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  • 6 Minuten

    Politik mit Seeblick: Sie kämpft für fliessenden Verkehr nach Zürich

    Das Bild zeigt Marion Matter am Seeufer in Meilen. Sie trägt die Haare offen und eine Jeansjacke.Marion Matter (50) ist Kantonsrätin der SVP. Ihre Wahl bezeichnete die „Zürichsee-Zeitung“ 2023 als die „grösste Überraschung“ der Kantonsratswahlen im Bezirk Meilen. Bild: Pascal Turin

    Die Wahl von Marion Matter galt als Überraschung. Zwei Jahre später ist die Meilemer SVP-Kantonsrätin längst aus dem Schatten ihres Ehemanns Thomas Matter, SVP-Schweiz-Vizepräsident, herausgetreten und wehrt sich gegen Tempo 50 auf der Seestrasse.

    In der Lycka Coffee & Bar in Meilen bestellt Marion Matter einen Kaffee. Es ist nachmittags um 15 Uhr und die 50-Jährige wirkt entspannt. „Hier trifft skandinavische Gemütlichkeit auf eine moderne leichte Küche“, schrieb die „Zürichsee-Zeitung“ vergangenen Frühling über das Café auf dem grosszügigen Dorfplatz mit hellen Steinplatten. Direkt gegenüber des Lokals steht der gewöhnungsbedürftige moderne Erweiterungsbau des 1913 erbauten Gemeindehauses.

    Die Gemeinde Meilen ist der Hauptort des gleichnamigen Bezirks – hier leben rund 15’000 Menschen. „Trotzdem hat Meilen seinen Dorfcharakter erhalten können, das finde ich sehr schön“, schwärmt Matter. Im Zentrum geht sie regelmässig im Prima-Laden oder beim Metzger einkaufen und gern im Restaurant Löwen Meilen essen – im Sommer am liebsten auf der Aussenterrasse fast direkt am Ufer der Goldküste. Von hier hat man auch einen guten Blick auf die Fähren, die Meilen mit Horgen an der Pfnüselküste verbinden.

    Marion Matter ist Kantonsrätin der SVP und ihre Wahl bezeichnete die bereits zitierte „Zürichsee-Zeitung“ als die „grösste Überraschung“ der Kantonsratswahlen im Bezirk Meilen. „Ich bin etwas baff, ich habe nicht mit meiner Wahl gerechnet. Aber ich freue mich natürlich sehr“, sagte sie nach ihrer Wahl gegenüber der Tageszeitung. Die im Kanton Schwyz aufgewachsene Meilemerin, die von ihrer Partei zur Kandidatur angefragt worden war, hatte bei ihrer Wahl drei Listenplätze gutgemacht.

    Ganz so überraschend kam ihr Wahlerfolg dann aber doch wieder nicht.


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    Marion Matter hatte an vielen Standaktionen teilgenommen und sogar Tür-zur-Tür-Wahlkampf betrieben. Und ihr Name war sowieso schon einigen ein Begriff. Kein Wunder, ihr Ehemann Thomas Matter ist Nationalrat und ein bekanntes Gesicht der Schweizerischen Volkspartei. Er hat die Helvetische Bank mit Sitz im Zürcher Seefeld gegründet und sorgte 2023 mit einem umstrittenen Wahlkampfsong für Furore. Die „Schweizer Illustrierte“ durfte für eine Homestory in ihrer Villa hübsch inszenierte Fotos des Paars schiessen. Dort leben Marion und Thomas Matter mit ihrer 17-jährigen Tochter. Die drei Töchter aus erster Ehe ihres Ehemanns sind längst erwachsen. Marion Matter bezeichnet sie liebevoll als „Bonustöchter“.

    Auch im Text der „Schweizer Illustrierten“ wurde ihre Wahl in den Kantonsrat angesprochen. „Ich wusste, dass es klappen würde“, sagte nämlich SVP-Schweiz-Vizepräsident Thomas Matter. Seither habe er keinen warmen „Znacht“ mehr bekommen, fügte er augenzwinkernd an. Als „SVP-Humor“ bezeichnete die Zeitschrift den Spruch.

    Die Politik ist Marion Matter quasi in die Wiege gelegt worden, denn ihr Vater Paul Giger war in den 70er-Jahren CVP-Kantonsrat im Kanton Schwyz. Und natürlich dürfte bei ihrer eigenen Wahl in den Zürcher Kantonsrat die nationale Bekanntheit von Thomas Matter geholfen haben. Trotzdem ist die Politikerin längst aus dem Schatten ihres Mannes herausgetreten – obwohl sie von sich selbst sagt, dass sie „noch gar nicht lange genug im Kantonsrat ist, um etwas bewegt haben zu können“.

    Kampf für freie Fahrt an der Goldküste

    Im August hat Marion Matter zusammen mit SVP-Kollege Tumasch Mischol aus Hombrechtikon und FDP-Kantonsrätin Corinne Hoss-Blatter aus Zollikon eine Anfrage mit dem Titel „Was läuft verkehrt beim Verkehr am rechten Zürichseeufer?“ eingereicht. Die Kantonsrätinnen und Kantonsräte wollen unter anderem wissen, welche Strategie der Regierungsrat in Bezug auf das Tempo-Regime an der Seestrasse am rechten Zürichseeufer habe und wie die Gemeinden Erlenbach, Küsnacht und Zollikon in den Entscheid eingebunden worden seien.

    Für Matter ist klar: „Die Seestrasse ist die wichtigste Verbindung nach Zürich. Hier muss der Verkehr fliessen.“ Doch die links-grüne Regierung der Stadt Zürich versuche mit allen Mitteln, den Autofahrerinnen und Autofahrern das Leben schwer zu machen. „Im Gegensatz zu den Bewohnerinnen und Bewohnern des linken Seeufers haben wir keinen Autobahnanschluss“, gibt sie zu bedenken. Sie zeigt zwar Verständnis für die Quartierbewohnenden im Stadtzürcher Seefeld, die sich weniger Autoverkehr wünschen – „die haben ja auch Bus- und Tramhaltestellen direkt vor der Haustür“. Aber: „Die Bellerivestrasse ist ebenso wie die Seestrasse nun mal eine wichtige kantonale Hauptverkehrsachse – und keine Quartierstrasse.“

    Marion Matter steht an einem Geländer beim Dorfplatz. Hinter ihr ist ein Gebäude mit Backstein-Fassade zu sehen. Sie trägt eine blaue Jeansjacke und hat eine Hand locker auf das Geländer gelegt."Meine Partei steht für weniger Einschränkungen, für Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit“, sagt Marion Matter, Vizepräsidentin der SVP Bezirk Meilen. Bild: Pascal Turin

    Sie will die öffentliche Sicherheit verbessern

    Ein wichtiges Anliegen ist ihr die öffentliche Sicherheit und die Bekämpfung der Kriminalität, besonders auch wegen ihrer Tochter im Teenageralter. „Ich finde, es wird mehr auf die Täter als auf die Opfer Rücksicht genommen“, so die Kantonsrätin, die in der Justizkommission sitzt. In einer ihrer Anfragen ging es beispielsweise um das Vorgehen der Strafverfolgungsbehörden, wenn Beschuldigte sich ins Ausland abgesetzt haben. „Bei welchen Strafbeständen werden mutmasslich Beschuldigte mit einer Ausreisesperre belegt?“, fragte sie im März zusammen mit Roland Scheck aus Zürich und Domenik Ledergerber aus Herrliberg (beide SVP) den Regierungsrat.

    Die gelernte Bankkauffrau mit Stationen bei verschiedenen Grossbanken, darunter der UBS und der ehemaligen Credit Suisse, will sich ausserdem für mehr Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung einsetzen. Deshalb sei sie auch gegen die Volksinitiative für einen durchgehenden Seeuferweg am Zürichsee gewesen. Dafür hätten Landeigentümerinnen und Landeigentümer enteignet werden können. 64 Prozent der Stimmberechtigten lehnten die Initiative im vergangenen Jahr ab.

    Matter ist gleichzeitig mit ihrem Mann in die SVP eingetreten. „Das war, als wir nach Meilen gezogen sind“, erinnert sich die Politikerin, die seit 16 Jahren in der Gemeinde wohnt. „Meine Partei steht für weniger Einschränkungen, für Freiheit, Sicherheit und Unabhängigkeit“, betont die Vizepräsidentin der SVP Bezirk Meilen. Sie wisse, dass diese Schlagwörter auch Klischees seien. „Aber es ist tatsächlich so, wir stehen für diese Werte ein.“

    Sie hat ein Herz für Kinder in Honduras

    Die Kantonsrätin arbeitet heute im Familienunternehmen Matter Group. Doch ihre Leidenschaft ist – neben der Politik – die Stiftung El Refugio, die ein Kinderheim in Honduras betreibt. Matter ist Präsidentin der Stiftung und hat das Amt von ihrer Schwiegermutter übernommen. Das Heim El Refugio wird von einem Schweizer geleitet und betreut 75 bis 80 Kinder und Jugendliche. „Honduras zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas“, erklärt Matter. Die Stadt San Pedro Sula hat zudem eine sehr hohe Kriminalitätsrate. „Direkte Hilfe vor Ort bringt viel mehr als irgendwelche staatlichen Programme“, ist die Meilemerin überzeugt.

    Ein Amt in Bundesbern, etwa im Nationalrat, kann sich Marion Matter im Moment nicht vorstellen. „Ich bin lieber im Hintergrund und mache meine Arbeit“, sagt sie.

    Die Stiftungsarbeit braucht viel Zeit – insbesondere die Mittelbeschaffung – doch die ehrenamtliche Arbeit ist laut Marion Matter sehr befriedigend. „Es ist mein Herzensprojekt“, sagt die Politikerin. Ihr Kalender ist mit ihrem Job bei der Matter Group, wo sie unter anderem Verwaltungsrätin ist, sowie ihren Verpflichtungen als Kantonsrätin und Stiftungspräsidentin ziemlich voll, doch sie ist es gewohnt, früh aufzustehen. „Ich gehe sowieso jeden Tag mit unserer Appenzellerhündin Whisky auf lange Spaziergänge“, sagt sie mit einem Lächeln. Dadurch sei sie auch viel im Grünen unterwegs. Besonders wichtig ist Matter ihre Familie. „Dort tanke ich Energie.“

    Ein Amt in Bundesbern, etwa im Nationalrat, kann sie sich im Moment nicht vorstellen. „Ich bin lieber im Hintergrund und mache meine Arbeit“, sagt sie. Sie wolle nicht ständig im Fernsehen auftreten und die Aufmerksamkeit der Medien suchen müssen. Aber wer weiss, wohin die politische Karriere Marion Matter noch führen wird. Um den Bogen zum Anfang zu spannen – sie hatte ja schon nie damit gerechnet, in den Kantonsrat gewählt zu werden.


  • 5 Minuten

    Über hauchdünne Niederlagen und deutliche Siege

    Zu sehen ist Michael Baumer, der von SRF interviewt wird.Zürichs FDP-Stadtrat Michael Baumer bekommt die schwierige Aufgabe, den ÖV in der Limmatstadt zu verbilligen, was ein Loch von 140 Millionen Franken verursachen könnte. Archivbild: Pascal Turin

    Es ist eine Binsenwahrheit. An einem Abstimmungssonntag gibt es Sieger und Verlierer. Ökoturbos und Ökobremser hielten sich in etwa die Waage. Eine Frage bleibt: Wer soll das alles bezahlen?

    Los geht es zuerst mit dem kantonalen Resultat, das dem Baudirektor Martin Neukom (Grüne) nicht gefallen dürfte. Denn 59,5 Prozent der Stimmenden im Kanton Zürich lehnten das Energiegesetz aus seiner Direktion ab. Zürich will damit kein Vorreiter sein auf dem Weg zu Netto-Null und schreibt das Ziel von 2040 nicht ins Gesetz. Dabei steht die Klimaneutralität bereits seit 2022 in der Verfassung.

    Heute Sonntag ging es um das Energiegesetz, also die gesetzliche Grundlage, um dieses Ziel zu erreichen. Die SVP hatte mit Unterstützung der FDP das Referendum ergriffen und siegte nun auf ganzer Linie. Ja sagte nur die Stadt Zürich, hier stimmten immerhin 58 Prozent der Stimmenden der Änderung des Energiegesetzes zu. Dies, obwohl Noch-Stadtrat Filippo Leutenegger (FDP) tüchtig gegen das Gesetz geweibelt hatte.

    Alle anderen 159 Städte und Gemeinden inklusive Winterthur hingegen sagten Nein. Am deutlichsten lehnte Fischenthal im Zürcher Oberland das Gesetz (mit 82 Prozent) ab. Während die Bürgerlichen jubilierten, betonte Regierungsrat Neukom eisern: „Es ist keine Absage an den Klimaschutz.“ Jetzt dürfen die Umstellungen im Umwelt- und Energiebereich einfach ein wenig länger dauern.


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    Überraschungen bleiben in Zürich aus

    In Zürich siegte im Grundsatz die links-grün tickende Bevölkerung. So dürfen benzinbetriebene Laubbläser in Zukunft nicht mehr verwendet werden. Auch darf generell nur noch von Oktober bis Dezember Laub geblasen werden. Das entschieden die stimmberechtigten Zürcherinnen und Zürcher mit 61,7 Prozent der Ja-Stimmen. Laut Sicherheitschefin Karin Rykart (Grüne) soll das Verbot ab 2027 gelten. Die bürgerlichen Parteien bangen schon heute, was als Nächstes an Verboten komme, meldet die Gratiszeitung „20 Minuten“.

    Mit 63,13 Prozent Ja-Stimmen hat sich das Stadtzürcher Stimmvolk zudem für das ÖV-Abo für 365 Franken ausgesprochen. Es ging um die Volksinitiative „VBZ-Abo für 365 Franken“, welche die SP lanciert hatte. Ein Abo für die Stadt Zürich in der zweiten Klasse wird somit in Zukunft 444 Franken günstiger. Alle Wahlkreise haben Ja gestimmt, wobei die traditionell besser betuchten Kreise 7 und 8 mit 54,81 Prozent die wenigsten Ja-Stimmen aufwiesen und die traditionell linken Kreise 4 und 5 mit 69,45 Prozent die meisten. Stadtrat Michael Baumer (FDP), Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe, sagte an der Pressekonferenz, die Preissenkung koste den Steuerzahler 140 Millionen Franken. Die Umsetzung der Vorlage sieht er als sehr schwierig an.

    Bei der nächsten Vorlage waren nur die SVP und die Grünen dagegen. Es handelte sich um die bislang grösste Investition der Stadt Zürich in ihre Sport- und Freizeitinfrastruktur. Nun hat sie die Hürde der Volksabstimmung relativ problemlos genommen. Mit 66,7 Prozent Ja-Stimmen stellten sich die Stimmberechtigten hinter den 373-Millionen-Franken-Kredit für den Neubau des Sportzentrums Oerlikon. Dabei hatte das Projekt in der Nähe des Hallenstadions und der Messe Zürich im Vorfeld Schlagzeilen gemacht, weil sich die prognostizierten Kosten fast verdoppelten. Jetzt ist der Weg frei für den Abbruch und Neubau.

    Ein knappes Resultat, ein Ja, gab es bei der Parkkartenverordnung: Das Parkieren in der blauen Zone wird deutlich teurer. Die Stimmbevölkerung stimmte der neuen Parkkartenverordnung mit 52,8 Prozent Ja-Anteil zu. Fünf Wahlkreise sagten Ja, vier Nein. Durch die Änderung erhalten künftig nur noch die Personen eine Parkkarte, denen kein privater Parkplatz zur Verfügung steht. Zudem wird der Preis für das Park-Abo vom Gewicht und den Emissionen des Fahrzeugs abhängig.

    Die „für unser Gewerbe vorteilhafte Gewerbeparkkarte“ sei das einzig Positive an diesem Resultat, hiess es in einer Mitteilung der FDP. Man bedauere, dass Anwohnerinnen und Anwohner dafür in den „sauren Apfel beissen müssen“ und ihnen für ihre Blaue-Zone-Karte zukünftig massiv höhere Rechnungen ins Haus flattern. Fussverkehr Schweiz kündigte gar juristische Schritte an, weil das Gewerbe in Zukunft in Ausnahmefällen auf dem Trottoir parkieren dürfe.

    Die anderen Stadtzürcher Vorlagen waren unumstritten und erzielten sehr hohe Ja-Anteile.

    Ein Blick in den Kanton

    Keine Finanzspritze, sondern ein Polster: Die Stimmberechtigten von acht Gemeinden am Zürichsee sprachen sich für 70 Millionen Franken Sicherheiten fürs Spital Männedorf aus. Horgen sprach einen 73-Millionen-Kredit fürs Fernwärmenetz und Thalwil 34 Millionen für 58 günstige Wohnungen. Dielsdorf will analog der Stadt Zürich in den Sport investieren und saniert die Sportanlage Erlen. Zudem gibt es eine neue Eishalle. In Bülach sagten die Stimmbürger Ja zu einem 30-Meter-Hochhaus, aber wuchtig Nein zu einer Initiative, die mehr Mitbestimmung beim Verkehr verlangt hätte.

    Ob das wegweisend ist? In Embrach und Freienstein-Teufen wird lärmiges Feuerwerk nämlich verboten. Und in Rüti wird das Alterszentrum wie etwa in Küsnacht in eine AG umgewandelt. In mehreren Gemeinden gab es auch ein Nein, wie der „Tages-Anzeiger“ berichtet: Neftenbach lehnte einen Kunstrasenplatz ab, Bonstetten sprach sich gegen eine Bademöglichkeit beim sogenannten Lochenweiher aus.

    Nationale Resultate mit lokalen Auswirkungen

    Schon kurz nach 12 Uhr zeigten die Hochrechnungen: Der Eigenmietwert wird wohl abgeschafft. Um kurz nach 16 Uhr folgte dann das Endresultat: Mit 57,7 Prozent nahm die Stimmbevölkerung die Vorlage zur Abschaffung des Eigenmietwerts an. Was im Lager der Gegner für lange Gesichter sorgte, bedeutete Freude bei Gregor Rutz. Der Präsident des Hauseigentümerverbands (HEV) und Zürcher SVP-Nationalrat sagte zu „20 Minuten“: „Ich bin sehr erleichtert, dass unsere Argumente aus einer breiten Koalition verfangen haben.“ Er versprach, dass nun die Steuern nicht einfach steigen würden.

    Grünen-Präsidentin Lisa Mazzone hingegen betonte, dass es eine extrem komplizierte Fragestellung und eine verwirrende Vorlage gewesen sei. Zudem sei das Budget des HEV mit über sieben Millionen Franken sehr hoch gewesen.

    Das Inkrafttreten der Vorlage steht gemäss Bundespräsidentin Karin Keller-Sutter (FDP) noch nicht fest. Erst nachdem das Eidgenössische Finanzdepartement die Konferenz der kantonalen Finanzdirektorinnen und Finanzdirektoren konsultiert habe, werde man weitermachen: „Die Reform dürfte frühestens 2028 in Kraft treten“, erklärte Keller-Sutter in Bern.

    Im Jahr 2021 hatte eine Vorlage für eine E-ID an der Urne keine Chance. Anders diesmal – wobei es bis zum Schluss nicht klar war, ob sie durchkommt oder nicht. Die elektronische Identität wurde nun mit 50,4 Prozent denkbar knapp angenommen. Die Gegner der Vorlage kündigten an, Stimmrechtsbeschwerde einzulegen, weil die Swisscom Werbung für die Vorlage gemacht habe. SP-Bundesrat Beat Jans gab als Zeitpunkt für eine E-ID „vor Ende 2026“ an.


  • 5 Minuten

    Schulfranzösisch, Sesselrücken und Studienplätze

    Eine schwarz-weisse, skizzenhafte Karikatur zeigt einen überforderten Lehrer mit ausgebreiteten Armen, Schweißperlen auf der Stirn, der über einem tiefen Riss im Boden steht. Unten rechts ist „ChatGPT“ als Signatur geschrieben.Zwischen Bonjour und Grüezi – die Lehrpersonen müssen das Land zusammenhalten. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

    Schlagzeilen vom politischen Parkett: Über eine Motion auf Kantonsebene, die sogar den Bundesrat aufschreckte, über Rochaden im Stadtzürcher Gemeinde- und im Zürcher Kantonsrat sowie über 270 zusätzliche Plätze im Medizinstudium.

    Der Kantonsrat will das Frühfranzösisch abschaffen. Er hat damit in der Romandie für Empörung gesorgt. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich zukünftig erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden. Hintergrund war eine parteiübergreifende Motion der Mitte-Politikerin Kathrin Wydler – mitunterzeichnet von Hanspeter Hugentobler (EVP), Ursula Junker (SVP) und Nadia Koch (GLP).

    „Viele Lehrpersonen sagen mir, dass man in der Oberstufe im Französisch praktisch wieder von vorne beginnt“, sagte Motionärin Wydler in einem Interview im „Anzeiger von Wallisellen“. Da stelle sich schon die Frage, was das Frühfranzösisch auf der Primarstufe bringe. „Die drei Lektionen pro Woche in der 5. und 6. Klasse könnte man sinnvoller nutzen – etwa für Deutsch oder Mathematik oder einfach für mehr Freizeit für die Kinder“, so die Kantonsrätin, die in Wallisellen wohnt.

    „Der Entscheid des Zürcher Kantonsrats zielt letztlich auf eine Entwertung der Landessprachen und unserer Kultur ab“, sagte SP-Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider.


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    Die Regierung hat nun zwei Jahre Zeit, um die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen und diese dem Parlament zu präsentieren. Ob es aber überhaupt zur Abschaffung des Frühfranzösisch kommt, ist noch völlig offen. Seit dem Kantonsratsentscheid Anfang Monat überschlagen sich die Ereignisse. In Westschweizer Parlamenten kam es zu Unmutsbekundungen, im Nationalrat brach der Aktivismus aus und die Landesregierung zeigte sich ebenfalls nicht erfreut: „Der Entscheid des Zürcher Kantonsrats zielt letztlich auf eine Entwertung der Landessprachen und unserer Kultur ab. Das ist eine Entwicklung, die ich sehr ernst nehme“, sagte die Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) gegenüber dem „Tages-Anzeiger“. Der Bundesrat vertraue darauf, dass die Kantone die Sprachenfrage selber regeln können. „Aber wir wissen auch, dass der Bund handeln muss, wenn die Kantone das nicht hinbekommen“, so die Vorsteherin des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI).

    Weil man in Bundesbern aber offenbar doch stark daran zweifelt, dass es die Kantone alleine hinbekommen, wird interveniert: Der Bundesrat hat das EDI beauftragt, eine Gesetzesänderung vorzubereiten. Die Kantone sollen eine zweite Landessprache auf Primarstufe unterrichten müssen. „Ziel ist es, die Bedeutung der Landessprachen und den Austausch zwischen den Sprachgemeinschaften zu sichern“, so der Bundesrat in einer Mitteilung. Diese Regelung solle nur greifen, falls der bestehende Sprachenkompromiss scheitere.

    Affaire à suivre.


    Alles hat ein Ende – auch die Zeit im Parlament

    Neue Gesichter, andere Namen und vielleicht frischer Wind? Im Kantonsrat kommt es zu einigen Wechseln: Bei den Grünliberalen ersetzt im Stadtzürcher Wahlkreis 7 und 8 Martina Novak die Kantonsrätin Nathalie Aeschbacher, die per 29. September zurücktritt, wie es in der Mitteilung der Direktion der Justiz und des Innern heisst. Novak ist GLP-Gemeinderätin in der Stadt Zürich. Der Grüne Jonas Pfister wiederum tritt im Wahlkreis Stadt Winterthur die Nachfolge des per 29. September zurücktretenden Parteikollegen Florian Meier an.

    „Zunächst einmal werde ich die zusätzliche Freizeit geniessen“, so SP-Gemeinderat Simon Diggelmann.

    Doch das Sesselrücken ist noch nicht zu Ende: In der Mitte-Fraktion folgt nämlich im Wahlkreis Uster Claudia Bodmer-Furrer, Gemeinderätin aus Maur, auf den per 19. Oktober abtretenden Mitte-Kantonsrat und Volketswiler Gemeindepräsident Jean-Philippe Pinto. Bei den Sozialdemokraten kommt es im Wahlkreis Bülach zu einem Wechsel: Qëndresa Sadriu-Hoxha, die von Opfikon nach Meilen gezogen ist, tritt per 27. Oktober zurück. Ihre Nachfolgerin ist Lejla Salihu aus Winkel.

    In der Stadt Zürich wurden bei der SP ebenfalls Rochaden angekündigt: Dort hat die Gemeinderätin Christina Horisberger, gewählt für den Wahlkreis 1 und 2, laut Communiqué des Stadtrats per 10. Oktober ihren Rücktritt erklärt. Auf Horisberger folgt Cordelia Forde. Und Simon Diggelmann will bereits per 3. Oktober zurücktreten, wie der Stadtrat mitteilt. Seine Nachfolge im Wahlkreis 4 und 5 tritt Micha Amstad an. Diggelmann, der seit über einem Jahrzehnt im Stadtzürcher Parlament sass, hegt offensichtlich noch keine weiteren politischen Pläne. Auf die Frage „Wollen Sie weiter Politik machen?“ antwortete er im Onlineportal Tsüri: „Das sehen wir dann. Zunächst einmal werde ich die zusätzliche Freizeit geniessen.“


    Der Kanton Zürich geht in die Offensive

    Grosses vor hat hingegen die Kantonsregierung bezüglich des Medizinstudiums: Der Kanton möchte zusätzliche Ärztinnen und Ärzte ausbilden. Das kürzlich dafür lancierte Projekt nennt sich „Med500+“. Wie es in einer Medienmitteilung des Regierungsrats heisst, stammen rund 40 Prozent des ärztlichen Personals aus dem Ausland. „Prognosen gehen zudem davon aus, dass bis 2040 rund 5500 bis 8700 Ärztinnen und Ärzte fehlen werden“, so die Regierung weiter.

    Die Zahl der Studienplätze soll von heute 430 auf 700 erhöht werden – davon sind 50 für Zahnmedizin und 20 für Chiropraktik eingeplant. Es sollen also 270 neue Bachelor-Plätze in den Studienjahren 1 bis 3 und 230 Master-Plätze in den Studienjahren 4 bis 6 hinzukommen.

    „Ein Wort muss aber noch gesagt sein zu den Finanzen“, sagte Mitte-Bildungsdirektorin Silvia Steiner.

    Um den Ausbau zu ermöglichen, ist gemäss Kanton eine gleichzeitige Reform der Ausbildung notwendig. Ziel sei, den Praxisbezug der Studierenden bereits im Bachelorstudium zu stärken, insbesondere mit Blick auf die Förderung der Grundversorgung.

    „Ein Wort muss aber noch gesagt sein zu den Finanzen“, sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Die Mitte) an der Medienkonferenz zum Projekt „Med500+“. Es sei immer so in Zürich, man sage immer gleich auch noch etwas zu den Finanzen. Das mache auch sie jetzt so, ergänzte sie mit einem Lächeln. „Ein solcher Ausbau ist nicht gratis, das ist klar“, betonte die Regierungsrätin.

    Für die Projekt- und Ausbauphase von 2025 bis 2036 rechnet der Kanton demnach mit Kosten von knapp 500 Millionen Franken. „Geplant sind 10 neue Professuren und rund 140 zusätzliche Mitarbeitende in der Lehre, Betreuung sowie in der technischen und administrativen Unterstützung“, sagte Beatrice Beck Schimmer, Direktorin Universitäre Medizin Zürich, in einem hausinternen Interview auf der Website der Universität Zürich.

    Doch bevor das Vorhaben konkrete Züge annehmen kann, muss das Kantonsparlament zustimmen. Es geht um einen Kredit von 25 Millionen Franken für den Projektaufbau in den Jahren 2027 bis 2029.

    Auf dem Foto sind vier Medizinstudentinnen und Medizinstudenten (drei Männer und eine Frau) in weissen Kitteln zu sehen, die in der Anatomischen Studiensammlung ein Objekt betrachten.An der Universität Zürich sollen deutlich mehr Studienplätze in Medizin geschaffen werden: Medizinstudierende in der Anatomischen Studiensammlung. Bild: Universität Zürich; Ursula Meisser

  • 7 Minuten

    Sie fahren von selbst und könnten die Zukunft sein

    Die zwei Shuttlebusse fahren hintereinander an den Standplätzen am Flughafen vorbei.Der Flughafen Zürich testet selbstfahrende Shuttlebusse für Mitarbeitende: Sie heissen Nimbus und Stratus und fahren automatisiert – aber noch mit Sicherheitsfahrerin oder Sicherheitsfahrer an Bord. Bild: Pascal Turin

    Das Ziel ist Level 4: Was wie eine Aufgabe in einem Videogame klingt, ist vielleicht bald Realität. Der Flughafen Zürich testet selbstfahrende Shuttlebusse. Auch der Kanton stellt die automatisierte Mobilität auf den Prüfstand. Vorreiter waren aber andere.

    Eigentlich ist autonomes Fahren mit Fahrerin oder Fahrer sowieso viel schöner. So wie im Science-Fiction-Film „Total Recall“ von 1990. Dort steigt Arnold Schwarzenegger in ein Taxi, an dessen Steuer kein Mensch, sondern ein Roboter-Chauffeur sitzt. „Sie sind in einem Johnny Cab“, begrüsst der Roboter in blauer Uniform und Mütze den Fahrgast. „Wie komme ich in dieses Taxi?“, fragt Schwarzenegger mit seinem besten schauspielerischen Können genervt. „Die Tür ging auf, Sie stiegen ein“, antwortet der Roboter-Fahrer lapidar.

    Ungefähr so, aber leider doch total anders – zum Beispiel fehlte der Roboter-Fahrer – war es kürzlich bei einem Medienanlass am Flughafen Zürich. Dort werden selbstfahrende Elektro­shuttlebusse getestet. Die Medienschaffenden durften auf eine Probefahrt über das Areal mitkommen und ausprobieren, wie es sich anfühlt, computergesteuert mit maximal 30 Kilometern pro Stunde über das Areal zu rollen.


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    Das Know-how stammt aus China

    Nimbus und Stratus heissen die knuffigen Busse, die Mit­arbeitende für ihren Arbeitsweg zwischen dem Flughafenkopf (Tor 101) – also dort, wo sich etwa der Bahnhof, die Check-in-Hallen oder der Tower befinden – und dem Werkhof (Tor 130) benutzen können. „Der Vorteil dieser Route ist, dass wir erst mal nirgends den Flugverkehr beeinträchtigen“, sagte Raphaël Glaesener, Senior Innovation Manager beim „ZRH Innovation Hub“. ZRH steht für die offizielle internationale Abkürzung des Flughafens.

    Der Flughafen setzt auf Know-how aus Asien: Hergestellt hat die kleinen Gefährte der chinesische Bushersteller Golden Dragon. Laut eigenen Angaben verfügt das Unternehmen über drei Produktionswerke und rund 4000 Mitarbeiter mit einer jährlichen Produktionskapazität von mehr als 40’000 Bussen. Zum Vergleich: Der Schweizer Bushersteller Carrosserie Hess AG im solothurnischen Bellach kommt auf circa 2400 Busse pro Jahr.

    Ausgestattet wurden die zwei Fahrzeuge mit der Technologie zum automatisierten Fahren des chinesischen Unternehmens We Ride. Taucht ein Hindernis auf, halten Nimbus und Stratus automatisch. Nimbus bedeutet übrigens etwa so viel wie „glanzvoller Ruhm“, Stratus dagegen „niedere Schichtwolke“. Bei der Testfahrt konnte der Bus ein auf der Strasse stehendes Kanalreinigungsfahrzeug selbstständig und mit Abstand überholen.

    We Ride gilt als Vorreiter für autonomes Fahren – also wenn sich ein Auto dank Sensoren, Kameras und künstlicher Intelligenz ganz ohne menschliches Eingreifen fortbewegen kann. Wenn es doch noch eine menschliche Aufpasserin braucht, wird von automatisiertem Fahren gesprochen. Das fünfköpfige Innovationsteam unter der Leitung von Coralie Klaus Boecker arbeitet seit einigen Monaten zusammen mit We Ride und weiteren Partnern an einem ambitionierten Ziel, das fast nach einem Videogame klingt: Automatisierungslevel 4.

    Und das sind die vier Level anhand der Shuttlebusse auf dem Flughafen:

    • Level 1 – Assistenz: Teilautomatisierung einer einzelnen Funktion wie Spurhalteassistent. Fahrende müssen eingreifen können.
    • Level 2 – Teilautomatisiert: Kombinationen von Assistenzfunktionen (Spurhalten, Beschleunigen, Bremsen) – zum Beispiel der Tesla Autopilot. Fahrende müssen dauerhaft eingriffsbereit bleiben.
    • Level 3 – bedingte Automatisierung: Der Bus kann auf definierten Strecken selbst fahren. Eine Sicherheitsperson muss anwesend sein, um eingreifen zu können.
    • Level 4 – Der Bus fährt vollständig automatisiert in einem definierten Einsatzgebiet. Die Sicherheitsperson muss nicht mehr anwesend sein. Mehrere Fahrzeuge können von einer zentralen Leitstelle aus überwacht werden.
    Das Bild zeigt das Remote-Cockpit mit einem riesigen Curved-Bildschirm. Die Medienschaffenden stehen im Halbkreis staunend darum herum.Staunende Medienschaffende: Aus dem Remote-Cockpit können die Shuttlebusse am Flughafen Zürich dereinst ferngesteuert werden. Bild: Pascal Turin

    Fernüberwachung der Busse geplant

    Im Moment fahren in den Shuttlebussen nicht nur Passagiere mit – eine Person des Flughafens muss zusätzlich anwesend sein, um jederzeit eingreifen zu können. Der Flughafen befindet sich mit dem Pilotprojekt auf Level 3. Dereinst soll im Bus aber keine Sicherheitsfahrerin oder kein Sicherheitsfahrer mehr sitzen müssen.

    Wie Raphaël Glaesener ausführt, fahren die Busse auf Level 4 vollständig automatisiert. Eine Aufpasserin oder ein Aufpasser braucht es dann nicht mehr. Die Fahrzeuge sollen aus der Ferne überwacht werden. Ein solches Remote-Cockpit testet das Innovationsteam aktuell in den eigenen Büroräumen im Büro- und Ladenkomplex Circle. Im Cockpit wird dann ein Mensch sitzen und die Fahrzeuge bei Bedarf beim Manövrieren unterstützen.

    Passenderweise sieht das Remote-Cockpit aus wie ein Mix aus Rennsimulator, Raumschiff und Busfahrerkabine.

    Im „Inno-Hub“ stellt der Flughafen generell innovative Ansätze auf den Prüfstand. Es geht darum, Abläufe zu automatisieren und die Effizienz von Prozessen zu optimieren, etwa bei der Gepäckauslieferung oder beim Boarding. Der „ZRH Innovation Hub“ ist also eine Art Labor, von der Büroatmosphäre her wird man dort zumindest an ein Google-light erinnert.

    Passenderweise sieht das Remote-Cockpit aus wie ein Mix aus Rennsimulator, Raumschiff und Busfahrerkabine. „Wir gehen davon aus, dass wir erste Tests mit Fernüberwachung und ohne Sicherheitsfahrer frühestens Ende des Jahres durchführen können“, sagte Glaesener. Die ersten Fahrten ohne menschliche Aufpassende im Fahrzeug will der Flughafen ohne Fahrgäste absolvieren. Läuft alles nach Plan, dürfen danach wieder Mitarbeitende als Passagiere mitfahren.

    Es wird überall fleissig gepröbelt

    In der Schweiz ist automatisiertes Fahren keine Neuheit. Postauto hatte da eine Vorreiterrolle inne und erprobte sogenannte „SmartShuttles“ in Sion. „Von 2016 bis 2019 wurden 54’000 Fahrgäste sicher durch die Innenstadt von Sion befördert“, schreibt Postauto auf ihrer Website.

    Nicht zu vergessen das schnucklige selbstfahrende Fahrzeug „Self-e“, welches die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) 2018 während 14 Tagen für ein paar Testrunden auf dem Areal der Zentralwerkstatt in Altstetten Probe fuhren. „Die VBZ möchten aus dem Test Rückschlüsse auf die aktuellen technischen Möglichkeiten im Bereich des automatisierten Fahrens ziehen und betriebsintern Erfahrung für den späteren Betrieb autonomer Fahrzeuge sammeln“, schrieben die VBZ damals in einer Mitteilung. Das Projekt Self-e stand laut SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch in einem grösseren und umfassenderen Kontext: Wichtig sei es Lösungen auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln.

    Vielerorts involviert ist der Verein Swiss Transit Lab, der sich mit dem automatisierten Fahren auskennt. Im Kanton Schaffhausen wurde beispielsweise die Linie 12 zwischen 2018 und 2019 während rund eineinhalb Jahren mit einem selbstfahrenden Kleinbus betrieben. Sie verband den Rheinfall mit dem Zentrum von Neuhausen am Rheinfall. Bis Dezember 2024 war ausserdem in Schaffhausen ein ­kleiner Toyota-Bus fast selbstständig unterwegs – der Chauffeur sass nur zur Überwachung im Auto. Die Linie 13 verkehrte zwischen dem Bahnhof und dem Quartier Stahlgiesserei.

    Getestet wird auch im Furttal. Die SBB, die Kantone Zürich und Aargau sowie das Swiss Transit Lab erproben dort führerlose Autos. Die Bevölkerung soll die Elektroautos des Modells Nissan Ariya per App kostenpflichtig bestellen können. „Die Fahrzeuge werden die Fahrgäste an einem definierten Haltepunkt abholen und sie zu einem anderen Haltepunkt in der Pilotregion bringen“, heisst es in einer gemeinsamen Mitteilung. Gemäss derzeitigem Stand wird dies frühestens in der ersten Jahreshälfte 2026 der Fall sein. Auch dieses Projekt setzt wie der Flughafen auf die Technologie des Herstellers We Ride.

    „Mit dem Pilotprojekt etabliert sich der Kanton Zürich unter der Federführung des Amts für Mobilität als treibende Kraft einer zukunftsfähigen Mobilität und setzt auf Innovation und Pioniergeist“, wird im Communiqué erklärt. Das Amt für Mobilität ist in der Volkswirtschaftsdirektion unter FDP-Regierungsrätin Carmen Walker Späh angesiedelt. Mit dem Pilotprojekt wolle der Kanton herausfinden, welchen Beitrag selbstfahrende Fahrzeuge leisten können, um ein bestehendes ÖV-Angebot nutzbringend zu ergänzen.

    Nun folgt die Bewährung

    Ob in Zürich Flugpassagiere dereinst in autonom fahrenden Flughafenbussen vom Terminal zum Flugzeug kutschiert werden, steht in den Sternen. Die selbstfahrenden Elektroshuttlebusse für Flughafenangestellte und die Technik dahinter müssen sich laut den Verantwortlichen zuallererst im aktuell laufenden Pilotprojekt bewähren.

    Doch zurück zum Johnny Cab aus „Total Recall“: Das Roboter-Taxi kutschiert Arnold Schwarzenegger brav von A nach B. Doch automatisiertes Fahren hat seine Tücken – wie der Film eindrücklich beweist. Als Schwarzenegger mit dem Taxi vor Verfolgern fliehen will, versteht der Roboter den Befehl, sofort Gas zu geben, nicht. Er will zuerst den Zielort wissen. Kurzerhand reisst ihn Arni aus dem Sitz und setzt sich selbst an den Steuerknüppel. Das geht dann auf Level 4 nicht mehr. Da müsste Arnold Schwarzenegger schon in den „ZRH Innovation Hub“ im Circle einbrechen und ins Remote-Cockpit einsteigen.


  • 4 Minuten

    „Aber psst, das bleibt bitte unter uns“

    Auf dem Bild zu sehen ist Marita Verbali von der FDP.Marita Verbali: Sie kandidiert neben dem Bisherigen Michael Baumer und Stadtparteipräsident Përparim Avdili für die FDP für einen Sitz im Stadtrat von Zürich. Bild: zvg

    Marita Verbali von der FDP hat mit viel Humor den Rathuus-Fragebogen ausgefüllt. Sie setzt sich gegen Fangewalt ein und freut sich auf viele Begegnungen im Wahlkampf. Gibt der Wunsch nach mehr Frauen im Stadtrat ihrer Kandidatur Rückenwind?

    Marita Verbali, wie wurden Sie politisiert?
    Politisiert haben mich in den 80ern das Waldsterben, in den 90ern das Elend auf dem Platzspitz und die neu erwachte Restaurant- und Clubszene. Seither weiss ich: Politik ist mitten im Leben.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Zuerst Polizistin, dann Anwältin – am Ende war ich lange Restaurantköchin und heute bin ich in der Unternehmensentwicklung im Gesundheitswesen unterwegs.

    „Mich beschäftigt, dass es in Zürich endlich ein Ende der neuen offenen Drogenszene geben muss.“

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Mehr Mut, mehr Eigeninitiative und Freiraum fürs Gewerbe. Weniger Gratismentalität, weniger ideologische Quartier-Experimente, weniger Umverteilung. Und endlich ein Ende der neuen offenen Drogenszene. Zürich verdient eine Politik, die Lösungen sucht – über ideologische Grenzen hinweg. 

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Ich bin FDP, Punkt. Ich habe keinerlei Gelüste, nach links oder rechts zu wischen.


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    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Ja klar, auch bei eisiger Kälte oder drückender Hitze. Das gehört zum politischen Alltag.

    Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch?
    Petra Gössi – eine Staatsmännin, die Moral und Integrität lebt, ohne daraus ein grosses Theater zu machen.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Mit der koreanischen Schriftstellerin Han Kang – die mit einem Satz tiefgründiger ist als so mancher Politiker mit einer ganzen Rede.

    Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Das „Rosi“ und das Ristorante Italia – quasi meine ess-politische Koalition: modern bayerisch trifft traditionsbewusst italienisch.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Natürlich, und zwar regelmässig. Das „Surprise“ überrascht mich tatsächlich immer wieder mit spannenden Beiträgen.

    „Bis heute habe ich noch nicht geheiratet. Aber Politik ist auch eine Art Ehe – mit Höhen, Tiefen und Verpflichtungen.“

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Geheiratet. Aber Politik ist auch eine Art Ehe – mit Höhen, Tiefen und Verpflichtungen.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Jede Person, die nicht wartet, bis jemand ihr den roten Teppich ausrollt – sondern ihn selbst hinlegt.

    Sex ohne Liebe, was halten Sie davon?
    Wenn’s für beide passt.

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Mein Fraktionspostulat gegen Fangewalt und für eine positive Fankultur – parteiübergreifend angenommen. Sportkultur statt Schlagzeilen über Krawall.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Bis jetzt bin ich noch in kein Fettnäpfchen getreten.

    „Ob ich ins historische Rathaus zurück möchte? Mein Favorit ist das Rathaus Hard in der Bullingerkirche – aber psst, das bleibt bitte unter uns.“

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Mein Favorit ist das Rathaus Hard in der Bullingerkirche – aber psst, das bleibt bitte unter uns.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Portobello-Burger. Mit einer Sriracha-Mayo-Sauce.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Taylor Swift liegt mir musikalisch ein bisschen näher. Beatrice Egli gewinnt mein Herz mit ihrem Charme und Lächeln.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Japanische Kirschblüten. Das ganze Jahr Hanami auf dem Handy.

    Worauf freuen Sie sich?
    Auf ganz viele Begegnungen mit ganz vielen Menschen im Wahlkampf! Die besten Ideen für politische Vorstösse bekomme ich im Gespräch mit Leuten.

    Und worüber können Sie lachen?
    Am meisten über britischen Humor: Monty Python, Little Britain & Co. – köstlich schräg, trocken und einfach unvergleichlich.

    Auf dem Bild zu sehen ist Marita Verbali. Sie steht auf dem Bullingerplatz.Bereit für neue Aufgaben in der Stadtzürcher Politik: Marita Verbali. Bild: zvg

    Marita Verbali ist seit Dezember 2023 FDP-Gemeinderätin. Sie gehört seither der Sachkommission Sozialdepartement an sowie der gemeinderätlichen Gruppe Bar- und Club-Kommission. Das passt, weil sie auch Gründungsmitglied des Vereins Pro Beiz ist. Die 55-Jährige ist Delegierte in der Stadtpartei für den Kreis 3 und Parteivorstandsmitglied der FDP Stadt Zürich.

    Verbali ist Inhaberin der Einzelfirma Verbali Consulting, sitzt im Ausschuss der gemeinnützigen Stiftung Fondation Sana und ist Dozentin für Gesundheitsökonomie und -politik an den Juventus Schulen. Von 2010 bis 2018 war sie bei der Gesundheitsdirektion für die Gesundheitsversorgung im Kanton Zürich verantwortlich. Davor war Verbali acht Jahre Geschäftsführerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich – mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik.

    Verbalis Vater stammt aus Italien, ihre Mutter aus Argentinien. In ihrer Freizeit ist Marita Verbali gerne mit ihrem Partner, seinen beiden Kindern, ihren Gottikindern und Freunden unterwegs. Sie liebt die Berge, Zeitung lesen, koreanische TV-Serien – und das Kochen, eine Leidenschaft, die sie über zehn Jahre in Zürcher Küchen wie dem „Josef“ und dem „Palais X-tra“ gelebt hat.

    Gegenüber den Delegierten der FDP sagte Marita Verbali bezüglich der Stadtratswahlen 2026: „Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, das mir gezeigt hat: Mit Einsatz, Eigenverantwortung und Leistungsbereitschaft kann man viel erreichen – genau diese Werte prägen meine Politik in der FDP. Zürich braucht keine Gängelung und Gratismentalität, sondern weniger Bürokratie, mehr Eigeninitiative und eine Politik, die den Menschen etwas zutraut.“


  • 1 Minute

    Bitte hier unterschreiben – Modetrend Petitionen

    Stadträtin Simone Brander (SP) nimmt eine Petition entgegen. Um sie herum stehen im Halbkreis die Petitionärinnen und Petitionäre. Im Hintergrund ist eine weitere Gruppe von Petitionären zu sehen, die mit einem anderen Anliegen zum Rathaus Hard in Zürich gekommen sind.Sie setzen sich für den Erhalt der Yonex-Badmintonhalle im Stadtzürcher Kreis 5 ein: Stadträtin Simone Brander (SP) nahm rund 7000 gesammelte Unterschriften entgegen. Bild: Lorenz Steinmann

    In der 16. Folge ihres Rathuus-Podcasts berichten Lorenz Steinmann und Pascal Turin von ihren Expeditionen nach Dietikon und Rafz. Hauptsächlich geht es in dieser Folge jedoch um Petitionen.

    Sie sind zahnlos, aber trotzdem sehr beliebt – und vermutlich sogar wichtig: In der 16. Folge des Rathuus-Podcasts widmen wir uns dem Thema Petitionen.

    Lorenz war nämlich bei der Einreichung von gleich drei Petitionen vor dem Rathaus Hard dabei. Wie es sich zur mittlerweile eingespielten Rollenverteilung gehört, ist er eher euphorisch ob der demokratischen Mitbestimmung, und Pascal mimt des Teufels Advokat, weil er eine Inflation der Petitionen beobachtet. Wer morgens mit einer Idee im Kopf aufwacht, der kann dank des Internets in einfachster Weise eine Petition lancieren. Für gefühlt fast jedes erdenkliche Thema werden heutzutage Unterschriften gesammelt. Doch wie sieht es eigentlich mit der Wirkung dieses Instruments aus?

    Doch bevor wir uns dem Hauptthema der Folge annähern, berichten Lorenz und Pascal über ihre Expeditionen nach Dietikon und Rafz. Und zum Abschluss reden wir darüber, was wir diese Woche Interessantes gelesen haben.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 8 Minuten

    Der Grünliberale Beat Hauser und der schwierige Spagat

    Beat Hauser, graue Haare und Brille, steht im Rafzer Dorfkern, hinter ihm ist der Volg zu sehen. Hauser trägt ein blaues Jackett, ein hellblaues Hemd und Jeans.Beat Hauser ist Wirtschaftsinformatiker und Schulleiter: Der 61-jährige Grünliberale wohnt in der beschaulichen Gemeinde Rafz und sitzt seit 2023 im Kantonsrat. Bild: Pascal Turin

    Umweltschutz oder Wirtschaft? Aus Sicht von Beat Hauser ist das kein Entweder-oder. Der GLP-Kantonsrat aus Rafz will Verantwortung für die nächste Generation übernehmen – dazu gehören für den Schulleiter auch gute Bildungschancen für alle.

    Der Parkplatz, auf dem der rote Hyundai Kona Elektro hält, befindet sich direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Beat Hauser steigt aus und schaut sich um. „Ach, sind Sie auch mit dem Auto gekommen?“, ruft er mir zu, als er mich entdeckt. Ich verneine, weil ich den Zug genommen habe. Rafz liegt an der deutschen Grenze, ganz am Rand des Kantons Zürich. Hierhin verkehrt die S-Bahnlinie 9. Wer will, kann über Jestetten und Lottstetten nach Schaffhausen weiterfahren.

    Wir treffen uns also beim Bahnhof Rafz. Hauser wohnt nicht im Dorfzentrum, sondern etwas ausserhalb in einem Minergie-zertifizierten Einfamilienhaus mit Ladestation für sein Elektroauto. Eigentlich war ein Spaziergang zum Gnal geplant, dem Rafzer Aussichtspunkt mit Feuerstellen und Blick über das Rafzerfeld. Doch es hatte die ganze Nacht und am Morgen geregnet, weshalb der Kantonsrat eine kurze Führung durch das Dorf vorschlug. Hauser holt zur Sicherheit noch einen Regenschirm von der Rückbank. Dann geht es los.


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    Rafz ist ländlich geprägt. Die schicke Märktgass mit den gut erhaltenen historischen Fachwerkhäusern lässt sich sehen. Sie wurde erst kürzlich erneuert und feierlich eingeweiht. Die Werkleitungen, die Strasse und die Beleuchtung sind instand gesetzt worden. Alles sieht herausgeputzt aus. Ein typisches Postkartenidyll. Jetzt gilt hier Tempo 30. So stellen sich Städterinnen und Städter ein Dorf vor. Und dem Klischee entspricht, dass es einen Volg-Laden hat.

    Aktuell leben in Rafz rund 4700 Menschen. „Die guten Verkehrserschliessungen nach Bülach, zum Flughafen Zürich, nach Winterthur, Zürich und Schaffhausen haben die Bevölkerung in den letzten 30 Jahren um nahezu 70 Prozent ansteigen lassen“, heisst es auf der Website der Gemeinde. Durch diese Entwicklung sei das Bild der Gemeinde nachhaltig geprägt worden. „Trotzdem ist Rafz als Einheitsgemeinde von Politik und Schule ein aktives und in jeder Beziehung lebens- und liebenswertes Dorf geblieben“, so die Gemeindeverwaltung.

    Erfolgreich gegen geplante Abfalldeponie gekämpft

    Auch Hauser lebt gern in Rafz. Schon seit 19 Jahren ist er hier daheim. Der Vater zweier Zwillingstöchter, von denen eine bereits ausgezogen ist und die andere mit einem Studium begonnen hat, schwärmt von der Ruhe, aber auch von der Nähe zur Natur. „Unser Naherholungsgebiet schätze ich besonders“, sagt der 61-Jährige. Trotz Volg und Metzgerei sind die Einkaufsmöglichkeiten in der Gemeinde recht eingeschränkt. Zum Einkaufen fahren darum viele Rafzerinnen und Rafzer ins Nachbardorf Hüntwangen, weil es dort einen grossen Coop gibt. Nur wenig entfernt – schon auf Eglisauer Boden – betreibt ausserdem die Migros eine Filiale. „Gewisse Dinge wie WC-Papier hole ich zudem in Deutschland. Dort ist das gleiche Produkt deutlich günstiger.“

    Seit 2023 sitzt Hauser für die Grünliberalen im Kantonsrat. Bekanntheit erlangte er im Zürcher Unterland, weil er sich kritisch mit einer geplanten Abfalldeponie für Bauschutt in einer alten Lehmgrube auseinandersetzte. Im sogenannten Rafzer Bürgerkomitee engagierte er sich öffentlich gegen die Deponie und im Kantonsrat stellte er dazu eine Anfrage. Er wollte vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie die Baudirektion die Auswirkungen bei Hochwasser und Überschwemmungen im Gebiet bezüglich Ausbreitung von Schadstoffen bewertet und welche Auswirkungen für die Gemeinde betreffend zusätzlichem Verkehr entstehen.

    Die Gemeindeversammlung sagte im Juni Nein zu den Plänen. Vorangegangen waren heftige Diskussionen, es gab sogar Hasskommentare auf Social Media. Dass es neue Abfalldeponien im Kanton braucht, bestreitet eigentlich niemand. Aber halt nicht hier im beschaulichen Rafz. Auch andernorts gibt es Widerstand, etwa in Birmensdorf, Dielsdorf oder Wädenswil – „not in my backyard“ eben.

    Hauser war aus ökologischen Gründen dagegen, wie er gegenüber „Schweiz aktuell“ von Schweizer Radio und Fernsehen erklärte: „Weil das da oben ein Naturschutzgebiet ist, das auch der Kanton Zürich seit 1999 dementsprechend ausgeschieden hat.“ Es sei ein schützenswertes Gebiet, das vor allem für Amphibien sehr wertvoll sei. Die Deponie wäre von den Eberhard Unternehmungen gebaut worden, einem Bauunternehmen mit Sitz in Kloten. Die Flughafenstadt ist Teil des Wahlkreises von Hauser.

    Vom Wirtschaftsinformatiker zum Schulleiter umgesattelt

    Politikerinnen und Politiker müssen häufig abwägen. Grünliberale noch mehr. Den Spagat zwischen einer liberalen Marktwirtschaft und einer Wirtschaft, die nicht auf Kosten der Umwelt geht, findet der Präsident der GLP Bezirk Bülach anspruchsvoll. „Man muss sich zum Beispiel schon ziemlich genau überlegen, wo neue Strassen gebaut werden“, sagt Hauser. Mehr Strassen bedeuten auch mehr Verkehr. „Wo Strassen sind, werden sie auch benutzt.“ Das Rafzerfeld solle kein Ballenberg werden, „aber es gibt Menschen, die gern auf dem Land wohnen und andere wohnen lieber in den Städten. Es muss beides geben“.

    Hauser möchte Verantwortung für die nächste Generation übernehmen. Dafür ist Umweltschutz aus seiner Sicht ein wichtiger Pfeiler. Doch auch das Thema Bildung ist ihm wichtig. Der Rafzer hat ursprünglich dreissig Jahre als Wirtschaftsinformatiker gearbeitet, unter anderem bei der früheren Grossbank Credit Suisse oder der Versicherung Axa. Doch seit 2016 ist er Schulleiter. Allerdings nicht in Rafz, sondern als Springer. Zuletzt war er beispielsweise in der Schaffhauser Gemeinde Stein am Rhein und in der Aargauer Gemeinde Kaisten an Schulen im Einsatz.

    „Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln“, erinnert sich Hauser. „Man muss ja auch nicht das ganze Leben lang das Gleiche machen“, sagt er schmunzelnd. Das erste Mandat sei hart gewesen, weil er sich an die Kultur in der Schule gewöhnen habe müssen. „Da muss man einfach reinwachsen – die Kulturen in der Finanzbranche und im Bildungswesen sind eben unterschiedlich.“

    Heute verfügt er über einen Master in Bildungsmanagement der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat schon an verschiedenen Primar- und Sekundarschulen temporär das Zepter übernommen. „Oft muss man als Schulleiter-Springer versuchen, ein Team zusammenzubringen oder Missverständnisse zwischen Behörde und Schulleitung auszuräumen.“

    Beat Hauser, graue Haare und Brille, sitzt auf einer Parkbank im Rafzer Dorfkern. Hauser trägt ein blaues Jackett, ein hellblaues Hemd und Jeans."Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln", sagt Beat Hauser. Bild: Pascal Turin

    Auch Hauser ist für die Abschaffung des Frühfranzösisch

    Am meisten Spass hat Hauser an der zum Teil herausfordernden, aber abwechslungsreichen Zusammenarbeit mit Lehrpersonen, Eltern und Behördenmitgliedern. Insbesondere über die Elternräte werde immer wieder Kritik direkt an die Lehrpersonen getragen, etwa wenn es um Beurteilungen von Schülerinnen und Schülern gehe. „Das ist aber nicht deren Job“, urteilt Hauser. Die Aufgabe des Elternrats ist aus Sicht von Hauser das Vertreten der Anliegen der Elternschaft und das Mitwirken bei Veranstaltungen – aber nicht das Bewerten von Lehrpersonen.

    Auch zum Frühfranzösisch hat Beat Hauser eine klare Meinung. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden. So hat es kürzlich der Kantonsrat entschieden. „Erstens reichen die drei Lektionen pro Woche in der Primarschule zum Erlernen einer Sprache nicht. Zweitens hapert es schon im Deutsch und im Englisch bei der Grammatik“, erklärt der Schulleiter. Eine Verschiebung in die Sekundarschule mache darum Sinn.

    Hauser wohnt nicht nur gern in der Natur, er mag auch die Berge. „Dort nehme ich Abstand von der Politik und vom Schulleiter-Dasein“, erzählt der Politiker. Als Vorzeige-GLPler würde er sich nicht bezeichnen, aber vielleicht als ein recht typischer Grünliberaler vom Land. „Ich finde Zürich sehr schön, bin auch gern dort, aber auf dem Land hat man halt zum Teil andere Bedürfnisse als in der Stadt.“ Er verweist auf die Parkplatzdiskussion und den bisher zögerlichen Umgang der Oberen in der Limmatstadt mit der Elektromobilität.

    Wir kommen an den Schulhäusern Tannewäg und Schalmenacker vorbei. Man hört Kindergeschrei.

    „Dass man den Verkehr nicht in den Quartieren will, das verstehe ich. Aber die Hauptachsen sollten offen sein und es braucht Parkplätze für Handwerker und Lieferanten“, sagt der Politiker. Er fügt an, dass er hier als Landschäftler rede. Gut möglich also, dass ein GLP-Mitglied aus der Stadt eine andere Meinung habe. „Doch das muss eine Partei aushalten können.“

    Es beginnt zu tröpfeln, dann folgt der Regen. Beat Hauser spannt seinen Schirm auf. Vor uns sehen wir den Bahnhof. Gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt unsere Runde durch Rafz zu ihrem Ende. Wir kommen noch auf das Thema Finanzen zu sprechen. „Mein altes Lieblingsthema, weil ich ja lange in der Finanzindustrie tätig war“, so Hauser. Er versuche dort einen Ausgleich zu schaffen zwischen grünen Themen und Finanzthemen. Ihm sei es wichtig, dass die öffentliche Hand Gelder sinnvoll ausgebe, aber die Umwelt dabei nicht zu kurz komme.

    „Hier geht es runter zum Perron“, sagt Hauser und zeigt auf die Unterführung. Wir verabschieden uns. „Danke für das Gespräch“, sage ich und gehe los. Hauser spaziert zu den Parkplätzen, während die S-Bahn Richtung Hauptbahnhof bereits einfährt und ich mich sputen muss.

    Als Rafz schon hinter mir liegt, fährt der Zug am grossen Coop beim Bahnhof Hüntwangen-Wil vorbei. Der Supermarkt befindet sich in einem Industriegebiet. Vom beschaulichen Hüntwangen ist hier nichts zu sehen. Das Dorfzentrum liegt rund 2,5 Kilometer entfernt. Alle lieben den dortigen Volg, aber eingekauft wird meist hier.


  • 12 Minuten

    Zu Besuch bei der kantonalen Präsidentin der Jungfreisinnigen

    Auf dem Bild zu sehen ist Lea Sonderegger, Präsidentin der Jung-FDP des Kantons Zürich.Sie wohnt seit fünf Jahren in Dietikon: Die 21-jährige Politikerin Lea Sonderegger. Bild: Lorenz Steinmann

    Wie tickt die Jungpolitikerin Lea Sonderegger aus Dietikon? Und wie schätzt sie die fünftgrösste Stadt des Kantons ein, die sich mit ihren vielen Unternehmen als Wirtschaftsstandort nicht zu verstecken braucht?

    Wir treffen uns beim Caffè Spettacolo am Bahnhof in Dietikon. Es herrscht emsiges Treiben, obwohl es 15 Uhr am Nachmittag ist. Nur wenige Restauranttischchen sind unbesetzt, getrunken wird meist Cola oder Kaffee. Die meterspurige Wohlen-Bremgarten-Dietikon-Bahn – Bremgarten-Bähnli – gleitet vorbei, Busse schwärmen aus nach Geroldswil, Birmensdorf und Kindhausen AG. Sogar ein Tram ist anzutreffen. Die Linie 20, die hier auf der Strecke Bahnhof Altstetten nach Killwangen-Spreitenbach einen kleinen Umweg zum Bahnhof macht. Der grosse Verkehr via den Autobahnen A1 und A3 quert Dietikon auf der anderen Seite der SBB-Bahngleise an der Limmat. Die Autobahnen, es sind die zentralen Verkehrsadern der Schweiz.

    Wer von Dietikon spricht, immerhin die fünftgrösste Stadt im Kanton Zürich und mit mehr Einwohnenden als etwa Aarau, Frauenfeld und auch Wetzikon, meint sehr oft die gute Verkehrsanbindung an Zürich. Besser oder zumindest schneller als aus den Stadtzürcher Quartieren Affoltern oder Leimbach in die City.

    Der politische Einfluss der Grossmutter

    Auch für Lea Sonderegger ist die Lage von Dietikon perfekt. Sie ist in Oetwil an der Limmat, quasi der Nachbargemeinde von Dietikon, aufgewachsen und wohnt seit fünf Jahren hier. Die 21-Jährige studiert Biomedizin an der Universität Zürich. „Das ist Biologie mehr auf den Menschen und das Zelluläre fokussiert“, erläutert Sonderegger. Ein naturwissenschaftlicher Studiengang mit Ergänzung in Medizin, „eine ideale Voraussetzung, um nachher in der medizinischen Forschung zu arbeiten“.

    „Damals kam Andri Silberschmidt vorbei und referiert über die Renteninitiative. Dann war es um mich geschehen“, erzählt Lea Sonderegger und lacht.


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    Politisiert wurde Lea Sonderegger durch ihre Grossmutter, die Jahrgang 1936 hat. Man besprach viele politische Themen. Dann erfuhr Sonderegger mehr zufällig vom kantonalen Jugendparlament und probierte das grad aus. „Damals kam Andri Silberschmidt vorbei und referierte über die Renteninitiative. Dann war es um mich geschehen“, erzählt Sonderegger und lacht. So beschloss sie rasch, sich selbst zu engagieren – mit erst 16 Jahren. Sie sagte sich, ja, das passt und rasch ging sie Unterschriften sammeln. Eine Tätigkeit, die sie heute noch schätzt, „weil immer wieder spannende Gespräche entstehen“.

    2020 trat Sonderegger in die Jung-FDP ein, zuerst im Bezirk Dietikon. Sogleich kümmerte sie sich einige Jahre um Social Media. „Das machte mir viel Spass!“ Mittlerweile haben die Bezirke Affoltern und Dietikon fusioniert, was gut sei, findet Sonderegger, weil man sich eh oft in der Kantonsschule Limmattal sehe.

    Im Gegensatz zur SP muss man übrigens nicht in die Mutterpartei eintreten, wenn man bei den Jungfreisinnigen dabei sein will. Die Altersgrenze nach oben liegt bei 35. „Danach hat man kein Stimmrecht mehr bei den Jungen“, weiss Sonderegger, man sei schliesslich eine Jungpartei.

    Auf die Frage, ob man die Jungfreisinnigen als Kaderschmiede bezeichnen könne, schmunzelt Lea Sonderegger. Sie verweist auf Bundesrätin Karin Keller-Suter, die auch so angefangen habe.

    Auf die Frage, ob man die Jungfreisinnigen als Kaderschmiede bezeichnen könne, schmunzelt die Jungpolitikerin, die man als eher besonnen und zurückhaltend bezeichnen kann. Sonderegger verweist auf Bundesrätin Karin Keller-Sutter, die auch so angefangen habe. Auch weitere bekannte Politikerinnen und Politiker können ein Mandat bei den Jungfreisinnigen auf ihrem Karriereweg vorweisen. Aus Zürcher Sicht wohl die Nummer eins ist der heutige Nationalrat und Unternehmer Andri Silberschmidt-Buhofer. Der 31-Jährige hat übrigens einen besonderen Bezug zu Dietikon, weil er Sekretär des Verwaltungsrates der Planzer Transport AG ist, die ihren Hauptsitz hier in Dietikon hat.

    Weitere nationale Politiker mit Jung-FDP-Vergangenheit sind etwa Christa Markwalder und Christian Wasserfallen, beide aus dem Kanton Bern. Weiter zu nennen ist Matthias Müller, heute Vizepräsident der FDP Kanton Zürich und bekannt durch seine pointierten Auftritte rund um die Renteninitiative, welche schlussendlich 2024 aber abgelehnt wurde. Plus natürlich aktuell Claudio Zihlmann aus dem Stadtzürcher Wahlkreis 7+8, der Ende 2023 Kantonsrat und schon im Juli 2024 zum Fraktionspräsidenten der FDP gewählt wurde.

    Die Jungpartei mit 650 Mitgliedern

    Lea Sonderegger ist seit März 2024 Präsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich, die immerhin gut 650 Mitglieder haben. Das ist ein Spitzenplatz in der Zürcher Politlandschaft. Sonderegger, die seit 2022 die Rolle der Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich innehatte, wurde einstimmig zur Präsidentin gewählt und trat somit die Nachfolge von Luis Deplazes an. Mit ihrer Wahl ins Präsidium wurde das Amt des Vizepräsidenten frei, das nun von Benjamin Frei aus Winterthur, der bereits seit 2021 im Vorstand aktiv ist, ausgeübt wird. Ebenfalls Co-Vizepräsident ist Mikhail Shalaev aus Zürich-Nord, der für ein Stadtratsamt in Zürich bei den Wahlen 2026 kandidiert. Sonderegger ist kraft ihres Amtes auch Mitglied im Vorstand der FDP Kanton Zürich unter Filippo Leutenegger, dem Noch-Stadtrat in Zürich.

    Wahl zwei Tage nach dem 18. Geburtstag

    Die heute 21-Jährige Sonderegger hatte schon im Februar 2022 regionale Schlagzeilen gemacht, weil sie, zwei Tage vor den Wahlen 18 Jahre alt geworden, einen der vier FDP-Sitze im 36-köpfigen Stadtparlament von Dietikon eroberte. „Alle in der Partei haben mich sofort sehr positiv willkommen geheissen“, erzählt Sonderegger. Ihr Alter sei kein Hindernis gewesen und sie habe schnell begriffen, wie der Betrieb laufe, wie man einen Vorstoss formulieren und worauf man bei Voten vor dem Parlament achten müsse.

    Dabei setzt sich das Parlament in Dietikon altersmässig „wie üblich“ zusammen, wie Sonderegger findet. Also eher mit älteren Semestern, aber auch jungen Menschen wie eben sie selbst. Getagt wird einmal im Monat im 1992 erbauten Stadthaus, was laut Sonderegger Sinn mache und reiche für die Anzahl Geschäfte. „Es animiert zudem, dass das Parlament nicht Selbstbeschäftigung betreibt“, so das Urteil der Jungfreisinnigen. Das Parlament hat einen bürgerlichen Überhang mit SVP (9 Sitze), FDP (4 Sitze), Die Mitte (6 Sitze) und EVP (2 Sitze). Macht total 21 von 36 Sitzen. Die Grünliberalen kommen auf 3 Sitze, während Links-Grün mit 7 SP-Mandaten, Grüne (3 Mandate), AL (1 Mandat) und „Gegen Ausgrenzung“ (1 Mandat) 12 Sitze hat.

    Auf dem Bild ist Lea Sonderegger zu sehen, im Hintergrund das fast schon mondäne Quartier Silbern in Dietikon.Ortstermin in Quartier Silbern: Die Jungfreisinnige Lea Sonderegger ist Mitglied im 36-köpfigen Parlament von Dietikon. Bild: Lorenz Steinmann

    Bei der Parlamentsarbeit von Sonderegger sticht ein Vorstoss besonders hervor. Es geht um die Unterstützung von Firmen-Startups am Wirtschaftsstandort Dietikon und die Aufnahme im Wirtschaftsrat Dietikon. Dabei war die Antwort des Stadtrats eher allgemeiner Natur mit Stossrichtung „Schaut doch einmal selber“. Das ist politischer Alltag, wie er in vielen Städten und Gemeinden usus ist. Eher kompliziert, eher behäbig, aber dann doch offen für Neues.

    Im 7-köpfigen Stadtrat, der Exekutive, sitzen mit Stadtpräsident Roger Bachmann und Schulvorsteherin Mirjam Peter zwei SVP-Mitglieder. Dazu kommt Philipp Müller von der FDP, Catherine Stocker-Mittaz (Mitte), Anton Kiwic (SP), Reto Siegrist (Mitte) und Lucas Neff (Grüne). Bemerkenswert ist, dass erst 2022 die reine Männerbastion durchbrochen wurde und dass die Mitte-Partei mit zwei Mandaten stärker ist als fast überall im Kanton. Dietikon hat ähnlich wie andere Städte rund um Zürich, etwa Dübendorf, Kloten und Adliswil, eine bürgerlich dominierte Regierung.

    Eine Stadt mit grosser Firmenvielfalt

    Dietikon ist mit seinen aktuell etwas über 28’000 Einwohnerinnen und Einwohnern Bezirkshauptstadt und beherbergt Firmensitze von Dosenbach-Ochsner, Planzer Transport, Walo Bertschinger, Pestalozzi Stahltechnik sowie Rapid, dem Fahrzeughersteller für die Landwirtschaft. Coop.ch ist mit einem Verteilzentrum ansässig, plus mit dem grossen Einkaufscenter „Silbern“. „Das ist sicher unsere Stärke als Wirtschaftsstandort, diese Vielfalt an Firmen“, findet Sonderegger. Tatsächlich sind es Firmen gerade aus dem Dienstleistungssektor, ohne die unser Alltag kaum funktionieren würde. Trotzdem stehe Dietikon im Schatten Zürichs als nahe Agglogemeinde, auch wenn die Eigenständigkeit durch die beiden Bahnhöfe und die guten Einkaufsmöglichkeiten gegeben sei.

    Wenn ein neues Quartier gebaut wird

    Angesprochen auf die eigenen politischen Schwerpunkte spricht Sonderegger den Wohnungsbau und das Schulwesen an, diese Themen seien auch in Dietikon sehr aktuell. Das Wachstum sei gross und es mangele an Wohnraum auf allen Ebenen. „Günstiger Wohnraum ist wichtig, auch wenn er nicht unbedingt genossenschaftlich angeboten werden muss.“ Tatsache ist wohl, dass in Dietikon mit dem kantonsweit höchsten Ausländeranteil von über 49 Prozent die Nachfrage da ist. Sonderegger hofft, dass beim geplanten komplett neu zu bauenden Quartier Niederfeld in Richtung Spreitenbach ein Mix an günstigem Wohnraum und im mittleren Segment gefunden werde. „Die gesunde Durchmischung ist wichtig“, findet Sonderegger. Aktuell finden dort – zur Info und Orientierung – die Aufführungen von „Karls Kühne Gassenschau“ statt.

    Allgemeiner gefasst beschäftige man sich bei den Jungfreisinnigen damit, das Wachstum des Staates einzuschränken, holt Sonderegger aus. Die Verwaltung wachse überproportional zur Bevölkerung, wobei das in Dietikon aber nicht so ausgeprägt der Fall sei wie etwa in der Stadt Zürich und auch beim Kanton. Die kantonale Verwaltung beschäftige mit 35’000 Angestellten mehr Personen als Dietikon Einwohnerinnen und Einwohner habe. „Das widerspricht der oft zitierten Digitalisierung der Verwaltung“, stellt Sonderegger fest.

    Dietikon muss sparen und überbordet nicht

    Dass in Dietikon der Trend nach überdurchschnittlich vielen Staatsangestellten gebrochen wird, sieht Sonderegger bei fehlendem Geld. „Wir sind gezwungen zu sparen, dazu haben wir einen sehr guten Stadtpräsidenten“, so ihr Fazit. Das Exekutivamt sei auch für ein SVP-Mitglied mässigend, sie erlebe Stadtpräsident Roger Bachmann als sehr vernünftig.

    Zu Sondereggers Schwerpunkten gehört auch die im Juli 2025 lancierte Steuerrabatt-Initiative. „Die Idee kam aus den eigenen Reihen und jetzt sind wir fleissig am Unterschriften sammeln“, berichtet Sonderegger. Konkret fordert die kantonale Volksinitiative einen nachträglichen Steuerrabatt, wenn die Rechnung des Kantons besser als budgetiert abschliesst.

    „Wenn der Kanton mehr einnimmt, als er braucht, soll das Geld zurück zu den Steuerzahlenden“, heisst es zur Begründung auf der Website der Steuerrabatt-Volksinitiative. Für Sonderegger ist klar, dass der Kanton in den letzten Jahren zu hohe ungeplante Überschüsse produziert hat, ohne die Steuern zu senken. „Das hätte gut und gerne 7 Prozent tiefere Steuern bedeutet“, weiss Sonderegger. Gemäss dem Initiativtext soll die Höhe der Steuerrückvergütung von der Verschuldung des Kantons abhängen. Ist diese zu hoch, sollen die Steuerzahlenden nichts zurückbekommen.

    Für Sonderegger ist klar, dass der Kanton in den letzten Jahren zu hohe ungeplante Überschüsse produziert hat, ohne die Steuern zu senken.

    Umgesetzt werden soll die Rückvergütung durch eine einjährige Senkung des Steuerfusses. Dadurch würden die Steuern für Einkommen und Vermögen bei natürlichen Personen sowie für Gewinn und Kapital bei juristischen Personen tiefer ausfallen.

    Die Initianten, darunter neben der Jung-FDP auch Vertreter der FDP, der SVP und der GLP, haben nun noch bis Mitte Januar 2026 Zeit, um die benötigten 6000 Unterschriften zu sammeln. Kommt die Initiative zustande, folgt nach der Behandlung im Kantonsrat die Volksabstimmung. Obwohl der Regierungsrat mehrheitlich bürgerlich ist, scheint eine Unterstützung eher unwahrscheinlich. Sicher ist aber, dass die Jungfreisinnigen und mit ihnen auch Lea Sonderegger mit dem Geschäft in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Gefreut hat Sonderegger etwa der grosse Bericht in der NZZ zum Thema.

    Angesprochen auf die politischen Ambitionen und den Hinweis, dass es mit Markus Notter (SP) sogar mal ein Politiker aus Dietikon in den Regierungsrat schaffte, zuckt Sonderegger mit den Schultern. Verständlicherweise weiss sie nicht mehr, wer Notter ist. Bei dessen Wahl in die kantonale Exekutive im Jahr 1996 war Sonderegger noch nicht einmal geboren. Bei den eigenen politischen Zielen stehen zuerst einmal das Parlamentarieramt in Dietikon („Da bin ich sehr glücklich“), das Jung-FDP-Präsidium und dann das Studium im Zentrum.

    „Extrem erschreckend und schade finde ich, dass in den USA das Thema Abtreibung wieder ein Politikum wird, dass Verbote wieder zur Debatte stehen“, sagt Lea Sonderegger.

    Als 21-Jährige kennt Sonderegger politische Themen wie den Kalten Krieg oder den Fall der Mauer nur aus den Geschichtsbüchern. Doch angesprochen auf die Entwicklung in den USA nimmt Sonderegger diese als Rückschritt wahr. „Extrem erschreckend und schade finde ich, dass das Thema Abtreibung wieder ein Politikum wird, dass Verbote wieder zur Debatte stehen.“ Ebenfalls erschreckend findet Sonderegger die Lage in der Ukraine: „Unverständlich, dass es heute noch nötig ist, sich zu bekriegen.“ So sei es durchaus nicht einfach, ein positives Zukunftsbild zu fassen. „Aber meine Hoffnung und mein Glaube an eine stabile Zukunft der Schweiz sind da“, betont Sonderegger. Und: Wenn Trump nicht mehr an der Macht sei, werde sich die internationale Lage bessern, ist sie überzeugt.

    Politische Erfahrung als wichtiges Puzzleteil

    Dass so viele ältere und alte Menschen politisch an der Spitze stehen, sieht Sonderegger nicht nur als Nachteil: „Erfahrung ist sicher wichtig.“ Entscheiden sei aber, dass die Stimme der Jugend einbezogen und gehört werde. „In der Schweiz sind wir mit den Koalitionen auf allen Ebenen gut aufgestellt.“ Dazu gehöre nun halt einmal die Ochsentour, um politische Erfahrung zu sammeln.

    Neben ihrem Studium ist Sonderegger in einem Teilzeitpensum als studentische Aushilfskraft in der Forschung tätig. Die Arbeit umfasst die körperlich und mental anspruchsvolle Entnahme von Kuheierstöcken in einem Zürcher Schlachthof. Daraus werden dann Embryonen gezüchtet und in der Forschung verwendet.

    Als Ausgleich betreibt die Dietikerin den Eiskunstlaufsport. „Ich machte Eiskunstlaufen sehr gerne als Kind, und letzten Herbst habe ich wieder damit begonnen.“ Trainiert werde überall, im Winter vor allem in Kloten oder im „Neudorf“ in Oerlikon, im Sommer dort, wo es Eis hat, etwa in Bäretswil oder in Dübendorf. „Ich nehme jeweils die Lernunterlagen mit, das ist für mich eine ideale Kombination“, erzählt Studentin Sonderegger. Wenn eine Schulklasse komme und das Eis besetze, heisse es lernen, nachher gehe es wieder aufs Eis. Und das legendäre „Dolder“ als Trainingsort, dort wo auch die Eiskunstlauf-Ikone Denise Biellmann trainiert und unterrichtet? „Weniger, aber dort haben wir den Jungfreisinnigen-Stamm, diskutieren bei einem Bierchen das eine oder andere.“

    Neben ihrem Studium ist Sonderegger in einem Teilzeitpensum als studentische Aushilfskraft in der Forschung tätig ist. Die Arbeit umfasst die körperlich und mental anspruchsvolle Entnahme von Kuheierstöcken in einem Zürcher Schlachthof.

    Während beim Caffè Spettacolo immer noch ein Kommen und Gehen herrscht, muss Lea Sonderegger langsam weiter. Sie kommt – ganz der Politprofi – nochmals auf ihre aktuelle Herzensangelegenheit zu sprechen, die Steuerrabatt-Initiative: „Steuern sollen kein Selbstzweck sein. Sie haben einen klaren Auftrag, was der Staat damit machen soll.“ Wenn dieser Auftrag dann schon erfüllt sei mit weniger Geld, gehöre das Geld immer noch oder wieder dem Bürger. Sonst breite sich der Staat immer mehr aus. „Es findet sich immer ein Verwendungszweck, wenn man zu viel Geld einnimmt.“ Das hat Sonderegger auf ihrer bisherigen politischen Ochsentour schon mehr als einmal erlebt.

    Die Politikerin verabschiedet sich und macht sich auf zu einer der vielen Sitzungen, die ihre politischen Funktionen mit sich bringen. Immerhin: Weil wir gelernt haben, dass die Jungfreisinnigen eine Kaderschmiede sind, scheint das grosse Engagement nicht für die Katz zu sein.


  • 4 Minuten

    Die unheilige Allianz gegen einen 373-Millionen-Bau

    Auf dem Bild zu sehen das Innere des Hallenbads Oerlikon.Abbrechen oder sanieren? Das Sportzentrum Oerlikon ist in die Jahre gekommen. Bild: Baugeschichtliches Archiv

    Von den sechs Vorlagen, über die am 28. September in Zürich abgestimmt wird, sticht der Kredit für den Ersatzneubau des Sportzentrums Oerlikon heraus. Sowohl die SVP als auch die Grünen sind dagegen – freilich aus unterschiedlichen Gründen.

    Wenn in gut zwei Wochen die Stimmzettel in der Stadt ausgezählt werden, könnte es die eine oder andere Veränderung geben in Zürichs Alltag: Günstigere VBZ-Abos, teurere Parkkarten für die Blaue Zone und ein Laubbläserverbot. Dies deshalb, weil bei den drei genannten Vorlagen die Pro- und die Kontralager klassisch links gegen bürgerlich verteilt sind. Weil in Zürich normalerweise die rot-grüne Allianz obenaus schwingt, scheinen hier die prognostizierten Resultate durchaus möglich.

    Nicht unbedingt so klar ist die Ausgangslage hingegen bei einer weiteren Vorlage, dem Ersatzneubau Sportzentrum Oerlikon mit veranschlagten Ausgaben von 373 Millionen Franken. Während die SP und die FDP der Ja-Parole von Stadt- und Gemeinderat folgen, scheren die SVP wie auch die Grünen aus und plädieren für ein Nein.

    Das Bild zeigt den Ort in Oerlikon, wo das neue Sportcenter hingebaut würde.Hier auf diesen Fussballfeldern käme das neue Sportcenter zu stehen. Hinten links das heutige Eisstadion, rechts das heutige Hallenbad. Bild: Lorenz Steinmann

    Fast eine Verdoppelung der veranschlagten Kosten

    Und darum geht’s: Die Stadt argumentiert damit, dass immer mehr Menschen in Zürich Sport treiben, aber viele Anlagen zu alt oder zu klein geworden seien. Zum Beispiel das Hallenbad Oerlikon: Es sei 50 Jahre alt und in einem schlechten Zustand. Auch die Kunst-Eisbahn Oerlikon habe schon über 40 Jahre auf dem Buckel, ihre technischen Anlagen müssten laut der Stadt erneuert werden. Ein neues Sportzentrum in Oerlikon soll diese beiden Anlagen vereinen und ersetzen. Abgestimmt wird über Ausgaben von 373 Millionen Franken. Davon sind aber 62,4 Millionen Franken lediglich Reserven, wie die Stadt betont.


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    Das Projekt machte in den letzten Jahren Schlagzeilen, weil die ursprünglichen Kosten lediglich auf 210 Millionen Franken veranschlagt wurden. Die zuständigen Stadträte Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher Schul- und Sportdepartement, und André Odermatt (SP), Vorsteher Hochbaudepartement, erklärten die viel höheren Kosten eher salopp mit der Teuerung, Altlastensanierungen und Planungsunschärfen. Immerhin: Leutenegger brüstete sich damit, auf einen geplanten Tauchsilo mit Sichtfenster zu verzichten. Hier hätten Tauchkurse und Rettungsübungen durchgeführt werden können. So wurde das Projekt 4,5 Millionen Franken günstiger. Dass FDP und SP das Mega-Projekt unterstützen, wird auch damit erklärt, dass sie ihren Stadträten nicht in den Rücken fallen wollen.

    Für die SVP schlicht zu teuer

    Frei walten kann hingegen die SVP, die bekanntlich seit Jahrzehnten keinen Sitz in der Exekutive hat. Sie lehnt das für sie „überrissene“ Projekt, den „Luxus-Sporttempel“, ab. Der Bau zeige exemplarisch, dass die Stadt nicht mit Geld umgehen könne. Einmal mehr seien die Kosten aus dem Ruder gelaufen. Zudem zeigt die SVP ein Herz für den Tennisclub Oerlikon. Denn dieser gut florierende Tennisclub mit über 400 Mitgliedern findet im polysportiven neuen Sportzentrum Oerlikon keine Berücksichtigung. Anstelle des Clubgeländes, umgeben von vielen stattlichen Bäumen, gäbe es ein weiteres Fussballfeld, das siebte. Die SVP erinnert an den FC Unterstrass, der seinen ganzen Trainings- und Spielbetrieb auf einem einzigen Feld abwickeln könne.

    Auf dem Bild zu sehen die Sicht in Richtung heutigem Hallenbad Oerlikon mit den Tennisplätzen im Vordergrund und den vielen Bäumen.Diese grüne Oase käme weg. Der Tennisclub müsste weichen und alle Bäume würden abgeholzt zugunsten des neuen Sportzentrums Oerlikon. Bild: Lorenz Steinmann

    Die Grünen wollen lieber sanieren

    Die Grünen am anderen Ende des politischen Spektrums kritisieren ebenfalls die „explodierenden“ Kosten. Ganz ihrer Einstellung entsprechend fordern sie aber einen Marschhalt. Der Grundsatz „Sanieren statt Abreissen“ werde hier einmal mehr missachtet. Dabei sei das Hallenbad nach wie vor solide. Es sei in den Nullerjahren für 35 Millionen saniert und vor einigen Jahren auch technisch auf den neusten Stand gebracht worden. Die Grünen kritisieren zudem, dass dem Projekt „80 Bäume und zahlreiche Sträucher“ weichen müssten.

    „Stattdessen entsteht durch das Fällen der Bäume und die geplanten Kunstrasen eine neue Hitzeinsel an einem Ort, wo es im Sommer ohnehin schon sehr heiss werden kann. Der Verlust des Grünraums steht im klaren Widerspruch zur städtischen Fachplanung Hitzeminderung“, sind die Grünen überzeugt. Sie verweisen zudem auf eine geplante Tiefgarage, die überflüssig sei, weil im nahegelegenen Messeparkhaus bereits genügend Parkplätze zur Verfügung stünden.

    Auf dem Bild zu sehen das Eisstadion Neudorf in Oerlikon.Dieses markante Bauwerk, das Eisstadion Neudorf, würde bei einem Ja abgebrochen. Bild: Lorenz Steinmann

    Kommt das Ende des „Stadiönli“?

    Ein bemerkenswertes Schattendasein im Abstimmungskampf führt das Eisstadion Neudorf. Es befindet sich an der Siewerdtstrasse, also ennet der Wallisellerstrasse und schräg gegenüber vom heutigen Hallenbad Oerlikon. Es soll einem Neubau weichen als Teil des künftigen Sportzentrums Oerlikon. Das ist darum bemerkenswert, weil die Anlage erst gut 40 Jahre alt ist. Schlagzeilen machte das „Stadiönli“, als hier die ZSC Lions zwischen Frühjahr 2004 und Frühjahr 2005 ihre Eishockey-Heimspiele absolvierten. Grund: Die Renovation des benachbarten Hallenstadions. Damals wurde das Stadion für mehrere Millionen Franken fit gemacht. Trotzdem soll der Bau abgebrochen werden.

    Heinrich Frei, Architekt aus Oerlikon und unermüdlicher Leserbriefschreiber, erinnerte kürzlich daran, dass es in Zürich schon einige Nein an der Urne zu Abbruchprojekten gegeben habe. So etwa zum Abbruch des Kongresshauses, das zwischen 1937 und 1939 durch die Architekten Häfeli, Moser und Steiger gebaut wurde und nach 2008 nach dem Nein zu einem Neubau umfassend saniert wurde.

    Oder der Hauptbahnhof Zürich, der 1871 durch den Architekten Jakob Friedrich Wanner errichtet wurde und den man 1971 abbrechen wollte. Das Gebäude blieb und wurde saniert. Und zu guter Letzt das Schauspielhaus. Es sollte 1964 durch einen Neubau des Architekten Jørn Utzon ersetzt werden. Die Pläne des Dänen für ein neues Zürcher Schauspielhaus wurden archiviert. Ebenso wurde 2025 ein Neubau schubladisiert, der hinter der Fassade einen Neubau vorgesehen hätte.

    Abstimmungssonntag ist der 28. September. Rathuus wird dann natürlich berichten – von den Stadtzürcher Vorlagen, aber auch vom Ausgang der Abstimmung über das Energiegesetz im Kanton Zürich.


  • 5 Minuten

    Poesie und Politik: Ein Abstecher in den Strauhof

    Auf dem Bild sieht man das offene Notizbuch von Lara Hofer neben einer Tasse Kaffee."Ganz schön viel Verzicht im Namen der Literatur. Ist Mayröcker Märtyrerin, Genie, Göttin? Oder bloss Verfechterin eines längst veralteten Bildes des einsamen Schriftstellers?" Bild: Lara Alina Hofer

    Unsere Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) hat sich auf den Spuren der österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker zum ersten Mal in den Strauhof in Zürich gewagt. Ein politischer Ort, der Raum schafft für Poesie und Debatte.

    Es gibt keinen Satz, der mir heute ferner liegt als: „Ich denke in langsamen Blitzen.“ Der Titel der Ausstellung im Museum Strauhof. Ich denke ganz und gar nicht „in langsamen Blitzen“. Ich denke in schnellen Blitzen, in Donnerschlägen, in schwarzen Wolken mit Regenfall in einem vernebelten Wirbelsturm. Ich … Ja, wie denke ich eigentlich?

    Mit dieser Frage im Kopf öffne ich zum ersten Mal die hinter Efeu versteckten Türen des Strauhofs im Kern der Zürcher Altstadt. Ich schäme mich beinahe, als waschechte Schreiberin nie hier gewesen zu sein. Immerhin wohne ich seit fünf Jahren in dieser Stadt. Aber die Zeit rennt, und ich hinke ihr immerzu keuchend hinterher – auch jetzt.

    Es ist Freitagabend, 17.25 Uhr. Das Museum schliesst in 35 Minuten. Ob ich der österreichischen Dichterin Friederike Mayröcker in dieser Zeit gerecht werden kann? Wohl kaum. Über 120 Bücher und Hörspiele zählen zu ihrem Lebenswerk. Versuchen will ich es trotzdem, zahle sechs Franken in bar, und dann nichts wie rein in diese langersehnte Welt, in der Literatur auf visuelle Kunst trifft.

    Auf dem Bild zu sehen ist ein Foto von Friederike Mayröcker (1924–2021), welcher eine Ausstellung im Strauhof gewidmet war.Die österreichische Schriftstellerin Friederike Mayröcker (1924–2021) gehört zu den eigenwilligsten Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Bild: Lara Alina Hofer


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    Poetisch ästhetisch verdreckt

    Von den Wänden sprechen Zitate. Worte, die einen langen Weg hinter sich haben. Wurden gedacht, gefühlt, geschrieben und gedruckt. Ein Video lässt Mayröckers Schreibmaschine knattern, während ich lese: „Das Einzige, was ich zu reden habe, schreibe ich.

    Ein Hörspiel ermöglicht, poetische Kurztexte zu hören und gleichzeitig Mayröckers Wiener Schreibwohnung zu betrachten: eine literarische Müllhalde. Bis unter die Decke vollgestopft, für Fremde kaum begehbar – wohl mit Absicht – voller Zettel und Manuskripte und Bücher. Poetisch ästhetisch verdreckt. „Nicht nur das Geschriebene, auch die Existenz muss poetisch sein.“

    Die grosse Kontroverse und der Rückzieher

    Ganz anders sind die Räumlichkeiten des Strauhofs, die sich edel und einladend präsentieren für das intellektuelle Volk. Weisse Decken mit Gravuren. Ein Holzboden, der aufheult bei jedem Schritt, als müsse er zum Stehenbleiben animieren. Ein runder Jackenständer mit weissen Haken. Eine authentisch knarrende Holztreppe.

    Zu sehen ist auf dem Bild das Strauhof-Museum in Zürich von aussen.Das Literaturmuseum Strauhof im Stadtzürcher Kreis 1 stand 2014 mitten in einer erbittert geführten politischen Debatte. Bild: Lara Alina Hofer

    Der Charakter des barocken Bürgerhauses geht auf das Jahr 1772 zurück. Heute gehört das Haus der Stadt Zürich und wird seit den 1950er-Jahren für kulturelle Veranstaltungen genutzt. Seit den 90ern liegt der Fokus auf der Literatur.

    Dann die grosse Kontroverse: 2014 hätte das Museum Strauhof schliessen sollen. Stattdessen wäre das Junge Literatur Labor eingezogen – von dem auch ich Teil bin. Intellektuelle und Kulturschaffende wehrten sich gegen den Entscheid, eine Petition wurde 4000-mal unterschrieben. Es folgten internationale Proteste und Debatten, bis das zuständige Präsidialdepartement unter der Leitung von Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) schliesslich einknickte. Und so schreibe ich heute an der Bärengasse und staune an der Augustinergasse. Und das nicht schlecht.

    Wie und warum ich dich liebe

    Die zweistöckige Ausstellung gibt einen intimen Einblick in das Leben der 2021 verstorbenen Österreicherin: Geboren 1924 in Wien, wurde ihr Schreiben während des Zweiten Weltkriegs radikalisiert. Sie war Anhängerin des Dadaismus, ihre Gedichte eigenwillig und experimentell, suchend nach einer eigenen, konkreten Sprache. „Eine radikale Art zu denken und zu schreiben.“ Für eine radikale Gegenwart.

    Mir stechen Mayröckers Buchtitel ins Auge; „mein Herz mein Zimmer mein Name“, „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“, „Larifari“. Auch ein Gedichttitel weckt Neugier: „Wie und warum ich dich liebe.“ Andere brauchen ein Leben, um diese Frage zu beantworten. Auch ich. Fand es immer schon einfacher, zu sagen, wie und warum ich jemanden nicht liebe. Mayröckers Antwort, frei rezipiert: Wenn du es bist, bin ich nicht sicher, ob ich es bin. Der Spiegel hält mir gleichzeitig entgegen jeden Abend dein Bildnis und mein. Dein Geheimnis im Herzen ist nicht zu lüften, doch es zieht mich von allen am meisten an.

    Sprache – welch Heimat!

    Trotzdem rät Mayröcker von der Ehe und insbesondere von Kindern ab. Kinder, das sind minus zwanzig Jahre Arbeitszeit. Keine Kinder zu haben, das ist eine Auszeichnung. Die zeigt, dass der Sinn des eigenen Lebens nicht nur in der Fortpflanzung liegt, sondern dass es einen grösseren Sinn gibt. Eine noch dringlichere Mission als die biologische selbst.

    „Mayröcker instrumentalisierte die Einsamkeit. „Ohne Einsamkeit könnte ich nicht arbeiten. Freunde und Termine wurden regelmässig vergessen. „Ich muss alles vergessen, um meine Schrift zu Ende schreiben zu können. Hat man sich darauf eingelassen, gibt es kein Zurück, sonst ist es verdorben.“ Das Schreiben als Akt der Entleerung. „Es schleicht sich heraus, aus meinem Körper und meinem Kopf, und dann bin ich ganz leer, plötzlich.“ Und die Rettung? „Man hängt sich ein bei der Sprache. Und geleitet sich wechselseitig gleichermassen.“

    Auf dem Bild ist eine Notiz der Schriftstellerin Friederike Mayröcker (1924–2021) zu sehen. Es geht um eine Info an einen Einbrecher.Die durchaus liebe- und verständnisvoll formulierte "Notiz an einen Einbrecher" ist typisch für die Schriftstellerin Friederike Mayröcker. Bild: Lara Alina Hofer

    Von nichts und Verdauung

    Ganz schön viel Verzicht im Namen der Literatur. Ist Mayröcker Märtyrerin, Genie, Göttin? Oder bloss Verfechterin eines längst veralteten Bildes des einsamen Schriftstellers? Und wovon handelt jetzt eigentlich ihr Werk? Um Allerlei und Alltägliches in Abstraktion, hätte ich gesagt. Eine körperliche Erfahrung. Mayröcker beantwortet die Frage selbst: „Es handelt von nichts. Es ist eine Leibspeise. Eine Leibesspeise.“ Und die muss ich jetzt erst mal verdauen.

    Im Zunfthaus zur Zimmerleuten, „wo Genuss und Geschichte sich treffen“, denke ich bei einer dampfenden Tasse Kaffee an Wien. Zürich. Liebe. Mai. Herbst. Musik. iPhones. Fingernägel. Eine Kellnerin in schwarzen Schuhen und – ich denke, ich denke verzögert, verschmitzt und immerzu viel zu viel.

    Auf dem Bild ist Lara Alina Hofer zu sehen, die Kolumnistin von "Poesie und Politik" auf Rathuus."Poesie und Politik", so heisst die aktuelle Kolumne von Lara Alina Hofer. Bild: zvg

    Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium an der Zürcher Hochschule der Künste ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie publiziert auch fürs Junge Literaturlabor Zürich. Jene Texte erschienen mehrere Jahre lang jeweils in den Zeitungen der Lokalinfo AG. Nun schreibt Lara Alina Hofer bei Rathuus über „Poesie und Politik“.

    Die Ausstellung „Ich denke in langsamen Blitzen“ war vom 10. Juli bis 7. September im Museum Strauhof zu sehen. Ab dem 3. Oktober läuft die Ausstellung „Meyerama – Das Spiel von Macht und Leidenschaft“. Dabei stellt die Theatergruppe „Mass & Fieber“ den Strauhof zum Meyerama und setzt auf spielerische Weise das Schaffen des grossen Zürcher Schriftstellers C. F. Meyer (1825 – 1898) ins Bild.