Ein gut schweizerischer Kompromiss? Am Gemeindeforum 2025 haben sich kürzlich Vertretende der Zürcher Gemeinden sowie des Kantons über Chancen und Risiken des Bevölkerungswachstums ausgetauscht. Fazit von Regierungspräsident Martin Neukom: „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“
Ein bisschen Netzwerken muss sein, auch wenn es schon frühmorgens losging. Dafür bot das Gemeindeforum 2025 vor Kurzem sicher eine ideale Gelegenheit. Ab 7.30 Uhr lud der Kanton gemäss Programm zum Begrüssungskaffee in die Eventlocation X-Tra im Stadtzürcher Kreis 5. Der Anlass stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Gemeinden und des Kantons tauschten sich über Erfahrungen sowie Chancen und Risiken im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum aus.
Laut Bevölkerungsszenarien des Statistischen Amtes sowie des Bundesamtes für Statistik könnten 2050 nämlich gegen zwei Millionen Menschen im Kanton leben. Zum Vergleich: Aktuell zählt Zürich 1,62 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Haupttreiber für das Wachstum bleibt die Zuwanderung aus dem Ausland, was natürlich Munition für die Befürworter der eidgenössischen Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“ aus den Reihen der SVP sein dürfte. Das ist allerdings ein anderes Thema.
„Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, so SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr.
Das Wachstum in die richtigen Bahnen lenken
Egal ob in Dietikon, in Dübendorf oder in Dürnten: Wenig überraschend bringt das prognostizierte Wachstum finanzielle, gesellschaftliche und planerische Herausforderungen mit sich, insbesondere für die 160 Gemeinden des Kantons. Man denke da an neue Hallenbäder, neue Schulhäuser oder einfach mehr Verkehr. Gleichzeitig stehen Gemeinden, die nicht wachsen, vor ganz anderen Problemen. Der Turnverein sucht händeringend nach Mitgliedern, das letzte Restaurant muss die Lichter löschen und der Busfahrplan wird ausgedünnt, weil zu wenige Menschen den ÖV benutzen.
Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) hat darum Gemeindevertretende zum Dialog eingeladen. „Wenn der Kanton Zürich wächst, heisst das ganz konkret: Die Gemeinden wachsen. Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, liess sich die Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern in einem Communiqué zitieren.
Ähnlich klang es laut Mitteilung bei Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne): „Das Thema Wachstum betrifft uns alle in irgendeiner Form: Bei uns im Kanton alle Direktionen und bei Ihnen in den Gemeinden alle Ressorts.“ Wichtig ist gemäss Neukom das Bewusstsein dafür, dass das Thema in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird. Er werte Wachstum weder rein positiv noch rein negativ. „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“
Das Publikum kam ebenfalls zu Wort. Es konnte abstimmen, ob es das Bevölkerungswachstum eher als Fluch oder Segen erachtet. Das Resultat: 50,6 Prozent sehen es negativ, 49,4 Prozent positiv. Ein gut schweizerischer Kompromiss.
Der Kanton will eine Auslegeordnung vorlegen
Baudirektor Neukom erwähnte zudem das direktionsübergreifende Projekt „Wachstum 2050“. Dieses will aufzeigen, welche grundsätzlichen Fragestellungen mit dem prognostizierten Wachstum verbunden sind. Fast schon dem Verwaltungsklischee entsprechend soll bis 2027 eine Auslegeordnung mit möglichen Massnahmen vorliegen. Auch Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinden dürfen in einer Arbeitsgruppe ihre Sicht einbringen.
Einfliessen ins kantonale Projekt sollen überdies die Überlegungen der Teilnehmenden des Gemeindeforums zu den Bereichen „Sozialer Zusammenhalt und Akzeptanz“, „Öffentliche Einrichtungen und Leistungen“, „Raumplanung und Mobilität“ und „Wohnraum“.
Sie eröffneten das Gemeindeforum (v. l.): Jörg Kündig (FDP), Präsident Verband der Gemeindepräsidien, Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne) und Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Bild: Sabina Bobst/zvgAuch der Stadt-Land-Graben wächst
Thema war auch der neue Stadt-Land-Monitor des Forschungsinstituts Sotomo, der vergangene Woche veröffentlicht wurde. Die Studie stellte der Sotomo-Chef Michael Hermann persönlich vor. Das Onlinemagazin Republik hatte ihn einst als „einflussreichster Politikanalyst des Landes“ bezeichnet. In Auftrag gegeben hatte den Monitor die Agrargenossenschaft Fenaco, zu der Marken wie Ramseier, Elmer Citro und Sinalco sowie die Ladenketten Volg und Landi und die Agrola-Tankstellen gehören.
Der Stadt-Land-Monitor 2025 zeigt gegenüber der Erstbefragung 2021 einen wachsenden Stadt-Land-Graben: „Ein Drittel der Bevölkerung empfindet die Differenzen zwischen Stadt und Land als ernsthafte Belastungsprobe für die Schweiz“, schrieb die Fenaco in einer Medienmitteilung. Immer weniger seien der Ansicht, ihre Anliegen würden vom jeweils anderen Pol gehört.
Oder wie es der Landwirtschaftliche Informationsdienst festhält: „Die Analyse eidgenössischer Abstimmungen zeigt eine klare Tendenz: Die grossen Städte und der ländliche Raum sind in vielen Ansichten weit voneinander entfernt.“
Gemäss den Studienautorinnen und Studienautoren wird die einfache Unterscheidung in Stadt und Land der Realität aber nicht gerecht. Der Stadt-Land-Monitor differenziert zwischen grösseren Städten mit über 50’000 Bewohnerinnen und Bewohnern wie Lausanne oder Zürich und Gemeinden in der Agglomeration – im Einzugsgebiet solcher Städte. Unterschieden wird zudem zwischen kleineren, eigenständigen Städten wie Chur oder Sion mit mindestens 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die nicht Teil einer grösseren Agglomeration sind, sowie kleinen, dörflich geprägten Gemeinden auf dem Land.
„Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, sagte Politanalyst Michael Hermann gegenüber dem Fernsehsender Tele Z.
Das Wachstum hat positive Aspekte
„Mit der Lebensqualität in ihrer Gemeinde sind die meisten zufrieden“, heisst es in der Fenaco-Mitteilung weiter. Besonders positiv werde die Entwicklung dort wahrgenommen, wo das Wachstum überdurchschnittlich gewesen sei – obwohl das Bevölkerungswachstum insgesamt kritisch beurteilt werde. Gegenüber dem Fernsehsender Tele Z versuchte Politgeograf Michael Hermann den Gegensatz zu erklären: „Das Interessante ist, dass die Bevölkerung findet, dass gerade in wachsenden Gemeinden die Lebensqualität besser geworden ist. Wenn man aber die Leute nach dem Wachstum selber fragt, sobald man das Wort Bevölkerungswachstum in den Mund nimmt, sehen sie es plötzlich negativ.“
Hermann zeigte das Paradoxon an einem Beispiel auf: In wachsenden Gemeinden sagen die Leute, dass der ÖV besser geworden ist. Spricht man aber davon, dass die Bevölkerungszahl steigt, denken alle nur an volle Züge. „Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, führte Hermann aus. Wo die Bevölkerung hingegen schrumpft, dort wo sie nicht wächst, verschwinden Angebote und es fehlen Ressourcen.
Doch zurück zum Gemeindeforum: Zum Abschluss bedankte sich SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr bei den Gemeindevertretenden für die engagierten Diskussionen. Sie plädierte laut Mitteilung des Kantons dafür, das Bevölkerungswachstum trotz aller Widersprüche als Chance zu sehen – „als Chance, lebenswerte Gemeinden und Städte zu gestalten.“
Um 12.15 Uhr gab es dann laut Programm einen Apéro riche. Erneute Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen und bilateral darüber zu diskutieren, wie die Zürcher Gemeinden mit dem Bevölkerungswachstum umgehen sollen. Übrigens: Glaubt man dem Stadt-Land-Monitor 2025, dann liegt für die Schweizerinnen und Schweizer die optimale Bevölkerungszahl im Schnitt bei bloss 8,3 Millionen Menschen. Aktuell sind es aber bereits über 9 Millionen.

Die Urbanisierung schreitet immer weiter voran: Laut Bevölkerungsszenarien werden 2050 gegen zwei Millionen Menschen im Kanton Zürich leben. Die Frage ist, ob Gemeinden und Kanton mit dem Wachstum Schritt halten können. Bild: Pascal Turin
Unabhängige Statistik schützt vor verzerrten Bildern, verlässliche Daten stärken das Vertrauen. Die Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz ist ein Verhaltenskodex, der Standards festlegt. Bild: Pascal Turin
Rathuus-Autorin Lara Alina Hofer ist allein in Paris unterwegs, wie jedes Jahr. Mit einem leidenden und einem sehnsüchtigen Herzen – und Rilke! Bild: Lara Alina Hofer
Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Bild: Lara Alina Hofer
Auch eine Art von Wärme. Bild: Lara Alina Hofer
Lara Alina Hofer (23) war in Paris und hat für Rathuus einen berührenden Text geschrieben. Bild: zvg
Politiker wollen wissen, warum das Restaurant "Wilder Mann" in Zürich schon so lange zu ist. Bild: Liegenschaften Stadt Zürich
Die Fensterreinigung ist bereits geplant (v. l.): Lorenz Steinmann und Pascal Turin während der Aufnahme der 20. Folge des Rathuus-Podcasts in ihrem Büro im Stadtzürcher Kreis 4. Bild: Andrea Thelen
Unser Onlinemagazin heisst Rathuus, weil im Zürcher Rathaus am Limmatquai (und im Moment im Rathaus-Provisorium in der Bullingerkirche) Entscheide getroffen werden, die unseren Alltag im Grossen wie im Kleinen beeinflussen. Bild: Pascal Turin
Die Stadtzürcherin Yasmine Bourgeois (51) ist FDP-Gemeinderätin und Expertin für Bildungsfragen. Bild: zvg
Was gibt es Schöneres, als in einem "Lustigen Taschenbuch Spezial" zu blättern? Bild: Stephanie Turin, Bildmontage: Rathuus
"Führend in ökologischen Energielösungen": Romeo Deplazes von Energie 360° (links) an einer erfolgreichen Infoveranstaltung zur Einführung der Fernwärme in Volketswil. Bild: Lorenz Steinmann
Gesichtserkennung durch Kameras im öffentlichen Raum wäre bei Verbrechen zwar praktisch, würde aber einen massiven Eingriff in die Privatsphäre der gesamten Bevölkerung bedeuten. Bild: Pascal Turin