Die EVP fällt selten medial auf – was wohl vor allem ihrer Grösse geschuldet ist. Das heisst aber nicht, dass ihre Vertreterinnen und Vertreter keine klare Haltung haben. Eine von ihnen ist die Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni. Sie steht für ein respektvolles Miteinander und will in Wetzikon Schulpräsidentin werden.
Das Café Sam an der Motorenstrasse im eher trostlosen Wetziker Industriegebiet wirkt wie eine Oase in der Wüste. Betrieben wird es von der Stiftung Ancora-Meilestei, die Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen sowie mit psychischen, kognitiven oder sozial bedingten Beeinträchtigungen unterstützt und fördert. Das gemütliche Lokal ist wie ein Wohnzimmer eingerichtet – hier fühlt man sich sofort wohl.
Andrea Grossen-Aerni hat an einem der Tischchen Platz genommen. Vor ihr steht eine kleine Flasche Vivi Kola Zero. An einem langen Tisch arbeiten zwei junge Frauen an ihren Laptops, am Nebentisch plaudern zwei Freundinnen über Alltägliches und ein Hund liegt seelenruhig neben ihnen auf dem Boden. Im Café Sam ist die Wetzikerin, die in der Siedlung Wigarten im Stadtteil Kempten wohnt, regelmässig. „Hier darf jeder sein so wie er oder sie ist. Man wird einfach respektiert“, erklärt die EVP-Kantonsrätin. Und die Stiftungsrätin der Stiftung Ancora-Meilestei ergänzt: „Das finde ich sehr schön.“ 2024 rückte die Dozentin an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik im bündnerischen Zizers für Beat Monhart ins Kantonsparlament nach.
„Regierungsräte sind keine Joghurts, die man bei Verfallsdatum vorsorglich entsorgt, nur weil es so auf der Packung steht“, sagt Andrea Grossen-Aerni.
Die EVP ist die ultimative Kleinpartei
Über 100 Jahre gibt es die Partei bereits. „Seit 1919 mischt die Evangelische Volkspartei in der Schweizer Politik mit“, schrieb vor einigen Jahren das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auf seiner News-Website. Grosse Schlagzeilen mache die EVP aber selten. „Sie ist sozusagen die ultimative Kleinpartei“, urteilte das SRF. Ein Image, das der EVP durchaus zu passen scheint. Im Kantonsparlament spielt sie mit ihren sieben Vertreterinnen und Vertretern häufig das Zünglein an der Waage – was ihr aber je nach Thema von linker oder rechter Seite schon den Vorwurf als passive Mehrheitsbeschafferin eingebracht hat.
Für Andrea Grossen-Aerni ist klar: „Unser Ziel ist es, ausgewogene Lösungen zu finden, was aber wegen der Polarisierung zwischen Links und Rechts nicht immer gelingt.“ Der Wetzikerin ist durchaus bewusst, dass ihre Partei gerade im Hinblick auf die kantonalen Wahlen im Jahr 2027 für mehr Aufmerksamkeit sorgen muss. „Als kleine Fraktion ist es schwierig, wahrgenommen zu werden“, sagt die Kantonsrätin. Die Medien würden der EVP häufig wenig Beachtung schenken.
Doch wichtiger als Aufmerksamkeit um jeden Preis ist ihr, ziel- und lösungsorientiert mit anderen zusammenzuarbeiten. „Ich stehe für ein respektvolles Miteinander ein“, so die Politikerin, die in Wallisellen und Neftenbach aufgewachsen ist. Es bringe aus ihrer Sicht wenig, einfach einen Vorstoss einzureichen, nur um gehört zu werden – quasi als Zeichen an die Wählerschaft. „Dann macht man noch ein Video und gibt den Leuten das Gefühl, dass man sich als Politikerin für ein Anliegen wahnsinnig einsetzt.“ Sie wolle etwas bewirken und das gehe vor allem in Zusammenarbeit mit anderen Parteien.
Trotzdem dürfte sie eine kleine Adelung des „Tages-Anzeigers“ sicher gefreut haben, als es um eine Amtszeitbeschränkung für Regierungsrätinnen und Regierungsräte ging. Die SP wollte mit einer parlamentarischen Initiative erreichen, dass nach zwölf Amtsjahren Schluss ist. Doch die Idee scheiterte. „Den lustigsten Vergleich brachte Andrea Grossen-Aerni (EVP) fast am Ende der Debatte“, schrieb die Tageszeitung: „Regierungsräte sind keine Joghurts, die man bei Verfallsdatum vorsorglich entsorgt, nur weil es so auf der Packung steht.“
Sie ist viel mit dem Velo unterwegs – ein Auto hat Andrea Grossen-Aerni nicht. Bild: Pascal TurinGLP, EVP und Mitte bilden Brücke-Fraktion
Grossen-Aerni ist bereits über 30 Jahre in der EVP. Dies, obwohl sie nicht in einer politischen Familie aufgewachsen ist. Am Esstisch habe man in ihrer Kindheit kaum über Politik geredet. Trotzdem sagt sie: „Die Partei ist meine politische Heimat.“ Die Bedeutung der Politik sei ihr erst während des Studiums der Sozialen Arbeit bewusst geworden. „Immer wenn es um soziale Probleme wie Armut, Schulden oder Erwerbslosigkeit geht, hat das individuelle Ursachen. Aber es spielen auch die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen eine grosse Rolle“, erklärt die 52-Jährige. Entscheidend sei zum Beispiel, ob man einen gut bezahlten Job habe oder nicht, und wie man bei einem Unfall versichert sei. „Ich habe früh gemerkt, dass es wichtig ist, auf der politischen Ebene aktiv zu sein, um sich für den einzelnen Menschen einsetzen zu können“, führt sie aus.
Als ihr Entscheid reifte, sich politisch engagieren zu wollen, habe sie von allen Parteien Prospekte bestellt und sich am Ende für die EVP entschieden. „Was mir immer noch entspricht, ist, dass wir eine Zentrumspartei sind“, sagt Grossen-Aerni. Zentrumspartei darum, weil die Mitte (ehemals CVP und BDP) den Begriff Mittepartei nun quasi für sich gepachtet hat. „Im Wetziker Parlament haben wir eine Fraktion mit der Mitte und der GLP. Wir sind eine dritte, eigenständige Kraft“, betont sie. Passenderweise bezeichnet sich der GLP-Mitte-EVP-Zusammenschluss selbst als Brücke-Fraktion. Ein Erfolgsmodell, welches vielleicht auch im Kantonsrat Sinn machen würde. Dort sind die Grünliberalen, die Mitte und die EVP als Einzelmasken unterwegs, bilden eigene Fraktionen und arbeiten weniger eng zusammen.
„Stellen Sie sich vor, Sie sind zwölf, dreizehn oder vielleicht schon vierzehn Jahre alt. Ohne Gerichtsverfahren, ohne Verbrechen, ohne jegliches Mitspracherecht werden Sie eingesperrt wie eine Kriminelle“, so Andrea Grossen-Aerni.
Sie setzt sich für Weggesperrte und Fremdplatzierte ein
Auf ihrer Website berichtet die Mutter eines Teenagers und Hasenmama regelmässig über Themen, die ihr am Herzen liegen. So empfiehlt sie etwa das Buch „Knappheit“ des amerikanischen Ökonomen Sendhil Mullainathan und des amerikanischen Psychologen Eldar Shafir. „Wenn Geld, Zeit oder Energie fehlen, fokussiert das Gehirn nur noch auf das dringendste Problem. Dieser Tunnelblick reduziert die geistige Bandbreite und erschwert Planung, Priorisierung und langfristiges Denken“, schreibt Grossen-Aerni in ihrem Blog.
Ein wichtiges Anliegen ist der Vizepräsidentin der EVP Wetzikon zudem die Entschädigung der Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierung im Kanton Zürich. Diese erhalten neu einen Solidaritätsbeitrag von 25’000 Franken, welchen sie zusätzlich zu den 25’000 Franken des Bundes beantragen können. Der Kantonsrat hatte Anfang Dezember einen Gesamtbetrag von 20 Millionen Franken bewilligt.
Der Entscheid geht zurück auf ein dringliches Postulat der Kantonsrätinnen Lisa Letnansky (AL), Mandy Abou Shoak (SP), Silvia Rigoni (Grüne), Andrea Gisler (GLP) und eben Andrea Grossen-Aerni. „Stellen Sie sich vor, Sie sind zwölf, dreizehn oder vielleicht schon vierzehn Jahre alt. Ohne Gerichtsverfahren, ohne Verbrechen, ohne jegliches Mitspracherecht werden Sie eingesperrt wie eine Kriminelle“, erinnerte die Wetzikerin im Kantonsparlament an dieses dunkle Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte.
Wetziker Kinder sollen gern in die Schule gehen
Seit 2020 sitzt Grossen-Aerni im 36-köpfigen Parlament der Stadt Wetzikon, in der rund 27’000 Einwohnerinnen und Einwohnern leben. Als Vizepräsidentin der Fachkommission II ist sie für die Bereiche Alter, Bevölkerung, Bildung, Gesundheit, Jugend, Kultur, Sicherheit, Sport und Soziales zuständig. Nun möchte die Politikerin in die Exekutive. Sie kandidiert als Schulpräsidentin, was gleichzeitig einen Sitz im Stadtrat bedeutet. „Ich kandidiere, weil ich alles mitbringe, was eine Schulpräsidentin braucht“, sagte die EVP-Politikerin an einer Medienkonferenz. Sie wolle sich für jedes einzelne Kind in Wetzikon einsetzen und sie wünsche sich, dass jedes Kind gern in die Schule gehe. „Gute Schulen sind wichtig für Wetzikon“, schloss Grossen-Aerni.
Ihr Konkurrent um das Schulpräsidium ist Thomas Ineichen von der FDP. Der Präsident des Verbands Zürcher Musikschulen will seinen Parteikollegen Jürg Schuler beerben, der nicht mehr antritt. Als Mitglieder der Schulpflege sind beide bereits gewählt. Es erfolgte eine sogenannte stille Wahl, weil nicht mehr Kandidierende als Sitze zur Verfügung standen. Für das Präsidium der Schulpflege findet der Urnengang am 12. April 2026 statt. „Falls ich gewählt werde, bleibe ich Kantonsrätin. Bildungspolitik ist Sache der Kantone – im Kantonsrat werden darum Entscheidungen gefällt, die grossen Einfluss auf die Gemeinden haben“, erklärt Politikerin Grossen-Aerni. Aus ihrer Sicht würden sich die Ämter darum ideal ergänzen.
Im Café Sam dürfen alle so sein, wie sie sind. Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni hat diesen Satz zwar nicht als politisches Programm formuliert – er passt dennoch. Im Wetziker Kafi ist jede und jeder willkommen. Man geht respektvoll miteinander um. Ein Vorbild also für die Politik?

Die Wetziker Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni (52) ist seit über 30 Jahren Mitglied der EVP. Bild: Pascal Turin
Unsere Autorin Lara Alina Hofer kritisiert den Kulturkuchen aus eigener Erfahrung. Bild: Lara Alina Hofer
Sie schrieb einen Roman, der grosse Wellen schlug. In der Kulturszene, aber auch in der Politik. Jessica Jurassic, was das Pseudonym einer Appenzeller Autorin ist. Bild: Lara Alina Hofer
Das Buchcover ziert eine geschälte Mandarine. Stück für Stück schält Jessica Jurassica auch literarisch die verbotene Frucht. Bild: Lara Alina Hofer
Preaching to the choir: SP-Stadtrat Raphael Goltas Inserat in der linken "Wochenzeitung WOZ". Bild: Lorenz Steinmann
Sie fallen auf, die Plakate des Golta-Herausforderers Përparim Avdili (FDP). Bild: zvg
Die weibliche Alternative Serap Kahriman. Die GLP-Politikerin kandidiert auch fürs Stadtpräsidium. Bild: zvg
Anstossen auf ein erfolgreiches Jahr (v. l.): Pascal Turin und Lorenz Steinmann sind happy. Bild: Stephanie Turin
Das Restaurant Lulu am Sechseläutenplatz in Zürich: Wenn einer der Rathuus-Redaktoren essen geht, dann hat er was zu erzählen. Bild: Lorenz Steinmann
Der Erfolgsgastronom Michel Péclard wehrt sich und sagt, alles sei transparent abgelaufen. Bild: zvg
Auf der Reservationsbestätigung per E-Mail steht nichts von einem Zeitfenster. Bild: Lorenz Steinmann
Am Schweizer Nationalfeiertag gehört Jodeln einfach dazu – so wie hier 2025 in Kloten. Mittlerweile hat es das Brauchtum sogar auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes geschafft. Bild: Pascal Turin
O du fröhliche, o du selige: So idyllisch sind die Festtage nicht immer, aber das Bild von 1979 strahlt auf alle Fälle Weihnachtsmagie aus. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1458-001-001
Blick in die Velostation Stadelhofen: So viel Platz hat es hier für Fahrräder. Bild: Tiefbauamt
Das Restaurant Bruderhaus in Winterthur ist ein beliebtes Freizeit- und Ausflugsziel. Bild: Stadt Winterthur
Der EDU-Politiker Thomas Lamprecht (59) wohnt in Bassersdorf und sitzt seit 2018 im Kantonsrat. Der Schreinermeister und Inhaber eines KMU ist Vizepräsident der EDU Schweiz. Bild: Pascal Turin
Thomas Lamprecht ist bewusst, dass man als Mitglied einer Kleinpartei Beziehungen pflegen muss. „Mir fällt es zum Glück einfach, auf neue Leute zuzugehen.“ Bild: Pascal Turin
Der Titel „Schafft die Pensionierung ab“ ist provokativ, wie man es von einem Journalisten erwarten darf. Der Inhalt des Buchs ist aber differenziert. Kritisiert werden die Linken, aber auch unser starres Rentensystem. Bild: Lorenz Steinmann
Zeit für die Enkel – ist so ein (Symbol-)Bild typisch für ältere Menschen? Laut Felix E. Müller ist es ein Klischee, das heute nicht mehr der Realität entspricht. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC2266-001-003
Seit der Stadtzürcher Grünen-Gemeinderat Luca Maggi (35) politisch aktiv ist, hat er noch nie eine Woche ohne E-Mails, Telefonate oder Sitzungen geschafft. Bild: zvg