Die Bürgerlichen sind in Zürich angetreten, um bei den Stadtratswahlen 2026 endlich zu reüssieren. Doch vieles deutet darauf hin, dass der Grossangriff auf die Exekutive wahrscheinlich in einem Desaster enden wird. Ein Kommentar.
Karin wer? Ueli was? Përparim wie und Marita wo? Wenige Monate vor den Neuwahlen für den Stadtrat in Zürich kennt gefühlt niemand die neuen bürgerlichen Kandidatinnen und Kandidaten Karin Weyermann (Mitte), Ueli Bamert (SVP) sowie Përparim Avdili und Marita Verbali (beide FDP). Dabei soll laut den Bürgerlichen nächsten Spätwinter nichts weniger als die Wende zum Guten, zu den Werten der Bürgerlichen stattfinden. Konkret am 8. März 2026, wenn die Wahllokale für die Erneuerungswahlen von Gemeinderat sowie Stadtrat und Stadtpräsidium geschlossen werden. Das sind nach Adam Riese weniger als fünf Monate, wobei die Abstimmungscouverts erfahrungsgemäss sogar schon drei bis vier Wochen vorher beim Stimmvolk sind.
Die FDP witterte im Februar Morgenluft, als die höheren Politikerlöhne an der Urne versenkt wurden. FDP und SVP prognostizierten damals das bürgerliche Revival. Doch schon beim Streit um die teureren Parkkarten war es fertig mit Morgenluft, mit „Meh Blau“ und mehr SVP-Sünneli am Horizont. Die teureren Parkkarten wurden kürzlich vom Volk klar angenommen, ebenso kam das Laubbläserverbot durch.
Bürgerliche sind mut- und ideenlos
Bemerkenswert ist, wie die Bürgerlichen selbstkritisch betonten, man habe die Stimmung im Volk bei den erwähnten Abstimmungen wohl falsch eingeschätzt. Oder war das mehr Defätismus, also erste Zeichen von Aufgabe, bevor der Endspurt überhaupt begonnen hat?
Nicht eben mit Selbstvertrauen gesegnet, scheint auch Dominik Bürgy, der neue Strippenzieher des bürgerlich orientierten Forums Zürich. Es ist die Lobbyorganisation, welche der FDP, der SVP und der Mitte zu mehr Stimmen im Stadtrat verhelfen soll. „Die Linke ist homogen. Extrem homogen. Und indem sie homogen ist, hat sie viel Kraft“, sagte Bürgy vor wenigen Tagen gegenüber der „Neuen Zürcher Zeitung“. Er betonte, dass es bei der dominierenden SP „vielleicht noch zwei, drei Vertreter der alten Garde“ gebe, welche die Abhängigkeit des Sozialstaats von der wirtschaftlichen Prosperität anerkenne. Insgesamt sei der Zug aber abgefahren.
„Die SP ist in den letzten Jahren markant nach links gerückt. Es ist erschreckend, wie wenig gewisse Vertreter dieser Parteien von grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhängen verstehen“, so Bürgy. Zuversicht tönt anders. Dabei kann man nun wirklich nicht behaupten, dass André Odermatt und Corine Mauch, die beiden abtretenden SP-Exekutivmitglieder, markant linke Politik betreiben.
Argumente holen Städterinnen und Städter nicht ab
Trotzdem stehen die bürgerlichen Stadtratskandidatinnen und -kandidaten in Zürich vor einem Scherbenhaufen. Denn ihre Argumente von tieferen Steuern, dem Senken des Ausgabenwachstums, dem Stoppen des Regulierungswahns und des ideologisch verursachten Verkehrschaos scheinen beim Stimmvolk nicht zu verfangen. Denn von den Steuereinnahmen profitiert die prächtig gedeihende Limmatstadt, tiefere Steuern spürt Otto Normalverbraucher nur marginal, die Regulierungswut trifft eher Firmen als Private und das Verkehrschaos auf der Strasse ärgert insbesondere die Pendlerinnen und Pendler. Also jene Leute etwa von der Goldküste, die eh nicht in der Stadt Zürich stimm- und wahlberechtigt sind.
Es scheinen auch eher Auswärtige, die so krude und verwirrende Kampagnen lancieren. Etwa jene mit einem besonders düsteren Bild der Langstrassen-Unterführung und folgender Aufschrift: „Rot-Grüne Sicherheitspolitik verunsichert. Zürich befreien.“
Ob dieses Plakat in der Stadt Zürich mit ihrer zufriedenen Bevölkerung ankommt? Absender ist das Komitee "Meh blau", hinter dem die FDP steht. Bild: zvgDie Langstrasse als Horror-Ort, wo es nicht sicher ist? Die Statistik spricht definitiv eine andere Sprache, und auch das subjektive Empfinden vor Ort ist nicht alarmierend. Die „Verunsicherung“ scheint eher der Einschätzung eines Eigenheimbesitzers aus Weiach oder Stäfa zu entsprechen, der den Kreis 4 immer noch hauptsächlich mit Prostitution verbindet – aber nicht mit einem gentrifizierten Wohnquartier mit immer weniger Bars und Clubs.
Daher erstaunt es auch nicht, dass bei den Urnengängen Links-Grün grossmehrheitlich satte Mehrheiten erzielt, obwohl die Neuzugezogenen allermeistens sehr gut gebildet sind, einen gut bezahlten Job haben und damit nicht per se dem links-grünen Weltbild entsprechen. Aber sie wohnen hier und sehen wenig Grund, am Bestehenden etwas Grundsätzliches zu ändern. Vor allem nicht, wenn die FDP und Co. ein Schreckensszenario heraufbeschwören, das nicht der Realität entspricht.
Wenig hilfreich ist zudem, dass neben FDP-Gemeinderat Përparim Avdili auch SVP-Kantonsrat Ueli Bamert Stadtpräsident werden möchte. Es braucht kein Politologie-Studium, um erkennen zu können, dass sich das bürgerliche Lager so gegenseitig Stimmen wegnehmen wird.
Eigentlich wäre das Potenzial da
Dabei hätten die Bürgerlichen durchaus Chancen in Zürich. Mit Forderungen nach liberaleren Gastrogesetzen, vollständig digitalisierten Behördengängen und endlich besser koordinierten Tiefbauarbeiten könnte man punkten beim Stimmvolk. Oder sich für die Seniorinnen und Senioren einsetzen, indem man den unsäglichen Zufallsgenerator der Stadt für die Bewerbung bei städtischen Wohnungen abschaffen würde. Plus das Potenzial abholen bei den Schweizerinnen und Schweizern mit Migrationshintergrund.
Denn gerade die beiden FDP-Kandidatinnen und Kandidaten Përparim Avdili und Marita Verbali haben da gegenüber Links-Grün einen klaren Vorteil. Unvergessen, wie die SP-Delegierten ihre Kandidatin Mandy Abou Shoak bei der Ausmarchung fürs Stadtpräsidium ignoriert und zusätzlich abgestraft haben, indem Shoak nicht einmal aufs Stadtrats-Ticket der SP gesetzt worden ist. Stattdessen stehen jetzt unverdächtige, ja fast typisch schweizerische Personen wie Tobias Langenegger und Céline Widmer auf dem Ticket der Sozialdemokraten. Eigentlich eine ideale Gelegenheit für Avdili und Verbali, um sich mit dem Thema Migrationshintergrund zu profilieren.
Los also, FDP, SVP und Mitte! Noch bleiben über 270 Tage, um zu überzeugen. Durch beherzte Auftritte, volksnahe Kampagnen und das Versprechen, für Zürich einzustehen und nicht für die Agglo und den Kanton. Mit Goldküsten-Politik und Kampf um Tempo 50 auf der Bellerivestrasse gewinnt man in der Stadt Zürich im Jahr 2025 keinen Blumentopf.
Auf einen diversen Stadtrat 2026 mit Ecken und Kanten!

Für Zürich scheint immer die Sonne (ausser bei Hochnebel): Politisch gesehen gibt es für viele Zürcherinnen und Zürcher wenig Anlass, plötzlich bürgerlich statt links zu wählen, findet Lorenz Steinmann. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
„Ich möchte etwas verändern, etwas verbessern und Kompromisse schmieden“, sagt Mitte-Kantonsrätin Kathrin Wydler (58), die in der Kommission für Bildung und Kultur sitzt. Bild: Pascal Turin
Kathrin Wydler ist ein grosser Kinofan. Sie war an der Eröffnungsnacht des Zurich Film Festival und hat die US-Komödie Splitsville mit Dakota Johnson geschaut. Bild: Pascal Turin
Beizen wie diese in der Zürcher Altstadt leiden unter der Bauerei, vor allem von Montag bis Freitag. Sie würden wohl nichts dagegen haben, wenn es Entschädigungen für Ertragsausfälle geben würde. Bild: Lorenz Steinmann
Schon wieder weg: Dieser Kreisel am Birchplatz im Stadtzürcher Quartier Oerlikon – inklusive Velofahrtipps – war nicht lange in Betrieb. Bild: Lorenz Steinmann
Der Birchplatz in Oerlikon, wie er sich aktuell präsentiert. Velosignalisationen am Boden wurden schlichtweg vergessen. Bild: Lorenz Steinmann
Die Sozialdemokratie hat die künstliche Intelligenz für sich entdeckt. Die SP-Fraktion des Kantonsrats hat kürzlich ein Vorstosspaket zum Einsatz von KI eingereicht. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI
Hier auf der seit 2008 leeren Hardturmbrache im Stadtzürcher Kreis 5 sollen dereinst ein Fussballstadion und Wohnbauten gebaut werden. Archivbild: Lorenz Steinmann
So schön könnte die Fassade des geplanten Hardturm-Stadions während eines Zürcher Derbys leuchten. Visualisierung: Nightnurse Images
Die Einzelinitiative als interessante Demokratieform: Adolf Flüeli, der kein politisches Amt inne hat, möchte, dass im Milchbucktunnel der Mittelstreifen künftig als Fahrspur genutzt wird. Bild: Lorenz Steinmann
In der aktuellen Folge des Rathuus-Podcasts erzählt Lorenz Steinmann (links) von seinem neuen Job beim "Altstadt Kurier" und Pascal Turin hakt nach. Bild: Stephanie Turin
Die Stadtzürcher AL-Gemeinderätin Karen Hug in ihrer Lieblingsumgebung, der Natur. Bild: zvg
Eine typische Szene an der Zürcherstrasse in der Nähe des Bahnhofs Wetzikon: Wer hier mit dem Velo durch muss, braucht starke Nerven – selbst geübte Velofahrer wie Thomas Hoffmann. Bild: Pascal Turin
„Wenn wir die Verkehrsprobleme in den Griff bekommen, profitieren nicht nur Velofahrer oder Fussgängerinnen, sondern auch Autofahrer, weil sie weniger im Stau stehen“, sagt Thomas Hoffmann (63). Bild: Pascal Turin
Positives Beispiel: Die überwachte Velostation beim Bahnhof Wetzikon wird von Mitarbeitenden aus dem Programm "Beschäftigung + Arbeitsintegration" der Stadt Wetzikon betrieben. Bild: Pascal Turin