Wir bleiben dran

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  • 5 Minuten

    Geschlechterverhältnis auf dem Prüfstand: Im Gemeinderat reden vor allem die Männer

    Der Eingang des Rathauses Hard in Zürich.Der Gemeinderat debattiert jeweils am Mittwochabend im Rathaus Hard im Kreis 4. Eine Auswertung zeigt, dass im Stadtzürcher Parlament vor allem die Männer reden. Bild: Pascal Turin

    Der Tätigkeitsbericht des Gemeinderats Zürich ist eine Fundgrube. Eine Auswertung ist besonders spannend. Das Parlament hat die Redezeit von Männern und Frauen vergleichen lassen. An der Spitze stehen drei Männer. Frauen könnten fast ein Drittel länger sprechen – erst dann wäre das Verhältnis aus­geglichen.

    Es sind zwölf Seiten mit hübschen Diagrammen, die einen Eindruck bestätigen, den wohl schon einige Besucherinnen und Besucher von Debatten im Stadtzürcher Gemeinderat gewonnen haben. Im Parlament wird viel geredet und besonders gesprächig sind die Männer. Dies, obwohl böse Zungen behaupten, dass die Debatten häufig für die Galerie sind, also für Zuschauende und Medien, und die Parlamentarierinnen und Parlamentarier währenddessen Zeitung lesen oder auf dem Smartphone tippen.

    Doch zurück zum eigentlichen Thema: Die Beilage zum Tätigkeitsbericht des Gemeinderats, die kürzlich veröffentlicht wurde, lässt keine Zweifel mehr zu. Der männliche Drang, das Mikrofon einzuschalten, ist real: Samuel Balsiger von der SVP hielt im Amtsjahr 2024/25 164 Voten, mit deutlichem Abstand gefolgt von GLP-Gemeinderat Sven Sobernheim mit 111 Wortmeldungen und SVP-Gemeinderat Stefan Urech mit 110 Voten. Johann Widmer, ebenfalls von der SVP, schaffte es mit 101 Wortmeldungen knapp nicht in die Top 3.


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    Natürlich ist der Parlamentsbetrieb kein Wettbewerb, aber ohne Medaillenchancen blieb AL-Gemeinderätin Tanja Maag. Sie landete mit 78 Wortmeldungen auf Platz 5.

    Hier die Top 10 der Wortmeldungen:

    1. Samuel Balsiger (SVP) ==> 164 Voten
    2. Sven Sobernheim (GLP) ==> 111
    3. Stefan Urech (SVP) ==> 110
    4. Johann Widmer (SVP) ==> 101
    5. Tanja Maag (AL) ==> 78
    6. Stephan Iten (SVP) ==> 74
    7. Michael Schmid (AL) ==> 72
    8. Sophie Blaser (AL) ==> 64
    9. Balz Bürgisser (Grüne) ==> 59
    10. Moritz Bögli (AL) ==> 58

    SVP-Fraktionspräsident führt die Liste der Langredner an

    Auch bei der Redezeit führt Samuel Balsiger die Liste an. Kein Wunder, ist Balsiger doch PR-Fachmann bei der berühmt-berüchtigten Goal AG und selbstständig erwerbend im Kommunikationsbereich. Der SVP-Fraktionspräsident redete im Amtsjahr 2024/25 sage und schreibe 7 Stunden und 32 Minuten lang. Balz Bürgisser von den Grünen wirkt dagegen mit 3 Stunden und 16 Minuten schon fast redefaul. Dabei ist er als ehemaliger Prorektor und Mathematiklehrer am Realgymnasium Rämibühl sprechen durchaus gewohnt.

    Um Platz 3 und 4 stritten sich zwei Parteikolleginnen und Parteikollegen: Die AL-Vertretungen Michael Schmid (3 Stunden und 9 Minuten) sowie Tanja Maag (3 Stunden und 4 Minuten) gaben sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

    Hier die Top 10 der Redezeit:

    1. Samuel Balsiger (SVP) ==> 7 Stunden, 32 Minuten
    2. Balz Bürgisser (Grüne) ==> 3 Stunden, 16 Minuten
    3. Michael Schmid (AL) ==> 3 Stunden, 9 Minuten
    4. Tanja Maag (AL) ==> 3 Stunden, 4 Minuten
    5. Stefan Urech (SVP) ==> 2 Stunden, 58 Minuten
    6. Derek Richter (SVP) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
    7. Stephan Iten (SVP) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
    8. David Garcia Nuñez (AL) ==> 2 Stunden, 41 Minuten
    9. Sophie Blaser (AL) ==> 2 Stunden, 40 Minuten
    10. Johann Widmer (SVP) ==> 2 Stunden, 27 Minuten

    Politikerinnen und Politiker von AL und SVP reden häufig

    Was auffällt, ist, dass AL und SVP ein Rededuell ausfechten. Die zwei Pol-Parteien versuchen offensichtlich, sich im von Rot-Grün dominierten Gemeinderat Gehör zu verschaffen. „Die Auswertung widerspiegelt das häufig vorkommende Hin und Her zwischen SVP und AL. Nach Voten der einen folgen immer wieder Vorwürfe der anderen“, so der „Tages-Anzeiger“. 

    Insgesamt gab es 2902 Wortmeldungen. Nach Fraktionen aufgeschlüsselt bedeutet das: Die SVP-Fraktion meldete sich mit 694 Voten am häufigsten, gefolgt von der SP (447), der FDP (424), den Grünen (387), der AL (365), der GLP (363), der Mitte/EVP (220) sowie den Wortmeldungen fraktionsloser Mitglieder (2). Die AL und die SVP haben im Verhältnis zu ihrem Anteil im Rat hohe Redeanteile. Während 8 Vertreterinnen und Vertreter der Alternativen Liste im Stadtzürcher Parlament sitzen, sind es bei der SVP deren 14. Ebenfalls einen leicht höheren Anteil an Wortmeldungen im Verhältnis zu ihrem Anteil im Rat haben die GLP sowie die Mitte/EVP.

    Die Frauen ergriffen 868-mal das Wort

    Ins Auge sticht, dass sich Sven Sobernheim von den Grünliberalen im vergangenen Amtsjahr zwar häufig zu Wort gemeldet hat, er sich dabei aber offensichtlich kurz hielt. Er taucht in der Top 10 der Langrednerinnen und Langredner nicht auf. Der Gemeinderat aus dem Kreis 11 scheint sich die Redewendung „In der Kürze liegt die Würze“ zu Herzen genommen zu haben.

    Ausserdem lassen sich sehr wenige weibliche Namen in den Top 10 finden. Im Amtsjahr 2024/25 ergriffen die Frauen 868-mal das Wort (29,9 Prozent), die Männer hingegen 2034-mal (70,1 Prozent). Laut dem Tätigkeitsbericht waren am Ende des Amtsjahres 2024/25 46 Frauen und 79 Männer im Gemeinderat vertreten.

    Die Frauen sprachen 32,7 Stunden (29,4 Prozent), die Männer 78,5 Stunden (70,6 Prozent). Der Unterschied zwischen dem Redeanteil der Frauen (29,4 Prozent) und ihrem Anteil im Parlament (37,7 Prozent) betrug 8,3 Prozentpunkte. „Wollten die Frauen ihren Redeanteil von 29,4 Prozent auf 37,7 Prozent erhöhen, müssten sie 41,9 Stunden sprechen“, heisst es in der Auswertung des Gemeinderats. Dazu müssten sie ihre Redezeit um 28,1 Prozent steigern.

    Ungleichgewichte in der Debattenkultur sichtbar machen

    Der Hintergrund zu den detaillierten Auswertungen ist ein Beschluss im Gemeinderat aus dem Jahr 2022. Die SP und die Grünen wollten, dass die Zahl der Voten und die Redezeit nach Geschlechtern analysiert werden. „Das Stadtzürcher Parlament bekommt ein ‚Genderwatch-Protokoll‘ – zum Entsetzen der Bürgerlichen“, titelte die „Neue Zürcher Zeitung“.

    Marion Schmid, heutige alt Gemeinderätin der SP, betonte damals in der Debatte: „Wir wollen niemandem einen Maulkorb verpassen, wir wollen niemandem das Recht im Parlament zu sprechen einschränken.“ Schmid hatte den Beschlussantrag zusammen mit Selina Walgis von den Grünen eingereicht.

    In der Beilage zum Tätigkeitsbericht wird der Auftrag neutral formuliert: „Eine Analyse der Voten soll Erkenntnisse über die Beteiligungsmuster in den Gemeinderatssitzungen liefern und allfällige Ungleichgewichte in der Debattenkultur sichtbar machen.“

    Über Sinn und Unsinn dieses „Genderwatch-Protokolls“ diskutierten übrigens jüngst SP-Nationalrätin Min Li Marti und alt Gemeinderat Markus Kunz (Grüne) in ihrem Podcast „Inside Bullingerplatz.“ Auf eine Auswertung, ob Marti oder Kunz in der Podcast-Folge häufiger oder länger redeten, verzichten wir an dieser Stelle.


  • 2 Minuten

    Ekelfrass in Zürcher Badis

    Auf dem Bild ist ein Sandwich zu sehen auf einem Badetuch.Das Kantonale Labor hat Badi-Restaurants auf ihre Gesundheits-Hygiene kontrolliert. Die Resultate und vor allem die Einschätzung durch das Kantonale Labor verblüffen. Bild: Kantonales Labor Zürich/Mirjam Widmer

    In fünf Zürcher Badis war das getestete Essen so schlimm, dass das Kantonale Labor schreiben muss: „für den menschlichen Konsum nicht geeignet“. Welche Betriebe das sind, bleibt aber ein Geheimnis. Dass nur 79 Prozent der genommenen Proben den rechtlichen Anforderungen entsprechen, ist für das Kontrollorgan kein Grund zur Sorge.

    Das Kantonale Labor Zürich hat kürzlich seinen Jahresbericht herausgegeben. Er umfasst nur 20 Seiten. Wer mehr wissen will, muss für jedes Thema einen QR-Code scannen.

    Vergangenes Jahr wurden die Badi-Küchen untersucht. Also jene saisonalen Gastrobetriebe, die es in jeder Sommer-Badi hat. Vom Hero-Büchsensalat bis zur ausgeklügelten Pasta-Delikatesse, vom Frisco-Glace bis zur hausgemachten Mare di Nutella ist alles zu finden.

    Saucen & Co. im Visier

    Wähen, Salate, vorgegartes Fleisch, Saucen und Dips wurden kontrolliert, heisst es auf Anfrage von Rathuus. Ausserdem auch Pasta, Reis und Kartoffeln.

    Von den genommenen 110 Proben fanden die Kontrolleurinnen und Kontrolleure bei fünf Proben sehr hohe Richtwertüberschreitungen: „Die stark belasteten Lebensmittel waren für den menschlichen Konsum nicht mehr geeignet“, so das Amt, das zur Gesundheitsdirektion gehört. Bei zusätzlichen 18 Proben musste die „Nichteinhaltung der guten Verfahrenspraxis“ beanstandet werden. Übersetzt in die Alltagssprache bedeutet dies „zu lange Lagerung, zu hohe Lagertemperaturen und hygienische Fehler beim Umgang mit den Speisen“. Definitiv keine Bagatellen, eher etwas, das Bauchschmerzen oder Schlimmeres verursachen kann.


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    Jede fünfte Probe fiel durch

    Fazit der Stichproben durch das Kantonale Labor: Jede fünfte Probe musste entweder beanstandet werden, oder sie war für den menschlichen Konsum sogar nicht geeignet.

    Trotzdem schreibt das Kantonale Labor, dass die kontrollierten Lebensmittel in den Badis „in guter mikrobiologischer Qualität“ gewesen seien.

    Man fragt sich, in welcher Welt die Kontrolleurinnen und Kontrolleure leben.

    Vor allem: Welche Schmuddel-Badi-Kantinen stellen Salate und Fleischgerichte her, die Menschen nicht essen dürfen? Das werde nicht verraten: „Dies verbietet uns die Lebensmittelgesetzgebung (Schweigepflicht)“, so die Antwort des Kantonalen Labors.

    Eine Badi war so schlimm, dass sie auch die Nachkontrolle nicht bestand. Die verantwortliche Person sei dazu verpflichtet worden, „bis zum Beginn der Saison 2025 eine Hygieneschulung des gesamten Küchenpersonals durch ein privates Labor zu organisieren“, schreibt der Kantonschemiker Martin Brunner gegenüber Rathuus.

    Der (nicht ganz ernst gemeinte) Rathuus-Sommertipp

    Wer nun durch die Resultate der Laboruntersuchungen aufgeschreckt sein sollte, für den haben wir den Rathuus-Tipp parat: Man kann immer noch daheim etwas vorkochen und dann in der Badi essen. Das ist vermutlich günstiger – und in manchen Badis vielleicht sogar gesünder.


  • 6 Minuten

    Die fast schon vergessenen Politikerinnen der ersten Stunde

    Hedi Lang sitzt 1987 an ihrem Schreibtisch. Vor ihr liegen Papiere. Neben ihr ist eine Schreibmaschine zu sehen.Hedi Lang, hier in einer Aufnahme von 1987, wurde als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt. Die Sozialdemokratin war die erste Frau im Zürcher Regierungsrat. "Hedi national" starb 2004 nach langer Krankheit im Alter von 72 Jahren. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C20-021-004-002-002

    Erst 1971 traten die ersten Frauen in der Schweiz als Bundespolitikerinnen ihr Amt an. Ein neues Buch der Historikerin Fabienne Amlinger blickt zurück und gibt Schweizer Polit-Pionierinnen eine Stimme – darunter auch solchen aus dem Kanton Zürich.

    Der grosse Tag ist endlich da. Hedi Lang nimmt einen tiefen Atemzug. Sie denkt an ihren Ehemann, einen früheren Nationalrat. Die Wetziker Sozialdemokratin soll sich damit beruhigt haben, dass sie wisse, „wie das da oben in Bern zugeht“. Der späteren Regierungsrätin wird im Laufe ihrer Karriere sogar der Spitzname „Hedi national“ verliehen – so beliebt ist sie im Volk.

    Die Männerrunde kann die Stadtzürcherin Martha Ribi hingegen nicht mehr gross beeindrucken. Sie hat als FDP-Kantonsrätin gelernt, sich als einzige Frau in Männergremien durchzusetzen. Aber sie kann das ungeschriebene Gesetz, dass man sich in der ersten Session nicht zu Wort meldet, nicht in Einklang bringen mit den Erwartungen der Wählerinnen. „Die brennen darauf, uns in Bern oben zu hören, von uns zu lesen und uns am Bildschirm zu sehen.“

    Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer endlich Ja zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Damit bahnte sich eine Zeitenwende an. Denn nun stand den Frauen das Bundeshaus offen – zumindest theoretisch, wenn sie von Parteien aufgestellt und von den Wahlberechtigten gewählt wurden. Hedi Lang und Martha Ribi hatten den Sprung nach Bern geschafft.


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    Frauen in den Mittelpunkt stellen

    Auch eine andere Stadtzürcherin, nämlich Lilian Uchtenhagen von der SP, betrat am 29. November 1971 den Nationalratssaal. Von den Frauen im Parlament erwartete sie einiges, wie im kürzlich erschienenen Buch „Unerhört. Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus“ zu lesen ist. Uchtenhagen ging es „um einen besonderen Stil, der Frauen auszeichnen sollte, eine Solidarität gegenüber den Menschen allgemein und den Frauen im Besonderen“. Die Sozialdemokratin hätte 1983 als Nachfolgerin von Willi Ritschard sogar als erste Frau in den Bundesrat gewählt werden können – wäre sie nicht von der bürgerlichen (männlichen) Mehrheit ausgebremst worden.

    Die Historikerin Fabienne Amlinger hat ein Buch geschrieben, das man als Politik-Nerd nicht aus der Hand legen kann. Nein, nicht weil es ein packender Thriller über Intrigen im Weissen Haus wäre. „Unerhört“ rückt die Schweizer Polit-Pionierinnen und die ihnen nachfolgenden Politikerinnen ins Zentrum. Man kann Amlingers Werk nicht aus der Hand legen, weil einem (peinlich) bewusst wird, wie wenig man eigentlich über die ersten Frauen in der Schweizer Bundespolitik weiss.

    „Unerhört“ enthält verschriftlichte Gespräche mit den ehemaligen Nationalrätinnen Lili Nabholz (FDP), Gabrielle Nanchen (SP), Monika Stocker (Grüne), Rosmarie Zapfl (CVP – heute Die Mitte) und Elisabeth Zölch (zuerst SVP, dann BDP). Die Politikerinnen vermitteln ihre ganz persönlichen Erinnerungen an ihre Zeit in Bundesbern.

    So auch Lili Nabholz, die zwischen 1987 und 2003 im Nationalrat sass. Sie erinnert sich zurück an ihren ersten Tag im Bundeshaus: „Als ich durch die Pforte trat und an den drei Eidgenossen vorbei die grosse Treppe hinaufstieg, war das einerseits ein erhabener Moment“, sagt die Freisinnige. Andererseits sei dieser Ort für sie Terra incognita gewesen. Sie habe mangels Erfahrung in einem städtischen oder kantonalen Parlament keine Ahnung gehabt, wie der Ratsbetrieb funktioniere.

    „Bald merkte ich, dass es viele ungeschriebene Regeln gab. So war es verpönt, dass die Neuen im Rat in der ersten Session etwas sagten“, erinnert sich die Zürcherin. Allerdings stand eine Motion zur getrennten Besteuerung von Ehegatten zur Diskussion – und Nabholz trat ans Rednerpult. Anschliessend sei das Geraune losgegangen. „Denn erstens teilten die Mitglieder meiner Fraktion meinen Standpunkt nicht, und zweitens galt es als ungehörig, in der ersten Session ein Votum abzugeben.“

    In der gleichen Phase kam die spätere Zürcher Stadträtin Monika Stocker nach Bundesbern. Sie war von 1987 bis 1991 Mitglied des Nationalrats. „Zu meiner Zeit sassen nur wenige Frauen im Parlament. Im Nationalratssaal sahst du einfach ein graues Heer von Männern und ein paar Farbtupfer: die Frauen“, so die Politikerin der Grünen. Das habe sie schon ein bisschen „hässig“ gemacht. „Es kam mir auch so lähmend vor. Zudem merkte ich rasch, dass es da nicht nur um Politik ging“, erinnert sich Stocker. „Diese Männerbünde gingen weit darüber hinaus.“

    Historikerin Fabienne Amlinger fotografiert vor einer Backsteinmauer.In fünf Essays eröffnet die Historikerin Fabienne Amlinger in ihrem Buch neue Perspektiven auf das Ende der Männerdemokratie und die ersten Politikerinnen im Bundeshaus. Bild: Lisa Maria Brand, Einbrandfoto

    Noch immer keine Selbstverständlichkeit

    Die Politikerinnen brachten definitiv frischen Wind nach Bundesbern. Das wird einem bei der Lektüre des Buchs klar. Oder wie es Amlinger, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern arbeitet, formuliert: „Überraschend ist das nicht, kann doch angenommen werden, dass eine junge Mutter, eine Witwe oder eine sich um kranke Angehörige kümmernde Berufstätige andere Lebensrealitäten und andere Perspektiven einnimmt als ein Ratskollege in meist gereiftem Alter und mit einer Ehefrau an der Seite, die für sein Wohl sorgt.“

    Doch heute ist alles anders. Im Jahr 2025 sind Frauen in der Politik normal, sie haben sich in der ehemalig reinen Männerwelt etabliert. Oder trügt dieser Eindruck?

    Wir wollen bei der Wissenschafterin Fabienne Amlinger nachfragen und erreichen sie am Telefon. Nach einem kurzen, freundlichen Austausch kommt sie zur Sache: „Auf Kantons- und Gemeindeebene gibt es Regierungen ohne Frauen, die also frauenlos sind“, sagt Amlinger. Selbst auf höchster Ebene, beim Bundesrat, zeige sich, dass Frauen in der Exekutive keine Selbstverständlichkeit seien. Die Forscherin erinnert an die Diskussionen und mediale Aufregung, als 2010 zum ersten Mal vier Frauen in der siebenköpfigen Landesregierung sassen. „Heute sind es gerade mal wieder zwei Frauen.“

    Es stellt sich die Frage, an was das liegt. Viele Politiker (und manche Politikerinnen) romantisieren die sogenannte Ochsentour. Nur wer sich in der Partei verdient gemacht hat, darf sich Hoffnung auf höhere Weihen machen.

    Aus Amlingers Sicht braucht es ein Umdenken bei den Parteien. Das fängt damit an, wann Sitzungen stattfinden, wie Neumitglieder gewonnen oder die Wahllisten gestaltet werden. „Frauen übernehmen immer noch einen deutlich grösseren Teil der Care-Arbeit. Wenn Sitzungen immer sehr lange dauern und abends stattfinden, wird es für sie schwierig, daran teilzunehmen“, gibt Amlinger zu bedenken. Der Ochsentour will sie nicht zu viel Gewicht beimessen. In der Politik gehe es um Macht – und die werde nicht gern geteilt – ganz unabhängig davon, ob jemand mühevoll die Karriereleiter aufgestiegen oder ein Quereinsteiger sei.

    Das Ende der Männerdemokratie

    „Es mangelt oft am Willen der Parteien, Frauen auf aussichtsreiche Listenplätze zu setzen.“ Amlinger erwähnt die überparteiliche Bewegung „Helvetia ruft!“. Deren Ziel ist es, möglichst viele Frauen auf die Kandidierendenlisten für die eidgenössischen Wahlen zu bringen. Positivbeispiele sind aus ihrer Sicht die links-grünen Parteien, die explizit Wert auf die Frauenförderung in der Politik legen. Luft nach oben haben wenig überraschend die bürgerlichen Parteien. „Die nationale Frauenorganisation der SVP ist von der Partei aufgelöst worden. Die Parteileitung sah keine Notwendigkeit für eine solche Gruppe. Das sagt schon alles“, so die Historikerin.

    In fünf Essays eröffnet Fabienne Amlinger neue Perspektiven auf das Ende der Männerdemokratie und die ersten Politikerinnen im Bundeshaus. „Unerhört“ kann darum Ansporn für junge Frauen sein, eine Politkarriere einzuschlagen. Ein erstes Interesse scheint geweckt. Zumindest wenn man die Buchvernissagen im Karl der Grosse in der Zürcher Altstadt und in der Dampfzentrale Bern zum Massstab nimmt. Laut Amlinger sassen auch junge Menschen im Publikum, darunter Jugendliche, die noch gar nicht wählen dürfen. Das freute sie besonders.

    Fabienne Amlinger: Unerhört. Die ersten Politikerinnen im Bundeshaus, 2025, 240 Seiten, Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, Zürich.


  • 6 Minuten

    Sie will das EVP-Wunder schaffen

    Auf dem Bild sieht man Gemeinderätin Sandra Gallizzi.Sie will für die EVP in den Stadtrat von Zürich: Sandra Gallizzi. Bild: zvg

    Sandra Gallizzi ist Gemeinderätin in Zürich und will Stadträtin werden. Sie wäre die erste EVP-Vertretung seit Ruedi Aeschbacher. Gallizzi hat frisch von der Leber weg unseren Rathuus-Fragebogen ausgefüllt. Sie erklärt, warum sie Katharina von Zimmern bewundert und weshalb sie in Zürich nur sehr selten auswärts essen geht.

    Sandra Gallizzi, wie wurden Sie politisiert?
    Dies war ein längerer Prozess. Über die Jahre hinweg hatte ich mich immer wieder über Entscheide aus der Politik oder Abstimmungsresultate geärgert. Als Resultat davon musste ich mir dann immer wieder anhören, ich solle in die Politik gehen und etwas ändern. Was ich dann auch tat. Nach dem Motto „nicht nur die Faust im Sack machen und reklamieren, sondern sich selber engagieren, um etwas bewegen zu können“. 

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Verschiedenes, mit etwa sieben Jahren wollte ich Masseurin werden, später wollte ich auf die Post, weil ich von unserem Postbeamten in meinem Heimatort beeindruckt war. Sein Stempel, den er bei den Einzahlungen auf jeden Abschnitt „schmetterte“, gefiel mir so sehr. Als Teenagerin wäre ich auch noch gerne Sängerin geworden, da ich sehr gerne singe und im Zeugnis immer eine 6 hatte in diesem Fach.

    „In der Stadtzürcher Politik beschäftigt mich natürlich die Wohnungsnot, die finanziellen Belastungen der Familien und des Mittelstandes.“


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    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Die vielen weltweiten Konflikte, diese vielen unsinnigen Kriege und damit verbunden die unzähligen Toten, Verletzten, Traumatisierten, Vertriebenen, Hungernden …

    In der Stadtzürcher Politik ist es natürlich die Wohnungsnot, die finanziellen Belastungen der Familien und des Mittelstandes. Zudem finde ich es bedenklich, dass wir es nicht fertig bringen, gemeinsam Lösungen zu finden. Denn es geht nur gemeinsam!

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Ich war und bin meiner Partei treu! Wenn es nach meinem Vater ginge, dann wäre ich bei der SVP. Er ist Landwirt und daher natürlich ein Anhänger der SVP. Er findet, ich hätte dort wesentlich bessere politische Aufstiegschancen. Bei ihm zu Hause liegt auch regelmässig die Zeitschrift „Klartext“ herum. Natürlich habe ich auch schon darin geblättert, warum auch nicht. Ich kann andere Ansichten stehen lassen und respektieren. Es entstehen zwischen uns auch immer wieder interessante Diskussionen. Allerdings sind wir selten derselben Meinung.

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Ja. Für die Initiativen „Ja zu fairen AHV-Renten auch für Ehepaare“ und „Ja zu fairen Bundessteuern auch für Ehepaare“. Die EVP konnte mehr als zehn Prozent der benötigten Unterschriften zum Zustandekommen der beiden Volksbegehren beitragen. Leider wurden diese Bemühungen kaum irgendwo erwähnt. Sehr schade!

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Nelson Mandela, Lech Wałęsa und Michail Sergejewitsch Gorbatschow.

    „Mit Bundesrat Albert Rösti würde ich gerne mal was trinken gehen. Als Person finde ich ihn sehr sympathisch. Für mich sieht er aus wie ein Lausbub, der es faustdick hinter den Ohren hat.“

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit Bundesrat Albert Rösti. Als Person finde ich ihn sehr sympathisch. Für mich sieht er aus wie ein Lausbub, der es faustdick hinter den Ohren hat.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Die Restaurants in der Stadt sind zu teuer. Im Kanton kenne ich ein paar, die ich sehr mag und ab und zu, wenn ich meinen Vater im Thurgau besuche, mit ihm hingehe. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt meiner Meinung da auch. Das sind aber meine Geheimtipps und werden nicht verraten. Nur soviel sei gesagt, sie sind im „Züri Wyland“.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Ich kaufe es gelegentlich, und dann lese ich es auch.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Meinen Kleiderschrank aussortiert. Das schiebe ich erfolgreich vor mir her … (lacht.)

    Wer ist für Sie der oder die bedeutendste Zürcherin?
    Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin des Fraumünsterklosters. Sie war eine bemerkenswerte Frau und hat mit ihrem Wirken und mit ihren ausserordentlich mutigen Entscheidungen viel für unsere Stadt Zürich getan und viel „Ungemach“ verhindert. Ich bewundere sie sehr.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Ich persönlich halte nichts davon. Es gibt Menschen, die sehen das anders, das respektiere ich. 

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Ich konnte in meiner bisherigen Zeit im Gemeinderat schon einige Postulate mit einreichen. Jedes Mal, wenn diese im Gemeinderat behandelt und überwiesen werden an den Stadtrat, also nicht abgelehnt werden von den anderen Parteien, ist dies ein Erfolg. Darüber freue ich mich sehr.

    Was mich besonders gefreut hat, war die Überweisung meines Postulats 2024/94 „Umsetzung des Projekts Schaukiste für den roten Pavillon im Oerlikerpark und bessere Nutzung des Pavillons durch die Bevölkerung“.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Da kommt mir nichts in den Sinn. Ich würde sagen, der blieb mir bisher erspart.

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Da ich erst seit April 2023 im Gemeinderat bin, hatte ich bisher leider nicht die Ehre, im alten Rathaus zu sitzen. Ich habe von verschiedener Seite gehört, dass die Platzverhältnisse dort leider sehr beengend seien.

    „Ich finde, die Bullingerkirche wurde sehr gelungen umgenutzt. Daher würde ich es bevorzugen, dort zu bleiben. Für mich macht es Sinn. Schliesslich wurde auch bereits viel Geld investiert ins Rathaus Hard.“

    Es gefällt mir im Rathaus Hard sehr gut. Es hat überall viel Platz, bietet alles, was man braucht, und der Ort ist gut erreichbar. Ich finde, die Bullingerkirche wurde sehr gelungen umgenutzt. Daher würde ich es bevorzugen, dortzubleiben. Für mich macht es Sinn. Schliesslich wurde auch bereits viel Geld investiert.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Weder noch.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Beides eher nicht.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Das wechselt ständig. Es sind verschiedene schöne Landschaftsbilder aus aller Welt.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf das neue Amtsjahr. Und auf die Wahlen im März 2026, auch wenn es nun zuerst einmal ein herausforderndes, arbeitsintensives Vorbereitungsjahr werden wird.

    Und ganz persönlich freute ich mich ausserordentlich auf die Hochzeit meiner Tochter, die Mitte Mai stattgefunden hat.

    Und worüber können Sie lachen?
    Eigentlich über vieles … Ich lache sehr gerne, es tut gut und ist gesund. Ich lache zum Beispiel gerne über gute Witze (manchmal bis mir die Tränen kommen), über meine drei Kater und gelegentlich auch über mich selber.

    Sandra Gallizzi ist 53 Jahre alt und selbstständige diplomierte Fusspflegerin. Zuvor war Gallizzi über 20 Jahre im Gesundheitswesen tätig. 2023 wurde Gallizzi für die EVP in den Stadtzürcher Gemeinderat gewählt. Dort ist sie Mitglied der Sachkommission Sicherheit/Verkehr und stellvertretendes Mitglied der Geschäftsleitung. Auch ist Gallizzi seit zwei Jahren Mitglied der Geschäftsleitung der kantonalen EVP. Seit 2024 führt sie das Präsidium der EVP Stadt Zürich zusammen mit Claudia Rabelbauer. Im März 2026 kandidiert sie für den Stadtrat von Zürich.

    Letzter EVP-Vertreter im Stadtrat war von 1978 bis 1994 Ruedi Aeschbacher. Er ging als „Schwellenruedi“ in die Geschichte ein, weil er schon damals Verkehrsberuhigungsmassnahmen auf Quartierstrassen einführte.


  • 1 Minute

    Tram Affoltern – quo vadis?

    Visualisierung des geplanten Projekts Tram Affoltern. Zu sehen ist das Tram auf dem Tramtrasse, daneben die Autospur sowie der Velostreifen und das Trottoir. Alles ist grün, das Bild sieht idyllisch aus.Die vier Kilometer lange Strecke soll dereinst von der Haltestelle Brunnenhof (vorher Radiostudio) entlang der Wehntalerstrasse bis Holzerhurd führen. Visualisierung: zvg/VBZ

    Die Rathuus-Gründer Lorenz Steinmann und Pascal Turin fahren sehr gern Tram. Nur mit dem geplanten Tram Affoltern werden sie nicht richtig warm, weshalb sie dem Stadtzürcher ÖV-Projekt die achte Folge ihres Podcasts widmen. Zudem schwelgen die Podcaster in Ferienerinnerungen.

    Die achte Folge des Rathuus-Podcasts beginnt mit einem kurzen Rückblick auf unseren Besuch im Rathaus Hard. Dort haben wir (Lorenz Steinmann und Pascal Turin) Werbung für Rathuus gemacht und vielen Politikerinnen und Politikern die Hand geschüttelt.

    Danach gehen wir zum Hauptthema dieser Folge über – dem Tram Affoltern. Das Quartier im Stadtzürcher Norden soll mit einer vier Kilometer langen Tramlinie entlang der Wehntalerstrasse zwischen Brunnenhof und Holzerhurd mit dem Stadtzentrum verbunden werden. Doch das millionenteure Prestigeprojekt steht auf der Kippe. Wir erklären, warum und schauen in die Glaskugel.

    Zum Abschluss folgt die locker-leichte Rubrik “Unsere Lieblings-…” – dieses Mal geht es um Ferienerinnerungen. Während Pascal von seiner Reise nach Kanada schwärmt, erinnert sich Lorenz zurück an seine Tour durch die Sowjetunion.

    Lesestoff für Wissbegierige

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 8 Minuten

    Diese Freizeittipps von Politikerinnen und Politikern machen der Langeweile ein Ende

    Flache Illustration mit Wanderszene, Schloss Kyburg, See, Heissluftballon, Velofahrer und städtischen Kultursymbolen.Wenn Künstliche Intelligenz den Kanton Zürich zeichnet: ohne Gesichter, aber mit Heissluftballon. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

    Der Kanton Zürich bietet in puncto Freizeitbeschäftigungen viel Abwechslung. Doch manchmal gehen einem trotzdem die Ideen aus. Dann ist Inspiration gefragt und diese haben wir uns bei Kantonsrätinnen und Kantonsräten geholt.

    Wie wäre es mit einem Ausflug ins Technorama, mit einer Wanderung vom Uetliberg zur Felsenegg oder einer Schifffahrt auf dem Zürichsee? Klar, diese Ideen können dich nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Zudem kennst du schon alle Bilder im Kunsthaus und alle Tiere im Zoo auswendig. Doch wir bieten Hand zur Rettung – also eigentlich tun dies zwölf Kantonsrätinnen und Kantonsräte. Wir haben sie um Ausflugs- beziehungsweise Kulturtipps aus den Bezirken, in denen sie wohnen, gebeten. Berücksichtigt wurden die im Kantonsparlament vertretenen Parteien.

    Wir wollten wissen, welchen Ort, welches Museum und so weiter man unbedingt mal besucht haben muss. Ausserdem haben wir gefragt, ob es ein kulturelles Angebot gibt, dass die Politikerinnen und Politiker in ihrem Bezirk vermissen und was sie in ihrer Freizeit am liebsten tun.


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    Affoltern

    „Absolut grossartig“ findet Tamara Fakhreddine von der FDP einen Besuch am Hedinger Weiher. „Egal ob an einem sonnigen Frühlings-, Sommer- oder auch Herbstabend mit einem Schwumm und anschliessendem Glacé oder am Morgen früh, das ganze Jahr über, für einen erfrischenden Start in den Tag.“ Ein fixes Kino gebe es im Knonaueramt zwar nicht, aber immer wieder Kinoabende.

    In ihrer Freizeit ist die Kantonsrätin aus Bonstetten am allerliebsten draussen in der Natur, in Bewegung oder am Entdecken, Ausprobieren und Lernen von Neuem. Tamara Fakhreddine: „Dafür lasse ich mich ganz vielseitig inspirieren.“

    Andelfingen

    Die SP-Kantonsrätin Sibylle Jüttner erklärt, dass im Bezirk Andelfingen ein längerer Spaziergang in den Thurauen und ein Besuch der Klosterinsel in Rheinau zum absoluten „must“ gehören.

    „Unser Bezirk bietet viele kleinere kulturelle Angebote und es hat für alle etwas dabei“, sagt Jüttner. Es gebe Laientheater, Sportveranstaltungen und jedes Jahr gleich hinter ihrem Haus auf dem Andelfinger Müliberg ein Open-Air-Kino. Aus ihrer Sicht wäre es schön, wenn das Theater Kanton Zürich häufiger in ländlichen Regionen auftreten würde.

    In ihrer Freizeit bewegt sich Sibylle Jüttner in ihrem Bezirk sehr gern über und unter dem Wasser – sei es tauchen in Flurlingen oder laufen um den Husemersee.

    Bülach

    FDP-Kantonsrat Michael Biber: „Schweizweit einmalig und darum einen Besuch wert ist natürlich der Flughafen – wer es ruhiger mag, macht einen Ausflug an die Tössegg.“ Die Tössegg gehört zur Gemeinde Freienstein-Teufen und ist der Ort, an dem die Töss in den Rhein mündet.

    Im Bezirk Bülach vermisst der Politiker eigentlich kein kulturelles Angebot – „und wenn doch einmal, ist es nicht weit“. In seiner Freizeit bewegt sich der Bachenbülacher sehr gern im Freien.

    Dielsdorf

    EDU-Politiker Hans Egli findet, dass man das Mammutmuseum in Niederweningen unbedingt besuchen muss. Der Kantonsrat aus Steinmaur vermisst im Bezirk Dielsdorf kein kulturelles Angebot, „denn die Natur mit ihren Schätzen ist das wertvollste Erlebnis“. Egli liest sehr gern und spaziert mit seiner Frau durch die Natur.

    Ein Skelett eines Mammuts in einem Museum.Das Mammutmuseum gibt einen Einblick in spektakuläre eiszeitliche Funde. Bild: Mammutmuseum Niederweningen

    Dietikon

    Für den SVP-Kantonsrat Rochus Burtscher ist klar: „Dietikon hat ein beachtliches Kulturangebot, besonders mit traditionellen Veranstaltungen wie die Sichlete, die Chalä-Chilbi oder den Samichlauseinzug.“ Auch für andere Kulturliebhaber sei gesorgt. Das Kulturlokal Gleis 21 biete viel mit seinem abwechslungsreichen Programm aus Musik, Comedy und kulturellen Events – oft mit national bekannten Künstlern. Und wer es lieber ruhig und naturnah möge, solle unbedingt die Minigolf-Anlage beim Marmoriweiher besuchen – „eine der schönsten Anlagen der Region, eingebettet in idyllischer Umgebung“.

    Burtscher vermisst nichts: „Dietikon bietet alles.“ Alles sei in der Nähe – Fluss, Wald, Frei- und Hallenbad und vieles mehr. „Erholung pur!“, schwärmt der Limmattaler.

    In seiner Freizeit trinkt der SVP-Politiker am liebsten ein Bier oder einen guten Tropfen Wein mit Freunden in der „Zeus Music Bar“, wo er auch ab und zu seine Töchter mit ihren Freunden antreffe. „Oder ich gehe mit der Familie im Restaurant Heimat essen – muss man gewesen sein! Meine Verwandten aus den USA haben das Essen über den Klee gelobt.“ Ausserdem geht Rochus Burtscher gern in Unterengstringen Golf spielen, auch wenn sein Handicap am anderen Ende der Skala sei.

    Hinwil

    „Am liebsten bin ich zurzeit in der Natur rund um oder im Pfäffikersee“, sagt Benjamin Walder. In Pfäffikon befinde sich zudem direkt am Rundweg das Naturzentrum Pfäffikersee. Das kulturelle Angebot im Bezirk Hinwil habe aber noch viel Potential. „Am dringendsten erachte ich ein Angebot für Jugendliche“, so der Kantonsrat von den Grünen.

    Zurzeit trainiert Walder auf seinen ersten Halb-Ironman, „womit meine Freizeit im Moment vor allem durch das Trainieren bestimmt ist“. Der Halb-Ironman ist ein Triathlon-Wettkampf, der genau die Hälfte der Distanz eines vollständigen Ironman-Wettkampfs umfasst. Konkret sind das 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und 21,1 Kilometer Laufen. „Danach freue ich mich wieder auf etwas mehr Zeit für Freunde und Familie“, sagt der Wetziker.

    Horgen

    Alexia Bischof empfiehlt das Weinbaumuseum am Zürichsee auf der Halbinsel Au. Es präsentiert die Geschichte des Weinbaus und versteht sich als Begegnungsort für Weinfans. „Die idyllische Lage auf der Halbinsel Au macht den Besuch zu einem Erlebnis. Es lohnt sich, eine Runde zu Fuss zu machen“, sagt die Mitte-Politikerin. Sie finde, dass das kulturelle Angebot im Bezirk Horgen sehr vielfältig sei „und vermisse ehrlich gesagt nichts“. Es reiche von Kino, Theater, Ausstellungen, Museen über Konzerte bis zu vielen traditionellen Veranstaltungen. Es gebe für alle etwas.

    Auf die Freizeit angesprochen sagt die Wädenswilerin, dass sie am liebsten an die frische Luft gehe und es in der näheren Umgebung geniesse. „Eine Strecke zu Fuss dem Zürichsee entlang, verbunden mit einer z’Vieri- oder Apéro-Pause in einem Beizli ist für mich Erholung pur.“ In den kalten Monaten unterstütze sie gerne das Schloss-Cinéma in Wädenswil oder lasse sich in einem netten Restaurant verwöhnen. Alexia Bischof: „Unter der Woche versuche ich regelmässig im ‚Chor rezeptfrei‘ zu proben.“

    Meilen

    Der grünliberale Kantonsrat Thomas Wirth lebt in Hombrechtikon. Er schwärmt vom Lützelsee, der nördlich von seiner Wohngemeinde liegt. „Ein hindernisfreier Wanderweg ermöglicht allen die Umrundung des Sees und die Beobachtung von Störchen, Gänsen und vielen anderen Tier- und Pflanzenarten“, so Wirth. Am Nord- und Südufer gebe es jeweils die Möglichkeit, sich zu verpflegen. Am besten komme man mit dem ÖV oder dem Velo. Besonders an schönen Tagen finde man nur schwer einen freien Parkplatz.

    Für Wirth ist klar: „Der Bezirk Meilen ist kulturell sehr vielfältig. In Männedorf gibt es ein Kino, das Theater Kanton Zürich gastiert in verschiedenen Gemeinden, die Operettenbühne strahlt weit über die Region hinaus. Die Meilemer Jazznächte bringen ein vielfältiges Jazz-Programm in den Bezirk und viele Kulturkommissionen der Gemeinden und Kirchen organisieren kleinere und grössere Konzerte.“ Und daneben lebe die Kultur im Bezirk Meilen von hunderten Freiwilligen, die sich in vielen Vereinen engagieren und abwechslungsreiche Aufführungen und Ausstellungen auf die Bühnen, in die Museen und Kulturlokale im Bezirk bringen würden. 

    In seiner Freizeit geniesst der GLP-Politiker Spiele, Sport und den Besuch von Konzerten. „Daneben ist mir auch Kochen und Essen wichtig“, sagt Thomas Wirth.

    Pfäffikon

    Die SP-Politikerin Brigitte Röösli empfiehlt das Dorf und das Schloss Kyburg. „Es ist wunderbar erhalten und die neue Ausstellung ist sehr spannend aufgebaut“, so die Effretikerin. Die Kantonsrätin vermisst nichts – im Bezirk Pfäffikon gebe es eine grosse Vielfalt von kulturellen Angeboten.

    In ihrer Freizeit geht Röösli sehr gern spazieren, etwa aufs Hörnli bei Sternenberg, um den Pfäffikersee oder in das Naturschutzgebiet Wildert in Illnau. „Wir haben sehr viele schöne Ecken.“

    Das Schloss Kyburg in einer Schwarzweiss-Fotografie von ca. 1947.Mächtiges Bauwerk: Diese Postkarte mit Poststempel 26. Juni 1947 zeigt das Schloss Kyburg. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / PK_009927

    Uster

    „Es gibt zahlreiche Ausflugsmöglichkeiten und Anlässe im Bezirk Uster“, sagt Anita Borer. Hervorheben möchte die SVP-Kantonsrätin die vielen Angebote, die durch Vereine zur Verfügung gestellt werden. Da gebe es für alle Interessen, für Gross und Klein, für Jung und Alt etwas. „Ihre Anfrage kann ich so deshalb gar nicht beantworten, denn ich könnte mich gar nicht festlegen“, so die Ustemerin. In ihrer Freizeit verbringe Borer am liebsten Zeit mit der Familie und mit Freunden. „Zudem bilde ich mich laufend weiter, bewege mich regelmässig und habe ein Flair für Musik und Tanz.“ 

    Die „Uster Agenda“ bietet eine Übersicht über das vielfältige Kulturangebot in der Stadt Uster.

    Winterthur

    Einer von Michael Bänningers Lieblingsorten ist die Ruine Alt-Wülflingen. „Nur schon der Weg dorthin ist ein schönes Erlebnis“, sagt der EVP-Politiker. Die Stadt Winterthur habe ein reichhaltiges und breites kulturelles Angebot, das er sehr schätze. „Ich bin gern draussen unterwegs“, so der Winterthurer Kantonsrat. Als Höhlenguide – also eine Person, die andere sicher durch Höhlen führt – ist Bänninger auch von den bezaubernden Höhlenwelten der Schweiz fasziniert.

    Zürich

    Die AL-Kantonsrätin Lisa Letnansky ist Dramaturgin im Tanzhaus Zürich. Sie möchte darum allen Menschen aus Zürich einen Besuch in diesem Haus „wärmstens ans Herz legen“. Das Tanzhaus sei ein lebendiger Ort für zeitgenössischen Tanz, biete aber auch Workshops und Kurse für Laien an. Ausserdem biete das Tanzhaus auch ein Angebot für Kinder und Jugendliche, das sowohl Tanzvorstellungen als auch Kurse umfasse.

    „Zürich verfügt über ein enorm breites und vielseitiges Kulturangebot, das eigentlich keine Wünsche offenlässt“, findet die Stadtzürcher Politikerin. Sie würde sich einzig wünschen, dass die Angebote noch etwas zugänglicher wären – sowohl für Menschen, die bisher wenig damit in Kontakt gekommen seien, aber auch für Menschen mit Behinderungen oder mit kleinem Portemonnaie.

    Wenn Lisa Letnansky nicht gerade in Tanz- oder Theatervorstellungen sitzt, liest sie am liebsten Romane – zeitgenössische Texte genauso wie Klassiker. „Und wenn ich in geselliger Stimmung bin, lade ich sehr gerne Freund:innen zum gemeinsamen Kochen und Essen ein.“


  • 11 Minuten

    Sie mischt den SP-Wahlkampf auf

    Auf dem Bild ist Mandy Abou Shoak zu sehen. Sie will für die SP Stadtpräsidentin werden.Sie wagt es und fordert den arrivierten Stadtrat Raphael Golta heraus. "Die Rückmeldungen, die ich erhalten habe, sind sehr positiv", betont Mandy Abou Shoak. Die Aufnahme entstand am Montag im Foyer des Rathauses Hard. Bild: Lorenz Steinmann

    Die SP-Kantonsrätin Mandy Abou Shoak bewirbt sich für die Nachfolge von Corine Mauch als Stadtpräsidentin von Zürich. Hat sie die interne Ausmarchung gegen Raphael Golta geschafft, stehen die Chancen ausgezeichnet. Im Interview mit Rathuus spricht die 35-Jährige über Zürichs Herausforderungen, ihr Lebensmotto, dass alles möglich ist und warum sie Altstetten so liebt.

    Sie zeigt durchaus Mut, die 35-jährige SP-Kantonsrätin Mandy Abou Shoak. Sie will antreten gegen die arrivierten SP-Kandidatinnen und SP-Kandidaten Gabriela Rothenfluh, Céline Widmer und Tobias Langenegger für die beiden im Februar 2026 frei werdenden Stadtratssitze in Zürich. Doch das ist nicht genug. Mandy Abou Shoak setzt aufs Ganze und strebt neben dem Amt als Stadträtin auch jenes als Stadtpräsidentin an. Parteiinterne Konkurrenz stellt Raphael Golta dar, der seit 2014 Vorsteher des Sozialdepartements ist.

    Golta, 49-jährig, seit Jahrzehnten in der Politik tätig, sieht sich als legitimer Nachfolger von Corine Mauch. Der altgediente Politiker ist das pure Gegenteil von Mandy Abou Shoak. Während Golta für das Bewahrende, ja Konservative steht, wirkt Abou Shoak zukunftsorientiert und voller frischer Energie. So stellt sich die Frage, ob es sich die SP leisten kann, so eine Person zu übergehen. Eine Person, die so sehr für das heutige, zumindest aus links-grüner Sicht multikulturelle und offene Zürich steht? Zeit für ein Interview mit der Herausforderin.

    Rathuus trifft die Kantonsrätin im Rathaus Hard, in der Mittagspause zwischen zwei Kantonsratssitzungen.

    Mandy Abou Shoak, Sie sind jung, Sie sind weiblich und Sie können sehr gut auf Menschen zugehen. Sind Sie die ideale Kandidatin fürs Stadtpräsidium im Zürich von 2025?
    Ich mache ein Angebot, ja. Die Delegierten der SP entscheiden am 26. Juni, ob ich tatsächlich die ideale Kandidatin für den Stadtrat und das Stadtpräsidium bin.

    Sind Sie von Ihrer Herkunft besonders gewohnt, sich im Wahlkampf zu behaupten?
    Ich bin aufgewachsen mit einer Mutter, die das Unmögliche möglich gemacht hat. Wir flüchteten mit der Familie in die Schweiz, als ich zweijährig war. Meine Mutter hat die Matura nachgeholt, Medizin studiert und ihre eigene Zahnarzt-Praxis aufgebaut. Ich bin also mit dem Selbstverständnis gross geworden, dass Unmögliches möglich werden kann – auch gegen Widerstände. Später, im Studium der Sozialen Arbeit, habe ich mich intensiv mit gesellschaftlichen Barrieren und struktureller Ungleichheit befasst. Ich kenne beide Seiten: persönliche Ressourcen und systematische Hindernisse.


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    „Ich bin in schwierigen Themenfeldern unterwegs, weil ich davon überzeugt bin, dass wir, die mehr Glück hatten in unseren Leben, Verantwortung übernehmen müssen für die mit weniger Glück als wir.“

    Gehört dazu, dass man mit der familiären Herkunft im Gegensatz zu Ihnen einfach Pech haben kann?
    Ja, zum Beispiel. Mein Bruder war medizinischer Co-Leiter des Pfarrer-Sieber-Spitals „Sune-Egge“. Wir sprachen oft über grosse Herausforderungen. Er erzählte mir beispielsweise von Jugendlichen, die ein chronifiziertes Alkoholproblem haben. Die sehr jung damit beginnen, Alkohol zu konsumieren, dabei kommen viele aus sehr schwierigen familiären Verhältnissen. Das ist einfach eine total andere Ausgangslage. Obwohl die Stadt Zürich eine der lebenswertesten Städte der Welt ist, gibt es auch hier Wohnungslosigkeit, Menschenhandel, Armut, Sucht, Suizidalität und Gewalt. Ich bin in schwierigen Themenfeldern unterwegs, weil ich davon überzeugt bin, dass wir, die mehr Glück hatten in unseren Leben, Verantwortung übernehmen müssen für die mit weniger Glück als wir.

    Aber dieses Engagement nützt in Bezug auf die Stadtratswahlen wenig, weil die angesprochenen Menschengruppen oft nicht wählen können oder wollen.
    Das stimmt teilweise. Ein anderes Problem: Viele Menschen haben das Interesse an und die Hoffnung in die Politik verloren. Sie fühlen sich nicht mehr angesprochen oder abgeholt. Genau da setzt meine Kandidatur an: Ich möchte mehr Menschen mitnehmen, Brücken bauen zwischen der Politik und der Zivilbevölkerung. Also gerade diejenigen erreichen, die sich bisher wenig angesprochen fühlten.

    Sie wollen also gegen die Politikverdrossenheit ankämpfen?
    Ob es dann so sein wird bei den Wahlen, wird sich zeigen. Aber ich habe grosse Hoffnung und Zuversicht. Es ist mein Ziel.

    Zuerst müssen Sie aber einmal die SP-Delegierten überzeugen.
    (lacht). Genau. Es geht noch etwa einen Monat. Die Entscheidung fällt am 26. Juni im Volkshaus Zürich.

    Es heisst, dass die interne SP-Nomination schwieriger ist als nachher die Volkswahl.
    Das habe ich auch so gehört. 1986 wurde mit Bruno Kammerer zuletzt ein SP-Kandidat vom Volk nicht gewählt.

    „Ich hätte das gerne gemacht, zusammen mit Raphael Golta alle Sektionen besuchen. Doch als Partei haben wir entschieden, dass wir das gemeinsam mit allen Kandidaten und Kandidatinnen machen. Wir fanden schlichtweg nur zwei gemeinsame Termine.“

    Von der heutigen Stadträtin Simone Brander ist bekannt, dass sie vor der internen Ausmarchung gegen Min Li Marti viele SP-Gemeinderätinnen und SP-Gemeinderäte traf. Wie ist das bei Ihnen?
    Ich hätte das gerne gemacht, zusammen mit Raphael Golta alle Sektionen besuchen. Doch als Partei haben wir entschieden, dass wir das gemeinsam mit allen Kandidaten und Kandidatinnen machen. Wir fanden schlichtweg nur zwei gemeinsame Termine.

    Und was ist jetzt die Alternative?
    Da die Kontaktaufnahme mit den Sektionen in dieser Phase leider nicht möglich ist, suche ich nun das direkte Gespräch mit einzelnen Delegierten – so wie auch die anderen Kandidierenden. (lacht.) Ich freue mich über jede Begegnung und den offenen Austausch. Besonders bestärkt hat mich, dass ich bereits die Unterstützung der SP Migrant:innen Schweiz, der SP-Frauen des Kantons Zürich und der JUSO Stadt Zürich erhalten habe. Diese Rückmeldungen zeigen mir: Unsere Partei ist mutig. Sie lässt neue Stimmen zu. Vielfalt wird nicht nur geduldet, sondern auch getragen.

    Apropos Unterstützung. Was sagt eigentlich die scheidende Stadtpräsidentin Corine Mauch zu Ihrer Kandidatur?
    In ihrem Interview, als sie ihr Nicht-Wiederantreten bekannt gab, sagte sie, dass sie sich über eine Frau als Nachfolgerin freuen würde.

    Ist es nicht sowieso ein Fakt, dass sich die SP nun fast nicht leisten kann, keine Frau aufzustellen, Sie also zu übergehen?
    (überlegt.) Ich kann dazu nichts sagen, das müssen die Delegierten entscheiden, aber die Frage ist berechtigt.

    Was möchten Sie als Stadtpräsidentin in Zürich verändern?
    Ich bin Expertin in Sachen Gleichstellung, Integration, Rassismus und Teilhabe in Stadtentwicklungsfragen. Alles Themen, die im Präsidialdepartement angesiedelt sind. Als Stadtpräsidentin werde ich mich um das Thema Wohnen kümmern und damit auch um die Verdrängung. Mein Herz schlägt für das Anliegen „Eine Stadt für alle“. Schliesslich möchte ich den Zusammenhalt in der Stadt Zürich stärken. 

    Sie sitzen im Kantonsrat, nicht im Gemeinderat. Manche würden das als Nachteil sehen, weil Sie mit den städtischen Abläufen weniger vertraut sind.
    Ich kenne die Stadt bestens! Immerhin wohne ich seit langem in Altstetten. Ich war Präsidentin der SP 9, ich kenne viele Gemeinderätinnen und Gemeinderäte, bin im engen Austausch mit ihnen, und ich war eine Zeit lang Hortleiterin und Sozialpädagogin im Schulkreis von Gabriela Rothenfluh, die ja ebenfalls für den Stadtrat kandidiert. (lacht.)

    „Ich bin Expertin in Sachen Gleichstellung, Integration, Rassismus und Teilhabe in Stadtentwicklungsfragen. Alles Themen, die im Präsidialdepartement angesiedelt sind. Als Stadtpräsidentin werde ich mich um das Thema Wohnen kümmern, und damit auch um die Verdrängung.“

    Sie sind mit 35 Jahren fast genau so alt, wie Rot-Grün in Zürich die Mehrheit hat im Stadtrat. Wie erleben Sie Zürich heute?
    1990 wurde Josef Estermann nach Jahrzehnte langer bürgerlicher Dominanz als SP-Stadtpräsident gewählt. Zu diesem Zeitpunkt war ich noch nicht mal geboren. Aber als Corine Mauch das Stadtpräsidium 2009 übernommen hatte, war gerade die grosse Finanzkrise. Sie hat die Finanzen der Stadt stabilisiert. Das ist bemerkenswert. Dennoch haben wir heute – 2025 – viele neue Herausforderungen. Etwa den Wohnraum. Die Verdrängung ist ein grosses Problem auch für den Mittelstand. Gewisse Menschen sind überdurchschnittlich davon betroffen. Es ist mir ein grosses Anliegen, da den Finger darauf zu halten.

    Sie meinen wenig verdienende Ausländerinnen und Ausländer?
    Ja, genau. Aber auch Alleinerziehende und ältere Personen, die keine Wohnung mehr finden in der Stadt Zürich. Wenn ich sage „Zürich für alle“, dann meine ich das auch so. Ich kenne die unterschiedlichen Realitäten.

    Gesetzt der Fall, Sie werden von den SP-Delegierten als Stadträtin, nicht aber als Stadtpräsidentin nominiert. Dann könnten Sie Nachfolgerin von Raphael Golta werden?
    Ja, das wäre tatsächlich eine Möglichkeit. Sicher würde ich mich für die Anliegen von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten engagieren. Denn gerade wenn sie volljährig werden, entfallen jegliche Hilfen, die sie als Jugendliche erhalten haben. Die Wohnsituation ändert sich oft mit der Volljährigkeit und wird nicht selten prekärer und enger. Ich möchte ihre Teilhabe stärken. Und das können wir tun, indem wir kostenlose Zugänge zu Fahrrädern, zu Bibliotheken und zum Uni-Sport des ASVZ (Akademischer Sportverband Zürich, Anm. d. Red.) zur Verfügung stellen. Damit fördern wir nicht nur die Gesundheit, wir stärken auch die Autonomie und die Selbstwirksamkeit. Ausserdem müssen wir belastete Menschen, die an der Grenze zur Armut leben, stärker unterstützen und entlasten.

    Sie treten gegen einen arrivierten, aber eher farblosen Politiker an, der den Aufstieg vom Stadtrat zum Stadtpräsidenten „verdient“ hat, wie es der „Tages-Anzeiger“ ausdrückte. Tut Ihnen Raphael Golta nicht ein ganz klein wenig leid in seiner Rolle?
    Ich habe sehr viel Respekt vor den Errungenschaften von Raphael Golta für die Partei und für diese Stadt. Er war mutig und hat etwa die Basishilfe eingeführt.

    Vielleicht ist Golta ja so charmant und lässt Ihnen einfach den Vortritt, weil sich die Zeiten geändert haben?
    Schauen wir mal. Das würde mich natürlich freuen. (lacht.)

    Der Kantonsrat entscheidet über viele wichtige Geschäfte, die auch die Stadt direkt betreffen. Trotzdem kennt man viele der Kantonsrätinnen und Kantonsräte in der Öffentlichkeit nicht. An was liegt das?
    (überlegt.) Wir sind viel mehr, 180 Mitglieder anstatt 125 wie im Gemeinderat. Und Tsüri.ch beispielsweise berichtet wöchentlich im Gemeinderats-Briefing über den Gemeinderat. Vom Kantonsrat gibt es auch Berichte, aber weniger – und viele sind wie entpersonalisiert. So bleiben einem weniger Namen in Erinnerung.

    Wie schätzen Sie die bürgerliche Konkurrenz bei den Stadtratswahlen ein?
    Sie müssen das untereinander ausmachen und sich für Personen entscheiden. Es ist nicht an mir, das zu bewerten. Ich bin aber gespannt auf ihre Entscheidung.

    „Altstetten ist super, ich liebe Altstetten. Die Limmat beim Tüffenwies ist herrlich, auf der anderen Quartierseite ist der Panoramaweg nach Schlieren sehr schön.“

    Böögg-Bauer Lukas Meier von der FDP hat sich für das Stadtpräsidium ins Gespräch gebracht. Ist er überhaupt ernst zu nehmen?
    Die Bürgerlichen müssen das selbst entscheiden. So oder so freue ich mich auf die Podiumsdiskussionen.

    Auch die Stadträte Andreas Hauri (GLP) oder Michael Baumer (FDP) wären valable Kandidaten für das Stadtpräsidium. Was ist Ihre Einschätzung?
    Auch hier gilt, dass sich die beiden zuerst einmal entscheiden müssen, ob sie das wollen oder nicht.

    Themenwechsel. Sie wohnen in Altstetten. Was macht dieses Quartier aus?
    Altstetten ist super, ich liebe Altstetten. Die Limmat beim Tüffenwies ist herrlich, auf der anderen Quartierseite ist der Panoramaweg nach Schlieren sehr schön. Dazu gefallen mir die vielen migrantischen Einkaufsläden, wo es frischen Koreander oder Okragemüse gibt.

    Kochen Sie selber gerne?
    Mir fehlt ein bisschen die Zeit, aber essen tu ich sehr gerne. (lacht.)

    Wie können Sie abschalten von der Politik und von der Arbeit?
    Ich gehe sehr gerne wandern, dabei finde ich Ruhe. Ich gehe aber auch regelmässig joggen. Dabei höre ich gerne Musik oder Podcasts.

    Welche Art von Musik und welche Podcasts hören Sie gern?
    Ich liebe Jazz und Soul. Ich höre oft „Sternstunde Philosophie“, „Alles gesagt“ von „Die Zeit“, aber auch die Sendungen mit Psychotherapeutin Esther Perel, dann „Inside Bullingerplatz“ mit Min Li Marti und mit Markus Kunz sowie jede Woche „Lanz & Precht“. Ich finde die beiden nicht unumstritten – insbesondere Precht wirkt auf mich mitunter chauvinistisch und besserwisserisch. Gleichzeitig schätze ich seine Weitsicht und Fähigkeit sich in andere Perspektiven rein zu denken. Letzteres gelingt nicht allen Intellektuellen gleichermassen.

    Mandy Abou Shoak, danke für das Gespräch.


    Mandy Abou Shoak wurde 1989 in Khartum im Sudan geboren. Ihre Familie musste in die Schweiz flüchten, als die heutige SP-Politikerin zwei Jahre alt war. Die mittlerweile 35-Jährige hat in der Schweiz Soziale Arbeit mit der Vertiefung Soziokultur und Menschenrechte im Master studiert. Hauptberuflich arbeitet sie bei Brava (ehemals Terre des Femmes) als Verantwortliche Bildung. Nebenbei berät sie als Selbstständige Organisationen zu Themen rund um Diskriminierung und rassismus-sensible Strukturen.

    Mandy Abou Shoak sitzt seit 2023 im Kantonsrat. Sie ist Mitglied der Kommission für Justiz und öffentliche Sicherheit. Zudem ist sie seit 2023 in der Geschäftsleitung der SP Frauen Schweiz und Co-Präsidentin der Fachstelle Menschenhandel und Frauenmigration – kurz FIZ. Abou Shoak sorgt momentan für Schlagzeilen, weil sie für die SP die nächste Stadtpräsidentin von Zürich werden will.


  • Zürcher Stadtratswahlen: AL entscheidet sich für Kandidatur

    Das Bild zeigt den Stadtrat von Zürich in seiner Zusammensetzung von 2018.Da war die AL-Welt noch in Ordnung. Der Gesamtstadtrat von Zürich in einer Aufnahmen von 2018. Dritter von links: Richard Wolff (AL). Bild: Stadt Zürich

    Die AL hat am Dienstag an ihrer Generalversammlung entscheiden, dass sie 2026 bei den Zürcher Stadtratswahlen mit einer eigenen Kandidatur antreten will. Für die Grünen möchte der altgediente Nationalrat Balthasar Glättli in die Hosen steigen.

    Update: Die AL will wieder in den Stadtrat

    Die Alternative Liste (AL) hat sich gemäss einer Medienmitteilung an ihrer Generalversammlung von heute Dienstagabend für eine Stadtrats-Kandidatur ausgesprochen. „Im Rahmen der Diskussion bekundeten bereits mehrere Personen ihr Interesse an einer Kandidatur – die Co-Fraktionspräsidentin Tanja Maag sowie Gemeinderat Michael Schmid“, schreibt die Partei. Weitere Interessierte können sich bis zum 3. Juni melden.

    Mit wem die AL dann konkret antreten will, um einen Sitz im Zürcher Stadtrat zu erobern, entscheidet die ausserordentliche Vollversammlung am 10. Juni. Mit einer eigenen Kandidatur wolle die Partei zentrale politische Anliegen verstärkt in die Exekutive tragen – „darunter faire Löhne und Steuern, preisgünstiger Wohnraum, eine solidarische Stadtentwicklung, der Schutz von Grundrechten sowie der gleichberechtigte Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung“. (pat.)

    Morgen Dienstag um 18 Uhr treffen sich die AL-Delegierten an der Hohlstrasse 86 c zur Generalversammlung. Wichtigstes Traktandum ist, ob die Linksaussenpartei bei den Zürcher Stadtratswahlen im Februar 2026 mit einer eigenen Kandidatur antritt oder nicht. Wie es auf Anfrage heisst, wird aber noch nicht entschieden, welche Person dafür infrage kommen könnte.

    Dazu ein kurzer Rückblick: AL-Stadtrat Richard Wolff trat 2022 zu den Gesamterneuerungswahlen nicht mehr an. Dies, nachdem Wolff 2013 für die Alternative Liste doch eher überraschend einen Stadtratssitz holte. Er erzielte am 21. April 2013 im 2. Wahlgang 685 Stimmen mehr als sein FDP-Konkurrent Marco Camin und wurde mit 27’550 Stimmen Nachfolger von Finanz-Urgestein Martin Vollenwyder. Der Schachzug der FDP, mit einer ausserterminlichen Ersatzwahl ihren Sitz auf sicher zu haben, ging nicht auf.


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    Angst unterlag Baumer nur knapp

    2022 bei den letzten Neuwahlen für den Stadtrat gelang es AL-Mann und Mieterverbands-Vertreter Walter Angst nicht, den Sitz von Wolff zu verteidigen. In einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Michael Baumer (FDP, bisher) holte Baumer rund 1200 Stimmen mehr als Angst. Dieser erzielte zwar ebenfalls genügend Wahlstimmen, kam aber als Überzähliger nicht zum Zug.

    Ob Wolffs neun Jahre im Stadtrat zumindest theoretisch bald eine AL-Fortsetzung erhalten, ist also noch offen. Die AL-Personaldecke ist aktuell eher dünn. Bekannte Aushängeschilder fehlen. Am ehesten infrage kommen könnten Gemeinderat David Garcia Nuñez, die Gemeinderätinnen Karen Hug oder Tanja Maag und Kantonsrätin Lisa Letnansky. Sicher auch Wahlchancen hätte Gemeinderat Michael Schmid, der Namensvetter des FDP-Fraktionschefs.

    Schmid von der AL hat einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt, weil er jeweils eine Mehrheit des Gemeinderats gegen Laubbläser und kommerzielle Werbung im öffentlichen Raum hinter sich scharen konnte. Vor allem die geplante Einschränkung von digitalen Werbedisplays machte sogar national Schlagzeilen.

    Die AL will am Dienstag ihren Grundsatzentscheid fällen und allenfalls in einer späteren Versammlung – wohl erst nach den Sommerferien – eine Kandidatur präsentieren. Politbeobachterinnen und Politbeobachter gehen davon aus, dass eine AL-Kandidatur im links-grünen Umfeld durchaus Chancen hätte.

    Glättli wählte den Alleingang

    Apropos Grüne. Heute Montag wählte Balthasar Glättli den „Tages-Anzeiger“, um seinen Anspruch auf einen dritten Stadtratssitz der Grünen kundzutun. Der Nationalrat und ehemalige Präsident der Grünen Schweiz (2020 bis 2024) liess sich im „Tagi“ so zitieren: „Ich glaube, es gibt keine bessere Person dafür.“ Mit einer unbekannteren Person werde die Eroberung eines dritten Stadtratsitzes schwieriger, so der 53-Jährige.

    Glättli sass von 1998 bis 2011 im Gemeinderat. Er will schaffen, was seiner Frau Min Li Marti für die SP zweimal nicht gelang – den Sprung in die Stadtzürcher Exekutive. Die Nationalrätin Min Li Marti unterlag parteiintern sowohl Raphael Golta, als später auch Simone Brander.


  • 4 Minuten

    „Ist das Vignetten-Thema nun vom Tisch, Frau Fehr Düsel?“

    Das Bild zeigt ein Velo mit einer Velovignette in den 1990er Jahren.Vor Jahrzehnten mussten noch alle Velos eine Vignette haben. Unser aktuelles Foto zeigt ein Beispiel, auf einem schon in die Jahre gekommenen Velo. Bild: Lorenz Steinmann

    Der Bundesrat sagt Nein zur Wiedereinführung der Velovignette. Doch seine Antwort lässt viele Fragen offen. Die Küsnachter SVP-Nationalrätin Nina Fehr Düsel, die den entsprechenden Vorstoss eingereicht hat, ordnet ein.

    Mit einer Motion wollte Nina Fehr Düsel (SVP) den Bundesrat prüfen lassen, wie eine Velovignette wiedereingeführt werden könnte. Das Ziel: Mit dieser Abgabe einen Teil der Strasseninfrastruktur für Velowege zu finanzieren.

    Der Hintergrund: Bis Ende 2011 gab es in der Schweiz die Vignettenpflicht für Velos. Diese war aber vor allem eine Haftpflichtversicherung, wenn man mit dem Velo in einen selbst verschuldeten Unfall, zum Beispiel mit einem teuren Auto, verwickelt war. Die Vignette pro Velo kostete rund zehn Franken. Heute wird argumentiert, dass die meisten Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz schon eine privat abgeschlossene Haftpflichtversicherung haben, welche solche Schäden abdeckt. Gemäss Expertinnen und Experten haben gut 90 Prozent der Bevölkerung eine solche Versicherung. Ein Grund für den hohen Anteil ist, dass fast jeder Mietvertrag für eine Wohnung oder für ein Haus nur noch mit dem Nachweis einer Privathaftpflichtversicherung abgeschlossen werden kann.

    Trotzdem wurde der Vorstoss von Fehr Düsel von 39 Ratsmitgliedern der SVP-, FDP- und Mitte-Fraktion mitunterzeichnet. „Im Sinne des Verursacherprinzips und der Kostentransparenz wäre es sinnvoll, wenn auch die Velofahrer einen bescheidenen Beitrag an die Verkehrsinfrastruktur beisteuern“, begründete die Küsnachterin ihren Vorstoss gegenüber Rathuus. Denn zumindest National- und oft auch Kantonsstrassen werden allein vom motorisierten Strassenverkehr finanziert.


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    Doch der Bundesrat will davon nichts wissen, zumindest vorderhand nicht, wie in seiner vor Kurzem schriftlich veröffentlichten Stellungnahme nachzulesen ist. Ohne vorherige umfassende Abklärungen hält er es für „nicht angezeigt, aufgrund dieser Motion einen entsprechenden Gesetzgebungsprozess einzuleiten“.

    Die Antwort hat bei Pro Velo Schweiz Genugtuung ausgelöst. Man werde sich aber „weiterhin gegen die von der SVP vorgeschlagene Velovignette einsetzen und für eine bessere Veloinfrastruktur kämpfen, wie sie das Velogesetz fordert“, so der nationale Veloverband.

    Trotzdem. Die Antwort des Bundesrats lässt aufhorchen. Denn sie tönt durchaus nach einer Art offengelassenen Hintertür. Die Aussage „ohne vorherige umfassende Abklärungen“ lässt einigen Raum für Spekulationen.

    Wir haben bei der Motionärin Nina Fehr Düsel nachgefragt.

    Nina Fehr Düsel, wie sehen Sie das, dass der Bundesrat Ihre Idee eigentlich gut findet, aber keinen Finger rühren will?
    Ich finde dies ebenfalls etwas widersprüchlich. Ich habe gehört, dass man die Idee auch seitens Bundesrat prüfenswert findet, was mich freut. Schliesslich zahlen die Velofahrenden keinerlei Abgaben, obwohl es laufend neue Velowege gibt. Auch würde man mit einer Vignette die Velos bei Diebstahl leichter finden. Aus der Bevölkerung bekam ich zudem viele positive E-Mails. Trotzdem will der Bundesrat offenbar keine weiteren, fundierten Abklärungen tätigen.

    Leider lehnt der Bundesrat oft unsere Vorstösse ab. Trotzdem werde ich das Ganze weiterverfolgen, auch in Bern.

    Wie kam diese eigentlich widersprüchliche Antwort bei Ihnen an?
    Es ist schade, dass man meine Ideen momentan nicht weiter vertieft. Ich gab ja schon viele Anhaltspunkte im Vorstoss mit, wie die Prüfung einer E-Vignette, dass der Preis 20 Franken pro Person und nicht pro Velo betragen könnte und die Kinder davon ausgenommen wären. Aber offenbar will man keinen zusätzlichen Aufwand.

    Wer stösst nun die „umfassenden Abklärungen“ an, wie es der Bundesrat beschreibt?
    Die Idee wird auch in vielen Kantonen diskutiert. So war auch der Kantonsrat Zürich damit beschäftigt, und es gab gerade bei den Bürgerlichen viele positive Stimmen. Ich denke, dass dieses Anliegen sicherlich weiterhin verfolgt wird. Wie ich gehört habe, sind auch einzelne Verbände mit Abklärungen betreffend Velovignette beschäftigt. Somit könnte dies – vielleicht in etwas abgeänderter Form – doch mal wieder ein Thema werden.

    In welcher Form wäre das möglich – oder ist das Thema vorderhand einfach vom Tisch?
    Viele Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben meinen Vorstoss in Bern mitunterzeichnet. Somit denke ich nicht, dass das Anliegen vom Tisch ist. Natürlich will man keine weiteren Steuern. Aber hier geht es eher um eine bescheidene Abgabe, um die laufenden Verkehrsinfrastruktur-Kosten mitzufinanzieren. Die Autofahrenden zahlen ja nach wie vor einiges mehr. Auch ich bin Velofahrerin und finde die Idee nach wie vor prüfenswert. Auch viele E-Mails aus der Bevölkerung haben mich bestätigt.

    Frau Fehr Düsel, besten Dank.


  • 2 Minuten

    Zürichs vergessener Wappen-Götti

    Stadtrat Michael Baumer enthüllt das Quartierwappen Unterstrass auf dem Flexity-Tram. Im Vordergrund ist ein Porträt-Foto von Pascal Turin platziert.FDP-Stadtrat Michael Baumer enthüllt das Wappen von Unterstrass. Die neuste Tram-Generation Flexity erhält Quartierwappen. Das freut Pascal Turin, Co-Chefredaktor von Rathuus. Bild: VBZ/Patrick Mattes, Bildmontage: Rathuus

    Kleiner Effort, grosser Erfolg: Wegen mir fahren jetzt die ersten Flexity-Trams mit Quartierwappen durch Zürich. Vielleicht ist aber auch alles ganz anders. Eine Glosse.

    2016 – damals, in der guten alten Zeit: BC – Before Corona.

    Ganz Zürich freut sich auf die neuen Flexity-Trams. Ganz Zürich? Nein! Ein paar Tram-Aficionados fürchten den Tag, an dem das letzte Tram 2000 ausgemustert wird. Denn damit droht das Ende einer Ära. Nicht nur die schönen Trams aus dem Jahr 1976 könnten aus dem Strassenbild verschwinden, sondern mit ihnen auch die Quartierwappen, welche die Fahrzeuge zieren.


    Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.

    Mir wird nachgesagt, dass ich in der Vergangenheit lebe.

    • Beweisstück 1: Ich hatte jahrelang die Zeitschrift Spiegel Geschichte abonniert. Gut, es war ein Geschenkabo – ein Umstand, der mich wahrscheinlich ein wenig entlastet.
    • Beweisstück 2: Ich bin Mitglied des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, der regelmässig Schweizer Pionierinnen und Pioniere porträtiert. Und Bücher über sie schreibt. Viele Bücher.

    Mit diesem psychologischen Rucksack lässt sich der Artikel erklären, welchen ich im Juli 2016 tippte. Der Text erschien unter dem Titel „Die Wappen könnten bald verschwinden“ in der (inzwischen eingestellten) Quartierzeitung Zürich 2. Das Thema (Trommelwirbel): die Quartierwappen auf den Tram 2000.

    Dann, vor wenigen Tagen, passierte das Undenkbare.

    Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) verschickten eine Medienmitteilung. Ich starrte auf den Bildschirm … Heureka! Die Glückshormone übermannten mich. Die wunderschön poetisch formulierte Überschrift lautete: „Flexity-Trams erhalten Quartierwappen.“

    FDP-Stadtrat Michael Baumer hat zusammen mit Vertretungen der Quartiervereine Wipkingen, Unterstrass, Oberstrass und Fluntern die ersten vier von insgesamt 25 Flexity-Trams getauft. Jetzt kurven die vier Trams stolz mit Quartierwappen durch die Limmatstadt. „Die Taufen der weiteren 21 Flexity erfolgen gestaffelt bis Ende Herbst“, heisst es in der Mitteilung.

    Meine Freude währte allerdings nicht allzu lange.

    Mit keinem Wort erwähnten die VBZ meinen Artikel oder mich. Offensichtlich habe nämlich nicht nur ich eine nostalgische Ader. Laut offizieller Darstellung handelt es sich beim Taufakt lediglich um die Erfüllung des Postulats 2021/420 – eingereicht von den SVP-Gemeinderäten Samuel Balsiger und Stephan Iten.

    Aber ich bin grosszügig.

    Ich gönne Balsiger und Iten diesen Erfolg.

    Zähneknirschend.