Sie unterhielten sich im Restaurant Rechberg im Stadtzürcher Kreis 1 über den "Schweizer Spiegel" (v. l.): Raphael von Thiessen, David Guggenbühl und Roland Aegerter. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Der „Schweizer Spiegel“ war jahrzehntelang Chronik und Meinungsbildner zugleich. Jetzt hat die ETH Zürich alle 564 zwischen 1925 und 1972 erschienenen Ausgaben digitalisiert. Sie sind ab sofort online verfügbar. Es sind Trouvaillen der besonderen Art, nicht nur für Geschichtsnerds.
Er trägt einen grossen Namen, der „Schweizer Spiegel“. Erstmals erschienen vor fast genau 100 Jahren, war er dem deutschen Namensvetter „Der Spiegel“ 22 Jahre voraus und gerade in den Weltkriegsjahren eine wichtige Stimme gegen den Nationalsozialismus. Schon 1935 sorgte der „Schweizer Spiegel“ europaweit für Aufsehen, weil sein Verlag mit „Die Moorsoldaten“ einen Erlebnisbericht eines KZ-Häftlings publizierte und so das kommende Grauen öffentlich machte. Mit positiverem Inhalt, mit der Schellen-Ursli-Buchsserie von Selina Chönz und Alois Carigiet, landete der Verlag ab 1945 einen weiteren Bestseller. Die Bücher sind heute noch höchst beliebt.
Der „Schweizer Spiegel“ war jahrzehntelang ein die Deutschschweiz prägendes Magazin, das von allen Gesellschaftsschichten oft und gerne gelesen wurde. Es war mehr als eine Monatsschrift – es war ein Fenster in die Lebenswelten einer ganzen Gesellschaft. Den Übergang in andere, wildere Zeiten gelang jedoch nicht. Die letzte Ausgabe erschien 1972, dann wurde das Magazin aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Jetzt kann man nach Stichworten suchen
Trotzdem ist das Magazin ein wichtiger Zeitzeuge, der viele Parallelen zur heutigen unruhigen und sich rasant ändernden Zeit aufweist. Nun wurden die 564 Ausgaben von der ETH Zürich digitalisiert und so öffentlich zugänglich gemacht. Dank einer speziellen Suchfunktion sind alle Stichworte und einzelnen Artikel rasch zu finden. Dabei bieten die Inhalte viele Brücken zum Heute. So war im Editorial der ersten Ausgabe die Mechanisierung der modernen Welt das grosse Thema, der man auf keinen Fall entgehen könne. So, wie das heute bei KI der Fall ist.
Angestossen wurde dieser neue digitale „Schweizer Spiegel“ von Olivier Roth, Sohn des letzten Chefredaktors des „Schweizer Spiegels“. Ihm ging es in erster Linie um Werterhaltung und um das Ermöglichen von interessanten Rückblicken auf die Schweiz der Jahre 1925 bis 1972, denn: „Was im Netz nicht gefunden werden kann, existiert nicht!“
Das Online-Archiv war nur der erste Schritt
Eine Projektgruppe um die beiden Brüder Alastair und David Guggenbühl konzentrierte sich in einer ersten Phase auf den Aufbau des Online-Archives mit begleitenden Artikeln und Videos zur Entstehung und zu den Macherinnen und Machern des „Schweizer Spiegels“. Das Archiv sollte primär für historische Arbeiten und Analysen in den Bereichen Politik, Publizistik, Gestaltung und Werbung verwendet werden können.
Der Projektgruppe ging es aber nicht nur darum, den Zugang zur Geschichte der Monatsschrift freizulegen. Mit der Lancierung von monatlichen Podcast-Gesprächen soll auch der Geist des alten „Schweizer Spiegels“ neu und zeitgemäss wiederbelebt werden, um so einen Beitrag zur Debattenkultur unseres Landes zu leisten.
Erster Podcast-Gast war Zukunftsforscher Raphael von Thiessen. Der 34-Jährige ist Programmleiter der „Innovation-Sandbox“ für künstliche Intelligenz im Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich. Zudem ist er Mitbegründer von Momentum Collaboration, einer Strategie- und Innovationsberatung. Podcastthema war die Zukunft der Schweiz und welchen Einfluss KI dabei haben wird. So stellt er die Frage, ob und wie Zürich profitiert, wenn Google hier Top-Leute für die Entwicklung von KI anstellt.
100-Jahr-Jubiläum im Restaurant Rechberg gefeiert
Die Liveschaltung der Website schweizerspiegel.ch und die Podcast-Premiere zum 100-Jahr-Jubiläum des ersten „Schweizer Spiegels“ wurde am 27. Oktober gebührend im Restaurant Rechberg im Stadtzürcher Kreis 1 gefeiert. Nicht weit davon entfernt, an der Storchengasse 16, starteten Adolf Guggenbühl-Huber und Fortunat Huber, die beiden damals dreissigjährigen Herausgeber, vor 100 Jahren ihr Lebenswerk. Sie bildeten zusammen mit Helen Guggenbühl-Huber viele Jahre lang das dreiköpfige Redaktionsteam.
Das Maag-Areal neben dem Bahnhof Hardbrücke in Zürich ist heute wegen der Eventlocation Maag-Halle und dem Prime Tower bekannt. Früher befand sich dort die Maag Zahnräder AG. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC2083-004-001
Pascal Turin
In der 19. Folge ihres Rathuus-Podcasts erzählen Lorenz Steinmann und Pascal Turin, was sie aktuell beschäftigt. Hauptsächlich geht es in dieser Episode aber um die Vergangenheit und die Gegenwart der Industrie in der Stadt Zürich.
Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt: In der 19. Folge des Rathuus-Podcasts widmen sich Lorenz Steinmann und Pascal Turin der Industrie in der Stadt Zürich. Obwohl man eigentlich nur noch über Techgiganten wie Google, Facebook-Mutter Meta oder OpenAI – bekannt durch den Chatbot ChatGPT – spricht, gibt es in der Limmatstadt auch erstaunlich viele und grosse Industriefirmen. Wer jetzt nicht sofort weiss, was Everllence so produziert, sollte unbedingt diese Folge hören.
Während Lorenz also von Beyond Gravity, Hitachi Energy und Co. schwärmt, referiert Pascal über die Technische Gesellschaft Zürich (TGZ), die 2025 ihr 200-Jahr-Jubiläum feiert. Als die TGZ 1825 gegründet wurde, hatte sie eine Priorität: Die Bildung im technischen Bereich sollte verbessert werden. Um den Rückstand der Schweiz gegenüber dem Ausland aufzuholen, brauchte es nämlich gut ausgebildete Fachkräfte. Die zwei in der Folge erwähnten Bücher heissen “Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich” sowie “Ibicaba – Das Paradies in den Köpfen”.
Zum Abschluss reden wir wieder einmal darüber, was uns diese Woche beschäftigt hat. Wir haben dafür die Rubrik “Can’t Let It Go” des NPR Politics Podcasts leicht abgewandelt.
Könnte ein Vorbild sein für weitere Projekte: Als Erfolgsstory gilt die teilweise Überdeckung und Bebauung des Bahneinschnitts in Wipkingen vor gut 25 Jahren. Bild: Stadt Zürich/Tiefbauamt
Lorenz Steinmann
Ein Vorstoss im Ständerat will die Überdeckung von Bahngleisen erleichtern – damit Häuser oder Parks gebaut werden können. Es muss ja nicht gleich ein Megaprojekt wie jenes über das Gleisfeld beim Hauptbahnhof Zürich sein.
Die Motion wurde wahlweise als grössenwahnsinnig, innovationsstark oder schnöde als Wahlvehikel bezeichnet. Gemeint ist der Vorstoss von Emanuel Tschannen, Flurin Capaul und Roger Suter. Die drei FDP-Gemeinderäte aus Zürich wollen nichts weniger, als die Überdeckung und Überbauung des Gleisfelds zwischen dem Hauptbahnhof und dem Bahnhof Altstetten sowie die Überdachung der Gleise zwischen dem HB und dem Bahnhof Wiedikon.
Tatsächlich tönt das Ganze sehr kühn. Auf einen Schlag könnten 150’000 Menschen mehr in Zürich wohnen. Wir wären die Wohnungsnot los und Zürich hätte mehr Wohn- und Begegnungsraum in bester Zentrumslage. So wurde das Anliegen im August an den Stadtrat überwiesen. Er muss nun bis im Februar 2026 Bericht erstatten, also kurz vor den Erneuerungswahlen. Man darf gespannt sein, wie Odermatt, Brander und Co. argumentieren werden. Also Hochbauchef André Odermatt (SP) und Simone Brander (SP), an deren Ressorts die Anfrage hauptsächlich gerichtet ist.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Auf offene Ohren beim Bundesrat gestossen
Bemerkenswert ist, dass in der Zwischenzeit auf nationaler Ebene ein übergeordneter Vorstoss eingereicht wurde, der dem FDP-Anliegen Rückenwind geben könnte. Der Bundesrat hat nämlich ein Postulat des Urner Ständerats Josef Dittli (FDP) entgegengenommen, welches sich fokussiert auf „die ungenutzten riesigen Gleisfelder, die mitten in unseren Städten liegen und durchaus Potenzial haben“. So zumindest formulierte es Dittli. Er ist der Ansicht, dass sich mit deren Überbauung die Wohnungsnot lindern liesse.
„Ich denke beispielsweise in Bern im Wankdorf oder beim Güterbahnhof oder in Zürich zwischen Altstetten und dem Hauptbahnhof. Aber auch in Chur, in St. Gallen, in Lausanne, in Basel, in Muttenz hat es Gleisfelder, die allenfalls als Raumreserven zur Verfügung stehen“, zählte Dittli in seinem Votum mögliche Orte auf. Dass solche grossflächigen Gleisüberbauungen möglich seien, zeigten Beispiele in New York, in Paris und auch in Stockholm.
SVP-Bundesrat Albert Rösti, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, meinte dazu, „dass in Anbetracht der immer knapper werdenden Flächen auch wir der Meinung sind, dass es sich durchaus lohnt, einen solchen Bericht zu erstellen“. Der Bundesrat beantragte deshalb die Annahme des Postulates, „auch wenn die Umsetzung mit Schwierigkeiten verbunden sein könnte“.
Zurück vom Ausflug nach Bundesbern lohnt sich ein Blick auf ein kleineres lokales Projekt, das vor 25 Jahren realisiert wurde und noch heute als Vorzeigemodell gilt. Nämlich die Überbauung des Bahneinschnitts zwischen der Nordbrücke und dem Wipkingertunnel. Erbaut wurde das Grossprojekt zwischen 1996 und 2000. Dafür entschieden sich die Stimmberechtigten 1990 nur knapp.
Es war eine andere Zeit, man zog eher aus Zürich weg und die Limmatmetropole hatte gegen das Image einer „Verlierer-Stadt“ zu kämpfen. Doch seither boomt Zürich, man wohnt lieber hier als in der Agglo. Umso erstaunlicher eigentlich, dass die Überdeckung und Nutzung von Bahngeleisen erst durch Emanuel Tschannen, Flurin Capaul und Roger Suter wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gelangten. Den Bahneinschnitt entlang der Seebahnstrasse im Quartier Aussersihl will zwar der Verein Seebahn-Park nutzen, jedoch lediglich durch sechs Pärke und öffentlichen Grünraum.
Mit kleinerem Projekt die Machbarkeit testen
Was meint der Wiediker FDP-Gemeinderat Flurin Capaul zu kleiner gebackenen Brötchen?
Er findet die Miniversion in Wipkingen mit jener Überdachung „im Grundsatz top. Aber das ist eher eine ortsgebundene Optimierung und keine Überdachung im grösseren Stil“, so Capaul. Die Pläne zur Überdachung des Bahneinschnitts neben der Seebahnstrasse findet er im Grundsatz ebenfalls gut und sieht die Idee als „guten Testballon für die Machbarkeit“. Er erinnert daran, dass die Präsidentin des Vereins Seebahn-Park, Seraina Thoma, auch Präsidentin der FDP Kreis 3 ist. Dazu seien detaillierte Studien vom Ingenieurbüro Walt Galmarini erstellt worden. Dieses durchaus innovative Projekt kommt also ebenfalls aus der FDP-Küche.
Die Schweiz ist auch eine Industrienation: Der Industriekonzern Sulzer AG betrieb in Winterthur eine grosse Schmiede. Die Aufnahme stammt von circa 1984. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_Ex-BA01-0252-0001-0001
Pascal Turin
Um den Rückstand gegenüber dem Ausland aufzuholen, brauchte es gut ausgebildete Fachkräfte: Das hatten die Gründer der Technischen Gesellschaft Zürich vor 200 Jahren erkannt. Ein neues Buch widmet sich dem Verein, aber auch dem fast aussichtslosen Kampf der Wissenschaft gegen Fake News.
So lange halten nicht viele Vereine durch, aber die Technische Gesellschaft Zürich – kurz TGZ – hat es geschafft. Zur Feier des 200. Geburtstags gönnte sich die TGZ eine Jubiläumsschrift, die eigentlich ein 128 Seiten starkes Buch ist. Schon die Autorenliste liest sich interessant: Darunter sind Hans Hess, ehemaliger Präsident des Industrieverbands Swissmem, der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger oder Roland Siegwart, seit 2006 Professor für autonome mobile Roboter an der ETH Zürich.
Doch was hat das eigentlich genau mit Politik zu tun?
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Ganz viel – und damit ist nicht nur das Grusswort von Regierungsrätin Silvia Steiner (Die Mitte) im Buch „Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich“ gemeint. Denn während in unserer Zeit die künstliche Intelligenz die Welt verändert, war es damals die Industrialisierung, welche für einen gesellschaftlichen Wandel sorgte.
„Die Gründer waren bereits vor 200 Jahren erpicht darauf, den Nachwuchs zu fördern, um Zürich im Wettbewerb gegenüber anderen Regionen in der Schweiz und in Süddeutschland gut zu positionieren“, schreibt Bildungsdirektorin Steiner. Dazu habe es ein leistungsfähiges Bildungssystem gebraucht – und das sei bis heute ein wichtiges Anliegen. „Es ging bei der TGZ im Grunde genommen also immer auch um Pädagogik und Didaktik“, so die Mitte-Politikerin weiter.
Im Lehrplan 21 wird seit einigen Jahren ein Augenmerk auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, die sogenannten MINT-Fächer, gelegt. „Wichtig ist in meinen Augen, die Neugier an naturwissenschaftlichen Zusammenhängen schon von Anfang an zu wecken – nämlich in der Volksschule“, so Silvia Steiner.
Die grossen Arbeitgeber wie die Maschinenfabrik Oerlikon bildeten auch zahlreiche Lernende in technischen Berufen aus, wie das Bild von 1964 zeigt. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_L13-0516-0100-0012
Der MINT-Bereich ist übrigens zum Glück längst keine Männerdomäne mehr: Der Anteil von Frauen in den entsprechenden Studiengängen wird in den letzten Jahren langsam aber sicher grösser. So erhöhte er sich an den universitären Hochschulen seit 2013/14 von 36 Prozent auf 39,4 Prozent. An den Fachhochschulen betrug er gemäss Steiners Grusswort 2014 noch 18 Prozent und stieg bis 2023 auf 23 Prozent. „Dieses Wachstum ist wichtig, denn heute studieren an den Hochschulen die Vorbilder für die weiblichen MINT-Studierenden von morgen“, betont die Bildungsdirektorin.
Silvia Steiner gibt ausserdem zu bedenken, dass vier von fünf Jugendlichen im Kanton eine Lehre machen. „Mit Blick auf den Fachkräftemangel sind wir auch in der Berufsbildung gefordert, vermehrt das Interesse von jungen Menschen für technische Berufe zu gewinnen“, hält sie fest.
Womit wir nun einen Bogen ins 19. Jahrhundert schlagen.
Man befürchtete, ins Hintertreffen zu geraten
Heute ist die Schweiz für ihren Finanzplatz, ihre Technik und den Tourismus weltweit bekannt. Anfang des 19. Jahrhunderts war sie allerdings ein unbedeutender Kleinstaat. Ein Gesandter des Grossherzogtums Baden schrieb 1829, dass mit der Schweiz nie etwas anzufangen sein werde. In Teilen des Landes grassierte grosse Armut. „Die Situation im Land zeigte sich für viele Schweizerinnen und Schweizer derart hoffnungslos, dass die Emigration als einzige Lösung blieb“, heisst es im Buch „Das Laboratorium des Fortschritts. Die Schweiz im 19. Jahrhundert“ von Historiker Joseph Jung. Erst mit der Gründung des Bundesstaates 1848 konnte sich die Schweiz entwickeln.
Als die TGZ 1825 gegründet wurde, hatte sie eine Priorität: Die Bildung im technischen Bereich sollte verbessert werden. Es gab zu dieser Zeit die ETH noch nicht. Diese entstand erst 1855. Doch die Industrialisierung war europaweit im Gange. „Die Befürchtung, ins Hintertreffen zu geraten, war nicht abwegig“, heisst es im Buch. „Noch war die Schweiz ein Staatenbund, der den Kantonen grosse Autonomie gab“, so der Historiker Adrian Scherrer in „Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich“. Vielfältige politische und gesellschaftliche Hindernisse hätten immer wieder die wirtschaftliche Entwicklung verzögert.
Am Letten erstellte die Zürcher Wasserversorgung 1874 ein Pumpwerk, das vom Wasser der Limmat angetrieben wurde. Das Foto entstand vor 1929. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_05434-025-AL-FL
Prominente Personen unter den Gründern
Aus heutiger Sicht fast unglaublich: In Zürich gab es damals keine Möglichkeit, nach der Volksschule eine weiterführende technische oder naturwissenschaftliche Schule zu besuchen. Kantonsapotheker Johann Jakob Ulrich Irminger (1785–1838) setzte sich darum für die Gründung einer solchen Bildungsanstalt ein. Zusammen mit Botaniker Leonhard Schulthess (1775–1841), Unternehmer Hans Caspar Escher (1775–1859) und Mathematiker Johann Kaspar Horner (1774–1834) sowie sechs weiteren Mitstreitern rief er die TGZ ins Leben.
„Mit Escher als Gründer und Mitinhaber der Escher, Wyss & Cie. war ein bedeutender Industrieller dabei“, schreibt Scherrer. Als kurze Randbemerkung: Escher, Wyss & Cie, das war damals die erst zweite mechanische Baumwollspinnerei der Schweiz. Später wurde daraus eine höchst erfolgreiche Maschinenfabrik in den Bereichen Schiffbau, Wasserturbinen und Pumpen. Das Unternehmen baute zum Beispiel das Dampfschiff Stadt Zürich und hatte seinen Sitz in der Nähe des heutigen Escher-Wyss-Platzes im Stadtzürcher Kreis 5.
Doch zurück zur Geschichte des Vereins. Es ging nämlich Schlag auf Schlag.
Schon weniger als ein Jahr nach der Gründung der TGZ wurde 1826 das Technische Institut in Zürich eröffnet. Wie dem Buch zu entnehmen ist, stand die Schule jungen Männern ab 16 Jahren offen und bot einen zweijährigen Bildungsgang an. Es dauerte auch nicht lange, bis über hundert Schüler das Technische Institut besuchten. 1833 wurde die bis dahin privat organisierte Schule durch eine Fusion mit der Kunstschule zur kantonalen Industrieschule umgewandelt. Daraus entstand die Oberrealschule und später dann das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Gymnasium.
Auch Stadtbaumeister Arnold Bürkli hielt Vorträge
Ihr wichtigstes Ziel hatte die TGZ also schon nach wenigen Jahren erreicht. Doch der Verein wurde nicht aufgelöst – man traf sich weiterhin zum fachlichen Austausch über technische Fragen. Fortan wurden Vorträge gehalten. Stadtbaumeister Arnold Bürkli (1833–1894) berichtete beispielsweise ab den 1860er-Jahren regelmässig über die Pläne für die Neu- und Umgestaltung der Stadtquartiere. Nach seiner Vorstellung war in den 1880er-Jahren die neue Uferpromenade am Zürichsee erstellt worden. „Sein Bruder Adolf Bürkli (1819–1894), Inhaber einer Textilfirma, präsidierte die TGZ von 1887 bis 1893“, heisst es im Buch.
Die Idee war das interdisziplinäre Vermitteln von Wissen über die Fachgrenzen hinweg. Lange Zeit allerdings nur unter Männern. Erst 1961 wurden erstmals zwei Frauen aufgenommen. „Während sich die Themen über die Jahrhunderte gewandelt haben – von der Mechanik und Elektrizität über die Kernenergie bis hin zur Digitalisierung und Biotechnologie – bleibt der Grundgedanke unverändert: Technik ist ein zentraler Bestandteil unseres Lebens und sollte aktiv verstanden, hinterfragt und gestaltet werden“, findet Vereinspräsident Matthias Kaiserswerth in seinem Ausblick und Schlusswort.
1937 nahm die frühere Fluggesellschaft Swissair die Douglas DC-3 in Betrieb. Damals flog die Swissair noch vom Flugplatz Dübendorf. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_SR01-02936
Fakten haben es in der heutigen Zeit schwer
Auch im Buch „Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich“ wird versucht, Wissen zu vermitteln. Der frühere Swissmem-Präsident Hans Hess wirbt für mehr Fakten und Taten in der Energie- und Klimapolitik. Dabei vergleicht er kurz und knackig verschiedene Energieträger miteinander und hebt deren Vor- und Nachteile hervor. Hess erlaubt sich zudem die eine oder andere Wertung. Eine seiner wenig erbauenden Aussagen: „Im Moment wird in der Energiepolitik leider sehr viel geredet, aber sehr wenig gebaut.“
Ebenfalls hervorzuheben wäre das Kapitel von ETH-Professor Roland Siegwart mit dem Titel „Gesundheit: Was kann Technologie beitragen?“. Laut ihm werden medizinischer Fortschritt und Technologie uns ein immer längeres und autonomeres Leben ermöglichen. „Ewiges Leben wird aber kaum in absehbarer Zeit möglich sein“, schreibt Siegwart. So liege es an uns, das Leben mit all seinen Facetten und Phasen zu geniessen und in Würde zu altern und zu sterben.
Und der Wissenschaftsjournalist Beat Glogger schreibt über Emotion versus Information. Der Gründer des leider kurzlebigen Online-Wissenschaftsmagazins Higgs zeigt eindrücklich auf, wie die allerbesten Studien und alle wissenschaftlichen Fakten der Welt Menschen mit scheinbar grundlosen Ängsten nicht zum Umdenken bewegen können. „Bullshit in die Welt zu setzen ist billig und schnell. Fakten aufbereiten hingegen kostet Zeit und Arbeit“, so Glogger.
Ansprechend mit vielen Fotos gestaltet
Die Jubiläumsschrift punktet mit historischen Bildern. Insgesamt sind es 46 Fotos und Grafiken, die das Geschriebene auflockern. Das ansprechend gestaltete Buch ist eine Hommage an die Leistung der TGZ in den letzten 200 Jahren: das Fördern eines kritischen und konstruktiven Dialogs über Technik.
Insbesondere die aktuelle Aufregung um KI macht einen offenen Austausch noch wichtiger. Ob es um Telegraphen oder Mikroroboter geht – entscheidend bleibt, dass Wissen geteilt, verstanden und diskutiert wird.
Jochen Decker, Andreas Fuhrer, Beat Glogger, Hans Hess, Matthias Kaiserswerth, Adrian Scherrer, Roland Siegwart: Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich. 128 S. www.pioniere.ch/buecher/sp-tgz/
Weitere Informationen zur Technischen Gesellschaft Zürich gibt es auf www.tgz-net.ch.
Bonusbild für Geschichtsfans: Das Dampfschiff Stadt Zürich wurde von Escher, Wyss & Cie gebaut und lief 1909 vom Stapel. Die Aufnahme stammt von circa 1930. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Ans_05106-256
Themenbezogene Interessensbindung des Autors: „Wissensdurst – 200 Jahre Technische Gesellschaft Zürich“ wurde von der Technischen Gesellschaft Zürich herausgegeben und ist im Verlag Verein für wirtschaftshistorische Studien erschienen. Pascal Turin ist Mitglied des Vereins für wirtschaftshistorische Studien.
"Mir hat gefallen, dass die AL ihren Fokus auf die Chancengleichheit legt", sagt die Kantonsrätin Gianna Berger (26) aus Zürich im Gespräch mit Rathuus. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Gianna Berger politisiert für die AL im Kantonsrat. Die Pflegefachfrau interessiert sich berufsbedingt für das Gesundheitssystem und für Menschen, die weniger Chancen haben als andere. Die 26-jährige Stadtzürcherin hat nach einem Jahr Parlamentsarbeit eine klare Erkenntnis gewonnen. Debatten? Nur Show für die Medien.
Die Alternative Liste – kurz AL – war in den 90er-Jahren eine laute Protestpartei. Gegründet wurde sie 1989 in Zürich als basisdemokratische Gruppe „Züri 1990“. Erst 2007 konstituierte sich die AL offiziell als politischer Verein. 2018 hatte sie mit zehn Gemeinderatssitzen und mit Richard Wolff als Stadtrat ihre Hochblüte als Unruhestifterin im politischen Milieu. Doch das hat sich verändert.
„Der AL droht die Unverwechselbarkeit abhandenzukommen“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ vergangenes Jahr. Die Tageszeitung hat zumindest in einem Punkt recht: Seit bekannte langjährige Exponenten wie Urgestein Niklaus Scherr, Mischa Schiwow, Co-Präsident des Quartiervereins Hirslanden, oder Mieterverbands-Vertreter Walter Angst aus dem Stadtzürcher Parlament ausgeschieden sind, ist es um die AL ruhiger geworden.
Heute unterscheidet sich die Partei im Gemeinderat von Zürich immer weniger von SP und Grünen. Kein Wunder, in der rot-grün dominierten Limmatstadt ist es als kleine linke Partei schwierig, aufzufallen. Doch manchmal gelingt es der AL immer noch, Schlagzeilen zu machen. So geht der schweizweit beachtete Vorstoss zum weitgehenden Verbot von kommerzieller Werbung im öffentlichen Raum auf AL-Gemeinderat Michael Schmid zurück. Und vielleicht schafft Stadtratskandidatin und AL-Gemeinderätin Tanja Maag im kommenden März bei den Kommunalwahlen sogar die Überraschung – den Einzug in die Zürcher Exekutive.
Die AL pflegt im Kantonsrat die Minderheitenrolle
Während die AL in der Stadt Zürich also darum kämpft, zwischen SP und Grünen ein eigenes Profil zu wahren, überzeugt sie im bürgerlicher orientierten Kantonsrat gerade durch ihre Minderheitenrolle. Dazu trägt auch Gianna Berger bei, die erst seit 2024 im Kantonsparlament politisiert. „Ich sehe eine unserer Rollen darin, Probleme klar zu benennen, damit darüber diskutiert wird“, erklärt die Kantonsrätin, die in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben sitzt.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Aufgefallen war die 26-Jährige zum Beispiel in einer Debatte über eine Einzelinitiative, die verlangte, dass der Kanton sich „für die Anerkennung von Palästina als eigenem Staat“ einsetzen soll. „Palästina existiert. Dass es bis heute nicht anerkannt wird, ist beschämend“, kritisierte Berger. Die Anerkennung bedeute nicht, Geld zu schicken oder Organisationen zu unterstützen. Sie bedeute einzig, eine Realität anzuerkennen und die Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe zu schaffen. Auch Zürich dürfe sich hier nicht länger zurückhalten. „Unser Kanton bezieht zu vielen Themen Stellung, warum also nicht hier?“, fragte sie. Palästina anzuerkennen sei zu wenig, aber das Mindeste.
Zwar verfing Bergers Votum nicht. Das Anliegen holte nur 47 Stimmen. Für eine vorläufige Unterstützung wären 60 Stimmen des 180-köpfigen Rates notwendig gewesen. Doch die AL zeigte wieder einmal, dass sie bei unangenehmen Themen eine klare Haltung einnimmt. Auch deshalb ist die Stadtzürcherin in die Partei eingetreten. Berger ist früher Sympathisantin der SP gewesen. Sie habe dann aber durch einen Nachbarn die Alternative Liste kennengelernt, wie sie erzählt. „Mir hat gefallen, dass die AL ihren Fokus auf die Chancengleichheit legt.“ Das habe für sie Sinn gemacht, weil sie in der Psychiatrie mit Patientinnen und Patienten zu tun habe, die weniger Chancen hätten.
„Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass ich nicht mein Leben lang auf dem Beruf arbeiten werde“, sagt Gianna Berger.
Die diplomierte Pflegefachfrau HF – kurz für Höhere Fachschule – arbeitet in der Abteilung Krisenintervention für Jugendliche der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Diese ist in der Nähe des Hegibachplatzes stationiert. Nicht weit davon entfernt wohnt Berger derzeit in einer Wohngemeinschaft im Kreis 7. Neben der Arbeit und der Politik studiert sie berufsbegleitend Pflege an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Pflegeinitiative muss zuerst richtig umgesetzt werden
Durch das Studium verspricht sich Berger mehr Möglichkeiten, etwa als Fachexpertin auf einer Station oder in der Forschung. „Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass ich nicht mein Leben lang auf dem Beruf arbeiten werde.“ Damit ist sie sicher nicht allein. In der Schweiz herrscht ein Mangel an Pflegepersonal – auch weil viele erfahrene Leute irgendwann wegen der hohen Arbeitsbelastung aus dem Beruf aussteigen. Die vom Schweizer Stimmvolk 2021 angenommene Pflegeinitiative, die unter anderem die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Personals fordert, muss ihre Wirkung erst noch entfalten.
Nach über einem Jahr im Kantonsrat hat Gianna Berger eine klare Erkenntnis gewonnen: "Niemand ändert seine Meinung in der Debatte." Bild: Pascal Turin
Zu aufopfernde ältere Pflege-Generation
Einen Prestigeerfolg für die Pflegebranche hat die Kantonsrätin vor Kurzem erzielt: Berger war mit Vertreterinnen und Vertretern der SP, der Grünen und der EVP an vier parlamentarischen Initiativen beteiligt, die vom Parlament – wenn auch knapp – vorläufig unterstützt wurden. Gefordert wurde, dass die Mitarbeitenden des Universitätsspitals Zürich, des Kantonsspitals Winterthur, der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zukünftig den vollen Teuerungsausgleich erhalten. Aktuell ist der Teuerungsausgleich beim Spitalpersonal nicht mehr verbindlich an die Empfehlung des Regierungsrates gekoppelt. Nun muss sich die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit über das Anliegen beugen.
Aus Sicht von Berger ist die Lobby des Pflegepersonals in der Politik zu wenig gut vernetzt. Gerade die ältere Generation der Pflegefachpersonen sei zudem zu aufopfernd. Jene würden jedes Mal sofort einspringen, wenn jemand ausfalle oder gar die Ferien abbrechen, wenn Personal fehle. „Wir dürfen ein System, das nicht funktioniert, nicht mit unserer Aufopferung aufrechterhalten“, so Bergers Befund. Doch das Totschlagargument sei dann häufig, dass man dadurch das Wohlbefinden von Patientinnen und Patienten gefährde. Gianna Berger sagt, die Politik solle sich endlich eingestehen, dass man mehr Geld ins Gesundheitswesen investieren müsse. „Mit Gesundheit Geld verdienen funktioniert einfach nicht, ausser es ist ein unfaires System“, so die Kantonsrätin.
Nach über einem Jahr im Parlament hat Berger eine klare Erkenntnis gewonnen: „Niemand ändert seine Meinung in der Debatte.“ Diese sei nur eine Show für die Medien. „Anfangs dachte ich noch, ich könne mit guten Argumenten überzeugen. Aber nein, keine Chance. Es wird alles vorher in den Fraktionen besprochen und entschieden“, sagt die Politikerin. Wichtig seien darum die bilateralen Gespräche über die Parteigrenzen hinaus. „Eigentlich könnte man also einfach von daheim aus abstimmen und einfach die Voten an die Medien schicken“, sagt sie augenzwinkernd. Das Zwischenmenschliche würde dann aber natürlich fehlen.
Erst kürzlich hat sich Gianna Berger entschieden, dass sie 2027 wieder zu den Wahlen antreten wird. „Eine erneute Kandidatur habe ich mir wegen der Belastung mit Studium, Job und Politik schon gut überlegen müssen.“
In Oerlikon trifft man sie im Venus Bistro
Als Treffpunkt hat die Stadtzürcherin das Venus Bistro an der Franklinstrasse vorgeschlagen. Das sei „Oerlikons charmante Antwort auf seelenlose Gastroketten“, so das Onlineportal Tsüri in seinem Geheimtipp-Guide. Das Restaurant mit Bar ist eine Art gemütliches Szene-Lokal mit guter Küche, wie auch der Schreibende durch verschiedene Besuche zu bestätigen weiss. „Wenn ich in Oerlikon einen Kaffee trinken möchte, komme ich meistens hierhin“, sagt Berger, die im Leutschenbach-Quartier in Seebach aufgewachsen ist. Im Kreis 11 fühle sie sich nach wie vor wohl.
Erst kürzlich hat sich Gianna Berger entschieden, dass sie 2027 wieder zu den Wahlen antreten wird. „Eine erneute Kandidatur habe ich mir wegen der Belastung mit Studium, Job und Politik schon gut überlegen müssen.“ Es wird ihr erster richtiger Wahlkampf mit Standaktionen und Co. sein. 2024 war sie für Anne-Claude Hensch ins Kantonsparlament nachgerückt.
Zeit für Hobbys bleibt ihr wenig – auch nicht fürs Singen. Seit sie 12 Jahre alt ist, nimmt die Zürcherin Unterricht im Sologesang an der Musikschule Konservatorium Zürich. Auftritte gibt es allerdings keine. „Ich stehe gar nicht gerne vor Leuten“, verrät sie und fügt an: „Obwohl ich das im Kantonsrat immer wieder machen muss.“ Das brauche jeweils sehr viel Überwindung. Aber sie werde langsam routinierter.
Die AL ist heutzutage vielleicht keine Protestpartei im ursprünglichen Sinn mehr. Doch mit Politikerinnen wie Gianna Berger zeigt sie, dass sie auch ohne laute Töne eine klare Haltung vertreten kann.
Monika Wicki (57) ist SP-Kantonsrätin, Präsidentin des Quartiervereins Oerlikon und sie hat mit einer Gruppe von Freunden die Website www.im-frieden-essen.ch gestaltet. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
SP-Kantonsrätin Monika Wicki ist wegen ihrer vielen Funktionen eine wichtige Instanz in Zürich Nord. Im Rathuus-Fragebogen erzählt die Politikerin von ihrem persönlichen Polit-Erfolg, spricht von einem prägenden Erlebnis im Jahr 1985 und zeigt auf, wie sie Friedenspolitik mit Genuss verbindet.
Monika Wicki, wie wurden Sie politisiert? 1985 wurde durch die Schulsynode im Kanton Zürich der Hungerfranken eingeführt. Es ging damals darum, die schreckliche Hungersnot in Angola zu lindern. Ich war für das Sammeln an meinem Gymnasium zuständig. Diese Aktion hat mir gezeigt, man kann etwas Konkretes tun.
Was wollten Sie als Kind werden? Zuerst Polizistin, dann Schriftstellerin, dann Journalistin, dann Landwirtin, dann Sozialpädagogin.
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Das schwindende Vertrauen der Bevölkerung in unsere demokratischen Institutionen. Die Kriege nah und fern. Der Wind, der der Inklusion entgegenbläst.
„Ich bin recht spät, erst im Alter von 35 Jahren, der SP beigetreten.“
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Ich bin recht spät, erst im Alter von 35 Jahren, der SP beigetreten. Somit war das ein wohlüberlegter Entscheid.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Aber sicher, Tausende.
Welche Staatsmännermenschen halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Clara Zetkin (eine deutsche sozialistisch-kommunistische Politikerin, Anm. d. Red.), Jean Ziegler, Ruth Dreifuss … Sie sind mir ein Vorbild mit ihren ethischen Werten und in ihrem beständigen Engagement.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Oh, ich bin offen für alle.
„Mit meinen Vorstössen im Kantonsrat ist es mir gelungen, eine nachhaltige Geburtshilfe im Kanton Zürich zu etablieren. Seit mehreren Jahren nun gibt es die Leistungsgruppe Hebammengeleitete Geburtshilfe im Spital.“
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Didi’s Frieden. Wir haben wandernd alle Restaurants mit Frieden im Namen in der Schweiz besucht, dort gegessen und getrunken und einen Bericht auf www.im-frieden-essen.ch geschrieben. Didi’s Frieden war das Zürcher Highlight.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Leider nein. Ich habe immer viel zu viel zum Lesen, sodass ich kaum dazu komme, mir freiwillige Lektüre zu Gemüte zu führen.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Heute war ich noch nicht schwimmen.
Wer ist für Sie der oder die bedeutendste Zürcherin? Alle, die sich für unsere Demokratie und für den Frieden einsetzen.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Jedem das Seine.
„Ich arbeite im Bildungswesen und ich politisiere im Bildungswesen. Manchmal muss man sehr aufpassen, dass man nicht in Interessenskonflikte gerät.“
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Im Rahmen der Revision des Kinder- und Jugendheimgesetzes im Kanton Zürich konnte ich Mehrheiten für mir wichtige Anliegen gewinnen. So wurde beispielsweise erreicht, dass der Kanton nicht einfach Heilpädagogische Früherziehung streichen kann, wenn die Finanzen knapp werden. Zudem ist es mir mit meinen Vorstössen im Rat gelungen, eine nachhaltige Geburtshilfe im Kanton Zürich zu etablieren. Seit mehreren Jahren nun gibt es die Leistungsgruppe „Hebammengeleitete Geburtshilfe im Spital“. Dies sichert eine evidenzbasierte, effektive, familienorientierte und kostengünstige Geburtshilfe im ganzen Kanton Zürich.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Ich arbeite im Bildungswesen und ich politisiere im Bildungswesen. Manchmal muss man sehr aufpassen, dass man nicht in Interessenskonflikte gerät.
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Mir gefällt das Rathaus Hard insofern, als wir da genügend Platz haben. Das historische Rathaus ist zwar geschichtsträchtig, es braucht aber einen gehörigen Umbau, damit es in der heutigen Zeit noch als Rathaus genutzt werden kann. Und ohne diesen Umbau möchte ich nicht ins alte Rathaus zurück.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Vegan.
„Lachen kann ich über Wortspielereien, humorvolle Geschichten, tiefgründiger Witz und fantasievolle Reisen ins Absurde.“
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Simon und Jan (ein 2006 gegründetes Liedermacher-Duo, bestehend aus Simon Eickhoff und Jan Traphan, Anm. d. Red.).
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Ein schöner Frühlingswald mit Bärlauch.
Worauf freuen Sie sich? Ich freue mich auf so vieles: auf das Aufwachen am Morgen, auf den Spaziergang mit dem Hund, auf das Gärtnern, auf die Familie, das Velofahren, auf politische Debatten und spannende Anlässe, auf gute Ideen und herausfordernde Projekte, auf die Arbeit, auf interessante Gespräche und aufs Schwimmen.
Und worüber können Sie lachen? Wortspielereien, humorvolle Geschichten, tiefgründiger Witz und fantasievolle Reisen ins Absurde.
Monika Wicki aus Oerlikon ist 57 Jahre alt und seit 2014 SP- Kantonsrätin. Von 2014 bis 2023 war sie Mitglied der Kommission für Bildung und Kultur. Seit Mai 2023 ist Wicki Angehörige der Geschäftsleitung des Kantonsrates und seit Mai 2025 die zweite Vizepräsidentin des Kantonsrats.
Ihre politischen Ziele umschreibt sie so: „Zürich Nord gehört zu den am schnellsten wachsenden Gebieten im ganzen Kanton. Dieses enorme Wachstum führt zu einem grossen Druck auf die Mieten und die Infrastruktur. Eine weitere Herausforderung ist der Fachkräftemangel, der im Bildungs- und Gesundheitswesen fatale Auswirkungen hat. Damit der Kanton Zürich lebenswert bleibt, braucht es eine vorausschauende, zukunftsweisende und umsichtige Politik.“
Aufgewachsen ist Monika Wicki in Regensdorf und in Dielsdorf. Nach der Matura lernte sie Landwirtin und arbeitete eine Zeitlang auch in diesem Beruf. Danach studierte sie an der Universität Zürich Erziehungswissenschaft, Soziologie und Psychologie. 2008 schrieb sie ihre Dissertation über den Wandel von Vorstellungen über Kindheit, Jugend und Generationsbeziehungen.
Seit 2010 ist Wicki an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik Zürich tätig. Zuerst als wissenschaftliche Mitarbeiterin, dann als Dozentin. Seit 2019 ist sie Professorin zum Thema Steuerung und Organisation heilpädagogischer Angebote. Auch im Berufsfeld ist Monika Wicki ehrenamtlich engagiert. So ist sie seit April 2025 Co-Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Lehrerinnen und Lehrerbildung.
Die Limmattalbahn hat ihre Schienen oft dort, wo früher der Trolleybus fuhr. Doch im Gegensatz zum geplanten Bauvorhaben in Affoltern wurde die Strasse nicht entsprechend verbreitert. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Der Zürcher Stadtrat hat seine Hausaufgaben gemacht. Er legt dem Gemeinderat heute Mittwoch fristgerecht eine Weisung zum Tram Affoltern vor. Doch schade ist, dass sich die städtischen Planerinnen und Planer kein Beispiel an der Limmattalbahn genommen haben.
Diese Motion des Gemeinderats legte der Stadtrat nicht auf die lange Bank. Fast schon als Punktlandung wird heute Mittwoch die Weisung zum Tram Affoltern im Rat diskutiert. Zumindest steht sie auf der Traktandenliste ganz weit oben. Basis der Weisung ist der Vorstoss von Benedikt Gerth (Mitte), Thomas Hofstetter (FDP) und Anjushka Früh (SP), der im April 2025 im Gemeinderat hitzig diskutiert wurde. Mit lediglich 66 zu 51 Stimmen wurde dem Stadtrat dann der Auftrag erteilt, eine detaillierte Vorlage auszuarbeiten.
Zusammenfassend standen bei der Debatte SP und FDP hinter ihren beiden zuständigen Stadtratsvertretungen Michael Baumer (FDP) und Simone Brander (SP). Support bekamen sie zudem von der Mitte. Kritisch hinterfragt wurde das Tramprojekt in Affoltern von der GLP, der AL und von der SVP.
Die Weisung umfasst nun satte 24 Seiten plus 6 Seiten Plan- und Tabellenbeilagen. Dabei fällt auf, dass wichtige Punkte wie etwa die Vorfinanzierung der 60 Millionen Franken, welche der Kanton vorerst nicht sprechen will, oder die breit diskutierte Fällung von gegen 700 Bäumen nur am Rande erwähnt sind. Ganz im Sinne von, dass man das Geld hat und eine Diskussion nicht nötig sei.
Die Warnung von Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) im September nach dem Ja zum Sportzentrum Oerlikon, dass solche 373-Millionen-Projekte es in absehbarer Zukunft nicht mehr geben werde, scheint bereits wieder vergessen zu sein. Und was ist mit Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne), der ebenfalls im September fürs städtische Budget 2026 dicke rote Zahlen von gut 350 Millionen Franken prognostizierte? Dabei stellte Leupi doch in Aussicht, dass man künftig Investitionen begrenzen müsse.
Das gilt scheinbar nicht fürs Tram Affoltern.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Unüblich: Die Stadt soll das Geld vorschiessen
Lieber will die Stadt einfach mal 60 Millionen Franken vom Kanton vorschiessen, weil dieser die Unterstützung des Projekts aus finanziellen Gründen zurückgestellt hat. GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim sagte im April im Rat dazu: „Es geht gar nicht ums Tram. Es geht um eine unübliche Vorfinanzierung für den öffentlichen Verkehr.“ Dass die Stadt vorstrecken soll, ohne Sicherheit, dass der Kanton das Geld je zurückzahlt – für Sobernheim eine politische Zumutung. Er fragte damals rhetorisch in den Saal: „Sie sagen uns im Ernst, dass der Kanton dieses Geld der verhassten Stadt Zürich zurückzahlen würde?“
Dabei fällt auf, dass bei den Kosten über 100 Millionen Franken für Landkäufe und Enteignungen vorgesehen sind. Kein Wunder, ist das Projekt im Verhältnis zur Limmattalbahn fast doppelt so teuer. Ein Kilometer Linie kostet in Affoltern 112,5 Millionen Franken, im Limmattal waren es lediglich 54 Millionen Franken. Dabei hält das Argument der Stadt, dort sei es halt einfacher gewesen zu bauen, einem detaillierten Untersuch nicht stand. Denn die Limmattalbahn wurde fast nirgends auf der grünen Wiese gebaut – ausser man glaubt, dass Altstetten oder Schlieren immer noch Bauerndörfer wie Anfang des 20. Jahrhunderts sind. Die Limmattalbahn verbindet Altstetten mit Killwangen-Spreitenbach – das Limmattal ist eine Boomregion.
Zürcher-, Badener- und Landstrasse als Beispiele
Der grosse Unterschied: Das Tramtrassee wurde an prominenter Stätte, etwa auf der Zürcherstrasse zwischen Farbhof und Schlieren und auch später auf der Badenerstrasse in Richtung Spreitenbach sowie in Spreitenbach selber auf der Landstrasse auf der bestehenden Fahrbahn gebaut. Dort, wo vorher beispielsweise der 31er-Trolleybus verkehrte. Dass damit durchaus die Kapazität abgebaut wurde, schluckte der Kanton. Argumente wie die parallel verlaufende Autobahn zogen offensichtlich.
Wer erinnert sich noch an die vier- oft sogar sechsspurige Rennbahn ausgangs Zürich entlang des ehemaligen Unternehmens Micafil und entlang der vielen Gewerbebauten in Richtung Schlieren, linker Hand die Reiheneinfamilienhäuser. Bewahre, wenn hier das Enteignungsprozedere losgegangen wäre. Man wäre wohl noch heute am Verhandeln, oder man hätte gar nie gebaut.
Klassische FDP-Handschrift zu erkennen
Im Gegensatz dazu versteift sich die Stadt Zürich in Affoltern darauf, fürs Tram ein neues Trassee bauen zu müssen und die Wehntalerstrasse entsprechend zu verbreitern – um bis zu sechs Meter. Dabei wird momentan die Nordumfahrung ausgebaut, welche gut und gerne auch Verkehr von Seebach in Richtung Affoltern aufnehmen könnte.
Dass dazu auch noch 682 Bäume gefällt werden – geschenkt. Es würden ja wieder welche gepflanzt, heisst es dazu, und noch einige Dutzend mehr. Das Projekt trägt die klassische FDP-Handschrift der paketschnürenden Michael Baumer und Carmen Walker Späh, Volkswirtschaftsdirektorin und somit Verkehrsministerin. Böse Zungen behaupten, Kantonsrätin Gabi Petri (Grüne) spreche davon, das sei nun die Retourkutsche für das vom Volk versenkte Rosengartenprojekt mit Tram und Autotunnel.
Eine oder gleich mehrere Abstimmungen nötig
Man darf gespannt sein, wie heute der Rat debattieren und abstimmen wird. So oder so kommt das Projekt vor das Stadtzürcher Volk. Darauf angesprochen ist Stadtrat Michael Baumer guter Dinge, dass es ein Ja gibt. Ihm sei aber auch bewusst, dass ein Nein im Kantonsrat für den kantonalen Beitrag durchaus möglich ist. Oder aber dann ein Referendum durch eine unheilige Allianz zwischen Grünen und SVP. So, wie das schon erfolgreich beim Rosengartenprojekt durchgezogen wurde.
Punkto Zeitplan ist die Stadt weniger optimistisch als auch schon. Als Baubeginn wird frühestens 2028 angegeben. Die Inbetriebnahme ist nicht vor 2031 eingeplant.
Florian Heer sitzt seit 2020 für die Grünen im Kantonsrat. Der 47-Jährige ist Vizepräsident der Grünen Kanton Zürich und leitet den Winterthurer Ableger der Ökopartei als Co-Präsident. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Kantonsrat Florian Heer hat mit seinen Vorstössen schon ein paar Mal den Finger in die Wunde gelegt. Der Vizepräsident der Grünen Kanton Zürich scheut sich nicht vor den schwierigen Themen und sammelt bei jedem Wetter für die Solar-Initiative.
Winterthur steht oft im Schatten von Zürich, doch etwas kann man der sechstgrössten Stadt der Schweiz nicht nehmen: Winti hat nicht nur die schönere Altstadt, sondern auch seinen industriellen Charme erhalten. Über 122’000 Einwohnerinnen und Einwohner leben hier im Nordosten des Kantons. Einer davon ist Florian Heer. Seit 2020 sitzt er für die Grünen im Kantonsrat. Als Treffpunkt hat er das Café Portier am Lagerplatz beim ehemaligen Areal des Industriekonzerns Sulzer gewählt. „Wo früher der Portier des Sulzer-Areals arbeitete, trinkt man heute Vivi Kola oder Latte macchiato“, schrieb der „Tages-Anzeiger“. Das industrielle Flair habe das Café Portier aber übernommen.
Es ist 9 Uhr morgens und im Lokal sitzen junge Eltern mit Kinderwagen, Singles mit Notizbuch und Menschen, die politisch wohl irgendwo zwischen Grün und Rot zu Hause sind. Heer ist mit dem Velo gekommen. Zuvor hatte er noch fleissig Unterschriften für die Solar-Initiative der Grünen Schweiz gesammelt. Diese will alle „geeigneten Dächer und Fassaden“ für die erneuerbare Energieproduktion nutzen. „Nachher gehe ich nochmals sammeln“, verrät der Kantonsrat. Er ist Vizepräsident der Grünen Kanton Zürich und leitet den Winterthurer Ableger der Ökopartei als Co-Präsident.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Er hat sich sofort in Winterthur verliebt
Gegenüber der „P.S. Zeitung“ sagte der Politiker, dass er wegen seiner Partnerin nach Winterthur gekommen sei, „und es war fast so etwas wie Liebe auf den ersten Blick“. Er habe sofort gewusst, dass er hier bleiben möchte. „Wir haben hier alles: Kultur, Natur und sehr guten ÖV“, schwärmt Heer im Gespräch mit Rathuus. Ursprünglich stammt der 47-Jährige, der viel mit dem Velo unterwegs ist, aus der Zentralschweiz.
Heute wohnt der Vater dreier Kinder in einem Haus der Genossenschaft für selbstverwaltetes Wohnen – kurz Gesewo – im Tössfeld, einem kleinen Quartier südwestlich des Winterthurer Hauptbahnhofs. „Wir sind Mietende, haben aber mehr Verantwortung. So sind wir zum Beispiel für den Unterhalt zuständig, müssen Geld für Reparaturarbeiten zurücklegen und uns miteinander absprechen“, erklärt der ausgebildete Fachmann Betreuung. Florian Heer hat viele Jahre bei der Brühlgut Stiftung mit Menschen mit Beeinträchtigungen gearbeitet. Zuletzt war er Geschäftsführer der Rudolf Steiner Schule Winterthur, er geht nun aber wieder seinem ursprünglichen Job als Fachmann Betreuung nach.
Der Winterthurer sitzt in der Kommission für Staat und Gemeinden, wildert aber durchaus in anderen Bereichen. „Ich bin kein Fachspezialist, sondern ein guter Allrounder“, erklärt Heer. Er könne sich schnell in ein Thema einlesen, sei gut im Argumentieren und habe Freude an Abwechslung. So hat er zusammen mit einer Mitte-links-Koalition in einer Motion den Regierungsrat aufgefordert, „die gesetzlichen Grundlagen für ein kantonales Verbot der bezahlten Unterschriftensammlung zu schaffen“. Hintergrund war eine weit beachtete Recherche des „Tages-Anzeigers“ gewesen.
Die Tageszeitung hatte vergangenes Jahr aufgedeckt, dass in der Schweiz Tausende Daten für Volksbegehren gefälscht worden sind – durch Unternehmen, die von politischen Komitees fürs Sammeln auf der Strasse bezahlt werden. Heer befürchtet darum, dass die Schweizer Stimmberechtigten über Initiativen und Referenden abgestimmt haben, die zu Unrecht zustande gekommen sind. „Das wäre demokratiepolitisch verheerend und zeigt, wie kommerzialisiert die ganze Sache geworden ist“, so Heer. Und er gibt zu bedenken: „Im Kanton Zürich kann man mit der kantonalen Initiative sogar Gesetzesänderungen bewirken.“ Auf Bundesebene sind mit Initiativen hingegen nur Verfassungsänderungen möglich.
Ganz dem Klischee eines Grünen-Politikers entsprechend ist Florian Heer fast immer mit dem Velo unterwegs und fährt mit dem Nachtzug in die Ferien. Bild: Pascal Turin
Sein neustes Postulat widmet sich dem Rassismus
Eine weitere Motion, die Schlagzeilen gemacht hat, war jene von 2021 zum Verbot von Konversionstherapien. Dabei handelt es sich um höchst umstrittene Methoden, mit denen bi- und homosexuelle Menschen umgepolt werden sollen. „Die Grundlage für diese Therapien liegt darin, dass das LGBTIQ-Sein in gewissen Gemeinschaften als ‚Krankheit‘ und ‚Symptom‘ angesehen wird“, heisst es in der Motion. Heer fordert darum mit seinen Mitstreitern aus AL, GLP, Grünen, Mitte und SP ein Verbot im Kanton Zürich.
Während der Erarbeitung des Vorstosses setzte sich der Grünen-Kantonsrat intensiv mit dem Thema auseinander und sprach mit Betroffenen. „Deren tragische Geschichten sind mir echt nahegegangen“, erinnert er sich. Er habe sich nicht vorstellen können, dass es so etwas in der Schweiz überhaupt noch gebe. In der Ratsdebatte im November 2023 berichtete er von einem Mann, der sich im religiösen Wahn und vor lauter Verzweiflung seine Genitalien verstümmelte, weil die Therapie nicht wirkte. Auch im Gespräch im Café Portier erzählt er davon. „Das ist so grauenvoll“, urteilt Heer.
Auch ich muss leer schlucken.
Die Krux des Allrounder-Daseins ist, dass Florian Heer heute nicht mehr in der Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit – kurz KJS – sitzt, welche die Gesetzesvorlage zum Verbot von Konversionstherapien im Kanton behandeln wird. „Ich habe in meiner Zeit im Kantonsrat bisher viermal die Kommission gewechselt. Der Nachteil ist, dass ich mich jetzt nicht in der KJS einbringen kann. Dafür bin ich sehr gut vernetzt“, so der Grünen-Politiker.
Florian Heer scheut sich nicht, die schwierigen Themen anzugehen. Ein Beispiel dafür ist auch sein kürzlich eingereichtes Postulat zu Rassismus in Gesundheitsinstitutionen. Dieses haben die Kantonsrätinnen Mandy Abou Shoak (SP), Gianna Berger (AL) und Kathrin Wydler (Die Mitte) mitunterzeichnet. „Viele Betroffene trauen sich nicht, Rassismus zu melden, haben Angst vor Vergeltung oder wissen nicht, an wen sie sich wenden sollen“, heisst es im Vorstoss. Der Regierungsrat soll darlegen, wie die Zürcher Gesundheitsinstitutionen mit Rassismus umgehen. Gefragt ist ein Bericht, der unter anderem die Meldeverfahren inklusive Monitoring und die Fortbildungen für Mitarbeitende umfasst.
„Als kleine Partei ist es nicht einfach, genügend Personen zu mobilisieren, die bei jedem Wetter Unterschriften sammeln wollen“, sagt Florian Heer.
Das Wattenmeer, natürlich mit dem Zug
Diese Ernsthaftigkeit, mit der Heer Politik betreibt, will auf den ersten Blick nicht ganz zu seiner sehr fröhlichen und umgänglichen Art passen. Der Politiker, vor seinem Kantonsratsmandat rund ein Jahr im Winterthurer Stadtparlament sass, wirkt sehr nahbar. Die Doppelfunktion als Vizepräsident der kantonalen Grünen und Co-Präsident der Winterthurer Grünen scheint ihn nicht zu belasten. Zumindest lässt er sich nichts davon anmerken. „Ich arbeite schon ziemlich viel, aber die Tätigkeiten lassen sich gut verbinden“, so der Naturfreund. Neben Beruf, Familie und Politik kümmert er sich um den Familienhund, einen Elo, und um seine Honigbienen oder spielt Basketball. „Wir haben auch einen Garten mit vielen Bäumen, die gepflegt werden müssen.“ Wenn er einen handwerklichen Beruf gelernt hätte, wäre es wohl etwas in Richtung Gärtner gewesen.
Ganz der Vorzeige-Grüne fährt Florian Heer mit dem Nachtzug in die Ferien. Sein Lieblingsferienziel ist dadurch logischerweise nicht New York, sondern Dänemark. „Der Herbst am Wattenmeer ist einfach mega schön“, schwärmt er.
Der Kantonsrat fragt nach der Uhrzeit. Er muss nochmals eine Stunde in den Sammel-Einsatz für die Solar-Initiative. „Als kleine Partei ist es nicht einfach, genügend Personen zu mobilisieren, die bei jedem Wetter Unterschriften sammeln wollen“, sagt der Politiker. Das sei Knochenarbeit. Darum brauche es jetzt einen Schlussspurt – auch von ihm. Er schwingt sich auf sein Velo und pedalt davon.
Obwohl KI viele Jobs bedroht, sind sie (noch) guter Laune (v. l.): Die Rathuus-Podcaster Pascal Turin und Lorenz Steinmann sprechen in der neusten Folge über das Thema künstliche Intelligenz. Bild: Stephanie Turin
Pascal Turin
Nach dem Smartphone jetzt die KI: Verlernen die Menschen das Denken? In der 18. Folge des Rathuus-Podcasts philosophieren Lorenz Steinmann und Pascal Turin über künstliche Intelligenz und das Vorstosspaket der SP im Kantonsrat zum Thema KI.
Manche chatten mit ChatGPT alias Chatty die ganze Nacht, sie vertrauen der künstlichen Intelligenz (KI) ihr gesamtes Leben an. Dabei ist die KI ziemlich sicher nicht unsere allerbeste Freundin, denn sie hat keine Gefühle. Sie kann Empathie und Emotionen nur simulieren, aber nicht empfinden. Die vielen KI-Tools, die unser Leben so viel einfacher und effizienter machen sollen, machen in erster Linie die Tech-Giganten noch reicher.
In der 18. Folge des Rathuus-Podcasts philosophieren Lorenz Steinmann und Pascal Turin über die Risiken von KI, lassen aber auch die Chancen nicht zu kurz kommen. Ausserdem reden sie über das Vorstosspaket der SP im Zürcher Kantonsrat zum Thema KI.
Eine positive Entwicklung ist das grosse Sprachmodell Apertus, welches von Forschenden aus der Schweiz entwickelt wurde und ebenfalls kurz Thema in der Folge ist. Apertus ist nicht für den persönlichen Gebrauch gedacht, wie etwa ChatGPT von OpenAI, sondern für IT-Fachleute, die das KI-Modell für eigene Anwendungen anpassen möchten. Wer trotzdem einige Funktionen ausprobieren will, kann dies auf der Website des gemeinnützigen Open-Source-Projekts Public AI Inference Utility tun.
Nach dem Hauptthema widmen sich Lorenz und Pascal weiteren Fragen der Stadtzürcher AL-Gemeinderätin Karen Hug. Lorenz darf zum Beispiel den Stadtrat seiner Träume zusammenstellen. So viel sei verraten: Nur eine Bisherige hat es in seine Stadtzürcher Wunsch-Exekutive geschafft.
Für Zürich scheint immer die Sonne (ausser bei Hochnebel): Politisch gesehen gibt es für viele Zürcherinnen und Zürcher wenig Anlass, plötzlich bürgerlich statt links zu wählen, findet Lorenz Steinmann. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Lorenz Steinmann
Die Bürgerlichen sind in Zürich angetreten, um bei den Stadtratswahlen 2026 endlich zu reüssieren. Doch vieles deutet darauf hin, dass der Grossangriff auf die Exekutive wahrscheinlich in einem Desaster enden wird. Ein Kommentar.
Karin wer? Ueli was? Përparim wie und Marita wo? Wenige Monate vor den Neuwahlen für den Stadtrat in Zürich kennt gefühlt niemand die neuen bürgerlichen Kandidatinnen und Kandidaten Karin Weyermann (Mitte), Ueli Bamert (SVP) sowie Përparim Avdili und Marita Verbali (beide FDP). Dabei soll laut den Bürgerlichen nächsten Spätwinter nichts weniger als die Wende zum Guten, zu den Werten der Bürgerlichen stattfinden. Konkret am 8. März 2026, wenn die Wahllokale für die Erneuerungswahlen von Gemeinderat sowie Stadtrat und Stadtpräsidium geschlossen werden. Das sind nach Adam Riese weniger als fünf Monate, wobei die Abstimmungscouverts erfahrungsgemäss sogar schon drei bis vier Wochen vorher beim Stimmvolk sind.
Die FDP witterte im Februar Morgenluft, als die höheren Politikerlöhne an der Urne versenkt wurden. FDP und SVP prognostizierten damals das bürgerliche Revival. Doch schon beim Streit um die teureren Parkkarten war es fertig mit Morgenluft, mit „Meh Blau“ und mehr SVP-Sünneli am Horizont. Die teureren Parkkarten wurden kürzlich vom Volk klar angenommen, ebenso kam das Laubbläserverbot durch.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Bürgerliche sind mut- und ideenlos
Bemerkenswert ist, wie die Bürgerlichen selbstkritisch betonten, man habe die Stimmung im Volk bei den erwähnten Abstimmungen wohl falsch eingeschätzt. Oder war das mehr Defätismus, also erste Zeichen von Aufgabe, bevor der Endspurt überhaupt begonnen hat?
Nicht eben mit Selbstvertrauen gesegnet, scheint auch Dominik Bürgy, der neue Strippenzieher des bürgerlich orientierten Forums Zürich. Es ist die Lobbyorganisation, welche der FDP, der SVP und der Mitte zu mehr Stimmen im Stadtrat verhelfen soll. „Die Linke ist homogen. Extrem homogen. Und indem sie homogen ist, hat sie viel Kraft“, sagte Bürgy vor wenigen Tagen gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“. Er betonte, dass es bei der dominierenden SP „vielleicht noch zwei, drei Vertreter der alten Garde“ gebe, welche die Abhängigkeit des Sozialstaats von der wirtschaftlichen Prosperität anerkenne. Insgesamt sei der Zug aber abgefahren.
„Die SP ist in den letzten Jahren markant nach links gerückt. Es ist erschreckend, wie wenig gewisse Vertreter dieser Parteien von grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen verstehen“, so Bürgy. Zuversicht tönt anders. Dabei kann man nun wirklich nicht behaupten, dass André Odermatt und Corine Mauch, die beiden abtretenden SP-Exekutivmitglieder, markant linke Politik betreiben.
Argumente holen Städterinnen und Städter nicht ab
Trotzdem stehen die bürgerlichen Stadtratskandidatinnen und -kandidaten in Zürich vor einem Scherbenhaufen. Denn ihre Argumente von tieferen Steuern, dem Senken des Ausgabenwachstums, dem Stoppen des Regulierungswahns und des ideologisch verursachten Verkehrschaos scheinen beim Stimmvolk nicht zu verfangen. Denn von den Steuereinnahmen profitiert die prächtig gedeihende Limmatstadt, tiefere Steuern spürt Otto Normalverbraucher nur marginal, die Regulierungswut trifft eher Firmen als Private und das Verkehrschaos auf der Strasse ärgert insbesondere die Pendlerinnen und Pendler. Also jene Leute etwa von der Goldküste, die eh nicht in der Stadt Zürich stimm- und wahlberechtigt sind.
Es scheinen auch eher Auswärtige, die so krude und verwirrende Kampagnen lancieren. Etwa jene mit einem besonders düsteren Bild der Langstrassen-Unterführung und folgender Aufschrift: „Rot-Grüne Sicherheitspolitik verunsichert. Zürich befreien.“
Ob dieses Plakat in der Stadt Zürich mit ihrer zufriedenen Bevölkerung ankommt? Absender ist das Komitee "Meh blau", hinter dem die FDP steht. Bild: zvg
Die Langstrasse als Horror-Ort, wo es nicht sicher ist? Die Statistik spricht definitiv eine andere Sprache, und auch das subjektive Empfinden vor Ort ist nicht alarmierend. Die „Verunsicherung“ scheint eher der Einschätzung eines Eigenheimbesitzers aus Weiach oder Stäfa zu entsprechen, der den Kreis 4 immer noch hauptsächlich mit Prostitution verbindet – aber nicht mit einem gentrifizierten Wohnquartier mit immer weniger Bars und Clubs.
Daher erstaunt es auch nicht, dass bei den Urnengängen Links-Grün grossmehrheitlich satte Mehrheiten erzielt, obwohl die Neuzugezogenen allermeistens sehr gut gebildet sind, einen gut bezahlten Job haben und damit nicht per se dem links-grünen Weltbild entsprechen. Aber sie wohnen hier und sehen wenig Grund, am Bestehenden etwas Grundsätzliches zu ändern. Vor allem nicht, wenn die FDP und Co. ein Schreckensszenario heraufbeschwören, das nicht der Realität entspricht.
Wenig hilfreich ist zudem, dass neben FDP-Gemeinderat Përparim Avdili auch SVP-Kantonsrat Ueli Bamert Stadtpräsident werden möchte. Es braucht kein Politologie-Studium, um erkennen zu können, dass sich das bürgerliche Lager so gegenseitig Stimmen wegnehmen wird.
Eigentlich wäre das Potenzial da
Dabei hätten die Bürgerlichen durchaus Chancen in Zürich. Mit Forderungen nach liberaleren Gastrogesetzen, vollständig digitalisierten Behördengängen und endlich besser koordinierten Tiefbauarbeiten könnte man punkten beim Stimmvolk. Oder sich für die Seniorinnen und Senioren einsetzen, indem man den unsäglichen Zufallsgenerator der Stadt für die Bewerbung bei städtischen Wohnungen abschaffen würde. Plus das Potenzial abholen bei den Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund.
Denn gerade die beiden FDP-Kandidatinnen und Kandidaten Përparim Avdili und Marita Verbali haben da gegenüber Links-Grün einen klaren Vorteil. Unvergessen, wie die SP-Delegierten ihre Kandidatin Mandy Abou Shoak bei der Ausmarchung fürs Stadtpräsidium ignoriert und zusätzlich abgestraft haben, indem Shoak nicht einmal aufs Stadtrats-Ticket der SP gesetzt worden ist. Stattdessen stehen jetzt unverdächtige, ja fast typisch schweizerische Personen wie Tobias Langenegger und Céline Widmer auf dem Ticket der Sozialdemokraten. Eigentlich eine ideale Gelegenheit für Avdili und Verbali, um sich mit dem Thema Migrationshintergrund zu profilieren.
Los also, FDP, SVP und Mitte! Noch bleiben über 270 Tage, um zu überzeugen. Durch beherzte Auftritte, volksnahe Kampagnen und das Versprechen, für Zürich einzustehen und nicht für die Agglo und den Kanton. Mit Goldküsten-Politik und Kampf um Tempo 50 auf der Bellerivestrasse gewinnt man in der Stadt Zürich im Jahr 2025 keinen Blumentopf.
Auf einen diversen Stadtrat 2026 mit Ecken und Kanten!
„Ich möchte etwas verändern, etwas verbessern und Kompromisse schmieden“, sagt Mitte-Kantonsrätin Kathrin Wydler (58), die in der Kommission für Bildung und Kultur sitzt. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Und auf einmal stand der Zürcher Kantonsrat national in den Schlagzeilen: Kathrin Wydler hat mit ihrem Frühfranzösisch-Vorstoss sogar den Bundesrat wachgerüttelt. Doch die Mitte-Politikerin aus Wallisellen möchte nicht nur darauf reduziert werden.
Es ist ein schöner Septemberabend, die Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher geniessen an diesem Montag die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Das Café du Bonheur am Bullingerplatz im Kreis 4 ist draussen bis fast auf den letzten Stuhl besetzt. Drinnen sind dafür noch fast alle Tische leer. Kathrin Wydler nimmt Platz und bestellt einen Cappuccino.
Die Mitte-Kantonsrätin hat gerade eine Doppelsitzung hinter sich. Das heisst, der Kantonsrat tagte nicht nur wie sonst am Vormittag, sondern auch am Nachmittag, um die hohe Anzahl Geschäfte abzuarbeiten. Danach ist die Luft bei den meisten Politikerinnen und Politikern etwas draussen, wie wohl für viele Leute nach einem Sitzungsmarathon. Wydler nimmt sich trotzdem Zeit für ein Gespräch mit Rathuus. Den Termin hatten wir vereinbart, als wir uns für ein Interview im „Anzeiger von Wallisellen“ trafen. Das Thema: Wydlers Frühfranzösisch-Vorstoss.
Das Treffen mit uns steht darum unter einer klaren Devise: Frühfranzösisch nur in homöopathischen Dosen. „Ich möchte nicht nur darauf reduziert werden, weil ich auch gern über andere Themen rede“, sagt die 58-Jährige augenzwinkernd.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Denn die Motion ist sinnbildlich für die zum Teil unbefriedigende Arbeit von Parlamentarierinnen und Parlamentariern: Während viele wichtige Themen kaum je Beachtung finden, schaffen es andere in die Schlagzeilen und sorgen über die Kantonsgrenzen hinaus für Debatten. Kathrin Wydlers Vorstoss war sogar in Bundesbern eine Zeit lang praktisch Thema Nummer eins.
In ein Wespennest gestochen
Ganz kurz zusammengefasst will das Kantonsparlament Frühfranzösisch abschaffen. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich zukünftig erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden (wir berichteten). Hinter der Motion standen neben der Wallisellerin auch der Pfäffiker Hanspeter Hugentobler (EVP), die Mettmenstetterin Ursula Junker (SVP) und die Rümlangerin Nadia Koch (GLP).
Doch ob es überhaupt zur Abschaffung des Frühfranzösisch kommt, steht in den Sternen. Seit dem Kantonsratsentscheid überschlagen sich die Ereignisse. In Westschweizer Parlamenten kam es zu Unmutsbekundungen, im Nationalrat brach der Aktivismus aus und der Bundesrat zeigte sich ebenfalls gar nicht erfreut. „Politisch verstehe ich, dass man in Bern ein Zeichen setzen will. Aber dieser Vorstoss hat sowohl eine pädagogische als auch eine politische Dimension“, sagte sie im Interview mit dem „Anzeiger von Wallisellen“. Sie habe klar die pädagogische Komponente höher gewichtet – „weil mir das Bildungsniveau und das Wohl der Kinder wichtiger sind“. Zuerst sollen alle Kinder gut Deutsch können, bevor sie weitere Sprachen lernen.
Rückblickend betrachtet hat die Wallisellerin in ein Wespennest gestochen. „Vermutlich war das Frühfranzösisch schon mein bisher grösster politischer Erfolg.“ Obwohl es andere Vorstösse gegeben habe, die aus ihrer Sicht genauso wichtig gewesen seien. Sie erwähnt als Beispiele ihre Motion zur speditiven Abwicklung von Stipendiengesuchen, die Anfang 2023 diskussionslos an den Regierungsrat überwiesen worden ist, und das Postulat „Digitalisierung Mittel- und Berufsfachschulen“ von 2019. Dieses forderte die Regierung auf, darzulegen, mit welchen Massnahmen und Mitteln der digitale Wandel an den kantonalen Mittel- und Berufsfachschulen sichergestellt und gefördert werden kann.
„Ich habe ein wenig mit dem ‚C‘ gekämpft, als ich damals für eine Kandidatur angefragt worden bin“, erinnert sich Kathrin Wydler.
Lösungen finden und Kompromisse schmieden
Wydler, die in Wallisellen aufgewachsen ist, sitzt in der Kommission für Bildung und Kultur. „Ich möchte etwas verändern, etwas verbessern und Kompromisse schmieden“, sagt sie. Seit 2014 ist sie Mitglied der Schulpflege Wallisellen und seit 2018 für die Mitte im Kantonsrat. Eingetreten war Wydler also in die Partei, als sie noch CVP, Christlichdemokratische Volkspartei, hiess. Erst 2021 entstand die Mitte aus der Fusion der CVP und der Bürgerlich-Demokratischen Partei – kurz BDP.
„Ich habe ein wenig mit dem ‚C‘ gekämpft, als ich damals für eine Kandidatur angefragt worden bin“, erinnert sich Wydler. Sie sei zwar katholisch getauft, würde sich aber als Agnostikerin bezeichnen. Also als jemand, der nicht mit hundertprozentiger rationaler Sicherheit eine göttliche Existenz erklären kann. Aber mit den christlichen Werten könne sie sich trotzdem identifizieren. „Die Mitte ist eine klar bürgerliche Partei“, sagt sie. Einer ihrer Grossväter war einst Kantonsrat der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei gewesen – einer Vorgängerpartei der SVP.
Bei den Erneuerungswahlen in Wallisellen im nächsten Jahr wird Wydler nicht mehr für die Schulpflege antreten. „Elf Jahre sind genug und meine Rolle hat sich sehr verändert. Bei meinem Eintritt gab es in Wallisellen eine eigenständige Schulgemeinde“, erklärt die Politikerin. Am 1. Juli 2022 wurde jedoch die Schulgemeinde und die Politische Gemeinde zu einer sogenannten Einheitsgemeinde fusioniert. Die Schulpräsidentin oder der Schulpräsident ist seither automatisch Mitglied des Stadtrats. Dafür haben die Schulpflegerinnen und Schulpfleger an Handlungsspielraum verloren, da der Stadtrat häufig die strategischen Entscheidungen trifft.
Trotzdem wird sich Wydler als Präsidentin der Mitte Wallisellen im Lokalwahlkampf engagieren. „Bei den Kommunalwahlen wird man schon eine erste Tendenz sehen, wie die Wählerinnen und Wähler ticken“, glaubt die Politikerin im Hinblick auf die Kantonsratswahlen 2027. Aus ihrer Sicht rücken Klimathemen in den Hintergrund und wirtschaftliche Themen werden aktueller. „Die Wirtschaftslage in der Schweiz und auf der ganzen Welt wird uns ziemlich sicher beschäftigen.“
Kathrin Wydler ist ein grosser Kinofan. Sie war an der Eröffnungsnacht des Zurich Film Festival und hat die US-Komödie Splitsville mit Dakota Johnson geschaut. Bild: Pascal Turin
Sie ist ein grosser Kino-Fan
Wydler ist in Wallisellen aufgewachsen. Nach dem Gymnasium und dem Chemiestudium verbrachte sie zwei Jahre beruflich in den USA. Danach führte ihr Weg zurück in die Nachbargemeinde von Zürich. Sie arbeitete seither unter anderem beim Wassertechnik-Spezialisten Kreutzinger & Stahel AG sowie beim Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie.
Um den Kopf frei zu kriegen, verbringt die Kantonsrätin gern Zeit im Garten ihres Einfamilienhauses. „Jedes Mal, wenn ich im Garten bin, sehe ich etwas, was getan werden muss“, sagt sie scherzend. „Gartenarbeit ist für mich wirklich pure Erholung.“ Ausserdem geht sie gern mit ihrem Hund spazieren, einem dreijährigen English Springer Spaniel. „Wir hatten immer Hunde und sie tun einer Familie gut“, findet die Mutter dreier Kinder, von denen das Jüngste gerade auf Lehrstellensuche ist.
Auf die Frage „Wenn Sie Königin von Zürich wären, was würden Sie als erstes zu Gunsten des Standorts Zürich entscheiden?“ im Newsletter Politpuls der Zürcher Handelskammer antwortete sie diplomatisch: „Königin von Zürich möchte ich nicht sein, aber als Bildungspolitikerin ist mir ein starkes Bildungssystem wichtig, das Wert auf den Lern- und Laufbahnerfolg der Lernenden und die Bedürfnisse der Wirtschaft legt.“
Wydler ist ein grosser Kinofan. Sie war deshalb an der Eröffnungsnacht des Zurich Film Festival (ZFF) und hat die US-Komödie Splitsville mit Dakota Johnson geschaut. „Das ZFF ist mehr als Kino – es ist ein Schaufenster für Kreativität, Innovation und Standortstärke. Zürich zeigt, wie Kultur und Wirtschaft gemeinsam Strahlkraft entwickeln“, schrieb sie dazu in einem Beitrag auf dem Business-Netzwerk Linkedin und postete fotografische Eindrücke des Abends.
„Filme und Kino finde ich wirklich toll“, sagt sie. Das Opernhaus werde immer als kultureller Leuchtturm angesehen, doch sie halte die Filmkultur für genauso wichtig. Ob ausländischer Arthouse-Film oder typischer Hollywood-Thriller – sie möchte die unterschiedlichen Genres ganz Mitte-Politikerin nicht gegeneinander ausspielen. Ihre Lieblingsschauspielerin ist übrigens Susan Sarandon.
Wenn Kathrin Wydler über Filme spricht, tut sie das mit derselben Leidenschaft wie über Politik. Im Café du Bonheur haben sich mittlerweile drinnen viele Plätze gefüllt und die Sonne ist schon fast hinter den Dächern verschwunden. Frühfranzösisch haben wir zwar nicht ausklammern können – doch auch andere Themen kamen nicht zu kurz.
Beizen wie diese in der Zürcher Altstadt leiden unter der Bauerei, vor allem von Montag bis Freitag. Sie würden wohl nichts dagegen haben, wenn es Entschädigungen für Ertragsausfälle geben würde. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Genf zückt das Portemonnaie: Das Stadtparlament hat einen Kredit gesprochen und zahlt Firmen die Miete, wenn sie unter Baustellen der öffentlichen Hand leiden. Die Rohnestadt handelt also, während Zürichs Stadtrat lieber bis vor Bundesgericht gegen die Hilfe für KMUs vorgeht.
Die Rue de Carouge in Genf ist ein Stadtzentrum, wie es etwa die Zürcher Altstadt ist. Im März 2025 sind in Genf Bagger aufgefahren, um Tiefbauarbeiten auszuführen und später eine Fussgängerzone einzurichten. Dauer der Baustelle: Bis voraussichtlich August 2027. Also satte zwei Jahre und ähnlich lange, wie ebenfalls im Zürcher Niederdorf gebaut wird. Gleich ist auch, dass die Zeit bis dahin für viele Gewerbe- und Handelsbetriebe mit Publikumsverkehr nur sehr schwer zu überstehen ist. Grund: Die riesigen Baustellen führen zu massiven Umsatzeinbussen.
Doch während Zürichs Stadtregierung bei Entschädigungswünschen nicht mit sich reden lässt und Anliegen aus dem Gewerbe abschmettert oder Klagen bis vor Bundesgericht zieht, kommt in Genf erstmals ein Entscheid des städtischen Parlaments zum Tragen. Aktuell bietet die Stadt Genf den Ladenbesitzern finanzielle Unterstützung an, indem sie für ein halbes Jahr die Miete übernimmt. Eingerichtet wurde ein schneller und pauschaler Entschädigungsmechanismus für die betroffenen Geschäfte, wie einem Artikel des Wirteverbands Basel-Stadt zu entnehmen ist.
Die Entschädigung werde 115,5 Prozent der jährlichen Nettomiete betragen, anteilig berechnet für einen Zeitraum von 161 Tagen (vom 28. Juni bis 5. Dezember 2025). Wenn das Geschäft zusätzlich zu einem Eingang auf dem Baustellengelände über einen zweiten Eingang an einer anderen Strasse verfügt, gilt eine Obergrenze von 60’000 Franken.
Entschädigungsberechtigt sind laut der Stadt Genf im Handelsregister eingetragene Geschäfte, die über mindestens einen Kundeneingang innerhalb des festgelegten Bereichs sowie über einen Gewerbemietvertrag verfügen. In begründeten Fällen sieht das Reglement der Stadt die Möglichkeit vor, von den Förderkriterien abzuweichen. Total sind für diese Entschädigungen 3,3 Millionen Franken vorgesehen.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
In Zürich hingegen ist Gleiches noch in weiter Ferne. Zwar soll die Stadt Zürich baustellenbedingte Entschädigungen an Betriebe prüfen. Das Stadtzürcher Parlament hat im August einen Vorstoss der beiden FDP-Gemeinderäte Emanuel Tschannen und Sebastian Vogel mit klarer Mehrheit überwiesen. Das Ziel: Die Stadt solle 50 Prozent der Umsatzeinbussen übernehmen, wenn sie die Baustellen verantwortet.
Doch weil der Stadtrat nun zwei Jahre Zeit hat, das Ergebnis seiner Prüfung zur Idee vorzulegen, ist nicht so rasch mit einer „Genfer Lösung“ für Zürich zu rechnen. Dazu kommt, dass die Bereitschaft für ein Entgegenkommen klein scheint. Denn bisher wehrte sich der Stadtrat mit Händen und Füssen gegen solche Wünsche. So sagte SP-Stadträtin Simone Brander im August vor dem Parlament, Baustellen seien nötig, um die Infrastruktur zu erneuern und Schäden zu verhindern. „Alle paar Jahrzehnte trifft es einen eben. Dann muss man durchbeissen“, so die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements und schob nach, das sei halt ein unternehmerisches Risiko.
Support vom Bundesgericht
Warum agiert der Stadtrat so defensiv? Ist es die fehlende eigene unternehmerische Erfahrung, die Angst vor einer Kostenflut oder gar das Wissen, dass Gerichte sowieso nicht so schnell Schadenersatz sprechen? Die Stadt zog kürzlich eine Klage von Ellen und Reto Hausammann bis vor Bundesgericht weiter. Die beiden betreiben sieben Bäckereien in Zürich und Umgebung. Wegen einer mehrmonatigen Baustelle vor dem Laden an der Universitätsstrasse 88 verloren sie aber viel Geld. Doch ihr Argument, die Bauarbeiten hätten die wirtschaftliche Existenz akut gefährdet, zog nicht.
Die Lausanner Richter kamen im Juni 2025 zu einem anderen Schluss. Zwar anerkannten sie, dass Baustellen massive Auswirkungen haben können. Für eine Entschädigung müsse die Beeinträchtigung jedoch mindestens ein halbes Jahr lang andauern, zitierte der „Blick“ aus dem Urteil. Im Fall der Bäckerei habe die starke Einschränkung aber nur rund drei Monate gedauert – zu wenig für eine Entschädigungspflicht der Stadt. Aber: Die Dauer schien in Lausanne bei den Bundesrichtern der Knackpunkt, nicht das Anliegen generell.
Das nicht sehr rumreiche Beispiel vom „Oski-Beck“
Doch trotz langer Bauzeit kannte die Stadt auch bei Fatmir Guci (58) keine Gnade. Er führt mit seiner Frau an der Badenerstrasse die Bäckerei „Oski-Beck“. Die Stadt Zürich erneuerte Werkleitungen und die Kanalisation. Die Tramlinie 2 war ein Jahr ausser Betrieb, die Strasse nur zeitweise befahrbar. Die Bagger zogen erst nach zwei Jahren Bauzeit wieder ab. Trotzdem weigerte sich die Stadt, den geplagten Bäcker auch nur ansatzweise zu entschädigen – Rathuus berichtete ausführlich darüber.
Immerhin: Jetzt muss in den Amtsstuben gebrütet und dem Gemeinderat eine Entschädigungslösung für betroffene Gewerblerinnen und Gewerbler präsentiert werden. Bis eine „Genfer Lösung“ umgesetzt wird, dauert es aber definitiv noch lange.
Schon wieder weg: Dieser Kreisel am Birchplatz im Stadtzürcher Quartier Oerlikon – inklusive Velofahrtipps – war nicht lange in Betrieb. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
In der Schweiz gibt es gut 3500 Strassenkreisel. Aber wohl nur einer wurde so schnell auf- und wieder abgebaut wie jener am Zürcher Birchplatz. Das Tiefbauamt schlampte bei der Geometrie, nahm Unfälle in Kauf und vergass beim Rückbau prompt einen Teil der Velomarkierungen. Eine Polemik.
In Oerlikon hat es eine Strassenkreuzung, die schon seit Jahren im Fokus der Stadtzürcher Planer steht. Die Kreuzung Regensberg- und Birchstrasse. Ein privates Planungsbüro erstellte im Auftrag der Stadt eine Studie, wie hier ein Kreisel für eine bessere Verkehrsführung ohne Ampelanlage sorgen könnte. Das Resultat: ein vierarmiger Kreisel! Und so erfolgte am 27. November 2024 eine öffentliche Mitteilung, dass hier eine „temporäre Verkehrsvorschrift“ eingeführt werde. Und zwar der Kreisverkehr am Birchplatz, geltend von November 2024 bis Ende Dezember 2030.
Der erstellte Kreisel wirkte dann aber von Anfang an ziemlich lieblos. In der Mitte ein kreisrunder Zaun, abgedeckt mit einer weissen Blache. Kein Schmuck, keine Kunst am Bau, keine der vielen Plastiken im Kreiselzentrum, welche die Stadt in ihren Lagern herumstehen hat. „Und der soll so bleiben bis 2030?“, fragte man sich.
Laut Onlineportal Blue News eine „irre Geschichte“
Tatsächlich erfolgte der Rückbau viel früher als in Aussicht gestellt – quasi in einer Nacht- und Nebelaktion und schon vor wenigen Wochen. Daraufhin hagelte es Kritik im Quartier und das „Tagblatt der Stadt Zürich“ sowie das Onlineportal Blue News berichteten darüber. „Kaum gebaut, schon abgerissen – die irre Geschichte des Birchplatz-Kreisels“, war der Tenor.
Dabei fiel auf, dass die Stadt eigentlich nur die halbe Wahrheit herausrückte.
„Der Kreisel am Birchplatz wurde bewusst als temporäre Lösung erstellt, um den Umleitungsverkehr wegen der Baustelle Binzmühlestrasse abwickeln zu können. Der Kreisel entsprach nicht der Norm für einen sicheren Kreisverkehr. Dazu müsste die Geometrie der Kreuzung in einem Strassenbauprojekt angepasst werden“, hiess es auch auf Anfrage von Rathuus seitens der Stadt.
Nicht der Norm entsprechend? Wer baut denn so etwas? Solche Fragen kommen auf, weil man es sich vom Staat eigentlich gewohnt ist, dass er sich an die Vorgaben hält.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Erst auf Nachfrage räumte die Stadt ein, dass man einen definitiven Kreisel vorgesehen habe. Doch im Rahmen der Budgetberatung für das Jahr 2023 habe der Gemeinderat entschieden, vorläufig auf die Umsetzung eines definitiven Kreisels zu verzichten. Schleierhaft blieb vorerst, warum überhaupt die Stadt zuerst und öffentlich einen Kreiselverkehr bis 2030 kommuniziert hatte.
Zusätzlich rückte die Stadt mit weiteren Einzelheiten heraus. „Ursprünglich war geplant, den temporären Kreisel bis zum Bau des Tram Affoltern bestehen zu lassen. Der Baubeginn des Tram Affoltern ist für 2028 vorgesehen, die Inbetriebnahme frühestens 2031“, so das Tiefbauamt. Eine temporäre Lösung über einen so langen Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten, sei aber nicht gerechtfertigt. Zudem hätten sich zwischen der Inbetriebnahme des Kreisels im November 2024 bis zum Rückbau sechs Unfälle, fünf davon mit Velofahrerinnen und Velofahrern, ereignet.
Der Birchplatz in Oerlikon, wie er sich aktuell präsentiert. Velosignalisationen am Boden wurden schlichtweg vergessen. Bild: Lorenz Steinmann
Der Kreisel als Unfallhotspot also. Warum baut die Stadt überhaupt einen Kreisel, dessen Geometrie nicht stimmt? Ist das schon ein Fall für den Unfallrichter?
Tatsächlich liegt in der Schweiz und auch im Kanton Zürich die Variante mit Lichtsignalen weit vor jener mit Rechtsverkehr und Vortrittsrecht auf dem Kreisel. Dabei bieten Kreisel einige Vorteile. Sie sind „verkehrsdemokratisch“, und meist geht es schneller voran. Zudem fällt die teure Lichtsignaltechnik weg.
Aus Sicht des Veloverkehrs hingegen sind Kreisel auch mit korrekter Geometrie überaus gefährlich. Hier passieren statistisch gesehen fast am meisten Unfälle. Aktuell läuft deswegen in Zürich eine Präventionskampagne. Das Ziel: alle Verkehrsteilnehmer darüber informieren, dass Velofahrer einspuren und dann in der Mitte der Kreiselfahrbahn pedalen sollen. Dass dazu einiges an Mut nötig ist, versteht sich von selbst.
Plakat ging auch noch vergessen
Entsprechende Plakate waren auch am zum Kreisel umgebauten Birchplatz angebracht. Eines stand dann noch Wochen herum, obwohl längst wieder Ampelverkehr galt. Waren die zuständigen Angestellten immer noch am Überstundenabbau nach der Rad-WM im September 2024? Schon damals wurde Kritik laut, dass Parkverbotschilder wochenlang über Termin herumstanden in der City.
Und irgendwie typisch ist, dass beim Rückbau auf der Regensbergstrasse nicht einmal sogenannte Velosäcke für Velofahrende markiert wurden. Also eine ausgesparte Fläche vor dem Stoppbalken für die Autos, auf der Velofahrende relativ sicher auf die Grünphase warten können. Darauf angesprochen heisst es von der Stadt: „Aktuell prüft die Dienstabteilung Verkehr weitere Massnahmen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Danach werden die Markierungen wieder angebracht.“
Dass die Velofahrerinnen und Velofahrer einmal mehr einfach vergessen gingen, spricht Bände. Etwas, was nicht von zeitgemässem, ganzheitlichem Denken in den zuständigen Departementen von SP-Stadträtin Simone Brander und Grünen-Stadträtin Karin Rykart zeugt. Brander ist Chefin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, Rykart Sicherheitsvorsteherin.
Frei nach der deutschen Pop- und Hip-Hop-Band Deichkind: Leider nicht geil.
Die Sozialdemokratie hat die künstliche Intelligenz für sich entdeckt. Die SP-Fraktion des Kantonsrats hat kürzlich ein Vorstosspaket zum Einsatz von KI eingereicht. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI
Pascal Turin
Ob im Krieg, in der Medizin oder in der Verwaltung: Die künstliche Intelligenz ist überall. Auch im Kantonsrat haben sich die Parteien dem Thema angenommen – allen voran die SP. Eine Analyse.
Die Aufregung rund um KI oder AI – kurz für Artificial Intelligence – ist hierzulande gross. Das zeigt exemplarisch das Zurich AI Festival, welches vom 29. September bis 4. Oktober stattfand. „Das Zurich AI Festival vereint die Köpfe, die die Zukunft gestalten – visionäre Gründerinnen und Gründer, mutige Investorinnen und Investoren sowie Technologie-Führungskräfte, die die Zukunft prägen“, heisst es auf der Website des Events. Organisiert hatte die Veranstaltung das ETH AI Center zusammen mit dem Marketing-Verbund Greater Zurich Area sowie dem Kanton und der Vermarktungsorganisation Zürich Tourismus. Das ETH AI Center will Forschende aus allen Fachbereichen zusammenbringen, die sich mit den Grundlagen, Anwendungen und Auswirkungen der KI befassen.
Eine Frucht der Forschungsbemühungen ist die ChatGPT-Alternative Apertus – ein Gemeinschaftsprojekt der ETH Zürich, der École Polytechnique Fédérale de Lausanne und des Hochleistungsrechenzentrums Swiss National Supercomputing Centre in Lugano. „Der gesamte Entwicklungsprozess, einschliesslich Architektur, Modellgewichten sowie Trainingsdaten und -methoden, ist frei zugänglich und umfassend dokumentiert“, schreibt die ETH in einer Mitteilung.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
„Klar scheint, dass die KI auf dem Arbeitsmarkt Opfer fordern wird. Und dass es vor allem jene treffen wird, die wenig Bildung mitbringen oder sich nicht ändern können oder wollen“, schreibt der „Spiegel“.
„Der Spiegel“ titelte: „Killt KI meinen Job?“
Doch zurück zum Zurich AI Festival: Dort gab es durchaus kritische Töne zu hören, insbesondere an der Fachtagung AI+X Summit 2025 in der Eventlocation Stage-One in Oerlikon. Dieser Anlass der ETH, der Universität Zürich und der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften findet seit 2021 statt. „Zürich diskutierte am Summit jedoch nicht über den Hype rund um KI, sondern über konkrete Hausaufgaben wie die Frage, wie wir KI-Systeme bauen, die in Verwaltungen, Unternehmen und humanitären Einsätzen funktionieren – ohne Daten abgleiten zu lassen“, so das Fachmagazin Netzwoche. Die Schweiz habe sich dabei klar als Brückenbauerin zwischen Technik und Governance positioniert, so die „Netzwoche“. „Daten abgleiten lassen“ bedeutet, dass die Daten unbeabsichtigt oder unrechtmässig in falsche Hände geraten.
Sicher ist: Die KI wird unsere Arbeitswelt verändern. Ob zum Guten oder zum Schlechten wird sich wahrscheinlich schneller weisen, als einem lieb sein kann. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ titelte vergangene Woche verkaufsfördernd „Killt die KI meinen Job?“ und schürte damit sicher bei vielen Leserinnen sowie Lesern die Angst vor der künstlichen Intelligenz. Doch welche Jobs wird es genau treffen? Und müssen wir uns bereits heute bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum anmelden? Eine definitive Antwort hatte natürlich auch der „Spiegel“ nicht. Nur so viel: „Klar scheint, dass die KI auf dem Arbeitsmarkt Opfer fordern wird. Und dass es vor allem jene treffen wird, die wenig Bildung mitbringen oder sich nicht ändern können oder wollen“, schreibt der „Spiegel“.
Im Gegensatz zur Industrialisierung, die vielen repetitiven Aufgaben den Garaus machte, sind heute auch anspruchsvolle Berufszweige gefährdet – darunter vor allem Einstiegsjobs in diversen Branchen. Überspitzt gesagt: Wer braucht noch ein Grafikbüro, wenn man Bilder und Logos durch den Computer generieren lassen kann? Selbst Juristinnen, Psychologen, Schriftstellerinnen und Mitarbeiter im Kundenservice geraten unter Druck.
Nicht nur auf Gegenliebe in der Verwaltung stossen dürfte vermutlich die Anfrage mit dem provokanten Titel „Wo klemmt’s beim AFI?“, eingereicht von den SP-Kantonsrätinnen Yuste und Jüttner.
SP reicht Vorstoss um Vorstoss ein
Auch die Politik hat die KI und ihr Potenzial schon diverse Male beschäftigt. Erst am 29. September reichte die SP-Kantonsratsfraktion ein ganzes Paket an Vorstössen ein. Ziel des Pakets ist es laut Medienmitteilung der SP, dass der Kanton für Transparenz, demokratische Kontrolle und Fairness sorgt und gleichzeitig die Chancen der neuen Technologien nutzt. Künstliche Intelligenz verändere die Verwaltung, Bildung und Gesellschaft rasant, so die Stadtzürcher SP-Kantonsrätin Nicola Yuste im Communiqué. „Damit diese Technologien im Kanton Zürich im Sinne der Menschen eingesetzt werden, braucht es klare Regeln, Transparenz und demokratische Kontrolle. Mit unseren Vorstössen schaffen wir auf kantonaler Ebene die nötige Grundlage, um die Chancen von KI zu nutzen, aber gleichzeitig die Risiken zu minimieren und das Vertrauen der Bevölkerung zu stärken“, lässt sich Yuste in der Mitteilung zitieren.
Von der Barrierefreiheit durch KI in kantonalen Dienstleistungen über KI bei der Personalsuche bis zu sicheren KI-Tools für Schulen ist im Vorstosspaket fast alles dabei. Obwohl einige Vorstösse zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien eingereicht worden sind, sind SP-Politikerinnen oder SP-Politiker jeweils die Erstunterzeichnenden.
Nicht nur auf Gegenliebe in der Verwaltung stossen dürfte vermutlich die Anfrage mit dem provokanten Titel „Wo klemmt’s beim AFI?“, eingereicht von den SP-Kantonsrätinnen Yuste und Sibylle Jüttner. AFI ist die Abkürzung für das Amt für Informatik. Die Politikerinnen wollen unter anderem wissen, wie der Regierungsrat durch eine klare Roadmap gewährleistet, „dass KI-Anwendungen, die zu Einsparungen von Personalressourcen oder zu Verbesserungen der Dienstleistungen für Unternehmen und Menschen führen, vom AFI prioritär und zügig in Betrieb genommen werden“.
Die Sozialdemokraten haben das Thema KI im Jahr 2025 vorläufig zu ihrem gemacht. Das zeigt im Prinzip, dass sich die SP nach wie vor für die Arbeiterschaft einsetzt, einfach in den mittelständischen Sparten wie Verwaltung und Dienstleistungen.
14 von 15 Vorstössen mit Beteiligung der SP
Sucht man auf der Website des Kantonsparlaments bei den Geschäften nach dem Stichwort „KI“, findet man bis Ende September 2025 für das aktuelle Jahr 15 Anfragen, Motionen oder Postulate. Auffällig ist, dass davon 14 unter Federführung oder zumindest mit Beteiligung der Sozialdemokraten eingereicht worden sind. Zum Vergleich: Die FDP, deren Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh den Kanton zu einem wichtigen KI-Standort machen will, war gerade mal an drei Vorstössen beteiligt. Die SVP zeigt mit zwei Vorstössen ebenfalls kein überbordendes Interesse an der disruptiven, also durchaus zerstörenden Technologie und selbst die technologieaffine GLP kommt nur auf vier. Dafür scheinen die Grünen und die Mitte mit je fünf Vorstössen ein wenig mehr Gefallen am Thema gefunden zu haben. Die AL war an vier Vorstössen beteiligt, die EVP kommt auf deren drei.
Die Sozialdemokraten haben das Thema künstliche Intelligenz im Jahr 2025 auf Kantonsebene vorläufig zu ihrem gemacht. Die SP setzt sich also nach wie vor für die Arbeiterschaft ein – statt für die Fabrikarbeiterin nun einfach für Angestellte in den mittelständischen Sparten wie Verwaltung und Dienstleistungen. Nun dürfte spannend sein, ob die anderen Parteien – allen voran die wirtschaftsnahe FDP – nachziehen. Gerade bei den ökologischen Fragen rund um die KI könnten Grüne und Grünliberale ihr Profil schärfen. Stoff für politische Kreativität gäbe es genug.
Während des Zurich AI Festivals fand übrigens eine besondere Vernissage statt. Noch bis zum 29. Oktober präsentiert die amerikanische Künstlerin Lauren Lee McCarthy auf dem Münsterhof in Zürich eine Installation mit einem automatisierten Postauto. „Die Arbeit kombiniert Performance, Video, Software, Installation und KI“, schreibt die Fachstelle Kunst im öffentlichen Raum auf ihrer Website. Dabei nutze Lauren Lee McCarthy Technologie nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Mittel zur Reflexion: Was bedeute es, heute Mensch zu sein – in einer Welt, die zunehmend von Algorithmen geprägt sei?
Hier auf der seit 2008 leeren Hardturmbrache im Stadtzürcher Kreis 5 sollen dereinst ein Fussballstadion und Wohnbauten gebaut werden. Archivbild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die Stadt Zürich wartet seit dem Abbruch des Hardturm-Stadions im Jahr 2008 auf ein neues Fussballstadion. Jetzt urteilte das Zürcher Verwaltungsgericht zugunsten des Projekts „Ensemble“. Rathuus blickt zurück auf die Stadionprojekte im Kreis 5.
Die Stadionpromotoren um die beiden Fussballklubs FC Zürich und GC Zürich, die Baufirma HRS, die Allgemeine Baugenossenschaft Zürich (ABZ), die Stadionzüri AG und die Vorsorgestiftungen der UBS können aufatmen. Zumindest vorerst. Sie haben einen Etappensieg errungen beim Ziel, die Hardturmbrache zu überbauen. Denn das Zürcher Verwaltungsgericht wies die Beschwerde gegen den privaten Gestaltungsplan vollumfänglich ab, wie das Projektteam heute Nachmittag mitteilte. Es stützte damit den vor rund zwei Jahren gefällten Entscheid des Baurekursgerichts in der Sache. Der Entscheid des Verwaltungsgerichts ist noch nicht rechtskräftig.
Das Projekt beinhaltet den Bau eines neuen Fussballstadions zusammen mit hunderten von Wohnungen und mehreren Gewerbegebäuden auf dem Hardturm-Areal in der Stadt Zürich. Die Beschwerdeführer können den Gestaltungsplan noch vor Bundesgericht ziehen – die Frist läuft bis Anfang November.
Wie es sich für ein in die Tiefe gehendes Politmagazin gehört, haben wir für alle Interessierten die Fakten rund um die dornenreiche Geschichte des (ehemaligen) Hardturm-Stadions und der diversen Projekte zusammengetragen. Fussball olé!
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Unbestreitbar ist, dass Zürich seit 2008 kein reines Fussballstadion mehr hat. Der Letzigrund mit seiner Leichtathletikbahn rund ums Fussballfeld ist seither Heimstadion des FCZ wie auch von GC. Abgebrochen wurde das traditionsreiche Fussballstadion schon im Dezember 2008. Dabei wäre der Hardturm eigentlich als EM-Stadion für die EM 2008 vorgesehen gewesen. Wegen Einsprachen klappte die Realisierung aber nicht.
Der Letzigrund als EM-Alternative
Wegen der Verzögerungen aus juristischen Gründen beim Neubau des Hardturms wurde der Letzigrund mit Baujahr 1925 und grosser Erweiterung 1958 im Jahre 2005 abgebrochen und von Grund auf neu gebaut. An der Volksabstimmung vom 5. Juni 2005 wurden der Baukredit über 110 Millionen Franken und der Fussball-Europameisterschafts-Kredit über 11,3 Millionen Franken klar angenommen. Am 30. August 2007 erfolgte die offizielle Einweihung des Neubaus. Und dann gab es einen durchaus glanzvollen Auftritt an der EM 2008.
Es gab auch schon ein Nein an der Urne
Doch zurück zum Hardturm. Bis heute hat das Stimmvolk viermal über ein neues Stadionprojekt abgestimmt. Dreimal sagte es Ja, einmal Nein. In Erinnerung sind natürlich die beiden Ja der Stadtzürcher Stimmbevölkerung 2018 und 2020, als man sich für das „Ensemble“-Projekt ausgesprochen hatte.
2003 gab die Stadion-Betreiberin Stadion Zürich AG, eine Tochtergesellschaft der Credit Suisse, bekannt, dass sie ihr Stadion im Hardturm durch das aus dem durchgeführten Wettbewerb hervorgegangene Projekt ersetzen wolle. Dieses sah für den Neubau mit 30’700 Sitzplätzen eine Mantelnutzung vor, die eine Shopping-Mall mit Gastronomie, ein Konferenzhotel, einen Bereich mit Fitness- und Gesundheitsangeboten sowie ein Bürohochhaus umfassen würde. Der städtische Kredit von 48 Millionen Franken für die Beteiligung an der Stadion Zürich AG wurde in einer ersten städtischen Volksabstimmung im September 2003 gutgeheissen. Wegen Rekursen, der Bankenkrise und weil eine Shopping-Mall wohl nicht rentiert hätte, zog die CS das Projekt 2009 zurück.
Dann kaufte die Stadt unter der Federführung des damaligen Stadtrats Martin Vollenwyder (FDP) 2010 von der Credit Suisse das ganze Grundstück ab. Ebenfalls 2010 wurde das neue Projekt vorgestellt: ein reines Fussballstadion mit 16’000 Plätzen, einem Restaurant, einer Bar und 14 Logen, plus 160 Wohnungen. In einer am 22. September 2013 durchgeführten zweiten Volksabstimmung fand das Wohnprojekt zwar eine Mehrheit, das Stadion hingegen wurde von den Stimmbürgerinnen und -bürgern knapp abgelehnt. Eine Schlappe für den Stadtrat, aber auch für den FCZ und für GC.
So schön könnte die Fassade des geplanten Hardturm-Stadions während eines Zürcher Derbys leuchten. Visualisierung: Nightnurse Images
Höher als der Prime Tower
Dann folgte ein neues Vorhaben, das heute noch gültige „Ensemble“-Projekt. Am 25. November 2018 bewilligte das Stimmvolk in der dritten Abstimmung zum Thema Baurechte und Kredite über 50 Millionen Franken. Der Plan sieht nebst 174 gemeinnützigen Wohnungen und zwei Hochhäusern mit 570 Wohnungen auf dem Gelände auch den Bau eines reinen Fussballstadions mit Platz für 18’000 Fans für die Grasshoppers und den FCZ vor. Zudem sollen auf dem Gelände eine Wohnsiedlung und zwei Hochhäuser (je 137 Meter hoch, der Prime Tower ist demgegenüber 126 Meter hoch) mit Wohnungen und Geschäftsräumen entstehen. Umgesetzt werden soll die Arealbebauung, wie eingangs erwähnt, von der HRS Real Estate AG, den Anlagestiftungen der UBS (ehemals Credit Suisse) und der ABZ.
Nachdem die erforderliche Menge an Unterschriften für ein Referendum zusammengekommen war, kam es am 27. September 2020 zu einer erneuten und vierten Abstimmung über den Gestaltungsplan für das Areal, in der das Projekt von den Stimmbürgern abermals bestätigt wurde. Und jetzt folgte also das OK des Verwaltungsgerichts. Die Rekursfrist läuft bis Anfang November. Ein Weiterzug bis vor Bundesgericht ist möglich.
Das sind die Gegner
Anschliessend könnte auch gegen das Baugesuch in sämtlichen drei Instanzen rekurriert werden – allerdings nur noch in beschränkter Form. Baubeginn vor 2030 scheint dennoch illusorisch. Gesamthaft gesehen ist der Verkehrsclub der Schweiz, Sektion Zürich, der grosse Widersacher. Er hat das erste Projekt von 2003 zu Fall gebracht. In jüngerer Zeit sind es neben den links-grünen „IG Freiräume“ und „IG am Wasser“ der Promi Felix E. Müller (ehemals Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“) und der Unternehmer Urs Zweifel von Zweifel Weine, die Kritik üben.
Offen ist, ob und wie Eigenheimbesitzer der Bernoullihäuser und Stockwerkseigentümer der östlich des Geländes gelegenen Überbauung am Sportweg beim Widerstand mitwirken. In der Öffentlichkeit ist die Zustimmung eher sinkend, wegen der immer wiederkehrenden Ausschreitungen der Fussballfans. Ein Argument ist wegen der 2000-Watt-Gesellschaft auch, ob es ein neues Stadion tatsächlich braucht, wenn es doch das Letzigrund-Stadion bereits gibt (Stichwort: graue Energie).
Nur eines ist sicher: Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.
Die Einzelinitiative als interessante Demokratieform: Adolf Flüeli, der kein politisches Amt inne hat, möchte, dass im Milchbucktunnel der Mittelstreifen künftig als Fahrspur genutzt wird. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Adolf Flüeli aus Winterthur will im Milchbucktunnel einen Pannenstreifen in eine dritte Fahrspur umfunktionieren. Er hat dazu als einfacher Stimmbürger die politische Form einer Einzelinitiative gewählt. Eine kurze Staatskundelektion.
Heute ist ein wenig Staatskundeunterricht angesagt. Es geht um die faszinierende, ja schon fast verführerisch simple Möglichkeit, sich als einzelne stimmberechtigte Person im Kanton Zürich oder auch auf Gemeindeebene Gehör zu verschaffen. Denn man kann mit einem Anliegen ans jeweilige Parlament gelangen und hoffen, dass eine gewisse Anzahl an Parlamentarierinnen und Parlamentariern die Idee gut findet.
Im Kantonsrat braucht es 60 Mitglieder, damit eine Einzelinitiative an den Regierungsrat überwiesen wird. Dieser legt dem Parlament Bericht und Antrag vor. Der Kantonsrat stimmt anschliessend über die Initiative ab. In der Stadt Zürich sind es 42 Mitglieder des Gemeinderats, die mindestens nötig sind, damit sich der Stadtrat mit einem Anliegen beschäftigen muss.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Vater der „Nuller-Kennzeichen“
Einer, der dieses besondere direktdemokratische Mittel auch schon genutzt hat, ist Adolf Flüeli aus Winterthur. So wollte er vor zehn Jahren die ETH Hönggerberg besser mit dem ÖV erschliessen lassen, durch nichts weniger als einen S-Bahn-Tunnel. Oder dann seine Idee der Einführung von Fahrzeugkennzeichen, die mit einer Null beginnen. Vorteil dieses Plans: Es gäbe keine Platzprobleme auf den sechs- und ja, eventuell bald siebenziffrigen Autokennzeichen, wenn dereinst einmal über eine Million Fahrzeuge im Kanton Zürich verkehren. Doch beide Vorstösse wurden vom Kantonsrat abgelehnt, jener der Nummernschilder erst 2024.
Nun versucht es der 71-jährige Flüeli mit einer neuen Idee. Er möchte eine „Optimierung der derzeit vorhandenen Verkehrsflächen sowie der seit Jahrzehnten überfälligen baulichen Engpassbeseitigung im Milchbucktunnel“ erwirken. Vereinfacht gesagt soll die leere Fahrspur künftig je nach Verkehrsaufkommen stadtauswärts oder stadteinwärts genutzt werden.
Im von Adolf Flüeli perfekt verwendeten Amtsdeutsch lautet die Idee folgendermassen: Der Betrieb des Milchbucktunnels werde suboptimal gehandhabt, indem ein mittig angeordneter Pannensteifen eine grösstenteils ungenutzte Verkehrsfläche darstelle. Dies behindere aus seiner Sicht einerseits den Verkehrsfluss und stelle andererseits ein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar. Der Grund gemäss Text der Einzelinitiative: Ein linksliegender Pannenstreifen bei Rechtsverkehr sei artfremd und für den Fahrzeuglenker ungewöhnlich und zur Nutzung völlig kontraintuitiv.
Beim Gotthardtunnel geht es auch ohne
Ausserdem fordert der Bau- und Wirtschaftsingenieur, dass der Milchbucktunnel gemäss den ursprünglichen Planungen auf vier Spuren mit einem doppelten Tunnelportal an der Wasserwerkstrasse ausgebaut werden soll. Immerhin, so Flüeli, existiere ein Teil davon schon. So lasse sich analog dem vorgelagerten vierspurigen Schöneichtunnel ein „bestmöglicher kontinuierlicher Verkehrsfluss bei gleichwertiger Sicherheit ohne Pannenstreifen erzielen“.
Flüeli erinnert in seinem Vorstoss daran, dass die „Forderung betreffend Pannenstreifen in einem 1985 eröffneten bestehenden Tunnel angesichts des zirka achtfach längeren zweispurigen Gotthardtunnels mit ungetrenntem Gegenverkehr völlig absurd“ sei.
Nun kommt das Geschäft in den 180-köpfigen Kantonsrat. Die Chancen stehen gut, dass die Idee von Adolf Flüeli als Auftrag an den Regierungsrat überwiesen wird. Freilich ist in diesem speziellen Fall das Ganze ein wenig kompliziert, weil die Strasse im Milchbucktunnel eine Nationalstrasse ist, also das Bundesamt für Strassen – kurz Astra – zuständig ist. Somit müsste, falls das Anliegen im Kantonsrat durchkommt, der (mehrheitlich bürgerliche) Regierungsrat mittels Standesinitiative beim Astra vorstellig werden. Was aber zumindest in der heutigen Konstellation mit Bundesrat Albert Rösti (SVP) durchaus erfolgversprechend sein könnte. Rösti ist Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, zu dem das Astra gehört.
Man darf gespannt sein, wie es mit Adolf Flüelis Idee weitergeht. Sein auf den 18. September 2025 datierter Vorstoss hat nun im Kantonsrat die Geschäftsnummer 326/2025 erhalten. Es ist ein Beispiel, wie Otto Normalverbraucher politisch aktiv werden kann.
In der aktuellen Folge des Rathuus-Podcasts erzählt Lorenz Steinmann (links) von seinem neuen Job beim "Altstadt Kurier" und Pascal Turin hakt nach. Bild: Stephanie Turin
Pascal Turin
Im Rathuus-Podcast geht es dieses Mal auch um den „Altstadt Kurier“ und „The Offspring“: Lorenz Steinmann und Pascal Turin erzählen in der 17. Folge aus ihrem Alltag und lassen dabei natürlich die Politik nicht zu kurz kommen.
Endlich wird es mal wieder persönlich: In der 17. Folge des Rathuus-Podcasts widmen wir uns im ersten Teil dem neuen Job von Lorenz Steinmann beim “Altstadt Kurier”. Pascal Turin hat ganz viele Fragen vorbereitet und löchert nun seinen armen Co-Host damit. Dieser gibt tapfer Antwort und ermöglicht so einen spannenden Einblick in seine neue Aufgabe beim “Weltblatt für den Kreis 1”. Natürlich klären wir in der Folge auch, warum sich die Monatszeitung so hochtrabend als “Weltblatt” bezeichnet.
Ausserdem hat uns die Stadtzürcher AL-Gemeinderätin Karen Hug ganz, ganz viele Fragen geschickt. Wir werden den umfangreichen Fragenkatalog bienenfleissig abarbeiten und beginnen mit der ersten Fragenportion im zweiten Teil dieser Episode. Lorenz und Pascal sprechen unter anderem darüber, was in der Zürcher Medienlandschaft fehlt und was sie bei Menschen nervt, die sie interviewen. Zudem verraten die beiden Podcaster ihre grössten beruflichen Fauxpas.
Und als ob das nicht genug wäre, schwärmt Pascal auch noch vom Konzert der US-amerikanischen Punk-Rock-Band The Offspring im Hallenstadion. Da wir keinen Ärger mit der Urheberrechtsorganisation Suisa wollen, können wir unseren Hörerinnen und Hörern in der Folge selbst keine Hörprobe anbieten. Darum verlinken wir hier einfach ein Youtube-Video der Band.
Die Stadtzürcher AL-Gemeinderätin Karen Hug in ihrer Lieblingsumgebung, der Natur. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Das Leben der 47-jährigen AL-Politikerin Karen Hug ist von sozialem Engagement geprägt. Die Stadtzürcher Gemeinderätin hat den Rathuus-Fragebogen mit viel Herzblut ausgefüllt – und dann noch den Spiess umgedreht.
Karen Hug, wie wurden Sie politisiert? Die Politisierung ist im vollen Gange. Die aktuelle persönliche Betroffenheit trägt leider sehr viel dazu bei. Das Haus, in dem ich lebe und aufgewachsen bin, wurde an den Meistbietenden verkauft. Vor Kurzem wurde uns mitgeteilt, dass alle Mieter:innen die Liegenschaft verlassen müssen, da eine umfassende Sanierung/Aufstockung bevorsteht. Wir haben zwar die theoretische Möglichkeit, wieder in die Wohnungen zurückzukehren – doch (so die Prognose) zum dreifachen Mietzins – ein unrealistischer Preis für mich und meine Nachbarn. Also liebe Leserin und lieber Leser: Wenn Sie eine Wohnung zum Vermieten haben, bitte melden!
Was wollten Sie als Kind werden? Tierärztin.
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Die Welt wird „überflutet“ und wir diskutieren über Grenzen und Abgrenzung.
„Von Gemeinderatskolleg:innen höre ich immer wieder, wir seien die ‚Streber-Partei‘ – dem kann ich zustimmen“, sagt AL-Gemeinderätin Karen Hug.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Zufälle haben mich zur AL geführt. Aus meiner Sicht – die differenzierteste „Partei“ in Zürich. Von Gemeinderatskolleg:innen höre ich immer wieder, wir seien die „Streber-Partei“ – dem kann ich zustimmen. Mich beeindruckt immer wieder, mit wie viel Fleiss, Engagement und Herzblut sich meine Fraktionskolleg:innen in ihre Themen und Dossiers reinknien, um etwas für die Menschen in unserer Stadt zu bewirken. Bei diesem Einsatz geht es immer um den Menschen.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Wenn immer möglich, überlasse ich diese wichtige Aufgabe anderen – ist einfach nicht mein Ding. Lieber stehe ich hinter einem Bartresen und fördere so den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Vernetzung, den Austausch und den Dialog.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Jón Gnarr (ein isländischer Komiker, Musiker, Schriftsteller und Politiker, Anm. d. Red.).
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit dem Papst – vorzugsweise Bier.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Seit ich Gemeinderätin bin – der „Hard Corner“. Vor meiner ersten Ratssitzung war ich zum ersten Mal dort – und wurde gleich von der herzlichen Besitzerin beschenkt. Diese spontane Geste hat mein Herz erobert – seither ist der „Hard Corner“ mein „Heart Corner“!
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Zu selten – muss ich ändern!
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Grönland umsegelt.
„Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?“ – „Liebe kann nach dem Frühstück entstehen.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin oder der bedeutendste Zürcher? Aus aktuellem Anlass: Georg Lasius, mehr Informationen hier – lesen lohnt sich: Quartierverein Hirslanden – Freiestrasse.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Liebe kann nach dem Frühstück entstehen.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Unsere breit abgestützte Motion zum Josef-Areal. Ich hoffe, wir können hier einen wichtigen Beitrag für mehr bezahlbaren Wohnraum leisten.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Dass ich behaupte, keine Fauxpas zu machen?
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Pragmatisch: Im Rathaus Hard bleiben, wo die Infrastruktur super ist. Gefühlt: Ins historische Rathaus zurück – ein Ort mit einer 773-jährigen Geschichte …
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Powerfrauen, die an meinen musikalischen Vorlieben massiv vorbeischrammen – darum ein Tipp von mir: Gyða Valtýsdóttir!
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Spitzbergen bei Nebel. Mein persönliches Sehnsuchtsbild nach „Stinksocken“-Wetter, Weite und Stille.
Worauf freuen Sie sich? Auf „Stinksocken“-Wetter, Weite und Stille
Und worüber können Sie lachen? Situationskomik.
Karen Hug übernahm im Oktober 2023 den Gemeinderatssitz vom AL-Parteikollegen Mischa Schiwow (Stadtzürcher Wahlkreis 7 und 8). Die 47-Jährige gehört seither der Sachkommission Hochbaudepartement, Stadtentwicklung an. Zudem ist sie Mitglied der Paritätischen Kommission Landrat Uri/Gemeinderat von Zürich. Seit März 2024 ist Hug Co-Quartiervereinspräsidentin von Hirslanden und kümmert sich dort um die Bereiche Quartierentwicklung, Kommunikation, Vernetzung und öffentlicher Raum. Hug arbeitet bei der Caritas und ist Standortleiterin der beiden Kirchlichen Regionalen Sozialdienste Mutschellen-Reusstal sowie Wohlen und Umgebung.
Sehr originell ist, dass Karen Hug den Spiess umgedreht und der Rathuus-Redaktion einen Fragebogen zugestellt hat. Die Fragen werden nun stückweise im Rathuus-Podcast beantwortet.
Eine typische Szene an der Zürcherstrasse in der Nähe des Bahnhofs Wetzikon: Wer hier mit dem Velo durch muss, braucht starke Nerven – selbst geübte Velofahrer wie Thomas Hoffmann. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Velofahren in Wetzikon soll Spass machen – doch das tut es im Moment nicht. Thomas Hoffmann möchte mit der Website velofreundliches-wetzikon.ch Politik, Bevölkerung und Velofahrende zusammenbringen. Am Horizont lockt der Gewinn des „Prix Velo“.
Zuerst gilt es, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Thomas Hoffmann hat sich eine grosse Aufgabe auf die Schultern geladen. Sein Ziel ist es, Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen. Zumindest will er Behörden und Politik dazu motivieren, sich dafür einzusetzen – und gibt sich dafür 20 Jahre Zeit. Insbesondere die Region rund um den Bahnhof erinnert je nach Tageszeit an die Weststrasse im Stadtzürcher Quartier Wiedikon, bevor diese 2010 für den Durchgangsverkehr gesperrt wurde. Heute ist die Weststrasse eine idyllische Quartierstrasse – der Westumfahrung sei Dank.
Eines der Hauptprobleme der Stadt am Pfäffikersee ist, dass die Oberland-Autobahn, also die A15, auch nach Jahrzehnten der Planung eine Lücke zwischen Uster und Hinwil aufweist. Autos und Lastwagen müssen darum durch Wetzikon mit seinen rund 27’000 Einwohnerinnen und Einwohnern rollen – und stehen dann mitten im Ort im Stau.
Doch der verkehrstechnische Unort, an dem Zürcherstrasse und Bahnhofstrasse zusammenkommen, ist nur eine der Hürden, die überwunden werden muss, um Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Hoffmann hat vor Kurzem die Website velofreundliches-wetzikon.ch lanciert. Dort berichtet der pensionierte Journalist etwa über einen Veloweg zwischen Unterwetzikon und Hinwil, der wegen einer Baustelle zum „Dauerärger“ wurde. „Seit drei Monaten sollte er wieder offen sein – ist er aber nicht. Und auf der Umleitung fehlen inzwischen mehrere Hinweistafeln“, so Hoffmann. Aber auch positive Nachrichten dürfen nicht fehlen, darunter das erste Wetziker Velofest, an dem 200 Leute teilnahmen. „Es bot einen Mix aus Unterhaltung und Genuss – und setzt mit zwei Petitionen politischen Druck auf: Die Situation für Velofahrende muss besser werden“, schreibt der 63-Jährige.
Velofahren macht in Wetzikon keine Freude
Es sind typische Lokalgeschichten, die man auf der Website findet – so wie sie in Lokal- oder Regionalzeitungen stehen, wenn diese noch darüber berichten. Thomas Hoffmann erklärt aber auch Hintergründe, zum Beispiel was hinter dem Megaprojekt „Stadtraum Bahnhof Wetzikon“ steckt, über das im Frühjahr 2026 abgestimmt wird. Geplant sind breitere Unterführungen für zu Fuss Gehende und Velofahrende, Velostationen, Park-and-Ride-Angebote, ein neuer Bushof, ein Bahnhofplatz und ein Bahnhofpark. Kostenpunkt: Rund 90 Millionen Franken – getragen von Stadt, Kanton, Bund und privaten Partnern. „Das wäre schon ein sehr grosser Wurf. Ich bin gespannt, ob das Vorhaben an der Urne durchkommt“, sagt Hoffmann.
Man darf tatsächlich gespannt sein, wie die Stimmberechtigten entscheiden werden.
Im siebenköpfigen Stadtrat hält die FDP drei Sitze, Grüne, SP, Mitte und SVP haben je einen Sitz. Die SP stellt zudem den Stadtpräsidenten. Im Parlament mit 36 Sitzen haben die Bürgerlichen je nach Konstellation und Thema leicht die Oberhand. Die SVP hat acht Sitze, die FDP sechs. Die SP und die Grünen sind mit sechs respektive fünf Personen vertreten. Die EVP hat drei Sitze, während Mitte, GLP, Alternative Wetzikon und EDU auf je zwei Vertretungen kommen.
„Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder Fussgängerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt Thomas Hoffmann (63). Bild: Pascal Turin
Dass das Velofahren in der Stadt vielen Menschen keinen Spass macht, lässt sich mit Zahlen erhärten. Auf der Onlineplattform „Wetzikon vielsichtig“, mit der die Stadt die Bevölkerung in die Ortsplanungsrevision einbeziehen möchte, findet man einen Auswertungsbericht zu einer Umfrage, bei der vergangenes Jahr über 1000 Personen teilgenommen hatten. Orte, wo man sich zu Fuss oder mit dem Velo nicht sicher fühle, befänden sich vor allem um den Bahnhof in Unterwetzikon sowie im Bereich des Zentrumsgebiets Oberwetzikon. Angebot und Infrastruktur für den Zug seien am besten bewertet worden (Note 5,3), Veloangebot und -infrastruktur hätten im Durchschnitt lediglich eine 3,4 erhalten, „was vielfach mit unsicheren, unschönen, nicht attraktiven und zu engen Strassenräumen erklärt wird“, heisst es im Bericht.
Ausserdem interessant: Gemäss der städtischen Mobilitätsstrategie zeigt sich, dass der Fuss- und ÖV-Anteil in Wetzikon deutlich tiefer ist als im kantonalen Durchschnitt. „Es ist die Aufgabe des Stadtrats, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, um auch in Zukunft eine funktionierende Mobilität sicherzustellen“, sagte Heinrich Vettiger, SVP-Stadtrat und Vorsteher Tiefbau, Umwelt + Energie, in einem Artikel des „Zürcher Oberländers“.
Der „Prix Velo“ als Motivationsspritze für alle
Thomas Hoffmann ist in keiner Partei und möchte alle ansprechen: „Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder Fussgängerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt der Wetziker, der in seiner Freizeit gern mit dem Rennvelo unterwegs ist. Einkaufen fährt er mit einem gewöhnlichen Alltagsvelo inklusive Anhänger. Darum hat er die Veloparkplätze vor Aldi, Migros und Co. mit Noten bewertet. Ganz schlecht weg kommt die Post, die vor ihrer Filiale beim Bahnhof „keinen einzigen Veloparkplatz“ anbietet. „Parkiert wird trotzdem – gezwungenermassen illegal“, schreibt Hoffmann und fügt im Text zum Beweis ein Foto an.
„Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-Jährige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt Thomas Hoffmann.
Einen kleinen Erfolg konnte der frühere Redaktionsleiter beim Zürcher Verlag Lokalinfo AG bereits verbuchen. Die Stadt beteiligt sich zum ersten Mal am „Prix Velo Städte“ der Lobbyorganisation Pro Velo Schweiz. Die Auszeichnung wird nur alle vier Jahre vergeben. Wieso beteiligt sich nun auch Wetzikon? „Dank einer Anfrage von mir. Im Juni mailte ich den Vorschlag an die Stadt – und das Tiefbauamt war interessiert“, erzählt Hoffmann, der hier seit 35 Jahren wohnt. Er kennt sich also bestens aus.
Positives Beispiel: Die überwachte Velostation beim Bahnhof Wetzikon wird von Mitarbeitenden aus dem Programm "Beschäftigung + Arbeitsintegration" der Stadt Wetzikon betrieben. Bild: Pascal Turin
Aus Sicht von Thomas Hoffmann könnte die Teilnahme am „Prix Velo“ ein Ansporn für alle sein: Die Politik sowie die Behörden sollen den Drahtesel fördern und die Bevölkerung soll sich häufiger aufs Velo schwingen. „Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-Jährige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt er. Die Menschen sollen mit Freude aufs Fahrrad steigen können und keine Angst vor gefährlichen Kreuzungen oder schwierigen Kreiseln haben müssen. „Je mehr Leute mit dem Velo unterwegs sind, desto wichtiger wird dieses Verkehrsmittel“, zeigt sich Hoffmann überzeugt.
Ob also Wetzikon dereinst die velofreundlichste Stadt der Schweiz wird? Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Doch unmöglich zu erreichen, ist es nicht.
Marion Matter (50) ist Kantonsrätin der SVP. Ihre Wahl bezeichnete die „Zürichsee-Zeitung“ 2023 als die „grösste Überraschung“ der Kantonsratswahlen im Bezirk Meilen. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Die Wahl von Marion Matter galt als Überraschung. Zwei Jahre später ist die Meilemer SVP-Kantonsrätin längst aus dem Schatten ihres Ehemanns Thomas Matter, SVP-Schweiz-Vizepräsident, herausgetreten und wehrt sich gegen Tempo 50 auf der Seestrasse.
In der Lycka Coffee & Bar in Meilen bestellt Marion Matter einen Kaffee. Es ist nachmittags um 15 Uhr und die 50-Jährige wirkt entspannt. „Hier trifft skandinavische Gemütlichkeit auf eine moderne leichte Küche“, schrieb die „Zürichsee-Zeitung“ vergangenen Frühling über das Café auf dem grosszügigen Dorfplatz mit hellen Steinplatten. Direkt gegenüber des Lokals steht der gewöhnungsbedürftige moderne Erweiterungsbau des 1913 erbauten Gemeindehauses.
Die Gemeinde Meilen ist der Hauptort des gleichnamigen Bezirks – hier leben rund 15’000 Menschen. „Trotzdem hat Meilen seinen Dorfcharakter erhalten können, das finde ich sehr schön“, schwärmt Matter. Im Zentrum geht sie regelmässig im Prima-Laden oder beim Metzger einkaufen und gern im Restaurant Löwen Meilen essen – im Sommer am liebsten auf der Aussenterrasse fast direkt am Ufer der Goldküste. Von hier hat man auch einen guten Blick auf die Fähren, die Meilen mit Horgen an der Pfnüselküste verbinden.
Marion Matter ist Kantonsrätin der SVP und ihre Wahl bezeichnete die bereits zitierte „Zürichsee-Zeitung“ als die „grösste Überraschung“ der Kantonsratswahlen im Bezirk Meilen. „Ich bin etwas baff, ich habe nicht mit meiner Wahl gerechnet. Aber ich freue mich natürlich sehr“, sagte sie nach ihrer Wahl gegenüber der Tageszeitung. Die im Kanton Schwyz aufgewachsene Meilemerin, die von ihrer Partei zur Kandidatur angefragt worden war, hatte bei ihrer Wahl drei Listenplätze gutgemacht.
Ganz so überraschend kam ihr Wahlerfolg dann aber doch wieder nicht.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Marion Matter hatte an vielen Standaktionen teilgenommen und sogar Tür-zur-Tür-Wahlkampf betrieben. Und ihr Name war sowieso schon einigen ein Begriff. Kein Wunder, ihr Ehemann Thomas Matter ist Nationalrat und ein bekanntes Gesicht der Schweizerischen Volkspartei. Er hat die Helvetische Bank mit Sitz im Zürcher Seefeld gegründet und sorgte 2023 mit einem umstrittenen Wahlkampfsong für Furore. Die „Schweizer Illustrierte“ durfte für eine Homestory in ihrer Villa hübsch inszenierte Fotos des Paars schiessen. Dort leben Marion und Thomas Matter mit ihrer 17-jährigen Tochter. Die drei Töchter aus erster Ehe ihres Ehemanns sind längst erwachsen. Marion Matter bezeichnet sie liebevoll als „Bonustöchter“.
Auch im Text der „Schweizer Illustrierten“ wurde ihre Wahl in den Kantonsrat angesprochen. „Ich wusste, dass es klappen würde“, sagte nämlich SVP-Schweiz-Vizepräsident Thomas Matter. Seither habe er keinen warmen „Znacht“ mehr bekommen, fügte er augenzwinkernd an. Als „SVP-Humor“ bezeichnete die Zeitschrift den Spruch.
Die Politik ist Marion Matter quasi in die Wiege gelegt worden, denn ihr Vater Paul Giger war in den 70er-Jahren CVP-Kantonsrat im Kanton Schwyz. Und natürlich dürfte bei ihrer eigenen Wahl in den Zürcher Kantonsrat die nationale Bekanntheit von Thomas Matter geholfen haben. Trotzdem ist die Politikerin längst aus dem Schatten ihres Mannes herausgetreten – obwohl sie von sich selbst sagt, dass sie „noch gar nicht lange genug im Kantonsrat ist, um etwas bewegt haben zu können“.
Kampf für freie Fahrt an der Goldküste
Im August hat Marion Matter zusammen mit SVP-Kollege Tumasch Mischol aus Hombrechtikon und FDP-Kantonsrätin Corinne Hoss-Blatter aus Zollikon eine Anfrage mit dem Titel „Was läuft verkehrt beim Verkehr am rechten Zürichseeufer?“ eingereicht. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte wollen unter anderem wissen, welche Strategie der Regierungsrat in Bezug auf das Tempo-Regime an der Seestrasse am rechten Zürichseeufer habe und wie die Gemeinden Erlenbach, Küsnacht und Zollikon in den Entscheid eingebunden worden seien.
Für Matter ist klar: „Die Seestrasse ist die wichtigste Verbindung nach Zürich. Hier muss der Verkehr fliessen.“ Doch die links-grüne Regierung der Stadt Zürich versuche mit allen Mitteln, den Autofahrerinnen und Autofahrern das Leben schwer zu machen. „Im Gegensatz zu den Bewohnerinnen und Bewohnern des linken Seeufers haben wir keinen Autobahnanschluss“, gibt sie zu bedenken. Sie zeigt zwar Verständnis für die Quartierbewohnenden im Stadtzürcher Seefeld, die sich weniger Autoverkehr wünschen – „die haben ja auch Bus- und Tramhaltestellen direkt vor der Haustür“. Aber: „Die Bellerivestrasse ist ebenso wie die Seestrasse nun mal eine wichtige kantonale Hauptverkehrsachse – und keine Quartierstrasse.“
"Meine Partei steht für weniger Einschränkungen, für Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit“, sagt Marion Matter, Vizepräsidentin der SVP Bezirk Meilen. Bild: Pascal Turin
Sie will die öffentliche Sicherheit verbessern
Ein wichtiges Anliegen ist ihr die öffentliche Sicherheit und die Bekämpfung der Kriminalität, besonders auch wegen ihrer Tochter im Teenageralter. „Ich finde, es wird mehr auf die Täter als auf die Opfer Rücksicht genommen“, so die Kantonsrätin, die in der Justizkommission sitzt. In einer ihrer Anfragen ging es beispielsweise um das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden, wenn Beschuldigte sich ins Ausland abgesetzt haben. „Bei welchen Strafbeständen werden mutmasslich Beschuldigte mit einer Ausreisesperre belegt?“, fragte sie im März zusammen mit Roland Scheck aus Zürich und Domenik Ledergerber aus Herrliberg (beide SVP) den Regierungsrat.
Die gelernte Bankkauffrau mit Stationen bei verschiedenen Grossbanken, darunter der UBS und der ehemaligen Credit Suisse, will sich ausserdem für mehr Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung einsetzen. Deshalb sei sie auch gegen die Volksinitiative für einen durchgehenden Seeuferweg am Zürichsee gewesen. Dafür hätten Landeigentümerinnen und Landeigentümer enteignet werden können. 64 Prozent der Stimmberechtigten lehnten die Initiative im vergangenen Jahr ab.
Matter ist gleichzeitig mit ihrem Mann in die SVP eingetreten. „Das war, als wir nach Meilen gezogen sind“, erinnert sich die Politikerin, die seit 16 Jahren in der Gemeinde wohnt. „Meine Partei steht für weniger Einschränkungen, für Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit“, betont die Vizepräsidentin der SVP Bezirk Meilen. Sie wisse, dass diese Schlagwörter auch Klischees seien. „Aber es ist tatsächlich so, wir stehen für diese Werte ein.“
Sie hat ein Herz für Kinder in Honduras
Die Kantonsrätin arbeitet heute im Familienunternehmen Matter Group. Doch ihre Leidenschaft ist – neben der Politik – die Stiftung El Refugio, die ein Kinderheim in Honduras betreibt. Matter ist Präsidentin der Stiftung und hat das Amt von ihrer Schwiegermutter übernommen. Das Heim El Refugio wird von einem Schweizer geleitet und betreut 75 bis 80 Kinder und Jugendliche. „Honduras zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas“, erklärt Matter. Die Stadt San Pedro Sula hat zudem eine sehr hohe Kriminalitätsrate. „Direkte Hilfe vor Ort bringt viel mehr als irgendwelche staatlichen Programme“, ist die Meilemerin überzeugt.
Ein Amt in Bundesbern, etwa im Nationalrat, kann sich Marion Matter im Moment nicht vorstellen. „Ich bin lieber im Hintergrund und mache meine Arbeit“, sagt sie.
Die Stiftungsarbeit braucht viel Zeit – insbesondere die Mittelbeschaffung – doch die ehrenamtliche Arbeit ist laut Marion Matter sehr befriedigend. „Es ist mein Herzensprojekt“, sagt die Politikerin. Ihr Kalender ist mit ihrem Job bei der Matter Group, wo sie unter anderem Verwaltungsrätin ist, sowie ihren Verpflichtungen als Kantonsrätin und Stiftungspräsidentin ziemlich voll, doch sie ist es gewohnt, früh aufzustehen. „Ich gehe sowieso jeden Tag mit unserer Appenzellerhündin Whisky auf lange Spaziergänge“, sagt sie mit einem Lächeln. Dadurch sei sie auch viel im Grünen unterwegs. Besonders wichtig ist Matter ihre Familie. „Dort tanke ich Energie.“
Ein Amt in Bundesbern, etwa im Nationalrat, kann sie sich im Moment nicht vorstellen. „Ich bin lieber im Hintergrund und mache meine Arbeit“, sagt sie. Sie wolle nicht ständig im Fernsehen auftreten und die Aufmerksamkeit der Medien suchen müssen. Aber wer weiss, wohin die politische Karriere Marion Matter noch führen wird. Um den Bogen zum Anfang zu spannen – sie hatte ja schon nie damit gerechnet, in den Kantonsrat gewählt zu werden.