Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann will in den Zürcher Stadtrat und für ihre Partei den vor sieben Jahren verlorenen Sitz zurückerobern. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Im indiskreten Rathuus-Fragebogen spricht Karin Weyermann die Polarisierung in der Politik an. Ausserdem erklärt sie, dass der einst angestrebte Kauf des CS-Uetlihofs im Nachhinein ein Fehler war. Die Mitte-Politikerin sitzt im Stadtzürcher Gemeinderat und will im März 2026 ein Mandat im Stadtrat erobern.
Karin Weyermann, wie wurden Sie politisiert? Bei uns zu Hause wurde das aktuelle Geschehen immer lebhaft diskutiert. Dazu gehörten auch die anstehenden Abstimmungen. Politik war somit schon immer Bestandteil meines Lebens. Letztendlich wurde ich 2006 als Listenfüllerin für die damalige CVP angefragt.
Was wollten Sie als Kind werden? Wahrscheinlich Zirkusartistin. Jedes Jahr gastierte der Zirkus Medrano bei uns in der Nachbarschaft und ich hatte dort ein Dauerabo.
„Derzeit bereite ich die Kampagne für meine Stadtratskandidatur vor. Generell macht mir die gesellschaftliche und politische Polarisierung Sorgen.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Derzeit bereite ich die Kampagne für meine Stadtratskandidatur vor. Generell macht mir die gesellschaftliche und politische Polarisierung Sorgen. In der Stadt Zürich äussert sich das beispielsweise in der immer ideologischer werdenden Verbotskultur von Links-Grün. Dem möchte ich entgegentreten und mich stattdessen für ein Miteinander und eine Politik mit Augenmass einsetzen.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Als ich für die CVP angefragt wurde, habe ich die Parteiprogramme studiert und mich entschieden, dass dies die richtige Partei für mich ist. Daran hat sich seither nichts geändert. Allerdings bin ich froh über den Namenswechsel und darüber, dass ich auf der Strasse nicht mehr erklären muss, dass wir unsere Politik nicht mit dem Papst abstimmen müssen.
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Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ja, schon diverse Male und ich finde das immer wieder eine spannende und bereichernde Erfahrung, da man dabei mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt kommt.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk. Sie erhielten zusammen den Friedensnobelpreis für ihre Versöhnungspolitik nach Jahrzehnten der Unterdrückung. Sie sind für mich ein sehr gutes Beispiel, wie man gemeinsam Lösungen finden kann.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Am liebsten trinke ich mit ganz gewöhnlichen Leuten überall auf der Welt einen Tee. Die haben meistens die spannendsten Geschichten und so lernt man Land und Leute am besten kennen.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Ich liebe das syrische Essen im „Sham“. Im „Brisket“ gibt es tolles Fleisch.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Unregelmässig. Letztes Mal wohl, als „unsere“ lokale Surprise-Verkäuferin darin porträtiert wurde.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Eine längere Weltreise.
„Als Fraktionspräsidentin arbeitete ich am Kompromiss zum Vermietungsreglement der Stadt Zürich mit. Da konnten wir erreichen, dass die Belegungsvorschriften und Einkommenslimiten auch während des laufenden Mietverhältnisses überprüft werden und die städtischen Wohnungen damit denjenigen zugutekommen, welche finanziell darauf angewiesen sind.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin oder der bedeutendste Zürcher? Katharina von Zimmern, die letzte Äbtissin der Fraumünsterabtei, übergab diese mit allen dazugehörigen Gütern freiwillig dem Rat von Zürich und trug damit wesentlich zur wirtschaftlichen Blüte der Stadt Zürich bei.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Wenn es für beide passt, warum nicht.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Als Fraktionspräsidentin arbeitete ich am Kompromiss zum Vermietungsreglement der Stadt Zürich mit. Da konnten wir erreichen, dass die Belegungsvorschriften und Einkommenslimiten auch während des laufenden Mietverhältnisses überprüft werden und die städtischen Wohnungen damit denjenigen zugutekommen, welche finanziell darauf angewiesen sind.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Ich habe mich sehr für den Kauf des Uetlihofs (riesiger Bürokomplex beim Albisgüetli, der einst der Credit Suisse gehörte, Anm. d. Red.) durch die Stadt Zürich eingesetzt. Im Nachhinein bin ich froh, dass der Gemeinderat anders entschieden hat.
„Im Rathaus Hard sind die Platzverhältnisse natürlich sehr komfortabel. Allerdings vermisse ich den Charme des historischen Rathauses durchaus.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Im Rathaus Hard sind die Platzverhältnisse natürlich sehr komfortabel. Allerdings vermisse ich den Charme des historischen Rathauses durchaus. Und dadurch, dass es nur einen Eingang in den Ratssaal hatte, kam man über die Parteigrenzen hinaus viel mehr miteinander in Kontakt.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Poulet-Kebab.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Taylor Swift.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Eigentlich immer ein Landschaftsfoto von einer Reise. Derzeit die tiefstehende Wintersonne in der Nähe von Tromsø in Norwegen über einem See.
Worauf freuen Sie sich? Darauf, die Weiten und die Tiere von Alaska während sechs Wochen zu entdecken (Karin Weyermann füllte den Fragebogen am 28. Juli aus, Anm. d. Red.).
Und worüber können Sie lachen? Über mich selbst. Das ist notwendig, da ich manchmal etwas schusselig bin.
Karin Weyermann ist 41 Jahre alt, Präsidentin der Stadtpartei der Mitte und Mitglied in der Leitung der Kantonalpartei. Die Rechtsanwältin politisiert seit insgesamt elf Jahren im Gemeinderat – mit einem Unterbruch von vier Jahren, nachdem ihre Partei bei den Wahlen 2018 aus dem Parlament ausgeschieden ist. Weyermann tritt als Kandidatin der Mitte für die Gesamterneuerungswahlen des Stadtrats von Zürich an. Die Wahlen finden am 8. März 2026 statt.
Sieben Jahre ist es her, seit die Mitte-Partei ihren Sitz in jener Exekutive eingebüsst hat; der gebürtige Walliser Gerold „Geri“ Lauber war 2018 nach zwölf Jahren im Amt nicht mehr zur Wiederwahl angetreten. Weyermann arbeitet als Bezirksratsschreiberin in Pfäffikon ZH und lebt mit ihrem Partner in Oerlikon. Aufgewachsen ist Karin Weyermann in Witikon und fühlt sich mit jenem Quartier immer noch sehr verbunden.
Ein grosses Hobby von Karin Weyermann ist das Reisen. Daneben spielt sie Klarinette in der Polizeimusik Zürich-Stadt. Zudem fährt sie gerne Ski und liebt es, in den Bergen zu wandern. Ausserdem ist Weyermann Fussballfan. Ihr Herzensverein sind die Grasshoppers. Beim 1. FC Köln ist Karin Weyermann sogar Mitglied. Eben sind die Kölner wieder in die 1. Bundesliga aufgestiegen.
Das muslimische Grabfeld in Witikon besteht schon seit gut 20 Jahren. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Nach muslimischer Tradition gibt es die ewige Grabesruhe – doch diese ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn auch in der Stadt Zürich beträgt sie die üblichen 20 Jahre, was öffentlich bekannt ist. Trotzdem haben SVP-Politiker eine Anfrage dazu eingereicht.
Und weiter: „Die Gebeine im Boden werden nicht angetastet.“ Diese Regelung wurde in einer Vereinbarung zwischen der Stadt Zürich und der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich festgelegt. Zwar darf nach islamischer Auffassung die Totenruhe nicht mehr gestört werden, doch ist das eher symbolisch gemeint und einer Wiederbelegung steht auch im internationalen Kontext nichts im Wege. Für einmal war die Stadt Zürich beim Thema aber nicht Pionier. Das erste Grabfeld für Musliminnen und Muslime wurde in der Deutschschweiz bereits im Jahr 2000 auf dem Bremgarten-Friedhof in Bern eingerichtet.
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2024 folgte der Friedhof Eichbühl
Neben dem Grabfeld auf dem Friedhof Witikon folgte 2024 ein weiteres muslimisches Grabfeld auf dem Friedhof Eichbühl in Altstetten. Vielleicht brachte dieses zweite Grabfeld zwei SVP-Politiker auf die Idee, im April zu den Grabstätten eine Anfrage im Stadtparlament einzureichen.
Im Kern ging es darum, dass die SVP eine Ungleichbehandlung der Religionen vermutete. Die beiden Parlamentarier monierten gemäss der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass die jüdischen Gemeinden ihre Friedhöfe selbst finanzieren müssten und die Gräber der Christen und Atheisten nach zwanzig Jahren aufgehoben würden. „Muslime haben jedoch eine garantierte ewige Grabesruhe, ohne dafür eine Gegenleistung erbringen zu müssen“, schrieben die Gemeinderäte Samuel Balsiger und Michele Romagnolo in ihrer Anfrage. Dass wesentliche Fragen öffentlich zugänglich beantwortet werden, spielte da offensichtlich keine Rolle.
Trotzdem verzichtete der Stadtrat in seiner Antwort auf Belehrungen. Fazit: Wie alle anderen Reihengräber werden auch jene im Grabfeld für Muslime nach einer Ruhezeit von gewöhnlich zwanzig Jahren geräumt. Eine längere Dauer sei zwar möglich, aber nur mit Mietgräbern. Diese werden für dreissig Jahre vergeben, wobei der Vertrag verlängert werden kann. Solche Mietgräber stehen allen Personen offen. Was hingegen bleibt, sind die menschlichen Überreste im Boden. Wie der Stadtrat schreibt, werden in den geräumten Grabfeldern später wieder Tote bestattet. Und weiter: Ein Kapazitätsproblem gebe es bei den muslimischen Gräbern nicht. Erst in etwa achtzig bis hundert Jahren würden die Reihengräber vollständig belegt sein.
Von Adliswil bis Wetzikon
Zugutezuhalten ist den SVP-Vertretern immerhin, dass dank ihrer Anfrage nun bekannt ist, dass 33 Gemeinden aus dem Kanton Zürich einen Vertrag mit der Stadt abgeschlossen haben. So können auch sie ihre muslimischen Toten in der Zwinglistadt beerdigen.
Konkret sind dies Adliswil, Bassersdorf, Bonstetten, Dällikon, Dänikon, Dielsdorf, Dietikon, Dübendorf, Egg, Hinwil, Hittnau, Hüttikon, Kloten, Lufingen, Niederhasli, Niederweningen, Nürensdorf, Opfikon-Glattbrugg und Pfäffikon sowie Regensdorf, Richterswil, Russikon, Schleinikon, Schlieren, Schwerzenbach, Stäfa, Thalwil, Uitikon, Urdorf, Wädenswil, Wallisellen, Wangen-Brüttisellen und Wetzikon.
Spannend ist, dass besagte Gemeinden der Stadt Zürich für ein muslimisches Kindergrab 1900 Franken bezahlen und für ein Reihengrab für Erwachsene sogar 3800 Franken. Ob und wie die einzelnen Gemeinden diese Kosten an die Hinterbliebenen abwälzen, geht aus der Antwort nicht hervor.
So verteilt sich die Religionszugehörigkeit im Kanton Zürich
Total wohnen im Kanton Zürich etwa 1,6 Millionen Menschen (Stand Ende 2024). Gut 40 Prozent der Bevölkerung sind konfessionslos. Nach den Reformierten und den Katholiken, die ungefähr gleich viele Mitglieder haben (je etwa 300’000), folgen die Islamischen Glaubensgemeinschaften mit gegen 100’000 Mitgliedern. Jüdischen Glaubensgemeinschaften gehören gut 6500 Menschen an.
Am 27. Mai 1990 gab es für Hans Künzi einen Grund zum Feiern, nämlich die Eröffnung der Zürcher S-Bahn. Hier ist der Politiker mit einem herzigen Glückssäuli zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1943-021-007
Pascal Turin
Hans Künzi förderte nicht nur den öffentlichen Verkehr, er war auch IT-Pionier. Der Mathematiker und spätere FDP-Regierungsrat befasste sich zudem mit der Frage, welches Kampfflugzeug die Schweiz beschaffen sollte. Doch der Vorschlag seines Teams wurde vom Bundesrat abgeschossen.
Es gibt diesen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom Mai 1991. Erschienen in einer Samstagsausgabe mit gesamthaft sage und schreibe 108 Seiten und ganz vielen Anzeigen. Der Text könnte fast als Liebesbrief durchgehen, eine Huldigung ist er definitiv. Vielleicht lässt sich der Mensch Hans Künzi damit am besten beschreiben. „Seit dem 7. April ist die Zusammensetzung des Regierungsrates für die am kommenden Montag, 6. Mai, mit der Konstituierung beginnende Amtsdauer 1991 bis 1995 bekannt.“ Die Stimmberechtigten hätten alle bisherigen und wiederkandidierenden Regierungsmitglieder in ihrem Amt bestätigt und sie hätten anstelle der beiden Zurücktretenden Hans Künzi und Jakob Stucki Ernst Homberger und Moritz Leuenberger als neue Regierungsräte gewählt.
„Wer aber geglaubt haben sollte, der noch bis am Montag amtierende Regierungspräsident, Hans Künzi, verbrächte seine letzten Tage als Direktor der Volkswirtschaft, der er nun seit 21 Jahren vorgestanden ist, in mehr oder weniger melancholischer Abschiedsstimmung in seinem Büro im Kaspar-Escher-Haus, sähe sich arg getäuscht“, schrieb die NZZ. Die auswärtigen und verwaltungsinternen Termine und Verpflichtungen würden nicht abreissen, „ja sie scheinen sich zu häufen wie noch nie, und sie werden vom amtsältesten der Regierungsräte mit unverminderter Freude, ja mit Vergnügen, mit ungeschmälertem Schwung und Optimismus wahrgenommen wie am ersten Tag“, schwärmte der Journalist.
Erst ein Jahr zuvor durfte Künzi (1924–2004) den Höhepunkt seiner Politkarriere feiern: die offizielle Eröffnung der Zürcher S-Bahn am 27. Mai 1990, als deren Vater der Freisinnige bezeichnet wird.
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Künzi war als Regierungsrat beim Volk beliebt
Lange bevor seine politische Laufbahn begann, war der gebürtige Oltener im Herbst 1943 für sein ETH-Studium nach Zürich gezogen und hatte sich für Mathematik und Physik eingeschrieben. 15 Jahre später, im Jahr 1958, fand die Familie Künzi eine Mietwohnung an der Stockerstrasse. „Zwischen Paradeplatz und Bahnhof Enge gelegen, bot sie für Hans Künzi den idealen Ausgangspunkt, um den damaligen und späteren beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Gehdistanz oder mit dem öffentlichen Verkehr bequem nachgehen zu können“, schreibt Historiker Joseph Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Die Wohnung sei bis zum Tod des Politikers sein Zuhause geblieben. „Die Stockerstrasse war nun aber wenig kinderfreundlich: stark befahren, und Grünflächen gab es in der direkten Umgebung nicht“, heisst es in der Biografie. Hans und Magdalen Künzi bauten darum in der Nähe von Einsiedeln ein Ferienhaus – als Wochenendrefugium.
Künzi wollte sich in der Limmatstadt politisch engagieren. Doch das wurde ihm gar nicht so einfach gemacht. Im Kreis 2 hatte es der Wahl-Engemer nämlich nicht geschafft, bei Gemeinderatswahlen auf die vorderen Plätze der FDP-Liste gesetzt zu werden. Kantonal gelang ihm hingegen der Durchbruch – 1967 stellte er sich der FDP als Kantonsratskandidat zur Verfügung und wurde gewählt. 1970 kandidierte Künzi für den vakant gewordenen Sitz im Regierungsrat. Die Delegiertenversammlung der FDP nominierte ihn mit 158:0 Stimmen.
Die Nominierung Künzis sollte sich für die Freisinnigen auszahlen. In einer Ausmarchung gegen den bekannten SP-Kandidaten, Nationalrat und späteren Gewerkschafter Walter Renschler wurde er im Februar 1970 in den Regierungsrat gewählt. Er erzielte 70’640 Stimmen – rund 14’000 mehr als Renschler. Insgesamt 21 Jahre amtete der Mathematiker bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Viermal war Künzi Regierungsratspräsident.
„Bereits bei der ersten Gesamterneuerungswahl 1971 erzielte er das beste Resultat. Künzi wurde der beliebteste Regierungsrat aller Zeiten, wie ein ehemaliger Kollege das Phänomen Künzi doppelt zugespitzt formulierte“, hält Jung fest. Für diese Feststellung brauche es keine wissenschaftliche Erhebung und keine tiefgründigen Analysen. Die vorliegenden Fakten und Indizien würden vollauf genügen. Etwa die alle vier Jahre wiederkehrenden Regierungsratswahlen, bei denen Künzi stets hervorragende Resultate erzielt habe. „Man wird wohl auch niemanden finden, der persönlich etwas gegen Künzi gehabt hätte – trotz politischer Abgrenzungen“, heisst es im Buch.
In den Jahren 1971 bis 1987 politisierte Künzi zudem als Nationalrat – damals war es rechtlich noch möglich, gleichzeitig Mitglied in einer Kantonsregierung und des eidgenössischen Parlaments zu sein. Doch nicht nur politisch hatte der Zürcher viel bewegt. Als Professor schaffte Künzi für die Universität Zürich beispielsweise den ersten Computer an.
Universität ins Computerzeitalter verholfen
Künzi war 1958 mit 34 Jahren Professor für Operations Research und elektronische Datenverarbeitung an der Universität Zürich (UZH) geworden. Unter Operations Research wird der Einsatz von mathematischen Verfahren zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen verstanden. Ohne Computer hat man da keine Chance. Darum setzte sich der Mathematiker für die Anschaffung einer grossen elektronischen Datenverarbeitungsanlage ein.
Und so kam es: „Vier Jahre später schaffte dann die UZH mit dem IBM 1620 ihren ersten Computer an – dieses schreibtischgrosse Ungetüm wog eine halbe Tonne und konnte für die damalige Zeit phänomenale 20′000 Dezimalzahlen à 6 Bit speichern. Heutzutage würde, was die Rechenkapazität betrifft, jede Smartwatch jenen Koloss einfach pulverisieren“, schreibt die Universität dazu auf ihrer Website.
Historiker Joseph Jung beschreibt den Schritt der Uni Zürich ins Computerzeitalter in seinem Buch wie folgt: „Unter den staunenden Augen gleich mehrerer Regierungsräte wurden mit Seilwinden die einzelnen Elemente des Computers durch das grosse Treppenhaus des Hauptgebäudes hochgezogen, wo das Rechenzentrum im Eckraum unter dem Uni-Turm provisorisch untergebracht wurde.“
1966 wurde Künzi an die ETH gewählt und bekleidete fortan eine an den Zürcher Hochschulen seltene Doppelprofessur. 1967 folgte mit der IBM 360 an der Universität die Nachfolgelösung. Diese war allerdings noch grösser als der Vorgänger. „Die Installation wurde zu einem Spektakel, zu dem Künzi seine Frau und seine drei Kinder mitgenommen hatte“, so Jung.
Insgesamt 21 Jahre amtete Hans Künzi bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Hier ist er auf einem Foto aus dem Jahr 1971 zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C20-020-006-002
Bundesrat schiesst Kampfjet-Evaluation ab
Mit seinen wissenschaftlichen Methoden sollte Künzi einst ein neues Kampfflugzeug evaluieren. Der Kauf von Kampfjets führt bekanntlich in der Schweiz regelmässig zu Problemen. Die F-35A-Beschaffungsposse oder die Mirage-Affäre zeigen auf: Das mit den Kosten kriegen die Verantwortlichen in der Schweiz irgendwie nicht in den Griff. Weder 1961 mit den französischen Mirage-III-Kampfflugzeugen noch 2022 mit dem US-amerikanischen F-35A.
Wär es nach den Berechnungen des Zürchers gegangen, wäre die Schweizer Luftwaffe nie mit dem F-5 Tiger geflogen. In den 1960er-Jahren forschte er nämlich mit Mathematikern, Physikern, Ingenieuren, Computerspezialisten und Ökonomen zur Frage, welchen Kampfjet der Bund beschaffen sollte. Gestützt wurden die Analysen auf eine riesige Menge von Daten. Aus einer langen Liste von Kandidaten ermittelte Künzi mit seinem Team das US-Kampfflugzeug A-7 Corsair als dasjenige, das am besten für die Schweizer Luftwaffe geeignet war. Gesucht war eine Ergänzung zum Allwetter-Abfangjäger Mirage III. Es sollte ein Kampfflugzeug für den Erdkampf werden – also für den gezielten Angriff auf Panzer oder andere Bodenziele.
„Die ausgeklügelte wissenschaftliche Evaluation wurde ergänzt durch die praktische, welche die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen mit Testflügen durchführten“, schreibt Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Zu diesen Bewertungsansätzen seien volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte gekommen, die in eigenen Studien beleuchtet worden seien. „Doch dieses Rüstungsgeschäft, das sorgfältig wie zuvor keine andere vergleichbare Beschaffung vorbereitet wurde und das zudem den vorgegebenen Kreditrahmen von 1,3 Milliarden Franken nicht strapazierte, fiel 1972 im Bundesrat durch“, so Jung.
Laut Historiker und Alfred-Escher-Biograf Joseph Jung ist der Entscheid der Landesregierung auch aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar zu begründen.
Der Bundesrat wählte einige Jahre später den Tiger F-5E, heute bekannt durch die Flugshows der Patrouille Suisse. Der Tiger habe seine Wahl politischen Gründen und für ihn günstigen Konstellationen und Umständen zu verdanken, wie Jung schreibt. „Für den Erdkampfeinsatz – bei der Corsair-Evaluation entscheidendes Kriterium – war er nicht ausgerüstet.“ Er habe 1976 von einem Konzeptionswechsel profitiert. „Denn nun wollte man keinen Erdkämpfer mehr, sondern ein Flugzeug für den Raumschutz.“
Sie haben ihm ein Denkmal gebaut
Nach seinem Rücktritt als Regierungsrat 1991 betätigte sich Hans Künzi im Bereich der Non-Profit-Organisationen und unterstützte wissenschaftliche Stiftungen. Zum Beispiel war er von 1992 bis zu seinem Tod am 16. November 2004 Gründungspräsident der Karl-Schmid-Stiftung. Schmid war ein für die wissenschaftliche Entwicklung der Schweiz sehr wichtiger ETH-Rektor.
Aussergewöhnlich ist, dass einem ehemaligen Regierungsrat der Neuzeit ein Denkmal im öffentlichen Raum gewidmet wurde. Der Zugang von der Europaallee zum Hauptbahnhof Zürich ist nämlich auch ein Kunstwerk. Denn unter dem Dach leuchten rund 400 Neonringe. Erschaffen hat die Installation der Künstler Carsten Höller. Das Ganze soll ein Denkmal zu Ehren von Hans Künzi darstellen und das Bewegungssystem symbolisieren, welches er mit der S-Bahn geschaffen hat. Bei der Einweihung im September 2017 waren der damalige SBB-Chef Andreas Meyer, die FDP-Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh sowie der FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger anzutreffen.
Doch kommen wir zurück zum am Anfang erwähnten NZZ-Artikel. Der Text aus dem Jahr 1991 endete damit, dass Künzis Volksverbundenheit auf seiner Menschlichkeit gegründet habe – der Begriff sei in Gesprächen mit ihm regelmässig aufgetaucht. „Ein menschlicher Regierungsrat zu sein, darauf legte er grössten Wert, und es bedeutete ihm viel, wenn diese seine Stärke auf freundschaftliche Gegenliebe stiess und Anerkennung fand“, so die Tageszeitung. Für seine grosse Leistung im Dienste der Gemeinschaft, dafür, dass er sie auf diese menschliche Art und Weise erbracht habe, dürfe er „des Dankes des Zürchervolkes“ gewiss sein.
Joseph Jung: Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik. 192 S. www.pioniere.ch
Themenbezogene Interessenbindung des Autors: Pascal Turin ist Mitglied des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, der das Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“ herausgegeben hat.
Mikhail Shalaev (23) will für die Jung-FDP in den Stadtrat von Zürich. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Mikhail Shalaev ist Vizepräsident der Zürcher Jungfreisinnigen. Nun will er einen Sitz im Stadtrat von Zürich erobern. Im indiskreten Rathuus-Fragebogen thematisiert er seine Vorfahren aus der Sowjetunion und erzählt, was er als Kind werden wollte.
Mikhail Shalaev, wie wurden Sie politisiert? Wenn man Vorfahren hat, die in der Sowjetunion gelebt haben, ist einem bewusst, welche Gefahren der Kommunismus birgt. Die Schweiz ist gerade deshalb erfolgreich, weil die Freiheit seit jeher ein zentraler Wert ist. Dies hat mich fasziniert. Von Anfang an war es mir ein Anliegen, mich für den Erhalt dieser Freiheit einzusetzen.
Was wollten Sie als Kind werden? Journalist. Diesen Traum habe ich sofort verwirklicht: Als Kind habe ich gemeinsam mit Freunden eine Zeitung geschrieben, die wir in der Nachbarschaft verkauft haben.
„Was mich am meisten politisch beschäftigt? In der Stadt Zürich sind das die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt, die Mobilität und die öffentliche Sicherheit.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Mich beschäftigt das, was die Menschen um mich herum bewegt. In der Stadt Zürich sind das die angespannte Situation auf dem Wohnungsmarkt, die Mobilität und die öffentliche Sicherheit. Bei der Mobilität bin ich der Ansicht, dass kein Verkehrsteilnehmer ausgebremst werden darf und keine Mobilitätsform benachteiligt werden soll. In der Schulbehörde denke ich viel darüber nach, wie Integration am besten gelingen kann. Darüber hinaus befindet sich die Gastro- und Ausgangsszene im Wandel. Ich halte es für wichtig, dass diese Entwicklung nicht zu einem schleichenden Verlust der Vielfalt in unserer Stadt führt.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Streng genommen bin ich in zwei Parteien aktiv – bei der FDP und den Jungfreisinnigen. Die Zusammenarbeit zwischen Mutter- und Jungpartei funktioniert hervorragend. Beide teilen dieselbe Grundstimmung: freiheitlich, zukunftsgerichtet, innovativ. Wir wollen Zürich gestalten und noch besser machen. Da ist an Abwanderungsgelüste nicht zu denken.
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„Das Unterschriftensammeln und der Austausch mit der Bevölkerung sind Kerntätigkeiten in einer lebendigen Demokratie.“
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Ich sammle sehr oft. Das Unterschriftensammeln und der Austausch mit der Bevölkerung liegen mir am Herzen. Es sind Kerntätigkeiten in einer lebendigen Demokratie.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Ich beschränke mich auf den Kanton Zürich: Jonas Furrer, Alfred Escher und Elisabeth Kopp. All diese Persönlichkeiten waren Pioniere und prägten die Entwicklung unseres Staates entscheidend mit.
Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Historisch: Mit Ulrich Ochsenbein, dem Präsidenten der Kommission, die 1848 unsere Bundesverfassung erarbeitete. Mich fasziniert dabei nicht nur der Inhalt der damaligen Debatten, sondern besonders auch die bemerkenswerte Effizienz. Dieses so fundamentale Werk entstand in nur 51 Tagen. Aktuell: Mit OZ, einem Schweizer Musikproduzenten, dessen Produktionen international durch die Decke gehen, während er hierzulande unter dem Radar fliegt.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Die Osteria Sazio im Zürcher Seefeld: Hervorragende italienische Küche, auch mit Take-away-Option, von der ich in meiner Gymizeit oft Gebrauch machte.
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Noch nicht gekauft, aber einige Male gelesen.
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Ich würde gerne programmieren lernen.
„Aussergewöhnliches geleistet hat zum Beispiel Emilie Kempin-Spyri: Sie war die erste promovierte Juristin Europas und die erste Dozentin an der Universität Zürich. Ende des 19. Jahrhunderts stiess sie vor dem Bundesgericht den ersten Gleichstellungsprozess der Schweiz an.“
Wer ist für Sie die bedeutendste Zürcherin respektive der bedeutendste Zürcher? Für mich gibt es da nicht eine Person, denn je nach Lebensbereich haben viele Zürcher Persönlichkeiten Aussergewöhnliches geleistet. Eine von ihnen ist Emilie Kempin-Spyri: Sie war die erste promovierte Juristin Europas und die erste Dozentin an der Universität Zürich. Ende des 19. Jahrhunderts stiess sie vor dem Bundesgericht den ersten Gleichstellungsprozess der Schweiz an. Obwohl sie zunächst vor Gericht unterlag, ebnete sie den Weg für die rechtliche Gleichstellung von Mann und Frau sowie für das Frauenstimmrecht. Ihrem beharrlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass 1898 im Kanton Zürich ein neues Anwaltsgesetz eingeführt wurde, das Frauen trotz fehlendem Aktivbürgerrecht die Ausübung des Anwaltsberufs ermöglichte.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Nichts für mich, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? Für mich ist es jedes Mal ein Erfolg, wenn ich jemanden bei einer Standaktion überzeugen oder insbesondere junge Menschen für Politik begeistern kann.
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Zum Glück bin ich davon verschont geblieben. Viele Fehler lassen sich vermeiden, wenn man seine Ideen mit anderen diskutiert. Insbesondere mit denen, die nicht dieselbe Meinung haben.
„Mir gefällt das historische Rathaus deutlich besser.“
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Mir gefällt das historische Rathaus deutlich besser.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Sofern gut zubereitet, finde ich beides sehr lecker.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Wenn die beiden ein gemeinsames Konzert spielen würden, würde ich vorbeischauen.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Meine Freundin.
Worauf freuen Sie sich? Auf den Wahlkampf.
Und worüber können Sie lachen? Über politische Memes.
Mikhail Shalaev ist Vizepräsident der Jungfreisinnigen des Kantons und der Stadt Zürich. 2022 wurde er für die FDP in die Schulbehörde der Stadt Zürich gewählt. Darüber hinaus engagiert er sich als Vizepräsident der FDP Kreis 11 (Oerlikon, Affoltern, Seebach). Bei den Wahlen am 8. März 2026 will er für die Jung-FDP in den Stadtrat von Zürich einziehen. Shalaev ist zudem Co-Präsident des Vereins „Studierende für die Freiheit UZH“.
Der 23-Jährige ist Student der Rechtswissenschaften an der Universität Zürich und plant, 2026 den Master of Law abzuschliessen. Seit Februar 2025 ist er Hilfsassistent an der juristischen Fakultät. Das Gymnasium absolvierte der Jungfreisinnige von 2016 bis 2020 an der Kanti Stadelhofen. Aufgewachsen ist er in Zürich-Affoltern. In seiner Freizeit liest Mikhail Shalaev gerne, er spielt Fussball, Tennis und Klavier.
Fünf von fünf Sternen gibt es für die Medienstelle des Stadtzürcher Sportamts, weil sie dieses schöne Foto des Letzigrunds während der EM zur Verfügung gestellt hat. Bild: Stadt Zürich
Pascal Turin
Die Uefa Women’s Euro 2025 ist vorbei. Jetzt beginnt das gegenseitige Schulterklopfen. Bund, Kanton und Stadt stimmen zum Selbstlob an. Eine Annäherung an drei Communiqués.
Kaum begonnen, ist die Fussball-Europameisterschaft der Frauen schon wieder Geschichte: Englands Frauen setzten sich im Final im Elfmeterschiessen glücklich gegen Spanien durch. Die Engländerinnen bewiesen damit, dass sie punkto Siegerinnenmentalität gegenüber ihren männlichen Gegenstücken klar die Nase vorn haben.
Die Schweizerinnen wiederum durften nach dem Einzug ins Viertelfinal mit erhobenen Häuptern von der EM-Bühne treten. Die 2:0-Niederlage gegen Spanien ist schnell vergessen. Die vielen positiven Erinnerungen überwiegen, darunter die aufopfernde Spielweise und die grosse Euphorie rund um unsere Nati. Der Megaanlass war ein Erfolg – und zwar nicht nur subjektiv.
Wer Beweise braucht, muss nur die Medienmitteilung des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) konsultieren: SRF verkündete am vergangenen Dienstag, dass man über das gesamte Turnier mit den Live-Übertragungen der EM-Spiele 2,75 Millionen Deutschschweizerinnen und Deutschschweizer erreicht habe. Auch die Schweizer Nati sorgte mit ihren Auftritten für grosses Interesse beim SRF-Publikum. „Die vier Spiele der Nati verfolgten im Schnitt 719’000 Menschen“, so das Medienunternehmen. Zum Vergleich: Die drei Partien an der EM 2022 in England haben im Mittel 219’000 Personen gesehen. Dem gegenüber hat sich der Zuschauendenschnitt also mehr als verdreifacht.
Und auch die Stadt Zürich zieht eine positive Bilanz.
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Stadtrat Filippo Leutenegger freut sich
Alle fünf Spiele in Zürich waren gemäss Mitteilung des Schul- und Sportdepartements ausverkauft. Insgesamt verfolgten 112’523 Fans die Spiele im Letzigrund in Altstetten. Ebenfalls ein starkes Zeichen: „Bei allen Spielen im Stadion Letzigrund waren mehr Frauen als Männer im Publikum“, so die Stadt. An der „ZüriFanzone“ in der Europaallee wurden offenbar über 170’000 Besuchende über das gesamte Turnier gezählt.
Freuen darf sich darum FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger. „Die Euphorie, die das Schweizer Nationalteam ausgelöst hat, war einzigartig. In den letzten vier Wochen haben wir in Zürich erlebt, wie Fussball verbindet und begeistert. Die friedliche und fröhliche Stimmung in der ‚ZüriFanzone‘, im Stadion Letzigrund und während der Fan Walks bleibt besonders in Erinnerung“, lässt sich der Vorsteher des Schul- und Sportdepartements im Commmuniqué zitieren.
Neben Departementsvorsteher Leutenegger kommen in der Mitteilung zwei weitere Personen zu Wort:
Thomas Wüthrich, Direktor Zürich Tourismus, zieht ein positives Fazit: „Der grösste Gewinn liegt im Imagetransfer: Das Turnier hat eindrücklich gezeigt, wie positiv sich eine Grossveranstaltung auf die Wahrnehmung der Tourismusregion auswirken kann. Unsere Gäste erlebten Zürich als offen, lebendig und farbenfroh.“
Zum Erlebnis beigetragen haben rund 400 Volunteers im Letzigrund und in der Fanzone an der Europaallee. „Nebst ihrem unverzichtbaren Einsatz gaben sie dem Turnier in Zürich durch ihr Engagement und ihre Motivation ein besonderes Flair“, so Regula Schweizer, Projektleiterin der Gastgeberstadt Zürich, in der Presseaussendung.
Während der EM blieb es in Zürich friedlich. Nicht mal die Zahl der Taschendiebstähle ist laut der Polizei angestiegen. Einziger Wermutstropfen: Die Berufsfeuerwehr musste ausrücken, weil an der Europaallee das Fahrzeug eines Imbissstands in Vollbrand geriet, höchstwahrscheinlich wegen eines technischen Defekts.
Fünf von fünf Sternen gibt es ausserdem für die Medienstelle, weil sie eine hübsche Auswahl an Fotos zur Verfügung gestellt hat.
Während der Frauen-EM herrschte auch in Zürich eine tolle Stimmung. Hier sind niederländische Fans zu sehen, wie sie in Richtung Letzigrund marschieren. Bild: Stadt Zürich
Regierungsrat Mario Fehr bedankt sich
In der Medienmitteilung des Kantons kommt – genauso wie im Pressetext der Stadt mit Filippo Leutenegger – der Chef vor. Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) bedankt sich nämlich artig bei allen Beteiligten. Offiziell erwähnt werden Turnierdirektorin Doris Keller, die kantonale EM-Koordinatorin Sandra Plaza sowie Regula Schweizer, Stadtzürcher Projektleiterin. „Das sportliche Ausrufzeichen der Nati und das ganze Turnier sind ein Glücksfall für die Entwicklung des Frauenfussballs. Jetzt gilt es, die Begeisterung weiterzuführen“, sagt Fussball-Fan Fehr. In seiner Funktion als Sicherheitsdirektor ist er auch Sportminister.
Der Kantonsrat sprach 2023 für die nachhaltige Förderung von Frauen und Mädchen im Fussball 1,5 Millionen Franken aus dem Gemeinnützigen Fonds. Das kantonale Sportamt seinerseits hat mit dem Fussballverband Region Zürich (FVRZ) und weiteren Partnern zusammengearbeitet. „So konnte der FVRZ seine Frauenabteilung professionalisieren, einen Vereinscoach einsetzen und Vereine beim Aufbau von Juniorinnen-Teams begleiten“, schreibt der Kanton, der in der Mitteilung nicht mit Zahlen geizt. Richtige Fussballfans lieben halt Zahlen.
Seit Oktober 2023 ist die Anzahl der Juniorinnen-Teams um 43 Prozent gestiegen.
Aktuell spielen knapp 10’000 Frauen und Mädchen Fussball.
Es gibt 30 Prozent mehr Schiedsrichterinnen und 10 Prozent mehr Funktionärinnen.
Claudia Gfeller, Projektleiterin Entwicklung Frauenfussball beim FVRZ, ist darum happy: „Wir konnten unsere Strukturen stärken und neue Angebote schaffen. Damit haben wir vielen Mädchen und Frauen den Zugang zum Fussball erleichtert.“
Die gezielte Förderung von Trainerinnen ist übrigens ein Fokus des Sportamts. Seit 2018 bietet es Trainerinnen-Kurse an.
Ja, auch das Bundesamt für Sport – kurz Baspo – hat einige Zeilen zur EM geschrieben. Auffällig: Bundesrat Martin Pfister (Die Mitte), zu dessen Eidgenössischem Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport das Baspo gehört, ist in der Mitteilung der grosse Abwesende. Generell lässt sich niemand aus Bundesbern zitieren, was man als vornehme Zurückhaltung interpretieren kann.
Mut fassen dürfen zudem alle, die gern mal wieder Olympische Winterspiele in der Schweiz sehen würden. Der Bund will nämlich die Erfahrungen aus der Organisation der Frauen-EM auswerten und für künftige Sportgrossanlässe nutzbar machen. Insbesondere Standards mit Fokus auf wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit sollen weiterentwickelt werden. Laut der Mitteilung beweist die EM, dass grosse Anlässe in der Schweiz möglich sind – „mit bestehender Infrastruktur, hoher Sicherheit, kurzen Wegen und gezielter Vermarktung“.
Fazit: Läuft bei uns. Das Publikum war da, die Stimmung grossartig – jetzt müssen Bund, Kanton und Stadt nach dem kollektiven Schulterklopfen aber am Ball bleiben. Von schönen Medienmitteilungen und Applaus allein lebt der Frauenfussball nicht.
Was bringen die drei Sonntagsblätter "SonntagsZeitung", "SonntagsBlick" und "NZZ am Sonntag", übrigens alle mit Redaktion in Zürich, über die Stadt und den Kanton Zürich? Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Rathuus wagt eine Blattkritik. Wir haben in drei Sonntagszeitungen nach Spuren Zürcher Politik gesucht. Zwei Interviews mit älteren Zürchern, ein Seitenhieb gegen die Gesundheitsdirektion und einige Trouvaillen stechen ins Auge.
Der 27. Juli 2025 fällt mitten in die Hochsommerferien. Die Chilbi auf dem Sechseläutenplatz ist schwach besucht, das Ringier-Restaurant „The Studio“ ganz geschlossen. Das Wetter durchzogen und das Quecksilber klebt im 20er Bereich fest.
Zeit für eine intensive Lektüre der Sonntagsblätter. Keine Angst, schön portioniert und so kurz wie möglich zusammengefasst. Wir fokussieren uns auf Zürcher Politthemen, wie es sich fürs Rathuus gehört. Die Reihenfolge wurde ausgelost. Wir beginnen mit der „NZZ am Sonntag“.
Lewinsky als Warner
48 Seiten dick ist die Zeitung aus dem Hause NZZ für 7 Franken und 10 Rappen, die neuerdings jeden Sonntag magazinartig mit einem Grundsatzthema aufmacht. Diesmal: „Kann es für die Schweiz noch besser werden?“
Lewinsky erklärt zum Thema Ressentiments gegen Ausländer, dass es diese schon immer gegeben habe. „Geändert hat sich nur, wer als unerwünschter Ausländer gilt.“ Italiener, dann Jugoslawen. „Jetzt haben wir einen Secondo mit albanischen Wurzeln, der für die FDP als Zürcher Stadtpräsident kandidiert“, so der Zürcher Bestsellerautor. Fremd heisse das Zauberwort. „Wen man als fremd definieren kann, den kann man auch bekämpfen.“
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Ameti als Störerin
Eher gewagt die These in einem weiteren Artikel: Denn in „Nichts ist mehr sakrosankt“ vergleicht die NZZaS einen Brandanschlag in der reformierten Kirche in Ossingen mit der Ablage eines abgetrennten Schweinekopfes vor einer Moschee in Basel und einem „Übergriff auf religiöse Symbole“. Hier kommt laut der Zeitung die „ehemalige GLP-Politikerin Sanija Ameti“ ins Spiel. Sanija Ameti, das ist die mittlerweile tief gefallene Gemeinderätin aus Zürich, die im Januar 2025 aus der GLP-Fraktion austrat und seither als Parteilose im Zürcher Gemeinderat sitzt.
Grund der Kontroverse: Ameti hatte im September 2024 mit einer Luftpistole auf ein Bild von Jesus und Maria geschossen. Bilder davon veröffentlichte sie kurzzeitig auf Instagram. Daraufhin entschuldigte sich die 33-Jährige öffentlich, was aber wenig nützte. Der Schaden war angerichtet, die Reputation dahin. Im Juli 2025 erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen die Politikerin. Grund: Störung der Glaubensfreiheit.
Auf den vier Sportseiten findet man übrigens nichts als Hintergrundtext ohne Resultate vom Samstag. Der Saisonstart in der Super League mit der Heimniederlage von GC ist kein Thema. Müsste ich Punkte für die Aktualität vergeben, die NZZaS läge weit hinter den anderen gelesenen Blättern.
Giaccobo als Twitter-Verteidiger
Die „SonntagsZeitung“ aus dem Tagi-Verlag (62 Seiten, 6 Franken 40 Rappen) macht mit dem Hinweis auf ein Interview mit Viktor Giacobbo auf. Der 73-jährige Comedian stellt darin fest, dass „die Rechten gemütlichere Simpel sind“. Er verteidigt X, das ehemalige Twitter, als „immer noch grosse Plattform, die ich dort habe“. Es gebe dort einige stramme Rechte, denen „ich schon seit Jahren folge und sie mir auch“. Aber es seien Leute, die nicht nur über Linke und Grüne fluchen, „sondern ihre Sicht darlegen“ würden.
Und sonst? Giacobbo steuert das Gespräch auf Cedric Schild. Schild ist wohl einer der talentiertesten Journalisten und Comedian der Schweiz. Er ist auch bekannt unter dem Namen „Supercedi“. Aktuell tingelt er mit grossem Erfolg mit Liveshows durch die Schweiz, Viktor Giaccobbo führt Regie bei „Cedis“ Auftritten. Schild kennt man als Schauspieler aus der Fernsehserie „Tschugger“, als Telefon-Comedian, aber auch als Investigativ-Journalist im 80-Minuten-Streifen „Die Enkeltrick Betrüger“.
Ruthishauser als Aufdecker
Bemerkenswert einmal mehr, wie „SonntagsZeitung“-Chefredaktor Arthur Rutishauser nach wie vor selbst in die Tasten haut. Und was für Beziehungen er pflegt. Neuster Coup: Er hat die Kopien der Originalunterlagen des Handelsgerichts des Kantons Zürich in Sachen Übernahme der Grossbank CS durch die jetzt noch grössere Grossbank UBS bekommen. Das Gericht am Hirschengraben 15 hat nämlich entschieden, dass es neue unabhängige Gutachten geben soll.
Nachträglich scheint es doch nicht ganz so sicher, dass die mittlerweile verschwundene Credit Suisse keinen Rappen wert gewesen sein soll zum Zeitpunkt der Übernahme. Dass also alle CS-Aktionärinnen und CS-Aktionäre per Dekotierung am 13. Juni 2023 einfach leer ausgingen, soll nochmals untersucht werden. Dazu steht nun ein 50-Milliarden-Streitwert zur Diskussion.
Wyss als Lärmmesserin
Und damit zum „SonntagsBlick“ (zweimal 44 Seiten im Tabloidformat für 5 Franken 20 Rappen). Das kleinere Zeitungsformat schränkt auf der Titelseite spürbar ein. Das Hauptthema „Die PS-Protzer“ legt den Fokus auf laute Autos in Rorschach. Kein Thema in der Reportage von Rebecca Wyss ist Zürich, obwohl hier vom April bis Juni 2025 ein Lärmradar getestet wurde und der Artikel sich eigentlich angeboten hätte für die Bekanntgabe erster Resultate.
Die Limmatstadt steht dafür in der Story „Es hat sich ausgenüchtert“ im Mittelpunkt. Denn in die Ausnüchterungszellen der Stadtpolizei Zürich wurden 2024 mit 773 Berauschten so wenige Personen eingewiesen wie seit 2016 nicht mehr. Eingeführt wurde die Einrichtung 2015 – nach einem Volksentscheid ein Jahr vorher.
Plass als Kritiker
Immer wieder flackert in den Medien das Thema „Todesfälle in der Herzklinik“ am Universitätsspital Zürich auf. Der „Sonntagsblick“ zitiert den in anderen Medien auch schon zur Sprache gekommene Ex-Kaderarzt André Plass. Dieser kritisiert die Taskforce zu den Vorkommnissen rund um die vielen misslungenen Herzoperationen mit Todesfolge am Unispital. Die Taskforce sei nicht unabhängig, es gebe darin kein einziges Mitglied aus dem Ausland und die Taskforce arbeite generell zu langsam.
Die unheimlichen Vorkommnisse im Unispital begannen 2015 und dauerten bis 2020. Seit 2019 ist Natalie Rickli (SVP) Regierungsrätin, Gesundheitsdirektorin und damit politische Verantwortliche des Unispitals. Ihr Vorgänger war Thomas Heiniger (FDP), der von 2007 bis 2019 in der Kantonsregierung sass.
Wohl doch nie wieder
Was bleibt nach den ausgegebenen 18 Franken 70 Rappen? Durchaus solider Lesestoff ohne Riesenüberraschungen. Und die Bestätigung, dass drei Zeitungen am Sonntag doch zu viel sind. Auch wenn die „Wochenzeitung WOZ“ grad Sommerpause hat und das Wetter nicht zu längeren Velotouren einlädt.
Gut gelaunt und top vorbereitet für die zwölfte Folge: Lorenz Steinmann und Redaktionshund Waldo sind begeisterte Podcaster. Bild: Pascal Turin
Pascal Turin
Wer nach Ferienlektüre sucht, ist hier an der richtigen Stelle. In der zwölften Folge des Rathuus-Podcasts sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin über ihre Lieblingsbücher. Zuvor geht es aber um ein ernstes Thema: die Sicherheitslage.
Die zwölfte Folge beginnt mit einem Vorgeplänkel. Danach leitet Lorenz Steinmann elegant auf das Hauptthema über. Im Rathuus-Podcast sprechen wir über die Vorträge von Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer, an denen Lorenz kürzlich zugehört hat.
Lorenz gibt spannende Einblicke in die Veranstaltung und erzählt von Details, die keinen Eingang in seinen Artikel in unserem Politikmagazin gefunden haben. Pascal Turin stellt mehr oder weniger passende Fragen und hält sich als Zivilschützer a. D. (ausser Dienst) sonst vornehm zurück. Dafür blüht er dann im zweiten Teil auf – der locker-leichten Rubrik “Unsere Lieblings-…”, in der es um Bücher geht.
Die Rathuus-Gründer haben in ihren mehr oder weniger umfangreichen Heimbibliotheken gestöbert und nach Büchern gesucht, mit denen sie die Zuhörerinnen und Zuhörer beeindrucken und begeistern können.
Laut, roh, auffällig und schön anzusehen: Am vergangenen Dienstagabend stand die Offene Rennbahn Oerlikon im Zeichen von Rennwagen und Renntöffs. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Einmal im Jahr wird die Offene Rennbahn Oerlikon zu einer Motoren-Arena. Ein Eldorado für Menschen mit Benzin im Blut. Kaum zu glauben, dass so etwas ausgerechnet im links-grünen Zürich noch möglich ist.
Wo sonst das Sirren der Rennvelos oder höchstens das Knattern der Stehertöffs – umgebaute Motorräder für Bahnrennen – zu hören ist, ging es am vergangenen Dienstag richtig laut zu und her. Das Motto des Abends auf der Offenen Rennbahn Oerlikon lautete „Indianapolis“.
Ältere Rennwagen aus der Formel 1 und Formel 2, Sportwagen mit riesigen Auspuffrohren und Motorräder – vom 50er-Töff bis zur 1000-Kubik-Maschine – waren im Innenraum des Velodroms zu besichtigen. Oft mit laufendem Motor, denn alle Fahrzeuge durften der Reihe nach auch Runden drehen auf der in den Kurven mit 44,5 Grad furchterregend steilen Betonpiste.
Wobei Runden drehen eher harmlos ausgedrückt ist. Von 18 bis 22 Uhr konnten die eingeladenen Fahrerinnen und Fahrer mit ihren historischen Fahrzeugen dreimal auf die Rennbahn. Gefühlt jedes Mal mit mehr Temperament und Renncharakter. Die historischen Rennwagen der Formel 1 und 2 etwa kreisten mit minimalen Abständen zueinander durchs Oval. Risikofaktor: hoch. Doch dem sehr zahlreich erschienenen Publikum gefiel es sichtlich. Gut 6000 Motorsportfans kamen nach Oerlikon. Typus Bier- bis Schwingfest-Besucherinnen und -besucher. Politisch wohl eher konservativ-bewahrend. Und oft nur für den Besuch des Zirkus Knie in Zürich oder eben für „Indianapolis“. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Gesichtet wurde auch SP-Nationalrätin Jacqueline Badran aus Wipkingen.
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6000 Eintritte bedeuten natürlich Jahresrekord. Bei den Radrennen, die von Mai bis September jeden regenfreien Dienstag stattfinden, sind es jeweils keine 1000 Nasen. Der Eintrittspreis betrug am Dienstag 20 Franken statt wie sonst 10 Franken. Das ist ein kräftiger Zustupf für die Interessengemeinschaft offene Rennbahn Oerlikon – kurz IGOR, die sich mehrheitlich in Fronarbeit um den Betrieb der offenen Rennbahn kümmert. Besitzerin dieser ältesten Sportanlage der Schweiz ist übrigens die Stadt Zürich.
Schnittig, aber sehr laut: Der Brabham BT36/11 Formel 2 von 1971. Bild: Lorenz Steinmann
Für die Stadt ist die Rennbahn ein Aushängeschild für umweltfreundliche Mobilität. Am Dienstag absolvierten die Radsportlerinnen und Radsportler zwar auch einige Rennen. Doch alles in allem konnten einem die Velofahrerinnen und Velofahrer leidtun. Denn das Interesse an der Muskelkraft war minimal. Das Publikum lechzte nach Motoren, nach Benzingeruch und nach Lärm.
Wer schon einmal an einem Formel-1-Rennen war, weiss, dass diese Rennboliden laut sind wie ein Düsenjet. Erstaunlich war dementsprechend, dass die Lärmschutzfachstelle der Stadtpolizei keinen Anruf erhielt. „Es gab keine einzige Lärmklage“, sagt Judith Hödl, Medienchefin der Stadtpolizei Zürich, auf Anfrage.
Er weckt Emotionen, der windschnittige Seitenwagen-Töff aus den 1980er-Jahren. Damals war das Töff-Duo Rolf Biland und Kurt Waltisperg Weltspitze in dieser Spezialdisziplin. Bild: Lorenz Steinmann
Das ist eigentlich erstaunlich, weil der Lärmschutz in Zürich politisch einen sehr hohen Stellenwert hat. Tempo 30 möglichst flächendeckend, wohl bald starke Einschränkungen für den Gebrauch von Laubbläsern sowie Lautsprecherverbote bei Quartierfesten als drei Beispiele. Wenn nun aber so ein Anlass wie jüngst in Oerlikon gar keine Reaktionen auslöst, dann scheint das Lärmthema zumindest in Zürich-Nord doch nicht allzu akut.
Mit einem typähnlichen Renntöff wurde der Schweizer Motorradrennfahrer Stefan Dörflinger in den 1980er-Jahren viermal Weltmeister. Bild: Lorenz Steinmann
So oder so erfrischend war der Motorsportabend auch darum, weil sich die Fans mit Bier und Fanta aus der Glasflascheeindecken konnten. Mitnehmen auf die Tribüne? Kein Problem! Das Vertrauen in die Disziplin der gut 6000 Anwesenden ist also sehr, sehr gross. Denn nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn es Glasflaschen und Scherben auf der Bahn gäbe.
An einem Fussballspiel wäre das undenkbar: Auf der offenen Rennbahn trinkt man das Bier aus Glasflaschen. Sicherheitsbedenken gibt es keine. Bild: Lorenz Steinmann
Warum aber heisst die Veranstaltung eigentlich „Indianapolis“? Die 500 Meilen auf dem Indianapolis Motor Speedway im US-Bundesstaat Indiana – Indy 500, wie sie abgekürzt heissen – sind quasi der heilige Gral des Automobilsports. Auf dem 2,5 Meilen langen Oval mit vier überhöhten Kurven in der Stadt Speedway, die komplett von der Grossstadt Indianapolis umschlossen ist, wird das bekannteste Autorennen der Welt ausgetragen.
Der Zürcher Anlass ist also zumindest vom Namen her daran angelehnt. Der grosse Unterschied neben der Länge der Bahn – in Oerlikon sind es lediglich 333 Meter – ist, dass das Rennen in der Limmatstadt nur Show ist. Zeiten werden keine genommen. Spass gemacht hat das Zuschauen trotzdem.
So gut besucht präsentierte sich die Offene Rennbahn Oerlikon bei Indianapolis 2025. Bild: Lorenz Steinmann
Martin Suter ist bekannt für seine vielen erfolgreichen Romane. Der Zürcher gilt als sehr produktiver Autor. Kürzlich gab Suter dem "Spiegel" ein Interview, das Pascal Turin zu diesem Text inspirierte. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Bundeskanzler Friedrich Merz, Regierungsrat Ernst Stocker und Schriftsteller Martin Suter haben eines gemeinsam: Sie sind extrem fleissig. Glaube ich zumindest. Aber Fleiss ist bald sowieso ein Ding der Vergangenheit. Eine Glosse in Langform.
Martin Suter hat dem „Spiegel“ ein Interview gegeben. Ich habe das Gespräch mit dem Bestsellerautor aus der Schweiz gern gelesen. Wohlgemerkt habe ich mir an einem der tausend Kioske am Hauptbahnhof Zürich eine gedruckte Ausgabe des Hefts gekauft. In der S-Bahn durfte ich mich dann wie ein Intellektueller fühlen. Alle anderen haben nur auf ihre Handys oder aus dem Fenster gestarrt. Ich schaute hingegen in den „Spiegel“.
Doch zurück zum Interview mit Martin Suter.
Der Zürcher hat etwas gesagt, das mich nachdenklich gestimmt hat. „Ich glaube nicht, dass man die Wirtschaft mit mehr Arbeit retten kann. Das ist keine sehr kreative Idee. Wir müssen froh sein, wenn es überhaupt für alle Menschen genügend Arbeit gibt, am besten eine, die nicht öde ist.“
Der 77-Jährige müsste rein vom Alter her schon länger nicht mehr arbeiten. Darum ist mir nicht bekannt, wie gut er sich noch in der heutigen Arbeitswelt auskennt. Nicht, dass Schreiben keine Arbeit wäre. Ich tue es ja jeden Tag. Aber Suter entspricht natürlich voll der Zielgruppe des „Spiegels“. Er ist ja ungefähr gleich alt wie die Durchschnittslesenden des Nachrichtenmagazins.
Im „Spiegel“ stand also Folgendes:
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
„Wir wollen mit Ihnen über Fleiss reden“, verkündeten die zwei Redaktoren, die auf Suter angesetzt worden waren. Friedrich Merz habe gesagt, die Deutschen müssten mehr arbeiten, um den Wohlstand zu halten.
Martin Suter grätschte rein – zumindest wirkt es so im schriftlichen Interview: „Hat er das gesagt? Aber das ist ja Blödsinn.“
Unbekannt ist, was der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dachte, als er das Interview gelesen hat. Vielleicht kauft er jetzt aus Trotz Suters nächstes Buch nicht.
Vielleicht weiss Merz aber insgeheim, dass seine Aussage tatsächlich etwas deplatziert war. Der deutsche Bundeskanzler ist halt ein Boomer, also Jahrgang 1964 und tiefer. Ich selbst bin Generation Y, auch bekannt als Millennials, und ich verwende den Begriff „Boomer“ in diesem Fall nicht despektierlich. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb jüngst über ihn: „Wer Friedrich Merz zuhört, merkt: Der Mann ist nicht nur ein Boomer, er spricht auch boomerisch.“ Das ist ein bisschen gemein. War aber bestimmt nicht gemein gemeint.
Friedrich Merz hat wohl schon in jungen Jahren gelernt, dass fleissige Leute alles erreichen können. Er weiss vermutlich nicht, dass das heute nicht mehr stimmt. Besonders fleissig sein reicht nicht. Wichtig sind auch die richtigen Eltern, der richtige Wohnort und vor allem das richtige Verständnis im Umgang mit ChatGPT & Co.
Ein Buch im Stil von Martin Suter
Ich könnte zum Beispiel mithilfe von KI ein Buch schreiben, das genau nach Martin Suter klingt und nur Martin Suter würde es merken und vielleicht sein Verlag Diogenes. Das Dumme ist, dass ich gar nicht wirklich weiss, wie Suter schreibt. Ausser „Die dunkle Seite des Mondes“ habe ich von ihm kein Buch gelesen. ChatGPT könnte mir also auch einen Text von Stephen King als Suter-Hommage verkaufen.
Genauso wie Suter ist der Meister der Albträume ein äusserst produktiver Autor. King haut einen Hit nach dem anderen raus. Da sind sich Suter und er sehr ähnlich. Aber Martin Suter schreibt kürzere Bücher.
Auch Friedrich Merz hat schon Bücher verfasst. Aber keine, die ich kenne. Trotzdem ist Merz bestimmt fleissig und würde liebend gern mehr Bücher schreiben, wenn er nicht Deutschland regieren müsste.
Ich habe mich gefragt, wer ausser Merz denn noch fleissig ist. Die FDP-Bundesrätin Karin Keller-Sutter und der SVP-Bundesrat Albert Rösti wirken zumindest beflissen. Aber ob sie fleissig sind, mag ich nicht beurteilen. Die haben ja Dutzende Helferinnen und Helfer aus der Bundesverwaltung. Da ist es einfach, sich ganz viel Arbeit aufzuhalsen, wenn man sie dann einfach delegieren kann. Das kann ich nicht. Bei Rathuus sind wir nur zu zweit und alles kann ich Lorenz nicht abschieben.
Leid tun mir die fleissigen Buchhalterinnen und Buchhalter, die nun bald arbeitslos werden. Jahrelang konnten sie ihrem Chef vorjammern, wie kompliziert das Ausfüllen der Steuererklärung sei. Doch dann kam Ernst Stocker und hat alles verändert. „Die Einführung von ZHcorporateTax ist ein wichtiger Schritt in der Digitalisierung des Zürcher Steuerwesens“, sagte der Finanzdirektor bei einem Sommer-Spaziergang mit Medienanhang durch Rüti. Der Politiker möchte, dass die Journalistinnen und Journalisten zumindest einmal jährlich von ihren Schreibtischen wegkommen.
Ich war zwar nicht am Spaziergang dabei, weil ich lieber im Kraftraum statt in Rüti schwitze. Die Aussage von Stocker hat mich trotzdem ganz euphorisch gestimmt. Jetzt geht es endlich vorwärts. Kaum vorstellbar, was als Nächstes kommt. Immer mehr Arbeit wird mir abgenommen. Fleiss war gestern. Heute wird die Steuererklärung digital erledigt und schon morgen das neuste Schulbuch des Lehrmittelverlags von einer KI geschrieben. Das ist für die Verwaltungen wohl wie Weihnachten und Ostern zusammen.
Die Self-Check-out-Automaten im Coop und in der Migros waren die Vorboten. Statt einkassieren dürfen die Verkäuferinnen und Verkäufer nun nur den Maschinen gut zureden und hoffen, dass sie nicht wegen eines Softwarefehlers in den Streik treten. Stolz stehen sie neben ihren Metall-Kolleginnen und -Kollegen und beobachten die Automaten beim Verrichten der Arbeit. Vor allem die Gespräche in der Mittagspause stelle ich mir bereichernd vor. „Piu! Piu-piu!“, sagt der Self-Check-out-Automat, wie der berühmte Roboter R2-D2 aus Star Wars. Die menschliche Kollegin antwortet mit einem entnervten „Biep, biep“ und rennt schreiend aus dem Pausenraum. Lieber Regale auffüllen als das.
Immerhin kann man den Automaten nicht vorwerfen, dass sie nicht fleissig wären. Fast rund um die Uhr sind sie im Einsatz. Ein Traum für alle wirtschaftsnahen Politikerinnen und Politiker. Nostalgikern wie Friedrich Merz und mir bleibt der Trost, dass man Fleiss immerhin googeln kann – solange Google seine Suchmaschine wegen der KI-Konkurrenz nicht einstellt und man dann nur noch Chatbots um Antworten bitten darf.
In martialischer Umgebung in der Mehrzweckhalle der Kaserne Kloten (v. l.): Regierungsrat Mario Fehr (parteilos), Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer sprachen in Kloten über das aggressive Russland, das Wiedererwachen der Nato, den unberechenbaren Donald Trump und auch über den Kampfjet F-35A. Trotzdem war das mediale Interesse überschaubar. Eine Analyse.
Seit in Europa wieder ein Krieg tobt und erst noch die Weltmacht Russland als Aggressor beteiligt ist, bekommt unsere Armee viel mehr öffentliche Beachtung. Wenn dann noch die unselige Beschaffungsposse um den neuen Kampfflieger F-35A dazukommt, dann stehen der Armeechef und sein für die Ostschweiz inklusive Kanton Zürich verantwortlicher Divisionär unter besonderer Beobachtung. Würde man meinen. Doch als kürzlich Armeechef Thomas Süssli und Divisionär Willy Brülisauer vor Mitgliedern des Netzwerks Flughafenregion Zürich Vorträge hielten, interessierte sich dafür lediglich der Schreibende, in seiner Doppelfunktion als Berichterstatter für den „Anzeiger von Wallisellen“, den „Klotener Anzeiger“, den „Stadt-Anzeiger“ sowie für Rathuus.
Kein einziges Medium sonst hatte sich für den dreistündigen Anlass angemeldet. Na gut, einen klassischen Fauxpas leisteten sich die Medienverantwortlichen der Armee, die im Vorfeld intensiv um die Gunst der Medienschaffenden warben. Zuerst die Vorträge, dann das gemeinsame Essen und zuletzt die Interviews. Wer von der schreibenden Zunft hat denn noch so viel Zeit? Wir haben kürzlich über das leidige Thema berichtet: Warum Medienkonferenzen ein Auslaufmodell sind.
Der zuständige Informationsoffizier vor Ort meinte dazu achselzuckend, ja fast entschuldigend, die Medien würden halt nur über die Armee berichten, wenn wieder etwas Negatives vorgefallen sei. Und wegen meines gewünschten Interviews – man könne schon versuchen, das Programm umzustellen. Was dann auch passierte.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.
Die Flexibilität des Divisionärs
Divisionär Willy Brülisauer erwies sich in der Folge als geduldiger Interviewpartner, der sogar sein Mittagessen um eine halbe Stunde verschob. Angesprochen als Chef der Territorialdivision 4 gab Brülisauer dann Entwarnung. Entwarnung, dass man heute noch mit einer Invasion der Russen mit zivilen Flugzeugen über den Flughafen Zürich rechnet. Das war während des Kalten Krieges komplett anders. Also während jener Zeit zwischen 1947 und 1989 mit dem Konflikt zwischen den Westmächten unter Führung der USA und dem sogenannten Ostblock unter Führung der Sowjetunion.
Damals war die Russeninvasion jahrzehntelang ein realistisches Szenario, für das die Armee eine eigene Einheit unter dem Namen „Flughafenregiment 4“ unterhielt. Denn Überfälle beim Prager Frühling 1968 und die sowjetische Intervention in Afghanistan 1979 mit zivilen Kursmaschinen wurden so eingeleitet, dass statt ziviler Passagiere Elitesoldaten zur Besetzung der Flughäfen transportiert wurden. Sprich, der Flughafen Zürich und auch die Basis Dübendorf galten im Kalten Krieg als mögliches Eingangstor für feindliche Truppen.
Kluger Rat, Notvorrat? Armeechef Thomas Süssli hat selber auch einen Notvorrat angelegt, ist wachsam und „verlässt sich nicht allein auf den Staat“, wie er versicherte.
Die Idee der Verteidigung: Die eingeteilten Milizsoldaten mussten im Umkreis von höchstens 30 Fahrminuten vom Flughafen in Kloten arbeiten und wohnen. Sie konnten jederzeit durch ein permanentes Alarmsystem mit Pagern aufgeboten werden und waren während 365 Tagen im Jahr innerhalb von zwei bis drei Stunden gefechtsbereit. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR, der damaligen Sowjetunion, ab 1989 wurden diese Szenarien obsolet.
Laut Divisionär Willy Brülisauer gehört der Flughafen aber nach wie vor zu den kritischen Infrastrukturen der Schweiz, ist sogar in die höchsten Stufen 4 und 5 eingeteilt. Hierfür ist die Armee zuständig. Dazu Brülisauer: „Seit dem Jahr 2007 hätten im Flughafengebiet die Militärpolizei und Durchdiener zum Einsatz kommen sollen.“ Durchdiener sind jene Soldaten, welche die Rekrutenschule und die Wiederholungskurse in einem Zug innert zehn Monaten absolvieren.
Heute würden aber Infanteriebataillone eingesetzt, dazu kommt laut Brülisauer, dass jede Kompanie bereits einmal einen Wiederholungskurs beim Flughafen absolviert und so die möglichen Szenarien trainiert hat. Und: „Alle Angehörigen der uniformierten Kantonspolizei arbeiten die ersten zwei Jahre nach ihrer Ausbildung am Flughafen, das gibt auch Erfahrung.“ Im Ernstfall wäre eine Mobilmachung für den Flughafen innerhalb von 96 Stunden möglich. Logisch ist, dass Angehörige der Kantonspolizei bedeutend schneller einsatzfähig wären für Bewachungs- und Verteidigungsdienste. Etwas, das der ebenfalls anwesende Regierungsrat Mario Fehr (parteilos) in seinen Grussworten vor dem Publikum explizit ansprach: die Kantonspolizei Zürich als wichtiger Teil des Sicherheitskonzepts des Flughafens.
Und damit zum Hauptteil der Veranstaltung, dem doch gut eine Stunde dauernden Vortrag des Chefs der Armee Thomas Süssli. „Die heutige militärische Bedrohung ist grösser als während des Kalten Krieges“, betonte der Berufsoffizier im Rang eines Korpskommandanten. Er ist seit 2020 und noch bis Ende 2025 verantwortlich für die Führung der Armee. Als „Lame Duck“, also als „lahme Ente“, da er seinen Abgang schon kommuniziert hatte, kam Süssli aber keineswegs rüber. Im Gegenteil. Der gebürtige Küsnachter vermochte bei seinem Vortrag durchaus zu überzeugen. Durch Analysen, persönliche Bonmots und Szenarien für die Zukunft.
Donald Trump und die Nato
Zentrale Themen Süsslis waren natürlich der blutige Ukrainekrieg, der unberechenbare amerikanische Präsident Donald Trump (Stichwort: Verteidigungsbündnis North Atlantic Treaty Organization – besser bekannt als Nato), aber auch das prosperierende China als Welt-Grossmacht. „Am 24. Februar 2022 erfolgte ein völkerrechtswidriger Angriff Russlands auf die Ukraine“, stellte Süssli fest. Das bedeute eine Zeitenwende und die Welt werde nicht mehr so sein wie bisher. Denn: „Russland will Europa spalten und destabilisieren. Und sein eigenes Einflussgebiet ausdehnen.“
Dazu gehören neben dem Angriffskrieg in der Ukraine Desinformation etwa via dem Sender Russia Today und die Beeinflussung sozialer Medien, Cyberangriffe im Westen, aber auch handfeste Sabotage. „Dafür gibt es 60 dokumentierte Fälle wie etwa Paketbomben“, erklärte Süssli. Allein in der Schweiz lebten 80 Russen, die hier Infos über die Schweiz beschaffen.
Für Russland gelte das folgende Szenario: US-Präsident Donald Trump verliert die Geduld und unterstützt Europa nicht mehr, Russland gewinnt den Krieg, fünf Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer flüchten in den Westen und sorgen für Chaos. Dabei komme dem russischen Machthaber Wladimir Putin zugute, dass der Westen immer noch von russischer Energie abhängig sei in Form von Flüssiggas. „Das kann er jederzeit abstellen“, ist Süssli überzeugt.
«Heroische Expo 1964»
Nun zog Süssli den Bogen zur Landesausstellung im Jahr 1964, der Expo in Lausanne. Es sei eine heroische Ausstellung gewesen, mit dem Ziel, im Ausland militärisch stark zu wirken. Er nannte dazu das in Zeiten des Kalten Krieges berühmt-berüchtigte Wort „Dissuasion“, gleichbedeutend mit Abschreckung. Und genau diese Haltung müsse wieder Realität werden. „Doch jetzt ist die Armee ganz unten“, so Süssli. Aktuell könnte nur ein Drittel der Soldaten im Ernstfall mit zeitgemässen Waffen und Equipment ausgerüstet werden. „Man hat die letzten 20 Jahre viel zu sehr gespart“, so Süsslis zumindest aus Armee-Sicht düsteres Fazit.
„Russland will Europa spalten und destabilisieren. Und sein eigenes Einflussgebiet ausdehnen“, ist Armeechef Thomas Süssli überzeugt.
40 Milliarden Franken würde allein die Ausrüstung und Modernisierung der Armee kosten – und die Aufrüstung womöglich bis 2050 dauern.
„Das kann nicht aufgehen“, warnte der Armeechef. Denn laut Experten werde 2028 weltweit das gefährlichste Jahr. „Wir brauchen darum die amerikanischen Flugzeuge des Typs F-35A dringend“, lautet Süsslis Forderung. Dieses Flugzeug sei für die momentane riesige technische Revolution gewappnet und werde zudem von anderen Staaten wie Italien und den Niederlanden ebenfalls geordert. Stichwort Kooperationen.
Laut Armeechef Thomas Süssli wird das Jahr 2028 zum internationalen Härtetest. Bild: Lorenz Steinmann
Krieg ist schlecht für die Wirtschaft
Zurück zur Weltpolitik. Süssli attestierte dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump eine gewisse Weitsicht. Denn dieser wisse, dass Krieg schlecht sei für die Wirtschaft. Was für Süssli aber ein weiterer Knackpunkt ist: „Die Folgen der Erderwärmung nehmen zu. Es wird schwierig!“ Der Armeechef ist immerhin überzeugt, „dass sich die Schweizer Politikerinnen und Politiker bewusst sind, dass sich die Lage verändert hat, auch die SP.“ Der Grundkonsens sei seit dem Ukrainekrieg vorhanden. Nur wisse man nicht, wie vorzugehen.
„Die SVP will sparen bei der internationalen Zusammenarbeit, die FDP pocht auf die Schuldenbremse, die Mitte möchte diese lockern und die SP will nur mitmachen, wenn es einen Sozialfonds für die Ukrainehilfe gibt.“ Nun wurde Süssli persönlich und ehrlich: „Manchmal habe ich Angst, dass etwas passieren muss, bis es in der Politik Klick macht.“ Er warnte davor, zuzuwarten. „Wer früher Waffen bestellt, ist eher dran. Zudem werden etwa Artilleriegranaten immer teurer“, so der ehemalige Investmentbanker bei der Bank Vontobel.
Kurz ging Süssli noch auf China ein. Das Reich der Mitte wolle eine Supermacht sein, respektiere aber durchaus staatliche Souveränitäten. Trotzdem drohe Taiwan wohl ein ähnliches Schicksal wie Hongkong, das seit 1997 unter der Kontrolle Chinas steht. Süssli wagt die Prognose, dass China bis 2027 eine militärische Lösung in Taiwan suche. So macht auch die genannte Jahreszahl 2028 Sinn, die laut Süssli als internationaler Härtetest gilt. Sprich: Dann ist laut Sicherheitsexperten die Gefahr am grössten, dass es weitere kriegerische Auseinandersetzungen gibt.
Apropos möglichem Einmarsch in Taiwan. Die Staaten Estland und Litauen hätten lebhafte Erinnerungen an die Besetzung durch die damalige UdSSR. „Die Menschen im Baltikum haben Angst“, weiss Süssli. Bei einem Glas Wein mit den militärischen Führungen der Länder am Simplon betonten diese Süssli gegenüber: „Wenn ihr Rauch seht, sehen wir Feuer.“ Gerade bei den Esten sei der Wille gross, sich nicht nochmals durch Russland besetzen zu lassen. Dabei habe Europa für die USA an Bedeutung verloren.
„Die USA haben zwar ein Jahresmilitärbudget von 1000 Milliarden Dollar, doch alles werde gerechtfertigt mit Chinas Expansionsgelüsten.“ Süssli betonte zudem, dass Europa in den letzten Jahrzehnten nicht alles richtig gemacht und sich zu sehr auf die USA verlassen habe. Doch klar sei, dass momentan die meisten Nato-Staaten am gleichen Strick ziehen würden.
Die Frage nach der desolaten russischen Armee
Aus dem Publikum kam nun die Frage, wie desolat die russische Armee tatsächlich sei. Für Süssli ist klar, dass die russische Waffenproduktion, etwa von Drohnen und von Panzern, enorm zugenommen habe. So würden aktuell 1500 Panzer pro Jahr produziert. Und das Reservoir an Truppen sei gross, obwohl bei den Bodentruppen bisher eine Million Soldaten gestorben, vermisst oder verwundet seien.
Die Neutralität verglich Süssli mit der Ehe: „Es ist ein Geben und Nehmen.“ Internationale Kooperationen seien unabdingbar, so müssten Systeme und Geräte miteinander kommunizieren können (Stichwort: Interoperabilität).
Zu seinem Rücktritt auf Ende 2025 sagte Süssli, die Amtsdauer als Armeechef sei international bedeutend kürzer, also zwei bis drei Jahre. Mit der damaligen Mitte-Bundesrätin Viola Amherd habe er fünf Jahre vereinbart. Jetzt gehe es halt ein wenig länger. Aber: „Ich bin nicht resigniert“, so Süssli in seinen Ausführungen.
Und noch ein Schmankerl zum Schluss: Der Schweizer Geheimdienstchef Christian Dussey traf sich im Februar mit Süssli zum Austausch. Beide wussten laut Süssli nicht, dass das Gegenüber kündigen würde. Sie erfuhren es später jeweils über die Öffentlichkeit. Fazit: Auch ganz oben menschelt es.
Der schnelle Weg trotz grossem Kommunikationsapparat
Alles in allem wirkte der Anlass in der Mehrzweckhalle der Kaserne Kloten durchaus eindrücklich. Die Personenkontrolle durch Militärpolizisten mit Maschinenpistolen ging eher formell und rasch über die Bühne, kritische Zeitgenossinnen und Zeitgenossen waren keine auszumachen. Ein Anlass nach dem Motto „unter uns“ – also ein Heimspiel.
Das war aus medialer Sicht durchaus positiv, weil mehr als erwartet über die Armee und die heutige Sicherheitslage zu erfahren war. Bemerkenswert auch das unkomplizierte Gegenlesen der Interviewzitate durch Divisionär Willy Brülisauer. Obwohl die Armee über gegen 100 Vollzeitstellen allein für die Kommunikation verfügt, durfte ich den Text direkt an ihn schicken und eine halbe Stunde später kam schon das OK zurück. Fast einziger Fehler: Einmal verwechselte ich in der Eile den Vornamen des Armeechefs und schrieb statt Thomas fälschlicherweise Roland …