Wir bleiben dran

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  • 7 Minuten

    Aufmerksamkeit ist ihr wichtig – aber nicht um jeden Preis

    Andrea Grossen-Aerni sitzt an einem kleinen Gartentischchen. Sie trägt einen Schal und eine dicke Winterjacke. Sie lächelt in die Kamera.Die Wetziker Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni (52) ist seit über 30 Jahren Mitglied der EVP. Bild: Pascal Turin

    Die EVP fällt selten medial auf – was wohl vor allem ihrer Grösse geschuldet ist. Das heisst aber nicht, dass ihre Vertreterinnen und Vertreter keine klare Haltung haben. Eine von ihnen ist die Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni. Sie steht für ein respektvolles Miteinander und will in Wetzikon Schulpräsidentin werden.

    Das Café Sam an der Motorenstrasse im eher trostlosen Wetziker Industriegebiet wirkt wie eine Oase in der Wüste. Betrieben wird es von der Stiftung Ancora-Meilestei, die Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen sowie mit psychischen, kognitiven oder sozial bedingten Beeinträchtigungen unterstützt und fördert. Das gemütliche Lokal ist wie ein Wohnzimmer eingerichtet – hier fühlt man sich sofort wohl.

    Andrea Grossen-Aerni hat an einem der Tischchen Platz genommen. Vor ihr steht eine kleine Flasche Vivi Kola Zero. An einem langen Tisch arbeiten zwei junge Frauen an ihren Laptops, am Nebentisch plaudern zwei Freundinnen über Alltägliches und ein Hund liegt seelenruhig neben ihnen auf dem Boden. Im Café Sam ist die Wetzikerin, die in der Siedlung Wigarten im Stadtteil Kempten wohnt, regelmässig. „Hier darf jeder sein so wie er oder sie ist. Man wird einfach respektiert“, erklärt die EVP-Kantonsrätin. Und die Stiftungsrätin der Stiftung Ancora-Meilestei ergänzt: „Das finde ich sehr schön.“ 2024 rückte die Dozentin an der Höheren Fachschule für Sozialpädagogik im bündnerischen Zizers für Beat Monhart ins Kantonsparlament nach.

    „Regierungsräte sind keine Joghurts, die man bei Verfallsdatum vorsorglich entsorgt, nur weil es so auf der Packung steht“, sagt Andrea Grossen-Aerni.


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    Die EVP ist die ultimative Kleinpartei

    Über 100 Jahre gibt es die Partei bereits. „Seit 1919 mischt die Evangelische Volkspartei in der Schweizer Politik mit“, schrieb vor einigen Jahren das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) auf seiner News-Website. Grosse Schlagzeilen mache die EVP aber selten. „Sie ist sozusagen die ultimative Kleinpartei“, urteilte das SRF. Ein Image, das der EVP durchaus zu passen scheint. Im Kantonsparlament spielt sie mit ihren sieben Vertreterinnen und Vertretern häufig das Zünglein an der Waage – was ihr aber je nach Thema von linker oder rechter Seite schon den Vorwurf als passive Mehrheitsbeschafferin eingebracht hat.

    Für Andrea Grossen-Aerni ist klar: „Unser Ziel ist es, ausgewogene Lösungen zu finden, was aber wegen der Polarisierung zwischen Links und Rechts nicht immer gelingt.“ Der Wetzikerin ist durchaus bewusst, dass ihre Partei gerade im Hinblick auf die kantonalen Wahlen im Jahr 2027 für mehr Aufmerksamkeit sorgen muss. „Als kleine Fraktion ist es schwierig, wahrgenommen zu werden“, sagt die Kantonsrätin. Die Medien würden der EVP häufig wenig Beachtung schenken.

    Doch wichtiger als Aufmerksamkeit um jeden Preis ist ihr, ziel- und lösungsorientiert mit anderen zusammenzuarbeiten. „Ich stehe für ein respektvolles Miteinander ein“, so die Politikerin, die in Wallisellen und Neftenbach aufgewachsen ist. Es bringe aus ihrer Sicht wenig, einfach einen Vorstoss einzureichen, nur um gehört zu werden – quasi als Zeichen an die Wählerschaft. „Dann macht man noch ein Video und gibt den Leuten das Gefühl, dass man sich als Politikerin für ein Anliegen wahnsinnig einsetzt.“ Sie wolle etwas bewirken und das gehe vor allem in Zusammenarbeit mit anderen Parteien.

    Trotzdem dürfte sie eine kleine Adelung des „Tages-Anzeigers“ sicher gefreut haben, als es um eine Amtszeitbeschränkung für Regierungsrätinnen und Regierungsräte ging. Die SP wollte mit einer parlamentarischen Initiative erreichen, dass nach zwölf Amtsjahren Schluss ist. Doch die Idee scheiterte. „Den lustigsten Vergleich brachte Andrea Grossen-Aerni (EVP) fast am Ende der Debatte“, schrieb die Tageszeitung: „Regierungsräte sind keine Joghurts, die man bei Verfallsdatum vorsorglich entsorgt, nur weil es so auf der Packung steht.“

    Sie ist viel mit dem Velo unterwegs – ein Auto hat Andrea Grossen-Aerni nicht. Bild: Pascal Turin

    GLP, EVP und Mitte bilden Brücke-Fraktion

    Grossen-Aerni ist bereits über 30 Jahre in der EVP. Dies, obwohl sie nicht in einer politischen Familie aufgewachsen ist. Am Esstisch habe man in ihrer Kindheit kaum über Politik geredet. Trotzdem sagt sie: „Die Partei ist meine politische Heimat.“ Die Bedeutung der Politik sei ihr erst während des Studiums der Sozialen Arbeit bewusst geworden. „Immer wenn es um soziale Probleme wie Armut, Schulden oder Erwerbslosigkeit geht, hat das individuelle Ursachen. Aber es spielen auch die strukturellen und politischen Rahmenbedingungen eine grosse Rolle“, erklärt die 52-Jährige. Entscheidend sei zum Beispiel, ob man einen gut bezahlten Job habe oder nicht, und wie man bei einem Unfall versichert sei. „Ich habe früh gemerkt, dass es wichtig ist, auf der politischen Ebene aktiv zu sein, um sich für den einzelnen Menschen einsetzen zu können“, führt sie aus.

    Als ihr Entscheid reifte, sich politisch engagieren zu wollen, habe sie von allen Parteien Prospekte bestellt und sich am Ende für die EVP entschieden. „Was mir immer noch entspricht, ist, dass wir eine Zentrumspartei sind“, sagt Grossen-Aerni. Zentrumspartei darum, weil die Mitte (ehemals CVP und BDP) den Begriff Mittepartei nun quasi für sich gepachtet hat. „Im Wetziker Parlament haben wir eine Fraktion mit der Mitte und der GLP. Wir sind eine dritte, eigenständige Kraft“, betont sie. Passenderweise bezeichnet sich der GLP-Mitte-EVP-Zusammenschluss selbst als Brücke-Fraktion. Ein Erfolgsmodell, welches vielleicht auch im Kantonsrat Sinn machen würde. Dort sind die Grünliberalen, die Mitte und die EVP als Einzelmasken unterwegs, bilden eigene Fraktionen und arbeiten weniger eng zusammen.

    „Stellen Sie sich vor, Sie sind zwölf, dreizehn oder vielleicht schon vierzehn Jahre alt. Ohne Gerichtsverfahren, ohne Verbrechen, ohne jegliches Mitspracherecht werden Sie eingesperrt wie eine Kriminelle“, so Andrea Grossen-Aerni.

    Sie setzt sich für Weggesperrte und Fremdplatzierte ein

    Auf ihrer Website berichtet die Mutter eines Teenagers und Hasenmama regelmässig über Themen, die ihr am Herzen liegen. So empfiehlt sie etwa das Buch „Knappheit“ des amerikanischen Ökonomen Sendhil Mullainathan und des amerikanischen Psychologen Eldar Shafir. „Wenn Geld, Zeit oder Energie fehlen, fokussiert das Gehirn nur noch auf das dringendste Problem. Dieser Tunnelblick reduziert die geistige Bandbreite und erschwert Planung, Priorisierung und langfristiges Denken“, schreibt Grossen-Aerni in ihrem Blog.

    Ein wichtiges Anliegen ist der Vizepräsidentin der EVP Wetzikon zudem die Entschädigung der Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierung im Kanton Zürich. Diese erhalten neu einen Solidaritätsbeitrag von 25’000 Franken, welchen sie zusätzlich zu den 25’000 Franken des Bundes beantragen können. Der Kantonsrat hatte Anfang Dezember einen Gesamtbetrag von 20 Millionen Franken bewilligt.

    Der Entscheid geht zurück auf ein dringliches Postulat der Kantonsrätinnen Lisa Letnansky (AL), Mandy Abou Shoak (SP), Silvia Rigoni (Grüne), Andrea Gisler (GLP) und eben Andrea Grossen-Aerni. „Stellen Sie sich vor, Sie sind zwölf, dreizehn oder vielleicht schon vierzehn Jahre alt. Ohne Gerichtsverfahren, ohne Verbrechen, ohne jegliches Mitspracherecht werden Sie eingesperrt wie eine Kriminelle“, erinnerte die Wetzikerin im Kantonsparlament an dieses dunkle Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte.

    Wetziker Kinder sollen gern in die Schule gehen

    Seit 2020 sitzt Grossen-Aerni im 36-köpfigen Parlament der Stadt Wetzikon, in der rund 27’000 Einwohnerinnen und Einwohnern leben. Als Vizepräsidentin der Fachkommission II ist sie für die Bereiche Alter, Bevölkerung, Bildung, Gesundheit, Jugend, Kultur, Sicherheit, Sport und Soziales zuständig. Nun möchte die Politikerin in die Exekutive. Sie kandidiert als Schulpräsidentin, was gleichzeitig einen Sitz im Stadtrat bedeutet. „Ich kandidiere, weil ich alles mitbringe, was eine Schulpräsidentin braucht“, sagte die EVP-Politikerin an einer Medienkonferenz. Sie wolle sich für jedes einzelne Kind in Wetzikon einsetzen und sie wünsche sich, dass jedes Kind gern in die Schule gehe. „Gute Schulen sind wichtig für Wetzikon“, schloss Grossen-Aerni.

    Ihr Konkurrent um das Schulpräsidium ist Thomas Ineichen von der FDP. Der Präsident des Verbands Zürcher Musikschulen will seinen Parteikollegen Jürg Schuler beerben, der nicht mehr antritt. Als Mitglieder der Schulpflege sind beide bereits gewählt. Es erfolgte eine sogenannte stille Wahl, weil nicht mehr Kandidierende als Sitze zur Verfügung standen. Für das Präsidium der Schulpflege findet der Urnengang am 12. April 2026 statt. „Falls ich gewählt werde, bleibe ich Kantonsrätin. Bildungspolitik ist Sache der Kantone – im Kantonsrat werden darum Entscheidungen gefällt, die grossen Einfluss auf die Gemeinden haben“, erklärt Politikerin Grossen-Aerni. Aus ihrer Sicht würden sich die Ämter darum ideal ergänzen.

    Im Café Sam dürfen alle so sein, wie sie sind. Kantonsrätin Andrea Grossen-Aerni hat diesen Satz zwar nicht als politisches Programm formuliert – er passt dennoch. Im Wetziker Kafi ist jede und jeder willkommen. Man geht respektvoll miteinander um. Ein Vorbild also für die Politik?


  • 8 Minuten

    Täterschutz in der Kulturbranche: Wer Talent hat, darf auch übergriffig sein

    Auf dem Bild ist der Platz zu sehen, wo Lara Alina Hofer ihre Kolumne geschrieben hat, im Rathuus-Büro an der Stauffacherstrasse 180 in Zürich.Unsere Autorin Lara Alina Hofer kritisiert den Kulturkuchen aus eigener Erfahrung. Bild: Lara Alina Hofer

    Eine Rezension über den Roman „Gaslicht“ von Jessica Jurassica wird zum Dialog mit ihr. Die Autorin schreibt darin über Gewalt, Trauma und Übergriffe in der Kulturbranche. Kolumnistin Lara Alina Hofer (23) reflektiert dazu über eigene Erfahrungen in Zürich – und hat es satt, um den heissen Brei zu reden. 

    Man weiss gar nicht so recht, wo man anfangen soll. Was man sagen soll. Wie dieses Auf-die-Lippen-beissen und ratlos den Kopf schütteln der Männer, wenn die Frauen von ihren Gewalterfahrungen erzählen. Man kommt in Versuchung, um den heissen Brei zu reden. Doch: „Das Zur-Gewalt-Schweigen ist immer auch systematisch, und mit ihm einher geht das Zum-Schweigen-Bringen.“ Also rein da. 

    Zürich hat ein Täterschutzproblem. Im Grunde die ganze Schweiz – und aus meiner Sicht und Erfahrung – auch die Kulturbranche. Wie die Appenzeller Autorin und Musikerin Jessica Jurassica (32) in ihrem neuen Roman „Gaslicht“ aufarbeitet, ist die Schweizer Kulturbranche von #MeToo-Fällen durchzogen – und noch immer werden sie verschwiegen, verdreht und halbherzig aufgearbeitet. „Es ist halt einfacher, so zu tun, als wäre nie etwas passiert, als sich der patriarchalen Normalität zu verweigern, und die ausgeübte Gewalt und deren tatsächliche Grausamkeit anzuerkennen“, schreibt sie.

    Aufbruch, das Weltbild zu dekonstruieren

    In ihrem Buch erhebt Jessica Jurassica, die 2020 einen Sex-Roman über Bundesrat Alain Berset veröffentlicht hat, ihre Stimme und sagt: „Ich will dieses Weltbild, das über mich gestülpt wurde, dekonstruieren.“

    Der Buchtitel basiert auf der Erkenntnis: „Wir leben in einem Land, das auf Gaslighting aufgebaut ist. Wir leben in einer Gaslight Nation.“ Gaslighting ist eine Form der Manipulation, bei der eine Person die Wahrnehmung, das Gedächtnis und den Verstand einer anderen Person gezielt manipuliert, damit diese an sich selbst zweifelt – um Macht und Kontrolle zu gewinnen. Dazu veröffentlichte sie den Song „Gaslight Nation“, den ich wärmstens zu hören empfehle. 

    Zu sehen ist der Einband des Buches "Gaslicht" der Autorin Jessica Jurassica.Sie schrieb einen Roman, der grosse Wellen schlug. In der Kulturszene, aber auch in der Politik. Jessica Jurassic, was das Pseudonym einer Appenzeller Autorin ist. Bild: Lara Alina Hofer

    Im Kontext heisst das: Frauen werden durch Manipulation und patriarchale Strukturen dazu gedrängt, an sich selbst, ihren Wahrnehmungen und ihren (übergriffigen) Erfahrungen zu zweifeln. Damit sie schweigen. Damit sich systematisch nichts ändern muss. Damit die Mächtigen ihre Macht behalten und die Opfer allein und individuell bleiben. Doch: „Wenn Trauma ein gesellschaftliches Problem ist, und das ist es tatsächlich, kann die Genesung nicht eine private, individuelle Angelegenheit sein.“ 

    Ich setze mich jetzt auf den Beichtstuhl. Ich wasche mich rein. Ich lasse die Altlasten im alten Jahr. 


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    Meine Beichte

    Als Künstlerin und Schreiberin bin auch ich Teil von kulturellen Institutionen in Zürich. Eine davon bringt junge Leute zusammen und bietet verschiedene Kurse an. Den Namen der Institution nenne ich nicht. In meiner Gruppe befand sich ein Mann, der Frauen manipuliert und emotionale sowie sexualisierte Gewalt auf sie ausgeübt hat. Sowohl auf mich als auch auf andere Personen hat er Gewalt ausgeübt.

    Lange unbemerkt. 

    Ich sah dieses Programm, und wieder war ich wütend, traurig und enttäuscht. Während ich diesen Raum, der darin versagt hatte, mir Schutz zu bieten, hinter mir lassen musste, würde er wieder dort auf der Bühne stehen, als wäre nie etwas gewesen.“

    „Viele von uns hüten schon so lange das Geheimnis, zu dem die Gewalt gemacht worden war. Wir wussten gar nicht, wie das gehen sollte, das Schweigenbrechen, das Geheimnislüften. Es schien keine Präzedenzfälle zu geben, jedenfalls nicht in der Schweiz, hier wurden Geheimnisse gehütet wie die Weltmeister.“

    Als die Vorfälle ans Licht kamen und die Gruppenleitung davon erfuhr, wurde der Mann zwar (inoffiziell) aus unserer Gruppe ausgeladen, nicht aber aus der Institution und allen anderen Angeboten. Dort geht er bis heute frischfröhlich ein und aus, wird an Events auf die Bühne gestellt, moderiert Veranstaltungen, sitzt in der Jury und darf seine (teilweise übergriffigen) Texte promoten. Dieselben Leute, die den Fall mit den Opfern „aufgearbeitet“ haben, applaudieren ihm, machen Werbung für ihn (auch bei den Opfern) und sind mächtig stolz auf ihn.

    „Ein Jahr nachdem ich die erlebte Gewalt adressiert hatte, sah ich, dass der Täter im Programm jener Kulturinstitution stand, in der ich fünf Jahre lang gearbeitet hatte. Ich sah dieses Programm, und wieder war ich wütend, traurig und enttäuscht. Während ich diesen Raum, der darin versagt hatte, mir Schutz zu bieten, hinter mir lassen musste, würde er wieder dort auf der Bühne stehen, als wäre nie etwas gewesen.“

    „Unter dem Vorwand, Talent zu fördern, werden Übergriffe und Gewalttaten toleriert und akzeptiert.“

    Der Teufelskreis des Täterschutzes

    Der Grund: Er hat Talent. Er kommt gut an beim Publikum. Er hat eine renommierte Institution besucht, die gut aussieht im Programmheft. Institutionen schützen Institutionen. Das ist der Teufelskreis des Täterschutzes. Ganz nach dem Motto: Wer Talent hat, darf auch übergriffig sein. Unter dem Vorwand, Talent zu fördern, werden Übergriffe und Gewalttaten toleriert und akzeptiert.

    „Leute, die sich gewaltvoll und misogyn verhalten haben, und dafür nie nennenswerte Konsequenzen erfahren haben, spielten Shows an Orten, an denen von Gewalt Betroffene sich eigentlich zugehörig und sicher fühlen sollten.“

    Die Forderung, den Mann aus der Institution auszuschliessen, wurde abgelehnt. Die Begründung: Man habe keine Verantwortung. Man sei ein freiwilliges Angebot. Dies, obschon die Institution öffentliche Gelder bezieht. Die Opfer müssten lernen, mit dem Täter umzugehen. Nicht gleich durchzudrehen, wenn sie ihm begegnen. Stattdessen in Therapie gehen. Und das Datingleben sei sowieso eine Privatangelegenheit.

    „In jenem Umfeld, in dem die Gewalt stattgefunden hat, scheint man noch immer keine Ahnung zu haben, was genau ‚vorgefallen‘ ist. Es war immer noch die Rede von ‚der Situation‘, sogar von ‚enttäuschter Liebe‘, obwohl es gar keinen romantischen Kontext gab, denn scheinbar musste es sich um Liebe handeln, wenn so grosse Verletzungen im Spiel sind, denn in einer patriarchalen Welt gehören Liebe und Gewalt zusammen.“

    „Hat überhaupt jemand Anzeige erstattet? Hat er dich denn vergewaltigt?“

    Und überhaupt, fragte man mich im Klärungsgespräch, zu dem ich gezwungen wurde, weil ich sonst aus der Institution ausgeschlossen worden wäre: Hat überhaupt jemand Anzeige erstattet? Hat er dich denn vergewaltigt?

    „Die Idee des physischen sexuellen Übergriffs, der Vergewaltigung, als einziger Form der sexualisierten Gewalt ist ein Rape-Culture-Mythos. Als wären die Erniedrigungen, die geschlechterspezifische psychische und physische Gewalt keine Formen der sexualisierten Gewalt – ganz abgesehen von den sexistischen Aussagen und misogynen Handlungen, der Sexualisierung und Objektivierung von Frauen.“

    Zum Klärungsgespräch wurde auch der Täter eingeladen, damit er in Ruhe seine Sicht auf die ausgeübte Gewalt schildern darf. 

    „Ich halte nichts davon, mit dem Täter zu reden. Ihm einen Raum zu geben, meine Gewalterfahrung aus seiner Perspektive zu erzählen und diese Erzählung unwidersprochen mit allen verdrehten Tatsachen und Verharmlosungen weiterzuverbreiten.“ Heute geht er im Haus ein und aus, als wäre nie etwas passiert. 

    Ich fordere Einsicht und Verantwortungsgefühl

    So darf es nicht weitergehen. Als Erstes braucht es Einsicht. Zuständige Personen in Institutionen müssen einsehen, dass ein Problem besteht und dass sie Teil davon sind. Es braucht ein Verantwortungsgefühl. Zuständige Personen müssen lernen, dass es ihre Verantwortung ist, bei #MeToo-Fällen richtig zu handeln und sie vorzubeugen. Dann braucht es Vorsicht und Rücksicht. Solidarität mit den Opfern, nicht mit den Tätern. Im Zweifel für die Opfer statt „In dubio pro reo“ (Im Zweifel für den Angeklagten).

    „Aufarbeitungsprozesse, bei denen nicht eine aufrichtige Entschuldigung, ein Eingeständnis und transparente Kommunikation mit betroffenen Personen an erster Stelle kamen, waren nichts als Damage Control – Bemühungen, den eigenen Ruf zu stabilisieren.“

    Es braucht konsequente Konsequenzen

    Es braucht konsequente Konsequenzen. Den Ausschluss von Tätern aus Institutionen. Es braucht ein Bewusstsein dafür, wie viel Schaden angerichtet wird, wenn Täter weiterhin aktiv promotet werden und bedingungslos eine Bühne erhalten. Man ermöglicht damit aktiv weitere Traumatisierungen und Übergriffe. Man sagt damit, dass man die emotionalen und sexualisierten Gewalttaten toleriert und dass Männer ohne nennenswerte Konsequenzen damit davonkommen. 

    Auf dem Bild zu sehen ist eine Mandarinen-Schale, die symbolisch steht für die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche - und der Frau.Das Buchcover ziert eine geschälte Mandarine. Stück für Stück schält Jessica Jurassica auch literarisch die verbotene Frucht. Bild: Lara Alina Hofer

    Brei ist für Babys

    Dass sich die Erfahrungen von Jessica Jurassica und mir überschneiden, zeigt, dass wir ein strukturelles Problem haben und längst nicht mehr von Einzelfällen und individuellen Schicksalen reden dürfen.

    Es bleibt keine Zeit mehr für Schritt für Schritt. Es muss jetzt gerannt werden. Der Verantwortung, Aufarbeitung und Konsequenz entgegen. Wir dürfen jetzt nicht mehr um den heissen Brei reden. Brei ist für Babys. Für Kleinkinder. Wir müssen jetzt in den sauren Apfel beissen. Und wer ins Zittern kommt und nicht weiss, wo er anfangen soll, kann Jessica Jurassica lesen. 

    Mein Fazit: „Wer sich konsequent zu Gewalt verhält und diese mit all ihren furchtbaren Konsequenzen benennen will, der muss radikal mit den Strukturen brechen, in denen sie stattfindet, wenn die darin aktiven Individuen keinen Willen zur Aufarbeitung und Änderung zeigen. Und nicht selten auch, wenn ein Wille vorhanden ist.“


    Lara Alina Hofer (geboren 2001 in Biel/Bienne) ist Poetin, Autorin und Künstlerin. Im Sommer 2025 schloss sie ihr Kunststudium in Zürich ab. Lara arbeitet mit Text und Sprache. Sie ist nie ohne Notizbuch und Stift anzutreffen. Ihre Arbeiten reichen vom Gedicht über Kurzgeschichten bis zu poetischen Kurzfilmen. Sie schreibt seit 2025 bei Rathuus.


  • Wie schon Ex-Stapi Elmar Ledergerber: Mit diesem Slogan will Raphael Golta in Zürich gewinnen

    "Du wählst, ich handle" lautet der Claim auf dem WoZ-Inserat von Raphael Golta. Er kandidiert fürs Stadtpräsidium in Zürich.Preaching to the choir: SP-Stadtrat Raphael Goltas Inserat in der linken "Wochenzeitung WOZ". Bild: Lorenz Steinmann

    Jetzt geht der Wahlkampf um das Zürcher Stadtpräsidium in die heisse Phase: Während FDP-Kandidat Përparim Avdili mit frechen Sujets überzeugen will, setzt SP-Stadtrat Raphael Golta darauf, dass ihm die Wählerschaft vertraut. Das hat er offensichtlich von seinem prominenten Vorvorgänger Elmar Ledergerber abgeschaut.

    In der Stadt Zürich wiederholt sich die Geschichte: „Der Stadtpräsident für alle.“ Mit genau dem gleichen Wahlslogan wie aktuell Raphael Golta hatte schon Elmar Ledergerber (beide SP) Erfolg. Vor 24 Jahren. Da kann eigentlich nichts schiefgehen. Obwohl Golta ein klein wenig mehr Mut zeigt als Ledergerber damals. Dieser wählte nämlich ein eher bürgerlich wirkendes Blau als Grundfarbe seiner Kampagne, im Gegensatz zu Golta, der auf ein sozialistisch eingefärbtes Rot als Hintergrundfarbe setzt. Wird trotzdem alles seinen Lauf nehmen wie vor gut einem Vierteljahrhundert?

    Kleine Rückblende in die Jahrtausendwende: Die SP sass schon damals fest im Sattel. Elmar Ledergerber war zuvor vier Jahre lang Hochbauvorsteher, als er im März 2002 im ersten Wahlgang fürs Stadtpräsidium mit Abstand am meisten Stimmen holte. Zu ersetzen war Josef Estermann, der krankheitshalber nicht mehr für eine vierte Amtsperiode antrat. Neben Ledergerber hatten sich Rolf André Siegenthaler (SVP), Monika Stocker (Grüne), sowie Martin Vollenwyder (FDP) beworben. Für den zweiten Wahlgang zogen Stocker und Vollenwyder ihre Kandidaturen zurück. Elmar Ledergerber gewann die Wahl locker; er erzielte dreimal mehr Stimmen als Rolf André Siegenthaler, der später immerhin als Berufsoffizier Karriere machte.

    Auf dem Bild sind die drei aktuellen Plakate des FDP-Kandidaten fürs Stadtpräsidium in Zürich zu sehen.Sie fallen auf, die Plakate des Golta-Herausforderers Përparim Avdili (FDP). Bild: zvg


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    Golta gibt ein Lebenszeichen von sich

    Jetzt aber zurück in die Gegenwart. Wir schreiben den 29. Dezember 2025. In der Öffentlichkeit ist nur wenig vom bevorstehenden Wahlkampf in Zürich zu spüren. Dabei finden die Gesamterneuerungswahlen schon am 8. März 2026 statt. Immerhin hat Kronfavorit Raphael Golta eine Duftmarke abgegeben, indem sein Werbesujet eben in der linken „Wochenzeitung WOZ“ geschaltet wurde. Von aussen betrachtet hat es der 50-jährige Sozialvorsteher (seit 2014) nicht einfach. Der eher stille Schaffer gilt nicht als besonders populär und Repräsentationspflichten sind ihm eher fremd. Doch das war bekanntlich bei der aktuellen SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch nicht anders.

    Gemäss einer Umfrage des Onlineportals Tsüri vom Oktober ist der Mist sowieso geführt. Golta wird demnach mit grossem Abstand gewählt. Ist das vielleicht der Grund, warum die SP überraschend ruhig ist? So passieren keine Fehler und es bleibt alles, wie es ist, sind sich Politikexperten einig.

    FDP-Konkurrent Përparim Avdili will allerdings nicht klein beigeben. Schon im Sommer sorgte er für Schlagzeilen mit seinen durchaus erfrischenden und frechen Plakatsujets. Entwickelt wurde die Kampagne, die noch bis Ende des Jahres in der Stadt zu sehen ist, von den bekannten Werbern David Schärer und David Wember der Kommunikationsagentur DS Studio. Schärer sagte gegenüber dem Branchenmagazin persoenlich.com, die Kampagne soll in einem ersten Schritt eines deutlich machen: „Diese sozialdemokratische Thronfolge ist kein Naturgesetz.“

    Zu sehen ist Serap Kahriman. Die GLP-Politikerin kandidiert fürs Stadtpräsidium in Zürich.Die weibliche Alternative Serap Kahriman. Die GLP-Politikerin kandidiert auch fürs Stadtpräsidium. Bild: zvg

    Der Konkurrenz fehlt offensichtlich der Mut

    Doch Naturgesetz hin oder her: Die anderen ernstzunehmenden Personen, die ebenfalls fürs Stadtpräsidium kandidieren, verhalten sich in der letzten Altjahreswoche (noch) merkwürdig ruhig. Immerhin sorgt GLP-Kandidatin Serap Kahriman mit ihrem Slogan „Wenn schon Mann, dann Kahriman.“ für ein Lächeln. Selbstredend spricht sie auf das Dilemma an, dass sie die einzige weibliche Kandidatin fürs Stadtpräsidium ist, zumindest einer grösseren Partei.

    Kahriman fehlt aber offensichtlich der Mut, ähnlich wie Përparim Avdili auf den Mann zu zielen und das SP-interne Seilziehen zwischen Golta und Kantonsrätin Mandy Abou Shoak zu thematisieren. Nicht wenige linkswählende Zürcherinnen und Zürcher würden sich eigentlich darauf freuen, erstens eine Frau und zweitens eine Vertreterin des multikulturellen Zürichs zu wählen.

    Der SVP-Kantonsrat Ueli Bamert scheint ebenfalls nicht wirklich an seine Wahlchancen zu glauben. Es gibt noch nicht einmal eine separate Website zur Stadtrats- und Stadtpräsidiumskandidatur des Leiters Kommunikation und Politik bei Avenergy Suisse. Das ist der Interessensverband der Importeure flüssiger Brenn- und Treibstoffe. Dass Bamerts E-Mail-Adresse vom Uraltanbieter Hotmail gehostet wird, ist ein zusätzlicher Schmunzler wert. Hotmail war in den späten 90ern und frühen 2000ern einer der beliebtesten kostenlosen Webmail-Dienste und gilt heute nicht mehr wirklich als cool. „Was denkt ein potentieller Arbeitgeber über einen Hotmail-Account?“, fragte einst das „Süddeutsche Zeitung Magazin“.

    Aber lassen wir das Thema E-Mail-Anbieter. Die Wahlcouverts werden schon in gut fünf Wochen in die Briefkästen der Stadtzürcher Haushalte flattern. Wahltag ist am 8. März 2026. Dann wird sich entscheiden, ob die Wahlberechtigten punkto Stadtpräsidium auf Nummer sicher gehen und den Sozialdemokraten Golta wählen oder ob sie bereit sind, einer Vertreterin oder einem Vertreter einer anderen Partei das Vertrauen zu schenken.


  • 1 Minute

    Bye bye 2025: Das Jahr, das war

    Zwei Männer (Pascal Turin und Lorenz Steinmann) halten Sektgläser in der Hand und stossen lächelnd an.Anstossen auf ein erfolgreiches Jahr (v. l.): Pascal Turin und Lorenz Steinmann sind happy. Bild: Stephanie Turin

    Das Jahr 2025 ist in wenigen Tagen vorbei – Zeit für einen Rückblick. Lorenz Steinmann und Pascal Turin diskutieren in der 23. Folge des Rathuus-Podcasts ausserdem über die grösste Zürcher Steuersenkung seit über zwanzig Jahren.

    Der Zürcher Kantonsrat hat beschlossen, dass die Steuern von 98 auf 95 Prozent sinken. In der 23. Folge des Rathuus-Podcasts sprechen Lorenz Steinmann und Pascal Turin über Sinn und Unsinn dieser Massnahme. Die Steuerfusssenkung um drei Prozentpunkte treibt nämlich das budgetierte Defizit stark in die Höhe. Die Rathuus-Gründer fragen sich darum, wer von den tieferen Steuern profitiert und welche Investitionen nun zurückgestellt oder ganz gestrichen werden müssen.

    Ausserdem stossen Lorenz und Pascal mit einem Gläschen Rimuss Rosé an und schauen zurück auf das vergangene Jahr – immerhin das Gründungsjahr des Online-Politikmagazins Rathuus. Die Podcast-Gastgeber geben Auskunft darüber, was sie 2025 besonders bewegt hat. Sie verraten auch, mit welcher inneren Haltung sie auf das kommende Jahr blicken. Wenn vielleicht der Rückblick wegen der komplizierten Weltlage nicht immer nur positiv ist, freuen sich Lorenz und Pascal dafür umso mehr auf die anstehenden Monate. Mit der richtigen Einstellung sieht die Welt doch schon wieder etwas freundlicher aus.

    Und dann gibt es noch eine kleine Überraschung für alle, die es bis zum Ende der Folge durchhalten.

    Wie und wo kann man den Podcast hören?

    Der Rathuus-Podcast ist exklusiv für Abonnentinnen und Abonnenten zugänglich. Klicke hier, wenn du mehr zu unseren Abos erfahren möchtest.


  • 4 Minuten

    Absitzen, essen, gehen – Zürichs neue Restaurantkultur

    Zu sehen auf dem Bild ist das Restaurant Lulu beim Opernhaus Zürich. Das wegen seiner Farbe und form auch "Fleischkäse" genannte Restaurant wird seit etwa 16 Monaten vom Gastronomen Michel Péclard geführt.Das Restaurant Lulu am Sechseläutenplatz in Zürich: Wenn einer der Rathuus-Redaktoren essen geht, dann hat er was zu erzählen. Bild: Lorenz Steinmann

    Wenn die Stadt Zürich Michel Péclard ein Lokal verpachtet, kann eigentlich nichts schiefgehen. Das ist schon seit der „Pumpstation“ vor über 35 Jahren so. Doch wie der Gastronom mit Gästen im Restaurant Lulu direkt beim Opernhaus umgeht, ist gewöhnungsbedürftig. Ein Kommentar.

    Ein Samstagabend um 18 Uhr vor einigen Wochen. Der Schreibende hatte abgemacht mit seinem Schwager. Feines Essen, guter Wein, tiefgründige Gespräche. Bei der Reservation fürs Restaurant Lulu beim Opernhaus in Zürich hiess es im Online-Reservationstool, ob man später in die Oper oder ins Theater wolle. Antwort: Nein. Und so klickte ich mich durchs Menü und sagte auch stirnrunzelnd zu, dass ich 100 Franken zahle, wenn ich nicht erscheine.

    So weit, so gut. Das „Lulu“, über dem Bernhard-Theater gelegen, präsentierte sich ohne das früher eher steife Ambiente, dafür mit viel Kunst an den Wänden und einem selbstspielenden Klavierflügel. Das der Stadt Zürich gehörende Lokal wird seit gut 15 Monaten vom Gastrounternehmen von Michel Péclard geführt. Vorher lief das Edelrestaurant, das auch schon „Bernadette“ oder „Belcanto“ hiess, nie wirklich gut. Péclard gilt als Winnertyp, dem beruflich meistens alles gelingt. Begonnen hatte er seine Karriere 1998, als er ebenfalls von der Stadt Zürich das WC-Häuschen am See beim Bellevue mietete und daraus die bis heute florierende Goldgrube „Pumpstation“ schuf.


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    Und jetzt also wir im „Lulu“. Die Bedienung zuvorkommend, ein schöner Tisch am Fenster mit Blick über den See. Der Hauptgang (Filet mignon à 62 Franken und Sole meunière à 58 Franken) war genossen, die Mousse au Chocolat à 16 Franken bestellt. Doch um 19.40 Uhr brach plötzlich Hektik aus beim Servierpersonal. Kaum war das Dessert da, hiess es, man müsse zahlen. Der Tisch sei für eine Gruppe auf 20 Uhr reserviert.

    Dem Personal war es sichtlich peinlich. Weil die Flasche Tessiner Merlot (95 Franken) noch zu einem Drittel voll war, mussten wir insistieren. Und so wurden wir an die Bar beim Eingang bugsiert und schlürften unser letztes Glas halb stehend. Die Rechnung über 290 Franken hatten wir schon beglichen.

    Lieber lachen als schimpfen

    Wir lassen die ganze Sache lachend über uns ergehen. Wenn man wegen so etwas sauer wird, dann hat man ein zu grosses Ego.

    Und doch: Heute kam mir die Geschichte wieder in den Sinn. Auch die Antwort von Michel Péclard, dem Besitzer der gut 15 Péclard-Restaurants, zu denen auch das „Lulu“ gehört. Sie war ohne Zweifel offen und ehrlich.

    Zu sehen ist der Gastronom Michel Péclard.Der Erfolgsgastronom Michel Péclard wehrt sich und sagt, alles sei transparent abgelaufen. Bild: zvg

    „Wir investieren in die Weihnachtsbeleuchtung, Zelt, Kugel, alles zusammen 300’000 Franken pro Jahr. Das Ganze ist unglaublich teuer. Sie wissen ja auch, wie es momentan um die Gastronomie steht.“ Und weiter: „Damit wir diese Kosten irgendwie relativieren können, machen wir drei Seatings. Das können wir, da die Operngäste meist schon um 17.00 Uhr kommen und die anderen ab 22.00 Uhr. Das ist für uns natürlich ein Segen.“

    Laut Michel Péclard soll ich eine Bestätigung erhalten haben. Péclard: „Auf dieser Bestätigung steht genau, dass Sie den Tisch entweder von 17.00 bis 19.00 und 19.00 bis ca. 21.00 Uhr etc. haben. Also einfach zwei Stunden. Das bestätigen Sie ja auch bei der Reservation.“

    Nun gut, wohl mein Fehler. Ich habe aber heute das Reservierungsprozedere nochmals durchgespielt. Die Meldung mit den zwei Stunden erscheint kurz – aber erst ganz am Schluss, wenn man die Reservierung längst abgeschlossen hat. Bei der Bestätigung per E-Mail steht dann wieder nichts mehr von einem Zeitslot. Man kauft also quasi die Katze im Sack.

    Anders macht es beispielsweise das Restaurant „Lou’s Comfort Food“ im Kreis 3. Dort steht in der Bestätigungs-E-Mail klar: „Bitte beachte, dass Euer Tisch für 2 Stunden reserviert ist.“ Man solle das Restaurant kontaktieren, falls man länger bleiben möchte.

    Zu sehen ist die Reservationsbestätigung des Lulu, ohne Zeitslot.Auf der Reservationsbestätigung per E-Mail steht nichts von einem Zeitfenster. Bild: Lorenz Steinmann

    Für Michel Péclard hingegen hat alles seine Ordnung. Er verweist zudem auf die „Kronenhalle“ und Gastronom Nenad Mlinarevic („Bauernschänke“, „Brasserie Süd“, „Neumarkt“), „die dasselbe machen mit den 2-Stunden-Spots“.

    Péclard rät zum Schluss: „Nächstes Mal nehmen Sie doch einen Tisch ab ca. 20.30 Uhr – dann sind Sie sicher der letzte Tisch und können sitzen bleiben. Ich persönlich finde aber auch die Bar enorm schön. Nicht?“

    Und die Moral von der Geschicht? Beim Onlinebuchen muss man wirklich alle Infos ganz genau durchlesen – um Enttäuschungen zu vermeiden. Alternativ kann man einfach später essen gehen. Oder in die gute, normale Beiz ums Eck ausweichen (solange es diese noch gibt), in der man ohne Reservation einen Platz bekommt.


  • 4 Minuten

    Ho-la-di-o! Jodeln auf Hochschulniveau

    Ein älterer Mann hält ein Handy hoch und filmt einen Jodelchor. Auf dem Display des Smartphones ist der Jodelchor bei seinem Auftritt zu sehen.Am Schweizer Nationalfeiertag gehört Jodeln einfach dazu – so wie hier 2025 in Kloten. Mittlerweile hat es das Brauchtum sogar auf die Unesco-Liste des immateriellen Kulturerbes geschafft. Bild: Pascal Turin

    Dem kulturellen Erbe Jodeln soll mehr Raum gegeben werden – und zwar nicht nur an 1.-August-Feiern: Mit einer Einzelinitiative fordert ein Bülacher, dass der Kanton Zürich eine Ausbildung für Jodeldirigentinnen und Jodeldirigenten anbietet.

    Die Probleme der Welt kann man damit wohl nicht lösen, aber es tut bestimmt gut, wenn im Kantonsrat für einmal ganz harmlose Themen diskutiert werden. Stefan Basler hat nämlich ein interessantes Anliegen: Er möchte, dass der Kanton Zürich an einer seiner Bildungsinstitutionen ein Hauptfach mit Jodel und insbesondere mit dem Schwerpunkt Dirigentenausbildung anbietet. Dafür hat der Bülacher SVP-Politiker eine Einzelinitiative eingereicht.

    „Seit 2011 bin ich im Jodelklub Bülach und stelle fest, Neugründungen von Jodelvereinen sind eher die Ausnahmen als die Regel“, schreibt Basler. Es gebe aus seiner Sicht zwei Hauptursachen für diesen Trend: fehlende Dirigenten und fehlender Nachwuchs. Aktuell sei der Jodelklub Bülach betreffend Mitglieder nicht schlecht aufgestellt, habe aber noch Luft nach oben, heisst es in der Einzelinitiative weiter. Sorgen mache dem Verein eher die Situation mit dem Dirigenten. Der sei super, aber leider auch schon über 70 Jahre alt. „Da stellt sich automatisch die Frage für uns, wie gestaltet sich die Zukunft?!“ Aus seiner Sicht wird dieses Problem nicht nur der Jodelklub Bülach zu bewältigen haben, sondern es betrifft auch andere Jodelvereine.

    „Die zumeist konservativen Wähler werden es Ihnen danken, wenn Sie sich für den Erhalt unseres Kulturgutes einsetzen“, so Stefan Basler in seiner Einzelinitiative.


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    Es ist nicht seine erste Einzelinitiative

    Der Initiant verweist als mögliche Lösung auf Luzern. Das Departement Musik der Hochschule Luzern bietet dort seit Herbst 2018 ein Hauptfach „Jodel“ an. Stefan Basler schlägt darum vor, dass an einer Ausbildungsinstitution des Kantons ein ähnlicher Lehrgang eingeführt wird – mit dem Hauptaugenmerk auf die Dirigentenausbildung. „Die Bildungspolitik obliegt den Kantonen und somit wäre der Kantonsrat gefragt, hier aktiv zu werden. Die zumeist konservativen Wähler werden es Ihnen danken, wenn Sie sich für den Erhalt unseres Kulturgutes einsetzen“, schreibt der Bülacher.

    Im Kantonsrat braucht es 60 Mitglieder, damit eine Einzelinitiative an den Regierungsrat überwiesen wird. Dieser legt dem Parlament Bericht und Antrag vor. Der Kantonsrat stimmt anschliessend über die Initiative ab. Doch dieser Ablauf ist Stefan Basler sicher gut bekannt. So reichte er Anfang Jahr eine Einzelinitiative mit dem Titel „Steigerung der Attraktivität von politischen Milizämtern in den Gemeinden“ ein. Das Begehren erhielt allerdings nur 24 Stimmen und wurde deshalb nicht vorläufig unterstützt.

    Dafür errang Basler 2024 einen Achtungserfolg mit einer anderen Einzelinitiative. Das Mitglied der Bülacher Sozialhilfebehörde forderte Massnahmen des Kantons zur Erhöhung der Rückzahlungsquote bei der Alimentenbevorschussung. „In seinem Vorstoss bemängelt er, dass der Kanton zu wenig unternimmt, um die von den Gemeinden bevorschussten Alimente zurückzufordern“, schrieb der „Zürcher Unterländer“ damals. Zu einer Alimentenbevorschussung komme es, wenn die gerichtlich oder vertraglich festgelegten Kinderalimente vom zahlungspflichtigen Elternteil nicht oder nicht vollständig bezahlt würden. „71 Personen unterstützen die Forderung nach mehr Hartnäckigkeit beim Eintreiben von Alimenten“, so die Tageszeitung.

    Am Ende lehnten jedoch der Regierungsrat, die Kommission für Bildung und Kultur und der Kantonsrat die Initiative ab.

    „Das Jodeln ist äusserst beliebt und wird in Familien, Vereinen, Musikschulen oder einfach unter Sängerinnen und Sängern weitergegeben“, so das Bundesamt für Kultur in einer Mitteilung.

    Es war ein grosser Tag für die Jodelszene

    Doch zurück zum Jodeln. Rückenwind dürfte dem Anliegen ein Entscheid der Unesco geben. Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization hat nämlich kürzlich das Jodeln in ihre Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen. Auf der Kulturerbe-Liste befindet sich unter anderem bereits das Winzerfest in Vevey oder die Basler Fasnacht.

    „Das Jodeln ist äusserst beliebt und wird in Familien, Vereinen, Musikschulen oder einfach unter Sängerinnen und Sängern weitergegeben“, schreibt das Bundesamt für Kultur dazu in einer Mitteilung. Über 12’000 Jodlerinnen und Jodler seien Mitglied einer der 711 Gruppen des Eidgenössischen Jodlerverbands, doch die Praxis werde auch ausserhalb von Vereinen und Chören gepflegt. „Zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler lassen sich ebenfalls davon inspirieren, was die Lebendigkeit einer sich ständig weiterentwickelnden Tradition bestätigt“, heisst es im Pressetext weiter.

    Freuen darf sich insbesondere Nadja Räss. Sie ist Professorin und leitet den Studienbereich Volksmusik an der Hochschule Luzern. Der Sender Musikwelle des Schweizer Radio und Fernsehens wollte von ihr wissen, welches Gefühl der Unesco-Entscheid in ihr als Jodlerin auslöst: „Es ist ein unglaublich gutes Gefühl. Ich durfte beim ganzen Einschreibungsprozess mitarbeiten. Es ist wie vorgezogene Weihnachten.“ Räss leitet den Jodlerklub Waldstatt-Echo Einsiedeln. „Jodeln ist für mich unsere fünfte Landes­sprache“, sagte die Gesangspädagogin gegenüber der Zeitschrift Glückspost.

    Begeisterung ist also da – ein Studiengang im Kanton Zürich aber noch nicht. Ob bald Jodeln auf Hochschulniveau an der Zürcher Hochschule der Künste oder anderswo gelehrt wird, ist offen. Klar ist: Jodeln kann man auch ohne Vorlesungen oder Seminare. Und sollte der Kantonsrat kein Musikgehör beweisen, können Jodlerinnen und Jodler mit Studienwunsch weiter nach Luzern ausweichen.


  • 5 Minuten

    So überstehst du Weihnachten und Silvester ohne Zoff

    Flötenspielende Kinder sitzen in Eintracht in einem Bauernhaus vor einem durch Kerzen hell erleuchteten Weihnachtsbaum.O du fröhliche, o du selige: So idyllisch sind die Festtage nicht immer, aber das Bild von 1979 strahlt auf alle Fälle Weihnachtsmagie aus. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1458-001-001

    Familientreffen, Freunde, Festessen – und bloss nicht schon wieder über das Wetter reden. Wie du über die Festtage glänzen kannst, ohne Streit zu riskieren. Rathuus liefert dir vier Ideen für politisch angehauchte Gespräche und entspannte Abende.

    Sie kommen immer näher, die Tage an denen wir mit Verwandten und Bekannten zusammenkommen und manchmal ein Lächeln aufsetzen, obwohl es in uns längst brodelt. An Weihnachten, aber auch an Silvester, kann die Stimmung rasch kippen, wenn das Gespräch auf heikle Themen gelenkt wird. Wer den Abend also endgültig zum Kochen bringen will, der spricht die SVP-wählende Tante aus Neerach auf die umstrittene „Keine 10-Millionen-Schweiz”-Initiative an – oder fragt den Stadtzürcher Cousin, frisch bei der Juso, warum die Erbschaftssteuer-Initiative so krachend gescheitert ist.

    Aber ganz auf politische Gespräche zu verzichten, ist illusorisch. Was bliebe sonst – Sport und das Wetter? Darum liefert Rathuus Gesprächsstoff mit Zürich-Bezug für entspannte Abende ohne Zoff. Zumindest in der Theorie.


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    1. So steht es um die Freiwilligenarbeit

    Es ist eine interessante Auswertung, die das Statistische Amt Kanton Zürich veröffentlicht hat. Demnach verrichteten fast 40 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons ab 15 Jahren im Jahr 2024 unbezahlte Freiwilligenarbeit. „Sie engagierten sich in Organisationen oder Vereinen und leisteten Nachbarschaftshilfe, pflegten Erwachsene oder betreuten Kinder aus anderen Haushalten“, schreibt das Statistische Amt. Diese Engagements sind unbezahlt – allerdings sind symbolische Entschädigungen oder Spesenvergütungen nicht ausgeschlossen.

    Wie es in der Mitteilung weiter heisst, leisteten rund 27 Prozent der Zürcher Einwohnerinnen und Einwohner informelle Hilfe und Unterstützung in der Nachbarschaft, im Freundeskreis oder in der Verwandtschaft. Dazu zählen die Betreuung von Enkelkindern, Einkaufs- oder Fahrdienste oder die Pflege von Verwandten oder Bekannten.

    Spannend ist, dass das Engagement in Vereinen und Organisationen, die sogenannte institutionalisierte Freiwilligenarbeit, bei Männern und Frauen vergleichbar verbreitet ist. Aber: Frauen leisten signifikant häufiger informelle Freiwilligenarbeit als Männer. Letzteres sollte man am Esstisch vermutlich nur dann erwähnen, wenn man Diskussionen anzetteln will.

    „Mit der neuen Velostation Stadelhofen haben wir einen weiteren Meilenstein in der Veloförderung erreicht“, sagt SP-Stadträtin Simone Brander.

    2. So sieht die Velostation Stadelhofen aus

    Kürzlich haben Stadträtin Simone Brander und Stadtrat André Odermatt (beide SP) gemeinsam mit Frederick Widl, Leiter Immobilien bei der Versicherung Axa Schweiz, die Velostation Stadelhofen eröffnet. Diese befindet sich unter dem eleganten neuen Gebäude des Architekten Santiago Calatrava und bietet rund 800 Abstellplätze.

    „Mit der neuen Velostation Stadelhofen haben wir einen weiteren Meilenstein in der Veloförderung erreicht. Die Velofahrenden können ihr Velo nun auch am Bahnhof Stadelhofen trocken und sicher abstellen“, lässt sich Stadträtin Brander in der Mitteilung zitieren. Sie ist als Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements auch für die Veloförderung in der Limmatstadt zuständig. Hochbauvorsteher Odermatt ergänzt: „Mit der Velostation Stadelhofen verbinden wir herausragende Architektur mit praktischem Nutzen. Dank der Verbindung zum Bahnhof kommen die Velofahrenden noch schneller zu den Gleisen.“

    Viele leere Veloständer in einem unterirdischen Raum.Blick in die Velostation Stadelhofen: So viel Platz hat es hier für Fahrräder. Bild: Tiefbauamt

    Wer mit dem Velo eine Probefahrt machen will, erlebt ein typisches Parkhaus-Feeling, wie man es eher vom Autofahren her kennt. Recht enge Kurven, drei Parketagen und eine gewisse dumpfe Leere sorgen für ein spezielles Erlebnis. Es gibt übrigens vom Veloparkhaus einen direkten Durchgang zur Ladenpassage. Da herrscht aber Fahrverbot.

    Im Erdgeschoss des Calatrava-Neubaus, dessen Besitzerin die Anlagestiftung der Axa ist, hat die Confiserie Bachmann aus Luzern eine Filiale eingerichtet. Kauftipp für alle Fleischesserinnen und Fleischesser: das kleine Silser-Salami-Sandwich.

    3. So wohl fühlt sich der Biber bei uns

    Das Amt für Landschaft und Natur, das zur Baudirektion gehört, hat tierische Zahlen veröffentlicht. Im Kanton leben laut dem neusten Bibermonitoring rund 520 Biber in 165 Revieren. „Der Bestand des einst ausgerotteten Nagers ist damit erneut gewachsen, seit der ersten Erhebung 2008 hat er sich mehr als verdreifacht“, heisst es in einer Mitteilung. Der Zuwachs habe sich allerdings in den letzten fünf Jahren abgeflacht und sei bei der Erhebung 2022 sogar leicht rückläufig gewesen. „Dies ist darauf zurückzuführen, dass die Revierdichte im Norden des Kantons hoch und das Lebensraumpotenzial allmählich ausgeschöpft ist“, schreibt die Baudirektion.

    Der Biber breitet sich nun zunehmend in den südlichen Kantonsteil aus, wo er gemäss Mitteilung bis vor kurzem kaum nachgewiesen wurde. „In den letzten Jahren sind viele neue Reviere dazugekommen, beispielsweise entlang der Sihl und der Limmat“, so der Kanton. Aber auch am Zürichsee hätten bei Wollishofen und Meilen neue Biberreviere verzeichnet werden können.

    Der Biber gilt als „Baumeister der Natur“. Er gestaltet die Landschaft aktiv mit und fördert damit die Biodiversität. Wo er sich niederlässt, verdoppelt sich laut der Baudirektion die Artenvielfalt und vervielfacht sich die Anzahl der Tiere und Pflanzen insgesamt. Der Kanton lässt alle drei Jahre erheben, wo sich Biber angesiedelt haben. Freiwillige Helferinnen und Helfer schreiten dafür alle relevanten Gewässerabschnitte ab und halten Ausschau nach Biberspuren.

    4. So viele Plätze bietet das Restaurant Bruderhaus

    Gute Nachrichten für Ausflüglerinnen und Ausflügler: Bei kaltem oder nassem Wetter war der Innenraum des Restaurants Bruderhaus im gleichnamigen Wildpark bisher stark ausgelastet. Nach rund neun Monaten Bauzeit wurde nun aber die Erweiterung des Restaurants erfolgreich abgeschlossen, wie die Stadt Winterthur in einer Medienmitteilung schreibt. Die Gaststube wurde um dreissig Sitzplätze erweitert und bietet neu insgesamt Platz für 88 Gäste. Der Stadtrat hatte für das Bauprojekt einen Kredit von zwei Millionen Franken genehmigt.

    „Mit dem Ausbau der Gaststube und dem neuen Aussenausschank kann der Betrieb des Restaurants ganzjährig flexibler und attraktiver gestaltet werden“, lässt sich SP-Stadtrat Kaspar Bopp, Vorsteher des Departements Finanzen, im Communiqué verlauten. Gerade in der kälteren Jahreszeit würden die Besuchenden des Wildparks und die weiteren Gäste von mehr Platz und einem verbesserten Angebot profitieren.

    Rotes Restaurantgebäude, ein Willkommensschild steht vor der Eingangstür. Ein gepflasterter Bereich erstreckt sich bis zu einem Aussenbereich mit Sitzplätzen.Das Restaurant Bruderhaus in Winterthur ist ein beliebtes Freizeit- und Ausflugsziel. Bild: Stadt Winterthur

    Laut Mitteilung orientiert sich die Erweiterung – realisiert als reiner Holzbau – gestalterisch am bestehenden Gebäude. Der Anbau soll Elemente der ursprünglichen Trinkhalle aus dem frühen 19. Jahrhundert aufnehmen. Im Aussenbereich ist zudem ein dauerhafter Ausschank entstanden, der bereits seit Juni in Betrieb ist. Der Wildpark Bruderhaus gehört der Stadt Winterthur und befindet sich im Quartier Heiligberg. Hier leben Wölfe, Mufflons, Wisente, Luchse und Wildschweine. Der Eintritt ist frei.

    Und falls das Gespräch an den Festtagen doch einmal in einen Streit zu kippen droht: tief durchatmen und elegant das Thema wechseln. Im Notfall bleibt immer noch der Schneemangel oder die aktuelle Tabellensituation des FC Zürich.


  • 7 Minuten

    Bei ihm stehen Familie und konservative Werte an erster Stelle

    Thomas Lamprecht trägt einen schwarzen Mantel, er steht in einem Durchgang zu seiner Schreinerei und lächelt freundlich in die Kamera.Der EDU-Politiker Thomas Lamprecht (59) wohnt in Bassersdorf und sitzt seit 2018 im Kantonsrat. Der Schreinermeister und Inhaber eines KMU ist Vizepräsident der EDU Schweiz. Bild: Pascal Turin

    Thomas Lamprecht ist Inhaber einer Schreinerei. Der EDU-Kantonsrat und Vizepräsident der EDU Schweiz setzt sich für Kleinunternehmen, Eigenverantwortung und traditionelle Familienwerte ein. Dass er mit seinen christlich-konservativen Ansichten bei einigen durchaus aneckt, nimmt der Bassersdorfer in Kauf.

    Es riecht nach Holz, überall stehen Maschinen herum, der Boden ist tipptopp geputzt und ein Mitarbeiter blickt rasch von seiner Arbeit hoch. „Grüezi“, sagt er knapp und wendet sich wieder seinem Projekt zu. „Ich führe den Schreinerbetrieb in vierter Generation“, sagt Thomas Lamprecht während einer kurzen Führung durch die Räumlichkeiten der Lamprecht Schreinerei in Bassersdorf. Er steht aber kaum mehr an den Maschinen in der Werkstatt. „Ich bin Unternehmer, hole die Aufträge rein, bin für die Produktionsplanung zuständig“, erklärt der EDU-Politiker.

    2011 ist Lamprecht von der Eidgenössisch-Demokratischen Union – kurz EDU – angefragt worden, ob er auf ihrer Liste kandidieren möchte. Seit 2018 vertritt der 59-Jährige nun die christlich-konservative Kleinpartei im Zürcher Kantonsrat. „Die Politik hat mich schon immer interessiert. Ich habe vor meiner politischen Karriere EDU und SVP gewählt“, hatte er einmal in einem Interview mit dem Verband Schweizerischer Schreinermeister und Möbelfabrikanten gesagt.


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    Nur einen kurzen Fussmarsch vom Schreinerbetrieb entfernt befindet sich der Dorfplatz von Bassersdorf. Hier haben Migros und Coop ihre Filialen. An dem zentral gelegenen Ort in der Gemeinde mit rund 12’000 Einwohnerinnen und Einwohnern finden regelmässig Veranstaltungen statt, darunter der Chlausmärt oder der offizielle Festakt zum 1. August. Wer gern etwas trinken oder Kleines essen möchte, ist in „Lienis Kafi“ richtig. Das Café wirkt trotz seiner modernen Einrichtung gemütlich. An diesem Nachmittag sitzen ein paar ältere Bassersdorfer mit einer Stange vor sich im Lokal.

    Die Kleinpartei EDU hält sich seit 50 Jahren

    Thomas Lamprecht setzt sich in „Lienis Kafi“ an eines der Tischchen bei den grossen Fenstern. Von hier aus kann man das Treiben auf dem Dorfplatz beobachten. Heute ist allerdings wegen des eher durchzogenen Wetters wenig los. Die Leute eilen mit ihren Einkaufstaschen in die Läden. Der Kantonsrat bestellt einen Kaffee und erzählt, wieso er in die EDU eingetreten ist. „Die Partei steht für die Werte ein, die mir wichtig sind. Dazu gehören die Familie und bürgerliche Politik“, so der Vater dreier Kinder.

    Die EDU wurde vor 50 Jahren gegründet. Im Mai fand in Huttwil im Kanton Bern eine grosse Jubiläumsfeier statt. „Über 600 Gäste erlebten einen abwechslungsreichen Tag, der ihnen noch lange in Erinnerung bleiben dürfte“, freute sich die Partei in einem Bericht auf ihrer Website. Als positives Fazit lasse sich feststellen: Die EDU sei gekommen, um zu bleiben – und sie sei im Jubiläumsjahr 2025 so stark verankert wie nie zuvor.

    „Es ist eine konservative, evangelikale Kleinpartei, die vor allem Wählerinnen und Wähler aus dem kirchlichen Milieu anspricht“, heisst es in einem Artikel auf der News-Website des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF). „Anders als viele andere Kleinparteien, die mittlerweile von der nationalen Politbühne verschwunden seien, ist die EDU derzeit mit zwei Nationalräten im Bundeshaus vertreten“, so das SRF weiter. Einer davon ist Erich Vontobel aus Bubikon, der auch lange im Kantonsrat sass.

    Dass sich die EDU als kleine Partei so lange halten konnte, liegt wohl unter anderem an der treuen Wählerschaft. Im Kantonsrat ist die EDU mit drei Personen vertreten – zur Bildung einer Fraktion sind mindestens fünf Kantonsratsmitglieder nötig. Die EDU hat sich darum der SVP-Fraktion angeschlossen und ist dort klar die Juniorpartnerin. „Wir unterscheiden uns inhaltlich häufig nicht stark von der SVP. Bei uns sind aber die Ausländer ein weniger wichtiges Thema, dafür Familien und die Finanzierung von Kindern“, sagt Lamprecht. Und man unterscheide sich manchmal im Ton. „Wir sind eher gemässigter“, fügt er mit einem Lächeln an.

    Thomas Lamprecht ist bewusst, dass man als Mitglied einer Kleinpartei Beziehungen pflegen muss. „Mir fällt es zum Glück einfach, auf neue Leute zuzugehen.“ Bild: Pascal Turin

    Lamprecht kämpft für Flüsterbeläge

    Auffallend ist seine besonnene Art. Bevor Lamprecht redet, überlegt er genau, was er sagen wird. „Wer uns wählt, weiss, für welche Werte wir stehen“, so der Vizepräsident der EDU Schweiz. Ihm sei der Glaube wichtig. „Die christlichen Werte haben unser Land geprägt – doch das geht zusehends vergessen.“ Er verweist auf den Bundesbrief von 1291, der mit „In Gottes Namen. Amen.“ beginne.

    Lamprecht ist bewusst, dass man als Mitglied einer Kleinpartei Beziehungen pflegen muss. „Mir fällt es zum Glück einfach, auf neue Leute zuzugehen.“ Man wolle ja vielleicht einmal einen gemeinsamen Vorstoss machen. „Um Mehrheiten beschaffen zu können, braucht es gute Kontakte zu anderen Parteien“, ist der Politiker, der in der Aufsichtskommission über die wirtschaftlichen Unternehmen sitzt, überzeugt. Vernetzung hält er generell für wichtig – auch im Geschäftsleben. Darum sei seine Firma Mitglied im Gewerbeverein Bassersdorf Nürensdorf.

    Für eines seiner Herzensthemen hat er im bürgerlichen Lager bereits mehrfach parteiübergreifende Unterstützung organisieren können. Ihm sind sogenannte Flüsterbeläge – also lärmarme Strassenbeläge – ein wichtiges Anliegen. So reichte er schon 2020 mit Sandra Bossert (SVP) und Barbara Franzen (FDP) ein entsprechendes Postulat ein. Darin wurde der Regierungsrat dazu aufgefordert, einen Bericht zu erstellen, wie eine Lärmsanierung durch Flüsterbeläge im Kanton Zürich umgesetzt werden könne.

    Gemeinsam mit SVP-Kantonsrat Domenik Ledergerber und Mitte-Kantonsrat Josef Widler doppelte er dann 2022 mit einer entsprechenden parlamentarischen Initiative nach. Lamprecht und seine Mitstreiter wollten erreichen, dass vermehrt lärmarme Strassenbeläge verlegt werden. Damit sollte verhindert werden, dass Wohnbauprojekte wegen überschrittener Lärmschutzgrenzwerte gestoppt werden. Das Parlament hatte die parlamentarische Initiative zuerst vorläufig unterstützt, die dafür zuständige Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt empfahl dann aber die Ablehnung. Die Kommission kam zum Schluss, dass das Anliegen der parlamentarischen Initiative in der heutigen Praxis bereits umgesetzt wird.

    Das Parlament folgte der Empfehlung der Kommission. „Aus meiner Sicht ist das schade, gerade auf Hauptstrassen finde ich Flüsterbeläge statt Tempo 30 sinnvoll“, sagt Lamprecht.

    Vielleicht erhält das Thema jetzt neuen Aufwind: Nach dem Ja zur Änderung des Strassengesetzes beziehungsweise zur Umsetzung der Mobilitätsinitiative bestimmt künftig der Kanton über die Geschwindigkeit auf Hauptstrassen.

    „Es wird sicher wieder ein Hosenlupf, aber ich freue mich schon auf den Wahlkampf“, sagt Thomas Lamprecht.

    Das Gender-Thema treibt ihn um

    Doch während Flüsterbeläge wahrscheinlich viele Zürcherinnen und Zürcher gut finden dürften, eckt Thomas Lamprecht mit einem anderen Anliegen deutlich stärker an. Die prominent platzierten Schlagworte „Gender-Wahnsinn stoppen“ auf seiner Website fallen auf – und dürften wohl beim einen oder anderen für Stirnrunzeln sorgen. Für den Bassersdorfer ist klar, dass das biologische Geschlecht „eine natürliche Tatsache“ sei. „Viele Teenager machen generell eine schwierige Zeit durch. Ich finde, ein Teil der Gesellschaft versucht ihnen in dieser heiklen Phase der Entwicklung ihr Weltbild überzustülpen“, erklärt der Politiker. Er wehre sich dagegen, „dass unsere Schulen von radikalen Ideologen unterwandert werden“.

    Darum hat er beispielsweise 2022 mit EDU-Parteikollegen einen Vorstoss zum Thema Gender-Toiletten eingereicht, in dem es hauptsächlich um die genderneutralen Toiletten an Stadtzürcher Schulen ging. „Dass Pissoir teilweise wegfallen, scheint uns der Gender-Gleichmacherei geschuldet. Eine Ideologie im linken Kulturkampf“, heisst es in der Anfrage. Ein anderer Vorstoss von 2023 trägt den provokanten Titel „Der Transgender-Wahn verführt unsere Töchter“. Auch diese Anfrage ist von Kantonsrat Hans Egli sowie von alt Kantonsrat und heutigem Nationalrat Erich Vontobel (beide EDU) mitunterzeichnet.

    Ist das als eine bewusste Provokation zu verstehen? Darauf angesprochen sagt der Politiker nach kurzem Zögern, dass ihm durchaus klar ist, dass er mit seiner Haltung heutzutage aneckt: „Natürlich ist das ein polarisierendes Thema zwischen links und rechts.“ Er habe aber wenige Reaktionen erhalten – und wenn dann eher positive.

    In eineinhalb Jahren finden im Kanton die Erneuerungswahlen des Kantonsrates und des Regierungsrates für die Amtsdauer 2027 bis 2031 statt. Der Regierungsrat hat kürzlich den Termin auf den 4. April 2027 festgelegt. Auch Lamprecht will dann wieder antreten. „Es wird sicher wieder ein Hosenlupf, aber ich freue mich schon auf den Wahlkampf“, so der Politiker, der in seiner Freizeit im Turnverein Sport treibt oder gern mit seiner Frau tanzen geht. „Die EDU hat Potenzial, da kann man noch was rausholen.“ Und weil die EDU überschaubar gross sei, könne man als einzelne Person viel bewegen. „Das motiviert mich“, betont Thomas Lamprecht, bevor er sich verabschiedet und „Lienis Kafi“ in Richtung seiner Schreinerei verlässt.


  • Gehört die Pensionierung abgeschafft? Ein renommierter Journalist findet: ja

    Zu sehen ist das Cover des neuen Buches von Felix E. Müller. "Schafft die Pensionierung ab".Der Titel „Schafft die Pensionierung ab“ ist provokativ, wie man es von einem Journalisten erwarten darf. Der Inhalt des Buchs ist aber differenziert. Kritisiert werden die Linken, aber auch unser starres Rentensystem. Bild: Lorenz Steinmann

    Auf den ersten Blick ist Felix E. Müllers Streitschrift „Schafft die Pensionierung ab“ primär eine Provokation an die Linken. Doch der ehemalige Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“ analysiert unser starres Rentensystem durchaus fundiert – und er schlägt einen Bogen zur SVP-Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz”.

    Der 74-jährige Felix E. Müller aus Zürich kann gut reden, ist man versucht zu denken. Er verdiente als Spitzenkraft im Journalismus lange Zeit mehrere hunderttausend Franken pro Jahr. Zudem musste er nicht einem körperlichen Verschleissjob auf einer Baustelle nachgehen. Kein Wunder, sorgte seine Forderung für hitzige Diskussionen: Müller möchte nichts weniger als die Pensionierung ganz abschaffen. Er hat ein 160-seitiges, handliches Buch verfasst, dessen Lektüre sich durchaus lohnt. Denn die „Streitschrift“ (so der Untertitel) wägt ab und belässt es nicht bei einer Entweder-Oder-Sichtweise. Doch alle sollen selbst bestimmen, wie lange sie arbeiten, so sein Credo.

    Der ehemalige „NZZ am Sonntag“-Chefredaktor spricht von Altersdiskriminierung und volkswirtschaftlichem Unsinn. Die SP-Nationalrätin und ehemalige Stabschefin von SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch, Céline Widmer (47), hielt auf dem Lokalsender Tele Züri dagegen. Sie findet diesen Vorschlag weltfremd. Widmer, die für die Gesamterneuerungswahlen des Stadtrats von Zürich am 8. März 2026 kandidiert, argumentierte, Müllers Idee laufe auf ein noch späteres Pensionsalter hinaus als heute. Büetzerinnen und Büetzer aber hätten ein wohlverdientes Rentnerdasein verdient nach einem strengen Arbeitsleben.

    Doch hier hakt Felix E. Müller ein. So kritisiert er das sehr starre Schweizer Rentensystem bei der AHV und im Besonderen bei der zweiten Säule, der obligatorischen betrieblichen Vorsorge. Und er ist überzeugt, dass Arbeit vielen Menschen Spass macht. Er widerspricht den Sozialdemokraten und den Grünen, welche Arbeit aus Sicht von Müller vor allem als Last sehen.

    Zuerst zur Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Diese ist seit deren Einführung 1948 nie umfassend reformiert worden, obwohl seither die Lebenserwartung massiv gestiegen ist. „In der Schweiz pensionieren wir nach wie vor schematisch und pauschal“, ist Müller überzeugt. 1948 lag die Lebenserwartung bei den Männern bei 65 Jahren, bei den Frauen bei 70 Jahren. 2024 sterben Männer im Schnitt erst mit 82,4 Jahren, Frauen gar erst mit 85,9 Jahren. Dass das Pensionierungsalter immer noch so sei „wie zu Bismarcks Zeit“, stört Felix E. Müller gewaltig. Damals, als laut Müller die „Kamine schloteten und ein guter Teil der Arbeiter viel schuftete, wenig verdiente und unter schlechten hygienischen und gesundheitlichen Bedingungen lebte“.

    Das ist aber längst vorbei.


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    Teilzeitarbeit wird in der Schweiz bestraft

    Laut Müller werde zumindest in der Schweiz fast keine harte und zehrende industrielle Arbeit mehr verrichtet. Das mag falsch sein. Doch immerhin spricht sich Müller dafür aus, dass nach einem sehr langen Arbeitsleben (im Minimum 42 Jahre) eine recht frühe Rente möglich sei. Er zieht dazu das Beispiel von Dänemark bei, wo man sich maximal sechs Jahre vor 65 pensionieren lassen kann. Wo man aber die Pensionierung auch um maximal 10 Jahre aufschieben kann, was zu einer höheren Pension führt. Oder in Norwegen, wo man als Arbeitnehmer oder Arbeitnehmerin eine Zeitspanne zwischen 62 und 75 hat. Eine staatliche Rente erhält man mit 67, unabhängig davon, ob man weiterarbeitet oder nicht. Ähnliches ist in Schweden möglich, wo bis zum 69. Lebensjahr ein Recht besteht, zu arbeiten.

    Das Stichwort „Lebensarbeitszeit“ wie in Dänemark geistert auch in der Schweiz seit Längerem herum, passiert ist bisher aber nichts. So muss der Plättlileger oder der Strassenbauer gleich lang arbeiten wie der Bürolist oder die Bibliothekarin. Dazu kommt der Widerspruch, wenn Teilzeitarbeit als Heilsbringerin proklamiert wird, meist von linker Seite.

    Denn Teilzeitarbeitende werden finanziell oft abgestraft, weil Arbeitgebende allermeistens den sogenannten Koordinationsabzug voll berücksichtigen. Der Koordinationsabzug entspricht dem Teil des Lohnes, der in der Regel bereits durch die AHV/IV abgedeckt ist. Dieser Abzug stellt also sicher, dass Lohnteile nicht doppelt versichert sind. Aktuell beträgt der Koordinationsabzug 26’460 Franken. Wenn man beispielsweise 70’000 Franken brutto im Jahr verdient, beträgt der versicherte Lohn in der Pensionskasse 43’540 Franken. In der Regel wird der volle Koordinationsabzug für Voll- und Teilzeitbeschäftigte angewendet. Das ist einer der Gründe, weshalb die berufliche Vorsorge vieler Teilzeitarbeitenden und vor allem von Frauen ungenügend ist.

    Auf dem Bild sieht man ein älteres Ehepaar mit dem Enkel, wie die drei aus dem Zug schauen.Zeit für die Enkel – ist so ein (Symbol-)Bild typisch für ältere Menschen? Laut Felix E. Müller ist es ein Klischee, das heute nicht mehr der Realität entspricht. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC2266-001-003

    Für Müller ist klar, dass die SP damit die Immigration befeuere und letztlich die SVP stärke, „die in der Zuwanderungspolitik einen grobschlächtigen und undifferenzierten Kurs verfolgt“.

    Bei der zweiten Säule kritisiert Müller das Abgabesystem, weil Arbeitnehmende zu Beginn der Berufslaufbahn 7 Prozent und bis zum 65. Lebensjahr maximal 18 Prozent in die zweite Säule abführen müssen. So haben Arbeitgeber keinerlei Interesse, ältere Arbeitnehmende möglichst lange zu beschäftigen. Im Gegenteil werden laut Müller Frühpensionierungen favorisiert, trotz Fachkräftemangel und der anstehenden SVP-Initiative, welche die Einwanderung beschränken will („Keine 10-Millionen-Schweiz!“). Müller schreibt dazu, im Konzept von SP-Bundesrat Beat Jans zur Bekämpfung dieser Initiative finde sich „kein einziger Vorschlag, um die Situation älterer Stellensuchender zu verbessern“.

    Strategien, um die bessere Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials der Ü65 zu entwickeln, suche man ebenfalls vergeblich. Für Müller ist klar, dass die SP damit die Immigration befeuere und letztlich die SVP stärke, „die in der Zuwanderungspolitik einen grobschlächtigen und undifferenzierten Kurs verfolgt“.

    Er kritisiert das Vermögenszentrum

    Generell prangert Müller die Personalabteilungen an, welche sich das Leben möglichst einfach machen wollten. Und die Politik, dass es bei flexiblen Lösungen nicht vorwärts gehe. Hier seien es vor allem die Linken, welche das Bild der ausgepumpten Seniorinnen und Senioren zementierten. Man habe ein Leben lang „gechrampft“, nun dürfe man den Lebensabend geniessen – und ja, allenfalls die Enkel hüten. Etwas, was Felix E. Müller zwar laut eigenen Angaben auch gerne tut. Er sieht sich aber noch voll im Saft, schreibt Bücher, war nach seiner Pensionierung (mit 68 bei der NZZ) zum Beispiel noch bis 2024 Präsident des Zurich Film Festival. 2023 wurde er zum Stiftungsratspräsidenten des MAZ – Institut für Journalismus und Kommunikation gewählt (ehemals Medienausbildungszentrum in Luzern).

    Immerhin vermag sich Müller durchaus in einen 65-Jährigen zu versetzen, der eben die erste AHV und die erste Rente aus der zweiten Säule bekommt. „Weil man mit dem Weiterarbeiten eine höhere Steuerbelastung riskiert, hört man lieber ganz auf“, ist der ehemalige Spitzenhandballer überzeugt. Kein gutes Zeugnis stellt er dazu dem auf das Thema Pensionierung spezialisierten Vermögenszentrum – kurz VZ – aus. Dieses warne „vor kostspieligen Steuerfallen“ bei einer Weiterarbeit.

    Felix E. Müller beweist, dass er Trends durchaus erkennt und zeitlich trotz fortgeschrittenem Alter nicht stehengeblieben ist. Er beschreibt, dass die Trennung zwischen Arbeit und Nichtarbeit immer unklarer werde. Er zitiert eine Netflix-Serie, die aufzeigt, wie die Generation Z grossen Wert auf Selbstoptimierung lege. „Man verzichtet etwa im Interesse einer grösseren persönlichen Freiheit auf eine Festanstellung und arbeitet an einzelnen Projekten, mal intensiv, mal weniger, mal am Tag, mal in der Nacht.“

    Wenn die Arbeit keine klar definierte Sphäre mehr darstelle, dann betreffe diese Sichtweise auch das, was sich aus dem Konzept der festangestellten beruflichen Tätigkeit zwingend ergebe: das Ausscheiden aus dieser Sphäre. „Dieses findet dann einfach nicht mehr statt“, erklärt Müller. Und so ist für ihn klar: „Die Pensionierung gehört abgeschafft!“

    Pflichtlektüre für die Politik

    Fazit: Es lohnt sich, das erfrischend kurz gehaltene Sachbuch zu lesen. Damit verschafft man sich gutes Wissen, gerade im fortgeschrittenen Alter, wie jenem des Schreibenden (60). Dass manchmal die Autorensicht eines Akademikers mit wohl sehr gutem Finanzpolster spürbar ist, stellt kein Problem dar. Denn Felix E. Müller überrascht mit Sichtweisen oder zumindest mit Beobachtungen, die auch von gemässigten Sozialdemokraten stammen könnten. Hin und wieder hat es Abschnitte mit ein wenig gar vielen Zahlen, zumindest für diese Rezension waren sie aber hilfreich. Das Büchlein sollte Pflichtlektüre sein – zumindest für den National- und den Ständerat. Und für die HR-Abteilungen grösserer Verwaltungen und Firmen.

    Felix E. Müller, Schafft die Pensionierung ab, 2025, Voima Verlag, 28,80 Franken.

    Länger arbeiten? So schaut es im Kantonsrat und im Stadtzürcher Gemeinderat aus

    Eins ist klar: Im Kantonsparlament und im Gemeinderat der Stadt Zürich hält man wenig vom Arbeiten über das ordentliche Pensionsalter hinaus, auch wenn es in der Politik meist keine offizielle Altersguillotine gibt. Der Methusalem ist Bernhard im Oberdorf, der interessanterweise in beiden Räten sitzt. Der langjährige, 74-jährige SVP-Politiker gehört nach einem Zerwürfnis neuerdings der Mitte an. Ebenfalls ein Urgestein ist der Arzt Josef Widler, ebenfalls aus Zürich. Der Mitte-Politiker ist 71-jährig. Die Nummer drei im Kantonsrat ist altersmässig der Grüne Thomas Schweizer. Er ist 70-jährig, gehört dem Kantonsrat aber erst seit sechs Jahren an.

    Im Gemeinderat Zürich ist lediglich Bernhard im Oberdorf über 70-jährig. Dann kommt schon Albert Leiser von der FDP. Der 68-jährige Präsident des Hauseigentümerverbands will im März 2026 nicht mehr für eine weitere Legislatur antreten. 26 Jahre seien genug. Ein Jahr jünger und somit 68 Jahre alt ist Johann Widmer von der SVP. Der Unternehmer ist erst seit sechs Jahren Mitglied im Gemeinderat.

    Niklaus Scherr übrigens war 72-jährig, als er 2017 zurücktrat. Das AL-Mitglied gehörte dem Stadtzürcher Gemeinderat ab 1978 an und trat im Januar 2017 nach 39 Jahren im Amt zurück.


  • 5 Minuten

    „Ich mag keinen Smalltalk“

    Auf dem Bild zu sehen ist Luca Maggi, Gemeinderat der Grünen in Zürich. Es ist ein Wahlfoto mit violettem Hintergrund.Seit der Stadtzürcher Grünen-Gemeinderat Luca Maggi (35) politisch aktiv ist, hat er noch nie eine Woche ohne E-Mails, Telefonate oder Sitzungen geschafft. Bild: zvg

    Der Stadtzürcher Grünen-Gemeinderat Luca Maggi ist beim Rathuus-Fragebogen an der Reihe. Der Sicherheitsverantwortliche des FC Zürich stört sich lokal an horrenden Mieten und global am stetigen Rechtsrutsch. In die Politik ging Maggi, weil er nicht mehr nur berichten, sondern verändern wollte.

    Luca Maggi, wie wurden Sie politisiert?
    Da gibt es verschiedene Ebenen. Ich komme aus einer politischen Familie. Bei uns wurde und wird viel und heftig diskutiert. Ich hatte an der Kantonsschule Stadelhofen eine brillante Geschichtslehrerin, welche mein Interesse für Geschichte, politische Zusammenhänge und gesellschaftliche Veränderungen weckte. Als Fussballfan wurde ich schon jung mit teilweise unverhältnismässiger Repression konfrontiert. Und schliesslich arbeitete ich nach meiner Matura als Moderator und Redaktor für das Schaffhauser Lokalradio Munot. In dieser Zeit wurden die Ausschaffungs- und Minarettinitiative angenommen (2010, respektive 2009, Anm. d. Red.). In Fukushima kam es zur Atomkatastrophe. Ich wollte nicht mehr nur berichten, sondern verändern.

    Was wollten Sie als Kind werden?
    Radiomoderator und Fussballkommentator. Beide Träume habe ich mir bereits erfüllt. Heute führe ich ein Rechtsberatungs- und Treuhandbüro mit Fokus auf Arbeitsrecht und nachhaltiger Unternehmensführung und ich bin Sicherheitsverantwortlicher beim FCZ.

    „Für einen Fussballfan gilt: man darf alles wechseln, ausser seinen Verein. (lacht.) Nein im Ernst, ich hatte noch nie Abwanderungsgedanken von den Grünen.“


    Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.

    Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten?
    Lokal: Die soziale Verdrängung aus der Stadt. Die Verantwortungslosigkeit von grossen Immobilienkonzernen, welche horrende Mieten abkassieren. Kürzlich in Wollishofen: 6400 Franken für eine 4,5-Zimmerwohnung – ohne Nebenkosten. Damit tauschen Immohaie die Quartierbevölkerung rücksichtslos aus. Global: Der stetige Rechtsrutsch, die Verrohung im Umgang mit politischen Minderheiten und der damit verbundenen Beschädigung der demokratischen Institutionen.

    Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste?
    Für einen Fussballfan gilt: man darf alles wechseln, ausser seinen Verein. (lacht.) Nein, im Ernst, ich hatte noch nie Abwanderungsgedanken von den Grünen – auch wenn ich die AL in der Stadt Zürich ebenfalls sehr mag. 

    Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt?
    Immer und immer wieder. Aktuell sammeln die Grünen Stadt Zürich Unterschriften für zwei Solar-Initiativen. Wir fordern ein ambitioniertes Ausbauziel und die nötigen finanziellen Mittel, damit Zürich endlich beim Solarstrom vorwärtskommt.

    Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken?
    Grundsätzlich bin ich immer für ein gutes Gespräch bei einem Bier zu haben. Am liebsten aber mit guten Freunden. Ich mag keinen Smalltalk und keine Networkingapéros.

    Was ist Ihre Lieblingsbar in der Stadt oder im Kanton Zürich?
    Die „Totalbar“, weil man da nur in bar zahlen kann, das „Otro“ – weil es dort keine Allüren gibt – und das „Siesta“ beim Letzigrund, weil es für Hunderte zum Ritual der FCZ-Spiele gehört.

    Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch?
    Ich kaufe es ehrlich gesagt nicht häufig, versuche mit den Verkäufer:innen aber ins Gespräch zu kommen oder sie zumindest immer freundlich zu begrüssen.

    Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht?
    Seit ich politisch aktiv bin: eine Woche ohne Mails, Telefonate oder Sitzungen.

    Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin?
    Ich glaube nicht, dass man eine Person hervorheben kann. Bedeutsam sind für mich Menschen, die jenen eine Stimme geben, welche politisch keine Rechte haben oder nicht gehört werden.

    „Ich freue mich, wenn ich mit politischen Inputs Grundrechte stärken kann, sei es die Abschaffung von Bussen bei der friedlichen Teilnahme an unbewilligten Demos oder dass wir darüber diskutieren, wie eine Bewilligungspflicht für Demonstrationen in Bezug auf freie Versammlung und Meinungsäusserung vereinfacht werden kann.“

    Was war Ihr grösster politischer Erfolg?
    Ich bin stolz, dass zahlreiche Vorstösse von mir die neue Datenschutzverordnung der Stadt Zürich mitprägen: Bewilligungspflicht, wenn Private den öffentlichen Raum überwachen, Verbot automatischer Gesichtserkennungssysteme und generell strenge Anforderungen an staatliche Überwachung. Ich freue mich, wenn ich mit politischen Inputs Grundrechte stärken kann, sei es die Abschaffung von Bussen bei der friedlichen Teilnahme an unbewilligten Demos oder dass wir darüber diskutieren, wie eine Bewilligungspflicht für Demonstrationen in Bezug auf freie Versammlung und Meinungsäusserung vereinfacht werden kann. Ich bin froh, dass ich zusammen mit anderen Mitstreiter:innen und mutigen Mitarbeiter:innen im Asylbereich Veränderungen im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden anstossen konnte.

    Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas?
    Der Stadt Zürich zu glauben, dass ein Bundesasylzentrum in der Stadt Zürich bessere Bedingungen bietet als an anderen Orten. Der vorauseilende Gehorsam gegenüber Bund und Kanton befremdet mich teilweise.

    Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard?
    Das Rathaus Hard hat sich bewährt. Ich würde hier bleiben.

    Portobello-Burger oder Poulet-Kebab?
    Tönt beides gut.

    Taylor Swift oder Beatrice Egli?
    Was für eine doofe Frage.

    Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy?
    Ein Bild meiner Familie.

    Worauf freuen Sie sich?
    Über jede Minute, welche ich mit meiner Familie und Freunden verbringen kann.

    Und worüber können Sie lachen?
    Ich kann über sehr viel lachen. Am liebsten, wenn dem Humor keine moralischen Grenzen gesetzt sind. Aber: von oben nach unten treten geht nicht.

    Luca Maggi ist seit 2018 Gemeinderat der Grünen in Zürich. Seither ist er Mitglied der Sachkommission Finanzdepartement. Von 2022 bis 2024 war er deren Präsident. Maggi vertritt den Wahlkreis 1+2. Er war Vizepräsident der Grünen Stadt Zürich (bis 2022) sowie der Grünen Schweiz (bis 2018). Bis 2022 war er zudem im Vorstand des 1. Mai-Komitees. Der 35-jährige Jurist führt ein Rechtsberatungs- und Treuhandbüro mit Fokus auf Arbeitsrecht und nachhaltige Unternehmensführung. Seine Arbeit beim FC Zürich als Sicherheitsverantwortlicher bewältigt er als berufliches Mandat.

    Maggi wohnt mit seiner Familie im Kreis 7. Als Hobbys nennt er neben Fussball Lesen, Schreiben und Barkeepern.