Velofahren in Wetzikon soll Spass machen – doch das tut es im Moment nicht. Thomas Hoffmann möchte mit der Website velofreundliches-wetzikon.ch Politik, Bevölkerung und Velofahrende zusammenbringen. Am Horizont lockt der Gewinn des „Prix Velo“.
Zuerst gilt es, Stolpersteine aus dem Weg zu räumen. Thomas Hoffmann hat sich eine grosse Aufgabe auf die Schultern geladen. Sein Ziel ist es, Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen. Zumindest will er Behörden und Politik dazu motivieren, sich dafür einzusetzen – und gibt sich dafür 20 Jahre Zeit. Insbesondere die Region rund um den Bahnhof erinnert je nach Tageszeit an die Weststrasse im Stadtzürcher Quartier Wiedikon, bevor diese 2010 für den Durchgangsverkehr gesperrt wurde. Heute ist die Weststrasse eine idyllische Quartierstrasse – der Westumfahrung sei Dank.
Eines der Hauptprobleme der Stadt am Pfäffikersee ist, dass die Oberland-Autobahn, also die A15, auch nach Jahrzehnten der Planung eine Lücke zwischen Uster und Hinwil aufweist. Autos und Lastwagen müssen darum durch Wetzikon mit seinen rund 27’000 Einwohnerinnen und Einwohnern rollen – und stehen dann mitten im Ort im Stau.
Doch der verkehrstechnische Unort, an dem Zürcherstrasse und Bahnhofstrasse zusammenkommen, ist nur eine der Hürden, die überwunden werden muss, um Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen.
Hoffmann hat vor Kurzem die Website velofreundliches-wetzikon.ch lanciert. Dort berichtet der pensionierte Journalist etwa über einen Veloweg zwischen Unterwetzikon und Hinwil, der wegen einer Baustelle zum „Dauerärger“ wurde. „Seit drei Monaten sollte er wieder offen sein – ist er aber nicht. Und auf der Umleitung fehlen inzwischen mehrere Hinweistafeln“, so Hoffmann. Aber auch positive Nachrichten dürfen nicht fehlen, darunter das erste Wetziker Velofest, an dem 200 Leute teilnahmen. „Es bot einen Mix aus Unterhaltung und Genuss – und setzt mit zwei Petitionen politischen Druck auf: Die Situation für Velofahrende muss besser werden“, schreibt der 63-Jährige.
Velofahren macht in Wetzikon keine Freude
Es sind typische Lokalgeschichten, die man auf der Website findet – so wie sie in Lokal- oder Regionalzeitungen stehen, wenn diese noch darüber berichten. Thomas Hoffmann erklärt aber auch Hintergründe, zum Beispiel was hinter dem Megaprojekt „Stadtraum Bahnhof Wetzikon“ steckt, über das im Frühjahr 2026 abgestimmt wird. Geplant sind breitere Unterführungen für zu Fuss Gehende und Velofahrende, Velostationen, Park-and-Ride-Angebote, ein neuer Bushof, ein Bahnhofplatz und ein Bahnhofpark. Kostenpunkt: Rund 90 Millionen Franken – getragen von Stadt, Kanton, Bund und privaten Partnern. „Das wäre schon ein sehr grosser Wurf. Ich bin gespannt, ob das Vorhaben an der Urne durchkommt“, sagt Hoffmann.
Man darf tatsächlich gespannt sein, wie die Stimmberechtigten entscheiden werden.
Im siebenköpfigen Stadtrat hält die FDP drei Sitze, Grüne, SP, Mitte und SVP haben je einen Sitz. Die SP stellt zudem den Stadtpräsidenten. Im Parlament mit 36 Sitzen haben die Bürgerlichen je nach Konstellation und Thema leicht die Oberhand. Die SVP hat acht Sitze, die FDP sechs. Die SP und die Grünen sind mit sechs respektive fünf Personen vertreten. Die EVP hat drei Sitze, während Mitte, GLP, Alternative Wetzikon und EDU auf je zwei Vertretungen kommen.
„Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder Fussgängerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt Thomas Hoffmann (63). Bild: Pascal TurinDass das Velofahren in der Stadt vielen Menschen keinen Spass macht, lässt sich mit Zahlen erhärten. Auf der Onlineplattform „Wetzikon vielsichtig“, mit der die Stadt die Bevölkerung in die Ortsplanungsrevision einbeziehen möchte, findet man einen Auswertungsbericht zu einer Umfrage, bei der vergangenes Jahr über 1000 Personen teilgenommen hatten. Orte, wo man sich zu Fuss oder mit dem Velo nicht sicher fühle, befänden sich vor allem um den Bahnhof in Unterwetzikon sowie im Bereich des Zentrumsgebiets Oberwetzikon. Angebot und Infrastruktur für den Zug seien am besten bewertet worden (Note 5,3), Veloangebot und -infrastruktur hätten im Durchschnitt lediglich eine 3,4 erhalten, „was vielfach mit unsicheren, unschönen, nicht attraktiven und zu engen Strassenräumen erklärt wird“, heisst es im Bericht.
Ausserdem interessant: Gemäss der städtischen Mobilitätsstrategie zeigt sich, dass der Fuss- und ÖV-Anteil in Wetzikon deutlich tiefer ist als im kantonalen Durchschnitt. „Es ist die Aufgabe des Stadtrats, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, um auch in Zukunft eine funktionierende Mobilität sicherzustellen“, sagte Heinrich Vettiger, SVP-Stadtrat und Vorsteher Tiefbau, Umwelt + Energie, in einem Artikel des „Zürcher Oberländers“.
Der „Prix Velo“ als Motivationsspritze für alle
Thomas Hoffmann ist in keiner Partei und möchte alle ansprechen: „Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder Fussgängerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt der Wetziker, der in seiner Freizeit gern mit dem Rennvelo unterwegs ist. Einkaufen fährt er mit einem gewöhnlichen Alltagsvelo inklusive Anhänger. Darum hat er die Veloparkplätze vor Aldi, Migros und Co. mit Noten bewertet. Ganz schlecht weg kommt die Post, die vor ihrer Filiale beim Bahnhof „keinen einzigen Veloparkplatz“ anbietet. „Parkiert wird trotzdem – gezwungenermassen illegal“, schreibt Hoffmann und fügt im Text zum Beweis ein Foto an.
„Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-Jährige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt Thomas Hoffmann.
Einen kleinen Erfolg konnte der frühere Redaktionsleiter beim Zürcher Verlag Lokalinfo AG bereits verbuchen. Die Stadt beteiligt sich zum ersten Mal am „Prix Velo Städte“ der Lobbyorganisation Pro Velo Schweiz. Die Auszeichnung wird nur alle vier Jahre vergeben. Wieso beteiligt sich nun auch Wetzikon? „Dank einer Anfrage von mir. Im Juni mailte ich den Vorschlag an die Stadt – und das Tiefbauamt war interessiert“, erzählt Hoffmann, der hier seit 35 Jahren wohnt. Er kennt sich also bestens aus.
Bis November können Wetzikerinnen und Wetziker ihre Stadt vom Velosattel aus bewerten. Veröffentlicht werden die Ergebnisse dann im Frühling 2026. Vermutlich – oder ziemlich sicher – wird Wetzikon eher auf den hinteren Plätzen landen. Doch das könnte in vier Jahren dann schon anders aussehen. „Die Ergebnisse der Umfrage fliessen ganz im Sinne der städtischen Mobilitätsstrategie in die Weiterentwicklung der Veloinfrastruktur in der Stadt Wetzikon ein“, verspricht die Stadt in einer Mitteilung.
Positives Beispiel: Die überwachte Velostation beim Bahnhof Wetzikon wird von Mitarbeitenden aus dem Programm "Beschäftigung + Arbeitsintegration" der Stadt Wetzikon betrieben. Bild: Pascal TurinAus Sicht von Thomas Hoffmann könnte die Teilnahme am „Prix Velo“ ein Ansporn für alle sein: Die Politik sowie die Behörden sollen den Drahtesel fördern und die Bevölkerung soll sich häufiger aufs Velo schwingen. „Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-Jährige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt er. Die Menschen sollen mit Freude aufs Fahrrad steigen können und keine Angst vor gefährlichen Kreuzungen oder schwierigen Kreiseln haben müssen. „Je mehr Leute mit dem Velo unterwegs sind, desto wichtiger wird dieses Verkehrsmittel“, zeigt sich Hoffmann überzeugt.
Ob also Wetzikon dereinst die velofreundlichste Stadt der Schweiz wird? Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Doch unmöglich zu erreichen, ist es nicht.
Mehr Informationen unter www.velofreundliches-wetzikon.ch.

Eine typische Szene an der Zürcherstrasse in der Nähe des Bahnhofs Wetzikon: Wer hier mit dem Velo durch muss, braucht starke Nerven – selbst geübte Velofahrer wie Thomas Hoffmann. Bild: Pascal Turin
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