Zürichs FDP-Stadtrat Michael Baumer bekommt die schwierige Aufgabe, den ÖV in der Limmatstadt zu verbilligen, was ein Loch von 140 Millionen Franken verursachen könnte. Archivbild: Pascal Turin
Lorenz Steinmann
Es ist eine Binsenwahrheit. An einem Abstimmungssonntag gibt es Sieger und Verlierer. Ökoturbos und Ökobremser hielten sich in etwa die Waage. Eine Frage bleibt: Wer soll das alles bezahlen?
Los geht es zuerst mit dem kantonalen Resultat, das dem Baudirektor Martin Neukom (Grüne) nicht gefallen dürfte. Denn 59,5 Prozent der Stimmenden im Kanton Zürich lehnten das Energiegesetz aus seiner Direktion ab. Zürich will damit kein Vorreiter sein auf dem Weg zu Netto-Null und schreibt das Ziel von 2040 nicht ins Gesetz. Dabei steht die Klimaneutralität bereits seit 2022 in der Verfassung.
Heute Sonntag ging es um das Energiegesetz, also die gesetzliche Grundlage, um dieses Ziel zu erreichen. Die SVP hatte mit Unterstützung der FDP das Referendum ergriffen und siegte nun auf ganzer Linie. Ja sagte nur die Stadt Zürich, hier stimmten immerhin 58 Prozent der Stimmenden der Änderung des Energiegesetzes zu. Dies, obwohl Noch-Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) tüchtig gegen das Gesetz geweibelt hatte.
Alle anderen 159 Städte und Gemeinden inklusive Winterthur hingegen sagten Nein. Am deutlichsten lehnte Fischenthal im Zürcher Oberland das Gesetz (mit 82 Prozent) ab. Während die Bürgerlichen jubilierten, betonte Regierungsrat Neukom eisern: „Es ist keine Absage an den Klimaschutz.“ Jetzt dürfen die Umstellungen im Umwelt- und Energiebereich einfach ein wenig länger dauern.
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Überraschungen bleiben in Zürich aus
In Zürich siegte im Grundsatz die links-grün tickende Bevölkerung. So dürfen benzinbetriebene Laubbläser in Zukunft nicht mehr verwendet werden. Auch darf generell nur noch von Oktober bis Dezember Laub geblasen werden. Das entschieden die stimmberechtigten Zürcherinnen und Zürcher mit 61,7 Prozent der Ja-Stimmen. Laut Sicherheitschefin Karin Rykart (Grüne) soll das Verbot ab 2027 gelten. Die bürgerlichen Parteien bangen schon heute, was als Nächstes an Verboten komme, meldet die Gratiszeitung „20 Minuten“.
Mit 63,13 Prozent Ja-Stimmen hat sich das Stadtzürcher Stimmvolk zudem für das ÖV-Abo für 365 Franken ausgesprochen. Es ging um die Volksinitiative „VBZ-Abo für 365 Franken“, welche die SP lanciert hatte. Ein Abo für die Stadt Zürich in der zweiten Klasse wird somit in Zukunft 444 Franken günstiger. Alle Wahlkreise haben Ja gestimmt, wobei die traditionell besser betuchten Kreise 7 und 8 mit 54,81 Prozent die wenigsten Ja-Stimmen aufwiesen und die traditionell linken Kreise 4 und 5 mit 69,45 Prozent die meisten. Stadtrat Michael Baumer (FDP), Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, sagte an der Pressekonferenz, die Preissenkung koste den Steuerzahler 140 Millionen Franken. Die Umsetzung der Vorlage sieht er als sehr schwierig an.
Bei der nächsten Vorlage waren nur die SVP und die Grünen dagegen. Es handelte sich um die bislang grösste Investition der Stadt Zürich in ihre Sport- und Freizeitinfrastruktur. Nun hat sie die Hürde der Volksabstimmung relativ problemlos genommen. Mit 66,7 Prozent Ja-Stimmen stellten sich die Stimmberechtigten hinter den 373-Millionen-Franken-Kredit für den Neubau des Sportzentrums Oerlikon. Dabei hatte das Projekt in der Nähe des Hallenstadions und der Messe Zürich im Vorfeld Schlagzeilen gemacht, weil sich die prognostizierten Kosten fast verdoppelten. Jetzt ist der Weg frei für den Abbruch und Neubau.
Ein knappes Resultat, ein Ja, gab es bei der Parkkartenverordnung: Das Parkieren in der blauen Zone wird deutlich teurer. Die Stimmbevölkerung stimmte der neuen Parkkartenverordnung mit 52,8 Prozent Ja-Anteil zu. Fünf Wahlkreise sagten Ja, vier Nein. Durch die Änderung erhalten künftig nur noch die Personen eine Parkkarte, denen kein privater Parkplatz zur Verfügung steht. Zudem wird der Preis für das Park-Abo vom Gewicht und den Emissionen des Fahrzeugs abhängig.
Die „für unser Gewerbe vorteilhafte Gewerbeparkkarte“ sei das einzig Positive an diesem Resultat, hiess es in einer Mitteilung der FDP. Man bedauere, dass Anwohnerinnen und Anwohner dafür in den „sauren Apfel beissen müssen“ und ihnen für ihre Blaue-Zone-Karte zukünftig massiv höhere Rechnungen ins Haus flattern. Fussverkehr Schweiz kündigte gar juristische Schritte an, weil das Gewerbe in Zukunft in Ausnahmefällen auf dem Trottoir parkieren dürfe.
Die anderen Stadtzürcher Vorlagen waren unumstritten und erzielten sehr hohe Ja-Anteile.
Ein Blick in den Kanton
Keine Finanzspritze, sondern ein Polster: Die Stimmberechtigten von acht Gemeinden am Zürichsee sprachen sich für 70 Millionen Franken Sicherheiten fürs Spital Männedorf aus. Horgen sprach einen 73-Millionen-Kredit fürs Fernwärmenetz und Thalwil 34 Millionen für 58 günstige Wohnungen. Dielsdorf will analog der Stadt Zürich in den Sport investieren und saniert die Sportanlage Erlen. Zudem gibt es eine neue Eishalle. In Bülach sagten die Stimmbürger Ja zu einem 30-Meter-Hochhaus, aber wuchtig Nein zu einer Initiative, die mehr Mitbestimmung beim Verkehr verlangt hätte.
Ob das wegweisend ist? In Embrach und Freienstein-Teufen wird lärmiges Feuerwerk nämlich verboten. Und in Rüti wird das Alterszentrum wie etwa in Küsnacht in eine AG umgewandelt. In mehreren Gemeinden gab es auch ein Nein, wie der „Tages-Anzeiger“ berichtet: Neftenbach lehnte einen Kunstrasenplatz ab, Bonstetten sprach sich gegen eine Bademöglichkeit beim sogenannten Lochenweiher aus.
Nationale Resultate mit lokalen Auswirkungen
Schon kurz nach 12 Uhr zeigten die Hochrechnungen: Der Eigenmietwert wird wohl abgeschafft. Um kurz nach 16 Uhr folgte dann das Endresultat: Mit 57,7 Prozent nahm die Stimmbevölkerung die Vorlage zur Abschaffung des Eigenmietwerts an. Was im Lager der Gegner für lange Gesichter sorgte, bedeutete Freude bei Gregor Rutz. Der Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) und Zürcher SVP-Nationalrat sagte zu „20 Minuten“: „Ich bin sehr erleichtert, dass unsere Argumente aus einer breiten Koalition verfangen haben.“ Er versprach, dass nun die Steuern nicht einfach steigen würden.
Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone hingegen betonte, dass es eine extrem komplizierte Fragestellung und eine verwirrende Vorlage gewesen sei. Zudem sei das Budget des HEV mit über sieben Millionen Franken sehr hoch gewesen.
Das Inkrafttreten der Vorlage steht gemäss Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP) noch nicht fest. Erst nachdem das Eidgenössische Finanzdepartement die Konferenz der kantonalen Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren konsultiert habe, werde man weitermachen: „Die Reform dürfte frühestens 2028 in Kraft treten“, erklärte Keller-Sutter in Bern.
Im Jahr 2021 hatte eine Vorlage für eine E-ID an der Urne keine Chance. Anders diesmal – wobei es bis zum Schluss nicht klar war, ob sie durchkommt oder nicht. Die elektronische Identität wurde nun mit 50,4 Prozent denkbar knapp angenommen. Die Gegner der Vorlage kündigten an, Stimmrechtsbeschwerde einzulegen, weil die Swisscom Werbung für die Vorlage gemacht habe. SP-Bundesrat Beat Jans gab als Zeitpunkt für eine E-ID „vor Ende 2026“ an.
Zwischen Bonjour und Grüezi – die Lehrpersonen müssen das Land zusammenhalten. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI
Pascal Turin
Schlagzeilen vom politischen Parkett: Über eine Motion auf Kantonsebene, die sogar den Bundesrat aufschreckte, über Rochaden im Stadtzürcher Gemeinde- und im Zürcher Kantonsrat sowie über 270 zusätzliche Plätze im Medizinstudium.
Der Kantonsrat will das Frühfranzösisch abschaffen. Er hat damit in der Romandie für Empörung gesorgt. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich zukünftig erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden. Hintergrund war eine parteiübergreifende Motion der Mitte-Politikerin Kathrin Wydler – mitunterzeichnet von Hanspeter Hugentobler (EVP), Ursula Junker (SVP) und Nadia Koch (GLP).
„Viele Lehrpersonen sagen mir, dass man in der Oberstufe im Französisch praktisch wieder von vorne beginnt“, sagte Motionärin Wydler in einem Interview im „Anzeiger von Wallisellen“. Da stelle sich schon die Frage, was das Frühfranzösisch auf der Primarstufe bringe. „Die drei Lektionen pro Woche in der 5. und 6. Klasse könnte man sinnvoller nutzen – etwa für Deutsch oder Mathematik oder einfach für mehr Freizeit für die Kinder“, so die Kantonsrätin, die in Wallisellen wohnt.
„Der Entscheid des Zürcher Kantonsrats zielt letztlich auf eine Entwertung der Landessprachen und unserer Kultur ab“, sagte SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider.
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Die Regierung hat nun zwei Jahre Zeit, um die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen und diese dem Parlament zu präsentieren. Ob es aber überhaupt zur Abschaffung des Frühfranzösisch kommt, ist noch völlig offen. Seit dem Kantonsratsentscheid Anfang Monat überschlagen sich die Ereignisse. In Westschweizer Parlamenten kam es zu Unmutsbekundungen, im Nationalrat brach der Aktivismus aus und die Landesregierung zeigte sich ebenfalls nicht erfreut: „Der Entscheid des Zürcher Kantonsrats zielt letztlich auf eine Entwertung der Landessprachen und unserer Kultur ab. Das ist eine Entwicklung, die ich sehr ernst nehme“, sagte die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) gegenüber dem „Tages-Anzeiger“. Der Bundesrat vertraue darauf, dass die Kantone die Sprachenfrage selber regeln können. „Aber wir wissen auch, dass der Bund handeln muss, wenn die Kantone das nicht hinbekommen“, so die Vorsteherin des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI).
Weil man in Bundesbern aber offenbar doch stark daran zweifelt, dass es die Kantone alleine hinbekommen, wird interveniert: Der Bundesrat hat das EDI beauftragt, eine Gesetzesänderung vorzubereiten. Die Kantone sollen eine zweite Landessprache auf Primarstufe unterrichten müssen. „Ziel ist es, die Bedeutung der Landessprachen und den Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften zu sichern“, so der Bundesrat in einer Mitteilung. Diese Regelung solle nur greifen, falls der bestehende Sprachenkompromiss scheitere.
Affaire à suivre.
Alles hat ein Ende – auch die Zeit im Parlament
Neue Gesichter, andere Namen und vielleicht frischer Wind? Im Kantonsrat kommt es zu einigen Wechseln: Bei den Grünliberalen ersetzt im Stadtzürcher Wahlkreis 7 und 8 Martina Novak die Kantonsrätin Nathalie Aeschbacher, die per 29. September zurücktritt, wie es in der Mitteilung der Direktion der Justiz und des Innern heisst. Novak ist GLP-Gemeinderätin in der Stadt Zürich. Der Grüne Jonas Pfister wiederum tritt im Wahlkreis Stadt Winterthur die Nachfolge des per 29. September zurücktretenden Parteikollegen Florian Meier an.
„Zunächst einmal werde ich die zusätzliche Freizeit geniessen“, so SP-Gemeinderat Simon Diggelmann.
Doch das Sesselrücken ist noch nicht zu Ende: In der Mitte-Fraktion folgt nämlich im Wahlkreis Uster Claudia Bodmer-Furrer, Gemeinderätin aus Maur, auf den per 19. Oktober abtretenden Mitte-Kantonsrat und Volketswiler Gemeindepräsident Jean-Philippe Pinto. Bei den Sozialdemokraten kommt es im Wahlkreis Bülach zu einem Wechsel: Qëndresa Sadriu-Hoxha, die von Opfikon nach Meilen gezogen ist, tritt per 27. Oktober zurück. Ihre Nachfolgerin ist Lejla Salihu aus Winkel.
In der Stadt Zürich wurden bei der SP ebenfalls Rochaden angekündigt: Dort hat die Gemeinderätin Christina Horisberger, gewählt für den Wahlkreis 1 und 2, laut Communiqué des Stadtrats per 10. Oktober ihren Rücktritt erklärt. Auf Horisberger folgt Cordelia Forde. Und Simon Diggelmann will bereits per 3. Oktober zurücktreten, wie der Stadtrat mitteilt. Seine Nachfolge im Wahlkreis 4 und 5 tritt Micha Amstad an. Diggelmann, der seit über einem Jahrzehnt im Stadtzürcher Parlament sass, hegt offensichtlich noch keine weiteren politischen Pläne. Auf die Frage „Wollen Sie weiter Politik machen?“ antwortete er im Onlineportal Tsüri: „Das sehen wir dann. Zunächst einmal werde ich die zusätzliche Freizeit geniessen.“
Der Kanton Zürich geht in die Offensive
Grosses vor hat hingegen die Kantonsregierung bezüglich des Medizinstudiums: Der Kanton möchte zusätzliche Ärztinnen und Ärzte ausbilden. Das kürzlich dafür lancierte Projekt nennt sich „Med500+“. Wie es in einer Medienmitteilung des Regierungsrats heisst, stammen rund 40 Prozent des ärztlichen Personals aus dem Ausland. „Prognosen gehen zudem davon aus, dass bis 2040 rund 5500 bis 8700 Ärztinnen und Ärzte fehlen werden“, so die Regierung weiter.
Die Zahl der Studienplätze soll von heute 430 auf 700 erhöht werden – davon sind 50 für Zahnmedizin und 20 für Chiropraktik eingeplant. Es sollen also 270 neue Bachelor-Plätze in den Studienjahren 1 bis 3 und 230 Master-Plätze in den Studienjahren 4 bis 6 hinzukommen.
„Ein Wort muss aber noch gesagt sein zu den Finanzen“, sagte Mitte-Bildungsdirektorin Silvia Steiner.
Um den Ausbau zu ermöglichen, ist gemäss Kanton eine gleichzeitige Reform der Ausbildung notwendig. Ziel sei, den Praxisbezug der Studierenden bereits im Bachelorstudium zu stärken, insbesondere mit Blick auf die Förderung der Grundversorgung.
„Ein Wort muss aber noch gesagt sein zu den Finanzen“, sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Die Mitte) an der Medienkonferenz zum Projekt „Med500+“. Es sei immer so in Zürich, man sage immer gleich auch noch etwas zu den Finanzen. Das mache auch sie jetzt so, ergänzte sie mit einem Lächeln. „Ein solcher Ausbau ist nicht gratis, das ist klar“, betonte die Regierungsrätin.
Für die Projekt- und Ausbauphase von 2025 bis 2036 rechnet der Kanton demnach mit Kosten von knapp 500 Millionen Franken. „Geplant sind 10 neue Professuren und rund 140 zusätzliche Mitarbeitende in der Lehre, Betreuung sowie in der technischen und administrativen Unterstützung“, sagte Beatrice Beck Schimmer, Direktorin Universitäre Medizin Zürich, in einem hausinternen Interview auf der Website der Universität Zürich.
Doch bevor das Vorhaben konkrete Züge annehmen kann, muss das Kantonsparlament zustimmen. Es geht um einen Kredit von 25 Millionen Franken für den Projektaufbau in den Jahren 2027 bis 2029.
An der Universität Zürich sollen deutlich mehr Studienplätze in Medizin geschaffen werden: Medizinstudierende in der Anatomischen Studiensammlung. Bild: Universität Zürich; Ursula Meisser
Der Flughafen Zürich testet selbstfahrende Shuttlebusse für Mitarbeitende: Sie heissen Nimbus und Stratus und fahren automatisiert – aber noch mit Sicherheitsfahrerin oder Sicherheitsfahrer an Bord. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Das Ziel ist Level 4: Was wie eine Aufgabe in einem Videogame klingt, ist vielleicht bald Realität. Der Flughafen Zürich testet selbstfahrende Shuttlebusse. Auch der Kanton stellt die automatisierte Mobilität auf den Prüfstand. Vorreiter waren aber andere.
Eigentlich ist autonomes Fahren mit Fahrerin oder Fahrer sowieso viel schöner. So wie im Science-Fiction-Film „Total Recall“ von 1990. Dort steigt Arnold Schwarzenegger in ein Taxi, an dessen Steuer kein Mensch, sondern ein Roboter-Chauffeur sitzt. „Sie sind in einem Johnny Cab“, begrüsst der Roboter in blauer Uniform und Mütze den Fahrgast. „Wie komme ich in dieses Taxi?“, fragt Schwarzenegger mit seinem besten schauspielerischen Können genervt. „Die Tür ging auf, Sie stiegen ein“, antwortet der Roboter-Fahrer lapidar.
Ungefähr so, aber leider doch total anders – zum Beispiel fehlte der Roboter-Fahrer – war es kürzlich bei einem Medienanlass am Flughafen Zürich. Dort werden selbstfahrende Elektroshuttlebusse getestet. Die Medienschaffenden durften auf eine Probefahrt über das Areal mitkommen und ausprobieren, wie es sich anfühlt, computergesteuert mit maximal 30 Kilometern pro Stunde über das Areal zu rollen.
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Das Know-how stammt aus China
Nimbus und Stratus heissen die knuffigen Busse, die Mitarbeitende für ihren Arbeitsweg zwischen dem Flughafenkopf (Tor 101) – also dort, wo sich etwa der Bahnhof, die Check-in-Hallen oder der Tower befinden – und dem Werkhof (Tor 130) benutzen können. „Der Vorteil dieser Route ist, dass wir erst mal nirgends den Flugverkehr beeinträchtigen“, sagte Raphaël Glaesener, Senior Innovation Manager beim „ZRH Innovation Hub“. ZRH steht für die offizielle internationale Abkürzung des Flughafens.
Der Flughafen setzt auf Know-how aus Asien: Hergestellt hat die kleinen Gefährte der chinesische Bushersteller Golden Dragon. Laut eigenen Angaben verfügt das Unternehmen über drei Produktionswerke und rund 4000 Mitarbeiter mit einer jährlichen Produktionskapazität von mehr als 40’000 Bussen. Zum Vergleich: Der Schweizer Bushersteller Carrosserie Hess AG im solothurnischen Bellach kommt auf circa 2400 Busse pro Jahr.
Ausgestattet wurden die zwei Fahrzeuge mit der Technologie zum automatisierten Fahren des chinesischen Unternehmens We Ride. Taucht ein Hindernis auf, halten Nimbus und Stratus automatisch. Nimbus bedeutet übrigens etwa so viel wie „glanzvoller Ruhm“, Stratus dagegen „niedere Schichtwolke“. Bei der Testfahrt konnte der Bus ein auf der Strasse stehendes Kanalreinigungsfahrzeug selbstständig und mit Abstand überholen.
We Ride gilt als Vorreiter für autonomes Fahren – also wenn sich ein Auto dank Sensoren, Kameras und künstlicher Intelligenz ganz ohne menschliches Eingreifen fortbewegen kann. Wenn es doch noch eine menschliche Aufpasserin braucht, wird von automatisiertem Fahren gesprochen. Das fünfköpfige Innovationsteam unter der Leitung von Coralie Klaus Boecker arbeitet seit einigen Monaten zusammen mit We Ride und weiteren Partnern an einem ambitionierten Ziel, das fast nach einem Videogame klingt: Automatisierungslevel 4.
Und das sind die vier Level anhand der Shuttlebusse auf dem Flughafen:
Level 1 – Assistenz: Teilautomatisierung einer einzelnen Funktion wie Spurhalteassistent. Fahrende müssen eingreifen können.
Level 2 – Teilautomatisiert: Kombinationen von Assistenzfunktionen (Spurhalten, Beschleunigen, Bremsen) – zum Beispiel der Tesla Autopilot. Fahrende müssen dauerhaft eingriffsbereit bleiben.
Level 3 – bedingte Automatisierung: Der Bus kann auf definierten Strecken selbst fahren. Eine Sicherheitsperson muss anwesend sein, um eingreifen zu können.
Level 4 – Der Bus fährt vollständig automatisiert in einem definierten Einsatzgebiet. Die Sicherheitsperson muss nicht mehr anwesend sein. Mehrere Fahrzeuge können von einer zentralen Leitstelle aus überwacht werden.
Staunende Medienschaffende: Aus dem Remote-Cockpit können die Shuttlebusse am Flughafen Zürich dereinst ferngesteuert werden. Bild: Pascal Turin
Fernüberwachung der Busse geplant
Im Moment fahren in den Shuttlebussen nicht nur Passagiere mit – eine Person des Flughafens muss zusätzlich anwesend sein, um jederzeit eingreifen zu können. Der Flughafen befindet sich mit dem Pilotprojekt auf Level 3. Dereinst soll im Bus aber keine Sicherheitsfahrerin oder kein Sicherheitsfahrer mehr sitzen müssen.
Wie Raphaël Glaesener ausführt, fahren die Busse auf Level 4 vollständig automatisiert. Eine Aufpasserin oder ein Aufpasser braucht es dann nicht mehr. Die Fahrzeuge sollen aus der Ferne überwacht werden. Ein solches Remote-Cockpit testet das Innovationsteam aktuell in den eigenen Büroräumen im Büro- und Ladenkomplex Circle. Im Cockpit wird dann ein Mensch sitzen und die Fahrzeuge bei Bedarf beim Manövrieren unterstützen.
Passenderweise sieht das Remote-Cockpit aus wie ein Mix aus Rennsimulator, Raumschiff und Busfahrerkabine.
Im „Inno-Hub“ stellt der Flughafen generell innovative Ansätze auf den Prüfstand. Es geht darum, Abläufe zu automatisieren und die Effizienz von Prozessen zu optimieren, etwa bei der Gepäckauslieferung oder beim Boarding. Der „ZRH Innovation Hub“ ist also eine Art Labor, von der Büroatmosphäre her wird man dort zumindest an ein Google-light erinnert.
Passenderweise sieht das Remote-Cockpit aus wie ein Mix aus Rennsimulator, Raumschiff und Busfahrerkabine. „Wir gehen davon aus, dass wir erste Tests mit Fernüberwachung und ohne Sicherheitsfahrer frühestens Ende des Jahres durchführen können“, sagte Glaesener. Die ersten Fahrten ohne menschliche Aufpassende im Fahrzeug will der Flughafen ohne Fahrgäste absolvieren. Läuft alles nach Plan, dürfen danach wieder Mitarbeitende als Passagiere mitfahren.
Es wird überall fleissig gepröbelt
In der Schweiz ist automatisiertes Fahren keine Neuheit. Postauto hatte da eine Vorreiterrolle inne und erprobte sogenannte „SmartShuttles“ in Sion. „Von 2016 bis 2019 wurden 54’000 Fahrgäste sicher durch die Innenstadt von Sion befördert“, schreibt Postauto auf ihrer Website.
Nicht zu vergessen das schnucklige selbstfahrende Fahrzeug „Self-e“, welches die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) 2018 während 14 Tagen für ein paar Testrunden auf dem Areal der Zentralwerkstatt in Altstetten Probe fuhren. „Die VBZ möchten aus dem Test Rückschlüsse auf die aktuellen technischen Möglichkeiten im Bereich des automatisierten Fahrens ziehen und betriebsintern Erfahrung für den späteren Betrieb autonomer Fahrzeuge sammeln“, schrieben die VBZ damals in einer Mitteilung. Das Projekt Self-e stand laut SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch in einem grösseren und umfassenderen Kontext: Wichtig sei es Lösungen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.
Vielerorts involviert ist der Verein Swiss Transit Lab, der sich mit dem automatisierten Fahren auskennt. Im Kanton Schaffhausen wurde beispielsweise die Linie 12 zwischen 2018 und 2019 während rund eineinhalb Jahren mit einem selbstfahrenden Kleinbus betrieben. Sie verband den Rheinfall mit dem Zentrum von Neuhausen am Rheinfall. Bis Dezember 2024 war ausserdem in Schaffhausen ein kleiner Toyota-Bus fast selbstständig unterwegs – der Chauffeur sass nur zur Überwachung im Auto. Die Linie 13 verkehrte zwischen dem Bahnhof und dem Quartier Stahlgiesserei.
Getestet wird auch im Furttal. Die SBB, die Kantone Zürich und Aargau sowie das Swiss Transit Lab erproben dort führerlose Autos. Die Bevölkerung soll die Elektroautos des Modells Nissan Ariya per App kostenpflichtig bestellen können. „Die Fahrzeuge werden die Fahrgäste an einem definierten Haltepunkt abholen und sie zu einem anderen Haltepunkt in der Pilotregion bringen“, heisst es in einer gemeinsamen Mitteilung. Gemäss derzeitigem Stand wird dies frühestens in der ersten Jahreshälfte 2026 der Fall sein. Auch dieses Projekt setzt wie der Flughafen auf die Technologie des Herstellers We Ride.
„Mit dem Pilotprojekt etabliert sich der Kanton Zürich unter der Federführung des Amts für Mobilität als treibende Kraft einer zukunftsfähigen Mobilität und setzt auf Innovation und Pioniergeist“, wird im Communiqué erklärt. Das Amt für Mobilität ist in der Volkswirtschaftsdirektion unter FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh angesiedelt. Mit dem Pilotprojekt wolle der Kanton herausfinden, welchen Beitrag selbstfahrende Fahrzeuge leisten können, um ein bestehendes ÖV-Angebot nutzbringend zu ergänzen.
Nun folgt die Bewährung
Ob in Zürich Flugpassagiere dereinst in autonom fahrenden Flughafenbussen vom Terminal zum Flugzeug kutschiert werden, steht in den Sternen. Die selbstfahrenden Elektroshuttlebusse für Flughafenangestellte und die Technik dahinter müssen sich laut den Verantwortlichen zuallererst im aktuell laufenden Pilotprojekt bewähren.
Doch zurück zum Johnny Cab aus „Total Recall“: Das Roboter-Taxi kutschiert Arnold Schwarzenegger brav von A nach B. Doch automatisiertes Fahren hat seine Tücken – wie der Film eindrücklich beweist. Als Schwarzenegger mit dem Taxi vor Verfolgern fliehen will, versteht der Roboter den Befehl, sofort Gas zu geben, nicht. Er will zuerst den Zielort wissen. Kurzerhand reisst ihn Arni aus dem Sitz und setzt sich selbst an den Steuerknüppel. Das geht dann auf Level 4 nicht mehr. Da müsste Arnold Schwarzenegger schon in den „ZRH Innovation Hub“ im Circle einbrechen und ins Remote-Cockpit einsteigen.
Marita Verbali: Sie kandidiert neben dem Bisherigen Michael Baumer und Stadtparteipräsident Përparim Avdili für die FDP für einen Sitz im Stadtrat von Zürich. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Marita Verbali von der FDP hat mit viel Humor den Rathuus-Fragebogen ausgefüllt. Sie setzt sich gegen Fangewalt ein und freut sich auf viele Begegnungen im Wahlkampf. Gibt der Wunsch nach mehr Frauen im Stadtrat ihrer Kandidatur Rückenwind?
Marita Verbali, wie wurden Sie politisiert? Politisiert haben mich in den 80ern das Waldsterben, in den 90ern das Elend auf dem Platzspitz und die neu erwachte Restaurant- und Clubszene. Seither weiss ich: Politik ist mitten im Leben.
Was wollten Sie als Kind werden? Zuerst Polizistin, dann Anwältin – am Ende war ich lange Restaurantköchin und heute bin ich in der Unternehmensentwicklung im Gesundheitswesen unterwegs.
„Mich beschäftigt, dass es in Zürich endlich ein Ende der neuen offenen Drogenszene geben muss.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Mehr Mut, mehr Eigeninitiative und Freiraum fürs Gewerbe. Weniger Gratismentalität, weniger ideologische Quartier-Experimente, weniger Umverteilung. Und endlich ein Ende der neuen offenen Drogenszene. Zürich verdient eine Politik, die Lösungen sucht – über ideologische Grenzen hinweg.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Ich bin FDP, Punkt. Ich habe keinerlei Gelüste, nach links oder rechts zu wischen.
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Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ja klar, auch bei eisiger Kälte oder drückender Hitze. Das gehört zum politischen Alltag.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Petra Gössi – eine Staatsmännin, die Moral und Integrität lebt, ohne daraus ein grosses Theater zu machen.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit der koreanischen Schriftstellerin Han Kang – die mit einem Satz tiefgründiger ist als so mancher Politiker mit einer ganzen Rede.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Das „Rosi“ und das Ristorante Italia – quasi meine ess-politische Koalition: modern bayerisch trifft traditionsbewusst italienisch.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Natürlich, und zwar regelmässig. Das „Surprise“ überrascht mich tatsächlich immer wieder mit spannenden Beiträgen.
„Bis heute habe ich noch nicht geheiratet. Aber Politik ist auch eine Art Ehe – mit Höhen, Tiefen und Verpflichtungen.“
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Geheiratet. Aber Politik ist auch eine Art Ehe – mit Höhen, Tiefen und Verpflichtungen.
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin? Jede Person, die nicht wartet, bis jemand ihr den roten Teppich ausrollt – sondern ihn selbst hinlegt.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Wenn’s für beide passt.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Mein Fraktionspostulat gegen Fangewalt und für eine positive Fankultur – parteiübergreifend angenommen. Sportkultur statt Schlagzeilen über Krawall.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Bis jetzt bin ich noch in kein Fettnäpfchen getreten.
„Ob ich ins historische Rathaus zurück möchte? Mein Favorit ist das Rathaus Hard in der Bullingerkirche – aber psst, das bleibt bitte unter uns.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Mein Favorit ist das Rathaus Hard in der Bullingerkirche – aber psst, das bleibt bitte unter uns.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Portobello-Burger. Mit einer Sriracha-Mayo-Sauce.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Taylor Swift liegt mir musikalisch ein bisschen näher. Beatrice Egli gewinnt mein Herz mit ihrem Charme und Lächeln.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Japanische Kirschblüten. Das ganze Jahr Hanami auf dem Handy.
Worauf freuen Sie sich? Auf ganz viele Begegnungen mit ganz vielen Menschen im Wahlkampf! Die besten Ideen für politische Vorstösse bekomme ich im Gespräch mit Leuten.
Und worüber können Sie lachen? Am meisten über britischen Humor: Monty Python, Little Britain & Co. – köstlich schräg, trocken und einfach unvergleichlich.
Bereit für neue Aufgaben in der Stadtzürcher Politik: Marita Verbali. Bild: zvg
Marita Verbali ist seit Dezember 2023 FDP-Gemeinderätin. Sie gehört seither der Sachkommission Sozialdepartement an sowie der gemeinderätlichen Gruppe Bar- und Club-Kommission. Das passt, weil sie auch Gründungsmitglied des Vereins Pro Beiz ist. Die 55-Jährige ist Delegierte in der Stadtpartei für den Kreis 3 und Parteivorstandsmitglied der FDP Stadt Zürich.
Verbali ist Inhaberin der Einzelfirma Verbali Consulting, sitzt im Ausschuss der gemeinnützigen Stiftung Fondation Sana und ist Dozentin für Gesundheitsökonomie und -politik an den Juventus Schulen. Von 2010 bis 2018 war sie bei der Gesundheitsdirektion für die Gesundheitsversorgung im Kanton Zürich verantwortlich. Davor war Verbali acht Jahre Geschäftsführerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich – mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik.
Verbalis Vater stammt aus Italien, ihre Mutter aus Argentinien. In ihrer Freizeit ist Marita Verbali gerne mit ihrem Partner, seinen beiden Kindern, ihren Gottikindern und Freunden unterwegs. Sie liebt die Berge, Zeitung lesen, koreanische TV-Serien – und das Kochen, eine Leidenschaft, die sie über zehn Jahre in Zürcher Küchen wie dem „Josef“ und dem „Palais X-tra“ gelebt hat.
Gegenüber den Delegierten der FDP sagte Marita Verbali bezüglich der Stadtratswahlen 2026: „Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das mir gezeigt hat: Mit Einsatz, Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft kann man viel erreichen – genau diese Werte prägen meine Politik in der FDP. Zürich braucht keine Gängelung und Gratismentalität, sondern weniger Bürokratie, mehr Eigeninitiative und eine Politik, die den Menschen etwas zutraut.“
Sie setzen sich für den Erhalt der Yonex-Badmintonhalle im Stadtzürcher Kreis 5 ein: Stadträtin Simone Brander (SP) nahm rund 7000 gesammelte Unterschriften entgegen. Bild: Lorenz Steinmann
Pascal Turin
In der 16. Folge ihres Rathuus-Podcasts berichten Lorenz Steinmann und Pascal Turin von ihren Expeditionen nach Dietikon und Rafz. Hauptsächlich geht es in dieser Folge jedoch um Petitionen.
Sie sind zahnlos, aber trotzdem sehr beliebt – und vermutlich sogar wichtig: In der 16. Folge des Rathuus-Podcasts widmen wir uns dem Thema Petitionen.
Lorenz war nämlich bei der Einreichung von gleich drei Petitionen vor dem Rathaus Hard dabei. Wie es sich zur mittlerweile eingespielten Rollenverteilung gehört, ist er eher euphorisch ob der demokratischen Mitbestimmung, und Pascal mimt des Teufels Advokat, weil er eine Inflation der Petitionen beobachtet. Wer morgens mit einer Idee im Kopf aufwacht, der kann dank des Internets in einfachster Weise eine Petition lancieren. Für gefühlt fast jedes erdenkliche Thema werden heutzutage Unterschriften gesammelt. Doch wie sieht es eigentlich mit der Wirkung dieses Instruments aus?
Doch bevor wir uns dem Hauptthema der Folge annähern, berichten Lorenz und Pascal über ihre Expeditionen nach Dietikon und Rafz. Und zum Abschluss reden wir darüber, was wir diese Woche Interessantes gelesen haben.
Beat Hauser ist Wirtschaftsinformatiker und Schulleiter: Der 61-jährige Grünliberale wohnt in der beschaulichen Gemeinde Rafz und sitzt seit 2023 im Kantonsrat. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Umweltschutz oder Wirtschaft? Aus Sicht von Beat Hauser ist das kein Entweder-oder. Der GLP-Kantonsrat aus Rafz will Verantwortung für die nächste Generation übernehmen – dazu gehören für den Schulleiter auch gute Bildungschancen für alle.
Der Parkplatz, auf dem der rote Hyundai Kona Elektro hält, befindet sich direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Beat Hauser steigt aus und schaut sich um. „Ach, sind Sie auch mit dem Auto gekommen?“, ruft er mir zu, als er mich entdeckt. Ich verneine, weil ich den Zug genommen habe. Rafz liegt an der deutschen Grenze, ganz am Rand des Kantons Zürich. Hierhin verkehrt die S-Bahnlinie 9. Wer will, kann über Jestetten und Lottstetten nach Schaffhausen weiterfahren.
Wir treffen uns also beim Bahnhof Rafz. Hauser wohnt nicht im Dorfzentrum, sondern etwas ausserhalb in einem Minergie-zertifizierten Einfamilienhaus mit Ladestation für sein Elektroauto. Eigentlich war ein Spaziergang zum Gnal geplant, dem Rafzer Aussichtspunkt mit Feuerstellen und Blick über das Rafzerfeld. Doch es hatte die ganze Nacht und am Morgen geregnet, weshalb der Kantonsrat eine kurze Führung durch das Dorf vorschlug. Hauser holt zur Sicherheit noch einen Regenschirm von der Rückbank. Dann geht es los.
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Rafz ist ländlich geprägt. Die schicke Märktgass mit den gut erhaltenen historischen Fachwerkhäusern lässt sich sehen. Sie wurde erst kürzlich erneuert und feierlich eingeweiht. Die Werkleitungen, die Strasse und die Beleuchtung sind instand gesetzt worden. Alles sieht herausgeputzt aus. Ein typisches Postkartenidyll. Jetzt gilt hier Tempo 30. So stellen sich Städterinnen und Städter ein Dorf vor. Und dem Klischee entspricht, dass es einen Volg-Laden hat.
Aktuell leben in Rafz rund 4700 Menschen. „Die guten Verkehrserschliessungen nach Bülach, zum Flughafen Zürich, nach Winterthur, Zürich und Schaffhausen haben die Bevölkerung in den letzten 30 Jahren um nahezu 70 Prozent ansteigen lassen“, heisst es auf der Website der Gemeinde. Durch diese Entwicklung sei das Bild der Gemeinde nachhaltig geprägt worden. „Trotzdem ist Rafz als Einheitsgemeinde von Politik und Schule ein aktives und in jeder Beziehung lebens- und liebenswertes Dorf geblieben“, so die Gemeindeverwaltung.
Erfolgreich gegen geplante Abfalldeponie gekämpft
Auch Hauser lebt gern in Rafz. Schon seit 19 Jahren ist er hier daheim. Der Vater zweier Zwillingstöchter, von denen eine bereits ausgezogen ist und die andere mit einem Studium begonnen hat, schwärmt von der Ruhe, aber auch von der Nähe zur Natur. „Unser Naherholungsgebiet schätze ich besonders“, sagt der 61-Jährige. Trotz Volg und Metzgerei sind die Einkaufsmöglichkeiten in der Gemeinde recht eingeschränkt. Zum Einkaufen fahren darum viele Rafzerinnen und Rafzer ins Nachbardorf Hüntwangen, weil es dort einen grossen Coop gibt. Nur wenig entfernt – schon auf Eglisauer Boden – betreibt ausserdem die Migros eine Filiale. „Gewisse Dinge wie WC-Papier hole ich zudem in Deutschland. Dort ist das gleiche Produkt deutlich günstiger.“
Seit 2023 sitzt Hauser für die Grünliberalen im Kantonsrat. Bekanntheit erlangte er im Zürcher Unterland, weil er sich kritisch mit einer geplanten Abfalldeponie für Bauschutt in einer alten Lehmgrube auseinandersetzte. Im sogenannten Rafzer Bürgerkomitee engagierte er sich öffentlich gegen die Deponie und im Kantonsrat stellte er dazu eine Anfrage. Er wollte vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie die Baudirektion die Auswirkungen bei Hochwasser und Überschwemmungen im Gebiet bezüglich Ausbreitung von Schadstoffen bewertet und welche Auswirkungen für die Gemeinde betreffend zusätzlichem Verkehr entstehen.
Die Gemeindeversammlung sagte im Juni Nein zu den Plänen. Vorangegangen waren heftige Diskussionen, es gab sogar Hasskommentare auf Social Media. Dass es neue Abfalldeponien im Kanton braucht, bestreitet eigentlich niemand. Aber halt nicht hier im beschaulichen Rafz. Auch andernorts gibt es Widerstand, etwa in Birmensdorf, Dielsdorf oder Wädenswil – „not in my backyard“ eben.
Hauser war aus ökologischen Gründen dagegen, wie er gegenüber „Schweiz aktuell“ von Schweizer Radio und Fernsehen erklärte: „Weil das da oben ein Naturschutzgebiet ist, das auch der Kanton Zürich seit 1999 dementsprechend ausgeschieden hat.“ Es sei ein schützenswertes Gebiet, das vor allem für Amphibien sehr wertvoll sei. Die Deponie wäre von den Eberhard Unternehmungen gebaut worden, einem Bauunternehmen mit Sitz in Kloten. Die Flughafenstadt ist Teil des Wahlkreises von Hauser.
Vom Wirtschaftsinformatiker zum Schulleiter umgesattelt
Politikerinnen und Politiker müssen häufig abwägen. Grünliberale noch mehr. Den Spagat zwischen einer liberalen Marktwirtschaft und einer Wirtschaft, die nicht auf Kosten der Umwelt geht, findet der Präsident der GLP Bezirk Bülach anspruchsvoll. „Man muss sich zum Beispiel schon ziemlich genau überlegen, wo neue Strassen gebaut werden“, sagt Hauser. Mehr Strassen bedeuten auch mehr Verkehr. „Wo Strassen sind, werden sie auch benutzt.“ Das Rafzerfeld solle kein Ballenberg werden, „aber es gibt Menschen, die gern auf dem Land wohnen und andere wohnen lieber in den Städten. Es muss beides geben“.
Hauser möchte Verantwortung für die nächste Generation übernehmen. Dafür ist Umweltschutz aus seiner Sicht ein wichtiger Pfeiler. Doch auch das Thema Bildung ist ihm wichtig. Der Rafzer hat ursprünglich dreissig Jahre als Wirtschaftsinformatiker gearbeitet, unter anderem bei der früheren Grossbank Credit Suisse oder der Versicherung Axa. Doch seit 2016 ist er Schulleiter. Allerdings nicht in Rafz, sondern als Springer. Zuletzt war er beispielsweise in der Schaffhauser Gemeinde Stein am Rhein und in der Aargauer Gemeinde Kaisten an Schulen im Einsatz.
„Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln“, erinnert sich Hauser. „Man muss ja auch nicht das ganze Leben lang das Gleiche machen“, sagt er schmunzelnd. Das erste Mandat sei hart gewesen, weil er sich an die Kultur in der Schule gewöhnen habe müssen. „Da muss man einfach reinwachsen – die Kulturen in der Finanzbranche und im Bildungswesen sind eben unterschiedlich.“
Heute verfügt er über einen Master in Bildungsmanagement der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat schon an verschiedenen Primar- und Sekundarschulen temporär das Zepter übernommen. „Oft muss man als Schulleiter-Springer versuchen, ein Team zusammenzubringen oder Missverständnisse zwischen Behörde und Schulleitung auszuräumen.“
"Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln", sagt Beat Hauser. Bild: Pascal Turin
Auch Hauser ist für die Abschaffung des Frühfranzösisch
Am meisten Spass hat Hauser an der zum Teil herausfordernden, aber abwechslungsreichen Zusammenarbeit mit Lehrpersonen, Eltern und Behördenmitgliedern. Insbesondere über die Elternräte werde immer wieder Kritik direkt an die Lehrpersonen getragen, etwa wenn es um Beurteilungen von Schülerinnen und Schülern gehe. „Das ist aber nicht deren Job“, urteilt Hauser. Die Aufgabe des Elternrats ist aus Sicht von Hauser das Vertreten der Anliegen der Elternschaft und das Mitwirken bei Veranstaltungen – aber nicht das Bewerten von Lehrpersonen.
Auch zum Frühfranzösisch hat Beat Hauser eine klare Meinung. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden. So hat es kürzlich der Kantonsrat entschieden. „Erstens reichen die drei Lektionen pro Woche in der Primarschule zum Erlernen einer Sprache nicht. Zweitens hapert es schon im Deutsch und im Englisch bei der Grammatik“, erklärt der Schulleiter. Eine Verschiebung in die Sekundarschule mache darum Sinn.
Hauser wohnt nicht nur gern in der Natur, er mag auch die Berge. „Dort nehme ich Abstand von der Politik und vom Schulleiter-Dasein“, erzählt der Politiker. Als Vorzeige-GLPler würde er sich nicht bezeichnen, aber vielleicht als ein recht typischer Grünliberaler vom Land. „Ich finde Zürich sehr schön, bin auch gern dort, aber auf dem Land hat man halt zum Teil andere Bedürfnisse als in der Stadt.“ Er verweist auf die Parkplatzdiskussion und den bisher zögerlichen Umgang der Oberen in der Limmatstadt mit der Elektromobilität.
Wir kommen an den Schulhäusern Tannewäg und Schalmenacker vorbei. Man hört Kindergeschrei.
„Dass man den Verkehr nicht in den Quartieren will, das verstehe ich. Aber die Hauptachsen sollten offen sein und es braucht Parkplätze für Handwerker und Lieferanten“, sagt der Politiker. Er fügt an, dass er hier als Landschäftler rede. Gut möglich also, dass ein GLP-Mitglied aus der Stadt eine andere Meinung habe. „Doch das muss eine Partei aushalten können.“
Es beginnt zu tröpfeln, dann folgt der Regen. Beat Hauser spannt seinen Schirm auf. Vor uns sehen wir den Bahnhof. Gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt unsere Runde durch Rafz zu ihrem Ende. Wir kommen noch auf das Thema Finanzen zu sprechen. „Mein altes Lieblingsthema, weil ich ja lange in der Finanzindustrie tätig war“, so Hauser. Er versuche dort einen Ausgleich zu schaffen zwischen grünen Themen und Finanzthemen. Ihm sei es wichtig, dass die öffentliche Hand Gelder sinnvoll ausgebe, aber die Umwelt dabei nicht zu kurz komme.
„Hier geht es runter zum Perron“, sagt Hauser und zeigt auf die Unterführung. Wir verabschieden uns. „Danke für das Gespräch“, sage ich und gehe los. Hauser spaziert zu den Parkplätzen, während die S-Bahn Richtung Hauptbahnhof bereits einfährt und ich mich sputen muss.
Als Rafz schon hinter mir liegt, fährt der Zug am grossen Coop beim Bahnhof Hüntwangen-Wil vorbei. Der Supermarkt befindet sich in einem Industriegebiet. Vom beschaulichen Hüntwangen ist hier nichts zu sehen. Das Dorfzentrum liegt rund 2,5 Kilometer entfernt. Alle lieben den dortigen Volg, aber eingekauft wird meist hier.
Sie wohnt seit fünf Jahren in Dietikon: Die 21-jährige Politikerin Lea Sonderegger. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Wie tickt die Jungpolitikerin Lea Sonderegger aus Dietikon? Und wie schätzt sie die fünftgrösste Stadt des Kantons ein, die sich mit ihren vielen Unternehmen als Wirtschaftsstandort nicht zu verstecken braucht?
Wir treffen uns beim Caffè Spettacolo am Bahnhof in Dietikon. Es herrscht emsiges Treiben, obwohl es 15 Uhr am Nachmittag ist. Nur wenige Restauranttischchen sind unbesetzt, getrunken wird meist Cola oder Kaffee. Die meterspurige Wohlen-Bremgarten-Dietikon-Bahn – Bremgarten-Bähnli – gleitet vorbei, Busse schwärmen aus nach Geroldswil, Birmensdorf und Kindhausen AG. Sogar ein Tram ist anzutreffen. Die Linie 20, die hier auf der Strecke Bahnhof Altstetten nach Killwangen-Spreitenbach einen kleinen Umweg zum Bahnhof macht. Der grosse Verkehr via den Autobahnen A1 und A3 quert Dietikon auf der anderen Seite der SBB-Bahngleise an der Limmat. Die Autobahnen, es sind die zentralen Verkehrsadern der Schweiz.
Wer von Dietikon spricht, immerhin die fünftgrösste Stadt im Kanton Zürich und mit mehr Einwohnenden als etwa Aarau, Frauenfeld und auch Wetzikon, meint sehr oft die gute Verkehrsanbindung an Zürich. Besser oder zumindest schneller als aus den Stadtzürcher Quartieren Affoltern oder Leimbach in die City.
Der politische Einfluss der Grossmutter
Auch für Lea Sonderegger ist die Lage von Dietikon perfekt. Sie ist in Oetwil an der Limmat, quasi der Nachbargemeinde von Dietikon, aufgewachsen und wohnt seit fünf Jahren hier. Die 21-JährigestudiertBiomedizin an der Universität Zürich. „Das ist Biologie mehr auf den Menschen und das Zelluläre fokussiert“, erläutert Sonderegger. Ein naturwissenschaftlicher Studiengang mit Ergänzung in Medizin, „eine ideale Voraussetzung, um nachher in der medizinischen Forschung zu arbeiten“.
„Damals kam Andri Silberschmidt vorbei und referiert über die Renteninitiative. Dann war es um mich geschehen“, erzählt Lea Sonderegger und lacht.
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Politisiert wurde Lea Sonderegger durch ihre Grossmutter, die Jahrgang 1936 hat. Man besprach viele politische Themen. Dann erfuhr Sonderegger mehr zufällig vom kantonalen Jugendparlament und probierte das grad aus. „Damals kam Andri Silberschmidt vorbei und referierte über die Renteninitiative. Dann war es um mich geschehen“, erzählt Sonderegger und lacht. So beschloss sie rasch, sich selbst zu engagieren – mit erst 16 Jahren. Sie sagte sich, ja, das passt und rasch ging sie Unterschriften sammeln. Eine Tätigkeit, die sie heute noch schätzt, „weil immer wieder spannende Gespräche entstehen“.
2020 trat Sonderegger in die Jung-FDP ein, zuerst im Bezirk Dietikon. Sogleich kümmerte sie sich einige Jahre um Social Media. „Das machte mir viel Spass!“ Mittlerweile haben die Bezirke Affoltern und Dietikon fusioniert, was gut sei, findet Sonderegger, weil man sich eh oft in der Kantonsschule Limmattal sehe.
Im Gegensatz zur SP muss man übrigens nicht in die Mutterpartei eintreten, wenn man bei den Jungfreisinnigen dabei sein will. Die Altersgrenze nach oben liegt bei 35. „Danach hat man kein Stimmrecht mehr bei den Jungen“, weiss Sonderegger, man sei schliesslich eine Jungpartei.
Auf die Frage, ob man die Jungfreisinnigen als Kaderschmiede bezeichnen könne, schmunzelt Lea Sonderegger. Sie verweist auf Bundesrätin Karin Keller-Suter, die auch so angefangen habe.
Auf die Frage, ob man die Jungfreisinnigen als Kaderschmiede bezeichnen könne, schmunzelt die Jungpolitikerin, die man als eher besonnen und zurückhaltend bezeichnen kann. Sonderegger verweist auf Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die auch so angefangen habe. Auch weitere bekannte Politikerinnen und Politiker können ein Mandat bei den Jungfreisinnigen auf ihrem Karriereweg vorweisen. Aus Zürcher Sicht wohl die Nummer eins ist der heutige Nationalrat und Unternehmer Andri Silberschmidt-Buhofer. Der 31-Jährige hat übrigens einen besonderen Bezug zu Dietikon, weil er Sekretär des Verwaltungsrates der Planzer Transport AG ist, die ihren Hauptsitz hier in Dietikon hat.
Weitere nationale Politiker mit Jung-FDP-Vergangenheit sind etwa Christa Markwalder und Christian Wasserfallen, beide aus dem Kanton Bern. Weiter zu nennen ist Matthias Müller, heute Vizepräsident der FDP Kanton Zürich und bekannt durch seine pointierten Auftritte rund um die Renteninitiative, welche schlussendlich 2024 aber abgelehnt wurde. Plus natürlich aktuell Claudio Zihlmann aus dem Stadtzürcher Wahlkreis 7+8, der Ende 2023 Kantonsrat und schon im Juli 2024 zum Fraktionspräsidenten der FDP gewählt wurde.
Die Jungpartei mit 650 Mitgliedern
Lea Sonderegger ist seit März 2024 Präsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich, die immerhin gut 650 Mitglieder haben. Das ist ein Spitzenplatz in der Zürcher Politlandschaft. Sonderegger, die seit 2022 die Rolle der Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich innehatte, wurde einstimmig zur Präsidentin gewählt und trat somit die Nachfolge von Luis Deplazes an. Mit ihrer Wahl ins Präsidium wurde das Amt des Vizepräsidenten frei, das nun von Benjamin Frei aus Winterthur, der bereits seit 2021 im Vorstand aktiv ist, ausgeübt wird. Ebenfalls Co-Vizepräsident ist Mikhail Shalaev aus Zürich-Nord, der für ein Stadtratsamt in Zürich bei den Wahlen 2026 kandidiert. Sonderegger ist kraft ihres Amtes auch Mitglied im Vorstand der FDP Kanton Zürich unter Filippo Leutenegger, dem Noch-Stadtrat in Zürich.
Wahl zwei Tage nach dem 18. Geburtstag
Die heute 21-Jährige Sonderegger hatte schon im Februar 2022 regionale Schlagzeilen gemacht, weil sie, zwei Tage vor den Wahlen 18 Jahre alt geworden, einen der vier FDP-Sitze im 36-köpfigen Stadtparlament von Dietikon eroberte. „Alle in der Partei haben mich sofort sehr positiv willkommen geheissen“, erzählt Sonderegger. Ihr Alter sei kein Hindernis gewesen und sie habe schnell begriffen, wie der Betrieb laufe, wie man einen Vorstoss formulieren und worauf man bei Voten vor dem Parlament achten müsse.
Dabei setzt sich das Parlament in Dietikon altersmässig „wie üblich“ zusammen, wie Sonderegger findet. Also eher mit älteren Semestern, aber auch jungen Menschen wie eben sie selbst. Getagt wird einmal im Monat im 1992 erbauten Stadthaus, was laut Sonderegger Sinn mache und reiche für die Anzahl Geschäfte. „Es animiert zudem, dass das Parlament nicht Selbstbeschäftigung betreibt“, so das Urteil der Jungfreisinnigen. Das Parlament hat einen bürgerlichen Überhang mit SVP (9 Sitze), FDP (4 Sitze), Die Mitte (6 Sitze) und EVP (2 Sitze). Macht total 21 von 36 Sitzen. Die Grünliberalen kommen auf 3 Sitze, während Links-Grün mit 7 SP-Mandaten, Grüne (3 Mandate), AL (1 Mandat) und „Gegen Ausgrenzung“ (1 Mandat) 12 Sitze hat.
Ortstermin in Quartier Silbern: Die Jungfreisinnige Lea Sonderegger ist Mitglied im 36-köpfigen Parlament von Dietikon. Bild: Lorenz Steinmann
Bei der Parlamentsarbeit von Sonderegger sticht ein Vorstoss besonders hervor. Es geht um die Unterstützung von Firmen-Startups am Wirtschaftsstandort Dietikon und die Aufnahme im Wirtschaftsrat Dietikon. Dabei war die Antwort des Stadtrats eher allgemeiner Natur mit Stossrichtung „Schaut doch einmal selber“. Das ist politischer Alltag, wie er in vielen Städten und Gemeinden usus ist. Eher kompliziert, eher behäbig, aber dann doch offen für Neues.
Im 7-köpfigen Stadtrat, der Exekutive, sitzen mit Stadtpräsident Roger Bachmann und Schulvorsteherin Mirjam Peter zwei SVP-Mitglieder. Dazu kommt Philipp Müller von der FDP, Catherine Stocker-Mittaz (Mitte), Anton Kiwic (SP), Reto Siegrist (Mitte) und Lucas Neff (Grüne). Bemerkenswert ist, dass erst 2022 die reine Männerbastion durchbrochen wurde und dass die Mitte-Partei mit zwei Mandaten stärker ist als fast überall im Kanton. Dietikon hat ähnlich wie andere Städte rund um Zürich, etwa Dübendorf, Kloten und Adliswil, eine bürgerlich dominierte Regierung.
Eine Stadt mit grosser Firmenvielfalt
Dietikon ist mit seinen aktuell etwas über 28’000 Einwohnerinnen und Einwohnern Bezirkshauptstadt und beherbergt Firmensitze von Dosenbach-Ochsner, Planzer Transport, Walo Bertschinger, Pestalozzi Stahltechnik sowie Rapid, dem Fahrzeughersteller für die Landwirtschaft. Coop.ch ist mit einem Verteilzentrum ansässig, plus mit dem grossen Einkaufscenter „Silbern“. „Das ist sicher unsere Stärke als Wirtschaftsstandort, diese Vielfalt an Firmen“, findet Sonderegger. Tatsächlich sind es Firmen gerade aus dem Dienstleistungssektor, ohne die unser Alltag kaum funktionieren würde. Trotzdem stehe Dietikon im Schatten Zürichs als nahe Agglogemeinde, auch wenn die Eigenständigkeit durch die beiden Bahnhöfe und die guten Einkaufsmöglichkeiten gegeben sei.
Wenn ein neues Quartier gebaut wird
Angesprochen auf die eigenen politischen Schwerpunkte spricht Sonderegger den Wohnungsbau und das Schulwesen an, diese Themen seien auch in Dietikon sehr aktuell. Das Wachstum sei gross und es mangele an Wohnraum auf allen Ebenen. „Günstiger Wohnraum ist wichtig, auch wenn er nicht unbedingt genossenschaftlich angeboten werden muss.“ Tatsache ist wohl, dass in Dietikon mit dem kantonsweit höchsten Ausländeranteil von über 49 Prozent die Nachfrage da ist. Sonderegger hofft, dass beim geplanten komplett neu zu bauenden Quartier Niederfeld in Richtung Spreitenbach ein Mix an günstigem Wohnraum und im mittleren Segment gefunden werde. „Die gesunde Durchmischung ist wichtig“, findet Sonderegger. Aktuell finden dort – zur Info und Orientierung – die Aufführungen von „Karls Kühne Gassenschau“ statt.
Allgemeiner gefasst beschäftige man sich bei den Jungfreisinnigen damit, das Wachstum des Staates einzuschränken, holt Sonderegger aus. Die Verwaltung wachse überproportional zur Bevölkerung, wobei das in Dietikon aber nicht so ausgeprägt der Fall sei wie etwa in der Stadt Zürich und auch beim Kanton. Die kantonale Verwaltung beschäftige mit 35’000 Angestellten mehr Personen als Dietikon Einwohnerinnen und Einwohner habe. „Das widerspricht der oft zitierten Digitalisierung der Verwaltung“, stellt Sonderegger fest.
Dietikon muss sparen und überbordet nicht
Dass in Dietikon der Trend nach überdurchschnittlich vielen Staatsangestellten gebrochen wird, sieht Sonderegger bei fehlendem Geld. „Wir sind gezwungen zu sparen, dazu haben wir einen sehr guten Stadtpräsidenten“, so ihr Fazit. Das Exekutivamt sei auch für ein SVP-Mitglied mässigend, sie erlebe Stadtpräsident Roger Bachmann als sehr vernünftig.
Zu Sondereggers Schwerpunkten gehört auch die im Juli 2025 lancierte Steuerrabatt-Initiative. „Die Idee kam aus den eigenen Reihen und jetzt sind wir fleissig am Unterschriften sammeln“, berichtet Sonderegger. Konkret fordert die kantonale Volksinitiative einen nachträglichen Steuerrabatt, wenn die Rechnung des Kantons besser als budgetiert abschliesst.
„Wenn der Kanton mehr einnimmt, als er braucht, soll das Geld zurück zu den Steuerzahlenden“, heisst es zur Begründung auf der Website der Steuerrabatt-Volksinitiative. Für Sonderegger ist klar, dass der Kanton in den letzten Jahren zu hohe ungeplante Überschüsse produziert hat, ohne die Steuern zu senken. „Das hätte gut und gerne 7 Prozent tiefere Steuern bedeutet“, weiss Sonderegger. Gemäss dem Initiativtext soll die Höhe der Steuerrückvergütung von der Verschuldung des Kantons abhängen. Ist diese zu hoch, sollen die Steuerzahlenden nichts zurückbekommen.
Für Sonderegger ist klar, dass der Kanton in den letzten Jahren zu hohe ungeplante Überschüsse produziert hat, ohne die Steuern zu senken.
Umgesetzt werden soll die Rückvergütung durch eine einjährige Senkung des Steuerfusses. Dadurch würden die Steuern für Einkommen und Vermögen bei natürlichen Personen sowie für Gewinn und Kapital bei juristischen Personen tiefer ausfallen.
Die Initianten, darunter neben der Jung-FDP auch Vertreter der FDP, der SVP und der GLP, haben nun noch bis Mitte Januar 2026 Zeit, um die benötigten 6000 Unterschriften zu sammeln. Kommt die Initiative zustande, folgt nach der Behandlung im Kantonsrat die Volksabstimmung. Obwohl der Regierungsrat mehrheitlich bürgerlich ist, scheint eine Unterstützung eher unwahrscheinlich. Sicher ist aber, dass die Jungfreisinnigen und mit ihnen auch Lea Sonderegger mit dem Geschäft in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Gefreut hat Sonderegger etwa der grosse Bericht in der NZZ zum Thema.
Angesprochen auf die politischen Ambitionen und den Hinweis, dass es mit Markus Notter (SP) sogar mal ein Politiker aus Dietikon in den Regierungsrat schaffte, zuckt Sonderegger mit den Schultern. Verständlicherweise weiss sie nicht mehr, wer Notter ist. Bei dessen Wahl in die kantonale Exekutive im Jahr 1996 war Sonderegger noch nicht einmal geboren. Bei den eigenen politischen Zielen stehen zuerst einmal das Parlamentarieramt in Dietikon („Da bin ich sehr glücklich“), das Jung-FDP-Präsidium und dann das Studium im Zentrum.
„Extrem erschreckend und schade finde ich, dass in den USA das Thema Abtreibung wieder ein Politikum wird, dass Verbote wieder zur Debatte stehen“, sagt Lea Sonderegger.
Als 21-Jährige kennt Sonderegger politische Themen wie den Kalten Krieg oder den Fall der Mauer nur aus den Geschichtsbüchern. Doch angesprochen auf die Entwicklung in den USA nimmt Sonderegger diese als Rückschritt wahr. „Extrem erschreckend und schade finde ich, dass das Thema Abtreibung wieder ein Politikum wird, dass Verbote wieder zur Debatte stehen.“ Ebenfalls erschreckend findet Sonderegger die Lage in der Ukraine: „Unverständlich, dass es heute noch nötig ist, sich zu bekriegen.“ So sei es durchaus nicht einfach, ein positives Zukunftsbild zu fassen. „Aber meine Hoffnung und mein Glaube an eine stabile Zukunft der Schweiz sind da“, betont Sonderegger. Und: Wenn Trump nicht mehr an der Macht sei, werde sich die internationale Lage bessern, ist sie überzeugt.
Politische Erfahrung als wichtiges Puzzleteil
Dass so viele ältere und alte Menschen politisch an der Spitze stehen, sieht Sonderegger nicht nur als Nachteil: „Erfahrung ist sicher wichtig.“ Entscheiden sei aber, dass die Stimme der Jugend einbezogen und gehört werde. „In der Schweiz sind wir mit den Koalitionen auf allen Ebenen gut aufgestellt.“ Dazu gehöre nun halt einmal die Ochsentour, um politische Erfahrung zu sammeln.
Neben ihrem Studium ist Sonderegger in einem Teilzeitpensum als studentische Aushilfskraft in der Forschung tätig. Die Arbeit umfasst die körperlich und mental anspruchsvolle Entnahme von Kuheierstöcken in einem Zürcher Schlachthof. Daraus werden dann Embryonen gezüchtet und in der Forschung verwendet.
Als Ausgleich betreibt die Dietikerin den Eiskunstlaufsport. „Ich machte Eiskunstlaufen sehr gerne als Kind, und letzten Herbst habe ich wieder damit begonnen.“ Trainiert werde überall, im Winter vor allem in Kloten oder im „Neudorf“ in Oerlikon, im Sommer dort, wo es Eis hat, etwa in Bäretswil oder in Dübendorf. „Ich nehme jeweils die Lernunterlagen mit, das ist für mich eine ideale Kombination“, erzählt Studentin Sonderegger. Wenn eine Schulklasse komme und das Eis besetze, heisse es lernen, nachher gehe es wieder aufs Eis. Und das legendäre „Dolder“ als Trainingsort, dort wo auch die Eiskunstlauf-Ikone Denise Biellmann trainiert und unterrichtet? „Weniger, aber dort haben wir den Jungfreisinnigen-Stamm, diskutieren bei einem Bierchen das eine oder andere.“
Neben ihrem Studium ist Sonderegger in einem Teilzeitpensum als studentische Aushilfskraft in der Forschung tätig ist. Die Arbeit umfasst die körperlich und mental anspruchsvolle Entnahme von Kuheierstöcken in einem Zürcher Schlachthof.
Während beim Caffè Spettacolo immer noch ein Kommen und Gehen herrscht, muss Lea Sonderegger langsam weiter. Sie kommt – ganz der Politprofi – nochmals auf ihre aktuelle Herzensangelegenheit zu sprechen, die Steuerrabatt-Initiative: „Steuern sollen kein Selbstzweck sein. Sie haben einen klaren Auftrag, was der Staat damit machen soll.“ Wenn dieser Auftrag dann schon erfüllt sei mit weniger Geld, gehöre das Geld immer noch oder wieder dem Bürger. Sonst breite sich der Staat immer mehr aus. „Es findet sich immer ein Verwendungszweck, wenn man zu viel Geld einnimmt.“ Das hat Sonderegger auf ihrer bisherigen politischen Ochsentour schon mehr als einmal erlebt.
Die Politikerin verabschiedet sich und macht sich auf zu einer der vielen Sitzungen, die ihre politischen Funktionen mit sich bringen. Immerhin: Weil wir gelernt haben, dass die Jungfreisinnigen eine Kaderschmiede sind, scheint das grosse Engagement nicht für die Katz zu sein.
Abbrechen oder sanieren? Das Sportzentrum Oerlikon ist in die Jahre gekommen. Bild: Baugeschichtliches Archiv
Lorenz Steinmann
Von den sechs Vorlagen, über die am 28. September in Zürich abgestimmt wird, sticht der Kredit für den Ersatzneubau des Sportzentrums Oerlikon heraus. Sowohl die SVP als auch die Grünen sind dagegen – freilich aus unterschiedlichen Gründen.
Wenn in gut zwei Wochen die Stimmzettel in der Stadt ausgezählt werden, könnte es die eine oder andere Veränderung geben in Zürichs Alltag: Günstigere VBZ-Abos, teurere Parkkarten für die Blaue Zone und ein Laubbläserverbot. Dies deshalb, weil bei den drei genannten Vorlagen die Pro- und die Kontralager klassisch links gegen bürgerlich verteilt sind. Weil in Zürich normalerweise die rot-grüne Allianz obenaus schwingt, scheinen hier die prognostizierten Resultate durchaus möglich.
Nicht unbedingt so klar ist die Ausgangslage hingegen bei einer weiteren Vorlage, dem Ersatzneubau Sportzentrum Oerlikon mit veranschlagten Ausgaben von 373 Millionen Franken. Während die SP und die FDP der Ja-Parole von Stadt- und Gemeinderat folgen, scheren die SVP wie auch die Grünen aus und plädieren für ein Nein.
Hier auf diesen Fussballfeldern käme das neue Sportcenter zu stehen. Hinten links das heutige Eisstadion, rechts das heutige Hallenbad. Bild: Lorenz Steinmann
Fast eine Verdoppelung der veranschlagten Kosten
Und darum geht’s: Die Stadt argumentiert damit, dass immer mehr Menschen in Zürich Sport treiben, aber viele Anlagen zu alt oder zu klein geworden seien. Zum Beispiel das Hallenbad Oerlikon: Es sei 50 Jahre alt und in einem schlechten Zustand. Auch die Kunst-Eisbahn Oerlikon habe schon über 40 Jahre auf dem Buckel, ihre technischen Anlagen müssten laut der Stadt erneuert werden. Ein neues Sportzentrum in Oerlikon soll diese beiden Anlagen vereinen und ersetzen. Abgestimmt wird über Ausgaben von 373 Millionen Franken. Davon sind aber 62,4 Millionen Franken lediglich Reserven, wie die Stadt betont.
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Das Projekt machte in den letzten Jahren Schlagzeilen, weil die ursprünglichen Kosten lediglich auf 210 Millionen Franken veranschlagt wurden. Die zuständigen Stadträte Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher Schul- und Sportdepartement, und André Odermatt (SP), Vorsteher Hochbaudepartement, erklärten die viel höheren Kosten eher salopp mit der Teuerung, Altlastensanierungen und Planungsunschärfen. Immerhin: Leutenegger brüstete sich damit, auf einen geplanten Tauchsilo mit Sichtfenster zu verzichten. Hier hätten Tauchkurse und Rettungsübungen durchgeführt werden können. So wurde das Projekt 4,5 Millionen Franken günstiger. Dass FDP und SP das Mega-Projekt unterstützen, wird auch damit erklärt, dass sie ihren Stadträten nicht in den Rücken fallen wollen.
Für die SVP schlicht zu teuer
Frei walten kann hingegen die SVP, die bekanntlich seit Jahrzehnten keinen Sitz in der Exekutive hat. Sie lehnt das für sie „überrissene“ Projekt, den „Luxus-Sporttempel“, ab. Der Bau zeige exemplarisch, dass die Stadt nicht mit Geld umgehen könne. Einmal mehr seien die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Zudem zeigt die SVP ein Herz für den Tennisclub Oerlikon. Denn dieser gut florierende Tennisclub mit über 400 Mitgliedern findet im polysportiven neuen Sportzentrum Oerlikon keine Berücksichtigung. Anstelle des Clubgeländes, umgeben von vielen stattlichen Bäumen, gäbe es ein weiteres Fussballfeld, das siebte. Die SVP erinnert an den FC Unterstrass, der seinen ganzen Trainings- und Spielbetrieb auf einem einzigen Feld abwickeln könne.
Diese grüne Oase käme weg. Der Tennisclub müsste weichen und alle Bäume würden abgeholzt zugunsten des neuen Sportzentrums Oerlikon. Bild: Lorenz Steinmann
Die Grünen wollen lieber sanieren
Die Grünen am anderen Ende des politischen Spektrums kritisieren ebenfalls die „explodierenden“ Kosten. Ganz ihrer Einstellung entsprechend fordern sie aber einen Marschhalt. Der Grundsatz „Sanieren statt Abreissen“ werde hier einmal mehr missachtet. Dabei sei das Hallenbad nach wie vor solide. Es sei in den Nullerjahren für 35 Millionen saniert und vor einigen Jahren auch technisch auf den neusten Stand gebracht worden. Die Grünen kritisieren zudem, dass dem Projekt „80 Bäume und zahlreiche Sträucher“ weichen müssten.
„Stattdessen entsteht durch das Fällen der Bäume und die geplanten Kunstrasen eine neue Hitzeinsel an einem Ort, wo es im Sommer ohnehin schon sehr heiss werden kann. Der Verlust des Grünraums steht im klaren Widerspruch zur städtischen Fachplanung Hitzeminderung“, sind die Grünen überzeugt. Sie verweisen zudem auf eine geplante Tiefgarage, die überflüssig sei, weil im nahegelegenen Messeparkhaus bereits genügend Parkplätze zur Verfügung stünden.
Dieses markante Bauwerk, das Eisstadion Neudorf, würde bei einem Ja abgebrochen. Bild: Lorenz Steinmann
Kommt das Ende des „Stadiönli“?
Ein bemerkenswertes Schattendasein im Abstimmungskampf führt das Eisstadion Neudorf. Es befindet sich an der Siewerdtstrasse, also ennet der Wallisellerstrasse und schräg gegenüber vom heutigen Hallenbad Oerlikon. Es soll einem Neubau weichen als Teil des künftigen Sportzentrums Oerlikon. Das ist darum bemerkenswert, weil die Anlage erst gut 40 Jahre alt ist. Schlagzeilen machte das „Stadiönli“, als hier die ZSC Lions zwischen Frühjahr 2004 und Frühjahr 2005 ihre Eishockey-Heimspiele absolvierten. Grund: Die Renovation des benachbarten Hallenstadions. Damals wurde das Stadion für mehrere Millionen Franken fit gemacht. Trotzdem soll der Bau abgebrochen werden.
Heinrich Frei, Architekt aus Oerlikon und unermüdlicher Leserbriefschreiber, erinnerte kürzlich daran, dass es in Zürich schon einige Nein an der Urne zu Abbruchprojekten gegeben habe. So etwa zum Abbruch des Kongresshauses, das zwischen 1937 und 1939 durch die Architekten Häfeli, Moser und Steiger gebaut wurde und nach 2008 nach dem Nein zu einem Neubau umfassend saniert wurde.
Oder der Hauptbahnhof Zürich, der 1871 durch den Architekten Jakob Friedrich Wanner errichtet wurde und den man 1971 abbrechen wollte. Das Gebäude blieb und wurde saniert. Und zu guter Letzt das Schauspielhaus. Es sollte 1964 durch einen Neubau des Architekten Jørn Utzon ersetzt werden. Die Pläne des Dänen für ein neues Zürcher Schauspielhaus wurden archiviert. Ebenso wurde 2025 ein Neubau schubladisiert, der hinter der Fassade einen Neubau vorgesehen hätte.
Abstimmungssonntag ist der 28. September. Rathuus wird dann natürlich berichten – von den Stadtzürcher Vorlagen, aber auch vom Ausgang der Abstimmung über das Energiegesetz im Kanton Zürich.
"Ganz schön viel Verzicht im Namen der Literatur. Ist Mayröcker Märtyrerin, Genie, Göttin? Oder bloss Verfechterin eines längst veralteten Bildes des einsamen Schriftstellers?" Bild: Lara Alina Hofer
Lara Alina Hofer
Unsere Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) hat sich auf den Spuren der österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker zum ersten Mal in den Strauhof in Zürich gewagt. Ein politischer Ort, der Raum schafft für Poesie und Debatte.
Es gibt keinen Satz, der mir heute ferner liegt als: „Ich denke in langsamen Blitzen.“ Der Titel der Ausstellung im Museum Strauhof. Ich denke ganz und gar nicht „in langsamen Blitzen“. Ich denke in schnellen Blitzen, in Donnerschlägen, in schwarzen Wolken mit Regenfall in einem vernebelten Wirbelsturm. Ich … Ja, wie denke ich eigentlich?
Mit dieser Frage im Kopf öffne ich zum ersten Mal die hinter Efeu versteckten Türen des Strauhofs im Kern der Zürcher Altstadt. Ich schäme mich beinahe, als waschechte Schreiberin nie hier gewesen zu sein. Immerhin wohne ich seit fünf Jahren in dieser Stadt. Aber die Zeit rennt, und ich hinke ihr immerzu keuchend hinterher – auch jetzt.
Es ist Freitagabend, 17.25 Uhr. Das Museum schliesst in 35 Minuten. Ob ich der österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker in dieser Zeit gerecht werden kann? Wohl kaum. Über 120 Bücher und Hörspiele zählen zu ihrem Lebenswerk. Versuchen will ich es trotzdem, zahle sechs Franken in bar, und dann nichts wie rein in diese langersehnte Welt, in der Literatur auf visuelle Kunst trifft.
Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker (1924–2021) gehört zu den eigenwilligsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Bild: Lara Alina HoferLass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Poetisch ästhetisch verdreckt
Von den Wänden sprechen Zitate. Worte, die einen langen Weg hinter sich haben. Wurden gedacht, gefühlt, geschrieben und gedruckt. Ein Video lässt Mayröckers Schreibmaschine knattern, während ich lese: „Das Einzige, was ich zu reden habe, schreibe ich.
Ein Hörspiel ermöglicht, poetische Kurztexte zu hören und gleichzeitig Mayröckers Wiener Schreibwohnung zu betrachten: eine literarische Müllhalde. Bis unter die Decke vollgestopft, für Fremde kaum begehbar – wohl mit Absicht – voller Zettel und Manuskripte und Bücher. Poetisch ästhetisch verdreckt. „Nicht nur das Geschriebene, auch die Existenz muss poetisch sein.“
Die grosse Kontroverse und der Rückzieher
Ganz anders sind die Räumlichkeiten des Strauhofs, die sich edel und einladend präsentieren für das intellektuelle Volk. Weisse Decken mit Gravuren. Ein Holzboden, der aufheult bei jedem Schritt, als müsse er zum Stehenbleiben animieren. Ein runder Jackenständer mit weissen Haken. Eine authentisch knarrende Holztreppe.
Das Literaturmuseum Strauhof im Stadtzürcher Kreis 1 stand 2014 mitten in einer erbittert geführten politischen Debatte. Bild: Lara Alina Hofer
Der Charakter des barocken Bürgerhauses geht auf das Jahr 1772 zurück. Heute gehört das Haus der Stadt Zürich und wird seit den 1950er-Jahren für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Seit den 90ern liegt der Fokus auf der Literatur.
Die zweistöckige Ausstellung gibt einen intimen Einblick in das Leben der 2021 verstorbenen Österreicherin: Geboren 1924 in Wien, wurde ihr Schreiben während des Zweiten Weltkriegs radikalisiert. Sie war Anhängerin des Dadaismus, ihre Gedichte eigenwillig und experimentell, suchend nach einer eigenen, konkreten Sprache. „Eine radikale Art zu denken und zu schreiben.“ Für eine radikale Gegenwart.
Mir stechen Mayröckers Buchtitel ins Auge; „mein Herz mein Zimmer mein Name“, „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“, „Larifari“. Auch ein Gedichttitel weckt Neugier: „Wie und warum ich dich liebe.“ Andere brauchen ein Leben, um diese Frage zu beantworten. Auch ich. Fand es immer schon einfacher, zu sagen, wie und warum ich jemanden nicht liebe. Mayröckers Antwort, frei rezipiert: Wenn du es bist, bin ich nicht sicher, ob ich es bin. Der Spiegel hält mir gleichzeitig entgegen jeden Abend dein Bildnis und mein. Dein Geheimnis im Herzen ist nicht zu lüften, doch es zieht mich von allen am meisten an.
Sprache – welch Heimat!
Trotzdem rät Mayröcker von der Ehe und insbesondere von Kindern ab. Kinder, das sind minus zwanzig Jahre Arbeitszeit. Keine Kinder zu haben, das ist eine Auszeichnung. Die zeigt, dass der Sinn des eigenen Lebens nicht nur in der Fortpflanzung liegt, sondern dass es einen grösseren Sinn gibt. Eine noch dringlichere Mission als die biologische selbst.
„Mayröcker instrumentalisierte die Einsamkeit. „Ohne Einsamkeit könnte ich nicht arbeiten. Freunde und Termine wurden regelmässig vergessen. „Ich muss alles vergessen, um meine Schrift zu Ende schreiben zu können. Hat man sich darauf eingelassen, gibt es kein Zurück, sonst ist es verdorben.“ Das Schreiben als Akt der Entleerung. „Es schleicht sich heraus, aus meinem Körper und meinem Kopf, und dann bin ich ganz leer, plötzlich.“ Und die Rettung? „Man hängt sich ein bei der Sprache. Und geleitet sich wechselseitig gleichermassen.“
Die durchaus liebe- und verständnisvoll formulierte "Notiz an einen Einbrecher" ist typisch für die Schriftstellerin Friederike Mayröcker. Bild: Lara Alina Hofer
Von nichts und Verdauung
Ganz schön viel Verzicht im Namen der Literatur. Ist Mayröcker Märtyrerin, Genie, Göttin? Oder bloss Verfechterin eines längst veralteten Bildes des einsamen Schriftstellers? Und wovon handelt jetzt eigentlich ihr Werk? Um Allerlei und Alltägliches in Abstraktion, hätte ich gesagt. Eine körperliche Erfahrung. Mayröcker beantwortet die Frage selbst: „Es handelt von nichts. Es ist eine Leibspeise. Eine Leibesspeise.“ Und die muss ich jetzt erst mal verdauen.
Im Zunfthaus zur Zimmerleuten, „wo Genuss und Geschichte sich treffen“, denke ich bei einer dampfenden Tasse Kaffee an Wien. Zürich. Liebe. Mai. Herbst. Musik. iPhones. Fingernägel. Eine Kellnerin in schwarzen Schuhen und – ich denke, ich denke verzögert, verschmitzt und immerzu viel zu viel.
"Poesie und Politik", so heisst die aktuelle Kolumne von Lara Alina Hofer. Bild: zvg
Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie publiziert auch fürs Junge Literaturlabor Zürich. Jene Texte erschienen mehrere Jahre lang jeweils in den Zeitungen der Lokalinfo AG. Nun schreibt Lara Alina Hofer bei Rathuus über „Poesie und Politik“.
Die Ausstellung „Ich denke in langsamen Blitzen“ war vom 10. Juli bis 7. September im Museum Strauhof zu sehen. Ab dem 3. Oktober läuft die Ausstellung „Meyerama – Das Spiel von Macht und Leidenschaft“. Dabei stellt die Theatergruppe „Mass & Fieber“ den Strauhof zum Meyerama und setzt auf spielerische Weise das Schaffen des grossen Zürcher Schriftstellers C. F. Meyer (1825 – 1898) ins Bild.
Das Kunstwerk von Maler Totoya Hokkei (1780 bis 1850) heisst "Es ist gut, einen neuen Brunnen auszuheben". Es stammt aus der Reihe "Eine Serie für den Hanazono-Zirkel". Entstanden ist es um das Jahr 1824. Bild: Museum Rietberg
Pascal Turin
Es gibt sie noch, die erfreulichen Meldungen: In Uster unterstützt die Stadt ältere Menschen bei der Wohnungssuche, in Winterthur soll das Busdepot Grüzefeld Solarstrom liefern und in Zürich kann man bald seltene japanische Grusskarten bestaunen.
In diesem Sinne legen wir los mit einer News aus Uster. Mit über 37’000 Einwohnerinnen und Einwohnern rangiert die Stadt im Kanton hinter Zürich und Winterthur auf Platz 3. Uster brüstet sich mit dem Slogan „Wohnstadt am Wasser“ – gemeint ist damit der idyllische Greifensee. Doch wie fast überall in der Schweiz ist dort günstiger Wohnraum Mangelware. Besonders für ältere Menschen ist die Wohnungssuche oft eine Geduldsprobe.
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Jetzt gibt es aber Hilfe: Die Fachstelle Alter der Stadt organisiert zusammen mit dem Schweizerischen Verband der Immobilienwirtschaft Zürich eine kostenlose Informationsveranstaltung zum Thema Wohnungssuche für Seniorinnen und Senioren. Bald erhalten ältere Menschen konkrete Tipps für eine erfolgreiche Wohnungsbewerbung. „Der heutige Wohnungsmarkt ist schnelllebig und bringt ein hohes digitales Tempo mit sich“, schreibt die Stadt Uster in einer Mitteilung. Im Kurs wird eine Musterbewerbung erstellt, die man dann als Vorlage für eigene Bewerbungen verwenden kann.
Natürlich muss man sich bei einer Wohnungsbesichtigung gut verkaufen können. „Da der persönliche Eindruck zählt, ist auch das richtige Auftreten bei Wohnungsbesichtigungen ein Thema“, so die Stadt. Keine Sorge: Wohl keine Seniorin und kein Senior wird in schlabbrigen Trainerhosen und in dreckigen Turnschuhen zu einer Besichtigung erscheinen. Aber lernen kann man zum Beispiel, dass man nicht zu viel Respekt vor digitalen Bewerbungen haben muss.
Die Anmeldefrist läuft noch bis kommenden Montag, 15. September. Am einfachsten eine E-Mail schicken an fachstelle.alter@uster.ch oder die Telefonnummer 044 944 74 59 wählen. Die kostenlose Infoveranstaltung findet am Donnerstag, 18. September, von 14 bis 16 Uhr im Gemeinderatssaal im Stadthaus an der Bahnhofstrasse 17 statt.
Besichtigungstermin einer sanierten Wohnung in Zürich. Dass sich die Wohnungsknappheit in der Schweiz weiter zuspitzt, macht die Situation für Wohnungssuchende nicht einfacher. Bild: Pascal Turin
Busdepot-Dach wird zum Kraftwerk
Von der Wohnungssuche in Uster springen wir nach Winterthur. Dort geht es nicht um vier Wände, sondern um ein Dach. Kürzlich hat der Winterthurer Stadtrat nämlich einen Kredit von 500’000 Franken für den Bau einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Busdepots Grüzefeld beschlossen. Finanziert wird das Projekt vom Zürcher Verkehrsverbund.
„Jährlich wird diese Anlage rund 340’000 Kilowattstunden Strom produzieren. Das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von rund achtzig durchschnittlichen Familienhaushalten“, schreibt die Stadt Winterthur in einem Communiqué. 85 Prozent des produzierten Solarstroms könne Stadtbus Winterthur selbst nutzen. Der Rest werde in das Winterthurer Stromnetz eingespeist.
In Winterthur gibt es lediglich ein Busdepot. Derzeit müssen deshalb im „Grüzefeld“ rund 100 Fahrzeuge Platz finden. Damit sei das Depot ausserhalb der Betriebszeiten – also nachts – voll, „weshalb wir einen provisorischen Erweiterungsbau planen“, so Stadtbus Winterthur auf Anfrage. Auf einem Teil des Daches befindet sich übrigens bereits eine Photovoltaikanlage.
Apropos Strom – die Elektrifizierung beim Verkehrsunternehmen beschränkt sich nicht nur auf Dächer. Ende 2024 konnte Stadtbus die Linie 5 auf Elektrobetrieb umstellen. Als Nächstes soll die Linie 7 folgen, wie es im Juli in einer Mitteilung hiess. Wie auf der Buslinie 5 werden Trolleybusse zum Einsatz kommen, die dank Batterien einen Teil der Fahrstrecke ohne Oberleitungen fahren können.
Ab Ende 2026 sollen dann 90 Prozent der Fahrgäste in Winterthur elektrisch unterwegs sein. „Es verbleiben die Buslinien 4, 9, 10 und 12 sowie die Regionallinien 610, 611, 660 und 674 die wir noch mit Dieselbussen betreiben“, gibt Matthias Gerth, Leiter Marketing und Kommunikation bei Stadtbus Winterthur, Auskunft.
In Winterthur geht es mit der Energiewende dementsprechend nicht nur auf den Strassen, sondern auch auf den Dächern voran.
Der Stadtrat von Winterthur hat einen Kredit von 500’000 Franken für den Bau einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Busdepots Grüzefeld beschlossen. Bild: Stadtbus Winterthur
Mehr als nur gedruckte Dinge
Von den Dächern Winterthurs kommen wir zum Abschluss nach Zürich. Denn dort wartet ab Ende September ein Muss für Japan-Fans. Das Land der aufgehenden Sonne ist ein beliebtes Reiseziel, wie Radio SRF 4 News kürzlich berichtete. „Auch bei Schweizer Reiseanbietern wird Japan als Feriendestination immer beliebter“, schreibt das Schweizer Radio und Fernsehen – kurz SRF – in der Sendungsbeschreibung.
Wer aber lieber in der Nähe bleibt, statt in die Ferne zu schweifen, sollte sich eine neue Ausstellung im Museum Rietberg dick im Kalender markieren. Ab dem 26. September ist dort die Schau „Japan de luxe – Die Kunst der Surimono-Drucke“ zu sehen. Gezeigt werden mehr als hundert Werke dieser seltenen Farbholzschnitte. „Diese Farbholzschnitte sind aber alles andere als nur ‚gedruckte Dinge‘, wie Surimono wörtlich übersetzt heisst“, schreibt das Museum in einer Medienmitteilung.
Surimono-Drucke sind kleine Gesamtkunstwerke, gedruckt auf kostbarem Hōsho-Papier. Sie entstanden als Statussymbole, geschaffen in kleinen Auflagen. „Saisonale Feste, private oder berufliche Veränderungen sowie besondere kulturelle Ereignisse boten Gelegenheiten für die Anfertigung dieser luxuriösen Grusskarten“, so das Museum, das zur Stadt Zürich gehört. Surimono konnten zu allen Jahreszeiten erscheinen, allerdings wurden die meisten als Karten für Neujahr gedruckt. Also dann, wenn man sich an vernachlässigte Kontakte erinnert oder eingeschlafene Freundschaften wecken möchte.
Die Ausstellung läuft bis 12. Juli 2026, doch wer alle Werke sehen möchte, muss zweimal hingehen. Damit die Drucke, die unter anderem empfindlich auf Licht reagieren, keinen Schaden nehmen, werden sie nur begrenzte Zeit am Stück gezeigt. Das Museum tauscht alle Surimono-Bilder Mitte Februar komplett aus.
Und damit schliesst sich der Kreis – drei Geschichten, drei Städte: Good News gibt es direkt vor unserer Haustür.
Bald im Museum Rietberg zu sehen: Der Erschaffer dieses Kunstwerks mit dem Namen "Der Höhepunkt des Affenjahres" ist unbekannt. Der Druck stammt wohl aus dem Jahr 1860. Bild: Museum Rietberg
SVP-Gemeinderat Stephan Iten hat die Initiative "Ja zum fairen Parkplatz-Kompromiss" erfolgreich lanciert. Darauf ist er stolz, wie er gegenüber Rathuus sagt. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Im Rathuus-Fragebogen stört sich der Zürcher SVP-Gemeinderat Stephan Iten an den sozialistischen Vorstössen der Ratslinken und schwärmt von einer Tele-Züri-Moderatorin. Peinlich ist ihm, dass er in einer Debatte mal die Sihl mit der Limmat verwechselt hat.
Stephan Iten, wie wurden Sie politisiert? Zu viel „Arena“ geschaut.
Was wollten Sie als Kind werden? Pilot oder Tierarzt.
„Politisch beschäftigt mich gerade am meisten, dass im Zürcher Gemeinderat ein Wettkampf der Linken herrscht, wer den sozialistischeren Vorstoss einreicht. Es geht nicht mehr um das Wohl der Menschen.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Der Wettkampf unter den Städten, wer die sozialistischere Idee umsetzt. Im Gemeinderat der Stadt Zürich ein Wettkampf der Linken, wer den sozialistischeren Vorstoss einreicht. Es geht nicht mehr um das Wohl der Menschen.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu, oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Manchmal hatte ich schon Abwanderungsgelüste. Aber nicht in eine andere Partei. Ich könnte mich mit keiner anderen Partei identifizieren.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Das mache ich fast jeden Samstagmorgen von 9 bis 12 Uhr.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Alt Bundesrat Ueli Maurer, weil er sich immer fürs Wohl der unabhängigen Schweiz einsetzt.
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Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit Vanessa Meier von Tele Züri.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Das Restaurant Waidhof in Zürich-Seebach. Leider schliesst es Ende 2026 für immer …
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Weder noch.
„Für mich ist Tina Turner die bedeutendste Zürcherin.“ 😉
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin? Tina Turner. 😉
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Ich müsste schon längst mal auf die Toilette.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Geht.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? 2022 durfte ich für den Stadtrat kandidieren, und ich habe erfolgreich eine überparteiliche Initiative eingereicht. Inzwischen wird meine Initiative in der Kommission beraten und wird nächstens der Stimmbevölkerung vorgelegt. (Es handelt sich um die Initiative „Ja zum fairen Parkplatz-Kompromiss“. Sie fordert, dass in der Stadt Zürich die Aufhebung von Parkplätzen auf öffentlichem Grund nur noch zulässig sein soll, wenn die Gesamtzahl der öffentlich zugänglichen Parkplätze im gleichen Quartier jeweils mindestens erhalten bleibt, Anm. d. Red.)
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Wenn ich in der Debatte im Gemeinderat den falschen Strassennamen verwende, einmal habe ich sogar die Sihl mit der Limmat verwechselt. Peinlich …
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Unbedingt in das historische Rathaus. In dieses ehrwürdige Gebäude gehört der Gemeinderat auch hin.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Weder noch.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Klar Beatrice Egli.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Die schönen Wasserbüffel des Riedenholzhofs zwischen Seebach und Affoltern.
Worauf freuen Sie sich? Es endlich auf die Toilette zu schaffen.
Und worüber können Sie lachen? Über alles und nichts.
Stephan Iten ist 46 Jahre alt und in Zürich-Affoltern aufgewachsen. Er machte eine KV-Lehre und ist heute Inhaber einer Werkzeughandelsfirma in Wipkingen. Er wohnt in Seebach und sitzt seit 11 Jahren für die SVP im Zürcher Gemeinderat. Aktuell gehört er der Sachkommission Sicherheitsdepartement/Verkehr an. Iten ist Präsident der SVP Kreis 11. Früher war der Politiker Vizepräsident der SVP-Gemeinderatsfraktion und Mitglied der SVP-Geschäftsleitung der Stadt Zürich.
Gegenüber dem Onlineportal Tsüri sagte Iten, er sei durchaus stolz gewesen darauf, dass seine Motion für eine Abschaffung der Gebühren für Boulevardcafés während der zwei Coronajahre damals angenommen wurde. „Da musste ich auch Mehrheiten auf der linken Ratsseite suchen und finden.“ Und in einem Porträt des „Tages-Anzeigers“ heisst es, er setze sich „vor allem für Autos, gegen den Abbau von Parkplätzen, für Überwachungskameras und mehr Polizeipatrouillen ein“. Aber „Er ist offen und geht auf die Gegenseite zu“, so Markus Knauss, langjähriger Grünen-Gemeinderat.
Als Zugabe aus einem „Tages-Anzeiger“-Interview: Wie geht Ihr Lieblingswitz? Kommt ein Ross in eine Bar, fragt der Barkeeper: „Warum so ein langes Gesicht?“
Es ist halt schon typisch, findet Lorenz Steinmann. Da baut die Stadt den Bucheggplatz für Dutzende von Millionen Franken um und lässt einen massiven Fahrleitungsmasten auf einem neuen Veloweg stehen. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Lorenz Steinmann
Mein Redaktionskollege Pascal Turin hat schon recht. Jetzt reicht es dann mal mit Verkehrsthemen. Aber weil ab heute Montag in Zürich eine weitere Veloroute wegen Bauarbeiten gesperrt wird, schöpfe ich aus dem Vollen und beklage mich. Ein Kommentar.
Dies ist ein Lagebericht aus dem Maschinenraum des Veloalltags. Es sind Fallbeispiele über Missstände im Velobereich, die aus meiner Sicht zu Dutzenden vorkommen – in der Stadt Zürich, aber auch auf Radwegen in der Agglo. Ich berichte also nur über die Spitze des Eisbergs.
Unter Missständen verstehe ich Radwege, für die man oft Haupt- und Überlandstrassen ohne Warnhinweise kreuzen muss, oder solche, die plötzlich aufhören. Manchmal wegen Planungsfehlern, manchmal, weil bei einer Baustelle die Beschilderung für das Velo einfach vergessen wurde.
Das ist gefährlich und hält viele Leute davon ab, mit dem Velo herumzupedalen. Nicht so ich. Es ist wohl eine Art von Masochismus, das zu erdulden und das Beste daraus zu machen. Aber ganz ehrlich, ich tue das ohne Gesetze zu übertreten und Fahrverbote zu missachten.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Der tägliche Horror für Velofahrende. Das Bild zeigt die Baustelle bei der Sihlbrücke beim Hauptbahnhof. Die Velos gingen vergessen, Warnschilder sucht man vergebens. Bild: Lorenz Steinmann
Ich bilde mir natürlich ein, besonders qualifiziert zu sein, um über dieses Velothema schreiben zu können. Ob das so ist, ich weiss es nicht. Vielleicht wirke ich damit auch nur arrogant und altklug. Und ich rege mich oft gehörig auf. Das ist normalerweise keine gute Voraussetzung, um in die Tasten zu hauen. Darum mache ich es auch nur hier und jetzt. Nachher wende ich mich wieder anderen Themen zu, versprochen.
Ich fahre fast jeden Tag mit meinem Drahtesel durch Zürich, so auch vom Limmatplatz die Kornhausstrasse hoch zum Milchbuck. Ich komme dazu gehörig ins Schwitzen, und wie geschrieben bin ich darum auch öfters sauer. Die gut 80 Höhenmeter verbrauchen wohl mehr Sauerstoff fürs Hirn, als mir lieb ist. So fällt mir das Denken beim Pedalen schwer und schwerer.
Doch warum scheint es auch in den Amtsstuben zu hapern mit dem Denken? Müssen die auch dauernd buckeln im Büro? Mein Weg ist sogar Teil der nationalen Veloroute Nummer 45 „Wyland-Downtown“. Diese nehmen jeden Tag Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Velofahrenden. Und alle stehen sie vor dem gleichen Problem. Seit März 2025 wird auf der Rötelstrasse gebaut, die Strecke ist unterbrochen. Velosignalisationen fehlen.
Ab heute Montag kommt auch noch die gesperrte Rotbuchstrasse hinzu. Leitungen für die Fernwärme! Dass man sich hier als Velofahrerin oder Velofahrer selber einen alternativen Weg suchen muss, ist sinnbildlich dafür, welchen Stellenwert das Velo bei der Stadtplanung im angeblich links-grünen Zürich im Alltag hat. Nämlich fast gar keinen. So viel zur Verdrängung des Autos durch das Velo.
Die Stadt gab sich keine Mühe, für Velofahrende eine Signalisation einzurichten. Dabei wäre mit ein wenig Fantasie ein provisorischer Veloweg für die 18-monatige Bauerei sicher möglich gewesen. Bild: Lorenz Steinmann
An vielen Orten in der Limmatstadt muss man wegen Baustellen aus Sicherheitsgründen auf Trottoirs ausweichen und hoffen, dass man auf verengten Fahrspuren nicht von hinten gerammt wird. Kein Wunder, ist das Image von uns Velofahrenden so schlecht.
Die beschriebene Kreuzung Rötel- und Rotbuchstrasse ist typisch. Dort, wo linkerhand das Hipster-Restaurant Kafi Schnaps ist, steht man als Velofahrende vor dem Nichts. Geradeaus fahren geht offiziell nicht. Wie kommt man also trotzdem zum Bucheggplatz in diesem Gebiet mit recht steilen Strassen?
Schon im März fragte ich bei der Stadt nach und bekam diese schräge Antwort. „Auf eine Signalisation wurde absichtlich verzichtet, damit Autofahrerinnen und Autofahrer nicht verwirrt werden“, so die Stadt. Velofahrende müssten der temporären Verkehrsführung für Autos folgen. Den Weg, den die Busse der Verkehrsbetriebe Zürich fahren, dürfen Velos nicht benützen, weil „es bergauf geht“ und das Überqueren der Kreuzung mit dem Velo zu lange dauern könnte. Und weiter: „In Richtung Bucheggplatz können Velofahrerinnen und Velofahrer legal einen U-Turn bei der Fussgängerinsel machen. Das ist erlaubt und sicher“, so die Stadt.
Schon seit sechs Monaten wird hier an der Kornhausstrasse trotz Grossbaustelle auf eine Signalisation für Velofahrende verzichtet. "Um Autofahrer nicht zu verwirren", wie es von der Stadt heisst. Bild: Lorenz Steinmann
Der „Gaht’s-no!-Priis“ der FDP wäre den Oberen sicher, keine Frage. Denn wer diesen amtlichen Tipp schon einmal befolgt hat, weiss, wie gefährlich das ist. Und es ist erst noch unpraktisch. Zuerst den Berg hochfahren, mühselig die Strasse queren und dann wieder hinunter sausen. Das kann man wirklich nur in einer Amtstube erfinden.
Darauf angesprochen heisst es von der Stadt, man versuche, „allen Bedürfnissen gerecht zu werden“. Teilweise gebe es aber Verbesserungsbedarf. „Deshalb sensibilisieren wir unsere Mitarbeitenden, in Baustellen ein spezielles Augenmerk auf die Veloumleitung zu legen.“ Zudem würden die verantwortlichen Fachpersonen mit dem Bereich Velosicherheit zusammenarbeiten, um heikle Situationen wie Ein- und Ausfahrten bei Baustellen sicherer zu machen.
Da bin ich ja beruhigt. Dumm nur, dass man davon so wenig merkt im Alltag.
Ich bin mal gespannt, ob und wie bei der heute beginnenden Baustelle an der Kornhausstrasse die von der Stadt in Aussicht gestellte neue Plakataktion wirkt. „Diese soll Velofahrerinnen und Velofahrer zur Nutzung der Umleitung motivieren“, heisst es auf Anfrage von der Stadt. Die Aktion sei ein Pilotprojekt. „Wir werten sie aus, um daraus für künftige Baustellen zu lernen.“ Da bin ich mal gespannt.
Aber keine Angst. Bis darüber etwas auf Rathuus zu lesen ist, vergehen noch viele Wochen. Das ist mein Ehrenwort an die Leserschaft und an meinen Redaktionskollegen Pascal Turin. Denn es liegen ohne Frage genügend andere Themen als der Auto- und der Veloverkehr in der Luft.
PS: Einen habe ich noch. Mitten auf dem Veloweg am Bucheggplatz ragt ein dicker Fahrleitungsmast aus dem Asphalt. Offensichtlich ist auch da eine Signalisation nicht nötig, da der Mast in Blickrichtung der Velofahrenden steht und damit gut sichtbar ist – sagt die Stadt. Echt top, top, top, vor allem, wenn gleichzeitig viele Velofahrende am Mast vorbei müssen. Der Standort habe „vor allem eine funktionelle Funktion“ und decke „Sicherheitsfragen aller Verkehrsbeteiligten“ ab. Was auch immer das genau bedeutet.
Sie hatten bei der Aufnahme der Folge viel Spass (v. l.): Pascal Turin, Damjan Bardak und Lorenz Steinmann. Bild: Rathuus
Pascal Turin
Sportmuffel, lasst euch bitte nicht abschrecken: Für die 15. Folge des Rathuus-Podcasts haben Lorenz Steinmann und Pascal Turin einen Gast eingeladen. Sie reden mit dem Fussballexperten Damjan Bardak darüber, ob Zürich wirklich ein neues Stadion braucht.
Zürich hat kein richtiges Fussballstadion – also eines, das nur dem Fussball gewidmet ist. Ein Hexenkessel, in dem man nah am Spielfeld sitzt, so wie zum Beispiel der Kybunpark in St. Gallen. Der architektonisch schöne Letzigrund ist zwar gross und wird regelmässig für Konzerte von Megastars wie Taylor Swift gebucht, aber von der Atmosphäre her ist das Stadion für Fussballspiele nicht top, top, top.
Dafür ist der Letzi gut an den ÖV angebunden und hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Das Stadion steht bereits und man kann darin Fussball spielen und geniessen. Bis hingegen auf der Hardturm-Brache wieder der Ball rollt, dürfte es noch eine ganze Weile dauern. GC und der FCZ warten immer noch auf den Entscheid des Verwaltungsgerichts.
In der 15. Folge des Rathuus-Podcasts diskutieren Lorenz Steinmann und Pascal Turin mit Damjan Bardak unter anderem darüber, ob Zürich überhaupt ein weiteres Fussballstadion braucht. Damjan ist Co-Gastgeber des Podcasts “Der Schlusspfiff” und FCZ-Fan. Ausserdem kennt er sich sehr gut mit dem englischen Fussball aus und interessiert sich als freier Journalist für die politischen Zusammenhänge rund um seinen Lieblingssport.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde geht es los mit der schier unendlichen Geschichte rund um den Bau eines neuen Hardturm-Stadions. Wir blicken zurück, aber auch voraus. Und zum Abschluss reden wir darüber, was uns diese Woche beschäftigt hat – einer leicht abgewandelten Form der Rubrik “Can’t Let It Go” des NPR Politics Podcasts.
Sie stehen hinter dem Riesenprojekt und posieren extra fürs Rathuus (v. l.): André Odermatt (SP), Karin Rykart (Grüne), Simone Brander (SP) und Michael Baumer (FDP) vom Zürcher Stadtrat. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann, Pascal Turin
Die Neugestaltung des öffentlichen Raums rund um den Hauptbahnhof Zürich bietet viel städtebauliches Potenzial. Das Projekt erinnert an einen anderen Jahrhundertwurf: den Bau der Quaianlagen in den 1880er-Jahren durch Arnold Bürkli. Kritische Stimmen gab es damals viele. Das ist heute nicht anders.
Es waren blumige Worte, die die „Neue Zürcher Zeitung“ am 23. Mai 1881 – also vor gut 144 Jahren – wählte: Die 1780 gegründete Tageszeitung schrieb, dass der Quai „auf die Dauer den Vortheil [sic] der herrlichen Lage Zürichs am See zur vollen Geltung bringen“ werde. „Derselbe wird namentlich für Zürich als Fremdenstadt von grösster Bedeutung sein!“
Damals wagte die Stadt Zürich einen grossen Wurf und investierte unter dem damaligen Stadtbaumeister Arnold Bürkli mit 13 Millionen Franken etwa 35 Prozent ihres Jahresbudgets für den Bau der Quaianlagen.
35 Prozent, das wären heute gut 3,8 Milliarden Franken. Vorangegangen waren in den 1870er-Jahren gehässige öffentliche Diskussionen darüber, ob und wie eine neue, dominante Eisenbahnlinie entlang des Seeufers gezogen werden sollte. Das als „eiserner Ring“ in die Geschichte eingegangene Projekt sah eine Doppelspur am damaligen Seeufer beim heutigen Bürkliplatz und beim Bellevue vor, mit einer mächtigen Eisenbahnbrücke über die Limmat beim Bauschänzli. Der Rest mit der gelungenen Alternative, der Quaianlage, ist bekannt.
Die damalige Auseinandersetzung ist ein Beispiel dafür, wie Stadtentwicklung und Verkehr harmonieren können. Man kann sich Zürich ohne General-Guisan-Quai, Bürkliplatz oder Utoquai überhaupt nicht mehr vorstellen.
Sieht heute komplett anders aus: Von 1881 bis 1887 wurde die Quaianlage in Zürich mit einem immensen finanziellen Aufwand gebaut. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Dominik Lenz
Autoverkehr soll für Bäume und Menschen Platz machen
Stadtentwicklung und Verkehr sind auch die Kernthemen im Zusammenhang mit dem am Mittwoch vorgestellten Weissbuch „Aufbruch in den Stadtraum Hauptbahnhof 2050“. Eine Viererdelegation des Stadtrats skizzierte ziemlich detailliert, wie und warum man das Gebiet um den Zürcher Hauptbahnhof fundamental verändern wolle. Künftig soll der HB nicht nur Verkehrsknotenpunkt mit 400’000 ÖV-Passagieren und vielen Autos sein, sondern vor allem Erholungsraum. Man will dafür den Autoverkehr grösstenteils verbannen und mehr Platz für Bäume und die Bevölkerung schaffen.
Laut den Behörden weist das Gebiet grosse Defizite auf, vor allem für Fussgängerinnen und Fussgänger. Heute sind täglich 700’000 Menschen im und um den HB unterwegs. 2050 könnten es sogar noch 200’000 Leute mehr sein. „Es soll in Zukunft mehr Freude machen, zu Fuss unterwegs zu sein“, sagte Grünen-Stadträtin Karin Rykart.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.So soll laut dem Weissbuch "Aufbruch in den Stadtraum Hauptbahnhof 2050" der Raum rund um den HB dereinst ausschauen. Es dominieren Tramgleise sowie zu Fuss Gehende. Visualisierung: Atelier Brunecky
FDP moderat, SVP spricht von abgewürgtem Verkehr
Die Reaktionen auf den von den Medien stark beachteten Anlass waren durchaus erwartbar. Die NZZ urteilte kritisch: „‚Züri autofrei‘ am Hauptbahnhof? Dieser Plan strotzt vor schönen Grafiken und Visualisierungen – geht aber nicht auf.“ Ein wenig gnädiger war der „Tages-Anzeiger“. Doch auch er stellte sich die Frage: „Offen bleibt, wohin sich der Autoverkehr bei einer so weiträumigen Sperrung verlagert.“ Bei den Parteien zeigte sich ein ähnliches Bild, wenn auch die FDP überraschend positiv reagierte. So sagte Gemeinderat Sebastian Vogel zum Tagi: „Grundsätzlich begrüssen wir, dass die Stadt etwas Visionäres vorlegt.“ Die Pläne seien kein Luftschloss, es ergebe Sinn, wenn die Plätze rund um den HB wieder besser zugänglich seien. Der Knackpunkt für Vogel blieb aber eine konkrete Lösung für die Verlagerung des Autoverkehrs.
Der Wirtschaftsverband City-Vereinigung Zürich, die Verkehrsverbände Automobil Club der Schweiz und Touring Club Schweiz sowie die SVP liessen hingegen kein gutes Haar an den Plänen des links-grünen Stadtrats. Damit werde die Situation „an der grössten Verkehrsdrehscheibe der Schweiz verschlechtert, anstatt sie zu verbessern“, so Dominique Zygmont, ehemals FDP-Gemeinderat und heute Geschäftsführer der einflussreichen City-Vereinigung Zürich.
Die SVP zeigte sich in ihrem Communiqué ungnädig. „Das Abwürgen des Individualverkehrs rund um den wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Schweiz ist weltfremd und führt Zürich zurück in vorindustrielle Zeiten“, hielt die rechts-konservative Partei fest.
Das Central in der Aufnahme aus dem Jahr 2021: Der Verkehrsknotenpunkt soll zu einem Ort werden, an dem man sich im Gegensatz zu heute gern aufhält. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Juliet Haller
Freude bei den Linken, Skepsis in der Mitte
Wenig überraschend waren die linken Parteien für die Umbauvision des Stadtrats. Die Sozialdemokraten freuten sich vor allem darüber, dass im Weissbuch der öffentliche Verkehr sowie der Velo- und Fussverkehr Priorität hätten. Die Grünen wiederum jubelten über mehr Grün und lobten die neuen Tramverbindungen. Die Zentrumsparteien hatten hingegen Zweifel bezüglich der Umsetzbarkeit. Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann bezeichnete das Weissbuch auf Anfrage des „Tages-Anzeigers“ als „ein Wunschkonzert“. Sven Sobernheim von der GLP sprach von einer „Potenzialstudie“.
Aber wie viel Potenzial hat dieses Weissbuch tatsächlich?
Gut auf den Punkt brachte Tiefbauamt-Direktorin Simone Rangosch das geplante Vorgehen: „Wenn man an einem Ort zu überlegen beginnt, malt man am besten zuerst ein grosses Bild und versucht dann in Einzelschritten, dass alles ins Bild passt.“ Sie fügte aber an, dass dies im Wissen sei, dass viele Jahre bis zur Umsetzung vergehen würden – und vielleicht dereinst andere Vorgaben hinzukämen.
Vor allem Letzteres ist darum bedeutend, weil es also nicht darum geht, das Entweder-oder anzustreben. Nicht riesige und unrealistische Würfe wie etwa das überdimensionierte Bauprojekt HB Südwest, das später zur im internationalen Vergleich recht gewöhnlichen Europaallee wurde, oder die aus heutiger Sicht sehr kurios wirkende Idee einer Waldstadt auf dem Adlisberg aus dem Jahr 1971. Wer weniger weit zurückgehen möchte, könnte auch das Milliardenprojekt Rosengartentunnel, das vom Volk 2020 abgelehnt wurde, dazu nehmen.
Bedenken haben muss man höchstens, dass alle Teilprojekte Um- und Neubauten benötigen. Auf Bestehendem wird kaum aufgebaut. So wussten die Verantwortlichen zum Beispiel nicht, ob sich die kürzlich sanierte Postbrücke über die Sihl von der Gewichtslimite her für Trams eignet oder nicht. Aber davon später.
"Es ist wichtig, dass das Gewerbe auch in Zukunft gut ins Gebiet rund um den Hauptbahnhof kommt", sagte Stadträtin Karin Rykart (Grüne) vor den Medien. Bild: Pascal Turin
Stadträtin Rykart betonte mit Blick aufs Ganze, dass es in Zukunft mehr Freude machen soll, zu Fuss unterwegs zu sein. „Davon sollen das Gewerbe und die Geschäfte profitieren.“ Sie sagte zudem: „Mit dem Auto in die Stadt rein ja, mit dem Auto durch die Stadt, lieber nicht.“ Die Innenstadt soll vom Durchgangsverkehr entlastet werden. Nun braucht es laut der Grünen ein detailliertes Konzept. „Es ist wichtig, dass das Gewerbe auch in Zukunft gut ins Gebiet rund um den Hauptbahnhof kommt“, so die Vorsteherin des Sicherheitsdepartements, zu dem auch die für Signalisationen und Verkehrsführung zuständige Dienstabteilung Verkehr gehört.
Stadtrat machte Mini-Park zum Vorzeigeobjekt
Für Stadtrat André Odermatt (SP), unter anderem für die Stadtplanung und den Städtebau verantwortlich, ist klar, dass der Raum um den HB „eine der Visitenkarten der Stadt Zürich“ sei. Ihm schwebt rund um den Bahnhofplatz und beim Landesmuseum Zürich ein „grünes Band entlang der Limmat“ vor. Er erinnerte an den kürzlich eingeweihten Mini-Park beim Papierwerd-Areal.
„Das Papierwerd-Areal mit dem Globus-Provisorium wird sich auch zukünftig Schritt für Schritt entwickeln“, so der 65-Jährige, der 2026 bei den Gesamterneuerungswahlen nicht mehr antritt. Das Central bezeichnete der Hochbauvorsteher als „Tor zum Niederdorf“, aber auch als „einer der chaotischeren Plätze, die wir in Zürich haben“. Die Trams sollen künftig nicht mehr über die Löwenstrasse, sondern die Postbrücke via Europaallee fahren. Eine Idee, die Gemeinderat Markus Knauss (Grüne) aber gar nicht gut findet, wie er auf dem Lokalsender Tele Züri betonte. Ja, da wären wir wieder bei diesem Klein-Klein.
Stadträtin Simone Brander blühte an der Medienkonferenz sichtlich auf. „Die Vision begeistert mich, ich bin zuversichtlich, also packen wir es an“, sagte die studierte Umweltnaturwissenschafterin. Sie rief in Erinnerung, dass heute 420’000 Passagiere täglich den Hauptbahnhof nutzen würden, 2050 könnten es bereits 900’000 sein. „Wir müssen heute mit dem Umbau anfangen“, so die Sozialdemokratin. Das Vorhaben sei mit zahlreichen Fachleuten ausgearbeitet und mit einer sogenannten Echo-Gruppe „gespiegelt“ worden.
Auch die SBB haben das Weissbuch unterschrieben. Simone Brander hat übrigens Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) über die Pläne informiert, wie sie auf Nachfrage eines Journalisten sagte. Auf der Fachebene habe sich der Kanton eingebracht. Zu einer Unterschrift sei es nicht gekommen, weil sich der Kanton als Bewilligungsbehörde in einem Rollenkonflikt gesehen habe. Am Schluss könnten einige der Ideen noch am Veto des Kantons scheitern.
Autobahnen sollen es richten
Aber wie soll denn die Umlagerung des motorisierten Individualverkehrs nun konkret geschehen? Grosse Hoffnungen setzt die Stadtregierung auf die Eröffnung der Nordumfahrung im Jahr 2027. Das könnte tatsächlich eine ähnliche Zäsur auslösen wie die Eröffnung der Westumfahrung 2009, als dank flankierenden Massnahmen etwa die Weststrasse komplett neu gestaltet wurde, ebenso wie das Gebiet um den Bullingerplatz. Trotzdem war bemerkenswert, dass die Verantwortlichen an der Medienkonferenz nicht sagen konnten, wie viele Autos und Lastwagen pro Tag den Bahnhofplatz passieren, um etwa vom Milchbucktunnel kommend nach Luzern und Chur zu gelangen.
Es sind – der Nachfrage der NZZ sei gedankt – gut 20’000 Fahrzeuge, also gut ein Drittel der Verkehrsmenge, die täglich über die Rosengartenstrasse fährt. Und um das Thema motorisierter Strassenverkehr noch zu vertiefen: Der reine Transitverkehr von 20 Prozent soll auf die Autobahn verlagert werden. Der Verkehr von ausserhalb der Stadt, der in die Stadt führt – und umgekehrt, das sind ebenfalls gut 20 Prozent, soll „möglichst lange“ auf der Autobahn geführt werden.
Der reine Binnenverkehr, der 40 Prozent ausmacht, soll möglichst durch das Velo und den ÖV ersetzt werden. Den Rest will die Stadt auf der Achse Hardbrücke–Rosengartenstrasse kanalisieren. Der übrige Anlieferungs- und Erschliessungsverkehr, etwa 20 Prozent, soll in der Innenstadt verbleiben. Eine stärkere Verkehrsachse als bisher könnte die Mühlegasse werden – zur Orientierung, das ist dort, wo sich die Zentralbibliothek befindet.
Velos nur als Randnotiz
Nur am Rande kommen im Weissbuch übrigens die Velofahrenden vor. Auf dem künftigen Bahnhofplatz etwa soll ein Veloverbot herrschen. Konsultiert man den Veloplan im Weissbuch genauer, dann muss man den Stadtraum rund um den HB eher als grossräumigen Umfahrungsplan für Velos interpretieren. Das federführende Tiefbauamt zeigt keine Gnade für Drahtesel.
Grüne-Gemeinderat Markus Knauss, der auch Co-Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) ist, gibt sich diplomatisch: „Ein grosser und offener Bahnhofplatz, der vor allem auf die Fussgängerinnen und Fussgänger ausgerichtet ist, ist zwar äusserst attraktiv. Dass die Velorouten nicht mehr über den Bahnhofplatz geführt werden, ist ein interessanter Gedanke.“ Die dafür notwendige Ausweichroute sei aufgrund der engen und verwinkelten Gassen aber nicht geeignet, grosse Veloverkehrsmengen aufzunehmen.
„Eine Veloführung mit einem Übergang über die Bahnhofstrasse mit sehr viel Tramverkehr und sehr, sehr, sehr vielen Fussgängerinnen und Fussgängern ist schlicht untauglich. Hier müssen neue Lösungen her“, so Knauss auf der VCS-Website. Er bemängelt zudem die Planungen der Veloabstellanlagen. „Zwar sind richtigerweise Veloparkhäuser rund um den Bahnhof angedacht. Aber hier müsste die Planung viel weiter sein“, fordert der Politiker, der schon seit 27 Jahren im Gemeinderat sitzt.
Stadtrat Michael Baumer (FDP) stellte die angedachten neuen Tramstrecken vor. Zum Beispiel neue VBZ-Gleise am Neumühlequai und an der Europaallee. Bild: Pascal Turin
Der „ÖV-Minister“ ging ins Detail
Doch zurück zur Medienkonferenz und damit zu Michael Baumer (FDP), der sich mit einem Augenzwinkern selbst als „ÖV-Minister“ bezeichnete. Er passte mit seinem eher trockenen Auftritt nicht so ganz ins euphorische Bild seiner Stadtrats-Gspändli. Folgerichtig ging er nicht auf das Gesamtkonzept eines mehr oder weniger autofreien Stadtraums HB ein. Vielmehr betonte er die Vorteile für „seine“ Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ): „Wir können mit dem Konzept auch das Behindertengleichstellungsgesetz besser umsetzen.“
Baumer betonte, dass man sich die Frage gestellt habe, wie die Europaallee ÖV-mässig besser verknüpft werden könne. „Darum soll dort eine neue Haltestelle entstehen – als Ablösung der bisherigen Haltestelle Sihlpost.“ Zudem sollen Haltestellen auf die Bahnhofbrücke und den Neumühlequai verschoben werden. Dort hat es heute erst ein Gleis, aber genügend Platz. Baumer, tatsächlich ganz der „Trämler“, betonte, dass man so dank neuen Wendemöglichkeiten im Störungsfall besser reagieren könne. „Der Hauptbahnhof ist eine ÖV-Drehscheibe und er wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen.“
Bemerkenswert war, dass der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe tags zuvor an einer anderen Medienorientierung mit keinem Wort aufs Gebiet Hauptbahnhof eingegangen war, dafür umso mehr Werbung für einen 450-Millionen-Kredit für ÖV-Ausbauten vor allem in Altstetten machte. Mit anderen Worten: Er hielt dicht, um seinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtrat nicht die Show zu stehlen.
„Nicht alles eins-zu-eins umsetzen“
Widmen wir uns nun wieder dem grossen Wurf. SP-Stadträtin Simone Brander nannte das Weissbuch „eine verwaltungsanweisende Richtschnur“. Man könne es ein bisschen mit dem Weissbuch des Hochschul-Quartiers vergleichen. „Innerhalb von diesem muss man dann schauen, was die beste Lösung ist.“ Ob dann alles genau so komme oder ob es neue Entwicklungen gebe, müsse man von Fall zu Fall entscheiden. „Wir haben heute nicht den Anspruch, dass wir alles eins-zu-eins umsetzen können.“
So stellen sich die Planerinnen und Planer die Bahnhofbücke und das Central vor. Visualisierung: Dome Visual
Noch eine nicht unwesentliche Randnotiz: Entwarnung gab SP-Stadtrat André Odermatt zu einer Frage von FDP-Gemeinderat Albert Leiser, dem Direktor der Hauseigentümerverbände Stadt und Kanton Zürich. Die geplanten Umbauten sollen allesamt „ohne Eingriff in Bausubstanz“ abgewickelt werden können.
Bisher 1,6 Millionen Franken ausgegeben
Bis jetzt haben die Testplanungen rund um die Neugestaltung des Stadtraums Hauptbahnhof rund 1,6 Millionen Franken gekostet. Was der zweite Jahrhundertwurf nach jenem der neuen Quaianlagen vor über 140 Jahren kosten wird, weiss man noch nicht. Ebenso wurden noch keine konkreten Planungen ausgelöst. Bis das Gebiet mitten in der Limmatstadt also anders aussieht, vergehen sicher zehn Jahre. Und vor 2045 sind grosse Würfe wie ein autofreies Central wahrscheinlich nicht umgesetzt. Wie dann Zürich wirtschaftlich und gesellschaftlich positioniert sein wird, steht logischerweise in den Sternen. Bleibt zu hoffen, dass die öffentliche Hand dann immer noch so im Geld schwimmt wie heute.
Eine Ausstellung mit allen Plänen und Vorhaben rund um den Stadtraum Hauptbahnhof 2050 sowie diverse Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen organisiert die Stadt vom 21. November bis zum 14. Dezember im Zentrum für Architektur Zürich (ZAZ) im ehemaligen Museum Bellerive (Höschgasse 3, 8008 Zürich).Info: Wer hier klickt, gelangt direkt zu viel Wissenswertem rund um das Megaprojekt.
Das Zürcher Rathaus am Limmatquai wird im Moment vom Kantonsrat nicht genutzt. Man könnte es also zum Opernhaus umfunktionieren, findet Rathuus-Mitgründer Pascal Turin. Bild: Pascal Turin, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Kurz vor dem Abschicken der Medienmitteilung zum Budgetentwurf des Kantons Zürich schlägt den Verantwortlichen das Herz bis zum Hals. Kaum draussen, tröpfeln die Reaktionen der Parteien verlässlich rein. Links-grün findet alles zu knauserig und die Bürgerlichen wollen die Steuern senken. Eine Glosse.
Alles stimmt bis auf den letzten Punkt. Finanzdirektor Ernst Stocker hat seine Rede für die anstehende Medienkonferenz schon zu Hause in Wädenswil vor dem Spiegel geübt. Der SVP-Regierungsrat wiederholt in seinem Kopf immer wieder „Geschätzte Medienschaffende, ich möchte Sie recht herzlich begrüssen“. Wenn der Einstieg gelingt, dann klappt auch der Rest des Vortrags, denkt er und steckt seine Notizen selbstbewusst in die blaue Businesstasche, die er auch schon am Sommerspaziergang in Rüti dabei hatte.
In der kantonalen Verwaltung steigt derweil der Druck. Unzählige Verwaltungsangestellte haben die Medienmitteilung auf Fehler abgeklopft. Der Entwurf aus der Finanzverwaltung wurde mehrfach überarbeitet. „Regierungsrat rechnet im Budgetentwurf 2026 mit einer roten Null“, hatte sich schliesslich als Titel des Communiqués durchgesetzt. Die zwei Vorschläge „Null Problemo, nur halt rot“ und „Budget 2026: Mehr Spannung als im Zahlenlotto“ blieben chancenlos. Warum sie es überhaupt in die engere Auswahl geschafft hatten, lässt sich nicht mehr eruieren.
Punkt 10 Uhr. Endlich drückt einer auf Absenden. Die Medienmitteilung ist draussen. Der Vorhang öffnet sich. Der erste Akt beginnt – und damit die Medienkonferenz. Finanzdirektor Stocker sagt: „Geschätzte Medienschaffende, ich möchte Sie recht herzlich begrüssen.“
Die Journalistinnen und Journalisten hängen dem Regierungsrat sofort an den Lippen. Zeitgleich kommen die Parteien langsam in Fahrt.
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Die SVP-Verantwortlichen haben die ganze Nacht durchgearbeitet. Diese Stellungnahme muss sitzen. Für den grossen Knalleffekt holt die SVP Kanton Zürich eine altbekannte Forderung aus der Mottenkiste: „Budget 2026: Einnahmen sprudeln – Ausgaben schiessen über 20 Milliarden hinaus. Jetzt braucht es eine Steuerreduktion!“ Das dürfte auch dem Chef in Herrliberg gefallen.
Noch etwas unsicher ist man hingegen bei der Mitte. Erst kürzlich hat man das alte CVP-Briefpapier entsorgt. „Sparpotentiale“, das klingt doch gut. Potential haben wir alle, denken die Parteioberen. Und sparen ist in diesen unsicheren Zeiten doch ein sicherer Schweizer Wert. „Nettoverschuldung des Kantons Zürich erhöht sich. Sparpotentiale sind noch nicht ausgeschöpft“, schreibt darum die Mitte Kanton Zürich.
Die SP Kanton Zürich wusste natürlich schon im Voraus, was die Kolleginnen und Kollegen vom anderen politischen Spektrum fordern werden. Das Sekretariat hat darum auch nicht lange über dem Titel gebrütet. Die Medienmitteilung wird schlicht mit „Steuerfusssenkung wäre verantwortungslos“ überschrieben. Im Sekretariat der Sozialdemokraten stösst man mit Cüpli an. Heute gibt es Champagner statt Prosecco.
Weil die Liberalen das Stellenwachstum beim Staat stoppen wollen, ist das Thema gesetzt. „Der Kanton Zürich budgetiert erstmals Ausgaben von über 20 Milliarden. Personal- und Ausgabenwachstum gehen ungehindert weiter“, titelt darum die FDP Kanton Zürich. Kaum ist die Medienmitteilung draussen, springen die FDPler in ihre Autos und stehen prompt auf der Bellerivestrasse im Stau Richtung Goldküste.
Der gesamte Vorstand der Alternativen Liste hat sich versammelt, denn bei der Linksaussen-Partei werden Entscheidungen kollektiv gefällt. Jemand hat vegane Schoggimuffins mitgebracht. Ein echter Schmaus. Nach langen Diskussionen einigt sich das Kollektiv endlich auf einen Titel. „AL fordert eine realistische Budgetierung und eine Lösung der Investitionsbremse.“ Jetzt muss nur noch der Rest des Texts geschrieben werden.
Die Grünliberalen sind zerrissen. Sie mögen weder hohe Steuern noch tiefe Steuern. Es ist ein Fluch. „20-Milliarden-Budget für Zürich“, heisst es am Ende in der Überschrift. Es ist mehr eine Feststellung als eine Anklage. Zu mehr hatte man sich die GLP Kanton Zürich nicht durchringen können. Aber beim nächsten Budgetentwurf sind wir dann mutiger, sagt eine mit der GLP vertraute Person, die anonym bleiben möchte.
Zuallerletzt drücken die Grünen Kanton Zürich auf Absenden – „Fuss weg von der Investitionsbremse!“, lautet der Titel. Lange hatte man gewerweisst. E-Mails sind bekanntlich Klimakiller. Am Ende erinnerte zum Glück ein alter Hase im Sekretariat daran, dass man nun wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben brauche. Man beziehe als Ökopartei vom Elektrizitätswerk nichts weniger als reinen Ökostrom.
„Gut, wenn es keine Fragen mehr gibt, besten Dank für Ihr Erscheinen“, sagt Finanzdirektor Ernst Stocker zum Abschluss der Medienkonferenz. „Ich wünsche einen guten Tag.“
In der Verwaltung atmen alle erleichtert auf: Der Budgetentwurf hat seinen grossen Auftritt hinter sich. Der erste Akt ist gespielt. Im Dezember hebt sich der Vorhang zum zweiten Akt – der grossen Budgetdebatte. Und der Dritte? Ein Überraschungsfinal, wenn unverhoffte Steuereinnahmen die rote Null in zartrosa tauchen.
"Wir brauchen Flexibilität", sagte Stadtrat Michael Baumer (FDP) und erklärte damit den geplanten vorgezogenen Kredit, für den man das Ja des Kantons nicht abwarten will. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die Verkehrsbetriebe Zürich zeigten an einer Medienkonferenz auf, wie sie das ÖV-Netz vor allem in Altstetten ausbauen möchten. Dazu wollen sie ein 450-Millionen-Franken-Paket zu Handen des Stimmvolks schnüren – und vorerst auf die Kostenbeteiligung des Kantons verzichten.
Die Zahl ist imposant. „Eine Million Passagiere pro Tag transportieren die Verkehrsbetriebe Zürich jeden Tag“, sagte Stadtrat Michael Baumer (FDP) heute vor den zahlreich erschienenen Medien. Die Tendenz sei steigend. Für diese vielen Leute müsse es eine gute Infrastruktur geben, die auch den städtischen Klimazielen entspreche. Dabei scheinen Baumer die kantonalen Instanzen definitiv zu langsam zu arbeiten. Das ist darum entscheidend, weil der Kanton via Verkehrsfonds jeweils einen wesentlichen Finanzanteil an ÖV-Bauten beisteuert.
„Der Ausbau der ÖV-Infrastruktur muss jetzt vorangetrieben werden, damit die erwünschte Entlastung der Innenstadt rechtzeitig eintritt. Dafür brauchen wir mehr finanzielle Flexibilität und Planungssicherheit, die der Rahmenkredit von 450 Millionen ermöglicht“, so der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe.
Ein gerüttelt Mass an Projekten in der Stadt Zürich. Der Plan zeigt mögliche Ausbauten des ÖV in den nächsten Jahrzehnten. Bild: zvg
Die Verkehrsbetriebe Zürich – kurz VBZ – wollen dank dem Geld folgende neuen direkten Verbindungen zwischen den Quartieren vorantreiben, um das Stadtzentrum zu entlasten:
Tram Flur-/Gutstrasse (also Trams ins Kochareal und übers Sihlfeld)
Busverbindung über Gleisanlage beim Bahnhof Altstetten als Vorläufer für spätere Tramverbindung
Tram Hardplatz–Albisriederplatz (als Verbindung des heutigen 8er- und 2er-Trams)
Optionale Ergänzungen: Zweite Phase Flur-/Gutstrasse bis Bahnhof Altstetten oder Tram Hubertus–Triemli
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Martin Sturzenegger, der vor gut vier Monaten die Nachfolge von VBZ-Direktor Marco Lüthi übernommen hatte, betonte, dass diese Strecken abgestimmt seien auf die rasante Stadtentwicklung im Westen der Stadt. Zudem versuche man damit, die City zu entlasten. Sprich, fast jedes Tram fährt heute durch die Innenstadt (Central, Hauptbahnhof und Bellevue). Das bedeutet oft Tramstaus und bei Tramausfällen noch längere Wartezeiten.
Martin Sturzenegger ist seit dem 1. Mai 2025 der neue VBZ-Direktor. Er betonte, dass die neuen Tramlinien auch bei Umleitungen spannende Möglichkeiten darstellen würden. Bild: Lorenz Steinmann
Folgt der Gemeinderat den Ideen der Stadt, ist eine Volksabstimmung schon 2026 geplant. Auf Nachfrage von Rathuus sagte Baumer, die 450-Millionen-Abstimmung habe nichts zu tun mit jener über das Tram Affoltern im Norden der Stadt. „Das gibt zwei Abstimmungen, und an der Urne ist alles möglich“, so Baumer.
Gelassen sieht Stadtrat Michael Baumer der Haltung des Kantons zum eigenen Vorpreschen entgegen. Man nehme an, dass die Finanzierungsfrage vor dem Baubeginn der jeweiligen Projekte mit dem Kanton geklärt werden könne.
Ein Tunnel und ein Mini-Rosengarten-Tram
Bemerkenswert ist, dass in den vorgestellten Unterlagen ein Tramtunnel Hönggerberg sowie Tramverbindungen von der Rosengartenstrasse via Bahnhof Wipkingen zum Milchbuck vorkommen. Es ist quasi ein Plan B für das vom Volk vor fünf Jahren an der Urne abgelehnte Rosengartentram. Diese Projekte seien aber erst in den 2040er-Jahren spruchreif, im Gegensatz zu den heute Dienstag vorgestellten ÖV-Strecken, hiess es von den Verantwortlichen dazu an der Medienkonferenz.
Es gab feurige Voten, aber auch zurückhaltende Statements. Auf dem Bild von rechts stehend Conrad Brunner (Teil des Publikums), Mischa Schiwow, Lydia Trüb, Flurin Capaul, Katrin Gügler und Isabelle Sterchi Pelizzari. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Der Hegibachplatz könnte eigentlich ein Quartierzentrum sein. An einem Podium prallten Stadtplanung, Verkehrspolitik und private Bauinteressen frontal aufeinander. Wie viel Einfluss kann die Stadt Zürich nehmen? Das Interesse war gross, der kleine Veranstaltungssaal voll.
Von der Forchstrasse aus betrachtet wirkte das Festgelände des 3. Hegi Fäschts wie eine Karikatur. Eingeklemmt und reduziert aufs enge Trottoir beim Brunnen, daneben die fünf fast leeren Fahrspuren für Tram, Forchbahn, Trolleybus und Autos. Doch das krasse Grössen- ja Kräfteverhältnis trübte die Stimmung keineswegs. Der DJ Battaglia sorgte für gute Stimmung und um 18 Uhr war die Buchhandlung des Kampaverlags proppenvoll.
Über 40 Leute wollten im Rahmen einer 75-minütigen Podiumsdiskussion mehr darüber erfahren, was die Identität des Hegibachplatzes im Stadtzürcher Quartier Hirslanden eigentlich ausmacht und welchen Einfluss die diversen Neubauten vor Ort haben. Und vor allem, was getan werden kann, um die Substanz des Platzes zu erhalten und um den Platz für das Quartier attraktiver zu machen. Unter der Leitung von alt AL-Gemeinderat Mischa Schiwow, Co-Präsident des Quartiervereins Hirslanden, diskutierten die Historikerin und Vizepräsidentin des Zürcher Heimatschutzes Lydia Trüb, Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau, FDP-Gemeinderat Flurin Capaul, der Mitglied der gemeinderätlichen Sachkommission Hochbaudepartement und Stadtentwicklung ist, sowie Isabelle Sterchi Pelizzari, Co-Präsidentin Grüne 7/8.
In Zürich hat es 47 Plätze
Laut Katrin Gügler, die faktisch die Funktion einer Stadtbaumeisterin inne hat, ist der Hegibachplatz mit seiner Nummer 40 einer von 47 Plätzen im Stadtzürcher Richtplan. Sie verneinte nicht, dass Plätze meistens vor allem als Verkehrsknotenpunkte genutzt werden. Oft ist dies historisch bedingt, wurde aber auch durch die Priorisierung des Autoverkehrs in den 1960er- und 1970er-Jahren planerisch untermauert.
Beispiele dieses engen Verkehrskorsetts sind etwa der Schaffhauserplatz, der Bucheggplatz und auch der Limmat- und der Albisriederplatz. Erst vereinzelt gibt es Umwandlungen hin zu Begegnungsorten wie vor Jahrzehnten beim Röntgenplatz, später beim Ida- und neueren Datums etwa beim Röschibachplatz und beim Bullingerplatz. Dass oft ein Zielkonflikt zwischen dem rollenden Verkehr und der Aufenthaltsqualität herrscht, brachte Flurin Capaul auf den Punkt: „Alle wollen Mobilität, aber niemand Verkehr.“
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Auf dem Hegibachplatz nehmen die verschiedenen Verkehrsformen viel Platz ein. Rechts beim Baum fand das 3. Hegi Fäscht auf einem Mini-Plätzchen statt. Bild: Lorenz Steinmann
Und damit eins vorweg. Auf dem politisch durchmischten Podium war man sich einig, dass der Hegibachplatz ein Ort des Verkehrs ist und bleibt. Er wurde zwar als „Durchfahrtgenerator für Tram und Auto“ bezeichnet und als „Nicht-Ort“, er habe aber schon auf alten Fotos primär als Tramstation gewirkt. Es sollten aber Schulwege, die über den Platz führen, sicherer werden, ebenso die Fusswege für Senioren.
Und die Klein-Klein-Gestaltung mit Veloständern und Abfallcontainern solle man bitte überdenken. Zudem wurde das privat geführte Kaffee-Fenster „Hegifret“ mit Barista-Kaffee und Frühstücksgebäck als wunderbare Innovation und als neuer Treffpunkt bezeichnet.
Mehr Freiraum für Restaurants gefordert
Bedauern gab es ausserdem, weil es (noch) keine Aussenbestuhlung gebe für die Mini-Beiz Hegifret. Eine Vergrösserung der Aussenbestuhlung wurde auch für das koreanische Restaurant Misoga und für das Restaurant Williams Butchers Table gefordert. Denn Strassenrestaurants sorgen ohne Zweifel für mehr Leben und Attraktivität. Dies war ein Fingerzeig an die für die Aussenbestuhlung von Restaurants zuständige Stadträtin Karin Rykart, welche wie auch Stadtratskandidat und Nationalrat Balthasar Glättli (beide Grüne) unter dem Publikum auszumachen war.
Der untere Teil des Hegibachplatzes fällt durch ein gestalterisches "Chrüsimüsi" auf. Bild: Lorenz Steinmann
Grosse und utopische Forderungen blieben aus auf dem Podium. Lediglich aus dem Publikum gab es etwa den Input, Tempo 30 einzuführen. Ein möglicher Spurabbau und die Einführung von Kapp-Haltestellen, um die Durchfahrt für den motorisierten Strassenverkehr unattraktiver zu gestalten, waren kein Thema. Zu sehr ist der Ort Zubringer etwa für die Universitätsklinik Balgrist und fürs Kinderspital Zürich, wie Isabelle Sterchi Pelizzari von den Grünen ausführte.
Und hier erlauben wir uns eine Vermutung: Die Podiumsteilnehmenden wollten es sich als etablierte Grössen im Quartier vermutlich auch mit niemandem verscherzen.
Schon 1939 wirkte der Hegibachplatz gestalterisch dominiert vom Verkehr. Bild: Baugeschichtliches Archiv
Ebenfalls von einem Zuhörer kam die Feststellung, dass bei Platzumbauten in Zürich immer Verkehrsingenieure die Projektleiter seien. Dabei müsse der Städtebau führend sein, nicht der Verkehr. Doch auch auf Nachfrage von Diskussionsleiter Mischa Schiwow konnte oder wollte sich Katrin Gügler nicht dazu äussern, wer jeweils den Lead habe bei Umbauten.
Nur so viel: „Der Verkehr schafft eine klare Ausgangslage“, so Gügler, die seit 2017 Chefin des Amts für Städtebau im Hochbaudepartement unter André Odermatt (SP) ist. Sie sagte, sie sei froh, dass sie nicht mehr jene städtebaulich tragende Rolle innehabe wie einige ihrer Vorgänger. Tatsächlich prägen diese das Stadtbild bis heute, wie etwa Gustav Gull, im Amt von 1895 bis 1900, oder Hermann Herter, im Amt von 1919 bis 1942.
Immerhin: Neben dem kommunalen Richtplan gebe es auch noch den kommunalen Verkehrsrichtplan, wo das Tiefbauamt immer den Lead habe, so Gügler. So gebe es heute „sehr viele Zielkonflikte“, stellte die 59-Jährige fest. Dass es neben Güglers Amt auch noch ein Amt für Stadtentwicklung unter Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) gibt, macht die Sache mit den Zuständigkeiten mit Konfliktpotenzial auch nicht einfacher.
Am Podium wurden die Bauten an der Hegibachstrasse 1 (in der Mitte) sowie das schon 50-jährige ACS-Haus verschiedentlich als "Schandflecke" bezeichnet. Bild: Lorenz Steinmann
Zielkonflikte also, die auch bei Hochbauten offensichtlich erscheinen. Denn im Quartier machte der Neubau an der Hegibachstrasse 1 Schlagzeilen. Dieser Neubau gehe überhaupt nicht auf den Quartiercharakter ein, befand Lydia Trüb. Zudem habe es keine Läden im Erdgeschoss, obwohl doch eigentlich passende Fensterfronten vorhanden seien. Dazu erwähnte Mischa Schiwow auch das ACS-Haus, das den Platzcharakter vor 50 Jahren schon negativ beeinflusst habe.
Gügler betonte, die Verantwortung trage jeweils der Hauseigentümer. „Wir können beraten, aber nicht verfügen“, so Gügler. Und mit Wohnen verdiene man nun einmal mehr als mit dem Gewerbe. „Die Art der Nutzung des Erdgeschosses konnten wir bei der Hegibachstrasse 1 nicht vorschreiben“, sagte die Direktorin des Amts für Städtebau. Nicht so einfach sei es zudem, Häuser ins Inventar schützenswerter Bauten zu nehmen oder gar unter Schutz zu stellen. „Der Grundeigentümer darf sich jeweils einbringen und der Stadtrat muss Abwägungen treffen“, so Architektin Katrin Gügler.
So scheint es, dass die Gestaltung von prägenden Häuserzeilen und Plätzen öfter als gedacht vom Willen und vom Geschmack der Hauseigentümer abhängt.
Ein weiteres Thema war die aktuell laufende Neugestaltung des benachbarten Kreuzplatzes. Dort gibt es künftig mehr Platz für den Veloverkehr auf Kosten einer Autospur in Richtung Forch. Bei der Diskussion wurden Befürchtungen geäussert, dass sich die Verkehrsproblematik einfach in Richtung Hegibachplatz verlagere und sich hier darum nie etwas ändere. Als Möglichkeit, sich zu äussern, wurde aber die Form der Petition erwähnt. „Beim Klusplatz wurde tatsächlich etwas bewirkt, auch wir wollen Einfluss nehmen“, betonte Moderator Schiwow, der zum Schluss der Veranstaltung seinen Hut als Co-Präsident des Quartiervereins aufsetzte.
BZO als Möglichkeit, fürs Quartier einzustehen
Katrin Gügler erwähnte punkto Einbringen von Quartieranliegen den angelaufenen Prozess der neuen Bau- und Zonenordnung (BZO). Die vom Volk angenommene und seit dem 1. April 2025 geltende BZO für die Stadt Zürich werde nun „parzellenscharf“ gemacht, wie Gügler den Prozess nannte. Sprich: Es gibt öffentliche Auflagen und einen politischen Prozess. „Alle können sich nächsten Frühling dazu äussern, Verbände wie auch Privatpersonen“, erklärt Gügler. Dazu seien auch Anträge via Gemeinderat möglich.
Will heissen: Gemeinderätinnen und Gemeinderäte aus den Quartieren können Anliegen wie am heutigen Podium geäussert in die Debatte tragen. Ob sie dann umgesetzt werden, ist freilich eine andere Frage. So kann man auch nicht einfach den Abriss eines „hässlichen“ Hauses fordern. „Was da ist, hat Bestandesgarantie“, musste Gügler die aufkommende Euphorie im Saal bremsen.
Was bleibt, ist, dass es eine erfrischende, angeregte 75-Minuten-Diskussion über eine Platzgestaltung gab, bei der viele Themen angesprochen wurden, die man auch auf anderswo in der Stadt übertragen könnte. Die Zutaten: engagierte Quartierbewohnerinnen und -bewohner, interessierte Politikerinnen und Politiker sowie eine Verwaltung, die sich auf eine Auseinandersetzung einlässt. Ein Abend der gelebten Demokratie.
Ist die Signalisation hier an der Langstrasse in der Stadt Zürich tatsächlich so unklar? Offensichtlich schon, wie die Bussenstatistik zeigt. Sie spricht eine klare Sprache. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die autofahrende Zürcher Bevölkerung konnte es kaum glauben: Wer das kleine Fahrverbotsstück an der Langstrasse übersah, tappte in die Bussenfalle. Doch bis die versprochenen Wechselsignale kommen, ist Geduld gefragt. Es dauert noch bis 2026.
Es sind für Autofahrerinnen und Autofahrer die wohl teuersten 60 Strassenmeter der Schweiz. Das tagsüber geltende Fahrverbot an der Zürcher Langstrasse zwischen der Diener- und Brauerstrasse. Es wurde Ende September 2023 eingeführt, um den Verkehr an der Langstrasse zu reduzieren. Weil sich aber fast niemand daran hielt, wurde Anfang 2024 eine Kamera installiert, die alle Autolenkerinnen und -lenker filmte.
Sogleich hagelte es Bussen – die Zahlen waren enorm: In nur einem Monat wurden rund 17’000 Autofahrerinnen und -fahrer gebüsst. Kostenpunkt pro Busse: 100 Franken. Das spülte einen Millionenbetrag in die Stadtkassen. Die durchaus unklare Signalisation sorgte so für viel Ärger und Frust bei den Autofahrerinnen und Autofahrern. Bis zu 500 Bussen wurden täglich ausgestellt.
Im April 2024 berichtete das Onlineportal Zürich24, dass die Stadt Zürich deswegen in grosser Kritik stehe. „Nun tut sich was, doch die Stadt will (noch) nicht informieren“, hiess es damals auf Zürich24. Ende Juni 2024 teilte die Stadt dann mit, das Blitzergerät vorerst deaktivieren und das Fahrverbot besser ausschildern zu wollen.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Das Fahrverbot für Autos und Motorräder wird laufend übertreten. Erst grosse Wechselsignale ab Frühling 2026 sollen für Abhilfe sorgen. Bild: Lorenz Steinmann
Wie präsentiert sich die Situation heute, über ein Jahr nach dem Ausschalten der Bussenkamera? Michael Walker vom Mediendienst der Stadtpolizei (Stapo) bestätigt, dass seit Juni 2024 keine Übertretungen mehr geahndet worden seien durch die Anlage. Der Grund: „Bei den Autofahrenden stellte sich zwar ein gewisser Lerneffekt ein, wie die sinkenden Zahlen seit der Einführung Anfang Jahr zeigen.“ So sei die Anzahl der Übertretungen von rund 17’000 auf rund 7’800 gesunken. „Insgesamt blieben sie aber auf einem zu hohen Niveau; zu viele Autofahrende missachteten nach wie vor die Signalisation“, so die Stapo.
Weil es nicht darum gegangen sei, möglichst viel Bussengeld einzutreiben, sondern das neue Verkehrsregime durchzusetzen, habe man weitere Massnahmen geprüft. „Eine davon ist die bessere Signalisation mit einem Wechselsignal. Die Kosten dafür sind im Budget 2025 eingestellt.“
Doch irgendwie harzt das Projekt seither. Laut Stapo-Sprecher Michael Walker wird das Wechselsignal erst bis spätestens Frühling 2026 montiert. Als Grund für die erstaunlich lange Frist verweist Walker auf die spezielle Situation an der Langstrasse mit schmalen Trottoirs, Ladenschaufenstern, Fensterstoren und den vielen Werkleitungen im Trottoir. Diese hätten die Projektierung erschwert und eine technische Herausforderung dargestellt. „Die Bauarbeiten erfolgen zudem koordiniert mit der Umsetzung der Velovorzugsroute von der Stauffacherstrasse an den Hauptbahnhof“, so Walker, der für Rathuus die Antworten der Stadtpolizei und der Dienstabteilung Verkehr eingeholt hat.
So sieht die Kamera aus hinter dem Fahrverbotszeichen für Autos und Motorräder. Seit Juni 2024 wird sie nicht mehr als Bussengenerator benutzt. Bild: Lorenz Steinmann
Immerhin blieb die Stadtpolizei beim Bussenverteilen nicht ganz untätig. „Nach der Abschaltung wurden Stichprobenkontrollen durchgeführt. Insgesamt wurden seit der Abschaltung im Juni 2024 bis Ende Juli 2025 2752 Ordnungsbussen à 100 Franken ausgestellt“, so Walker. Das macht total 275’200 Franken, die in den letzten 13 Monaten in die Staatskasse flossen.
Im ersten Monat der Filmaufzeichnungen waren es noch 1,7 Millionen Franken, jetzt sind es im Schnitt nur noch gut 21’000 Franken. Das sind lediglich noch 1,2 Prozent oder gut hundertmal weniger.
Ein Gewohnheitsrecht, das stutzig macht
Laut der Stadt kostet die Installation der beiden Wechselsignale übrigens die stattliche Summe von etwa einer Million Franken. Dank jenen Signalen soll dann klarer sein, dass hier tagsüber von 5.30 bis 22 Uhr ein allgemeines Fahrverbot gilt – ausser für Busse, Taxis und natürlich für Velos.
Mehrere Besuche vor Ort zeigen, dass gefühlt jedes dritte Auto die Verbotstafeln ignoriert. Es ist ein erstaunliches Gewohnheitsrecht, das hier toleriert wird. Für die Reputation der Stadt definitiv kein Ruhmesblatt.
Radio, Social Media, TV oder Zeitung? Auch Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte müssen aufpassen, nicht von der täglichen Newsflut verschluckt zu werden. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI
Pascal Turin
Wie informieren sich Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte? Unsere Stichprobe zeigt: Instagram, Tiktok und Co. spielen dabei kaum eine Rolle – ganz anders als bei Schweizer Jugendlichen. Die Zeitung dominiert. News-Junkies sind die Politikerinnen und Politiker dennoch nicht.
Dass sie ständig am Handy hängen, mag ein Vorurteil sein. Doch immerhin wissen wir jetzt dank einer Studie, wofür Schweizer Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren Social-Media-Plattformen benutzen. Nämlich vor allem, um sich zu informieren und unterhalten zu lassen, wie ein Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – kurz ZHAW – und des Telekommunikationsunternehmens Swisscom zeigt.
91 Prozent der Jugendlichen verwenden soziale Netzwerke täglich oder mehrmals pro Woche, so die ZHAW in einer Mitteilung. „Als soziale Netzwerke gelten im sogenannten ‚Jamesfocus‘-Bericht 2025 Plattformen, die sowohl persönliche wie auch öffentliche Kommunikation ermöglichen“, berichtet die Fachhochschule weiter. Damit gemeint sind unter anderem die Bilderplattform Instagram, die Video-App Tiktok, das Social-Media-Urgestein Facebook, der Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter), das Online-Forum Reddit und sogar die Dating-App Tinder.
James steht für „Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz“ und ist eine Studie zum Mediennutzungs- und Freizeitverhalten. In den „Jamesfocus“-Berichten werden die Daten vertieft ausgewertet. Die Analysen liefern jeweils interessante Ergebnisse: Etwa, dass Mädchen Social Media signifikant häufiger zu Unterhaltungszwecken nutzen als Jungen. „Diese scheinen ihr Bedürfnis nach Unterhaltung stärker über andere Kanäle zu stillen – beispielsweise beim Gaming“, schreibt die ZHAW.
Zudem bemerkenswert: Wenn also Jugendliche ihre News zunehmend über Social Media beziehen, stellt sich die Frage, wie das bei Politikerinnen und Politikern aussieht. Nutzen sie auch vermehrt Instagram, Tiktok und Co. oder bevorzugen sie traditionelle Medien?
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„Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht, ich bin interessiert, was in meiner Umgebung geschieht“, sagt SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher.
Zeitungen und SRF-Sendungen sind in
Wir wollten unter anderem wissen, welche Zeitungen gelesen werden – online oder gedruckt, je nach Gusto – und ob man als Kantonsrätin oder Kantonsrat ein News-Junkie sein muss. „Das dachte ich früher. Heute, da sich die Medienkanäle vervielfältigt haben und mehr News nicht unbedingt bedeutet, besser informiert zu sein, muss eine Politikerin vor allem auch ‚wählerisch‘ sein“, sagt Jeannette Büsser. Die Grünen-Kantonsrätin liest das Onlinemagazin Republik, das Onlineportal Tsüri und die „SonntagsZeitung“. Ausserdem schaut die Sozialarbeiterin aus Horgen viele Fernsehsendungen des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) – darunter den Literaturclub, Einstein und „10 vor 10“. Und sie hört die politische SRF-Hintergrundsendung „Echo der Zeit“.
Anders klingt es bei SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher: „Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht.“ Er sei interessiert, was in seiner Umgebung geschehe, was sich ändere, ob gesellschaftlich oder politisch. Darum informiert sich der Augenoptiker mit dem „Tages-Anzeiger“, der „Limmattaler Zeitung“, der „Weltwoche“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und weiteren Zeitungen oder Magazinen. Ausserdem schaut der Politiker aus Schlieren die Tagesschau und den Lokalsender Tele Züri. Radio hört Dalcher aber nicht.
Beim EDU-Politiker und diplomierten Baumeister Roger Cadonau laufen hingegen auf seinen arbeitsbedingten Autofahrten jeweils die Nachrichten auf verschiedenen Radiosendern, „ansonsten konsumiere ich keine Radiosendungen speziell“. Einen Fernseher hat Cadonau nicht. „Es liegt in der persönlichen Verantwortung, dass sich ein Politiker ausreichend informiert“, findet der Wetziker Kantonsrat, der den „Zürcher Oberländer“ liest. Aus seiner Sicht müsse man hierzu aber nicht unbedingt ein News-Junkie sein.
Ähnlich tönt es auf der anderen Seite des politischen Spektrums bei AL-Politikerin Gianna Berger. Sie findet, dass man kein News-Junkie sein müsse. „Aber das Interesse muss vorhanden sein – sonst geht es nicht“, so die Pflegefachfrau an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Man könne und müsse nicht alles lesen, wichtig sei aber, die relevanten Entwicklungen im Blick zu haben.
Die Stadtzürcherin Berger hat die NZZ und den „Tages-Anzeiger“ abonniert. Ausserdem lese sie „leider etwas unregelmässig“ die „Wochenzeitung WOZ“ und nutze den Newsticker von „20 Minuten“. Bei Berger flattert zudem der Newsletter Züri-Briefing von Tsüri ins virtuelle Postfach. Auch die AL-Kantonsrätin hat keinen Fernseher, schaut jedoch die „Tagesschau“ auf der SRF-Website und hört beim Kochen manchmal das „Echo der Zeit“.
„Neu dazugekommen ist das Rathuus, bei dem ich auch ein Abo gelöst habe“, sagt FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te.
Wissen, was lokal und national passiert
Auch bei GLP-Kantonsrätin Nathalie Aeschbacher zeigt sich: Der Medienmix bleibt klassisch, Social Media spielt höchstens eine Nebenrolle. Als News-Junkie würde sich Aeschbacher zwar nicht bezeichnen. Sie findet jedoch, dass alle politischen Akteure gut informiert sein müssen. „Aus diesem Grund erachte ich es als wichtig, täglich Zeitungen zu lesen, Radio zu hören“, so die Zürcher Architektin. Dabei sei ein ausgewogener und diverser Mix von Medien wichtig. Sie liest darum die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, das Onlineportal Watson und informiert sich auf der News-Website von SRF und der Website des US-amerikanischen Fernsehsenders CNN. Ausserdem konsumiert Aeschbacher laut eigener Aussage „fast das ganze Programm von SRF“, insbesondere die Sendungen Sternstunde Philosophie, Sternstunde Religion, DOK, Einstein, Arena und das Regionaljournal.
Thomas Anwander findet, dass sich ein Politiker oder eine Politikerin auf dem Laufenden halten muss. Man sollte aus seiner Sicht wissen, was lokal, national und global passiert – und welche Trends sowie Entwicklungen relevant werden. Der Winterthurer Mitte-Kantonsrat liest selbst die NZZ und den Tagi sowie die Website Forum Winterthur, die von der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur betrieben wird. Hinzu kommen die britischen Zeitungstitel „Financial Times“, „The Economist“ und „The Guardian“. Auch Nachrichten hören im Radio gehört für Anwander dazu. Häufig konsumiert der Rechtsanwalt das „Echo der Zeit“, manchmal das „Regionaljournal“. Im Fernsehen schaut er hin und wieder die „Tagesschau“ und „10 vor 10“.
Eine bei Medien gefragte Stimme ist EVP-Politiker Donato Scognamiglio aus Freienstein-Teufen. Aus Sicht des Immobilienexperten müssen Politikerinnen und Politiker keine News-Junkies sein, sich aber informieren, „doch viele ‚News‘ sind nicht relevant“. Der Verwaltungsratspräsident der Regionalbank Avera liest regelmässig die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, „20 Minuten“ sowie den „Blick“. Er schaut die „Tagesschau“ und hört Radio SRF 4 News sowie Radio SRF 1.
Auch SP-Kantonsrätin Patricia Bernet findet, dass regelmässige Information auf diversen Kanälen wichtig ist. Sie liest den „Anzeiger von Uster“, den „Tages-Anzeiger“, die News-Website von SRF, die Finanzwebsite Inside Paradeplatz, das Onlineportal Infosperber, die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ – und je nach Gelegenheit „Blick“ und NZZ. Ab und an zappt die Stadträtin von Uster bei der „Tagesschau“ oder bei „10 vor 10“ rein und informiert sich über das „Echo der Zeit“.
Auf einer ähnlichen Linie wie Bernet bewegt sich Yiea Wey Te. „Ich denke nicht, dass man als Politiker ein News-Junkie sein muss“, sagt der FDP-Kantonsrat. Jedoch sei es aus seiner Sicht sehr vorteilhaft, „wenn Politikerinnen und Politiker sich die Zeit nehmen, um sich täglich über Nachrichten aus verlässlichen Medien zu informieren“. Der Unternehmer liest täglich die „Limmattaler Zeitung“, die NZZ, den „Tages-Anzeiger“ sowie „20 Minuten“ und informiert sich auf der Website des britischen Senders BBC. „Aus meiner Sicht ergänzen sie sich sehr gut, da sie nicht selten einen anderen Fokus auf die gleiche Nachricht legen“, so Te. Neu dazugekommen sei das Rathuus, bei dem er auch ein Abo gelöst habe. „Da schaue ich in regelmässigen Abständen rein.“ Zudem hört der Unterengstringer Radio SRF 3.
Und was ist mit Social Media? Hier halten sich die meisten der von Rathuus angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräte erstaunlich zurück.
„Sehr hilfreich ist für mich ausserdem der Austausch im Umfeld – und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde.“, sagt AL-Kantonsrätin Gianna Berger.
Social Media wird stiefmütterlich behandelt
Aufmerksamkeit ist vielleicht die stärkste Währung der Gegenwart. Das beweist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der auf Instagram über 760’000 Follower hat. Zum Vergleich: Regierungsratspräsident Martin Neukom (Grüne) bringt es auf der gleichen Plattform auf lediglich rund 1500 Follower. Doch der Baudirektor steht mit seiner überschaubaren Online-Gefolgschaft nicht alleine da. Der „Blick“ nahm erst kürzlich die Instagram-Profile der Bundesrätinnen und Bundesräte unter die Lupe. „Trotz einiger Highlights verteilt der Experte im grossen Instagram-Check der Schweizer Bundesräte insgesamt schlechte Noten“, schreibt das Boulevardmedium. Auffällig war gemäss des Artikels insbesondere die geringe Reichweite der Profile.
Gut, mancher wird jetzt sagen, dass Social Media sowieso eine Gefahr für die Demokratie sind. Etwa wegen der undurchschaubaren Algorithmen, die zum Teil begünstigen, dass Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Timeline besonders oft kontroverse Inhalte zu sehen kriegen. Auffällig ist, dass sich die befragten Politikerinnen und Politiker offenbar nicht sehr häufig auf Facebook, Instagram oder Tiktok zu tummeln scheinen. Dies im starken Kontrast zu vielen jungen Menschen, für die die sozialen Netzwerke ein Ort zum Spass haben und Informieren sind. Das mag auch an unserer Stichprobe liegen, bei der weder ein Fokus auf das Geschlecht noch das Alter gelegt worden ist. Trotzdem erstaunt das Nutzungsverhalten im Jahr 2025.
EDU-Politiker Roger Cadonau ist zurückhaltend und nutzt Facebook unregelmässig, „aber nicht gross zur Information“. EVP-Kantonsrat Donato Scognamiglio beschränkt sich auf das Business-Netzwerk Linkedin und GLP-Politikerin Nathalie Aeschbacher schaut manchmal zur Unterhaltung auf Instagram vorbei, „aber nicht täglich“, wie sie anfügt.
Der Mitte-Kantonsrat Thomas Anwander braucht Linkedin, „Insta“ – wie die App Instagram umgangssprachlich genannt wird – und Facebook vor allem zur Information. Pierre Dalcher ist zwar auf Social Media präsent, der SVP-Kantonsrat hat einen Facebook- und einen Instagram-Account. Er schreibt allerdings keine Kommentare, wie er betont. Die Kantonsrätin Jeannette Büsser (Grüne) nutzt Facebook und Linkedin – zur Unterhaltung und zur Information – sowie bewusst kein „Insta“ oder X (ehemals Twitter).
Yiea Wey Te teilt hingegen auf Linkedin aktiv Inhalte mit seinen Abonnenten. „Instagram und Facebook nutze ich privat und zur Unterhaltung“, so der FDP-Kantonsrat. Interessanterweise erfahre man auch über Instagram vermehrt aktuelle Geschehnisse, die jedoch unbestätigt seien. Insofern sei für ihn Instagram als Quelle ungeeignet.
Die SP-Kantonsrätin Patricia Bernet könnte man dann schon eher als regelmässige Social-Media-Userin bezeichnen. Die Biologin liest dort unter anderem Berichte über wissenschaftliche Studien. Sie folgt auf Instagram dem Netzwerk Bildung und Familie oder dem US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt.
Gianna Berger benutzt Social Media vor allem über Instagram. Die AL-Politikerin findet X zu primitiv, „dort bin ich nicht präsent“. Ein älteres Facebook-Profil habe sie noch, es sei aber kaum in Gebrauch. Sehr hilfreich sei für die Pflegefachfrau ausserdem der Austausch im Umfeld – „und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde“.
Von Newsmüdigkeit kann bei den angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräten also keine Rede sein. Doch ihr Umgang mit Social Media ist dafür minimalistisch. Fernsehen, Radio und Zeitungen (gedruckt und digital) haben klar die Nase vorn.
Spätestens bei den nächsten Kantonsratswahlen im Jahr 2027 wird sich zeigen, ob das noch reicht oder ob dann auch in der Politik Influencerinnen und Influencer den Ton angeben. Für die Jugend ist es längst Alltag, ihre Meinungen nicht durch Leitartikel, sondern den schier endlosen Strom an Posts und Videos im Internet zu formen.
Die Web-App ist die Rathuus-Website im App-Format für iOS- und Android-Geräte. Bild: Pascal Turin
Lorenz Steinmann, Pascal Turin
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