Ein kleines Jubiläum also. Die Co-Hosts haben sich darum für die Hörerinnen und Hörer etwas Besonderes einfallen lassen.
Lorenz holte für diese Folge Feedback von Medienexpertinnen und Medienexperten zu unserem Projekt ein – und präsentiert nun die Rückmeldungen. Der Rathuus-Gründer wollte unter anderem wissen, wie die persönliche Mediennutzung der angefragten Expertinnen und Experten aussieht, ob Bezahlmodelle der Weisheit letzter Schluss sind und ob Unterstützungsmodelle der öffentlichen Hand sinnvoll wären. Gemeinsam ordnen Lorenz und Pascal im ersten Teil das Feedback ein und schweifen dabei manchmal ab.
Auskunft gegeben haben die Branchenpersönlichkeiten Felix E. Müller, erster Chefredaktor der “NZZ am Sonntag”, Pia Guggenbühl vom Verlegerverband Schweizer Medien, Daniel Vogler vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich und Ursula Klein, Gründerin des Branchenmagazins Kleinreport.
Unser Onlinemagazin heisst Rathuus, weil im Zürcher Rathaus am Limmatquai (und im Moment im Rathaus-Provisorium in der Bullingerkirche) Entscheide getroffen werden, die unseren Alltag im Grossen wie im Kleinen beeinflussen. Bild: Pascal Turin
Lorenz Steinmann
Das Rathuus-Politmagazin gibt es seit gut elf Monaten. Am Sonntag wird die 20. Podcast-Folge aufgeschaltet. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Dazu haben wir die Meinung von Medienexpertinnen und Medienexperten eingeholt. Soviel vorweg: Freude herrscht!
Heute darf ich im Namen des kleinen Rathuus-Kernteams für einmal berichten, wie es uns so geht. Und zwar punkto Rathuus. Das ist unser Baby, das sich nach elf Monaten Lebenszeit immer mehr zu einem veritablen Wonneproppen entwickelt. Wir dürfen auf viele spannende Texte, gute Feedbacks aus der Leserschaft und ein respektables Medienecho zurückblicken.
Inzwischen sind wir bei 80 Mitgliedern (Rathuus-Abo inklusive Newsletter) sowie zusätzlich 55 Abonnentinnen und Abonnenten unseres kostenlosen Newsletters. Die Öffnungsrate bei den Newslettern ist mit etwa 70 Prozent sehr hoch. Das selbst gesetzte Ziel von 100 Mitgliedern bis Ende 2025 verfolgen wir beharrlich weiter.
Luft nach oben haben wir noch bei Besuchen vor Ort im Kantonsrat und beispielsweise im Gemeinderat der Stadt Zürich. Für das Interesse und die Bereitschaft, für Inhalte zu bezahlen, danken wir allen Unterstützerinnen und Unterstützern ganz herzlich.
Auch die bisher 20 produzierten Podcast-Folgen – aufgenommen im improvisierten Studio in unserem kleinen Büro an der Stauffacherstrasse im Kreis 4 – machen grossen Spass. Wir sprechen häufig über unsere Texte, vertiefen aber durchaus auch andere Themen und werden zwischendurch mal persönlich.
Gefühlsmässig haben wir uns nach gewissen Anfängerfehlern gesteigert.
Die Folge 20 unseres Rathuus-Podcasts erscheint am Sonntag. Darin erwähnen wir einige Feedbacks von Medienexpertinnen und Medienexperten zu unserem Projekt. Diese sind überaus positiv ausgefallen. Dazu haben wir aber auch gefragt, wie die persönliche Mediennutzung im Lokalen aussieht, ob Bezahlmodelle der Weisheit letzter Schluss sind und ob Unterstützungsmodelle der öffentlichen Hand sinnvoll wären.
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Kommen wir zu den Feedbacks
Felix E. Müller, Mitbegründer und erster Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“, hat auch früh Rathuus abonniert. „Ich finde Ihre Initiative mit Rathuus sehr positiv.“ Müller informiert sich via Mailingliste der Stadtkanzlei. Daneben lese er „natürlich im Tagi und der NZZ das, was von der einstigen Lokalberichterstattung noch zurückgeblieben ist“. Schliesslich lese er Rathuus und vereinzelt das Onlineportal Tsüri, wobei letztere Plattform ihn wegen ihrer Nähe „zu gewissen politischen Kreisen und staatlichen Geldgebern“ problematisch erscheine, so Felix E. Müller. Mit den kantonalen Themen sei es schwieriger. „Hier kommt zuweilen noch die ‚Limmattaler Zeitung‘ (als Splitausgabe der ‚Schweiz am Wochenende‘) zum Zug“, berichtet Müller.
Daniel Vogler, Forschungsleiter und stellvertretender Direktor des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich, kannte Rathuus bisher nicht. „Es scheint aber ein interessantes Projekt mit gehaltvollen Beiträgen zu sein“, so der Co-Autor des vielzitierten Jahrbuchs Qualität der Medien. Er informiert sich via „Tages-Anzeiger“, „den wir in der Familie als gedruckte Zeitung abonniert haben oder die NZZ, die ich digital abonniert habe“. Zürich sei zum Glück ein wichtiges Zentrum und die Medienhauptstadt der Schweiz. „Auch andere Medien wie beispielsweise ’20 Minuten‘ oder der ‚Blick‘ berichten deshalb ab und zu über Themen mit Bezug zu Stadt und Kanton.“ Zudem gebe es auch neuere Onlineangebote wie etwa den Newsletter des Onlineportals Tsüri.
Bezahlmodelle vs. Gratismodelle
Damit zur zweiten Frage, ob im Onlinebereich Bezahlmodelle oder Gratismodelle mehr Zukunft haben. Pia Guggenbühl, Direktorin des Verlegerverbands Schweizer Medien, sieht die Qualität als Erfolgsfaktor: „Die Zukunft gehört wohl journalistischen Medien, denen es – unabhängig vom Geschäftsmodell – gelingt, nahe bei ihrer Leserschaft zu sein, relevante Inhalte sowie einen echten Mehrwert zu bieten.“ Klar sei, dass es entsprechende Rahmenbedingungen brauche, damit sich solche Investitionen in den Journalismus auch künftig lohnen würden. Sprich: Neben der bisherigen Subventionierung der Postzustellung ist Guggenbühl dafür, dass man „über eine mittel- bis langfristige Medienförderung nachdenken“ soll, welche die Medien auch unabhängig des Kanals und des Geschäftsmodells sinnvoll unterstützen könne.
Während Felix E. Müller kurz und bündig auf Bezahlmodelle setzt, geht Wissenschafter Daniel Vogler ins zumindest für Fachleute interessante Detail. „Einerseits ist die Zahlungsbereitschaft für Onlinenews sehr tief. Das ist eine Herausforderung für Bezahlmodelle im Onlinebereich. Andererseits sind aufgrund der Konkurrenz durch Social Media und Suchmaschinen auch Angebote, die sich über Werbung finanzieren, unter Druck.“ Mit der zunehmenden Verwendung von KI-Chatbots für Informationszwecke seien zudem Reichweitenmodelle, also Modelle, die sich für Werbeerlöse an ein möglichst grosses Publikum richten, nochmals stärker unter Druck geraten.
Dabei erwähnt Vogler das Stichwort Zero-Click-Internet: „Menschen geben sich mit den Antworten der KI-Chatbots zufrieden, klicken nicht mehr auf die Originalquelle, was zum Einbruch des werberelevanten Traffics führt.“ Er schliesst daraus, dass daher aktuell Bezahlangebote (wie Rathuus, Anm. d. Red.), denen es gelinge, ein treues Publikum zu finden beziehungsweise eine Community aufzubauen, eher einen Vorteil hätten.
Ursula Klein kritisiert Politik
Ursula Klein, Gründerin, Besitzerin und Chefredaktorin des Branchenmagazins Kleinreport, sagt pointiert, dass der Markt total kaputt sei. Aus ihrer Sicht „melken“ der „Tages-Anzeiger“ und die NZZ „die treuen Abonnenten mit immer weniger Inhalten“. Online hätten Bezahlmodelle aber keine Chance, weil niemand mehr bereit sei, zu bezahlen. Der Kleinreport habe 9000 Abonnentinnen und Abonnenten beim Newsletter, eine stolze Zahl. „Aber betreiben lässt sich der Kleinreport finanziell nur knapp“, so die Unternehmerin. Sie findet Unterstützungsmodelle vom Staat durchaus eine Lösung. Sie kritisiert aber Politikerinnen und Politiker, die betonen, wie wichtig Lokaljournalismus sei, insgeheim aber aufatmen, wenn wieder ein Blatt zu- oder in einem anderen aufgeht. Besonders schlimm sei, wenn Gemeinden dann selber journalistisch aktiv würden und unkritische Gemeindeblätter verlegen.
Aufhorchen lässt in Zusammenhang mit staatlicher Unterstützung auch der FDP-nahe Felix E. Müller. „Mittlerweile bin ich, ganz entgegen meinen politischen Instinkten, zur Überzeugung gekommen, dass es staatliche Unterstützungsmechanismen braucht.“ Denn das Silicon Valley ruiniere den Journalismus in der Schweiz. Und mit KI werde alles noch schlimmer. „Gegen die hegemoniale mediale Dominanz der USA kann nur der Schweizer Staat ein wenig Gegensteuer geben. Ein einzelner Anbieter ist diesem Druck wehrlos ausgeliefert“, so Müller.
Ins gleiche Horn bläst Daniel Vogler vom Fög: „Nur weil der Staat ein Medium unterstützt, heisst das noch lange nicht, dass es seine Unabhängigkeit deswegen verliert.“ Allerdings brauche es hier Fingerspitzengefühl und eine transparente, professionelle Umsetzung. „Es gibt gut funktionierende Modelle, vor allem in skandinavischen Ländern. Diese Länder schneiden punkto Pressefreiheit immer sehr gut ab“, ist Vogler überzeugt. Direkte Medienförderung könne also eine Lösung darstellen, wenn der Markt nicht mehr in der Lage sei, den Journalismus zu finanzieren.
Wir schliessen mit Rathuus eine Lücke
Ob nun Rathuus hinten ansteht bei den Bittstellern, die Geld vom Staat wollen? Momentan lieber nicht. Wir wollen mit Inhalten überzeugen und schauen dann weiter. Dazu aber noch die letzte Frage ans Expertenteam. „Wo kann Rathuus noch besser werden?“
Aus dem Nähkästchen berichten kann hier Felix E. Müller: „Die grösste Informationslücke hat sich als Folge der anhaltenden Sparmassnahmen der Schweizer Verlage im Lokalen eröffnet. Ich war um das Jahr 2000 während gut drei Jahren Ressortleiter Stadt und Kanton Zürich der NZZ und kann deswegen ermessen, wie dramatisch der Abbau in diesem Bereich mittlerweile ist.“ Damals habe die NZZ täglich fünf bis sechs Seiten mit städtischen und kantonalen News produziert. „Dafür standen mir etwa 24 Festangestellte zur Verfügung“, so der passionierte Bergsteiger. Heute habe sich das im allerbesten Fall halbiert. Beim Tagi dürfte es noch schlimmer sein; der „Blick“ habe sich aus diesem Themengebiet weitgehend zurückgezogen.
„Mit andern Worten: Eine Initiative wie Rathuus ist enorm wichtig, weil dadurch eine immer grösser werdende Lücke ein wenig gefüllt wird“, urteilt Müller, der seit zwei Jahren als Präsident des Stiftungsrats des Instituts für Journalismus und Kommunikation MAZ (ursprünglich Medien-Ausbildungs-Zentrum) amtet. Er findet aber, dass Rathuus zunächst überhaupt einem breiteren Publikum vertraut werden müsse. „Das ist die grösste Herausforderung“, betont der ehemalige Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“.
Wissenschafter Daniel Vogler ist überzeugt, dass die Rathuus-Idee gut in unsere Zeit passe. Denn: „Lokaljournalismus ist gefährdet. Es braucht neue Ideen, wie man ihn für die Zukunft aufstellen kann.“ Es sei allerdings auch sehr schwierig, ein Angebot wie Rathuus dauerhaft und nachhaltig zu betreiben. „Solche Angebote leben in der Regel vom Engagement der Betreiber. Ich vermute, das ist bei Ihnen nicht anders“, so Vogler. Mit der thematischen Ausrichtung auf Zürcher Kantons- und Stadtpolitik habe das Angebot ein klares Profil. „Die Kombination mit dem Podcast finde ich eine interessante Ausrichtung. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, genügend Menschen zu finden, die für dieses Thema auch Geld bezahlen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit dem Projekt.“
Diese Feedbacks sind uns Ansporn genug, um mit noch mehr Engagement weiterzumachen. Denn das Einfache hat uns noch nie gereizt.
Die Stadtzürcherin Yasmine Bourgeois (51) ist FDP-Gemeinderätin und Expertin für Bildungsfragen. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Im Indiskreten Rathuus-Fragebogen erzählt FDP-Gemeinderätin Yasmine Bourgeois von den Parallelen zwischen ihrem jugendlichen Detektivclub und ihrer heutigen politischen Arbeit. Sie erklärt, warum ihr Hugh Grant entspricht und wer für sie der grösste Zürcher Politiker ist.
Yasmine Bourgeois, wie wurden Sie politisiert? Politik wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Meine Eltern waren bei der FDP. Und ich trat schon als Jugendliche den Jungfreisinnigen bei (damals noch Jungliberale).
Was wollten Sie als Kind werden? Detektivin – ich gründete sogar einen Detektivclub mit meinen Freundinnen. Heute brauche ich den Spürsinn und den kritischen Blick in der Politik.
„Mich beschäftigt, dass es in der Stadtzürcher Politik zu viel Ideologie und zu wenig gesunden Menschenverstand gibt.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Dass es in der Stadtzürcher Politik zu viel Ideologie, zu wenig gesunden Menschenverstand gibt. Ich hätte gern wieder mehr Pragmatismus und Leistung statt Symbolpolitik.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Ich war immer überzeugt, dass ich bei der FDP am richtigen Ort bin.
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Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ja, unter anderem für die Förderklassen-Initiative, bei der ich Mitinitiantin war. Sie wurde vom Kantonsrat bereits angenommen. Nun warten wir gespannt auf die Vorlage des Regierungsrats.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Diejenigen, die nicht ständig über Moral reden.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit Hugh Grant. Sein britischer, trockener Humor mit einer Prise Selbstironie entspricht mir sehr.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Das Zunfthaus zur Waag – dort isst man das beste Züri-Gschnätzlets!
„Ich kämpfte an vorderster Front gegen die Gratis-Badis in der Stadt Zürich und bekam vom Volk recht.“
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Nein.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Skandinavien mit dem Camper bereist.
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin? Stapi Emil Landolt. Er war der Stadt Zürich verbunden, interpretierte sein Amt überparteilich im Sinne der Sache und konnte ungezwungen auf alle Menschen zugehen.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Zum Glück kann das jeder für sich selbst entscheiden.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Ich kämpfte an vorderster Front gegen die Gratis-Badis in der Stadt Zürich und bekam vom Volk recht.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Ich habe einmal voller Überzeugung zum falschen Geschäft gesprochen und es erst mitten im Reden gemerkt. Da blieb nur noch: charmant weitermachen und improvisieren.
„Ich möchte das historische Rathaus gerne zurück. In diesen historischen Räumen hat Politik Stil, Charakter und Geschichte.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Ja, ich möchte es gerne zurück. In diesen historischen Räumen hat Politik Stil, Charakter und Geschichte.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Portobello-Burger klingt nach Etikettenschwindel. Lieber Poulet-Kebab!
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Beide nicht ganz mein Stil. Aber wenn schon, dann Beatrice Egli. Schlager machen fröhlich, und mit der zunehmenden Empörungskultur im Gemeinderat könnten wir von dieser Leichtigkeit eine Zugabe brauchen.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Berge.
Worauf freuen Sie sich? Auf den Moment, wo man merkt: Es hat sich gelohnt – und auf gemütliche Abende mit Familie und Freunden bei einem Glas Wein.
Und worüber können Sie lachen? Mit einer erfrischenden Portion Humor geht fast alles leichter.
Die Witikerin Yasmine Bourgeois ist seit sieben Jahren Mitglied des Gemeinderats der Stadt Zürich, vorher war sie Schulpflegerin. Bourgeois ist seither Mitglied der Spezialkommission Präsidialdepartement, Schul- und Sportdepartement. Von 2020 bis 2022 amtete sie als deren Vizepräsidentin, von 2022 bis 2024 als deren Präsidentin.
Sie vertritt den Wahlkreis 7 und 8, eine Hochburg der FDP in Zürich. Beruflich liess sich Bourgeois zuerst zur Hotelmanagerin ausbilden und war dann im Eventmanagement tätig. Später wurde sie Primarlehrerin, dann Schulleiterin. Über mehrere Jahre war sie nebenberuflich Eiskunstlauflehrerin. In der Freizeit trifft man die 51-Jährige oft in der Natur an. Sie hat drei Kinder und ist liiert.
Was gibt es Schöneres, als in einem "Lustigen Taschenbuch Spezial" zu blättern? Bild: Stephanie Turin, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Wie ein nächtlicher Besuch in einem Tankstellenshop mein Leben kurzzeitig veränderte und mich über 18 Franken ärmer machte. Und was das um mindestens vier Ecken gedacht mit Politik und dem Kanton Zürich zu tun hat. Eine Glosse.
Es war ein nebliger Herbstabend irgendwo in einer Agglo-Gemeinde Zürichs. Wie eine Motte zog mich das orange Leuchten des Schriftzugs im Halbdunkel an: Coop. Ich dirigierte meine Fahrerin (meine Ehefrau) mit hektischen Bewegungen Richtung des magischen Lichts. Sie setzte den Blinker, spurte ein und bog ab.
Aus dem Nebel tauchte endlich die fast menschenleere Tankstelle in ihrer ganzen Pracht auf. Nur ein dunkelblauer BMW mit Aargauer Kennzeichen stand neben einer der Zapfsäulen. Unser gelbes Elektroflitzerchen von Renault rollte sanft auf einen Parkplatz.
Die kühle Abendluft biss sich an meiner Haut fest, als ich aus dem Wagen stieg. Zum Glück lag die Coop-Pronto-Filiale nicht weit entfernt. Mit schnellen Schritten bewegte ich mich zur Eingangstür. Kurz erhaschte ich beim Vorbeigehen einen Blick auf einen Zeitungsständer, in dem sich eine einzelne Ausgabe des „Spiegels“ befand. Das Heft war schon ganz feucht von der Herbstluft. Auch die zwei Ausgaben der „Weltwoche“ sahen nicht mehr taufrisch aus. Das Nachrichtenmagazin und die Wochenzeitung boten einen traurigen Anblick.
Drinnen angekommen, gab es wichtige Fragen zu klären.
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Reden wir jetzt mal Klartext
Sollte ich wirklich noch zwei Dosen El Tony Mate Classic kaufen? Oder doch lieber Red Bull Zero? Und mag ich das wirklich lieber als Red Bull Sugarfree? Ja, das gibt es. Zero und Sugarfree. Reine Geschmackssache. Fast so wie bei Parteien.
Wem gefällt das AL-Magenta, das EVP-Gelb, das FDP-Blau, das Grün der Grünen oder der Grünliberalen, das Mitte-Orange oder das Sozi-Rot besser? Oder präferiert wer das gelbe SVP-Sünneli oder das kleine Schweizerkreuz im Logo der EDU? Was zählen schon die politischen Inhalte, wenn man fast einen ganzen Regenbogen an politischen Farben zur Auswahl hat?
Aber genug der Scherze. Reden wir Klartext.
Nächstes Jahr finden vielerorts Kommunalwahlen – also besser gesagt Erneuerungswahlen – statt. Die noch nicht eingestellten Lokalzeitungen sind bereits mit Bildern von Standaktionen voll. Die meisten zeigen fröhlich oder verkniffen lachende Personen, manche Politikerinnen und Politiker wurden von den Fotografierenden besser ins Bild gerückt als andere.
Fotos scheinen aber sowieso austauschbar. Zumindest in den Wahlwerbungen sind die Kandidierenden meistens arttypisch gekleidet. Betont urban und locker, wahlweise mit T-Shirt oder Jackett bei Personen links der Mitte. Die meisten Bürgerlichen lassen sich hingegen in Businesskleidung ablichten, tragen ein Hemd oder eine Bluse. Sie sehen alle wie aus einem Ei gepellt aus.
Wir sind ein Land der Unwissenden
Da kann man also nur noch auf den Inhalt schauen. Doch der zählt heutzutage kaum mehr etwas, denn immer weniger Menschen in der Schweiz nutzen journalistische Medien, um sich zu informieren. Das ist ein wenig erbaulicher Befund des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft, das zur Universität Zürich gehört.
Jetzt wird es ganz hart für Polit-Aficionados: Es gibt laut dem Jahrbuch Qualität der Medien 2025 immer mehr sogenannte News-Deprivierte, also Menschen, die auf Nachrichten verzichten. News-Deprivation sei auch ein grundlegendes Problem für die Demokratie, heisst es in einem Communiqué der Universität Zürich. News-Deprivierte würden demnach Politik und Medien weniger vertrauen, sich seltener am politischen Prozess beteiligen und sich der demokratischen Gesellschaft weniger verbunden fühlen.
Oha lätz! Das sieht schlecht aus für alle, die glauben, mit Inhalten statt Verpackung überzeugen zu können. Was uns nun wieder zu meinem abendlichen Besuch im Tankstellenshop zurückführt (Trommelwirbel): Es kam nämlich zu einer unerwarteten Wendung.
Kindheitserinnerungen übermannten mich
Ich blieb auf halbem Weg zum Getränke-Kühlregal stehen. Beim Gestell mit den Heftchen (dort wo interessanterweise „Der Spiegel“ nicht zu finden ist) stach mir das goldglänzende „Lustige Taschenbuch Spezial“ Nummer 127 ins Auge. Auf dem Cover hält Dagobert Duck in historischer Seemannsbekleidung ein Flaschenschiff in die Höhe. Der Titel: „Klar Schiff!“
Kindheitserinnerungen übermannten mich, und ohne zu zögern griff ich nach dem Comicband. 18 Franken und 50 Rappen kostete mich der Spass, wie ich mit Schrecken an der Kasse feststellte. Ebenfalls im Einkaufskorb landeten eine Dose El Tony Mate Classic sowie zwei Dosen Red Bull Zero. Dadurch kamen noch ein paar Franken dazu.
Doch der Preis sei an dieser Stelle nicht relevant. Ein Comic nach dem anderen verschlang ich in den folgenden Tagen. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Politik ist wie ein „Lustiges Taschenbuch“. Fast jedes Mal hat der geizige Multimilliardär Dagobert Duck am Ende Glück, der cholerische und vom Pech verfolgte Donald Duck wird abgezockt, die untalentierten Panzerknacker landen im Gefängnis – und irgendwie läuft der Laden trotzdem. Wenn Entenhausen es mit diesen Protagonisten schafft, halbwegs zu funktionieren, dann dürfen auch die Gemeinden im Kanton Zürich hoffen.
Und vielleicht hat der zerstreute Erfinder Daniel Düsentrieb ja irgendwann eine zündende Idee, wie man aus News-Deprivierten und Politik-Verdrossenen wieder Demokratie-Fans macht.
"Führend in ökologischen Energielösungen": Romeo Deplazes von Energie 360° (links) an einer erfolgreichen Infoveranstaltung zur Einführung der Fernwärme in Volketswil. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Durch die Entlassung des Energie-360°-Chefs versucht FDP-Stadtrat Michael Baumer, die Wogen zu glätten. Doch die Idee, das Milliardenunternehmen dem Kanton zu verkaufen, könnte ihm mehr schaden als gewollt. Im links-grünen Zürich stossen Auslagerungsideen in der Regel auf wenig Gegenliebe.
Warum in aller Welt möchte ein Zürcher Stadtrat eine faktisch zur Stadtverwaltung gehörende Abteilung an den Kanton verkaufen? Ein Stadtrat, der als FDP-Mitglied der bürgerlichen Minderheit angehört und um seine Wiederwahl zittern muss? Michael Baumer will mit der Entlassung seines Energie-360°-CEOs die Wogen glätten. Ob das reicht? Doch der Reihe nach.
Es war im März 2025, als Vertreter von Energie 360° in Volketswil ihr Vorhaben vorstellten, Energie aus einem Rechenzentrum zu nutzen und so einen grossen Teil der Volketswiler Gebäude mit sauberer Energie zu versorgen. Also weg von Erdöl hin zu CO₂-freier Energie. Darin liegt die Zukunft, keine Frage. Der Gemeindesaal war voll, die Fragenliste lang, aber schlussendlich wurde das „Generationenprojekt“ wohlwollend goutiert von den Anwesenden.
Chef der Delegation von Energie 360° vor Ort war Romeo Deplazes. Damals war er Vize von CEO Jörg Wild. Jetzt ist er quasi über Nacht zum Chef eines Milliardenunternehmens geworden, weil Verwaltungsratspräsident und FDP-Stadtrat Michael Baumer seinen Vorgänger Jörg Wild Knall auf Fall entlassen hat. Der Druck wurde zu gross, da die Finanzwebsite Inside Paradeplatz öffentlich gemacht hatte, dass Jörg Wild Oberchef werden wollte. Und zwar Chef der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich – kurz EKZ – inklusive Energie 360°.
Energie 360°, so heisst heute die zu 100 Prozent öffentlich-rechtliche AG, die bis vor elf Jahren noch Erdgas Zürich hiess und bis 1998 als Gasversorgung Zürich agierte. Es war jene Zeit, als neoliberale Politikerinnen und Politiker technische Abteilungen privatisieren wollten. So etwa das hochrentable Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ). Eine entsprechende Vorlage wurde vom Volk vor 25 Jahren abgelehnt. Ein ähnliches Vorhaben wurde 2016 schon im Gemeinderat verworfen.
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Viel Geld oder doch nicht?
Nun versucht Michael Baumer, FDP-Stadtrat und Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, abermals, eine bestens in die Stadtverwaltung integrierte und famos funktionierende Verwaltungseinheit abzustossen. Die Rede ist von 1,1 Milliarden Franken, die der Kanton der Stadt Zürich bezahlen müsste. Dabei hat sich Energie 360° vorbildmässig an die heutigen Anforderungen angepasst und bietet „nachhaltige Energie- und Mobilitätslösungen in der ganzen Schweiz“. Gemeinsam werde das Energiesystem transformiert – heute für die Generation von morgen. So, wie das etwa eingangs erwähnt in Volketswil passiert.
Energie 360° bietet genau jene Energielösungen, welche Zürichs Stadtrat seit Jahr und Tag postuliert. Kein Wunder, haben AL, SP und Grüne gestern in Medienmitteilungen betont, wie wichtig Energie 360° für Zürich sei. Begeisterung für den Verkauf sieht anders aus. Dabei heisst es aus dem Departement Baumer, das Erdgasnetz werde bis 2040 sowieso stillgelegt, dann brauche es Energie 360° in Zürich nicht mehr.
Bemerkenswert ist, dass bis vergangenes Jahr Energie 360° ein wichtiger Player bei der Fernwärme Zürich war. Seither hat das EWZ den Lead beim Milliardenprojekt Fernwärme Zürich. Das kann man als Vorteil sehen, wobei das Know-how bei Gasleitungen, zu denen auch Leitungen mit Wasserdampf zählen, definitiv eher bei einer Erdgasfirma angesiedelt wäre.
Erdgas bleibt noch lange Energiequelle
Just am vergangenen Mittwoch aber veröffentlichte der Stadtrat eine Karte mit den Gebieten, wo Erdgas in Zürich weiter primäre Energiequelle bleiben wird. „In einzelnen Gebieten wird die Nutzung von Gas, insbesondere von Bio- und erneuerbarem Gas, als Übergangslösung nötig sein. So muss etwa das Gasverteilnetz im Nieder- und Oberdorf für längere Zeit bestehen bleiben, da die Erschliessung mit Fernwärme dort vor 2040 nicht realistisch ist“, heisst es in der Mitteilung.
Aber hallo! Bedeutet dies, dass gewisse Teile der Stadt künftig von den EKZ abhängig sind? Geht es den Bewohnerinnen und Bewohnern wie bei der Stromknappheit im Jahr 2022? Damals mussten EKZ-Kundinnen und EKZ-Kunden im Gegensatz zur EWZ-Kundschaft bedeutend tiefer in die Tasche greifen, bis zu 40 Prozent stiegen die Strompreise ausserhalb Zürichs im Kantonsgebiet. AL, SP und Grüne warnen auch jetzt vor so einem Szenario, wenn die Stadt die Kontrolle beim Erdgas aus der Hand gibt.
Grünliberale Stadtratskandidatin übt Kritik
Die Causa Baumer und Energie 360° war auch Thema in der Gemeinderatssitzung vom vergangenen Mittwoch. Serap Kahriman, die für die Grünliberalen Stadträtin und allenfalls gar Stadtpräsidentin werden will, griff Baumer und die FDP besonders scharf an. Sie sprach in der GLP-Fraktionserklärung gemäss der „Neuen Zürcher Zeitung“ von einem „Führungsversagen auf höchster Ebene“. Sie kritisierte die Führungs- und Kommunikationskultur im Departement der Industriellen Betriebe, also im Zuständigkeitsbereich Baumers. „Es ist Zeit für einen Führungswechsel, die GLP steht bereit“, so Kahriman.
Das Feld der Kandidatinnen und Kandidaten liegt wirklich eng beieinander. Erinnert sei daran, dass Michael Baumer bei seiner Wiederwahl 2022 lediglich 1205 Stimmen mehr holte als der knapp nicht gewählte linke Herausforderer Walter Angst (AL). Ob dieser Baumersche Sololauf Auswirkungen auf die Wahlen 2026 hat? Könnte er gar zum Eigengoal für die FDP werden? GLP-Gemeinderätin Kahriman hat den Steilpass angenommen. Es wird also definitiv spannend.