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  • 5 Minuten

    Fluch und Segen: Die Krux mit dem Bevölkerungs­wachstum

    Ein Maisfeld unter fast wolkenlosem blauen Himmel. Dahinter ragt ein gelber Baukran hervor.Die Urbanisierung schreitet immer weiter voran: Laut Bevölkerungsszenarien werden 2050 gegen zwei Millionen Menschen im Kanton Zürich leben. Die Frage ist, ob Gemeinden und Kanton mit dem Wachstum Schritt halten können. Bild: Pascal Turin

    Ein gut schweizerischer Kompromiss? Am Gemeindeforum 2025 haben sich kürzlich Vertretende der Zürcher Gemeinden sowie des Kantons über Chancen und Risiken des Bevölkerungswachstums ausgetauscht. Fazit von Regierungspräsident Martin Neukom: „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“

    Ein bisschen Netzwerken muss sein, auch wenn es schon frühmorgens losging. Dafür bot das Gemeindeforum 2025 vor Kurzem sicher eine ideale Gelegenheit. Ab 7.30 Uhr lud der Kanton gemäss Programm zum Begrüssungskaffee in die Eventlocation X-Tra im Stadtzürcher Kreis 5. Der Anlass stand unter dem Motto „Wachstum: Fluch oder Segen?“. Rund 200 Vertreterinnen und Vertreter der Zürcher Gemeinden und des Kantons tauschten sich über Erfahrungen sowie Chancen und Risiken im Zusammenhang mit dem Bevölkerungswachstum aus.

    Laut Bevölkerungsszenarien des Statistischen Amtes sowie des Bundesamtes für Statistik könnten 2050 nämlich gegen zwei Millionen Menschen im Kanton leben. Zum Vergleich: Aktuell zählt Zürich 1,62 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Haupttreiber für das Wachstum bleibt die Zuwanderung aus dem Ausland, was natürlich Munition für die Befürworter der eidgenössischen Volksinitiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“ aus den Reihen der SVP sein dürfte. Das ist allerdings ein anderes Thema.


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    „Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, so SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr.

    Das Wachstum in die richtigen Bahnen lenken

    Egal ob in Dietikon, in Dübendorf oder in Dürnten: Wenig überraschend bringt das prognostizierte Wachstum finanzielle, gesellschaftliche und planerische Herausforderungen mit sich, insbesondere für die 160 Gemeinden des Kantons. Man denke da an neue Hallenbäder, neue Schulhäuser oder einfach mehr Verkehr. Gleichzeitig stehen Gemeinden, die nicht wachsen, vor ganz anderen Problemen. Der Turnverein sucht händeringend nach Mitgliedern, das letzte Restaurant muss die Lichter löschen und der Busfahrplan wird ausgedünnt, weil zu wenige Menschen den ÖV benutzen.

    Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) hat darum Gemeindevertretende zum Dialog eingeladen. „Wenn der Kanton Zürich wächst, heisst das ganz konkret: Die Gemeinden wachsen. Deshalb ist es mir ein grosses Anliegen, dass wir uns darüber austauschen, was es braucht, damit wir die Zukunft unseres wachsenden Kantons in gute Bahnen leiten können“, liess sich die Vorsteherin der Direktion der Justiz und des Innern in einem Communiqué zitieren.

    Ähnlich klang es laut Mitteilung bei Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne): „Das Thema Wachstum betrifft uns alle in irgendeiner Form: Bei uns im Kanton alle Direktionen und bei Ihnen in den Gemeinden alle Ressorts.“ Wichtig ist gemäss Neukom das Bewusstsein dafür, dass das Thema in der Bevölkerung kontrovers diskutiert wird. Er werte Wachstum weder rein positiv noch rein negativ. „Ist das Wachstum Fluch oder Segen? Meine Antwort lautet: beides.“

    Das Publikum kam ebenfalls zu Wort. Es konnte abstimmen, ob es das Bevölkerungswachstum eher als Fluch oder Segen erachtet. Das Resultat: 50,6 Prozent sehen es negativ, 49,4 Prozent positiv. Ein gut schweizerischer Kompromiss.

    Der Kanton will eine Auslegeordnung vorlegen

    Baudirektor Neukom erwähnte zudem das direktionsübergreifende Projekt „Wachstum 2050“. Dieses will aufzeigen, welche grundsätzlichen Fragestellungen mit dem prognostizierten Wachstum verbunden sind. Fast schon dem Verwaltungsklischee entsprechend soll bis 2027 eine Auslegeordnung mit möglichen Massnahmen vorliegen. Auch Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinden dürfen in einer Arbeitsgruppe ihre Sicht einbringen.

    Einfliessen ins kantonale Projekt sollen überdies die Überlegungen der Teilnehmenden des Gemeindeforums zu den Bereichen „Sozialer Zusammenhalt und Akzeptanz“, „Öffentliche Einrichtungen und Leistungen“, „Raumplanung und Mobilität“ und „Wohnraum“.

    Drei Menschen stehen auf einer Bühne, im Hintergrund eine Leinwand mit dem Schriftzug "Gemeindeforum 2025 – Wachstum: Fluch oder Segen?"Sie eröffneten das Gemeindeforum (v. l.): Jörg Kündig (FDP), Präsident Verband der Gemeindepräsidien, Regierungspräsident Martin Neukom (Grüne) und Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP). Bild: Sabina Bobst/zvg

    Auch der Stadt-Land-Graben wächst

    Thema war auch der neue Stadt-Land-Monitor des Forschungsinstituts Sotomo, der vergangene Woche veröffentlicht wurde. Die Studie stellte der Sotomo-Chef Michael Hermann persönlich vor. Das Onlinemagazin Republik hatte ihn einst als „einflussreichster Politikanalyst des Landes“ bezeichnet. In Auftrag gegeben hatte den Monitor die Agrargenossenschaft Fenaco, zu der Marken wie Ramseier, Elmer Citro und Sinalco sowie die Ladenketten Volg und Landi und die Agrola-Tankstellen gehören.

    Der Stadt-Land-Monitor 2025 zeigt gegenüber der Erstbefragung 2021 einen wachsenden Stadt-Land-Graben: „Ein Drittel der Bevölkerung empfindet die Differenzen zwischen Stadt und Land als ernsthafte Belastungsprobe für die Schweiz“, schrieb die Fenaco in einer Medienmitteilung. Immer weniger seien der Ansicht, ihre Anliegen würden vom jeweils anderen Pol gehört.

    Oder wie es der Landwirtschaftliche Informationsdienst festhält: „Die Analyse eidgenössischer Abstimmungen zeigt eine klare Tendenz: Die grossen Städte und der ländliche Raum sind in vielen Ansichten weit voneinander entfernt.“

    Gemäss den Studienautorinnen und Studienautoren wird die einfache Unterscheidung in Stadt und Land der Realität aber nicht gerecht. Der Stadt-Land-Monitor differenziert zwischen grösseren Städten mit über 50’000 Bewohnerinnen und Bewohnern wie Lausanne oder Zürich und Gemeinden in der Agglomeration – im Einzugsgebiet solcher Städte. Unterschieden wird zudem zwischen kleineren, eigenständigen Städten wie Chur oder Sion mit mindestens 10’000 Einwohnerinnen und Einwohnern, die nicht Teil einer grösseren Agglomeration sind, sowie kleinen, dörflich geprägten Gemeinden auf dem Land.

    „Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, sagte Politanalyst Michael Hermann gegenüber dem Fernsehsender Tele Z.

    Das Wachstum hat positive Aspekte

    „Mit der Lebensqualität in ihrer Gemeinde sind die meisten zufrieden“, heisst es in der Fenaco-Mitteilung weiter. Besonders positiv werde die Entwicklung dort wahrgenommen, wo das Wachstum überdurchschnittlich gewesen sei – obwohl das Bevölkerungswachstum insgesamt kritisch beurteilt werde. Gegenüber dem Fernsehsender Tele Z versuchte Politgeograf Michael Hermann den Gegensatz zu erklären: „Das Interessante ist, dass die Bevölkerung findet, dass gerade in wachsenden Gemeinden die Lebensqualität besser geworden ist. Wenn man aber die Leute nach dem Wachstum selber fragt, sobald man das Wort Bevölkerungswachstum in den Mund nimmt, sehen sie es plötzlich negativ.“

    Hermann zeigte das Paradoxon an einem Beispiel auf: In wachsenden Gemeinden sagen die Leute, dass der ÖV besser geworden ist. Spricht man aber davon, dass die Bevölkerungszahl steigt, denken alle nur an volle Züge. „Man vergisst etwas, dass das Wachstum auch positive Aspekte bringt – eben das Angebot verbessert“, führte Hermann aus. Wo die Bevölkerung hingegen schrumpft, dort wo sie nicht wächst, verschwinden Angebote und es fehlen Ressourcen.

    Doch zurück zum Gemeindeforum: Zum Abschluss bedankte sich SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr bei den Gemeindevertretenden für die engagierten Diskussionen. Sie plädierte laut Mitteilung des Kantons dafür, das Bevölkerungswachstum trotz aller Widersprüche als Chance zu sehen – „als Chance, lebenswerte Gemeinden und Städte zu gestalten.“

    Um 12.15 Uhr gab es dann laut Programm einen Apéro riche. Erneute Gelegenheit, um Kontakte zu knüpfen und bilateral darüber zu diskutieren, wie die Zürcher Gemeinden mit dem Bevölkerungswachstum umgehen sollen. Übrigens: Glaubt man dem Stadt-Land-Monitor 2025, dann liegt für die Schweizerinnen und Schweizer die optimale Bevölkerungszahl im Schnitt bei bloss 8,3 Millionen Menschen. Aktuell sind es aber bereits über 9 Millionen.


  • 5 Minuten

    Damit die Zahlen richtig sind – ein Verhaltenskodex für Statistikämter

    Balkendiagramm, bei dem eine Hand die höchste Säule sichtbar nach oben zieht und dadurch das Ergebnis verfälscht.Unabhängige Statistik schützt vor verzerrten Bildern, verlässliche Daten stärken das Vertrauen. Die Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz ist ein Verhaltenskodex, der Standards festlegt. Bild: Pascal Turin

    Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ unterzeichnet. Das klingt für Laien vielleicht langweilig, ist es aber definitiv nicht. Denn Glaubwürdigkeit ist in Zeiten von Fake News ein umso wertvolleres Gut.

    Drei bis vier Mal pro Jahr finden in der Schweiz Volksabstimmungen statt. Je nach Themenlage entscheiden die Stimmberechtigten über eidgenössische, kantonale oder kommunale Anliegen. Bei vielen Abstimmungen spielen Zahlen eine entscheidende Rolle. Regierungen, Parlamente oder Initiantinnen und Initianten untermauern damit ihre Argumentation. Die Grundlage bildet häufig die öffentliche Statistik – also die Daten über den Zustand und die Entwicklung von Bevölkerung, Umwelt oder Wirtschaft.

    Umso wichtiger ist, dass die Zahlen stimmen. Das zeigt ein Blick auf jüngste Ereignisse.

    Wir erinnern uns: Das Bundesamt für Sozialversicherungen – kurz BSV – wies die Ausgaben der AHV zu hoch aus. Plötzlich stand deshalb die Forderung im Raum, dass die Abstimmung über die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre von 2022 wiederholt werden muss. Laut einer Administrativuntersuchung lag zwar kein Rechenfehler im Programm der AHV-Finanzperspektiven vor und es wurden keine Sorgfaltspflichtverletzungen durch Mitarbeiter des BSV festgestellt. „Das Berechnungsprogramm habe aber zwei Formeln enthalten, die mathematisch zu wenig abgestützt und dokumentiert waren und langfristig zu unplausibel hohen Ausgaben führten“, heisst es in einer Medienmitteilung des Eidgenössischen Departements des Innern.

    Das BSV gelobte Besserung und ergriff Massnahmen. Doch der Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung war bereits angerichtet. Denn in Zeiten von Fake News und demokratiefeindlichen Tendenzen muss die öffentliche Statistik umso höheren Ansprüchen genügen.

    Genau hier setzt die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ an, die in mittlerweile vierter Auflage vorliegt. Das Bundesamt für Statistik und die Konferenz der regionalen statistischen Ämter der Schweiz hielten in einer im Frühling verschickten Mitteilung fest, dass die Statistikstellen mit der revidierten Charta „ein starkes Zeichen“ für Transparenz, Qualität und Innovation und gegen Desinformation und Fake News in einer zunehmend datengetriebenen Welt setzen würden.

    Die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ orientiert sich am Verhaltenskodex für europäische Statistiken (Code of Practice). Seit 1994 bestehen zudem die Fundamental Principles of National Official Statistics der United Nations Statistical Commission.

    Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die Charta kürzlich unterzeichnet. Was darin enthalten ist, lohnt einen genaueren Blick.


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    „Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss“, sagt Co-Amtsleiterin Andrea Schnell.

    Öffentliche Statistik soll verlässlich und unabhängig sein

    Wie man einem Communiqué des Statistischen Amts entnehmen kann, ist die Grundsatzerklärung ein berufsethischer Verhaltenskodex, der Standards für das Entwickeln, Erstellen und Verbreiten öffentlicher Statistiken festlegt. „Die Charta definiert in Ergänzung zu den bestehenden Rechtsgrundlagen verschiedene Qualitätsstandards der öffentlichen Statistik und trägt zu deren Glaubwürdigkeit bei“, heisst es in der Mitteilung der Direktion der Justiz und des Innern, zu der das Statistische Amt gehört. Die politische Leitung der Direktion hat Jacqueline Fehr (SP).

    In der Charta sind verschiedene Prinzipien aufgeführt, an denen sich das Statistische Amt nun zu orientieren hat. Die Idee: Die öffentliche Statistik soll fachlich unabhängig, objektiv, transparent und von hoher Qualität sein.

    „Die Glaubwürdigkeit und die Verlässlichkeit der öffentlichen Statistik der Schweiz ist sehr hoch“, sagt Andrea Schnell, Co-Amtsleiterin, auf Anfrage. Die öffentliche Statistik sei ein System mit zahlreichen Akteuren aus allen föderalen Ebenen. Die Charta biete diesen Akteuren einen einheitlichen Qualitätsrahmen, einen Verhaltenskodex. Und sie betont: „Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss. Die Charta bietet den Statistikstellen, vor allem aber auch der Öffentlichkeit, einen Bezugsrahmen dafür.“

    Doch dieser Anspruch muss sich im Alltag bewähren.

    Offene Fehlerkultur ist laut Statistischem Amt wichtig

    Wie wird aber sichergestellt, dass Objektivität und Unabhängigkeit gewährleistet sind? Das geschieht gemäss dem Statistischen Amt auf mehreren Ebenen, etwa indem es die Publikationen thematisch und zeitlich unabhängig plant. „Die Ergebnisse werden so bald wie möglich publiziert und durchlaufen fachliche Qualitätsreviews“, führt Schnell aus. Zudem würden die Grundlagen der statistischen Analysen – sofern keine datenschutzrechtlichen Bestimmungen dagegensprechen – öffentlich zugänglich gemacht. Stichwort: Open Government Data. Schnell spricht in diesem Zusammenhang von Transparenz in Bezug auf die verwendeten Datenquellen und die Analysemethodik sowie von einer offenen Fehlerkultur, die für den Erhalt des Vertrauens unabdingbar sind.

    „In der Öffentlichkeit wurden jüngst einige, meist jedoch vermeintliche Statistikfehler diskutiert“, sagt Andrea Schnell. Sie ist seit 2014 für das Statistische Amt tätig und seit Juli 2023 Co-Leitende. Wichtig sei hier die Differenzierung zwischen tatsächlichen Rechenfehlern und Anpassungen bei Prognosemodellen beziehungsweise ihren zugrundeliegenden Annahmen und Wirkungsweisen. Wenn Fehler passieren würden, sei eine transparente Kommunikation und offene Fehlerkultur wichtig, damit daraus gelernt werden könne.

    In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten, verhindere aber auch Fehler, so Andrea Schnell.

    Künstliche Intelligenz hält auch bei Statistik Einzug

    Neben den Prinzipien enthält die Charta Zielvorgaben und Ergänzungen zu den gesetzlichen Grundlagen. Die Statistikstellen, welche das Dokument unterzeichnet haben, tauschen sich regelmässig darüber aus, wie die Umsetzung gelingt und wo Entwicklungsbedarf besteht.

    Gleichzeitig ändert sich das Umfeld für Statistikämter.

    Laut dem Statistischen Amt entwickelt sich die öffentliche Statistik weiter – von der Erhebung über die Verarbeitung und die Analyse bis zur Veröffentlichung. So werden einerseits vermehrt vorhandene Informationen aus amtlichen Registern genutzt, damit der Erhebungsaufwand bei Bevölkerung und Wirtschaft minimal ist. Ausserdem werden Methoden der künstlichen Intelligenz – kurz KI – beispielsweise bei der Analyse von Satellitenbildern angewendet.

    „Andererseits stellt auch die öffentliche Statistik die Nutzenden ihrer Produkte ins Zentrum“, sagt Andrea Schnell. Die öffentliche Statistik beschränke sich seit langem nicht mehr nur auf die Veröffentlichung der Ergebnisse, sondern suche den Dialog. In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten und verhindere Fehler. „Schliesslich gehört auch Transparenz und Reproduzierbarkeit dazu“, so Schnell. Auswertungscode werde vermehrt kollaborativ durch verschiedene Statistikstellen entwickelt und veröffentlicht, um Analysen für Fachexpertinnen und Fachexperten überprüfbar zu machen.

    Am Ende hängt die Qualität unserer Demokratie also auch von etwas Unspektakulärem ab: Zahlen, denen man trauen kann. Eine verlässliche öffentliche Statistik bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen.


  • 7 Minuten

    “Lieb mich, als wäre es 1965” – denn schlimmer geht immer!

    Zu sehen ist die Champs-Elysée in Paris.Rathuus-Autorin Lara Alina Hofer ist allein in Paris unterwegs, wie jedes Jahr. Mit einem leidenden und einem sehnsüchtigen Herzen – und Rilke! Bild: Lara Alina Hofer

    Es herbstelt in Paris. Unsere Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) schlendert durch die Champs-Élysées. Mit Rilke und Pablo Neruda an ihrer Seite wird fleissig über Liebe im politischen Kontext diskutiert. Ein Bruch mit dem modernen Dating. Früher war alles besser. Und gibt es überhaupt noch Hoffnung? 

    Es ist ein sonniger Herbsttag, die Blätter fallen im Sekundentakt von den Bäumen und rascheln beim Gehen unter den Stiefeln, als wollten sie einem davon abhalten. Like you can see in trees, everything beautiful leaves. Und ich mittendrin: der Champs-Élysées entlangspazierend, Kaffee in der Rechten, Croissant in der Linken, den Mantel bis oben zugeknöpft, weil ein Wind weht. 

    Und Rilke! Der mich durch die Gassen jagt und mir höllischen Druck macht mit seinem Herbstgedicht: “Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr!”

    Romantik provoziert. Der Vollmond spioniert. Redet mir ins Gewissen. Verfolgt mich. Während ich, wie jedes Jahr zu dieser Zeit, alleine in Paris bin, mit einem leidenden und sehnsüchtigen Herzen, und Rilke! Der mich durch die Gassen jagt und mir höllischen Druck macht mit seinem Herbstgedicht: “Wer jetzt alleine ist, wird es lange bleiben! Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr!” Pssst, Rilke, halt die Klappe. Ich ertrage dich grad nicht.

    Es gibt einen Mann, den ich liebe, und der mich liebt, so sagt man es sich zumindest, und doch bin ich allein in Paris, nicht dass ich es bedauern würde, aber es ist im Grunde doch bedauerlich. Weil es “kompliziert” ist, weil man sich “nicht sicher” ist, weil es “Effort” braucht, weil einer “avoidant” und einer „anxious“ ist. (Lest euch endlich ein in diese Attachment Styles!). Ja, Erklärungsversuche gibt es viele.


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    Zu sehen ist eine Frauenskulptur vor dem Louvre.Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Bild: Lara Alina Hofer

    Ich stehe vor dem Louvre und zerbreche mir den Kopf über all diese Möglichkeiten und nerve mich zugleich darüber, dass ich mir den Kopf zerbreche, während ich vor dem Louvre stehe. Liebe sollte genug sein. Romantik sollte genug sein. Eine echte Liebesbeziehung sollte nicht zu viel verlangt sein. Eine Pause ist die Hölle. Ich mache jetzt keine Pausen mehr. Schreite zügig weiter.

    Ich muss jetzt an Vater denken, der meiner Mutter nach einer Pause ein Herz aus Holz geschnitzt und geschenkt hat. Ein Herz aus Holz. Nicht aus Stein. Das sich entflammen lässt. Das brennt! Und jetzt Pablo Neruda, der Rilke vom Trottoir stösst und mir ins Ohr flüstert: “My love, we have found each other hungry, and we bit each other, as fire bites, leaving wounds in us.” Also gehen? “Wait for me, keep for me your sweetness.” Aber was habe ich davon? “I will give you too a rose.” Na, immerhin! 

    Ist das grauenvoll anti-feministisch? Oder irgendwie… nachvollziehbar? 

    Man kommt jetzt in Versuchung, zu sagen: Früher war alles besser. Auch in der Popkultur. “Lieb mich, als wäre es das Jahr 1965”, singt die Sängerin Jessie Murph (18) aus den USA in ihrem neuen Song “1965” – und provoziert damit. “Ich würde ein paar Rechte aufgeben, damit du mich liebst, als wäre es 1965”, singt sie weiter. Und noch schlimmer: “Ich würde vielleicht ein paar Schläge von dir kriegen, dafür würdest du mir nicht nachts auf Snapchat schreiben.”

    Ist das grauenvoll anti-feministisch? Oder irgendwie … nachvollziehbar?

    Ich denke, es ist vor allem eines: Ein verzweifelter Hilferuf. Eine junge Frau sagt: Ich habe das moderne Dating satt. Ich will romantische Gesten, Blumensträusse, handgeschriebene Briefe und echte Dates. Ich will keinen belanglosen Sex, Unzuverlässigkeit und perverse Nachrichten auf Snapchat. In dieser Botschaft sehe ich durchaus etwas Feministisches: Eine junge Frau weiss, was ihre Bedürfnisse und Ansprüche an eine Beziehung sind, wie sie geliebt werden will – und wie eben nicht. 

    Zu sehen die Hand von Lara Alina Hofer mit einem Becher Kaffee.Auch eine Art von Wärme. Bild: Lara Alina Hofer

    Natürlich halte ich es für daneben, häusliche Gewalt zu verharmlosen und die hart erkämpften Frauenrechte einfach mal so über Bord zu werfen. Ich sehe darin aber auch die Dringlichkeit des Anliegens. Ein Ausdruck echter Verzweiflung. Ein Hilfeschrei, der sagt: Ich würde sogar Gewalt und Unterdrückung in Kauf nehmen, wenn ich dafür Romantik und Liebe kriege, wie ich sie mir wünsche.

    Keine Gewalt und Unterdrückung, und trotzdem Romantik und Liebe? Das kriegen Männer seit Jahrtausenden. Das steht auch uns Frauen zu. Es muss nicht das eine oder das andere sein. So war es früher. Aber wollen in die Zukunft.

    Meine Antwort auf dieses Dilemma: Geht denn nicht auch beides? Keine Gewalt und Unterdrückung, und trotzdem Romantik und Liebe? Das kriegen Männer seit Jahrtausenden. Das steht auch uns Frauen zu. Es muss nicht das eine oder das andere sein. So war es früher. So war es 1965. Wir aber wollen in die Zukunft. Eine Zukunft, in der beides gleichzeitig geht. In die wir die positiven Faktoren aus der Vergangenheit mitnehmen, die negativen aber zurücklassen. “Lieb mich, als wäre es das Jahr 2035.”

    Um das zu erreichen, braucht es Veränderung. Hoffnung. Und Arbeit. Sieht man die neuesten Headlines, spürt man unter heterosexuellen Frauen jedoch eine grosse Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit. Journalistin Chanté Joseph polarisierte kürzlich mit ihrem „Vogue“-Artikel: “Ist es für Frauen heutzutage peinlich, einen Boyfriend zu haben?” Darin argumentiert sie, dass es für Frauen oft von Vorteil sei, keinen Freund zu haben.

    Oder Autorin Asa Seresin, die in ihrem Artikel “Heterosexualität ist kein persönliches Problem” den Begriff Hetero-Pessimismus einführt: Frauen, die es satt haben, hetero zu sein, auf Männer zu stehen und Männer daten zu müssen. “Ein Ausdruck von Bedauern, sogar von Peinlichkeit, über die eigene Heterosexualität, ohne etwas daran ändern zu können”, lautet die Definition. 

    Die Theoretikerin Jane Ward, Autorin des Buches “Die Tragödie der Heterosexualität”, kommt in ihrem neuesten „Zeit“-Artikel zur Lösung: “Männer könnten lernen, Frauen so zu lieben, wie Lesben Frauen lieben. So sehr, dass sie ihnen zuhören wollen, sie respektieren und bewundern, ihrer Führung folgen, ihre Ideen ernst nehmen, ihre Bücher lesen und ihre Interessen teilen.”

    Viele moderne Frauen brauchen heute keinen Mann mehr fürs Überleben, sie wollen einen Mann – oder eben nicht. Umso wichtiger wird es also, dass Männer zu den Männern werden, die Frauen wollen können. 

    Es ist also an der Zeit, dass Männer lernen, Frauen wirklich zu lieben. Von Herzen. Und für alles, was sie ausmacht. Dass sie sie aufrichtig respektieren, ihnen auf Augenhöhe begegnen und auf ihre modernen Bedürfnisse eingehen. Nicht auf Männer hören, die erklären, was Frauen wollen, sondern auf Frauen hören, die erklären, was Frauen wollen. Dass sie patriarchales Wissen und toxische Männlichkeitsdynamiken unlearnen. Verhaltensmuster ändern, auch wenn es Arbeit ist. 
     
    Viele moderne Frauen brauchen heute keinen Mann mehr fürs Überleben, sie wollen einen Mann – oder eben nicht. Umso wichtiger wird es also, dass Männer zu den Männern werden, die Frauen wollen können. 
     
    Davon profitieren schlussendlich beide Seiten. Das ist also ein Versöhnungsangebot. Auch an dich, Rilke.

    Herren, es ist Zeit, die Unterdrückung war sehr gross.
    Stellt eure Bemühungen über das Patriarchat,
    und auf den Fluren, lasset den Feminismus los. 
     
    Befiehlt, den letzten Männern gut zu sein,
    gebt ihnen noch zwei versöhnliche Tage, 
    dann dränget sie zur Veränderung hin und jaget
    Harmonie in ihre Herzen rein.
     
    Wer jetzt keinen Boyfriend hat, ist im Trend.
    Wer jetzt allein ist, wird es nicht ewig bleiben,
    wird wachsen, lesen, lange Briefe schreiben,
    und wird in den Alleen hin und her
    zufrieden wandern, wenn die Blätter treiben.

    Auf dem Bild zu sehen Lara Alina Hofer in Paris.Lara Alina Hofer (23) war in Paris und hat für Rathuus einen berührenden Text geschrieben. Bild: zvg

    Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie publiziert auch fürs Junge Literaturlabor Zürich. Jene Texte erschienen mehrere Jahre lang jeweils in den Zeitungen der Lokalinfo AG. Nun schreibt Lara Alina Hofer bei Rathuus über „Poesie und Politik“ und über „Politik und Liebe“.


  • 5 Minuten

    Von Polizeimeldungen, Verkehrsunfällen und leerstehenden Restaurants

    Das Bild zeigt das Restaurant "Wilder Mann", das 2023 zu ging.Politiker wollen wissen, warum das Restaurant "Wilder Mann" in Zürich schon so lange zu ist. Bild: Liegenschaften Stadt Zürich

    Weil sich der trübe Sonntag geradezu anbot, haben wir uns einen Blick in die lange Liste der Vorstösse im Zürcher Gemeinderat gegönnt. Rathuus präsentiert die Anliegen, die nach einem gerüttelten Mass an Arbeit für die Verwaltung riechen.

    Die Sprachdiskussion um den Genderstern war gestern, jetzt geht es um Formulierungen bei Polizeimeldungen. Und diese können durchaus suggestive Wirkung haben. Dies zumindest ist die Auffassung von Anna Graff (SP), Michael Schmid (AL) und Anna-­Béatrice Schmaltz (Grüne). Die drei Mitglieder des Stadtzürcher Gemeinderats haben deshalb eine schriftliche Anfrage an den Stadtrat gerichtet. Die Stossrichtung: Verkehrsunfälle würden in Polizeimeldungen oft „als schicksalhafte und damit unvermeidliche Vorfälle dargestellt (z. B. Unfall fordert ein Todesopfer)“.

    Und weiter: „Unpersönliche Formulierungen wie ‚Es kam zu einem Unfall‘ lassen das Ereignis als Vorgang ohne Handelnde und ohne Ursache erscheinen“. Dadurch werde der Eindruck des Schicksalhaften verstärkt. Weiter erwähnen Graff, Schmid und Schmaltz das Beispiel des verwendeten Begriffs „Eifersuchtsdrama“ statt „Femizid“. Damit werde implizit die Gleichwertigkeit der Betroffenen suggeriert.


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    Leicht didaktisch wirkend wird im Vorstoss gefragt, ob es diesbezügliche „Leitlinien, Leitfäden oder andere interne Vorgaben“ gebe und wenn nein, ob die Stadt so etwas plane.

    Leicht didaktisch wirkend wird im Vorstoss gefragt, ob es diesbezügliche „Leitlinien, Leitfäden oder andere interne Vorgaben“ gebe und wenn nein, ob die Stadt so etwas plane. Dazu liefern die drei Parteimitglieder von SP, AL und Grünen eine Reihe von Links zu Beispielen, die sprachlich durchaus ihre Richtigkeit haben – aber eine erhebliche Umgewöhnung bedürften, bei Medienstellen, bei den Medienhäusern und den Medienrezipienten. Ehrlich gesagt haben sich alle an den typischen Polizeislang gewöhnt.

    Die Stadt hat nun drei Monate Zeit für eine Antwort.

    Genaue Unfallanalysen bitte

    Der nächste aufgefallene Vorstoss riecht nach Arbeit, nach viel Arbeit für die Verwaltung. Die drei SVP-Gemeinderäte Derek Richter, Johann Widmer und Michele Romagnolo wollen mit ihrer schriftlichen Anfrage Klarheit darüber, „warum sich in den letzten fünf Jahren im Gebiet um den Hauptbahnhof mehr als 700 Verkehrsunfälle ereignet haben“. Dazu wollen sie „eine tabellarische Aufstellung getrennt in Jahre und Art der Unfälle“. Und weiter: Zu welchem Prozentsatz sei die Geschwindigkeit des MIV (motorisierter Individualverkehr, Anm. d. Red.) jeweils die „hauptursächliche Unfallursache“ gewesen?

    Kritik hat der Stadt das Anliegen auch darum eingebracht, weil die Bürgerlichen eine Art Buebetrickli gewittert haben. Sprich: Die Stadt wolle ein Temporegime kurz vor der schicksalshaften Abstimmung vom 30. November einführen.

    Hintergrund der Anfrage ist, dass die Stadt rund um den Hauptbahnhof Tempo 30 einführen will. Kritik hat der Stadt das Anliegen auch darum eingebracht, weil die Bürgerlichen eine Art Buebetrickli gewittert haben. Sprich: Die Stadt wolle ein Temporegime kurz vor der schicksalshaften Abstimmung vom 30. November einführen. Dann wird über die sogenannte Mobilitätsinitiative befunden. Diese will, dass zukünftig der Kanton das letzte Wort hat, wenn es um Tempo 30 auf Hauptstrassen geht.

    In diesem Zusammenhang wollen die SVP-Vertreter vom Stadtrat wissen, ob „der Kanton Zürich als Inhaber eines Grossteils der von dieser Massnahme betroffenen Strassen vorab konsultiert wurde? Falls nein, weshalb nicht?“.

    Alles in allem ein umfassender Vorstoss, der durchaus spannende und nicht unbedingt SVP-typische Massnahmen beinhaltet. Etwa „wurden alternative Massnahmen (z. B. gezielte Polizeikontrollen, Beleuchtung oder Verkehrsführungen ohne Geschwindigkeitslimits, etc.) geprüft?“.

    Die Anfrage bedeutet aber wie eingangs erwähnt viel, viel Arbeit. Man darf gespannt sein, wie detailliert die Antwort auf 700 auszuwertende Unfälle ausfallen wird. Sie muss bis Ende Januar 2026 vorliegen.

    Die Sorge um die Gastronomievielfalt

    Was wäre das Parlament ohne wachsame Politikerinnen und Politiker, die mit Argusaugen durch die Quartiere streifen und den Finger auf wunde Punkte legen? Etwa darauf, dass Restaurants lang und länger leer stehen oder umgenutzt werden? So beispielsweise in Höngg. Die „Alte Trotte“ ist Geschichte. Der „Rebstock“ wurde zugunsten einer Herzklinik geschlossen und findet heute nur noch Erwähnung in Gesprächen über „die guten alten Zeiten“, wie es in der „Neuen Zürcher Zeitung“ kürzlich hiess.

    Die NZZ erwähnte auch, dass die Restaurantkette Desperado, die in Höngg und an anderen Standorten präsent war, schon 2019 Konkurs ging. Besitzerin der Liegenschaft ist die Stadt Zürich. Selbst bei einer Miete, welche die Kosten der Stadt nicht decke, seien mehrere Betreiber an diesem Standort gescheitert, erklärte Stadtrat und Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) dem Quartierverein und gemäss NZZ. Alexander Jäger, Präsident des Quartiervereins Höngg, zeigte sich gleichwohl verärgert: „Wenn die Liegenschaft leer steht, dürfte der Ertrag tiefer sein als zu Zeiten des mexikanischen Restaurants“, so der FDP-Kantonsrat.

    Punkto „Wildem Mann“ wollen Suter, Capaul und Koch zwar nicht gerade eine gendergerechte Umbenennung, aber immerhin eine aktive Unterstützung der Stadt für eine Zwischennutzung „etwa für Kultur, soziale oder gastronomische Projekte“.

    Jüngstes Beispiel einer ungenutzten Beiz ist der „Wilde Mann“ in Hirslanden. Das Lokal steht seit Mitte 2023 leer. „Ein prominenter Standort wie dieser prägt das Quartierleben, sein Leerstand wird von der Quartierbevölkerung zunehmend als stossend wahrgenommen“, heisst es im Vorstoss der Gemeinderatsmitglieder Roger Suter, Flurin Capaul und Sabine Koch (alle FDP). Das Trio schlägt eine Zwischennutzung vor und will vom Stadtrat wissen, wie er „allgemein das Potenzial von Zwischennutzungen im Bereich leerstehender Gastronomieflächen in Zürich“ einschätzt.

    Punkto „Wildem Mann“ wollen Suter, Capaul und Koch zwar nicht gerade eine gendergerechte Umbenennung, aber immerhin eine aktive Unterstützung der Stadt für eine Zwischennutzung „etwa für Kultur, soziale oder gastronomische Projekte“. Etwas, was man üblicherweise eher von der AL oder von der SP erwarten dürfte. Auch hier hat der Stadtrat drei Monate Zeit für eine Antwort.

    Was bleibt? Natürlich sind nicht alle Vorstösse im Parlamentsbetrieb gleich spannend und zumindest für Aussenstehende sinnvoll. Hin und wieder wirken Vorstösse wie Strafaufgaben oder Beschäftigungstherapien, je nach Sichtweise. Aber alles in allem sind solche sonntäglichen Recherchen herrlich, weil sie beweisen, wie wichtig unsere Volksvertreterinnen und Volksvertreter ihre Aufgabe nehmen.


  • 1 Minute

    Hipp, hipp, hurra – schon zwanzig Mal on air

    Das Rathuus-Büro von aussen durch die hell erleuchtete, aber etwas dreckige Schaufensterscheibe fotografiert. Drinnen sitzen Lorenz und Pascal bei der Aufnahme des Podcasts zu sehen.Die Fensterreinigung ist bereits geplant (v. l.): Lorenz Steinmann und Pascal Turin während der Aufnahme der 20. Folge des Rathuus-Podcasts in ihrem Büro im Stadtzürcher Kreis 4. Bild: Andrea Thelen

    Als Anregung und nicht als Kritik: Lorenz Steinmann und Pascal Turin stellen sich für die 20. Folge des Rathuus-Podcasts tapfer dem Feedback von Branchenpersönlichkeiten.

    Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht. Das Rathuus-Politikmagazin gibt es seit gut elf Monaten. Hipp, hipp, hurra! Lorenz Steinmann und Pascal Turin rieben sich erstaunt die Augen, als sie merkten, dass nun schon die 20. Folge des Rathuus-Podcasts ansteht. Ein kleines Jubiläum also. Die Co-Hosts haben sich darum für die Hörerinnen und Hörer etwas Besonderes einfallen lassen.

    Lorenz holte für diese Folge Feedback von Medienexpertinnen und Medienexperten zu unserem Projekt ein – und präsentiert nun die Rückmeldungen. Der Rathuus-Gründer wollte unter anderem wissen, wie die persönliche Mediennutzung der angefragten Expertinnen und Experten aussieht, ob Bezahlmodelle der Weisheit letzter Schluss sind und ob Unterstützungsmodelle der öffentlichen Hand sinnvoll wären. Gemeinsam ordnen Lorenz und Pascal im ersten Teil das Feedback ein und schweifen dabei manchmal ab.

    Auskunft gegeben haben die Branchenpersönlichkeiten Felix E. Müller, erster Chefredaktor der “NZZ am Sonntag”, Pia Guggenbühl vom Verlegerverband Schweizer Medien, Daniel Vogler vom Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich und Ursula Klein, Gründerin des Branchenmagazins Kleinreport.

    Dazu gibt es übrigens auch einen Artikel auf Rathuus.

    Im zweiten Teil der Folge erinnern sich dann beide Podcaster an schöne Erlebnisse aus den vergangenen elf Monaten.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 7 Minuten

    Ein Lagebericht aus dem Rathuus-Maschinenraum

    Das Rathaus in Zürich an der Limmat mit Blick Richtung Gemüsebrücke.Unser Onlinemagazin heisst Rathuus, weil im Zürcher Rathaus am Limmatquai (und im Moment im Rathaus-Provisorium in der Bullingerkirche) Entscheide getroffen werden, die unseren Alltag im Grossen wie im Kleinen beeinflussen. Bild: Pascal Turin

    Das Rathuus-Politmagazin gibt es seit gut elf Monaten. Am Sonntag wird die 20. Podcast-Folge aufgeschaltet. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Dazu haben wir die Meinung von Medienexpertinnen und Medienexperten eingeholt. Soviel vorweg: Freude herrscht!

    Heute darf ich im Namen des kleinen Rathuus-Kernteams für einmal berichten, wie es uns so geht. Und zwar punkto Rathuus. Das ist unser Baby, das sich nach elf Monaten Lebenszeit immer mehr zu einem veritablen Wonneproppen entwickelt. Wir dürfen auf viele spannende Texte, gute Feedbacks aus der Leserschaft und ein respektables Medienecho zurückblicken.

    Inzwischen sind wir bei 80 Mitgliedern (Rathuus-Abo inklusive Newsletter) sowie zusätzlich 55 Abonnentinnen und Abonnenten unseres kostenlosen Newsletters. Die Öffnungsrate bei den Newslettern ist mit etwa 70 Prozent sehr hoch. Das selbst gesetzte Ziel von 100 Mitgliedern bis Ende 2025 verfolgen wir beharrlich weiter.

    Luft nach oben haben wir noch bei Besuchen vor Ort im Kantonsrat und beispielsweise im Gemeinderat der Stadt Zürich. Für das Interesse und die Bereitschaft, für Inhalte zu bezahlen, danken wir allen Unterstützerinnen und Unterstützern ganz herzlich.

    Auch die bisher 20 produzierten Podcast-Folgen – aufgenommen im improvisierten Studio in unserem kleinen Büro an der Stauffacherstrasse im Kreis 4 – machen grossen Spass. Wir sprechen häufig über unsere Texte, vertiefen aber durchaus auch andere Themen und werden zwischendurch mal persönlich.

    Gefühlsmässig haben wir uns nach gewissen Anfängerfehlern gesteigert.

    Die Folge 20 unseres Rathuus-Podcasts erscheint am Sonntag. Darin erwähnen wir einige Feedbacks von Medienexpertinnen und Medienexperten zu unserem Projekt. Diese sind überaus positiv ausgefallen. Dazu haben wir aber auch gefragt, wie die persönliche Mediennutzung im Lokalen aussieht, ob Bezahlmodelle der Weisheit letzter Schluss sind und ob Unterstützungsmodelle der öffentlichen Hand sinnvoll wären.


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    Kommen wir zu den Feedbacks

    Felix E. Müller, Mitbegründer und erster Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“, hat auch früh Rathuus abonniert. „Ich finde Ihre Initiative mit Rathuus sehr positiv.“ Müller informiert sich via Mailingliste der Stadtkanzlei. Daneben lese er „natürlich im Tagi und der NZZ das, was von der einstigen Lokalberichterstattung noch zurückgeblieben ist“. Schliesslich lese er Rathuus und vereinzelt das Onlineportal Tsüri, wobei letztere Plattform ihn wegen ihrer Nähe „zu gewissen politischen Kreisen und staatlichen Geldgebern“ problematisch erscheine, so Felix E. Müller. Mit den kantonalen Themen sei es schwieriger. „Hier kommt zuweilen noch die ‚Limmattaler Zeitung‘ (als Splitausgabe der ‚Schweiz am Wochenende‘) zum Zug“, berichtet Müller.

    Daniel Vogler, Forschungsleiter und stellvertretender Direktor des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich, kannte Rathuus bisher nicht. „Es scheint aber ein interessantes Projekt mit gehaltvollen Beiträgen zu sein“, so der Co-Autor des vielzitierten Jahrbuchs Qualität der Medien. Er informiert sich via „Tages-Anzeiger“, „den wir in der Familie als gedruckte Zeitung abonniert haben oder die NZZ, die ich digital abonniert habe“. Zürich sei zum Glück ein wichtiges Zentrum und die Medienhauptstadt der Schweiz. „Auch andere Medien wie beispielsweise ’20 Minuten‘ oder der ‚Blick‘ berichten deshalb ab und zu über Themen mit Bezug zu Stadt und Kanton.“ Zudem gebe es auch neuere Onlineangebote wie etwa den Newsletter des Onlineportals Tsüri.

    Bezahlmodelle vs. Gratismodelle

    Damit zur zweiten Frage, ob im Onlinebereich Bezahlmodelle oder Gratismodelle mehr Zukunft haben. Pia Guggenbühl, Direktorin des Verlegerverbands Schweizer Medien, sieht die Qualität als Erfolgsfaktor: „Die Zukunft gehört wohl journalistischen Medien, denen es – unabhängig vom Geschäftsmodell – gelingt, nahe bei ihrer Leserschaft zu sein, relevante Inhalte sowie einen echten Mehrwert zu bieten.“ Klar sei, dass es entsprechende Rahmenbedingungen brauche, damit sich solche Investitionen in den Journalismus auch künftig lohnen würden. Sprich: Neben der bisherigen Subventionierung der Postzustellung ist Guggenbühl dafür, dass man „über eine mittel- bis langfristige Medienförderung nachdenken“ soll, welche die Medien auch unabhängig des Kanals und des Geschäftsmodells sinnvoll unterstützen könne.

    Während Felix E. Müller kurz und bündig auf Bezahlmodelle setzt, geht Wissenschafter Daniel Vogler ins zumindest für Fachleute interessante Detail. „Einerseits ist die Zahlungsbereitschaft für Onlinenews sehr tief. Das ist eine Herausforderung für Bezahlmodelle im Onlinebereich. Andererseits sind aufgrund der Konkurrenz durch Social Media und Suchmaschinen auch Angebote, die sich über Werbung finanzieren, unter Druck.“ Mit der zunehmenden Verwendung von KI-Chatbots für Informationszwecke seien zudem Reichweitenmodelle, also Modelle, die sich für Werbeerlöse an ein möglichst grosses Publikum richten, nochmals stärker unter Druck geraten.

    Dabei erwähnt Vogler das Stichwort Zero-Click-Internet: „Menschen geben sich mit den Antworten der KI-Chatbots zufrieden, klicken nicht mehr auf die Originalquelle, was zum Einbruch des werberelevanten Traffics führt.“ Er schliesst daraus, dass daher aktuell Bezahlangebote (wie Rathuus, Anm. d. Red.), denen es gelinge, ein treues Publikum zu finden beziehungsweise eine Community aufzubauen, eher einen Vorteil hätten.

    Ursula Klein kritisiert Politik

    Ursula Klein, Gründerin, Besitzerin und Chefredaktorin des Branchenmagazins Kleinreport, sagt pointiert, dass der Markt total kaputt sei. Aus ihrer Sicht „melken“ der „Tages-Anzeiger“ und die NZZ „die treuen Abonnenten mit immer weniger Inhalten“. Online hätten Bezahlmodelle aber keine Chance, weil niemand mehr bereit sei, zu bezahlen. Der Kleinreport habe 9000 Abonnentinnen und Abonnenten beim Newsletter, eine stolze Zahl. „Aber betreiben lässt sich der Kleinreport finanziell nur knapp“, so die Unternehmerin. Sie findet Unterstützungsmodelle vom Staat durchaus eine Lösung. Sie kritisiert aber Politikerinnen und Politiker, die betonen, wie wichtig Lokaljournalismus sei, insgeheim aber aufatmen, wenn wieder ein Blatt zu- oder in einem anderen aufgeht. Besonders schlimm sei, wenn Gemeinden dann selber journalistisch aktiv würden und unkritische Gemeindeblätter verlegen.

    Aufhorchen lässt in Zusammenhang mit staatlicher Unterstützung auch der FDP-nahe Felix E. Müller. „Mittlerweile bin ich, ganz entgegen meinen politischen Instinkten, zur Überzeugung gekommen, dass es staatliche Unterstützungsmechanismen braucht.“ Denn das Silicon Valley ruiniere den Journalismus in der Schweiz. Und mit KI werde alles noch schlimmer. „Gegen die hegemoniale mediale Dominanz der USA kann nur der Schweizer Staat ein wenig Gegensteuer geben. Ein einzelner Anbieter ist diesem Druck wehrlos ausgeliefert“, so Müller.

    Ins gleiche Horn bläst Daniel Vogler vom Fög: „Nur weil der Staat ein Medium unterstützt, heisst das noch lange nicht, dass es seine Unabhängigkeit deswegen verliert.“ Allerdings brauche es hier Fingerspitzengefühl und eine transparente, professionelle Umsetzung. „Es gibt gut funktionierende Modelle, vor allem in skandinavischen Ländern. Diese Länder schneiden punkto Pressefreiheit immer sehr gut ab“, ist Vogler überzeugt. Direkte Medienförderung könne also eine Lösung darstellen, wenn der Markt nicht mehr in der Lage sei, den Journalismus zu finanzieren. 

    Wir schliessen mit Rathuus eine Lücke

    Ob nun Rathuus hinten ansteht bei den Bittstellern, die Geld vom Staat wollen? Momentan lieber nicht. Wir wollen mit Inhalten überzeugen und schauen dann weiter. Dazu aber noch die letzte Frage ans Expertenteam. „Wo kann Rathuus noch besser werden?“

    Aus dem Nähkästchen berichten kann hier Felix E. Müller: „Die grösste Informationslücke hat sich als Folge der anhaltenden Sparmassnahmen der Schweizer Verlage im Lokalen eröffnet. Ich war um das Jahr 2000 während gut drei Jahren Ressortleiter Stadt und Kanton Zürich der NZZ und kann deswegen ermessen, wie dramatisch der Abbau in diesem Bereich mittlerweile ist.“ Damals habe die NZZ täglich fünf bis sechs Seiten mit städtischen und kantonalen News produziert. „Dafür standen mir etwa 24 Festangestellte zur Verfügung“, so der passionierte Bergsteiger. Heute habe sich das im allerbesten Fall halbiert. Beim Tagi dürfte es noch schlimmer sein; der „Blick“ habe sich aus diesem Themengebiet weitgehend zurückgezogen.

    „Mit andern Worten: Eine Initiative wie Rathuus ist enorm wichtig, weil dadurch eine immer grösser werdende Lücke ein wenig gefüllt wird“, urteilt Müller, der seit zwei Jahren als Präsident des Stiftungsrats des Instituts für Journalismus und Kommunikation MAZ (ursprünglich Medien-Ausbildungs-Zentrum) amtet. Er findet aber, dass Rathuus zunächst überhaupt einem breiteren Publikum vertraut werden müsse. „Das ist die grösste Herausforderung“, betont der ehemalige Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“.

    Wissenschafter Daniel Vogler ist überzeugt, dass die Rathuus-Idee gut in unsere Zeit passe. Denn: „Lokaljournalismus ist gefährdet. Es braucht neue Ideen, wie man ihn für die Zukunft aufstellen kann.“ Es sei allerdings auch sehr schwierig, ein Angebot wie Rathuus dauerhaft und nachhaltig zu betreiben. „Solche Angebote leben in der Regel vom Engagement der Betreiber. Ich vermute, das ist bei Ihnen nicht anders“, so Vogler. Mit der thematischen Ausrichtung auf Zürcher Kantons- und Stadtpolitik habe das Angebot ein klares Profil. „Die Kombination mit dem Podcast finde ich eine interessante Ausrichtung. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, genügend Menschen zu finden, die für dieses Thema auch Geld bezahlen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg mit dem Projekt.“

    Diese Feedbacks sind uns Ansporn genug, um mit noch mehr Engagement weiterzumachen. Denn das Einfache hat uns noch nie gereizt.


  • 3 Minuten

    Diese heutige Gemeinderätin wollte als Kind Detektivin werden

    Auf dem Bild zu sehen: FDP-Gemeinderätin Yasmine Bourgeois.Die Stadtzürcherin Yasmine Bourgeois (51) ist FDP-Gemeinderätin und Expertin für Bildungsfragen. Bild: zvg

    Im Indiskreten Rathuus-Fragebogen erzählt FDP-Gemeinderätin Yasmine Bourgeois von den Parallelen zwischen ihrem jugendlichen Detektivclub und ihrer heutigen politischen Arbeit. Sie erklärt, warum ihr Hugh Grant entspricht und wer für sie der grösste Zürcher Politiker ist.

    Yasmine Bourgeois, wie wurden Sie politisiert?
    Politik wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt. Meine Eltern waren bei der FDP. Und ich trat schon als Jugendliche den Jungfreisinnigen bei (damals noch Jungliberale).

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Detektivin – ich gründete sogar einen Detektivclub mit meinen Freundinnen. Heute brauche ich den Spürsinn und den kritischen Blick in der Politik.

    „Mich beschäftigt, dass es in der Stadtzürcher Politik zu viel Ideologie und zu wenig gesunden Menschenverstand gibt.“

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Dass es in der Stadtzürcher Politik zu viel Ideologie, zu wenig gesunden Menschenverstand gibt. Ich hätte gern wieder mehr Pragmatismus und Leistung statt Symbolpolitik.

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Ich war immer überzeugt, dass ich bei der FDP am richtigen Ort bin.


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    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Ja, unter anderem für die Förderklassen-Initiative, bei der ich Mitinitiantin war. Sie wurde vom Kantonsrat bereits angenommen. Nun warten wir gespannt auf die Vorlage des Regierungsrats.

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Diejenigen, die nicht ständig über Moral reden.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Hugh Grant. Sein britischer, trockener Humor mit einer Prise Selbstironie entspricht mir sehr.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Das Zunfthaus zur Waag – dort isst man das beste Züri-Gschnätzlets!

    „Ich kämpfte an vorderster Front gegen die Gratis-Badis in der Stadt Zürich und bekam vom Volk recht.“

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Nein.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Skandinavien mit dem Camper bereist.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Stapi Emil Landolt. Er war der Stadt Zürich verbunden, interpretierte sein Amt überparteilich im Sinne der Sache und konnte ungezwungen auf alle Menschen zugehen.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Zum Glück kann das jeder für sich selbst entscheiden.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Ich kämpfte an vorderster Front gegen die Gratis-Badis in der Stadt Zürich und bekam vom Volk recht.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Ich habe einmal voller Überzeugung zum falschen Geschäft gesprochen und es erst mitten im Reden gemerkt. Da blieb nur noch: charmant weitermachen und improvisieren.

    „Ich möchte das historische Rathaus gerne zurück. In diesen historischen Räumen hat Politik Stil, Charakter und Geschichte.“

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Ja, ich möchte es gerne zurück. In diesen historischen Räumen hat Politik Stil, Charakter und Geschichte.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Portobello-Burger klingt nach Etikettenschwindel. Lieber Poulet-Kebab!

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Beide nicht ganz mein Stil. Aber wenn schon, dann Beatrice Egli. Schlager machen fröhlich, und mit der zunehmenden Empörungskultur im Gemeinderat könnten wir von dieser Leichtigkeit eine Zugabe brauchen.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Berge.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf den Moment, wo man merkt: Es hat sich gelohnt – und auf gemütliche Abende mit Familie und Freunden bei einem Glas Wein.

    Und worüber können Sie lachen?
    Mit einer erfrischenden Portion Humor geht fast alles leichter.

    Die Witikerin Yasmine Bourgeois ist seit sieben Jahren Mitglied des Gemeinderats der Stadt Zürich, vorher war sie Schulpflegerin. Bourgeois ist seither Mitglied der Spezialkommission Präsidialdepartement, Schul- und Sportdepartement. Von 2020 bis 2022 amtete sie als deren Vizepräsidentin, von 2022 bis 2024 als deren Präsidentin.

    Sie vertritt den Wahlkreis 7 und 8, eine Hochburg der FDP in Zürich. Beruflich liess sich Bourgeois zuerst zur Hotelmanagerin ausbilden und war dann im Eventmanagement tätig. Später wurde sie Primarlehrerin, dann Schulleiterin. Über mehrere Jahre war sie nebenberuflich Eiskunstlauflehrerin. In der Freizeit trifft man die 51-Jährige oft in der Natur an. Sie hat drei Kinder und ist liiert.


  • 4 Minuten

    Es besteht noch Hoffnung: Der Enterich, die Demokratie und ich

    Ein Mann, der die Beine übereinander geschlagen hat, sitzt in einem Ledersessel und liest in einem "Lustigen Taschenbuch". Die Sonne scheint in den Raum. Im Vordergrund ist ein rundes Porträtfoto mit weissem Rand von Pascal Turin platziert.Was gibt es Schöneres, als in einem "Lustigen Taschenbuch Spezial" zu blättern? Bild: Stephanie Turin, Bildmontage: Rathuus

    Wie ein nächtlicher Besuch in einem Tankstellenshop mein Leben kurzzeitig veränderte und mich über 18 Franken ärmer machte. Und was das um mindestens vier Ecken gedacht mit Politik und dem Kanton Zürich zu tun hat. Eine Glosse.

    Es war ein nebliger Herbstabend irgendwo in einer Agglo-Gemeinde Zürichs. Wie eine Motte zog mich das orange Leuchten des Schriftzugs im Halbdunkel an: Coop. Ich dirigierte meine Fahrerin (meine Ehefrau) mit hektischen Bewegungen Richtung des magischen Lichts. Sie setzte den Blinker, spurte ein und bog ab.

    Aus dem Nebel tauchte endlich die fast menschenleere Tankstelle in ihrer ganzen Pracht auf. Nur ein dunkelblauer BMW mit Aargauer Kennzeichen stand neben einer der Zapfsäulen. Unser gelbes Elektroflitzerchen von Renault rollte sanft auf einen Parkplatz.

    Die kühle Abendluft biss sich an meiner Haut fest, als ich aus dem Wagen stieg. Zum Glück lag die Coop-Pronto-Filiale nicht weit entfernt. Mit schnellen Schritten bewegte ich mich zur Eingangstür. Kurz erhaschte ich beim Vorbeigehen einen Blick auf einen Zeitungsständer, in dem sich eine einzelne Ausgabe des „Spiegels“ befand. Das Heft war schon ganz feucht von der Herbstluft. Auch die zwei Ausgaben der „Weltwoche“ sahen nicht mehr taufrisch aus. Das Nachrichtenmagazin und die Wochenzeitung boten einen traurigen Anblick.

    Drinnen angekommen, gab es wichtige Fragen zu klären.


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    Reden wir jetzt mal Klartext

    Sollte ich wirklich noch zwei Dosen El Tony Mate Classic kaufen? Oder doch lieber Red Bull Zero? Und mag ich das wirklich lieber als Red Bull Sugarfree? Ja, das gibt es. Zero und Sugarfree. Reine Geschmackssache. Fast so wie bei Parteien.

    Wem gefällt das AL-Magenta, das EVP-Gelb, das FDP-Blau, das Grün der Grünen oder der Grünliberalen, das Mitte-Orange oder das Sozi-Rot besser? Oder präferiert wer das gelbe SVP-Sünneli oder das kleine Schweizerkreuz im Logo der EDU? Was zählen schon die politischen Inhalte, wenn man fast einen ganzen Regenbogen an politischen Farben zur Auswahl hat?

    Aber genug der Scherze. Reden wir Klartext.

    Nächstes Jahr finden vielerorts Kommunalwahlen – also besser gesagt Erneuerungswahlen – statt. Die noch nicht eingestellten Lokalzeitungen sind bereits mit Bildern von Standaktionen voll. Die meisten zeigen fröhlich oder verkniffen lachende Personen, manche Politikerinnen und Politiker wurden von den Fotografierenden besser ins Bild gerückt als andere.

    Fotos scheinen aber sowieso austauschbar. Zumindest in den Wahlwerbungen sind die Kandidierenden meistens arttypisch gekleidet. Betont urban und locker, wahlweise mit T-Shirt oder Jackett bei Personen links der Mitte. Die meisten Bürgerlichen lassen sich hingegen in Businesskleidung ablichten, tragen ein Hemd oder eine Bluse. Sie sehen alle wie aus einem Ei gepellt aus.

    Wir sind ein Land der Unwissenden

    Da kann man also nur noch auf den Inhalt schauen. Doch der zählt heutzutage kaum mehr etwas, denn immer weniger Menschen in der Schweiz nutzen journalistische Medien, um sich zu informieren. Das ist ein wenig erbaulicher Befund des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft, das zur Universität Zürich gehört.

    Jetzt wird es ganz hart für Polit-Aficionados: Es gibt laut dem Jahrbuch Qualität der Medien 2025 immer mehr sogenannte News-Deprivierte, also Menschen, die auf Nachrichten verzichten. News-Deprivation sei auch ein grundlegendes Problem für die Demokratie, heisst es in einem Communiqué der Universität Zürich. News-Deprivierte würden demnach Politik und Medien weniger vertrauen, sich seltener am politischen Prozess beteiligen und sich der demokratischen Gesellschaft weniger verbunden fühlen.

    Oha lätz! Das sieht schlecht aus für alle, die glauben, mit Inhalten statt Verpackung überzeugen zu können. Was uns nun wieder zu meinem abendlichen Besuch im Tankstellenshop zurückführt (Trommelwirbel): Es kam nämlich zu einer unerwarteten Wendung.

    Kindheitserinnerungen übermannten mich

    Ich blieb auf halbem Weg zum Getränke-Kühlregal stehen. Beim Gestell mit den Heftchen (dort wo interessanterweise „Der Spiegel“ nicht zu finden ist) stach mir das goldglänzende „Lustige Taschenbuch Spezial“ Nummer 127 ins Auge. Auf dem Cover hält Dagobert Duck in historischer Seemannsbekleidung ein Flaschenschiff in die Höhe. Der Titel: „Klar Schiff!“

    Kindheitserinnerungen übermannten mich, und ohne zu zögern griff ich nach dem Comicband. 18 Franken und 50 Rappen kostete mich der Spass, wie ich mit Schrecken an der Kasse feststellte. Ebenfalls im Einkaufskorb landeten eine Dose El Tony Mate Classic sowie zwei Dosen Red Bull Zero. Dadurch kamen noch ein paar Franken dazu.

    Doch der Preis sei an dieser Stelle nicht relevant. Ein Comic nach dem anderen verschlang ich in den folgenden Tagen. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Politik ist wie ein „Lustiges Taschenbuch“. Fast jedes Mal hat der geizige Multimilliardär Dagobert Duck am Ende Glück, der cholerische und vom Pech verfolgte Donald Duck wird abgezockt, die untalentierten Panzerknacker landen im Gefängnis – und irgendwie läuft der Laden trotzdem. Wenn Entenhausen es mit diesen Protagonisten schafft, halbwegs zu funktionieren, dann dürfen auch die Gemeinden im Kanton Zürich hoffen.

    Und vielleicht hat der zerstreute Erfinder Daniel Düsentrieb ja irgendwann eine zündende Idee, wie man aus News-Deprivierten und Politik-Verdrossenen wieder Demokratie-Fans macht.


  • 4 Minuten

    Welche Auswirkungen das Energie-360°-Desaster auf die Wahlen in Zürich haben könnte

    Auf dem Bild zu sehen die Verantwortlichen der Fernwärme Volketswil mit ganz links Romeo Deplazes, dem neuen CEO von Energie 360°."Führend in ökologischen Energielösungen": Romeo Deplazes von Energie 360° (links) an einer erfolgreichen Infoveranstaltung zur Einführung der Fernwärme in Volketswil. Bild: Lorenz Steinmann

    Durch die Entlassung des Energie-360°-Chefs versucht FDP-Stadtrat Michael Baumer, die Wogen zu glätten. Doch die Idee, das Milliardenunternehmen dem Kanton zu verkaufen, könnte ihm mehr schaden als gewollt. Im links-grünen Zürich stossen Auslagerungsideen in der Regel auf wenig Gegenliebe.

    Warum in aller Welt möchte ein Zürcher Stadtrat eine faktisch zur Stadtverwaltung gehörende Abteilung an den Kanton verkaufen? Ein Stadtrat, der als FDP-Mitglied der bürgerlichen Minderheit angehört und um seine Wiederwahl zittern muss? Michael Baumer will mit der Entlassung seines Energie-360°-CEOs die Wogen glätten. Ob das reicht? Doch der Reihe nach.

    Es war im März 2025, als Vertreter von Energie 360° in Volketswil ihr Vorhaben vorstellten, Energie aus einem Rechenzentrum zu nutzen und so einen grossen Teil der Volketswiler Gebäude mit sauberer Energie zu versorgen. Also weg von Erdöl hin zu CO₂-freier Energie. Darin liegt die Zukunft, keine Frage. Der Gemeindesaal war voll, die Fragenliste lang, aber schlussendlich wurde das „Generationenprojekt“ wohlwollend goutiert von den Anwesenden.

    Chef der Delegation von Energie 360° vor Ort war Romeo Deplazes. Damals war er Vize von CEO Jörg Wild. Jetzt ist er quasi über Nacht zum Chef eines Milliardenunternehmens geworden, weil Verwaltungsratspräsident und FDP-Stadtrat Michael Baumer seinen Vorgänger Jörg Wild Knall auf Fall entlassen hat. Der Druck wurde zu gross, da die Finanzwebsite Inside Paradeplatz öffentlich gemacht hatte, dass Jörg Wild Oberchef werden wollte. Und zwar Chef der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich – kurz EKZ – inklusive Energie 360°.

    Energie 360°, so heisst heute die zu 100 Prozent öffentlich-rechtliche AG, die bis vor elf Jahren noch Erdgas Zürich hiess und bis 1998 als Gasversorgung Zürich agierte. Es war jene Zeit, als neoliberale Politikerinnen und Politiker technische Abteilungen privatisieren wollten. So etwa das hochrentable Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ). Eine entsprechende Vorlage wurde vom Volk vor 25 Jahren abgelehnt. Ein ähnliches Vorhaben wurde 2016 schon im Gemeinderat verworfen.


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    Viel Geld oder doch nicht?

    Nun versucht Michael Baumer, FDP-Stadtrat und Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, abermals, eine bestens in die Stadtverwaltung integrierte und famos funktionierende Verwaltungseinheit abzustossen. Die Rede ist von 1,1 Milliarden Franken, die der Kanton der Stadt Zürich bezahlen müsste. Dabei hat sich Energie 360° vorbildmässig an die heutigen Anforderungen angepasst und bietet „nachhaltige Energie- und Mobilitätslösungen in der ganzen Schweiz“. Gemeinsam werde das Energiesystem transformiert – heute für die Generation von morgen. So, wie das etwa eingangs erwähnt in Volketswil passiert.

    Energie 360° bietet genau jene Energielösungen, welche Zürichs Stadtrat seit Jahr und Tag postuliert. Kein Wunder, haben AL, SP und Grüne gestern in Medienmitteilungen betont, wie wichtig Energie 360° für Zürich sei. Begeisterung für den Verkauf sieht anders aus. Dabei heisst es aus dem Departement Baumer, das Erdgasnetz werde bis 2040 sowieso stillgelegt, dann brauche es Energie 360° in Zürich nicht mehr.

    Bemerkenswert ist, dass bis vergangenes Jahr Energie 360° ein wichtiger Player bei der Fernwärme Zürich war. Seither hat das EWZ den Lead beim Milliardenprojekt Fernwärme Zürich. Das kann man als Vorteil sehen, wobei das Know-how bei Gasleitungen, zu denen auch Leitungen mit Wasserdampf zählen, definitiv eher bei einer Erdgasfirma angesiedelt wäre.

    Erdgas bleibt noch lange Energiequelle

    Just am vergangenen Mittwoch aber veröffentlichte der Stadtrat eine Karte mit den Gebieten, wo Erdgas in Zürich weiter primäre Energiequelle bleiben wird. „In einzelnen Gebieten wird die Nutzung von Gas, insbesondere von Bio- und erneuerbarem Gas, als Übergangslösung nötig sein. So muss etwa das Gasverteilnetz im Nieder- und Oberdorf für längere Zeit bestehen bleiben, da die Erschliessung mit Fernwärme dort vor 2040 nicht realistisch ist“, heisst es in der Mitteilung.

    Aber hallo! Bedeutet dies, dass gewisse Teile der Stadt künftig von den EKZ abhängig sind? Geht es den Bewohnerinnen und Bewohnern wie bei der Stromknappheit im Jahr 2022? Damals mussten EKZ-Kundinnen und EKZ-Kunden im Gegensatz zur EWZ-Kundschaft bedeutend tiefer in die Tasche greifen, bis zu 40 Prozent stiegen die Strompreise ausserhalb Zürichs im Kantonsgebiet. AL, SP und Grüne warnen auch jetzt vor so einem Szenario, wenn die Stadt die Kontrolle beim Erdgas aus der Hand gibt.

    Grünliberale Stadtratskandidatin übt Kritik

    Die Causa Baumer und Energie 360° war auch Thema in der Gemeinderatssitzung vom vergangenen Mittwoch. Serap Kahriman, die für die Grünliberalen Stadträtin und allenfalls gar Stadtpräsidentin werden will, griff Baumer und die FDP besonders scharf an. Sie sprach in der GLP-Fraktionserklärung gemäss der „Neuen Zürcher Zeitung“ von einem „Führungsversagen auf höchster Ebene“. Sie kritisierte die Führungs- und Kommunikationskultur im Departement der Industriellen Betriebe, also im Zuständigkeitsbereich Baumers. „Es ist Zeit für einen Führungswechsel, die GLP steht bereit“, so Kahriman.

    Das Feld der Kandidatinnen und Kandidaten liegt wirklich eng beieinander. Erinnert sei daran, dass Michael Baumer bei seiner Wiederwahl 2022 lediglich 1205 Stimmen mehr holte als der knapp nicht gewählte linke Herausforderer Walter Angst (AL). Ob dieser Baumersche Sololauf Auswirkungen auf die Wahlen 2026 hat? Könnte er gar zum Eigengoal für die FDP werden? GLP-Gemeinderätin Kahriman hat den Steilpass angenommen. Es wird also definitiv spannend.


  • 5 Minuten

    Die Angst vor der Überwachung

    Ein dunkelblau-weisses Schild an einer Wand, dass eine Videokamera zeigt und den Text "Videoüberwachung".Gesichtserkennung durch Kameras im öffentlichen Raum wäre bei Verbrechen zwar praktisch, würde aber einen massiven Eingriff in die Privatsphäre der gesamten Bevölkerung bedeuten. Bild: Pascal Turin

    Das Winterthurer Stadtparlament will die biometrische Gesichtserkennung verbieten, die EDU das Bargeld stärken. Beide Anliegen haben eines gemeinsam: Es geht um Privatsphäre und die Furcht davor, digitale Spuren zu hinterlassen.

    Die Diskussion im Stadtparlament Winterthur war hitzig – die Abstimmung danach aber trotzdem eindeutig, wie dem „Tages-Anzeiger“ zu entnehmen ist. „Wir wollen nicht zulassen, dass Technologien, die in autoritären Staaten Alltag sind, bei uns schleichend Einzug halten. Ohne Kontrolle und ohne Rücksicht auf Grundrechte“, sagte die EVP-Politikerin Daniela Roth-Nater gemäss Tagi im Winterthurer Parlament.

    Gefordert wird mittels einer Behördeninitiative nichts weniger als ein Verbot von biometrischer Gesichtserkennung an allen öffentlich zugänglichen Orten im ganzen Kanton Zürich. Dazu soll das Polizeigesetz angepasst werden. „Nur auf richterlichen Beschluss dürfen ausschliesslich Behörden, aber keinesfalls Private diese Technologie an einzelnen, nicht aufeinanderfolgenden Tagen einsetzen“, heisst es im Initiativtext. Jeder Einsatz müsse zeitnah mittels Medienmitteilung bekannt gemacht werden. „Bei bewilligten Demonstrationen, Kundgebungen oder Sportveranstaltungen darf biometrische Gesichtserkennung nie zum Einsatz kommen.“


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    Kantonsrat lehnte ähnlich gelagerte Motion ab

    Mit biometrischer Gesichtserkennung können Menschen durch Kameras automatisch erkannt und überwacht werden. Rein technisch wäre so eine effizientere Verbrecherjagd möglich. Die Kantonspolizei Zürich verzichtet offiziell auf Gesichtserkennungssoftware. Eine solche Technologie greift natürlich sehr tief in die Privatsphäre ein und ist darum höchst umstritten. Eine Mehrheit der Winterthurer Parlamentarierinnen und Parlamentarier will deshalb ein Zeichen setzen und hat die erwähnte Behördeninitiative verabschiedet.

    Artikel 32 des Polizeigesetzes ist laut Begründung der Initiative „vage formuliert und antizipiert den technologischen Fortschritt ungenügend“. Die neuen Möglichkeiten würden Begehrlichkeiten der Strafverfolgung wecken, die jedoch nicht in Einklang mit den allgemeinen Menschenrechten stünden. Werde eine Gesichtserkennungssoftware an die bereits vorhandenen Videoüberwachungssysteme gekoppelt, „schafft dies die Voraussetzung, eine weiträumige anlasslose und permanente Massenüberwachung durchzuführen“, schreibt das Stadtparlament Winterthur. Eine funktionierende Demokratie wie die Schweiz habe dies nicht nötig.

    Das Thema ist allerdings keineswegs neu. So hat der Kantonsrat beispielsweise vergangenes Jahr eine Motion mit ähnlicher Zielsetzung abgelehnt. Die Grünen-Politikerin Wilma Willi aus Stadel wollte zusammen mit drei weiteren Kantonsrätinnen den Einsatz sogenannter biometrischer Fern-Erkennungssysteme zum Zweck der Identifizierung verbieten. Von einem Verbot ausgenommen gewesen wäre aber zum Beispiel die automatische Passkontrolle am Flughafen.

    Der Regierungsrat beantragte, die Motion abzulehnen. Die zuständige SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr stellte sich damals in der Debatte auf den Standpunkt, dass die gesetzlichen Grundlagen ausreichen würden, um diese „riskanten Technologien“ politisch und faktisch im Griff zu behalten. Das Kantonsparlament lehnte die Motion mit 86 zu 81 Stimmen bei 3 Enthaltungen ab.

    Das knappe Resultat kann den Winterthurer Parlamentarierinnen und Parlamentariern also Hoffnung machen. Falls nämlich mindestens 60 Mitglieder des 180-köpfigen Kantonsrats die Behördeninitiative unterstützen, muss der Regierungsrat einen Bericht und einen Antrag erarbeiten. Der Kantonsrat darf dann über die Initiative abstimmen.

    Bargeld hinterlässt keine digitalen Spuren

    Auf den ersten Blick total anders gelagert ist ein kürzlich eingereichter Vorstoss der EDU-Kantonsräte Roger Cadonau aus Wetzikon, Hans Egli aus Steinmaur und Thomas Lamprecht aus Bassersdorf. In ihrer Anfrage geht es um das Bargeld. Anlass ist das Kunsthaus Zürich, das nur noch digitale Zahlungen akzeptiert. „Im Sinne der Nachhaltigkeit, Nutzungsfreundlichkeit, Effizienz und Sicherheit ist das Kunsthaus Zürich neu bargeldlos“, schreibt das Museum als Begründung auf seiner Website.

    Cadonau, Egli und Lamprecht haben deshalb ein paar generelle Fragen, die sie gern vom Regierungsrat beantworten lassen würden. „Seit dem 1. September 2025 kann im staatlich geförderten Kunsthaus Zürich das Eintritts-Ticket nicht mehr mit Bargeld, dem gesetzlichen Zahlungsmittel, gekauft werden“, schreiben sie in ihrer Anfrage. Dies erschwere und verunmögliche speziell älteren und sozial benachteiligten Menschen einen Besuch dieses Museums.

    „Die persönliche Freiheit und der Datenschutz sind wichtig und Barzahlungen dürfen nicht systematisch verdrängt werden: Wer bar bezahlt, hinterlässt keine digitale Spur, was in einer Zeit zunehmender Überwachung und Datensammlung ein legitimes Anliegen ist“, heisst es im Vorstoss weiter.

    Die EDU-Kantonsräte verweisen auf Artikel 3 des Bundesgesetzes über die Währung und die Zahlungsmittel, wonach Bargeld ein gesetzliches Zahlungsmittel ist und grundsätzlich angenommen werden muss. Sie wollen vom Regierungsrat unter anderem wissen, ob dieses Gesetz aus Sicht der Regierung nicht für alle öffentlichen Dienstleister gilt. Zudem fragen die Politiker, wie der Regierungsrat sicherstellt, dass kantonale Angebote und Dienstleistungen auch künftig mit Bargeld beglichen werden können und ob dem Regierungsrat ähnliche Vorgehensweisen – wie beim Kunsthaus – bei kantonalen Institutionen bekannt sind oder solche geplant sind.

    In diesem Zusammenhang ist jedoch wichtig anzumerken, dass es sich bei Artikel 3 des erwähnten Bundesgesetzes um sogenanntes Dispositivrecht handelt. Das heisst: Es kann davon abgewichen werden, sofern die Kundinnen und Kunden – oder in diesem Fall die Besucherinnen und Besucher – entsprechend informiert werden. Genau das tut das Kunsthaus.

    Auch im Gemeinderat gibt es Widerstand

    Ob das Bargeldverbot jedoch kundenfreundlich ist, darüber kann man diskutieren. Die Stadtzürcher Gemeinderäte Stefan Urech und Yves Peier (beide SVP) sowie Sebastian Vogel (FDP) möchten politisch Tatsachen schaffen und haben ein Postulat eingereicht. „Der Stadtrat wird aufgefordert zu prüfen, wie die Kunsthausgesellschaft dazu bewegt werden kann, beim Eintritt ins hochsubventionierte Kunsthaus der Stadt Zürich wieder die Möglichkeit der Bezahlung mit Bargeld anzubieten“, heisst es im Vorstoss.

    Die öffentliche Hand subventioniert das Kunsthaus tatsächlich zu einem erheblichen Teil. Die Stadt Zürich überweist jährlich 18,5 Millionen Franken – mit steigender Tendenz. Kürzlich beantragte der Stadtrat eine Erhöhung der jährlichen Beiträge an die Trägerorganisationen: Laut einem Communiqué soll die Zürcher Kunstgesellschaft ab 2027 vier Millionen Franken mehr erhalten und die Stiftung Zürcher Kunsthaus zusätzliche 3,3 Millionen Franken. Damit würde der städtische Beitrag für das Kunsthaus jährlich 25,8 Millionen Franken betragen. Aktuell muss sich die zuständige Kommission des Gemeinderats über das Geschäft beugen. Das letzte Wort haben dann allerdings die Stimmberechtigten.

    Es geht um die Selbstbestimmung

    Ob es um den Kauf eines Museumstickets oder die Überwachung öffentlicher Plätze geht, am Ende steht die Frage, wie viel Selbstbestimmung wir in einer zunehmend digitalisierten Welt behalten wollen. Im Kantonsrat muss darum einmal mehr zwischen technologischem Fortschritt und persönlicher Freiheit gerungen werden. Wie hitzig die Diskussionen im Parlament werden, bleibt abzuwarten.