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In Zürich brummt die Wirtschaft, aber das Gewerbe ächzt

Auf dem Bild sieht man den Kreuzplatz als Baustelle, Stand 14. August 2025.Die Grossbaustelle am Verkehrsknotenpunkt Kreuzplatz in Zürich ist eines von verschiedenen Beispielen, wo Bedürfnisse des Gewerbes und der Stadt aufeinanderprallen. Bild: Lorenz Steinmann

In der Stadt Zürich wächst die Beschäftigung insgesamt, doch das Gewerbe tritt auf der Stelle. Dies zeigt eine neue Studie. Ein Problem neben den vielen Baustellen könnten die hohen Mieten für Gewerbeflächen sein. Eine Analyse.

Der „Tages-Anzeiger“ berichtete darüber, der Regionalsender Tele Z war für eine Reportage vor Ort und die „Neue Zürcher Zeitung“ doppelte kurz darauf nach: Die Baustelle am Kreuzplatz sorgt beim ansässigen Gewerbe für Ärger. Die Stadt Zürich erneuert dort noch bis Dezember die Leitungen und saniert die Gleise. Ausserdem will die Verwaltung am Verkehrsknotenpunkt, wo neben der Buslinie 31 die Trams 8 und 11 sowie die Forchbahn durchfahren, die Haltestellen hindernisfrei ausbauen und Verbesserungen für den Veloverkehr umsetzen.

Der Tenor der Kritikerinnen und Kritiker: Nach der Sanierung der Forchstrasse im vergangenen Jahr und der sowieso schon polarisierenden Rad-WM 2024 kommt es nun schon wieder zu starken Beeinträchtigungen für die Läden und Restaurants.

Dass Grossbaustellen – und Grossanlässe – für Unmut sorgen, ist eigentlich nicht neu. Doch gefühlt nehmen die Beschwerden zu. Insbesondere der bürgerlich dominierte Gewerbeverband der Stadt Zürich hält sich nicht mit genereller Kritik an der Arbeit der links-grünen Zürcher Stadtregierung und der Stadtverwaltung, aber auch an den Entscheidungen des Gemeinderats zurück.


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Stadt beschwichtigt und setzt auf Information

„Die Stadt ist sich bewusst, dass Baustellen oder Grossanlässe wie die Rad- und Para-Cycling-WM mit Einschränkungen verbunden sind“, heisst es auf Anfrage beim Präsidialdepartement. Genau deshalb setze sie alles daran, die Auswirkungen für Anwohnende und Gewerbetreibende möglichst gering zu halten. „So geschehen beim erwähnten Beispiel vom Kreuzplatz, wo die Bauzeit durch intensive Arbeiten zwischen Mai und Dezember 2025 möglichst kurzgehalten wird“, sagt Sebastian Hos, Stabsmitarbeiter der Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP).

Und weiter: Die Stadt stehe im Austausch mit Anwohnenden und Gewerbe, informiere regelmässig über Anwohnerrundschreiben und habe vor Baustart eine öffentliche Informationsveranstaltung für das Quartier und das lokale Gewerbe durchgeführt. Auch bei der Rad- und Para-Cycling-WM sei mit Bekanntgabe der Verkehrsmassnahmen Anfang 2023 frühzeitig kommuniziert worden. „Insgesamt wurden durch die Dienstabteilung Verkehr 650 Begehungen, Gespräche und Informationsanlässe mit Stakeholdern durchgeführt, darunter zahlreiche Termine mit den Gewerbevereinen und einzelnen Gewerbetreibenden“, betont Hos.

Das Bild zeigt den Limmatquai in Zürich während der Rad-WM im September 2024.Die permanente Sperrung des Limmatquais während zehn Tagen im September 2024 für die Rad-WM sorgte für ziemlichen Missmut beim Gewerbe. Bild: Lorenz Steinmann

Nun macht aber auch eine Studie klar, dass in Sachen Gewerbe in der Limmatstadt definitiv nicht alles rund läuft. „Die Beschäftigung in der Zürcher Wirtschaft ist von 2011 bis 2022 stark gestiegen. Das Gewerbe hingegen hat stagniert“, heisst es in einer im Juli verschickten Medienmitteilung der Stadtentwicklung Zürich, die zum Präsidialdepartement gehört.

Gewerbestudie ermöglicht interessante Einblicke

2022 arbeitete rund jeder siebte Beschäftigte (13,8 Prozent) in Zürich im Gewerbe, wie einer Auswertung der Statistik der Unternehmensstruktur 2011 bis 2022 zu entnehmen ist. Gemäss der Stadtentwicklung werden als Gewerbe Kleinst- und kleine Unternehmen bis 49 Vollzeitstellen in den Bereichen Produktion und Handwerk, Reparatur und Instandhaltung, Gastronomie, Handel sowie quartierbezogene Dienstleistungen verstanden. Also zum Beispiel Autogaragen, Bäckereien, Coiffeursalons, Optikergeschäfte, Restaurants, Schreinereien oder Wäschereien.

Unterschieden wird zudem zwischen publikumsorientierten Gewerblern mit starkem Bezug zum Quartier und produzierenden Unternehmen. „Zum publikumsorientierten Gewerbe zählten 2022 total 43’653 Beschäftigte in 7871 Arbeitsstätten“, heisst es in der Mitteilung. Die Zahl der Beschäftigten und der Arbeitsstätten sei zwischen 2011 und 2022 je um 5 Prozent gestiegen. „Im produzierenden Gewerbe waren es 2022 noch 30’604 Beschäftigte in 6431 Arbeitsstätten“, so die Stadtentwicklung. Das entspreche einem Rückgang von 10 beziehungsweise 1 Prozent.

  • Das publikumsorientierte Gewerbe war 2022 in der Innenstadt zahlenmässig stark vertreten. Spitzenreiter war das Quartier City (Bahnhofstrasse, Paradeplatz und Co.) mit total 4865 Beschäftigten.
  • Im produzierenden Gewerbe gab es mit Altstetten und seinen 4345 Beschäftigten eine klare Nummer Eins. An zweiter Stelle folgte Seebach mit 2743 Beschäftigten.
  • Die meisten Gewerbe-Beschäftigten in der Branche Handel fanden sich laut Studie 2022 im Quartier City mit 3076 Personen (ganze Stadt total 24’930 Beschäftigte).
  • In der Gastronomie (19’055) dominierte das Quartier Langstrasse mit 2403 Beschäftigten.
Das Bild zeigt die Badenerstrasse während der Bauzeit vom Mai 2024 bis Juni 2025.Für viele Diskussionen wegen schlecht zugänglichen Gewerbebetrieben sorgte die Baustelle an der Badenerstrasse. Die Sperrung dauerte mit Unterbrüchen von Mai 2024 bis Juni 2025. Bild: Lorenz Steinmann

Attraktive Rahmenbedingungen fürs Gewerbe schaffen

Im Communiqué, das die Stadt zur Gewerbestudie 2025 verschickt hat, lässt sich Anna Schindler zitieren. „Die Stadt Zürich setzt sich gemäss ihren Strategien Zürich 2040 für eine diversifizierte Wirtschaft ein“, so die Direktorin der Stadtentwicklung. Das Gewerbe trage massgeblich zum Erhalt der Vielfalt an Branchen und Fachkräften in Zürich bei. Schindler, die die Dienstabteilung seit 2011 leitet: „Attraktive Rahmenbedingungen für das Gewerbe und die gesamte Wirtschaft sind daher ein zentrales Ziel der Stadt.“

Wir wollten wissen, wie solche Rahmenbedingungen konkret aussehen.

„Die verlässliche Finanz- und Steuerpolitik der Stadt Zürich ist eine zentrale Rahmenbedingung für eine möglichst hohe Planbarkeit bei den Unternehmen“, betont Sebastian Hos vom Präsidialdepartement. Die städtischen Investitionen in die öffentliche Infrastruktur, in Schulen sowie Betreuungsangebote und Erholungsräume seien wichtig für die hohe Standortqualität. Sie würden das Rekrutieren und Halten von Fachkräften in verschiedensten Berufen erleichtern.

Dem gegenüber stehen Aussagen der City-Vereinigung Zürich. Sie hat im Juni ihre Mitglieder dazu aufgerufen, bei der aktuellen Firmenbefragung der Stadt die Stimme zu erheben: „Als Wirtschaftsverband stellen wir fest, dass viele unternehmerische Anliegen zu wenig gehört werden – sei es bei den hohen Gewinnsteuern, dem massiven Abbau von Parkplätzen, der mühsamen Baubewilligungspraxis oder dem steigenden Regulierungsdruck.“

Das Bild zeigt die Baustelle Im Kochareal, wo die Stadt Zürich und verschiedene Genossenschaften beteiligt sind (Stand 14.8.2025).Auf dem Kochareal realisiert die Stadt Zürich ein weiteres Gewerbehaus. Das Bild stammt von der Baustellen-Webcam und zeigt den Baufortschritt am 14. August 2025. Bild: zvg

Auf dem Koch-Areal entsteht ein Gewerbehaus

Die seit 2005 von der Stadt durchgeführten Firmenbefragungen zeigen ausserdem, dass sich Verfügbarkeit und Mietpreisniveau von Produktions- und Verkaufsflächen für kleinere Unternehmen verschlechtert haben. Das zu ändern, dürfte allerdings schwierig sein.

Mit der Bau- und Zonenordnung (BZO) 2016 sind immerhin die verbliebenen Industriezonen in Zürich vorerst gesichert. Der Erhalt der Industriezonen könnte für die Zukunft der zahlreichen Gewerbebetriebe in der Stadt entscheidend sein. „Nur in den Industriezonen sind stark störende wirtschaftliche Tätigkeiten, wie sie beispielsweise in der Produktion oder Logistik vorkommen können, überhaupt noch zulässig“, erklärt Stabsmitarbeiter Sebastian Hos. Zudem seien die Boden- und die Mietpreise aufgrund der Nutzungsbeschränkungen tiefer als in anderen Zonen.

In der BZO gelten an ausgewählten Lagen spezielle Bestimmungen zugunsten publikumsorientierter Nutzungen wie Restaurants oder Verkaufsgeschäfte in den Erdgeschossen. „Liegenschaften Stadt Zürich vermietet in den eigenen Liegenschaften preisgünstige Gewerberäume insbesondere auch an kleingewerbliche Betriebe“, sagt Hos. Ausserdem, fügt er an, dass die Stadt die Realisierung von Gewerbehäusern im Baurecht wie beim Gewerbehaus West in Altstetten, dem Örlikerhus in Zürich-Nord oder neu dem Gewerbehaus MACH auf dem Koch-Areal ermögliche.

Fazit: Das wirtschaftliche Wachstum in Zürich ging nicht auf das Konto des Gewerbes. Wie es von der Stadt heisst, findet regelmässig Austausch mit Vertreterinnen und Vertretern aus den unterschiedlichsten Branchen und Wirtschaftszweigen statt. Die Gewerbestudie 2025 ist insofern also eine wichtige Grundlage für die Verwaltung und die Politik, um die aktuelle Situation zu beurteilen und mögliche Verbesserungen anzustossen. Ob das allerdings reicht, um das Zürcher Gewerbe zu stärken, wird sich zeigen.

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