Wir bleiben dran

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  • 5 Minuten

    So wird das nichts

    ZĂŒrich bei Sonnenuntergang: Ein verliebtes PĂ€rchen sitzt kuschelnd auf Steinen und blickt Richtung ZĂŒrich West, das vom magisch wirkenden orange-gelben Sonnenlicht umrahmt wird. Auf dem Bild ist im Vordergrund das PortrĂ€tfoto von Lorenz Steinmann platziert.FĂŒr ZĂŒrich scheint immer die Sonne (ausser bei Hochnebel): Politisch gesehen gibt es fĂŒr viele ZĂŒrcherinnen und ZĂŒrcher wenig Anlass, plötzlich bĂŒrgerlich statt links zu wĂ€hlen, findet Lorenz Steinmann. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

    Die BĂŒrgerlichen sind in ZĂŒrich angetreten, um bei den Stadtratswahlen 2026 endlich zu reĂŒssieren. Doch vieles deutet darauf hin, dass der Grossangriff auf die Exekutive wahrscheinlich in einem Desaster enden wird. Ein Kommentar.

    Karin wer? Ueli was? PĂ«rparim wie und Marita wo? Wenige Monate vor den Neuwahlen fĂŒr den Stadtrat in ZĂŒrich kennt gefĂŒhlt niemand die neuen bĂŒrgerlichen Kandidatinnen und Kandidaten Karin Weyermann (Mitte), Ueli Bamert (SVP) sowie PĂ«rparim Avdili und Marita Verbali (beide FDP). Dabei soll laut den BĂŒrgerlichen nĂ€chsten SpĂ€twinter nichts weniger als die Wende zum Guten, zu den Werten der BĂŒrgerlichen stattfinden. Konkret am 8. MĂ€rz 2026, wenn die Wahllokale fĂŒr die Erneuerungswahlen von Gemeinderat sowie Stadtrat und StadtprĂ€sidium geschlossen werden. Das sind nach Adam Riese weniger als fĂŒnf Monate, wobei die Abstimmungscouverts erfahrungsgemĂ€ss sogar schon drei bis vier Wochen vorher beim Stimmvolk sind.

    Die FDP witterte im Februar Morgenluft, als die höheren Politikerlöhne an der Urne versenkt wurden. FDP und SVP prognostizierten damals das bĂŒrgerliche Revival. Doch schon beim Streit um die teureren Parkkarten war es fertig mit Morgenluft, mit „Meh Blau“ und mehr SVP-SĂŒnneli am Horizont. Die teureren Parkkarten wurden kĂŒrzlich vom Volk klar angenommen, ebenso kam das LaubblĂ€serverbot durch.


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    BĂŒrgerliche sind mut- und ideenlos

    Bemerkenswert ist, wie die BĂŒrgerlichen selbstkritisch betonten, man habe die Stimmung im Volk bei den erwĂ€hnten Abstimmungen wohl falsch eingeschĂ€tzt. Oder war das mehr DefĂ€tismus, also erste Zeichen von Aufgabe, bevor der Endspurt ĂŒberhaupt begonnen hat?

    Nicht eben mit Selbstvertrauen gesegnet, scheint auch Dominik BĂŒrgy, der neue Strippenzieher des bĂŒrgerlich orientierten Forums ZĂŒrich. Es ist die Lobbyorganisation, welche der FDP, der SVP und der Mitte zu mehr Stimmen im Stadtrat verhelfen soll. „Die Linke ist homogen. Extrem homogen. Und indem sie homogen ist, hat sie viel Kraft“, sagte BĂŒrgy vor wenigen Tagen gegenĂŒber der „Neuen ZĂŒrcher Zeitung“. Er betonte, dass es bei der dominierenden SP „vielleicht noch zwei, drei Vertreter der alten Garde“ gebe, welche die AbhĂ€ngigkeit des Sozialstaats von der wirtschaftlichen ProsperitĂ€t anerkenne. Insgesamt sei der Zug aber abgefahren.

    „Die SP ist in den letzten Jahren markant nach links gerĂŒckt. Es ist erschreckend, wie wenig gewisse Vertreter dieser Parteien von grundlegenden wirtschaftlichen ZusammenhĂ€ngen verstehen“, so BĂŒrgy. Zuversicht tönt anders. Dabei kann man nun wirklich nicht behaupten, dass AndrĂ© Odermatt und Corine Mauch, die beiden abtretenden SP-Exekutivmitglieder, markant linke Politik betreiben.

    Argumente holen StÀdterinnen und StÀdter nicht ab

    Trotzdem stehen die bĂŒrgerlichen Stadtratskandidatinnen und -kandidaten in ZĂŒrich vor einem Scherbenhaufen. Denn ihre Argumente von tieferen Steuern, dem Senken des Ausgabenwachstums, dem Stoppen des Regulierungswahns und des ideologisch verursachten Verkehrschaos scheinen beim Stimmvolk nicht zu verfangen. Denn von den Steuereinnahmen profitiert die prĂ€chtig gedeihende Limmatstadt, tiefere Steuern spĂŒrt Otto Normalverbraucher nur marginal, die Regulierungswut trifft eher Firmen als Private und das Verkehrschaos auf der Strasse Ă€rgert insbesondere die Pendlerinnen und Pendler. Also jene Leute etwa von der GoldkĂŒste, die eh nicht in der Stadt ZĂŒrich stimm- und wahlberechtigt sind.

    Es scheinen auch eher AuswĂ€rtige, die so krude und verwirrende Kampagnen lancieren. Etwa jene mit einem besonders dĂŒsteren Bild der Langstrassen-UnterfĂŒhrung und folgender Aufschrift: „Rot-GrĂŒne Sicherheitspolitik verunsichert. ZĂŒrich befreien.“

    Auf dem Bild ein Plakat der BĂŒrgerlichen ĂŒber ZĂŒrich. Es zeigt die UnterfĂŒhrung an der Langstrasse und den Slogan "Rot-grĂŒne Sicherheitspolitik verunsichert. ZĂŒrich befreien."Ob dieses Plakat in der Stadt ZĂŒrich mit ihrer zufriedenen Bevölkerung ankommt? Absender ist das Komitee "Meh blau", hinter dem die FDP steht. Bild: zvg

    Die Langstrasse als Horror-Ort, wo es nicht sicher ist? Die Statistik spricht definitiv eine andere Sprache, und auch das subjektive Empfinden vor Ort ist nicht alarmierend. Die „Verunsicherung“ scheint eher der EinschĂ€tzung eines Eigenheimbesitzers aus Weiach oder StĂ€fa zu entsprechen, der den Kreis 4 immer noch hauptsĂ€chlich mit Prostitution verbindet – aber nicht mit einem gentrifizierten Wohnquartier mit immer weniger Bars und Clubs.

    Daher erstaunt es auch nicht, dass bei den UrnengĂ€ngen Links-GrĂŒn grossmehrheitlich satte Mehrheiten erzielt, obwohl die Neuzugezogenen allermeistens sehr gut gebildet sind, einen gut bezahlten Job haben und damit nicht per se dem links-grĂŒnen Weltbild entsprechen. Aber sie wohnen hier und sehen wenig Grund, am Bestehenden etwas GrundsĂ€tzliches zu Ă€ndern. Vor allem nicht, wenn die FDP und Co. ein Schreckensszenario heraufbeschwören, das nicht der RealitĂ€t entspricht.

    Wenig hilfreich ist zudem, dass neben FDP-Gemeinderat PĂ«rparim Avdili auch SVP-Kantonsrat Ueli Bamert StadtprĂ€sident werden möchte. Es braucht kein Politologie-Studium, um erkennen zu können, dass sich das bĂŒrgerliche Lager so gegenseitig Stimmen wegnehmen wird.

    Eigentlich wÀre das Potenzial da

    Dabei hĂ€tten die BĂŒrgerlichen durchaus Chancen in ZĂŒrich. Mit Forderungen nach liberaleren Gastrogesetzen, vollstĂ€ndig digitalisierten BehördengĂ€ngen und endlich besser koordinierten Tiefbauarbeiten könnte man punkten beim Stimmvolk. Oder sich fĂŒr die Seniorinnen und Senioren einsetzen, indem man den unsĂ€glichen Zufallsgenerator der Stadt fĂŒr die Bewerbung bei stĂ€dtischen Wohnungen abschaffen wĂŒrde. Plus das Potenzial abholen bei den Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund.

    Denn gerade die beiden FDP-Kandidatinnen und Kandidaten PĂ«rparim Avdili und Marita Verbali haben da gegenĂŒber Links-GrĂŒn einen klaren Vorteil. Unvergessen, wie die SP-Delegierten ihre Kandidatin Mandy Abou Shoak bei der Ausmarchung fĂŒrs StadtprĂ€sidium ignoriert und zusĂ€tzlich abgestraft haben, indem Shoak nicht einmal aufs Stadtrats-Ticket der SP gesetzt worden ist. Stattdessen stehen jetzt unverdĂ€chtige, ja fast typisch schweizerische Personen wie Tobias Langenegger und CĂ©line Widmer auf dem Ticket der Sozialdemokraten. Eigentlich eine ideale Gelegenheit fĂŒr Avdili und Verbali, um sich mit dem Thema Migrationshintergrund zu profilieren.

    Los also, FDP, SVP und Mitte! Noch bleiben ĂŒber 270 Tage, um zu ĂŒberzeugen. Durch beherzte Auftritte, volksnahe Kampagnen und das Versprechen, fĂŒr ZĂŒrich einzustehen und nicht fĂŒr die Agglo und den Kanton. Mit GoldkĂŒsten-Politik und Kampf um Tempo 50 auf der Bellerivestrasse gewinnt man in der Stadt ZĂŒrich im Jahr 2025 keinen Blumentopf.

    Auf einen diversen Stadtrat 2026 mit Ecken und Kanten!


  • 6 Minuten

    Sie hat die Schweiz in Aufruhr versetzt

    Kathrin Wydler steht vor dem Brunnen am Bullingerplatz. Sie trĂ€gt einen Blazer und ein oranges T-Shirt.„Ich möchte etwas verĂ€ndern, etwas verbessern und Kompromisse schmieden“, sagt Mitte-KantonsrĂ€tin Kathrin Wydler (58), die in der Kommission fĂŒr Bildung und Kultur sitzt. Bild: Pascal Turin

    Und auf einmal stand der ZĂŒrcher Kantonsrat national in den Schlagzeilen: Kathrin Wydler hat mit ihrem FrĂŒhfranzösisch-Vorstoss sogar den Bundesrat wachgerĂŒttelt. Doch die Mitte-Politikerin aus Wallisellen möchte nicht nur darauf reduziert werden.

    Es ist ein schöner Septemberabend, die StadtzĂŒrcherinnen und StadtzĂŒrcher geniessen an diesem Montag die letzten Sonnenstrahlen des Tages. Das CafĂ© du Bonheur am Bullingerplatz im Kreis 4 ist draussen bis fast auf den letzten Stuhl besetzt. Drinnen sind dafĂŒr noch fast alle Tische leer. Kathrin Wydler nimmt Platz und bestellt einen Cappuccino.

    Die Mitte-KantonsrĂ€tin hat gerade eine Doppelsitzung hinter sich. Das heisst, der Kantonsrat tagte nicht nur wie sonst am Vormittag, sondern auch am Nachmittag, um die hohe Anzahl GeschĂ€fte abzuarbeiten. Danach ist die Luft bei den meisten Politikerinnen und Politikern etwas draussen, wie wohl fĂŒr viele Leute nach einem Sitzungsmarathon. Wydler nimmt sich trotzdem Zeit fĂŒr ein GesprĂ€ch mit Rathuus. Den Termin hatten wir vereinbart, als wir uns fĂŒr ein Interview im „Anzeiger von Wallisellen“ trafen. Das Thema: Wydlers FrĂŒhfranzösisch-Vorstoss.

    Das Treffen mit uns steht darum unter einer klaren Devise: FrĂŒhfranzösisch nur in homöopathischen Dosen. „Ich möchte nicht nur darauf reduziert werden, weil ich auch gern ĂŒber andere Themen rede“, sagt die 58-JĂ€hrige augenzwinkernd.


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    Doch das erweist sich als schwieriger als gedacht. Denn die Motion ist sinnbildlich fĂŒr die zum Teil unbefriedigende Arbeit von Parlamentarierinnen und Parlamentariern: WĂ€hrend viele wichtige Themen kaum je Beachtung finden, schaffen es andere in die Schlagzeilen und sorgen ĂŒber die Kantonsgrenzen hinaus fĂŒr Debatten. Kathrin Wydlers Vorstoss war sogar in Bundesbern eine Zeit lang praktisch Thema Nummer eins.

    In ein Wespennest gestochen

    Ganz kurz zusammengefasst will das Kantonsparlament FrĂŒhfranzösisch abschaffen. Statt ab der fĂŒnften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton ZĂŒrich zukĂŒnftig erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden (wir berichteten). Hinter der Motion standen neben der Wallisellerin auch der PfĂ€ffiker Hanspeter Hugentobler (EVP), die Mettmenstetterin Ursula Junker (SVP) und die RĂŒmlangerin Nadia Koch (GLP).

    Doch ob es ĂŒberhaupt zur Abschaffung des FrĂŒhfranzösisch kommt, steht in den Sternen. Seit dem Kantonsratsentscheid ĂŒberschlagen sich die Ereignisse. In Westschweizer Parlamenten kam es zu Unmutsbekundungen, im Nationalrat brach der Aktivismus aus und der Bundesrat zeigte sich ebenfalls gar nicht erfreut. „Politisch verstehe ich, dass man in Bern ein Zeichen setzen will. Aber dieser Vorstoss hat sowohl eine pĂ€dagogische als auch eine politische Dimension“, sagte sie im Interview mit dem „Anzeiger von Wallisellen“. Sie habe klar die pĂ€dagogische Komponente höher gewichtet – „weil mir das Bildungsniveau und das Wohl der Kinder wichtiger sind“. Zuerst sollen alle Kinder gut Deutsch können, bevor sie weitere Sprachen lernen.

    RĂŒckblickend betrachtet hat die Wallisellerin in ein Wespennest gestochen. „Vermutlich war das FrĂŒhfranzösisch schon mein bisher grösster politischer Erfolg.“ Obwohl es andere Vorstösse gegeben habe, die aus ihrer Sicht genauso wichtig gewesen seien. Sie erwĂ€hnt als Beispiele ihre Motion zur speditiven Abwicklung von Stipendiengesuchen, die Anfang 2023 diskussionslos an den Regierungsrat ĂŒberwiesen worden ist, und das Postulat „Digitalisierung Mittel- und Berufsfachschulen“ von 2019. Dieses forderte die Regierung auf, darzulegen, mit welchen Massnahmen und Mitteln der digitale Wandel an den kantonalen Mittel- und Berufsfachschulen sichergestellt und gefördert werden kann.

    „Ich habe ein wenig mit dem ‚C‘ gekĂ€mpft, als ich damals fĂŒr eine Kandidatur angefragt worden bin“, erinnert sich Kathrin Wydler.

    Lösungen finden und Kompromisse schmieden

    Wydler, die in Wallisellen aufgewachsen ist, sitzt in der Kommission fĂŒr Bildung und Kultur. „Ich möchte etwas verĂ€ndern, etwas verbessern und Kompromisse schmieden“, sagt sie. Seit 2014 ist sie Mitglied der Schulpflege Wallisellen und seit 2018 fĂŒr die Mitte im Kantonsrat. Eingetreten war Wydler also in die Partei, als sie noch CVP, Christlichdemokratische Volkspartei, hiess. Erst 2021 entstand die Mitte aus der Fusion der CVP und der BĂŒrgerlich-Demokratischen Partei – kurz BDP.

    „Ich habe ein wenig mit dem ‚C‘ gekĂ€mpft, als ich damals fĂŒr eine Kandidatur angefragt worden bin“, erinnert sich Wydler. Sie sei zwar katholisch getauft, wĂŒrde sich aber als Agnostikerin bezeichnen. Also als jemand, der nicht mit hundertprozentiger rationaler Sicherheit eine göttliche Existenz erklĂ€ren kann. Aber mit den christlichen Werten könne sie sich trotzdem identifizieren. „Die Mitte ist eine klar bĂŒrgerliche Partei“, sagt sie. Einer ihrer GrossvĂ€ter war einst Kantonsrat der Bauern-, Gewerbe- und BĂŒrgerpartei gewesen – einer VorgĂ€ngerpartei der SVP.

    Bei den Erneuerungswahlen in Wallisellen im nĂ€chsten Jahr wird Wydler nicht mehr fĂŒr die Schulpflege antreten. „Elf Jahre sind genug und meine Rolle hat sich sehr verĂ€ndert. Bei meinem Eintritt gab es in Wallisellen eine eigenstĂ€ndige Schulgemeinde“, erklĂ€rt die Politikerin. Am 1. Juli 2022 wurde jedoch die Schulgemeinde und die Politische Gemeinde zu einer sogenannten Einheitsgemeinde fusioniert. Die SchulprĂ€sidentin oder der SchulprĂ€sident ist seither automatisch Mitglied des Stadtrats. DafĂŒr haben die Schulpflegerinnen und Schulpfleger an Handlungsspielraum verloren, da der Stadtrat hĂ€ufig die strategischen Entscheidungen trifft.

    Trotzdem wird sich Wydler als PrĂ€sidentin der Mitte Wallisellen im Lokalwahlkampf engagieren. „Bei den Kommunalwahlen wird man schon eine erste Tendenz sehen, wie die WĂ€hlerinnen und WĂ€hler ticken“, glaubt die Politikerin im Hinblick auf die Kantonsratswahlen 2027. Aus ihrer Sicht rĂŒcken Klimathemen in den Hintergrund und wirtschaftliche Themen werden aktueller. „Die Wirtschaftslage in der Schweiz und auf der ganzen Welt wird uns ziemlich sicher beschĂ€ftigen.“

    Kathrin Wydler ist ein grosser Kinofan. Sie war an der Eröffnungsnacht des Zurich Film Festival und hat die US-Komödie Splitsville mit Dakota Johnson geschaut. Bild: Pascal Turin

    Sie ist ein grosser Kino-Fan

    Wydler ist in Wallisellen aufgewachsen. Nach dem Gymnasium und dem Chemiestudium verbrachte sie zwei Jahre beruflich in den USA. Danach fĂŒhrte ihr Weg zurĂŒck in die Nachbargemeinde von ZĂŒrich. Sie arbeitete seither unter anderem beim Wassertechnik-Spezialisten Kreutzinger & Stahel AG sowie beim Verband der Schweizerischen Lack- und Farbenindustrie.

    Um den Kopf frei zu kriegen, verbringt die KantonsrĂ€tin gern Zeit im Garten ihres Einfamilienhauses. „Jedes Mal, wenn ich im Garten bin, sehe ich etwas, was getan werden muss“, sagt sie scherzend. „Gartenarbeit ist fĂŒr mich wirklich pure Erholung.“ Ausserdem geht sie gern mit ihrem Hund spazieren, einem dreijĂ€hrigen English Springer Spaniel. „Wir hatten immer Hunde und sie tun einer Familie gut“, findet die Mutter dreier Kinder, von denen das JĂŒngste gerade auf Lehrstellensuche ist.

    Auf die Frage „Wenn Sie Königin von ZĂŒrich wĂ€ren, was wĂŒrden Sie als erstes zu Gunsten des Standorts ZĂŒrich entscheiden?“ im Newsletter Politpuls der ZĂŒrcher Handelskammer antwortete sie diplomatisch: „Königin von ZĂŒrich möchte ich nicht sein, aber als Bildungspolitikerin ist mir ein starkes Bildungssystem wichtig, das Wert auf den Lern- und Laufbahnerfolg der Lernenden und die BedĂŒrfnisse der Wirtschaft legt.“

    Wydler ist ein grosser Kinofan. Sie war deshalb an der Eröffnungsnacht des Zurich Film Festival (ZFF) und hat die US-Komödie Splitsville mit Dakota Johnson geschaut. „Das ZFF ist mehr als Kino – es ist ein Schaufenster fĂŒr KreativitĂ€t, Innovation und StandortstĂ€rke. ZĂŒrich zeigt, wie Kultur und Wirtschaft gemeinsam Strahlkraft entwickeln“, schrieb sie dazu in einem Beitrag auf dem Business-Netzwerk Linkedin und postete fotografische EindrĂŒcke des Abends.

    „Filme und Kino finde ich wirklich toll“, sagt sie. Das Opernhaus werde immer als kultureller Leuchtturm angesehen, doch sie halte die Filmkultur fĂŒr genauso wichtig. Ob auslĂ€ndischer Arthouse-Film oder typischer Hollywood-Thriller – sie möchte die unterschiedlichen Genres ganz Mitte-Politikerin nicht gegeneinander ausspielen. Ihre Lieblingsschauspielerin ist ĂŒbrigens Susan Sarandon.

    Wenn Kathrin Wydler ĂŒber Filme spricht, tut sie das mit derselben Leidenschaft wie ĂŒber Politik. Im CafĂ© du Bonheur haben sich mittlerweile drinnen viele PlĂ€tze gefĂŒllt und die Sonne ist schon fast hinter den DĂ€chern verschwunden. FrĂŒhfranzösisch haben wir zwar nicht ausklammern können – doch auch andere Themen kamen nicht zu kurz.


  • 4 Minuten

    Umsatzeinbussen wegen Baustellen: Genf zahlt EntschÀdigungen

    Auf dem Foto sieht man die störende Baustelle vor einem Restaurant.Beizen wie diese in der ZĂŒrcher Altstadt leiden unter der Bauerei, vor allem von Montag bis Freitag. Sie wĂŒrden wohl nichts dagegen haben, wenn es EntschĂ€digungen fĂŒr ErtragsausfĂ€lle geben wĂŒrde. Bild: Lorenz Steinmann

    Genf zĂŒckt das Portemonnaie: Das Stadtparlament hat einen Kredit gesprochen und zahlt Firmen die Miete, wenn sie unter Baustellen der öffentlichen Hand leiden. Die Rohnestadt handelt also, wĂ€hrend ZĂŒrichs Stadtrat lieber bis vor Bundesgericht gegen die Hilfe fĂŒr KMUs vorgeht.

    Die Rue de Carouge in Genf ist ein Stadtzentrum, wie es etwa die ZĂŒrcher Altstadt ist. Im MĂ€rz 2025 sind in Genf Bagger aufgefahren, um Tiefbauarbeiten auszufĂŒhren und spĂ€ter eine FussgĂ€ngerzone einzurichten. Dauer der Baustelle: Bis voraussichtlich August 2027. Also satte zwei Jahre und Ă€hnlich lange, wie ebenfalls im ZĂŒrcher Niederdorf gebaut wird. Gleich ist auch, dass die Zeit bis dahin fĂŒr viele Gewerbe- und Handelsbetriebe mit Publikumsverkehr nur sehr schwer zu ĂŒberstehen ist. Grund: Die riesigen Baustellen fĂŒhren zu massiven Umsatzeinbussen.

    Doch wĂ€hrend ZĂŒrichs Stadtregierung bei EntschĂ€digungswĂŒnschen nicht mit sich reden lĂ€sst und Anliegen aus dem Gewerbe abschmettert oder Klagen bis vor Bundesgericht zieht, kommt in Genf erstmals ein Entscheid des stĂ€dtischen Parlaments zum Tragen. Aktuell bietet die Stadt Genf den Ladenbesitzern finanzielle UnterstĂŒtzung an, indem sie fĂŒr ein halbes Jahr die Miete ĂŒbernimmt. Eingerichtet wurde ein schneller und pauschaler EntschĂ€digungsmechanismus fĂŒr die betroffenen GeschĂ€fte, wie einem Artikel des Wirteverbands Basel-Stadt zu entnehmen ist.

    Die EntschĂ€digung werde 115,5 Prozent der jĂ€hrlichen Nettomiete betragen, anteilig berechnet fĂŒr einen Zeitraum von 161 Tagen (vom 28. Juni bis 5. Dezember 2025). Wenn das GeschĂ€ft zusĂ€tzlich zu einem Eingang auf dem BaustellengelĂ€nde ĂŒber einen zweiten Eingang an einer anderen Strasse verfĂŒgt, gilt eine Obergrenze von 60’000 Franken.

    EntschĂ€digungsberechtigt sind laut der Stadt Genf im Handelsregister eingetragene GeschĂ€fte, die ĂŒber mindestens einen Kundeneingang innerhalb des festgelegten Bereichs sowie ĂŒber einen Gewerbemietvertrag verfĂŒgen. In begrĂŒndeten FĂ€llen sieht das Reglement der Stadt die Möglichkeit vor, von den Förderkriterien abzuweichen. Total sind fĂŒr diese EntschĂ€digungen 3,3 Millionen Franken vorgesehen.


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    In ZĂŒrich hingegen ist Gleiches noch in weiter Ferne. Zwar soll die Stadt ZĂŒrich baustellenbedingte EntschĂ€digungen an Betriebe prĂŒfen. Das StadtzĂŒrcher Parlament hat im August einen Vorstoss der beiden FDP-GemeinderĂ€te Emanuel Tschannen und Sebastian Vogel mit klarer Mehrheit ĂŒberwiesen. Das Ziel: Die Stadt solle 50 Prozent der Umsatzeinbussen ĂŒbernehmen, wenn sie die Baustellen verantwortet. 

    Doch weil der Stadtrat nun zwei Jahre Zeit hat, das Ergebnis seiner PrĂŒfung zur Idee vorzulegen, ist nicht so rasch mit einer „Genfer Lösung“ fĂŒr ZĂŒrich zu rechnen. Dazu kommt, dass die Bereitschaft fĂŒr ein Entgegenkommen klein scheint. Denn bisher wehrte sich der Stadtrat mit HĂ€nden und FĂŒssen gegen solche WĂŒnsche. So sagte SP-StadtrĂ€tin Simone Brander im August vor dem Parlament, Baustellen seien nötig, um die Infrastruktur zu erneuern und SchĂ€den zu verhindern. „Alle paar Jahrzehnte trifft es einen eben. Dann muss man durchbeissen“, so die Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements und schob nach, das sei halt ein unternehmerisches Risiko.

    Support vom Bundesgericht

    Warum agiert der Stadtrat so defensiv? Ist es die fehlende eigene unternehmerische Erfahrung, die Angst vor einer Kostenflut oder gar das Wissen, dass Gerichte sowieso nicht so schnell Schadenersatz sprechen? Die Stadt zog kĂŒrzlich eine Klage von Ellen und Reto Hausammann bis vor Bundesgericht weiter. Die beiden betreiben sieben BĂ€ckereien in ZĂŒrich und Umgebung. Wegen einer mehrmonatigen Baustelle vor dem Laden an der UniversitĂ€tsstrasse 88 verloren sie aber viel Geld. Doch ihr Argument, die Bauarbeiten hĂ€tten die wirtschaftliche Existenz akut gefĂ€hrdet, zog nicht.

    Die Lausanner Richter kamen im Juni 2025 zu einem anderen Schluss. Zwar anerkannten sie, dass Baustellen massive Auswirkungen haben können. FĂŒr eine EntschĂ€digung mĂŒsse die BeeintrĂ€chtigung jedoch mindestens ein halbes Jahr lang andauern, zitierte der „Blick“ aus dem Urteil. Im Fall der BĂ€ckerei habe die starke EinschrĂ€nkung aber nur rund drei Monate gedauert – zu wenig fĂŒr eine EntschĂ€digungspflicht der Stadt. Aber: Die Dauer schien in Lausanne bei den Bundesrichtern der Knackpunkt, nicht das Anliegen generell.

    Das nicht sehr rumreiche Beispiel vom „Oski-Beck“

    Doch trotz langer Bauzeit kannte die Stadt auch bei Fatmir Guci (58) keine Gnade. Er fĂŒhrt mit seiner Frau an der Badenerstrasse die BĂ€ckerei „Oski-Beck“. Die Stadt ZĂŒrich erneuerte Werkleitungen und die Kanalisation. Die Tramlinie 2 war ein Jahr ausser Betrieb, die Strasse nur zeitweise befahrbar. Die Bagger zogen erst nach zwei Jahren Bauzeit wieder ab. Trotzdem weigerte sich die Stadt, den geplagten BĂ€cker auch nur ansatzweise zu entschĂ€digen – Rathuus berichtete ausfĂŒhrlich darĂŒber.

    Immerhin: Jetzt muss in den Amtsstuben gebrĂŒtet und dem Gemeinderat eine EntschĂ€digungslösung fĂŒr betroffene Gewerblerinnen und Gewerbler prĂ€sentiert werden. Bis eine „Genfer Lösung“ umgesetzt wird, dauert es aber definitiv noch lange.


  • 4 Minuten

    Sechs UnfĂ€lle! Wie man in ZĂŒrich Kreise zieht – bis es kracht

    Schon wieder weg: Dieser Kreisel am Birchplatz im StadtzĂŒrcher Quartier Oerlikon – inklusive Velofahrtipps – war nicht lange in Betrieb. Bild: Lorenz Steinmann

    In der Schweiz gibt es gut 3500 Strassenkreisel. Aber wohl nur einer wurde so schnell auf- und wieder abgebaut wie jener am ZĂŒrcher Birchplatz. Das Tiefbauamt schlampte bei der Geometrie, nahm UnfĂ€lle in Kauf und vergass beim RĂŒckbau prompt einen Teil der Velomarkierungen. Eine Polemik.

    In Oerlikon hat es eine Strassenkreuzung, die schon seit Jahren im Fokus der StadtzĂŒrcher Planer steht. Die Kreuzung Regensberg- und Birchstrasse. Ein privates PlanungsbĂŒro erstellte im Auftrag der Stadt eine Studie, wie hier ein Kreisel fĂŒr eine bessere VerkehrsfĂŒhrung ohne Ampelanlage sorgen könnte. Das Resultat: ein vierarmiger Kreisel! Und so erfolgte am 27. November 2024 eine öffentliche Mitteilung, dass hier eine „temporĂ€re Verkehrsvorschrift“ eingefĂŒhrt werde. Und zwar der Kreisverkehr am Birchplatz, geltend von November 2024 bis Ende Dezember 2030.

    Der erstellte Kreisel wirkte dann aber von Anfang an ziemlich lieblos. In der Mitte ein kreisrunder Zaun, abgedeckt mit einer weissen Blache. Kein Schmuck, keine Kunst am Bau, keine der vielen Plastiken im Kreiselzentrum, welche die Stadt in ihren Lagern herumstehen hat. „Und der soll so bleiben bis 2030?“, fragte man sich.

    Laut Onlineportal Blue News eine „irre Geschichte“

    TatsĂ€chlich erfolgte der RĂŒckbau viel frĂŒher als in Aussicht gestellt – quasi in einer Nacht- und Nebelaktion und schon vor wenigen Wochen. Daraufhin hagelte es Kritik im Quartier und das „Tagblatt der Stadt ZĂŒrich“ sowie das Onlineportal Blue News berichteten darĂŒber. „Kaum gebaut, schon abgerissen – die irre Geschichte des Birchplatz-Kreisels“, war der Tenor.

    Dabei fiel auf, dass die Stadt eigentlich nur die halbe Wahrheit herausrĂŒckte.

    „Der Kreisel am Birchplatz wurde bewusst als temporĂ€re Lösung erstellt, um den Umleitungsverkehr wegen der Baustelle BinzmĂŒhlestrasse abwickeln zu können. Der Kreisel entsprach nicht der Norm fĂŒr einen sicheren Kreisverkehr. Dazu mĂŒsste die Geometrie der Kreuzung in einem Strassenbauprojekt angepasst werden“, hiess es auch auf Anfrage von Rathuus seitens der Stadt.

    Nicht der Norm entsprechend? Wer baut denn so etwas? Solche Fragen kommen auf, weil man es sich vom Staat eigentlich gewohnt ist, dass er sich an die Vorgaben hÀlt.


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    Erst auf Nachfrage rĂ€umte die Stadt ein, dass man einen definitiven Kreisel vorgesehen habe. Doch im Rahmen der Budgetberatung fĂŒr das Jahr 2023 habe der Gemeinderat entschieden, vorlĂ€ufig auf die Umsetzung eines definitiven Kreisels zu verzichten. Schleierhaft blieb vorerst, warum ĂŒberhaupt die Stadt zuerst und öffentlich einen Kreiselverkehr bis 2030 kommuniziert hatte.

    ZusĂ€tzlich rĂŒckte die Stadt mit weiteren Einzelheiten heraus. „UrsprĂŒnglich war geplant, den temporĂ€ren Kreisel bis zum Bau des Tram Affoltern bestehen zu lassen. Der Baubeginn des Tram Affoltern ist fĂŒr 2028 vorgesehen, die Inbetriebnahme frĂŒhestens 2031“, so das Tiefbauamt. Eine temporĂ€re Lösung ĂŒber einen so langen Zeitraum hinweg aufrechtzuerhalten, sei aber nicht gerechtfertigt. Zudem hĂ€tten sich zwischen der Inbetriebnahme des Kreisels im November 2024 bis zum RĂŒckbau sechs UnfĂ€lle, fĂŒnf davon mit Velofahrerinnen und Velofahrern, ereignet.

    Auf dem Bild sieht man den Birchplatz nach dem RĂŒckbau vom Kreis zur Kreuzung.Der Birchplatz in Oerlikon, wie er sich aktuell prĂ€sentiert. Velosignalisationen am Boden wurden schlichtweg vergessen. Bild: Lorenz Steinmann

    Der Kreisel als Unfallhotspot also. Warum baut die Stadt ĂŒberhaupt einen Kreisel, dessen Geometrie nicht stimmt? Ist das schon ein Fall fĂŒr den Unfallrichter?

    TatsĂ€chlich liegt in der Schweiz und auch im Kanton ZĂŒrich die Variante mit Lichtsignalen weit vor jener mit Rechtsverkehr und Vortrittsrecht auf dem Kreisel. Dabei bieten Kreisel einige Vorteile. Sie sind „verkehrsdemokratisch“, und meist geht es schneller voran. Zudem fĂ€llt die teure Lichtsignaltechnik weg.

    Aus Sicht des Veloverkehrs hingegen sind ­Kreisel auch mit korrekter Geometrie ĂŒberaus gefĂ€hrlich. Hier passieren statistisch gesehen fast am meisten UnfĂ€lle. Aktuell lĂ€uft deswegen in ZĂŒrich eine PrĂ€ventionskampagne. Das Ziel: alle Verkehrsteilnehmer darĂŒber informieren, dass Velofahrer einspuren und dann in der Mitte der Kreiselfahrbahn pedalen sollen. Dass dazu einiges an Mut nötig ist, versteht sich von selbst.

    Plakat ging auch noch vergessen

    Entsprechende Plakate waren auch am zum Kreisel umgebauten Birchplatz angebracht. Eines stand dann noch Wochen herum, obwohl lĂ€ngst wieder Ampelverkehr galt. Waren die zustĂ€ndigen Angestellten immer noch am Überstundenabbau nach der Rad-WM im September 2024? Schon damals wurde Kritik laut, dass Parkverbotschilder wochenlang ĂŒber Termin herumstanden in der City.

    Und irgendwie typisch ist, dass beim RĂŒckbau auf der Regensbergstrasse nicht einmal sogenannte VelosĂ€cke fĂŒr Velofahrende markiert wurden. Also eine ausgesparte FlĂ€che vor dem Stoppbalken fĂŒr die Autos, auf der Velofahrende relativ sicher auf die GrĂŒnphase warten können. Darauf angesprochen heisst es von der Stadt: „Aktuell prĂŒft die Dienstabteilung Verkehr weitere Massnahmen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen. Danach werden die Markierungen wieder angebracht.“

    Dass die Velofahrerinnen und Velofahrer einmal mehr einfach vergessen gingen, spricht BĂ€nde. Etwas, was nicht von zeitgemĂ€ssem, ganzheitlichem Denken in den zustĂ€ndigen Departementen von SP-StadtrĂ€tin Simone Brander und GrĂŒnen-StadtrĂ€tin Karin Rykart zeugt. Brander ist Chefin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, Rykart Sicherheitsvorsteherin.

    Frei nach der deutschen Pop- und Hip-Hop-Band Deichkind: Leider nicht geil.


  • 6 Minuten

    KI, das neue Lieblingsthema der Sozialdemokraten

    Vier stilisierte rote Silhouetten auf cremefarbenem Hintergrund symbolisieren den Wandel der Arbeitswelt durch kĂŒnstliche Intelligenz – vom Handwerker ĂŒber Angestellte bis hin zur digitalen Figur aus Datenlinien.Die Sozialdemokratie hat die kĂŒnstliche Intelligenz fĂŒr sich entdeckt. Die SP-Fraktion des Kantonsrats hat kĂŒrzlich ein Vorstosspaket zum Einsatz von KI eingereicht. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

    Ob im Krieg, in der Medizin oder in der Verwaltung: Die kĂŒnstliche Intelligenz ist ĂŒberall. Auch im Kantonsrat haben sich die Parteien dem Thema angenommen – allen voran die SP. Eine Analyse.

    Die Aufregung rund um KI oder AI – kurz fĂŒr Artificial Intelligence – ist hierzulande gross. Das zeigt exemplarisch das Zurich AI Festival, welches vom 29. September bis 4. Oktober stattfand. „Das Zurich AI Festival vereint die Köpfe, die die Zukunft gestalten – visionĂ€re GrĂŒnderinnen und GrĂŒnder, mutige Investorinnen und Investoren sowie Technologie-FĂŒhrungskrĂ€fte, die die Zukunft prĂ€gen“, heisst es auf der Website des Events. Organisiert hatte die Veranstaltung das ETH AI Center zusammen mit dem Marketing-Verbund Greater Zurich Area sowie dem Kanton und der Vermarktungsorganisation ZĂŒrich Tourismus. Das ETH AI Center will Forschende aus allen Fachbereichen zusammenbringen, die sich mit den Grundlagen, Anwendungen und Auswirkungen der KI befassen.

    Eine Frucht der ForschungsbemĂŒhungen ist die ChatGPT-Alternative Apertus – ein Gemeinschaftsprojekt der ETH ZĂŒrich, der École Polytechnique FĂ©dĂ©rale de Lausanne und des Hochleistungsrechenzentrums Swiss National Supercomputing Centre in Lugano. „Der gesamte Entwicklungsprozess, einschliesslich Architektur, Modellgewichten sowie Trainingsdaten und -methoden, ist frei zugĂ€nglich und umfassend dokumentiert“, schreibt die ETH in einer Mitteilung.


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    „Klar scheint, dass die KI auf dem Arbeitsmarkt Opfer fordern wird. Und dass es vor allem jene treffen wird, die wenig Bildung mitbringen oder sich nicht Ă€ndern können oder wollen“, schreibt der „Spiegel“.

    „Der Spiegel“ titelte: „Killt KI meinen Job?“

    Doch zurĂŒck zum Zurich AI Festival: Dort gab es durchaus kritische Töne zu hören, insbesondere an der Fachtagung AI+X Summit 2025 in der Eventlocation Stage-One in Oerlikon. Dieser Anlass der ETH, der UniversitĂ€t ZĂŒrich und der ZĂŒrcher Hochschule fĂŒr Angewandte Wissenschaften findet seit 2021 statt. „ZĂŒrich diskutierte am Summit jedoch nicht ĂŒber den Hype rund um KI, sondern ĂŒber konkrete Hausaufgaben wie die Frage, wie wir KI-Systeme bauen, die in Verwaltungen, Unternehmen und humanitĂ€ren EinsĂ€tzen funktionieren – ohne Daten abgleiten zu lassen“, so das Fachmagazin Netzwoche. Die Schweiz habe sich dabei klar als BrĂŒckenbauerin zwischen Technik und Governance positioniert, so die „Netzwoche“. „Daten abgleiten lassen“ bedeutet, dass die Daten unbeabsichtigt oder unrechtmĂ€ssig in falsche HĂ€nde geraten.

    Sicher ist: Die KI wird unsere Arbeitswelt verĂ€ndern. Ob zum Guten oder zum Schlechten wird sich wahrscheinlich schneller weisen, als einem lieb sein kann. Das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ titelte vergangene Woche verkaufsfördernd „Killt die KI meinen Job?“ und schĂŒrte damit sicher bei vielen Leserinnen sowie Lesern die Angst vor der kĂŒnstlichen Intelligenz. Doch welche Jobs wird es genau treffen? Und mĂŒssen wir uns bereits heute bei einem Regionalen Arbeitsvermittlungszentrum anmelden? Eine definitive Antwort hatte natĂŒrlich auch der „Spiegel“ nicht. Nur so viel: „Klar scheint, dass die KI auf dem Arbeitsmarkt Opfer fordern wird. Und dass es vor allem jene treffen wird, die wenig Bildung mitbringen oder sich nicht Ă€ndern können oder wollen“, schreibt der „Spiegel“.

    Im Gegensatz zur Industrialisierung, die vielen repetitiven Aufgaben den Garaus machte, sind heute auch anspruchsvolle Berufszweige gefĂ€hrdet – darunter vor allem Einstiegsjobs in diversen Branchen. Überspitzt gesagt: Wer braucht noch ein GrafikbĂŒro, wenn man Bilder und Logos durch den Computer generieren lassen kann? Selbst Juristinnen, Psychologen, Schriftstellerinnen und Mitarbeiter im Kundenservice geraten unter Druck.

    Wir verweisen an dieser Stelle auf unseren Artikel vom 28. April. Dort kann man viel ĂŒber Chancen und Gefahren der kĂŒnstlichen Intelligenz nachlesen. Wir erklĂ€ren ausserdem, wie sich der Kanton ZĂŒrich auf dieses neue Zeitalter vorbereitet.

    Nicht nur auf Gegenliebe in der Verwaltung stossen dĂŒrfte vermutlich die Anfrage mit dem provokanten Titel „Wo klemmt’s beim AFI?“, eingereicht von den SP-KantonsrĂ€tinnen Yuste und JĂŒttner.

    SP reicht Vorstoss um Vorstoss ein

    Auch die Politik hat die KI und ihr Potenzial schon diverse Male beschĂ€ftigt. Erst am 29. September reichte die SP-Kantonsratsfraktion ein ganzes Paket an Vorstössen ein. Ziel des Pakets ist es laut Medienmitteilung der SP, dass der Kanton fĂŒr Transparenz, demokratische Kontrolle und Fairness sorgt und gleichzeitig die Chancen der neuen Technologien nutzt. KĂŒnstliche Intelligenz verĂ€ndere die Verwaltung, Bildung und Gesellschaft rasant, so die StadtzĂŒrcher SP-KantonsrĂ€tin Nicola Yuste im CommuniquĂ©. „Damit diese Technologien im Kanton ZĂŒrich im Sinne der Menschen eingesetzt werden, braucht es klare Regeln, Transparenz und demokratische Kontrolle. Mit unseren Vorstössen schaffen wir auf kantonaler Ebene die nötige Grundlage, um die Chancen von KI zu nutzen, aber gleichzeitig die Risiken zu minimieren und das Vertrauen der Bevölkerung zu stĂ€rken“, lĂ€sst sich Yuste in der Mitteilung zitieren.

    Von der Barrierefreiheit durch KI in kantonalen Dienstleistungen ĂŒber KI bei der Personalsuche bis zu sicheren KI-Tools fĂŒr Schulen ist im Vorstosspaket fast alles dabei. Obwohl einige Vorstösse zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Parteien eingereicht worden sind, sind SP-Politikerinnen oder SP-Politiker jeweils die Erstunterzeichnenden.

    Nicht nur auf Gegenliebe in der Verwaltung stossen dĂŒrfte vermutlich die Anfrage mit dem provokanten Titel „Wo klemmt’s beim AFI?“, eingereicht von den SP-KantonsrĂ€tinnen Yuste und Sibylle JĂŒttner. AFI ist die AbkĂŒrzung fĂŒr das Amt fĂŒr Informatik. Die Politikerinnen wollen unter anderem wissen, wie der Regierungsrat durch eine klare Roadmap gewĂ€hrleistet, „dass KI-Anwendungen, die zu Einsparungen von Personalressourcen oder zu Verbesserungen der Dienstleistungen fĂŒr Unternehmen und Menschen fĂŒhren, vom AFI prioritĂ€r und zĂŒgig in Betrieb genommen werden“.

    Die Sozialdemokraten haben das Thema KI im Jahr 2025 vorlĂ€ufig zu ihrem gemacht. Das zeigt im Prinzip, dass sich die SP nach wie vor fĂŒr die Arbeiterschaft einsetzt, einfach in den mittelstĂ€ndischen Sparten wie Verwaltung und Dienstleistungen.

    14 von 15 Vorstössen mit Beteiligung der SP

    Sucht man auf der Website des Kantonsparlaments bei den GeschĂ€ften nach dem Stichwort „KI“, findet man bis Ende September 2025 fĂŒr das aktuelle Jahr 15 Anfragen, Motionen oder Postulate. AuffĂ€llig ist, dass davon 14 unter FederfĂŒhrung oder zumindest mit Beteiligung der Sozialdemokraten eingereicht worden sind. Zum Vergleich: Die FDP, deren Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker SpĂ€h den Kanton zu einem wichtigen KI-Standort machen will, war gerade mal an drei Vorstössen beteiligt. Die SVP zeigt mit zwei Vorstössen ebenfalls kein ĂŒberbordendes Interesse an der disruptiven, also durchaus zerstörenden Technologie und selbst die technologieaffine GLP kommt nur auf vier. DafĂŒr scheinen die GrĂŒnen und die Mitte mit je fĂŒnf Vorstössen ein wenig mehr Gefallen am Thema gefunden zu haben. Die AL war an vier Vorstössen beteiligt, die EVP kommt auf deren drei.

    Die Sozialdemokraten haben das Thema kĂŒnstliche Intelligenz im Jahr 2025 auf Kantonsebene vorlĂ€ufig zu ihrem gemacht. Die SP setzt sich also nach wie vor fĂŒr die Arbeiterschaft ein – statt fĂŒr die Fabrikarbeiterin nun einfach fĂŒr Angestellte in den mittelstĂ€ndischen Sparten wie Verwaltung und Dienstleistungen. Nun dĂŒrfte spannend sein, ob die anderen Parteien – allen voran die wirtschaftsnahe FDP – nachziehen. Gerade bei den ökologischen Fragen rund um die KI könnten GrĂŒne und GrĂŒnliberale ihr Profil schĂ€rfen. Stoff fĂŒr politische KreativitĂ€t gĂ€be es genug.

    WĂ€hrend des Zurich AI Festivals fand ĂŒbrigens eine besondere Vernissage statt. Noch bis zum 29. Oktober prĂ€sentiert die amerikanische KĂŒnstlerin Lauren Lee McCarthy auf dem MĂŒnsterhof in ZĂŒrich eine Installation mit einem automatisierten Postauto. „Die Arbeit kombiniert Performance, Video, Software, Installation und KI“, schreibt die Fachstelle Kunst im öffentlichen Raum auf ihrer Website. Dabei nutze Lauren Lee McCarthy Technologie nicht nur als Werkzeug, sondern auch als Mittel zur Reflexion: Was bedeute es, heute Mensch zu sein – in einer Welt, die zunehmend von Algorithmen geprĂ€gt sei?


  • 5 Minuten

    Etappensieg fĂŒr Stadion-Planer

    Auf dem Bild zu sehen die Hardturm-Brache, wie ein neues Stadion und zwei HochhĂ€user gebaut werden sollen.Hier auf der seit 2008 leeren Hardturmbrache im StadtzĂŒrcher Kreis 5 sollen dereinst ein Fussballstadion und Wohnbauten gebaut werden. Archivbild: Lorenz Steinmann

    Die Stadt ZĂŒrich wartet seit dem Abbruch des Hardturm-Stadions im Jahr 2008 auf ein neues Fussballstadion. Jetzt urteilte das ZĂŒrcher Verwaltungsgericht zugunsten des Projekts „Ensemble“. Rathuus blickt zurĂŒck auf die Stadionprojekte im Kreis 5.

    Die Stadionpromotoren um die beiden Fussballklubs FC ZĂŒrich und GC ZĂŒrich, die Baufirma HRS, die Allgemeine Baugenossenschaft ZĂŒrich (ABZ), die StadionzĂŒri AG und die Vorsorgestiftungen der UBS können aufatmen. Zumindest vorerst. Sie haben einen Etappensieg errungen beim Ziel, die Hardturmbrache zu ĂŒberbauen. Denn das ZĂŒrcher Verwaltungsgericht wies die Beschwerde gegen den privaten Gestaltungsplan vollumfĂ€nglich ab, wie das Projektteam heute Nachmittag mitteilte. Es stĂŒtzte damit den vor rund zwei Jahren gefĂ€llten Entscheid des Baurekursgerichts in der Sache. Der Entscheid des Verwaltungsgerichts ist noch nicht rechtskrĂ€ftig.

    Das Projekt beinhaltet den Bau eines neuen Fussballstadions zusammen mit hunderten von Wohnungen und mehreren GewerbegebĂ€uden auf dem Hardturm-Areal in der Stadt ZĂŒrich. Die BeschwerdefĂŒhrer können den Gestaltungsplan noch vor Bundesgericht ziehen – die Frist lĂ€uft bis Anfang November.

    Wie es sich fĂŒr ein in die Tiefe gehendes Politmagazin gehört, haben wir fĂŒr alle Interessierten die Fakten rund um die dornenreiche Geschichte des (ehemaligen) Hardturm-Stadions und der diversen Projekte zusammengetragen. Fussball olĂ©!


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    Unbestreitbar ist, dass ZĂŒrich seit 2008 kein reines Fussballstadion mehr hat. Der Letzigrund mit seiner Leichtathletikbahn rund ums Fussballfeld ist seither Heimstadion des FCZ wie auch von GC. Abgebrochen wurde das traditionsreiche Fussballstadion schon im Dezember 2008. Dabei wĂ€re der Hardturm eigentlich als EM-Stadion fĂŒr die EM 2008 vorgesehen gewesen. Wegen Einsprachen klappte die Realisierung aber nicht. 

    Der Letzigrund als EM-Alternative

    Wegen der Verzögerungen aus juristischen GrĂŒnden beim Neubau des Hardturms wurde der Letzigrund mit Baujahr 1925 und grosser Erweiterung 1958 im Jahre 2005 abgebrochen und von Grund auf neu gebaut. An der Volksabstimmung vom 5. Juni 2005 wurden der Baukredit ĂŒber 110 Millionen Franken und der Fussball-Europameisterschafts-Kredit ĂŒber 11,3 Millionen Franken klar angenommen. Am 30. August 2007 erfolgte die offizielle Einweihung des Neubaus. Und dann gab es einen durchaus glanzvollen Auftritt an der EM 2008.

    Es gab auch schon ein Nein an der Urne

    Doch zurĂŒck zum Hardturm. Bis heute hat das Stimmvolk viermal ĂŒber ein neues Stadionprojekt abgestimmt. Dreimal sagte es Ja, einmal Nein. In Erinnerung sind natĂŒrlich die beiden Ja der StadtzĂŒrcher Stimmbevölkerung 2018 und 2020, als man sich fĂŒr das „Ensemble“-Projekt ausgesprochen hatte.

    2003 gab die Stadion-Betreiberin Stadion ZĂŒrich AG, eine Tochtergesellschaft der Credit Suisse, bekannt, dass sie ihr Stadion im Hardturm durch das aus dem durchgefĂŒhrten Wettbewerb hervorgegangene Projekt ersetzen wolle. Dieses sah fĂŒr den Neubau mit 30’700 SitzplĂ€tzen eine Mantelnutzung vor, die eine Shopping-Mall mit Gastronomie, ein Konferenzhotel, einen Bereich mit Fitness- und Gesundheitsangeboten sowie ein BĂŒrohochhaus umfassen wĂŒrde. Der stĂ€dtische Kredit von 48 Millionen Franken fĂŒr die Beteiligung an der Stadion ZĂŒrich AG wurde in einer ersten stĂ€dtischen Volksabstimmung im September 2003 gutgeheissen. Wegen Rekursen, der Bankenkrise und weil eine Shopping-Mall wohl nicht rentiert hĂ€tte, zog die CS das Projekt 2009 zurĂŒck. 

    Dann kaufte die Stadt unter der FederfĂŒhrung des damaligen Stadtrats Martin Vollenwyder (FDP) 2010 von der Credit Suisse das ganze GrundstĂŒck ab. Ebenfalls 2010 wurde das neue Projekt vorgestellt: ein reines Fussballstadion mit 16’000 PlĂ€tzen, einem Restaurant, einer Bar und 14 Logen, plus 160 Wohnungen. In einer am 22. September 2013 durchgefĂŒhrten zweiten Volksabstimmung fand das Wohnprojekt zwar eine Mehrheit, das Stadion hingegen wurde von den StimmbĂŒrgerinnen und -bĂŒrgern knapp abgelehnt. Eine Schlappe fĂŒr den Stadtrat, aber auch fĂŒr den FCZ und fĂŒr GC.

    So schön könnte die Fassade des geplanten Hardturm-Stadions wĂ€hrend eines ZĂŒrcher Derbys leuchten. Visualisierung: Nightnurse Images

    Höher als der Prime Tower

    Dann folgte ein neues Vorhaben, das heute noch gĂŒltige „Ensemble“-Projekt. Am 25. November 2018 bewilligte das Stimmvolk in der dritten Abstimmung zum Thema Baurechte und Kredite ĂŒber 50 Millionen Franken. Der Plan sieht nebst 174 gemeinnĂŒtzigen Wohnungen und zwei HochhĂ€usern mit 570 Wohnungen auf dem GelĂ€nde auch den Bau eines reinen Fussballstadions mit Platz fĂŒr 18’000 Fans fĂŒr die Grasshoppers und den FCZ vor. Zudem sollen auf dem GelĂ€nde eine Wohnsiedlung und zwei HochhĂ€user (je 137 Meter hoch, der Prime Tower ist demgegenĂŒber 126 Meter hoch) mit Wohnungen und GeschĂ€ftsrĂ€umen entstehen. Umgesetzt werden soll die Arealbebauung, wie eingangs erwĂ€hnt, von der HRS Real Estate AG, den Anlagestiftungen der UBS (ehemals Credit Suisse) und der ABZ.

    Nachdem die erforderliche Menge an Unterschriften fĂŒr ein Referendum zusammengekommen war, kam es am 27. September 2020 zu einer erneuten und vierten Abstimmung ĂŒber den Gestaltungsplan fĂŒr das Areal, in der das Projekt von den StimmbĂŒrgern abermals bestĂ€tigt wurde. Und jetzt folgte also das OK des Verwaltungsgerichts. Die Rekursfrist lĂ€uft bis Anfang November. Ein Weiterzug bis vor Bundesgericht ist möglich.

    Das sind die Gegner

    Anschliessend könnte auch gegen das Baugesuch in sĂ€mtlichen drei Instanzen rekurriert werden – allerdings nur noch in beschrĂ€nkter Form. Baubeginn vor 2030 scheint dennoch illusorisch. Gesamthaft gesehen ist der Verkehrsclub der Schweiz, Sektion ZĂŒrich, der grosse Widersacher. Er hat das erste Projekt von 2003 zu Fall gebracht. In jĂŒngerer Zeit sind es neben den links-grĂŒnen „IG FreirĂ€ume“ und „IG am Wasser“ der Promi Felix E. MĂŒller (ehemals Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“) und der Unternehmer Urs Zweifel von Zweifel Weine, die Kritik ĂŒben.

    Offen ist, ob und wie Eigenheimbesitzer der BernoullihĂ€user und StockwerkseigentĂŒmer der östlich des GelĂ€ndes gelegenen Überbauung am Sportweg beim Widerstand mitwirken. In der Öffentlichkeit ist die Zustimmung eher sinkend, wegen der immer wiederkehrenden Ausschreitungen der Fussballfans. Ein Argument ist wegen der 2000-Watt-Gesellschaft auch, ob es ein neues Stadion tatsĂ€chlich braucht, wenn es doch das Letzigrund-Stadion bereits gibt (Stichwort: graue Energie).

    Nur eines ist sicher: Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.


  • 3 Minuten

    StimmbĂŒrger will Engpass beseitigen

    Auf dem Bild sieht man den Milchbucktunnel in der Stadt ZĂŒrich mit dem ungenutzten Mittelstreifen.Die Einzelinitiative als interessante Demokratieform: Adolf FlĂŒeli, der kein politisches Amt inne hat, möchte, dass im Milchbucktunnel der Mittelstreifen kĂŒnftig als Fahrspur genutzt wird. Bild: Lorenz Steinmann

    Adolf FlĂŒeli aus Winterthur will im Milchbucktunnel einen Pannenstreifen in eine dritte Fahrspur umfunktionieren. Er hat dazu als einfacher StimmbĂŒrger die politische Form einer Einzelinitiative gewĂ€hlt. Eine kurze Staatskundelektion.

    Heute ist ein wenig Staatskundeunterricht angesagt. Es geht um die faszinierende, ja schon fast verfĂŒhrerisch simple Möglichkeit, sich als einzelne stimmberechtigte Person im Kanton ZĂŒrich oder auch auf Gemeindeebene Gehör zu verschaffen. Denn man kann mit einem Anliegen ans jeweilige Parlament gelangen und hoffen, dass eine gewisse Anzahl an Parlamentarierinnen und Parlamentariern die Idee gut findet.

    Im Kantonsrat braucht es 60 Mitglieder, damit eine Einzelinitiative an den Regierungsrat ĂŒberwiesen wird. Dieser legt dem Parlament Bericht und Antrag vor. Der Kantonsrat stimmt anschliessend ĂŒber die Initiative ab. In der Stadt ZĂŒrich sind es 42 Mitglieder des Gemeinderats, die mindestens nötig sind, damit sich der Stadtrat mit einem Anliegen beschĂ€ftigen muss.


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    Vater der „Nuller-Kennzeichen“

    Einer, der dieses besondere direktdemokratische Mittel auch schon genutzt hat, ist Adolf FlĂŒeli aus Winterthur. So wollte er vor zehn Jahren die ETH Hönggerberg besser mit dem ÖV erschliessen lassen, durch nichts weniger als einen S-Bahn-Tunnel. Oder dann seine Idee der EinfĂŒhrung von Fahrzeugkennzeichen, die mit einer Null beginnen. Vorteil dieses Plans: Es gĂ€be keine Platzprobleme auf den sechs- und ja, eventuell bald siebenziffrigen Autokennzeichen, wenn dereinst einmal ĂŒber eine Million Fahrzeuge im Kanton ZĂŒrich verkehren. Doch beide Vorstösse wurden vom Kantonsrat abgelehnt, jener der Nummernschilder erst 2024.

    Nun versucht es der 71-jĂ€hrige FlĂŒeli mit einer neuen Idee. Er möchte eine „Optimierung der derzeit vorhandenen VerkehrsflĂ€chen sowie der seit Jahrzehnten ĂŒberfĂ€lligen baulichen Engpassbeseitigung im Milchbucktunnel“ erwirken. Vereinfacht gesagt soll die leere Fahrspur kĂŒnftig je nach Verkehrsaufkommen stadtauswĂ€rts oder stadteinwĂ€rts genutzt werden.

    Im von Adolf FlĂŒeli perfekt verwendeten Amtsdeutsch lautet die Idee folgendermassen: Der Betrieb des Milchbucktunnels werde suboptimal gehandhabt, indem ein mittig angeordneter Pannensteifen eine grösstenteils ungenutzte VerkehrsflĂ€che darstelle. Dies behindere aus seiner Sicht einerseits den Verkehrsfluss und stelle andererseits ein zusĂ€tzliches Sicherheitsrisiko dar. Der Grund gemĂ€ss Text der Einzelinitiative: Ein linksliegender Pannenstreifen bei Rechtsverkehr sei artfremd und fĂŒr den Fahrzeuglenker ungewöhnlich und zur Nutzung völlig kontraintuitiv.

    Beim Gotthardtunnel geht es auch ohne

    Ausserdem fordert der Bau- und Wirtschaftsingenieur, dass der Milchbucktunnel gemĂ€ss den ursprĂŒnglichen Planungen auf vier Spuren mit einem doppelten Tunnelportal an der Wasserwerkstrasse ausgebaut werden soll. Immerhin, so FlĂŒeli, existiere ein Teil davon schon. So lasse sich analog dem vorgelagerten vierspurigen Schöneichtunnel ein „bestmöglicher kontinuierlicher Verkehrsfluss bei gleichwertiger Sicherheit ohne Pannenstreifen erzielen“.

    FlĂŒeli erinnert in seinem Vorstoss daran, dass die „Forderung betreffend Pannenstreifen in einem 1985 eröffneten bestehenden Tunnel angesichts des zirka achtfach lĂ€ngeren zweispurigen Gotthardtunnels mit ungetrenntem Gegenverkehr völlig absurd“ sei.

    Nun kommt das GeschĂ€ft in den 180-köpfigen Kantonsrat. Die Chancen stehen gut, dass die Idee von Adolf FlĂŒeli als Auftrag an den Regierungsrat ĂŒberwiesen wird. Freilich ist in diesem speziellen Fall das Ganze ein wenig kompliziert, weil die Strasse im Milchbucktunnel eine Nationalstrasse ist, also das Bundesamt fĂŒr Strassen – kurz Astra – zustĂ€ndig ist. Somit mĂŒsste, falls das Anliegen im Kantonsrat durchkommt, der (mehrheitlich bĂŒrgerliche) Regierungsrat mittels Standesinitiative beim Astra vorstellig werden. Was aber zumindest in der heutigen Konstellation mit Bundesrat Albert Rösti (SVP) durchaus erfolgversprechend sein könnte. Rösti ist Vorsteher des Eidgenössischen Departements fĂŒr Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation, zu dem das Astra gehört.

    Man darf gespannt sein, wie es mit Adolf FlĂŒelis Idee weitergeht. Sein auf den 18. September 2025 datierter Vorstoss hat nun im Kantonsrat die GeschĂ€ftsnummer 326/2025 erhalten. Es ist ein Beispiel, wie Otto Normalverbraucher politisch aktiv werden kann.


  • 1 Minute

    Fragen ĂŒber Fragen – und unsere Antworten dazu

    Lorenz Steinmann und Pascal Turin posieren neben einem temporĂ€ren Strassenschild "Einfahrt verboten". Lorenz trĂ€gt ein grĂŒnes T-Shirt und hĂ€lt ein Exemplar des "Altstadt Kuriers" in die Höhe. Pascal hat eine Hand in der Hosentasche und trĂ€gt einen grauen Kapuzenpullover mit dem Logo der Golden State Warriors.In der aktuellen Folge des Rathuus-Podcasts erzĂ€hlt Lorenz Steinmann (links) von seinem neuen Job beim "Altstadt Kurier" und Pascal Turin hakt nach. Bild: Stephanie Turin

    Im Rathuus-Podcast geht es dieses Mal auch um den „Altstadt Kurier“ und „The Offspring“: Lorenz Steinmann und Pascal Turin erzĂ€hlen in der 17. Folge aus ihrem Alltag und lassen dabei natĂŒrlich die Politik nicht zu kurz kommen.

    Endlich wird es mal wieder persönlich: In der 17. Folge des Rathuus-Podcasts widmen wir uns im ersten Teil dem neuen Job von Lorenz Steinmann beim “Altstadt Kurier”. Pascal Turin hat ganz viele Fragen vorbereitet und löchert nun seinen armen Co-Host damit. Dieser gibt tapfer Antwort und ermöglicht so einen spannenden Einblick in seine neue Aufgabe beim “Weltblatt fĂŒr den Kreis 1”. NatĂŒrlich klĂ€ren wir in der Folge auch, warum sich die Monatszeitung so hochtrabend als “Weltblatt” bezeichnet.

    Ausserdem hat uns die StadtzĂŒrcher AL-GemeinderĂ€tin Karen Hug ganz, ganz viele Fragen geschickt. Wir werden den umfangreichen Fragenkatalog bienenfleissig abarbeiten und beginnen mit der ersten Fragenportion im zweiten Teil dieser Episode. Lorenz und Pascal sprechen unter anderem darĂŒber, was in der ZĂŒrcher Medienlandschaft fehlt und was sie bei Menschen nervt, die sie interviewen. Zudem verraten die beiden Podcaster ihre grössten beruflichen Fauxpas.

    Und als ob das nicht genug wĂ€re, schwĂ€rmt Pascal auch noch vom Konzert der US-amerikanischen Punk-Rock-Band The Offspring im Hallenstadion. Da wir keinen Ärger mit der Urheberrechtsorganisation Suisa wollen, können wir unseren Hörerinnen und Hörern in der Folge selbst keine Hörprobe anbieten. Darum verlinken wir hier einfach ein Youtube-Video der Band.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv fĂŒr Abonnentinnen und Abonnenten zugĂ€nglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 4 Minuten

    „Wenn Sie eine Wohnung zum Vermieten haben, bitte melden!“

    Das Leben der 47-jĂ€hrige AL-Politikerin Karen Hug ist von sozialem Engagement geprĂ€gt. Die StadtzĂŒrcherin hat den Rathuus-Fragebogen mit viel Herzblut ausgefĂŒllt. Und dann noch den Spiess umgedreht.Die StadtzĂŒrcher AL-GemeinderĂ€tin Karen Hug in ihrer Lieblingsumgebung, der Natur. Bild: zvg

    Das Leben der 47-jĂ€hrigen AL-Politikerin Karen Hug ist von sozialem Engagement geprĂ€gt. Die StadtzĂŒrcher GemeinderĂ€tin hat den Rathuus-Fragebogen mit viel Herzblut ausgefĂŒllt – und dann noch den Spiess umgedreht.

    Karen Hug, wie wurden Sie politisiert? 
    Die Politisierung ist im vollen Gange. Die aktuelle persönliche Betroffenheit trĂ€gt leider sehr viel dazu bei. Das Haus, in dem ich lebe und aufgewachsen bin, wurde an den Meistbietenden verkauft. Vor Kurzem wurde uns mitgeteilt, dass alle Mieter:innen die Liegenschaft verlassen mĂŒssen, da eine umfassende Sanierung/Aufstockung bevorsteht. Wir haben zwar die theoretische Möglichkeit, wieder in die Wohnungen zurĂŒckzukehren – doch (so die Prognose) zum dreifachen Mietzins – ein unrealistischer Preis fĂŒr mich und meine Nachbarn. Also liebe Leserin und lieber Leser: Wenn Sie eine Wohnung zum Vermieten haben, bitte melden!

    Was wollten Sie als Kind werden? 
    TierÀrztin.

    Was beschÀftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Die Welt wird „ĂŒberflutet“ und wir diskutieren ĂŒber Grenzen und Abgrenzung.

    „Von Gemeinderatskolleg:innen höre ich immer wieder, wir seien die ‚Streber-Partei‘ – dem kann ich zustimmen“, sagt AL-GemeinderĂ€tin Karen Hug.


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    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal AbwanderungsgelĂŒste?
    ZufĂ€lle haben mich zur AL gefĂŒhrt. Aus meiner Sicht – die differenzierteste „Partei“ in ZĂŒrich. Von Gemeinderatskolleg:innen höre ich immer wieder, wir seien die „Streber-Partei“ – dem kann ich zustimmen. Mich beeindruckt immer wieder, mit wie viel Fleiss, Engagement und Herzblut sich meine Fraktionskolleg:innen in ihre Themen und Dossiers reinknien, um etwas fĂŒr die Menschen in unserer Stadt zu bewirken. Bei diesem Einsatz geht es immer um den Menschen. 

    Haben Sie auch schon Unterschriften fĂŒr eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Wenn immer möglich, ĂŒberlasse ich diese wichtige Aufgabe anderen – ist einfach nicht mein Ding. Lieber stehe ich hinter einem Bartresen und fördere so den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Vernetzung, den Austausch und den Dialog. 

    Welche StaatsmĂ€nner halten Sie – frei nach Max Frisch – fĂŒr moralisch?
    Jón Gnarr (ein islÀndischer Komiker, Musiker, Schriftsteller und Politiker, Anm. d. Red.).

    Mit wem wĂŒrden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit dem Papst – vorzugsweise Bier.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton ZĂŒrich?
    Seit ich GemeinderĂ€tin bin – der „Hard Corner“. Vor meiner ersten Ratssitzung war ich zum ersten Mal dort – und wurde gleich von der herzlichen Besitzerin beschenkt. Diese spontane Geste hat mein Herz erobert – seither ist der „Hard Corner“ mein „Heart Corner“!

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Zu selten – muss ich Ă€ndern!

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Grönland umsegelt.

    „Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?“ – „Liebe kann nach dem FrĂŒhstĂŒck entstehen.“

    Wer ist fĂŒr Sie die bedeutendste ZĂŒrcherin oder der bedeutendste ZĂŒrcher?
    Aus aktuellem Anlass: Georg Lasius, mehr Informationen hier – lesen lohnt sich: Quartierverein Hirslanden – Freiestrasse.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Liebe kann nach dem FrĂŒhstĂŒck entstehen.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Unsere breit abgestĂŒtzte Motion zum Josef-Areal. Ich hoffe, wir können hier einen wichtigen Beitrag fĂŒr mehr bezahlbaren Wohnraum leisten. 

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Dass ich behaupte, keine Fauxpas zu machen?

    Wollen Sie das historische Rathaus zurĂŒck oder gefĂ€llt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Pragmatisch: Im Rathaus Hard bleiben, wo die Infrastruktur super ist. GefĂŒhlt: Ins historische Rathaus zurĂŒck – ein Ort mit einer 773-jĂ€hrigen Geschichte 


    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Da verlasse ich mich (ausnahmsweise!) auf die Meinung von meinem Gemeinderatskollegen Flurin Capaul.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Powerfrauen, die an meinen musikalischen Vorlieben massiv vorbeischrammen – darum ein Tipp von mir: Gyða ValtĂœsdĂłttir!

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Spitzbergen bei Nebel. Mein persönliches Sehnsuchtsbild nach „Stinksocken“-Wetter, Weite und Stille.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf „Stinksocken“-Wetter, Weite und Stille

    Und worĂŒber können Sie lachen?
    Situationskomik.

    Karen Hug ĂŒbernahm im Oktober 2023 den Gemeinderatssitz vom AL-Parteikollegen Mischa Schiwow (StadtzĂŒrcher Wahlkreis 7 und 8). Die 47-JĂ€hrige gehört seither der Sachkommission Hochbaudepartement, Stadtentwicklung an. Zudem ist sie Mitglied der ParitĂ€tischen Kommission Landrat Uri/Gemeinderat von ZĂŒrich. Seit MĂ€rz 2024 ist Hug Co-QuartiervereinsprĂ€sidentin von Hirslanden und kĂŒmmert sich dort um die Bereiche Quartierentwicklung, Kommunikation, Vernetzung und öffentlicher Raum. Hug arbeitet bei der Caritas und ist Standortleiterin der beiden Kirchlichen Regionalen Sozialdienste Mutschellen-Reusstal sowie Wohlen und Umgebung.

    Sehr originell ist, dass Karen Hug den Spiess umgedreht und der Rathuus-Redaktion einen Fragebogen zugestellt hat. Die Fragen werden nun stĂŒckweise im Rathuus-Podcast beantwortet.


  • 5 Minuten

    Ein (un)mögliches Ziel

    Thomas Hofffmann fĂ€hrt mit seinem Velo inklusive AnhĂ€nger auf der ZĂŒrcherstrasse in Wetzikon. Neben ihm fĂ€hrt ein weisses Auto und hinten kommt ein roter Lastwagen immer nĂ€her.Eine typische Szene an der ZĂŒrcherstrasse in der NĂ€he des Bahnhofs Wetzikon: Wer hier mit dem Velo durch muss, braucht starke Nerven – selbst geĂŒbte Velofahrer wie Thomas Hoffmann. Bild: Pascal Turin

    Velofahren in Wetzikon soll Spass machen – doch das tut es im Moment nicht. Thomas Hoffmann möchte mit der Website velofreundliches-wetzikon.ch Politik, Bevölkerung und Velofahrende zusammenbringen. Am Horizont lockt der Gewinn des „Prix Velo“.

    Zuerst gilt es, Stolpersteine aus dem Weg zu rĂ€umen. Thomas Hoffmann hat sich eine grosse Aufgabe auf die Schultern geladen. Sein Ziel ist es, Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen. Zumindest will er Behörden und Politik dazu motivieren, sich dafĂŒr einzusetzen – und gibt sich dafĂŒr 20 Jahre Zeit. Insbesondere die Region rund um den Bahnhof erinnert je nach Tageszeit an die Weststrasse im StadtzĂŒrcher Quartier Wiedikon, bevor diese 2010 fĂŒr den Durchgangsverkehr gesperrt wurde. Heute ist die Weststrasse eine idyllische Quartierstrasse – der Westumfahrung sei Dank.

    Eines der Hauptprobleme der Stadt am PfĂ€ffikersee ist, dass die Oberland-Autobahn, also die A15, auch nach Jahrzehnten der Planung eine LĂŒcke zwischen Uster und Hinwil aufweist. Autos und Lastwagen mĂŒssen darum durch Wetzikon mit seinen rund 27’000 Einwohnerinnen und Einwohnern rollen – und stehen dann mitten im Ort im Stau.

    Doch der verkehrstechnische Unort, an dem ZĂŒrcherstrasse und Bahnhofstrasse zusammenkommen, ist nur eine der HĂŒrden, die ĂŒberwunden werden muss, um Wetzikon zur velofreundlichsten Stadt der Schweiz zu machen.


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    Hoffmann hat vor Kurzem die Website velofreundliches-wetzikon.ch lanciert. Dort berichtet der pensionierte Journalist etwa ĂŒber einen Veloweg zwischen Unterwetzikon und Hinwil, der wegen einer Baustelle zum „DauerĂ€rger“ wurde. „Seit drei Monaten sollte er wieder offen sein – ist er aber nicht. Und auf der Umleitung fehlen inzwischen mehrere Hinweistafeln“, so Hoffmann. Aber auch positive Nachrichten dĂŒrfen nicht fehlen, darunter das erste Wetziker Velofest, an dem 200 Leute teilnahmen. „Es bot einen Mix aus Unterhaltung und Genuss – und setzt mit zwei Petitionen politischen Druck auf: Die Situation fĂŒr Velofahrende muss besser werden“, schreibt der 63-JĂ€hrige.

    Velofahren macht in Wetzikon keine Freude

    Es sind typische Lokalgeschichten, die man auf der Website findet – so wie sie in Lokal- oder Regionalzeitungen stehen, wenn diese noch darĂŒber berichten. Thomas Hoffmann erklĂ€rt aber auch HintergrĂŒnde, zum Beispiel was hinter dem Megaprojekt „Stadtraum Bahnhof Wetzikon“ steckt, ĂŒber das im FrĂŒhjahr 2026 abgestimmt wird. Geplant sind breitere UnterfĂŒhrungen fĂŒr zu Fuss Gehende und Velofahrende, Velostationen, Park-and-Ride-Angebote, ein neuer Bushof, ein Bahnhofplatz und ein Bahnhofpark. Kostenpunkt: Rund 90 Millionen Franken – getragen von Stadt, Kanton, Bund und privaten Partnern. „Das wĂ€re schon ein sehr grosser Wurf. Ich bin gespannt, ob das Vorhaben an der Urne durchkommt“, sagt Hoffmann.

    Man darf tatsÀchlich gespannt sein, wie die Stimmberechtigten entscheiden werden.

    Im siebenköpfigen Stadtrat hĂ€lt die FDP drei Sitze, GrĂŒne, SP, Mitte und SVP haben je einen Sitz. Die SP stellt zudem den StadtprĂ€sidenten. Im Parlament mit 36 Sitzen haben die BĂŒrgerlichen je nach Konstellation und Thema leicht die Oberhand. Die SVP hat acht Sitze, die FDP sechs. Die SP und die GrĂŒnen sind mit sechs respektive fĂŒnf Personen vertreten. Die EVP hat drei Sitze, wĂ€hrend Mitte, GLP, Alternative Wetzikon und EDU auf je zwei Vertretungen kommen.

    „Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder FussgĂ€ngerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt Thomas Hoffmann (63). Bild: Pascal Turin

    Dass das Velofahren in der Stadt vielen Menschen keinen Spass macht, lĂ€sst sich mit Zahlen erhĂ€rten. Auf der Onlineplattform „Wetzikon vielsichtig“, mit der die Stadt die Bevölkerung in die Ortsplanungsrevision einbeziehen möchte, findet man einen Auswertungsbericht zu einer Umfrage, bei der vergangenes Jahr ĂŒber 1000 Personen teilgenommen hatten. Orte, wo man sich zu Fuss oder mit dem Velo nicht sicher fĂŒhle, befĂ€nden sich vor allem um den Bahnhof in Unterwetzikon sowie im Bereich des Zentrumsgebiets Oberwetzikon. Angebot und Infrastruktur fĂŒr den Zug seien am besten bewertet worden (Note 5,3), Veloangebot und -infrastruktur hĂ€tten im Durchschnitt lediglich eine 3,4 erhalten, „was vielfach mit unsicheren, unschönen, nicht attraktiven und zu engen StrassenrĂ€umen erklĂ€rt wird“, heisst es im Bericht.

    Ausserdem interessant: GemĂ€ss der stĂ€dtischen MobilitĂ€tsstrategie zeigt sich, dass der Fuss- und ÖV-Anteil in Wetzikon deutlich tiefer ist als im kantonalen Durchschnitt. „Es ist die Aufgabe des Stadtrats, jetzt die richtigen Weichen zu stellen, um auch in Zukunft eine funktionierende MobilitĂ€t sicherzustellen“, sagte Heinrich Vettiger, SVP-Stadtrat und Vorsteher Tiefbau, Umwelt + Energie, in einem Artikel des „ZĂŒrcher OberlĂ€nders“.

    Der „Prix Velo“ als Motivationsspritze fĂŒr alle

    Thomas Hoffmann ist in keiner Partei und möchte alle ansprechen: „Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder FussgĂ€ngerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt der Wetziker, der in seiner Freizeit gern mit dem Rennvelo unterwegs ist. Einkaufen fĂ€hrt er mit einem gewöhnlichen Alltagsvelo inklusive AnhĂ€nger. Darum hat er die VeloparkplĂ€tze vor Aldi, Migros und Co. mit Noten bewertet. Ganz schlecht weg kommt die Post, die vor ihrer Filiale beim Bahnhof „keinen einzigen Veloparkplatz“ anbietet. „Parkiert wird trotzdem – gezwungenermassen illegal“, schreibt Hoffmann und fĂŒgt im Text zum Beweis ein Foto an.

    „Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-JĂ€hrige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt Thomas Hoffmann.

    Einen kleinen Erfolg konnte der frĂŒhere Redaktionsleiter beim ZĂŒrcher Verlag Lokalinfo AG bereits verbuchen. Die Stadt beteiligt sich zum ersten Mal am „Prix Velo StĂ€dte“ der Lobbyorganisation Pro Velo Schweiz. Die Auszeichnung wird nur alle vier Jahre vergeben. Wieso beteiligt sich nun auch Wetzikon? „Dank einer Anfrage von mir. Im Juni mailte ich den Vorschlag an die Stadt – und das Tiefbauamt war interessiert“, erzĂ€hlt Hoffmann, der hier seit 35 Jahren wohnt. Er kennt sich also bestens aus.

    Bis November können Wetzikerinnen und Wetziker ihre Stadt vom Velosattel aus bewerten. Veröffentlicht werden die Ergebnisse dann im FrĂŒhling 2026. Vermutlich – oder ziemlich sicher – wird Wetzikon eher auf den hinteren PlĂ€tzen landen. Doch das könnte in vier Jahren dann schon anders aussehen. „Die Ergebnisse der Umfrage fliessen ganz im Sinne der stĂ€dtischen MobilitĂ€tsstrategie in die Weiterentwicklung der Veloinfrastruktur in der Stadt Wetzikon ein“, verspricht die Stadt in einer Mitteilung.

    Positives Beispiel: Die ĂŒberwachte Velostation beim Bahnhof Wetzikon wird von Mitarbeitenden aus dem Programm "BeschĂ€ftigung + Arbeitsintegration" der Stadt Wetzikon betrieben. Bild: Pascal Turin

    Aus Sicht von Thomas Hoffmann könnte die Teilnahme am „Prix Velo“ ein Ansporn fĂŒr alle sein: Die Politik sowie die Behörden sollen den Drahtesel fördern und die Bevölkerung soll sich hĂ€ufiger aufs Velo schwingen. „Am Wichtigsten finde ich es, dass viele 8- bis 80-JĂ€hrige gern mit dem Velo durch Wetzikon fahren“, sagt er. Die Menschen sollen mit Freude aufs Fahrrad steigen können und keine Angst vor gefĂ€hrlichen Kreuzungen oder schwierigen Kreiseln haben mĂŒssen. „Je mehr Leute mit dem Velo unterwegs sind, desto wichtiger wird dieses Verkehrsmittel“, zeigt sich Hoffmann ĂŒberzeugt.

    Ob also Wetzikon dereinst die velofreundlichste Stadt der Schweiz wird? Es ist ein ehrgeiziges Ziel. Doch unmöglich zu erreichen, ist es nicht.

    Mehr Informationen unter www.velofreundliches-wetzikon.ch.