Der Schweizer Wald erfüllt viele Funktionen – vom Erholungsraum bis zum Holzlieferanten für Möbel, Häuser oder Heizmaterial. Doch Klimawandel und Schädlinge setzen ihm zu. Zwei Zürcher SVP-Kantonsräte haben beim Regierungsrat nachgefragt, ob der Wald im Kanton Zürich übernutzt wird.
Wie geht es eigentlich unserem Wald? Nicht besonders gut – jedenfalls, wenn man den Waldbericht 2025 heranzieht. Verfasst wurde dieser vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) und von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) mit Sitz in Birmensdorf. Extremereignisse wie Hitze, Trockenheit, Stürme und Schädlinge setzen dem Wald stark zu.
„Geschwächter Wald verliert an Widerstandskraft und ist anfälliger für Krankheiten und Schädlinge wie beispielsweise Borkenkäfer“, schreiben Bafu und WSL in einer gemeinsamen Mitteilung. Deshalb gebe es auch mehr Zwangsnutzungen, bei denen geschädigte oder umgestürzte Bäume früher als ursprünglich geplant geerntet werden müssten, zum Beispiel zur Energiegewinnung durch Verbrennung statt zur Herstellung von Holzprodukten.
Anmerkung für fachfremde Personen: Der Ausdruck „Bäume ernten“ bezeichnet in der forstwirtschaftlichen Fachsprache nicht das Pflücken von Früchten wie Äpfeln oder Kirschen, sondern das Fällen und Aufarbeiten (Zerteilen) von Bäumen.
Kommen wir nun zum Anfang zurück: „Auf die Frage ‚Wie geht es dem Schweizer Wald?‘ gibt es keine einfachen Antworten“, heisst es im Vorwort des Waldberichts. Doch eines sei sicher: Der Klimawandel mache sich auch im Wald bemerkbar.
Gibt es also gar keine guten Nachrichten?
Doch, zumindest in einem Bereich: Laut dem Bericht hat sich die Biodiversität im Wald in der letzten Dekade, also seit 2015, leicht positiv entwickelt. „Die Vielfalt der Schnecken-, Moos- und Baumarten sowie die Bestände der meisten Waldvogelarten haben zugenommen“, schreiben die Fachleute.
Stürme und Trockenheit führen dazu, dass mehr sogenanntes Totholz entsteht – abgestorbenes, sich zersetzendes Holz, das für viele Arten lebenswichtig ist.
Steht auch der Zürcher Wald unter Stress?
Den Waldbericht ebenfalls gelesen haben die SVP-Kantonsräte Markus Bopp aus Otelfingen und Urs Wegmann aus Neftenbach. Sie haben im Zürcher Kantonsparlament eine Anfrage eingereicht. Gemäss ihrem Vorstoss ist unter Fachleuten zu hören, dass die Hiebsätze – also die nachhaltig zulässige Menge Holz, die jährlich geschlagen werden darf – in den letzten Jahren gesunken sind. Die Gründe dafür seien jedoch nicht klar. „Vor diesem Hintergrund ist eine verstärkte Förderung von Holzheizungen zu hinterfragen, denn möglicherweise liegt das Potenzial des Holzzuwachses in Zürich tiefer als bisher angenommen“, schreiben die Kantonsräte.
Unter anderem möchten die SVP-Politiker wissen, wie sich die Hiebsätze im Kanton Zürich in den letzten 20 Jahren verändert haben und ob die Gefahr besteht, dass aufgrund der steigenden Zahl an Holzheizungen die Wälder durch den erhöhten Brennholzbedarf übernutzt werden. Darüber hinaus soll der Regierungsrat beantworten, ob die Zürcher Wälder gestresst sind – und welche Faktoren dabei mitverantwortlich sein könnten.
Beide Politiker besitzen selbst Wald
Die Anfrage der Kantonsräte lässt sich auch als Ausdruck der Sorge verstehen, dass der Zürcher Wald unter dem steigenden Nutzungsdruck leiden könnte – und der Regierungsrat möglicherweise gegensteuern muss. „Im Grundsatz sehe ich aktuell nicht sofortigen Handlungsbedarf. Sollte der Wald übernutzt werden, müsste das aber breit diskutiert werden“, sagt Markus Bopp zu Rathuus. Der Landwirt heizt bei sich zu Hause hauptsächlich mit Öl. Zu seinem Landwirtschaftsbetrieb gehören rund zwei Hektaren Wald – also etwas mehr als die Grösse des Sechseläutenplatzes voll Wald. Ausserdem ist Bopp in der Geschäftsführung der Forstbetrieb Altberg-Lägern GmbH.
Auch Urs Wegmann besitzt Wald – insgesamt 1,5 Hektaren. „Mir fällt auf, dass aufgrund des gestiegenen Preises der Hackholzschnitzel vermehrt Holz direkt der Energienutzung zugeführt wird, das sich eigentlich auch als Bauholz eignen würde“, so der Landwirt, der bei sich daheim mit Holz heizt. Kleine Holzmengen mit niedriger Qualität lohnen sich laut Wegmann kaum für den Verkauf an Sägereien – sie landen entweder im eigenen Ofen oder als Hackholz auf dem Markt. Aus seiner Sicht steht die Frage im Raum: „Sind wir auf dem richtigen Weg, oder steuern wir auf eine Übernutzung zu? Haben wir in 20 oder 30 Jahren noch genügend Holzzuwachs und Waldbestände, um den Bedarf zu decken?“
Bei Brennholz auf Importe angewiesen
Nun ist der Regierungsrat am Zug. Der Bericht „Potenzial Energieholz Kanton & Stadt Zürich“ von 2023 deutet allerdings schon an, in welche Richtung zumindest ein Teil der Antworten auf die Fragen von Bopp und Wegmann gehen könnte. Kurz zusammengefasst sagt die Studie aus, dass der Kanton seinen zukünftigen Energieholzbedarf nicht aus eigener Produktion decken kann und auf Importe angewiesen ist – entweder aus anderen Kantonen oder dem Ausland. In Auftrag gegeben worden ist der Bericht von der Fachstelle Energie des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft sowie der Energiebeauftragten der Stadt Zürich, die im Departement der Industriellen Betriebe angesiedelt ist. „Im Kanton Zürich gelangt bereits mehr Energieholz in Feuerungen, als auf seinem Gebiet geerntet wird, und die geplanten Anlagen übersteigen das noch ausschöpfbare Potenzial“, schrieb 2023 das Fachmagazin „Zürcher Umweltpraxis und Raumentwicklung“, das von der Baudirektion Kanton Zürich herausgegeben wird.
In der Schweiz besteht noch grosses Potenzial, wenn es um nachhaltige Holznutzung geht. Dies zeigt eine Analyse von der Empa und der WSL. Bild: Pascal TurinUnd was sagen die Fachleute von der WSL?
„Grundsätzlich haben Schweizer Wälder pro Hektare in ganz Europa im landesweiten Durchschnitt den höchsten Holzvorrat“, erklärt Beate Kittl, Medienbeauftragte bei der WSL auf Anfrage. Im Mittelland, also auch in Zürich, gehe der Vorrat aber leicht zurück. Dies liege zum Teil daran, dass vermehrt Bäume sterben würden. Als Gründe zählt Kittl Trockenheit und Borkenkäfer auf Fichten oder das Eschentriebsterben auf. Ein weiterer Grund sei der vergleichsweise gute Preis, den die Fichte auf dem Holzmarkt erzielt. Und sie verweist auf eine aktuelle Analyse von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt – kurz Empa – und der WSL.
Recycling-Rate bei Holz ist tief
Das Fazit der Analyse: In der Schweiz besteht noch grosses Potenzial, wenn es um nachhaltige Holznutzung geht. Die Recycling-Rate beim Holz beträgt laut einem Artikel auf der Empa-Website nur knapp acht Prozent. „Von den fünf bis sieben Millionen Kubikmetern Holz, die wir in der Schweiz jährlich ernten, werden rund 40 Prozent direkt energetisch genutzt – sprich verbrannt“, lässt sich Nadia Malinverno aus dem Empa-Labor „Technologie und Gesellschaft“ zitieren.
Die Vision der Forschenden lautet darum Kaskadennutzung. Damit ist gemeint, dass Holz erst verbaut und dann verbrannt werden sollte. So könnte man das CO2 möglichst lange der Atmosphäre entziehen. „Erst wenn das nicht mehr geht, würde es zerkleinert und in die nächste Materialstufe überführt, beispielsweise als kleinere Bretter, Holzspäne oder Holzwerkstoffe“, heisst es im Artikel weiter. Und in den Ofen sollte das Holz erst dann kommen, wenn man es wirklich nicht mehr anders brauchen kann. Denn verbrannt ist auch endgültig verschwunden.
Die Anfrage im Kantonsrat wurde von Markus Bopp und Urs Wegmann am 24. März eingereicht. Der Regierungsrat hat insgesamt drei Monate Zeit, um sie zu beantworten. Also theoretisch sollten die Antworten bis Ende Juni vorliegen.

Der Wald ist ein wichtiger Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Mit Holz können energieintensive Baumaterialien wie zum Beispiel Beton ersetzt werden. Mit Holz wird aber auch geheizt. Bild: Pascal Turin
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