Startseite » News » Sechs Unfälle! Wie man in Zürich Kreise zieht – bis es kracht
4 Minuten

Sechs Unfälle! Wie man in Zürich Kreise zieht – bis es kracht

Schon wieder weg: Dieser Kreisel am Birchplatz im Stadtzürcher Quartier Oerlikon – inklusive Velofahrtipps – war nicht lange in Betrieb. Bild: Lorenz Steinmann

In der Schweiz gibt es gut 3500 Strassenkreisel. Aber wohl nur einer wurde so schnell auf- und wieder abgebaut wie jener am Zürcher Birchplatz. Das Tiefbauamt schlampte bei der Geometrie, nahm Unfälle in Kauf und vergass beim Rückbau prompt einen Teil der Velomarkierungen. Eine Polemik.

In Oerlikon hat es eine Strassenkreuzung, die schon seit Jahren im Fokus der Stadtzürcher Planer steht. Die Kreuzung Regensberg- und Birchstrasse. Ein privates Planungsbüro erstellte im Auftrag der Stadt eine Studie, wie hier ein Kreisel für eine bessere Verkehrsführung ohne Ampelanlage sorgen könnte. Das Resultat: ein vierarmiger Kreisel! Und so erfolgte am 27. November 2024 eine öffentliche Mitteilung, dass hier eine „temporäre Verkehrsvorschrift“ eingeführt werde. Und zwar der Kreisverkehr am Birchplatz, geltend von November 2024 bis Ende Dezember 2030.

Der erstellte Kreisel wirkte dann aber von Anfang an ziemlich lieblos. In der Mitte ein kreisrunder Zaun, abgedeckt mit einer weissen Blache. Kein Schmuck, keine Kunst am Bau, keine der vielen Plastiken im Kreiselzentrum, welche die Stadt in ihren Lagern herumstehen hat. „Und der soll so bleiben bis 2030?“, fragte man sich.

Laut Onlineportal Blue News eine „irre Geschichte“

Tatsächlich erfolgte der Rückbau viel früher als in Aussicht gestellt – quasi in einer Nacht- und Nebelaktion und schon vor wenigen Wochen. Daraufhin hagelte es Kritik im Quartier und das „Tagblatt der Stadt Zürich“ sowie das Onlineportal Blue News berichteten darüber. „Kaum gebaut, schon abgerissen – die irre Geschichte des Birchplatz-Kreisels“, war der Tenor.

Dabei fiel auf, dass die Stadt eigentlich nur die halbe Wahrheit herausrückte.

„Der Kreisel am Birchplatz wurde bewusst als temporäre Lösung erstellt, um den Umleitungsverkehr wegen der Baustelle Binzmühlestrasse abwickeln zu können. Der Kreisel entsprach nicht der Norm für einen sicheren Kreisverkehr. Dazu müsste die Geometrie der Kreuzung in einem Strassenbauprojekt angepasst werden“, hiess es auch auf Anfrage von Rathuus seitens der Stadt.

Nicht der Norm entsprechend? Wer baut denn so etwas? Solche Fragen kommen auf, weil man es sich vom Staat eigentlich gewohnt ist, dass er sich an die Vorgaben hält.


Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.

Erst auf Nachfrage räumte die Stadt ein, dass man einen definitiven Kreisel vorgesehen habe. Doch im Rahmen der Budgetberatung für das Jahr 2023 habe der Gemeinderat entschieden, vorläufig auf die Umsetzung eines definitiven Kreisels zu verzichten. Schleierhaft blieb vorerst, warum überhaupt die Stadt zuerst und öffentlich einen Kreiselverkehr bis 2030 kommuniziert hatte.

Zusätzlich rückte die Stadt mit weiteren Einzelheiten heraus. „Ursprünglich war geplant, den temporären Kreisel bis zum Bau des Tram Affoltern bestehen zu lassen. Der Baubeginn des Tram Affoltern ist für 2028 vorgesehen, die Inbetriebnahme frühestens 2031“, so das Tiefbauamt. Eine temporäre Lösung über einen so langen Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten, sei aber nicht gerechtfertigt. Zudem hätten sich zwischen der Inbetriebnahme des Kreisels im November 2024 bis zum Rückbau sechs Unfälle, fünf davon mit Velofahrerinnen und Velofahrern, ereignet.

Auf dem Bild sieht man den Birchplatz nach dem Rückbau vom Kreis zur Kreuzung.Der Birchplatz in Oerlikon, wie er sich aktuell präsentiert. Velosignalisationen am Boden wurden schlichtweg vergessen. Bild: Lorenz Steinmann

Der Kreisel als Unfallhotspot also. Warum baut die Stadt überhaupt einen Kreisel, dessen Geometrie nicht stimmt? Ist das schon ein Fall für den Unfallrichter?

Tatsächlich liegt in der Schweiz und auch im Kanton Zürich die Variante mit Lichtsignalen weit vor jener mit Rechtsverkehr und Vortrittsrecht auf dem Kreisel. Dabei bieten Kreisel einige Vorteile. Sie sind „verkehrsdemokratisch“, und meist geht es schneller voran. Zudem fällt die teure Lichtsignaltechnik weg.

Aus Sicht des Veloverkehrs hingegen sind ­Kreisel auch mit korrekter Geometrie überaus gefährlich. Hier passieren statistisch gesehen fast am meisten Unfälle. Aktuell läuft deswegen in Zürich eine Präventionskampagne. Das Ziel: alle Verkehrsteilnehmer darüber informieren, dass Velofahrer einspuren und dann in der Mitte der Kreiselfahrbahn pedalen sollen. Dass dazu einiges an Mut nötig ist, versteht sich von selbst.

Plakat ging auch noch vergessen

Entsprechende Plakate waren auch am zum Kreisel umgebauten Birchplatz angebracht. Eines stand dann noch Wochen herum, obwohl längst wieder Ampelverkehr galt. Waren die zuständigen Angestellten immer noch am Überstundenabbau nach der Rad-WM im September 2024? Schon damals wurde Kritik laut, dass Parkverbotschilder wochenlang über Termin herumstanden in der City.

Und irgendwie typisch ist, dass beim Rückbau auf der Regensbergstrasse nicht einmal sogenannte Velosäcke für Velofahrende markiert wurden. Also eine ausgesparte Fläche vor dem Stoppbalken für die Autos, auf der Velofahrende relativ sicher auf die Grünphase warten können. Darauf angesprochen heisst es von der Stadt: „Aktuell prüft die Dienstabteilung Verkehr weitere Massnahmen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Danach werden die Markierungen wieder angebracht.“

Dass die Velofahrerinnen und Velofahrer einmal mehr einfach vergessen gingen, spricht Bände. Etwas, was nicht von zeitgemässem, ganzheitlichem Denken in den zuständigen Departementen von SP-Stadträtin Simone Brander und Grünen-Stadträtin Karin Rykart zeugt. Brander ist Chefin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, Rykart Sicherheitsvorsteherin.

Frei nach der deutschen Pop- und Hip-Hop-Band Deichkind: Leider nicht geil.

Lust auf Austausch?
Unsere Newsletter und unsere Podcast-Folgen auf Steady sind der richtige Ort dafür – kommentiere dort und sag uns, was du denkst:
Zu unseren Steady-Beiträgen

Oder schreib uns eine E-Mail: redaktion@rathuus.ch