Das Finanzportal Inside Paradeplatz ist das Feindbild der Banken, der Linken und der Verwaltung. Paul Schellenbaum bildet mit Beni Frenkel den Kern der externen Autorenschaft. Er brennt für seinen Job und ist überzeugt, dass kleine Onlinemagazine wie „Inside Paradeplatz“, aber auch Rathuus, eine grosse Zukunft haben.
Landauf, landab hört man vom Niedergang des Journalismus. Die Berichterstattung wird immer magerer, vor allem lokalpolitisch. Ältere Schreiberlinge wenden sich vom Metier ab, Junge steigen erst gar nicht mehr ein, werden lieber Lehrer und Mediensprecherin.
Doch es gibt auch Ausnahmen.
Der 38-jährige Paul Schellenbaum ist so Eine. Er arbeitet seit gut einem Jahr als freier Mitarbeiter beim berühmt-berüchtigten Finanzportal Inside Paradeplatz. Jenes Magazin, das seit 15 Jahren von Lukas Hässig fast im Alleingang betrieben wird.
„IP“, wie es auch genannt wird, wurde bekannt durch die Enthüllung des hohen Lohns des ehemaligen Novartis-Chesf Daniel Vasella, jüngeren Datums durch die Recherchen rund um die Pierin-Vincenz-Raiffeisen-Affäre und 2026 durch die kritische Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Crans-Montana. Doch auch Zürich steht oft im Fokus von „Inside Paradeplatz“. Etwa durch eher nervöse Schimpftiraden über teure Caffè Latte, aber auch Kritik an der Velopolitik oder (zu) teure Tiefbauarbeiten. Gerade die Stadtverwaltung Zürich und deren Exekutivmitglieder wie Daniel Leupi oder Simone Brander müssen oft arg untendurch. Nicht immer können sie sich gegen die Vorwürfe wehren.
Trotzdem werden die Beiträge viel gelesen und gerade von Gratisportalen wie „20 Minuten“ oder „Nau“ dankbar übernommen. Dass die saubere Zitierung manchmal auf der Strecke bleibt, gehört zum Business dazu.
Bei „IP“ werden oft Themen aufgegriffen, die durchaus überraschen. Beispiele wie „Früher Pfadi-Gspänli, heute politische Gegner“, „Hockey-WM in 12 Tagen, Zürich im Tiefschlaf“ und „Zürichs Genossenschafts-Lüge“ haben eines gemeinsam. Sie alle stammen von Paul Schellenbaum.
„Ich rege mich auf, wenn ich etwas ungerecht finde“, sagt Paul Schellenbaum.
Initialzündung Rad-WM
Der frühere Rapper freut sich wie ein kleines Kind, als er von seinem Einstieg in den Journalismus schwärmt. Es war kurz nach der Rad-WM im Oktober 2024, als er mit seinen beiden Kleinkindern den Zoo besuchte. Weil die beiden Kids jedoch lieber im Auto ein Nickerchen machten als Tiere anzuschauen, schrieb Schellenbaum aus einer spontanen Eingebung heraus seine Gedanken zur eben abgeschlossenen Rad-WM nieder.
„Rad-WM 2024, Zürichs grösster Flop im 21. Jahrhundert“ hiess der Text. Das angriffige Stück kam gut an und ebnete Schellenbaum den Weg in den Journalismus. Denn kurz nach dem ersten Text wurde Schellenbaum von Lukas Hässig in den Schiffbau eingeladen. Dort hat sich Hässig ganz bescheiden in einem Grossraumbüro eingemietet. Man beschnupperte sich und seit gut einem Jahr schreibt Schellenbaum etwa zehn Texte pro Monat.
Sein Gesellenstück verfasste er über finanzielle Mauscheleien rund um den geplanten Neubau der Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden. Der Text löste im Kanton Thurgau ein enormes Echo aus. Aktuell ist sogar die Rede davon, dass der 560-Millionen-Bau gar nie realisiert werden soll.
Paul Schellenbaum sieht solche Texte als Beispiel, dass man mit Schreiben etwas bewirken könne. „Vetterliwirtschaft, Grössenwahn, solche Themen faszinieren mich“, erzählt Schellenbaum begeistert. Er fühlt sich seither „wie ein Rottweiler-Welpe, der losgelassen wurde“. Also verspielt und gegen alles anrennend. „Ich rege mich auf, wenn ich etwas ungerecht finde.“ Ein Vorteil ist, dass „Inside Paradeplatz“ recht oft Tipps aus der Wirtschaft und aus der Verwaltung bekommt.
War früher ein bekannter Spruch „Ich gehe damit zum Kassensturz“, scheint heute „IP“ eine durchaus angesagte Adresse zu sein. Wobei die politische Verortung schon eher Mitte-rechts anzusiedeln ist.
Damit kann Schellenbaum leben, wobei er betont, unabhängig auch mal gegen Christoph Blocher, Walter Frey oder Markus Somm zu schreiben.
Gut findet Schellenbaum, dass er erst kürzlich zum Journalismus gefunden hat. „Hätte ich mit 20 irgendwo auf einer Redaktion begonnen, wäre ich heute vielleicht schon wieder weg“, sagt Schellenbaum, der im Kreis 2 in Zürich aufgewachsen ist. Sein Vater hatte eine Werbeagentur mit Schwerpunkt Textkommunikation, zu Hause wurde viel gelesen und diskutiert. Seine Verwandtschaft mit den zahlreichen Onkeln war und ist journalistisch und schriftstellerisch tätig. Der Bruder seines Onkels war der berühmte Jürg Ramspeck („Weltwoche“, „Blick“), sein Cousin heisst Sebastian Ramspeck und ist internationaler SRF-Korrespondent. Auch der Psychoanalytiker und Bestsellerautor Peter Schellenbaum gehört zu seiner Familie.
„Ich lernte zuhause früh, wie mächtig Worte sein können“, erinnert sich Schellenbaum. Sein Vater habe ihm oft erklärt, wie ein Text fesseln könne.
„Er steht jeden Tag um vier Uhr auf und schreibt seine Texte. Das beeindruckt mich enorm“, sagt Paul Schellenbaum.
Fluch oder Segen?
Waren dieses Elternhaus und diese Verwandtschaft Fluch oder Segen? Sicher ist, Paul Schellenbaum kennt sich bestens aus in der Medienwelt, war aber nie Teil davon. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die Leute haben die Schnauze voll von den herkömmlichen Medienhäusern, die alle gleich berichten und bezahlen für Inhalte ist auch bald vorbei“. Die „Mainstream-Texte“ würden bald von künstlicher Intelligenz geliefert. „Überleben werden nur kleine, schlagkräftige Titel, die originell und unabhängig schreiben“, ist Schellenbaum überzeugt.
Aber die „Republik“ etwa, die funktioniert doch? Es werde immer Liebhaberobjekte geben, gibt Schellenbaum zurück. „Bürgerliche Medien sind wichtig, doch aus meiner Sicht leistet die ‚Republik‘ die differenziertere Arbeit als der ‚Nebelspalter‘.“ Dort werde sicher nie über die gut 60 Milliardäre und Millionäre geschrieben, die das Startkapital von je 100’000 Franken gegeben hätten, sagt Schellenbaum.
Bei „Inside Paradeplatz“ hat er seine Berufung gefunden. Er schätzt die kurzen Entscheidungswege und dass sich Lukas Hässig so reinkniet. „Er steht jeden Tag um vier Uhr auf und schreibt seine Texte. Das beeindruckt mich enorm.“ Von nichts komme nichts, findet Schellenbaum, der hauptberuflich als Personal Trainer arbeitet. Hat er von dort die Gabe, oft und viel zu loben? Denn Rathuus findet er toll. Vom Auftritt und vom Inhalt her.
Als sein „Inside Paradeplatz“-Kollege Beni Frenkel letzthin beim Rathuus-Podcast dabei war, brachte das Schellenbaum auf eine Idee. Ein Podcast Frenkel-Schellenbaum! Darauf darf man gespannt sein.
Bei der Verabschiedung nach dem Gespräch sagt Paul Schellenbaum, dass er viel ausgeglichener sei, seit er schreibe.
Schreiben als Ventil? Sicher ein Garant für pfeffrige Texte, ganz im Stil von „Inside Paradeplatz“.
Literaturhinweis: Paul Schellenbaum wollte 2024 seinem an Krebs verstorbenen Vater ein Buch widmen und die Weisheiten des Lebens seinen zwei Kindern in Form eines Romans weitergeben.

"Wow, ich kann etwas bewirken", merkte Paul Schellenbaum bei "Inside Paradeplatz" rasch. Bild: Lorenz Steinmann
Ein alkoholfreies Bier in Ehren kann man definitiv nicht verwehren (v. l.): Pascal Turin und Lorenz Steinmann stossen auf der Kanzleiwiese in Zürich an. Bild: Pascal Turin
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Tscheggsch es? Diese "CHECK-EM NUGGETS" von Denner werfen Fragen auf. Bild: Lorenz Steinmann
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Das "Tagblatt" hat eine Auflage von etwa 100'000 Exemplaren pro Woche. Jetzt hat Christoph Blocher den Titel nach Bern verkauft. Wie lange solche Printzeitungen noch überleben, ist jedoch unklar. Bild: Lorenz Steinmann
„Ich gehöre nicht zu den Kantonsräten, die tausend Anfragen einreichen“, sagt Cristina Cortellini (53). Bild: Pascal Turin
Nicht gerade das staatsmännisch wirkende Gemälde ist diese Interpretation (Ausschnitt) von alt Bundesrat Ueli Maurer (SVP) durch den Künstler Dieter Hall. Gleichwohl hängt es in der Ahnengalerie der kantonalen Verwaltung. Bild: zvg
Beste Lage am Limmatquai in Zürich: Hier wollte McDonald's einziehen. Bild: Lorenz Steinmann
Erhält die am 15. Mai beginnende Eishockey-WM dank des Trainer-Skandals nun mehr Beachtung? Unsere Aufnahme zeigt den Infowürfel beim Flughafen Kloten. Bild: Lorenz Steinmann
Trotz Denkmalschutz: So markant wären die beiden Kamine nach den Plänen von McDonald's geworden. Dagegen hatten die Rekurrenten etwas, und sie wurden vom Baurekursgericht gestützt. Bild: zvg
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