Dein Zürcher Politikmagazin

Unterstützerinnen und Unterstützer machen das Rathuus-Team glücklich. Mehr erfahren.

  • 5 Minuten

    Aus dem Maschinenraum von „Inside Paradeplatz“

    Zu sehen ist der Journalist Paul Schellenbaum, wie er vor dem Opernhaus Zürich steht. Er hat dunkle, nach hinten gekämmte Haare und einen getrimmten Bart."Wow, ich kann etwas bewirken", merkte Paul Schellenbaum bei "Inside Paradeplatz" rasch. Bild: Lorenz Steinmann

    Das Finanzportal Inside Paradeplatz ist das Feindbild der Banken, der Linken und der Verwaltung. Paul Schellenbaum bildet mit Beni Frenkel den Kern der externen Autorenschaft. Er brennt für seinen Job und ist überzeugt, dass kleine Onlinemagazine wie „Inside Paradeplatz“, aber auch Rathuus, eine grosse Zukunft haben.

    Landauf, landab hört man vom Niedergang des Journalismus. Die Berichterstattung wird immer magerer, vor allem lokalpolitisch. Ältere Schreiberlinge wenden sich vom Metier ab, Junge steigen erst gar nicht mehr ein, werden lieber Lehrer und Mediensprecherin.

    Doch es gibt auch Ausnahmen.

    Der 38-jährige Paul Schellenbaum ist so Eine. Er arbeitet seit gut einem Jahr als freier Mitarbeiter beim berühmt-berüchtigten Finanzportal Inside Paradeplatz. Jenes Magazin, das seit 15 Jahren von Lukas Hässig fast im Alleingang betrieben wird.

    „IP“, wie es auch genannt wird, wurde bekannt durch die Enthüllung des hohen Lohns des ehemaligen Novartis-Chesf Daniel Vasella, jüngeren Datums durch die Recherchen rund um die Pierin-Vincenz-Raiffeisen-Affäre und 2026 durch die kritische Berichterstattung über die Brandkatastrophe in Crans-Montana. Doch auch Zürich steht oft im Fokus von „Inside Paradeplatz“. Etwa durch eher nervöse Schimpftiraden über teure Caf­fè Lat­te, aber auch Kritik an der Velopolitik oder (zu) teure Tiefbauarbeiten. Gerade die Stadtverwaltung Zürich und deren Exekutivmitglieder wie Daniel Leupi oder Simone Brander müssen oft arg untendurch. Nicht immer können sie sich gegen die Vorwürfe wehren.

    Trotzdem werden die Beiträge viel gelesen und gerade von Gratisportalen wie „20 Minuten“ oder „Nau“ dankbar übernommen. Dass die saubere Zitierung manchmal auf der Strecke bleibt, gehört zum Business dazu.

    Bei „IP“ werden oft Themen aufgegriffen, die durchaus überraschen. Beispiele wie „Früher Pfadi-Gspänli, heute politische Gegner“„Hockey-WM in 12 Tagen, Zürich im Tiefschlaf“ und „Zürichs Genossenschafts-Lüge“ haben eines gemeinsam. Sie alle stammen von Paul Schellenbaum.

    „Ich rege mich auf, wenn ich etwas ungerecht finde“, sagt Paul Schellenbaum.

    Initialzündung Rad-WM

    Der frühere Rapper freut sich wie ein kleines Kind, als er von seinem Einstieg in den Journalismus schwärmt. Es war kurz nach der Rad-WM im Oktober 2024, als er mit seinen beiden Kleinkindern den Zoo besuchte. Weil die beiden Kids jedoch lieber im Auto ein Nickerchen machten als Tiere anzuschauen, schrieb Schellenbaum aus einer spontanen Eingebung heraus seine Gedanken zur eben abgeschlossenen Rad-WM nieder.

    „Rad-WM 2024, Zürichs grösster Flop im 21. Jahrhundert“ hiess der Text. Das angriffige Stück kam gut an und ebnete Schellenbaum den Weg in den Journalismus. Denn kurz nach dem ersten Text wurde Schellenbaum von Lukas Hässig in den Schiffbau eingeladen. Dort hat sich Hässig ganz bescheiden in einem Grossraumbüro eingemietet. Man beschnupperte sich und seit gut einem Jahr schreibt Schellenbaum etwa zehn Texte pro Monat.

    Sein Gesellenstück verfasste er über finanzielle Mauscheleien rund um den geplanten Neubau der Kehrichtverbrennungsanlage in Weinfelden. Der Text löste im Kanton Thurgau ein enormes Echo aus. Aktuell ist sogar die Rede davon, dass der 560-Millionen-Bau gar nie realisiert werden soll.

    Paul Schellenbaum sieht solche Texte als Beispiel, dass man mit Schreiben etwas bewirken könne. „Vetterliwirtschaft, Grössenwahn, solche Themen faszinieren mich“, erzählt Schellenbaum begeistert. Er fühlt sich seither „wie ein Rottweiler-Welpe, der losgelassen wurde“. Also verspielt und gegen alles anrennend. „Ich rege mich auf, wenn ich etwas ungerecht finde.“ Ein Vorteil ist, dass „Inside Paradeplatz“ recht oft Tipps aus der Wirtschaft und aus der Verwaltung bekommt.

    War früher ein bekannter Spruch „Ich gehe damit zum Kassensturz“, scheint heute „IP“ eine durchaus angesagte Adresse zu sein. Wobei die politische Verortung schon eher Mitte-rechts anzusiedeln ist.

    Damit kann Schellenbaum leben, wobei er betont, unabhängig auch mal gegen Christoph Blocher, Walter Frey oder Markus Somm zu schreiben.

    Gut findet Schellenbaum, dass er erst kürzlich zum Journalismus gefunden hat. „Hätte ich mit 20 irgendwo auf einer Redaktion begonnen, wäre ich heute vielleicht schon wieder weg“, sagt Schellenbaum, der im Kreis 2 in Zürich aufgewachsen ist. Sein Vater hatte eine Werbeagentur mit Schwerpunkt Textkommunikation, zu Hause wurde viel gelesen und diskutiert. Seine Verwandtschaft mit den zahlreichen Onkeln war und ist journalistisch und schriftstellerisch tätig. Der Bruder seines Onkels war der berühmte Jürg Ramspeck („Weltwoche“, „Blick“), sein Cousin heisst Sebastian Ramspeck und ist internationaler SRF-Korrespondent. Auch der Psychoanalytiker und Bestsellerautor Peter Schellenbaum gehört zu seiner Familie.

    „Ich lernte zuhause früh, wie mächtig Worte sein können“, erinnert sich Schellenbaum. Sein Vater habe ihm oft erklärt, wie ein Text fesseln könne.

    „Er steht jeden Tag um vier Uhr auf und schreibt seine Texte. Das beeindruckt mich enorm“, sagt Paul Schellenbaum.

    Fluch oder Segen?

    Waren dieses Elternhaus und diese Verwandtschaft Fluch oder Segen? Sicher ist, Paul Schellenbaum kennt sich bestens aus in der Medienwelt, war aber nie Teil davon. Er geht sogar noch einen Schritt weiter: „Die Leute haben die Schnauze voll von den herkömmlichen Medienhäusern, die alle gleich berichten und bezahlen für Inhalte ist auch bald vorbei“. Die „Mainstream-Texte“ würden bald von künstlicher Intelligenz geliefert. „Überleben werden nur kleine, schlagkräftige Titel, die originell und unabhängig schreiben“, ist Schellenbaum überzeugt.

    Aber die „Republik“ etwa, die funktioniert doch? Es werde immer Liebhaberobjekte geben, gibt Schellenbaum zurück. „Bürgerliche Medien sind wichtig, doch aus meiner Sicht leistet die ‚Republik‘ die differenziertere Arbeit als der ‚Nebelspalter‘.“ Dort werde sicher nie über die gut 60 Milliardäre und Millionäre geschrieben, die das Startkapital von je 100’000 Franken gegeben hätten, sagt Schellenbaum.

    Bei „Inside Paradeplatz“ hat er seine Berufung gefunden. Er schätzt die kurzen Entscheidungswege und dass sich Lukas Hässig so reinkniet. „Er steht jeden Tag um vier Uhr auf und schreibt seine Texte. Das beeindruckt mich enorm.“ Von nichts komme nichts, findet Schellenbaum, der hauptberuflich als Personal Trainer arbeitet. Hat er von dort die Gabe, oft und viel zu loben? Denn Rathuus findet er toll. Vom Auftritt und vom Inhalt her.

    Als sein „Inside Paradeplatz“-Kollege Beni Frenkel letzthin beim Rathuus-Podcast dabei war, brachte das Schellenbaum auf eine Idee. Ein Podcast Frenkel-Schellenbaum! Darauf darf man gespannt sein.

    Bei der Verabschiedung nach dem Gespräch sagt Paul Schellenbaum, dass er viel ausgeglichener sei, seit er schreibe.

    Schreiben als Ventil? Sicher ein Garant für pfeffrige Texte, ganz im Stil von „Inside Paradeplatz“.

    Literaturhinweis: Paul Schellenbaum wollte 2024 seinem an Krebs verstorbenen Vater ein Buch widmen und die Weisheiten des Lebens seinen zwei Kindern in Form eines Romans weitergeben.

Lust auf Austausch?
Unsere Newsletter und unsere Podcast-Folgen auf Steady sind der richtige Ort dafür – kommentiere dort und sag uns, was du denkst:
Zu unseren Steady-Beiträgen

Oder schreib uns eine E-Mail: redaktion@rathuus.ch
  • 1 Minute

    Medienkrise mit Kohlensäure

    Zwei Männer lächeln bei sonnigem Wetter in die Kamera und stossen im Grünen mit alkoholfreiem Bier an.Ein alkoholfreies Bier in Ehren kann man definitiv nicht verwehren (v. l.): Pascal Turin und Lorenz Steinmann stossen auf der Kanzleiwiese in Zürich an. Bild: Pascal Turin

    Lieber Rhäzünser als Zeitungssterben: In der 32. Folge des Rathuus-Podcasts geht es um die Medienkrise sowie die Lieblingsgetränke von Lorenz Steinmann und Pascal Turin.

    Weiterlesen


  • 2 Minuten

    Apollo 7: Mission Regierungsrat

    Zürcher Regierungsrat vor galaktischer Sternenkulisse; acht Mitglieder posieren als offizielle Gruppe für das Amtsjahr 2026/27.Regierungsfoto 2026 (v. l.): Staatsschreiberin Kathrin Arioli, Natalie Rickli (SVP), Mario Fehr (parteilos), Silvia Steiner (Mitte), Carmen Walker Späh (FDP), Ernst Stocker (SVP), Jacqueline Fehr (SP), Martin Neukom (Grüne). Bild: Anja Kutter/Staatskanzlei

    Der siebenköpfige Zürcher Regierungsrat hebt ab – zumindest für das offizielle galaktische PR-Gruppenbild. Raumschiff-Kapitänin Carmen Walker Späh hat als Regierungspräsidentin für ein Jahr das Kommando übernommen. Nächster Halt: Wahljahr 2027.

    Weiterlesen


  • 3 Minuten

    Tscheggsch de Pögg? Was uns Nati-Sponsor Denner mit seinen Chicken-Nuggets sagen will

    Zu sehen ist eine Packung tiefgekühlte Chicken-Nuggets vom Denner. Der Name: "Check-EM Nuggets".Tscheggsch es? Diese "CHECK-EM NUGGETS" von Denner werfen Fragen auf. Bild: Lorenz Steinmann

    „Check-EM“? Die Eishockey-Werbung von Denner, Hauptsponsor der Schweizer Nati, bringt sogar englischsprachige Zeitgenossen ins Schwitzen. Wenn nur unsere Nati eine bessere Angriffsauslösung hat als die komplizierten Wortspielereien des Discounters.

    Weiterlesen


  • 5 Minuten

    Mit Good News gegen die Negativität

    Ein Spielplatz mit Schaukeln und einem grossen Klettergerüst aus Holz. Der Boden ist mit Holzschnitzeln belegt, die Spazierwege sind entsiegelt. Im Hintergrund ragt ein Hochhaus empor.Die Stadt Winterthur hat den Spielplatz an der Wartstrasse in der Nähe der Schützenwiese umgestaltet. Bild: zvg

    Sie gehen häufig in der Masse unter. Gemeint sind erfreuliche Meldungen aus der Verwaltung. Der Kanton fördert den Freizeitsport in kleinen Gemeinden, Winterthur hat einen Spielplatz entsiegelt und bald ist Frühlingsmarkt in der Stadtgärtnerei Zürich.

    Weiterlesen


  • Das bedeutet der Verkauf des „Tagblatts der Stadt Zürich“ politisch und wirtschaftlich

    Zu sehen ist das Titelblatt des Tagblatts der Stadt Zürich. Die Zeitung im Tabloidformat ziehrt ein Foto des Sechseläuten-Feuers.Das "Tagblatt" hat eine Auflage von etwa 100'000 Exemplaren pro Woche. Jetzt hat Christoph Blocher den Titel nach Bern verkauft. Wie lange solche Printzeitungen noch überleben, ist jedoch unklar. Bild: Lorenz Steinmann

    Überraschend hat Christoph Blocher seine Zeitungen inklusive „Tagblatt der Stadt Zürich“ ans Nachrichtenportal Nau in Bern verkauft. CEO Yves Kilchenmann betont aber, dass man weiterhin Amtsblatt bleiben will – und 2027 wieder eine Offerte einzureichen gedenkt. Aus der Politik ist Skepsis spürbar.

    Weiterlesen


  • 5 Minuten

    Die Politikerin aus Prinzip

    Porträt einer lächelnden Frau vor Fahnen.„Ich gehöre nicht zu den Kantonsräten, die tausend Anfragen einreichen“, sagt Cristina Cortellini (53). Bild: Pascal Turin

    Die Grünliberale Cristina Cortellini ist Politikerin mit Leib und Seele. Sie liebt es, Verantwortung für ihre Wohngemeinde Dietlikon und für den Kanton Zürich zu übernehmen. Die Kantonsrätin sucht den Konsens – denn Extrempositionen sind ihr zuwider.

    Weiterlesen


  • 3 Minuten

    „Ich habe mich auch nicht erkannt“ – trotzdem lehnte Ueli Maurer sein Porträt nicht ab

    Zu sehen ist das Portraitgemälde von Ueli Maurer, gemalt von Dieter Hall. Es ist ein spezielles Bild, das so gar nicht einem klassischen Portrait entspricht.Nicht gerade das staatsmännisch wirkende Gemälde ist diese Interpretation (Ausschnitt) von alt Bundesrat Ueli Maurer (SVP) durch den Künstler Dieter Hall. Gleichwohl hängt es in der Ahnengalerie der kantonalen Verwaltung. Bild: zvg

    Regierungsrat Martin Neukom (Grüne) lehnte drei Porträt­entwürfe ab. Doch lange nicht alle Gemälde in der Ahnengalerie gelten bei Kunstlaien als schön – so etwa jene von Christoph Blocher, Markus Notter oder Ueli Maurer. Alt Bundesrat Maurer erklärt gegenüber Rathuus, warum er sein Porträt damals trotzdem akzeptierte.

    Weiterlesen


  • 1 Minute

    Von M wie Mac bis R wie Regierungsrat

    Strassenansicht mit mehrstöckigen Altstadthäusern, Läden im Erdgeschoss, Fahrrädern und E-Scootern im Vordergrund sowie passierenden Menschen.Beste Lage am Limmatquai in Zürich: Hier wollte McDonald's einziehen. Bild: Lorenz Steinmann

    Big Mac und Wahlkampf: In der 31. Folge des Rathuus-Podcasts diskutiert Lorenz Steinmann mit Pascal Turin über eine umstrittene McDonald’s-Filiale und über die Regierungsratswahlen 2027.

    Weiterlesen


  • 4 Minuten

    SRF cancelt geplantes Porträt über Ex-Nati-Trainer Patrick Fischer

    Zu sehen ist ein viereckiger Infowürfel am Flughafen Zürich, wo über die bald beginnende Eishockey-WM informiert wird. Der Würfel ist schwarz und hat eine herunterzählende Digitaluhr, welche die noch verbleibenden Tage bis zum WM-Beginn anzeigt.Erhält die am 15. Mai beginnende Eishockey-WM dank des Trainer-Skandals nun mehr Beachtung? Unsere Aufnahme zeigt den Infowürfel beim Flughafen Kloten. Bild: Lorenz Steinmann

    Es war die ideale Schlagzeile kurz vor der Eishockey-WM mit Hauptaustragungsort Zürich: Patrick Fischer und das gefälschte Covid-Zertifikat⁣. Nun bestätigt SRF gegenüber Rathuus, dass das geplante Porträt über den gefeuerten Nati-Trainer wohl nie kommt. Wird die WM trotzdem zum medialen Flop?

    Weiterlesen


  • 4 Minuten

    McDonald’s-­Baugesuch: Nachhilfe­unterricht für den Zürcher Stadtrat

    Zu sehen sind die Pläne mit den Kaminen, wie sie McDonald's bauen wollte.Trotz Denkmalschutz: So markant wären die beiden Kamine nach den Plänen von McDonald's geworden. Dagegen hatten die Rekurrenten etwas, und sie wurden vom Baurekursgericht gestützt. Bild: zvg

    Experten reiben sich die Augen: Das Baurekursgericht des Kantons Zürich hat eine Baubewilligung des Stadtratskollegiums mit André Odermatt (SP), Simone Brander (SP) und Filippo Leutenegger (FDP) weggefegt. Wegen Bedenken rund um die Abluftkamine. Gewonnen hat hingegen ein einflussreicher Anwalt und Zünfter.

    Weiterlesen


Das Onlinemagazin Rathuus wurde von den beiden Journalisten Lorenz Steinmann und Pascal Turin gegründet. Wenn du hier klickst, erfährst du mehr dazu.