SVP-Gemeinderat Stephan Iten hat die Initiative "Ja zum fairen Parkplatz-Kompromiss" erfolgreich lanciert. Darauf ist er stolz, wie er gegenüber Rathuus sagt. Bild: zvg
Lorenz Steinmann
Im Rathuus-Fragebogen stört sich der Zürcher SVP-Gemeinderat Stephan Iten an den sozialistischen Vorstössen der Ratslinken und schwärmt von einer Tele-Züri-Moderatorin. Peinlich ist ihm, dass er in einer Debatte mal die Sihl mit der Limmat verwechselt hat.
Stephan Iten, wie wurden Sie politisiert? Zu viel „Arena“ geschaut.
Was wollten Sie als Kind werden? Pilot oder Tierarzt.
„Politisch beschäftigt mich gerade am meisten, dass im Zürcher Gemeinderat ein Wettkampf der Linken herrscht, wer den sozialistischeren Vorstoss einreicht. Es geht nicht mehr um das Wohl der Menschen.“
Was beschäftigt Sie politisch gerade am meisten? Der Wettkampf unter den Städten, wer die sozialistischere Idee umsetzt. Im Gemeinderat der Stadt Zürich ein Wettkampf der Linken, wer den sozialistischeren Vorstoss einreicht. Es geht nicht mehr um das Wohl der Menschen.
Waren Sie Ihrer Partei schon immer treu, oder hatten Sie mal Abwanderungsgelüste? Manchmal hatte ich schon Abwanderungsgelüste. Aber nicht in eine andere Partei. Ich könnte mich mit keiner anderen Partei identifizieren.
Haben Sie auch schon Unterschriften für eine Initiative oder eine Petition gesammelt? Das mache ich fast jeden Samstagmorgen von 9 bis 12 Uhr.
Welche Staatsmänner halten Sie – frei nach Max Frisch – für moralisch? Alt Bundesrat Ueli Maurer, weil er sich immer fürs Wohl der unabhängigen Schweiz einsetzt.
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Mit wem würden Sie gerne einmal ein Bier, ein Glas Wein oder einen Tee trinken? Mit Vanessa Meier von Tele Züri.
Was ist Ihr Lieblingsrestaurant in der Stadt oder im Kanton Zürich? Das Restaurant Waidhof in Zürich-Seebach. Leider schliesst es Ende 2026 für immer …
Kaufen Sie das „Surprise“ und lesen Sie es auch? Weder noch.
„Für mich ist Tina Turner die bedeutendste Zürcherin.“ 😉
Wer ist für Sie der bedeutendste Zürcher oder die bedeutendste Zürcherin? Tina Turner. 😉
Was haben Sie bis heute leider noch nicht gemacht? Ich müsste schon längst mal auf die Toilette.
Sex ohne Liebe, was halten Sie davon? Geht.
Was war Ihr grösster politischer Erfolg? 2022 durfte ich für den Stadtrat kandidieren, und ich habe erfolgreich eine überparteiliche Initiative eingereicht. Inzwischen wird meine Initiative in der Kommission beraten und wird nächstens der Stimmbevölkerung vorgelegt. (Es handelt sich um die Initiative „Ja zum fairen Parkplatz-Kompromiss“. Sie fordert, dass in der Stadt Zürich die Aufhebung von Parkplätzen auf öffentlichem Grund nur noch zulässig sein soll, wenn die Gesamtzahl der öffentlich zugänglichen Parkplätze im gleichen Quartier jeweils mindestens erhalten bleibt, Anm. d. Red.)
Und welches Ihr grösster politischer Fauxpas? Wenn ich in der Debatte im Gemeinderat den falschen Strassennamen verwende, einmal habe ich sogar die Sihl mit der Limmat verwechselt. Peinlich …
Wollen Sie das historische Rathaus zurück oder gefällt es Ihnen im Rathaus Hard? Unbedingt in das historische Rathaus. In dieses ehrwürdige Gebäude gehört der Gemeinderat auch hin.
Portobello-Burger oder Poulet-Kebab? Weder noch.
Taylor Swift oder Beatrice Egli? Klar Beatrice Egli.
Welches Hintergrundbild haben Sie auf Ihrem Handy? Die schönen Wasserbüffel des Riedenholzhofs zwischen Seebach und Affoltern.
Worauf freuen Sie sich? Es endlich auf die Toilette zu schaffen.
Und worüber können Sie lachen? Über alles und nichts.
Stephan Iten ist 46 Jahre alt und in Zürich-Affoltern aufgewachsen. Er machte eine KV-Lehre und ist heute Inhaber einer Werkzeughandelsfirma in Wipkingen. Er wohnt in Seebach und sitzt seit 11 Jahren für die SVP im Zürcher Gemeinderat. Aktuell gehört er der Sachkommission Sicherheitsdepartement/Verkehr an. Iten ist Präsident der SVP Kreis 11. Früher war der Politiker Vizepräsident der SVP-Gemeinderatsfraktion und Mitglied der SVP-Geschäftsleitung der Stadt Zürich.
Gegenüber dem Onlineportal Tsüri sagte Iten, er sei durchaus stolz gewesen darauf, dass seine Motion für eine Abschaffung der Gebühren für Boulevardcafés während der zwei Coronajahre damals angenommen wurde. „Da musste ich auch Mehrheiten auf der linken Ratsseite suchen und finden.“ Und in einem Porträt des „Tages-Anzeigers“ heisst es, er setze sich „vor allem für Autos, gegen den Abbau von Parkplätzen, für Überwachungskameras und mehr Polizeipatrouillen ein“. Aber „Er ist offen und geht auf die Gegenseite zu“, so Markus Knauss, langjähriger Grünen-Gemeinderat.
Als Zugabe aus einem „Tages-Anzeiger“-Interview: Wie geht Ihr Lieblingswitz? Kommt ein Ross in eine Bar, fragt der Barkeeper: „Warum so ein langes Gesicht?“
Es ist halt schon typisch, findet Lorenz Steinmann. Da baut die Stadt den Bucheggplatz für Dutzende von Millionen Franken um und lässt einen massiven Fahrleitungsmasten auf einem neuen Veloweg stehen. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
Lorenz Steinmann
Mein Redaktionskollege Pascal Turin hat schon recht. Jetzt reicht es dann mal mit Verkehrsthemen. Aber weil ab heute Montag in Zürich eine weitere Veloroute wegen Bauarbeiten gesperrt wird, schöpfe ich aus dem Vollen und beklage mich. Ein Kommentar.
Dies ist ein Lagebericht aus dem Maschinenraum des Veloalltags. Es sind Fallbeispiele über Missstände im Velobereich, die aus meiner Sicht zu Dutzenden vorkommen – in der Stadt Zürich, aber auch auf Radwegen in der Agglo. Ich berichte also nur über die Spitze des Eisbergs.
Unter Missständen verstehe ich Radwege, für die man oft Haupt- und Überlandstrassen ohne Warnhinweise kreuzen muss, oder solche, die plötzlich aufhören. Manchmal wegen Planungsfehlern, manchmal, weil bei einer Baustelle die Beschilderung für das Velo einfach vergessen wurde.
Das ist gefährlich und hält viele Leute davon ab, mit dem Velo herumzupedalen. Nicht so ich. Es ist wohl eine Art von Masochismus, das zu erdulden und das Beste daraus zu machen. Aber ganz ehrlich, ich tue das ohne Gesetze zu übertreten und Fahrverbote zu missachten.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Der tägliche Horror für Velofahrende. Das Bild zeigt die Baustelle bei der Sihlbrücke beim Hauptbahnhof. Die Velos gingen vergessen, Warnschilder sucht man vergebens. Bild: Lorenz Steinmann
Ich bilde mir natürlich ein, besonders qualifiziert zu sein, um über dieses Velothema schreiben zu können. Ob das so ist, ich weiss es nicht. Vielleicht wirke ich damit auch nur arrogant und altklug. Und ich rege mich oft gehörig auf. Das ist normalerweise keine gute Voraussetzung, um in die Tasten zu hauen. Darum mache ich es auch nur hier und jetzt. Nachher wende ich mich wieder anderen Themen zu, versprochen.
Ich fahre fast jeden Tag mit meinem Drahtesel durch Zürich, so auch vom Limmatplatz die Kornhausstrasse hoch zum Milchbuck. Ich komme dazu gehörig ins Schwitzen, und wie geschrieben bin ich darum auch öfters sauer. Die gut 80 Höhenmeter verbrauchen wohl mehr Sauerstoff fürs Hirn, als mir lieb ist. So fällt mir das Denken beim Pedalen schwer und schwerer.
Doch warum scheint es auch in den Amtsstuben zu hapern mit dem Denken? Müssen die auch dauernd buckeln im Büro? Mein Weg ist sogar Teil der nationalen Veloroute Nummer 45 „Wyland-Downtown“. Diese nehmen jeden Tag Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Velofahrenden. Und alle stehen sie vor dem gleichen Problem. Seit März 2025 wird auf der Rötelstrasse gebaut, die Strecke ist unterbrochen. Velosignalisationen fehlen.
Ab heute Montag kommt auch noch die gesperrte Rotbuchstrasse hinzu. Leitungen für die Fernwärme! Dass man sich hier als Velofahrerin oder Velofahrer selber einen alternativen Weg suchen muss, ist sinnbildlich dafür, welchen Stellenwert das Velo bei der Stadtplanung im angeblich links-grünen Zürich im Alltag hat. Nämlich fast gar keinen. So viel zur Verdrängung des Autos durch das Velo.
Die Stadt gab sich keine Mühe, für Velofahrende eine Signalisation einzurichten. Dabei wäre mit ein wenig Fantasie ein provisorischer Veloweg für die 18-monatige Bauerei sicher möglich gewesen. Bild: Lorenz Steinmann
An vielen Orten in der Limmatstadt muss man wegen Baustellen aus Sicherheitsgründen auf Trottoirs ausweichen und hoffen, dass man auf verengten Fahrspuren nicht von hinten gerammt wird. Kein Wunder, ist das Image von uns Velofahrenden so schlecht.
Die beschriebene Kreuzung Rötel- und Rotbuchstrasse ist typisch. Dort, wo linkerhand das Hipster-Restaurant Kafi Schnaps ist, steht man als Velofahrende vor dem Nichts. Geradeaus fahren geht offiziell nicht. Wie kommt man also trotzdem zum Bucheggplatz in diesem Gebiet mit recht steilen Strassen?
Schon im März fragte ich bei der Stadt nach und bekam diese schräge Antwort. „Auf eine Signalisation wurde absichtlich verzichtet, damit Autofahrerinnen und Autofahrer nicht verwirrt werden“, so die Stadt. Velofahrende müssten der temporären Verkehrsführung für Autos folgen. Den Weg, den die Busse der Verkehrsbetriebe Zürich fahren, dürfen Velos nicht benützen, weil „es bergauf geht“ und das Überqueren der Kreuzung mit dem Velo zu lange dauern könnte. Und weiter: „In Richtung Bucheggplatz können Velofahrerinnen und Velofahrer legal einen U-Turn bei der Fussgängerinsel machen. Das ist erlaubt und sicher“, so die Stadt.
Schon seit sechs Monaten wird hier an der Kornhausstrasse trotz Grossbaustelle auf eine Signalisation für Velofahrende verzichtet. "Um Autofahrer nicht zu verwirren", wie es von der Stadt heisst. Bild: Lorenz Steinmann
Der „Gaht’s-no!-Priis“ der FDP wäre den Oberen sicher, keine Frage. Denn wer diesen amtlichen Tipp schon einmal befolgt hat, weiss, wie gefährlich das ist. Und es ist erst noch unpraktisch. Zuerst den Berg hochfahren, mühselig die Strasse queren und dann wieder hinunter sausen. Das kann man wirklich nur in einer Amtstube erfinden.
Darauf angesprochen heisst es von der Stadt, man versuche, „allen Bedürfnissen gerecht zu werden“. Teilweise gebe es aber Verbesserungsbedarf. „Deshalb sensibilisieren wir unsere Mitarbeitenden, in Baustellen ein spezielles Augenmerk auf die Veloumleitung zu legen.“ Zudem würden die verantwortlichen Fachpersonen mit dem Bereich Velosicherheit zusammenarbeiten, um heikle Situationen wie Ein- und Ausfahrten bei Baustellen sicherer zu machen.
Da bin ich ja beruhigt. Dumm nur, dass man davon so wenig merkt im Alltag.
Ich bin mal gespannt, ob und wie bei der heute beginnenden Baustelle an der Kornhausstrasse die von der Stadt in Aussicht gestellte neue Plakataktion wirkt. „Diese soll Velofahrerinnen und Velofahrer zur Nutzung der Umleitung motivieren“, heisst es auf Anfrage von der Stadt. Die Aktion sei ein Pilotprojekt. „Wir werten sie aus, um daraus für künftige Baustellen zu lernen.“ Da bin ich mal gespannt.
Aber keine Angst. Bis darüber etwas auf Rathuus zu lesen ist, vergehen noch viele Wochen. Das ist mein Ehrenwort an die Leserschaft und an meinen Redaktionskollegen Pascal Turin. Denn es liegen ohne Frage genügend andere Themen als der Auto- und der Veloverkehr in der Luft.
PS: Einen habe ich noch. Mitten auf dem Veloweg am Bucheggplatz ragt ein dicker Fahrleitungsmast aus dem Asphalt. Offensichtlich ist auch da eine Signalisation nicht nötig, da der Mast in Blickrichtung der Velofahrenden steht und damit gut sichtbar ist – sagt die Stadt. Echt top, top, top, vor allem, wenn gleichzeitig viele Velofahrende am Mast vorbei müssen. Der Standort habe „vor allem eine funktionelle Funktion“ und decke „Sicherheitsfragen aller Verkehrsbeteiligten“ ab. Was auch immer das genau bedeutet.
Sie hatten bei der Aufnahme der Folge viel Spass (v. l.): Pascal Turin, Damjan Bardak und Lorenz Steinmann. Bild: Rathuus
Pascal Turin
Sportmuffel, lasst euch bitte nicht abschrecken: Für die 15. Folge des Rathuus-Podcasts haben Lorenz Steinmann und Pascal Turin einen Gast eingeladen. Sie reden mit dem Fussballexperten Damjan Bardak darüber, ob Zürich wirklich ein neues Stadion braucht.
Zürich hat kein richtiges Fussballstadion – also eines, das nur dem Fussball gewidmet ist. Ein Hexenkessel, in dem man nah am Spielfeld sitzt, so wie zum Beispiel der Kybunpark in St. Gallen. Der architektonisch schöne Letzigrund ist zwar gross und wird regelmässig für Konzerte von Megastars wie Taylor Swift gebucht, aber von der Atmosphäre her ist das Stadion für Fussballspiele nicht top, top, top.
Dafür ist der Letzi gut an den ÖV angebunden und hat einen ganz entscheidenden Vorteil: Das Stadion steht bereits und man kann darin Fussball spielen und geniessen. Bis hingegen auf der Hardturm-Brache wieder der Ball rollt, dürfte es noch eine ganze Weile dauern. GC und der FCZ warten immer noch auf den Entscheid des Verwaltungsgerichts.
In der 15. Folge des Rathuus-Podcasts diskutieren Lorenz Steinmann und Pascal Turin mit Damjan Bardak unter anderem darüber, ob Zürich überhaupt ein weiteres Fussballstadion braucht. Damjan ist Co-Gastgeber des Podcasts “Der Schlusspfiff” und FCZ-Fan. Ausserdem kennt er sich sehr gut mit dem englischen Fussball aus und interessiert sich als freier Journalist für die politischen Zusammenhänge rund um seinen Lieblingssport.
Nach einer kurzen Vorstellungsrunde geht es los mit der schier unendlichen Geschichte rund um den Bau eines neuen Hardturm-Stadions. Wir blicken zurück, aber auch voraus. Und zum Abschluss reden wir darüber, was uns diese Woche beschäftigt hat – einer leicht abgewandelten Form der Rubrik “Can’t Let It Go” des NPR Politics Podcasts.
Sie stehen hinter dem Riesenprojekt und posieren extra fürs Rathuus (v. l.): André Odermatt (SP), Karin Rykart (Grüne), Simone Brander (SP) und Michael Baumer (FDP) vom Zürcher Stadtrat. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann, Pascal Turin
Die Neugestaltung des öffentlichen Raums rund um den Hauptbahnhof Zürich bietet viel städtebauliches Potenzial. Das Projekt erinnert an einen anderen Jahrhundertwurf: den Bau der Quaianlagen in den 1880er-Jahren durch Arnold Bürkli. Kritische Stimmen gab es damals viele. Das ist heute nicht anders.
Es waren blumige Worte, die die „Neue Zürcher Zeitung“ am 23. Mai 1881 – also vor gut 144 Jahren – wählte: Die 1780 gegründete Tageszeitung schrieb, dass der Quai „auf die Dauer den Vortheil [sic] der herrlichen Lage Zürichs am See zur vollen Geltung bringen“ werde. „Derselbe wird namentlich für Zürich als Fremdenstadt von grösster Bedeutung sein!“
Damals wagte die Stadt Zürich einen grossen Wurf und investierte unter dem damaligen Stadtbaumeister Arnold Bürkli mit 13 Millionen Franken etwa 35 Prozent ihres Jahresbudgets für den Bau der Quaianlagen.
35 Prozent, das wären heute gut 3,8 Milliarden Franken. Vorangegangen waren in den 1870er-Jahren gehässige öffentliche Diskussionen darüber, ob und wie eine neue, dominante Eisenbahnlinie entlang des Seeufers gezogen werden sollte. Das als „eiserner Ring“ in die Geschichte eingegangene Projekt sah eine Doppelspur am damaligen Seeufer beim heutigen Bürkliplatz und beim Bellevue vor, mit einer mächtigen Eisenbahnbrücke über die Limmat beim Bauschänzli. Der Rest mit der gelungenen Alternative, der Quaianlage, ist bekannt.
Die damalige Auseinandersetzung ist ein Beispiel dafür, wie Stadtentwicklung und Verkehr harmonieren können. Man kann sich Zürich ohne General-Guisan-Quai, Bürkliplatz oder Utoquai überhaupt nicht mehr vorstellen.
Sieht heute komplett anders aus: Von 1881 bis 1887 wurde die Quaianlage in Zürich mit einem immensen finanziellen Aufwand gebaut. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Dominik Lenz
Autoverkehr soll für Bäume und Menschen Platz machen
Stadtentwicklung und Verkehr sind auch die Kernthemen im Zusammenhang mit dem am Mittwoch vorgestellten Weissbuch „Aufbruch in den Stadtraum Hauptbahnhof 2050“. Eine Viererdelegation des Stadtrats skizzierte ziemlich detailliert, wie und warum man das Gebiet um den Zürcher Hauptbahnhof fundamental verändern wolle. Künftig soll der HB nicht nur Verkehrsknotenpunkt mit 400’000 ÖV-Passagieren und vielen Autos sein, sondern vor allem Erholungsraum. Man will dafür den Autoverkehr grösstenteils verbannen und mehr Platz für Bäume und die Bevölkerung schaffen.
Laut den Behörden weist das Gebiet grosse Defizite auf, vor allem für Fussgängerinnen und Fussgänger. Heute sind täglich 700’000 Menschen im und um den HB unterwegs. 2050 könnten es sogar noch 200’000 Leute mehr sein. „Es soll in Zukunft mehr Freude machen, zu Fuss unterwegs zu sein“, sagte Grünen-Stadträtin Karin Rykart.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.So soll laut dem Weissbuch "Aufbruch in den Stadtraum Hauptbahnhof 2050" der Raum rund um den HB dereinst ausschauen. Es dominieren Tramgleise sowie zu Fuss Gehende. Visualisierung: Atelier Brunecky
FDP moderat, SVP spricht von abgewürgtem Verkehr
Die Reaktionen auf den von den Medien stark beachteten Anlass waren durchaus erwartbar. Die NZZ urteilte kritisch: „‚Züri autofrei‘ am Hauptbahnhof? Dieser Plan strotzt vor schönen Grafiken und Visualisierungen – geht aber nicht auf.“ Ein wenig gnädiger war der „Tages-Anzeiger“. Doch auch er stellte sich die Frage: „Offen bleibt, wohin sich der Autoverkehr bei einer so weiträumigen Sperrung verlagert.“ Bei den Parteien zeigte sich ein ähnliches Bild, wenn auch die FDP überraschend positiv reagierte. So sagte Gemeinderat Sebastian Vogel zum Tagi: „Grundsätzlich begrüssen wir, dass die Stadt etwas Visionäres vorlegt.“ Die Pläne seien kein Luftschloss, es ergebe Sinn, wenn die Plätze rund um den HB wieder besser zugänglich seien. Der Knackpunkt für Vogel blieb aber eine konkrete Lösung für die Verlagerung des Autoverkehrs.
Der Wirtschaftsverband City-Vereinigung Zürich, die Verkehrsverbände Automobil Club der Schweiz und Touring Club Schweiz sowie die SVP liessen hingegen kein gutes Haar an den Plänen des links-grünen Stadtrats. Damit werde die Situation „an der grössten Verkehrsdrehscheibe der Schweiz verschlechtert, anstatt sie zu verbessern“, so Dominique Zygmont, ehemals FDP-Gemeinderat und heute Geschäftsführer der einflussreichen City-Vereinigung Zürich.
Die SVP zeigte sich in ihrem Communiqué ungnädig. „Das Abwürgen des Individualverkehrs rund um den wichtigsten Verkehrsknotenpunkt der Schweiz ist weltfremd und führt Zürich zurück in vorindustrielle Zeiten“, hielt die rechts-konservative Partei fest.
Das Central in der Aufnahme aus dem Jahr 2021: Der Verkehrsknotenpunkt soll zu einem Ort werden, an dem man sich im Gegensatz zu heute gern aufhält. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Juliet Haller
Freude bei den Linken, Skepsis in der Mitte
Wenig überraschend waren die linken Parteien für die Umbauvision des Stadtrats. Die Sozialdemokraten freuten sich vor allem darüber, dass im Weissbuch der öffentliche Verkehr sowie der Velo- und Fussverkehr Priorität hätten. Die Grünen wiederum jubelten über mehr Grün und lobten die neuen Tramverbindungen. Die Zentrumsparteien hatten hingegen Zweifel bezüglich der Umsetzbarkeit. Mitte-Gemeinderätin Karin Weyermann bezeichnete das Weissbuch auf Anfrage des „Tages-Anzeigers“ als „ein Wunschkonzert“. Sven Sobernheim von der GLP sprach von einer „Potenzialstudie“.
Aber wie viel Potenzial hat dieses Weissbuch tatsächlich?
Gut auf den Punkt brachte Tiefbauamt-Direktorin Simone Rangosch das geplante Vorgehen: „Wenn man an einem Ort zu überlegen beginnt, malt man am besten zuerst ein grosses Bild und versucht dann in Einzelschritten, dass alles ins Bild passt.“ Sie fügte aber an, dass dies im Wissen sei, dass viele Jahre bis zur Umsetzung vergehen würden – und vielleicht dereinst andere Vorgaben hinzukämen.
Vor allem Letzteres ist darum bedeutend, weil es also nicht darum geht, das Entweder-oder anzustreben. Nicht riesige und unrealistische Würfe wie etwa das überdimensionierte Bauprojekt HB Südwest, das später zur im internationalen Vergleich recht gewöhnlichen Europaallee wurde, oder die aus heutiger Sicht sehr kurios wirkende Idee einer Waldstadt auf dem Adlisberg aus dem Jahr 1971. Wer weniger weit zurückgehen möchte, könnte auch das Milliardenprojekt Rosengartentunnel, das vom Volk 2020 abgelehnt wurde, dazu nehmen.
Bedenken haben muss man höchstens, dass alle Teilprojekte Um- und Neubauten benötigen. Auf Bestehendem wird kaum aufgebaut. So wussten die Verantwortlichen zum Beispiel nicht, ob sich die kürzlich sanierte Postbrücke über die Sihl von der Gewichtslimite her für Trams eignet oder nicht. Aber davon später.
"Es ist wichtig, dass das Gewerbe auch in Zukunft gut ins Gebiet rund um den Hauptbahnhof kommt", sagte Stadträtin Karin Rykart (Grüne) vor den Medien. Bild: Pascal Turin
Stadträtin Rykart betonte mit Blick aufs Ganze, dass es in Zukunft mehr Freude machen soll, zu Fuss unterwegs zu sein. „Davon sollen das Gewerbe und die Geschäfte profitieren.“ Sie sagte zudem: „Mit dem Auto in die Stadt rein ja, mit dem Auto durch die Stadt, lieber nicht.“ Die Innenstadt soll vom Durchgangsverkehr entlastet werden. Nun braucht es laut der Grünen ein detailliertes Konzept. „Es ist wichtig, dass das Gewerbe auch in Zukunft gut ins Gebiet rund um den Hauptbahnhof kommt“, so die Vorsteherin des Sicherheitsdepartements, zu dem auch die für Signalisationen und Verkehrsführung zuständige Dienstabteilung Verkehr gehört.
Stadtrat machte Mini-Park zum Vorzeigeobjekt
Für Stadtrat André Odermatt (SP), unter anderem für die Stadtplanung und den Städtebau verantwortlich, ist klar, dass der Raum um den HB „eine der Visitenkarten der Stadt Zürich“ sei. Ihm schwebt rund um den Bahnhofplatz und beim Landesmuseum Zürich ein „grünes Band entlang der Limmat“ vor. Er erinnerte an den kürzlich eingeweihten Mini-Park beim Papierwerd-Areal.
„Das Papierwerd-Areal mit dem Globus-Provisorium wird sich auch zukünftig Schritt für Schritt entwickeln“, so der 65-Jährige, der 2026 bei den Gesamterneuerungswahlen nicht mehr antritt. Das Central bezeichnete der Hochbauvorsteher als „Tor zum Niederdorf“, aber auch als „einer der chaotischeren Plätze, die wir in Zürich haben“. Die Trams sollen künftig nicht mehr über die Löwenstrasse, sondern die Postbrücke via Europaallee fahren. Eine Idee, die Gemeinderat Markus Knauss (Grüne) aber gar nicht gut findet, wie er auf dem Lokalsender Tele Züri betonte. Ja, da wären wir wieder bei diesem Klein-Klein.
Stadträtin Simone Brander blühte an der Medienkonferenz sichtlich auf. „Die Vision begeistert mich, ich bin zuversichtlich, also packen wir es an“, sagte die studierte Umweltnaturwissenschafterin. Sie rief in Erinnerung, dass heute 420’000 Passagiere täglich den Hauptbahnhof nutzen würden, 2050 könnten es bereits 900’000 sein. „Wir müssen heute mit dem Umbau anfangen“, so die Sozialdemokratin. Das Vorhaben sei mit zahlreichen Fachleuten ausgearbeitet und mit einer sogenannten Echo-Gruppe „gespiegelt“ worden.
Auch die SBB haben das Weissbuch unterschrieben. Simone Brander hat übrigens Regierungsrätin Carmen Walker Späh (FDP) über die Pläne informiert, wie sie auf Nachfrage eines Journalisten sagte. Auf der Fachebene habe sich der Kanton eingebracht. Zu einer Unterschrift sei es nicht gekommen, weil sich der Kanton als Bewilligungsbehörde in einem Rollenkonflikt gesehen habe. Am Schluss könnten einige der Ideen noch am Veto des Kantons scheitern.
Autobahnen sollen es richten
Aber wie soll denn die Umlagerung des motorisierten Individualverkehrs nun konkret geschehen? Grosse Hoffnungen setzt die Stadtregierung auf die Eröffnung der Nordumfahrung im Jahr 2027. Das könnte tatsächlich eine ähnliche Zäsur auslösen wie die Eröffnung der Westumfahrung 2009, als dank flankierenden Massnahmen etwa die Weststrasse komplett neu gestaltet wurde, ebenso wie das Gebiet um den Bullingerplatz. Trotzdem war bemerkenswert, dass die Verantwortlichen an der Medienkonferenz nicht sagen konnten, wie viele Autos und Lastwagen pro Tag den Bahnhofplatz passieren, um etwa vom Milchbucktunnel kommend nach Luzern und Chur zu gelangen.
Es sind – der Nachfrage der NZZ sei gedankt – gut 20’000 Fahrzeuge, also gut ein Drittel der Verkehrsmenge, die täglich über die Rosengartenstrasse fährt. Und um das Thema motorisierter Strassenverkehr noch zu vertiefen: Der reine Transitverkehr von 20 Prozent soll auf die Autobahn verlagert werden. Der Verkehr von ausserhalb der Stadt, der in die Stadt führt – und umgekehrt, das sind ebenfalls gut 20 Prozent, soll „möglichst lange“ auf der Autobahn geführt werden.
Der reine Binnenverkehr, der 40 Prozent ausmacht, soll möglichst durch das Velo und den ÖV ersetzt werden. Den Rest will die Stadt auf der Achse Hardbrücke–Rosengartenstrasse kanalisieren. Der übrige Anlieferungs- und Erschliessungsverkehr, etwa 20 Prozent, soll in der Innenstadt verbleiben. Eine stärkere Verkehrsachse als bisher könnte die Mühlegasse werden – zur Orientierung, das ist dort, wo sich die Zentralbibliothek befindet.
Velos nur als Randnotiz
Nur am Rande kommen im Weissbuch übrigens die Velofahrenden vor. Auf dem künftigen Bahnhofplatz etwa soll ein Veloverbot herrschen. Konsultiert man den Veloplan im Weissbuch genauer, dann muss man den Stadtraum rund um den HB eher als grossräumigen Umfahrungsplan für Velos interpretieren. Das federführende Tiefbauamt zeigt keine Gnade für Drahtesel.
Grüne-Gemeinderat Markus Knauss, der auch Co-Geschäftsführer der Zürcher Sektion des Verkehrsclubs der Schweiz (VCS) ist, gibt sich diplomatisch: „Ein grosser und offener Bahnhofplatz, der vor allem auf die Fussgängerinnen und Fussgänger ausgerichtet ist, ist zwar äusserst attraktiv. Dass die Velorouten nicht mehr über den Bahnhofplatz geführt werden, ist ein interessanter Gedanke.“ Die dafür notwendige Ausweichroute sei aufgrund der engen und verwinkelten Gassen aber nicht geeignet, grosse Veloverkehrsmengen aufzunehmen.
„Eine Veloführung mit einem Übergang über die Bahnhofstrasse mit sehr viel Tramverkehr und sehr, sehr, sehr vielen Fussgängerinnen und Fussgängern ist schlicht untauglich. Hier müssen neue Lösungen her“, so Knauss auf der VCS-Website. Er bemängelt zudem die Planungen der Veloabstellanlagen. „Zwar sind richtigerweise Veloparkhäuser rund um den Bahnhof angedacht. Aber hier müsste die Planung viel weiter sein“, fordert der Politiker, der schon seit 27 Jahren im Gemeinderat sitzt.
Stadtrat Michael Baumer (FDP) stellte die angedachten neuen Tramstrecken vor. Zum Beispiel neue VBZ-Gleise am Neumühlequai und an der Europaallee. Bild: Pascal Turin
Der „ÖV-Minister“ ging ins Detail
Doch zurück zur Medienkonferenz und damit zu Michael Baumer (FDP), der sich mit einem Augenzwinkern selbst als „ÖV-Minister“ bezeichnete. Er passte mit seinem eher trockenen Auftritt nicht so ganz ins euphorische Bild seiner Stadtrats-Gspändli. Folgerichtig ging er nicht auf das Gesamtkonzept eines mehr oder weniger autofreien Stadtraums HB ein. Vielmehr betonte er die Vorteile für „seine“ Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ): „Wir können mit dem Konzept auch das Behindertengleichstellungsgesetz besser umsetzen.“
Baumer betonte, dass man sich die Frage gestellt habe, wie die Europaallee ÖV-mässig besser verknüpft werden könne. „Darum soll dort eine neue Haltestelle entstehen – als Ablösung der bisherigen Haltestelle Sihlpost.“ Zudem sollen Haltestellen auf die Bahnhofbrücke und den Neumühlequai verschoben werden. Dort hat es heute erst ein Gleis, aber genügend Platz. Baumer, tatsächlich ganz der „Trämler“, betonte, dass man so dank neuen Wendemöglichkeiten im Störungsfall besser reagieren könne. „Der Hauptbahnhof ist eine ÖV-Drehscheibe und er wird in Zukunft an Bedeutung gewinnen.“
Bemerkenswert war, dass der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe tags zuvor an einer anderen Medienorientierung mit keinem Wort aufs Gebiet Hauptbahnhof eingegangen war, dafür umso mehr Werbung für einen 450-Millionen-Kredit für ÖV-Ausbauten vor allem in Altstetten machte. Mit anderen Worten: Er hielt dicht, um seinen Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtrat nicht die Show zu stehlen.
„Nicht alles eins-zu-eins umsetzen“
Widmen wir uns nun wieder dem grossen Wurf. SP-Stadträtin Simone Brander nannte das Weissbuch „eine verwaltungsanweisende Richtschnur“. Man könne es ein bisschen mit dem Weissbuch des Hochschul-Quartiers vergleichen. „Innerhalb von diesem muss man dann schauen, was die beste Lösung ist.“ Ob dann alles genau so komme oder ob es neue Entwicklungen gebe, müsse man von Fall zu Fall entscheiden. „Wir haben heute nicht den Anspruch, dass wir alles eins-zu-eins umsetzen können.“
So stellen sich die Planerinnen und Planer die Bahnhofbücke und das Central vor. Visualisierung: Dome Visual
Noch eine nicht unwesentliche Randnotiz: Entwarnung gab SP-Stadtrat André Odermatt zu einer Frage von FDP-Gemeinderat Albert Leiser, dem Direktor der Hauseigentümerverbände Stadt und Kanton Zürich. Die geplanten Umbauten sollen allesamt „ohne Eingriff in Bausubstanz“ abgewickelt werden können.
Bisher 1,6 Millionen Franken ausgegeben
Bis jetzt haben die Testplanungen rund um die Neugestaltung des Stadtraums Hauptbahnhof rund 1,6 Millionen Franken gekostet. Was der zweite Jahrhundertwurf nach jenem der neuen Quaianlagen vor über 140 Jahren kosten wird, weiss man noch nicht. Ebenso wurden noch keine konkreten Planungen ausgelöst. Bis das Gebiet mitten in der Limmatstadt also anders aussieht, vergehen sicher zehn Jahre. Und vor 2045 sind grosse Würfe wie ein autofreies Central wahrscheinlich nicht umgesetzt. Wie dann Zürich wirtschaftlich und gesellschaftlich positioniert sein wird, steht logischerweise in den Sternen. Bleibt zu hoffen, dass die öffentliche Hand dann immer noch so im Geld schwimmt wie heute.
Eine Ausstellung mit allen Plänen und Vorhaben rund um den Stadtraum Hauptbahnhof 2050 sowie diverse Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen organisiert die Stadt vom 21. November bis zum 14. Dezember im Zentrum für Architektur Zürich (ZAZ) im ehemaligen Museum Bellerive (Höschgasse 3, 8008 Zürich).Info: Wer hier klickt, gelangt direkt zu viel Wissenswertem rund um das Megaprojekt.
Das Zürcher Rathaus am Limmatquai wird im Moment vom Kantonsrat nicht genutzt. Man könnte es also zum Opernhaus umfunktionieren, findet Rathuus-Mitgründer Pascal Turin. Bild: Pascal Turin, Bildmontage: Rathuus
Pascal Turin
Kurz vor dem Abschicken der Medienmitteilung zum Budgetentwurf des Kantons Zürich schlägt den Verantwortlichen das Herz bis zum Hals. Kaum draussen, tröpfeln die Reaktionen der Parteien verlässlich rein. Links-grün findet alles zu knauserig und die Bürgerlichen wollen die Steuern senken. Eine Glosse.
Alles stimmt bis auf den letzten Punkt. Finanzdirektor Ernst Stocker hat seine Rede für die anstehende Medienkonferenz schon zu Hause in Wädenswil vor dem Spiegel geübt. Der SVP-Regierungsrat wiederholt in seinem Kopf immer wieder „Geschätzte Medienschaffende, ich möchte Sie recht herzlich begrüssen“. Wenn der Einstieg gelingt, dann klappt auch der Rest des Vortrags, denkt er und steckt seine Notizen selbstbewusst in die blaue Businesstasche, die er auch schon am Sommerspaziergang in Rüti dabei hatte.
In der kantonalen Verwaltung steigt derweil der Druck. Unzählige Verwaltungsangestellte haben die Medienmitteilung auf Fehler abgeklopft. Der Entwurf aus der Finanzverwaltung wurde mehrfach überarbeitet. „Regierungsrat rechnet im Budgetentwurf 2026 mit einer roten Null“, hatte sich schliesslich als Titel des Communiqués durchgesetzt. Die zwei Vorschläge „Null Problemo, nur halt rot“ und „Budget 2026: Mehr Spannung als im Zahlenlotto“ blieben chancenlos. Warum sie es überhaupt in die engere Auswahl geschafft hatten, lässt sich nicht mehr eruieren.
Punkt 10 Uhr. Endlich drückt einer auf Absenden. Die Medienmitteilung ist draussen. Der Vorhang öffnet sich. Der erste Akt beginnt – und damit die Medienkonferenz. Finanzdirektor Stocker sagt: „Geschätzte Medienschaffende, ich möchte Sie recht herzlich begrüssen.“
Die Journalistinnen und Journalisten hängen dem Regierungsrat sofort an den Lippen. Zeitgleich kommen die Parteien langsam in Fahrt.
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Die SVP-Verantwortlichen haben die ganze Nacht durchgearbeitet. Diese Stellungnahme muss sitzen. Für den grossen Knalleffekt holt die SVP Kanton Zürich eine altbekannte Forderung aus der Mottenkiste: „Budget 2026: Einnahmen sprudeln – Ausgaben schiessen über 20 Milliarden hinaus. Jetzt braucht es eine Steuerreduktion!“ Das dürfte auch dem Chef in Herrliberg gefallen.
Noch etwas unsicher ist man hingegen bei der Mitte. Erst kürzlich hat man das alte CVP-Briefpapier entsorgt. „Sparpotentiale“, das klingt doch gut. Potential haben wir alle, denken die Parteioberen. Und sparen ist in diesen unsicheren Zeiten doch ein sicherer Schweizer Wert. „Nettoverschuldung des Kantons Zürich erhöht sich. Sparpotentiale sind noch nicht ausgeschöpft“, schreibt darum die Mitte Kanton Zürich.
Die SP Kanton Zürich wusste natürlich schon im Voraus, was die Kolleginnen und Kollegen vom anderen politischen Spektrum fordern werden. Das Sekretariat hat darum auch nicht lange über dem Titel gebrütet. Die Medienmitteilung wird schlicht mit „Steuerfusssenkung wäre verantwortungslos“ überschrieben. Im Sekretariat der Sozialdemokraten stösst man mit Cüpli an. Heute gibt es Champagner statt Prosecco.
Weil die Liberalen das Stellenwachstum beim Staat stoppen wollen, ist das Thema gesetzt. „Der Kanton Zürich budgetiert erstmals Ausgaben von über 20 Milliarden. Personal- und Ausgabenwachstum gehen ungehindert weiter“, titelt darum die FDP Kanton Zürich. Kaum ist die Medienmitteilung draussen, springen die FDPler in ihre Autos und stehen prompt auf der Bellerivestrasse im Stau Richtung Goldküste.
Der gesamte Vorstand der Alternativen Liste hat sich versammelt, denn bei der Linksaussen-Partei werden Entscheidungen kollektiv gefällt. Jemand hat vegane Schoggimuffins mitgebracht. Ein echter Schmaus. Nach langen Diskussionen einigt sich das Kollektiv endlich auf einen Titel. „AL fordert eine realistische Budgetierung und eine Lösung der Investitionsbremse.“ Jetzt muss nur noch der Rest des Texts geschrieben werden.
Die Grünliberalen sind zerrissen. Sie mögen weder hohe Steuern noch tiefe Steuern. Es ist ein Fluch. „20-Milliarden-Budget für Zürich“, heisst es am Ende in der Überschrift. Es ist mehr eine Feststellung als eine Anklage. Zu mehr hatte man sich die GLP Kanton Zürich nicht durchringen können. Aber beim nächsten Budgetentwurf sind wir dann mutiger, sagt eine mit der GLP vertraute Person, die anonym bleiben möchte.
Zuallerletzt drücken die Grünen Kanton Zürich auf Absenden – „Fuss weg von der Investitionsbremse!“, lautet der Titel. Lange hatte man gewerweisst. E-Mails sind bekanntlich Klimakiller. Am Ende erinnerte zum Glück ein alter Hase im Sekretariat daran, dass man nun wirklich kein schlechtes Gewissen zu haben brauche. Man beziehe als Ökopartei vom Elektrizitätswerk nichts weniger als reinen Ökostrom.
„Gut, wenn es keine Fragen mehr gibt, besten Dank für Ihr Erscheinen“, sagt Finanzdirektor Ernst Stocker zum Abschluss der Medienkonferenz. „Ich wünsche einen guten Tag.“
In der Verwaltung atmen alle erleichtert auf: Der Budgetentwurf hat seinen grossen Auftritt hinter sich. Der erste Akt ist gespielt. Im Dezember hebt sich der Vorhang zum zweiten Akt – der grossen Budgetdebatte. Und der Dritte? Ein Überraschungsfinal, wenn unverhoffte Steuereinnahmen die rote Null in zartrosa tauchen.
"Wir brauchen Flexibilität", sagte Stadtrat Michael Baumer (FDP) und erklärte damit den geplanten vorgezogenen Kredit, für den man das Ja des Kantons nicht abwarten will. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die Verkehrsbetriebe Zürich zeigten an einer Medienkonferenz auf, wie sie das ÖV-Netz vor allem in Altstetten ausbauen möchten. Dazu wollen sie ein 450-Millionen-Franken-Paket zu Handen des Stimmvolks schnüren – und vorerst auf die Kostenbeteiligung des Kantons verzichten.
Die Zahl ist imposant. „Eine Million Passagiere pro Tag transportieren die Verkehrsbetriebe Zürich jeden Tag“, sagte Stadtrat Michael Baumer (FDP) heute vor den zahlreich erschienenen Medien. Die Tendenz sei steigend. Für diese vielen Leute müsse es eine gute Infrastruktur geben, die auch den städtischen Klimazielen entspreche. Dabei scheinen Baumer die kantonalen Instanzen definitiv zu langsam zu arbeiten. Das ist darum entscheidend, weil der Kanton via Verkehrsfonds jeweils einen wesentlichen Finanzanteil an ÖV-Bauten beisteuert.
„Der Ausbau der ÖV-Infrastruktur muss jetzt vorangetrieben werden, damit die erwünschte Entlastung der Innenstadt rechtzeitig eintritt. Dafür brauchen wir mehr finanzielle Flexibilität und Planungssicherheit, die der Rahmenkredit von 450 Millionen ermöglicht“, so der Vorsteher des Departements der Industriellen Betriebe.
Ein gerüttelt Mass an Projekten in der Stadt Zürich. Der Plan zeigt mögliche Ausbauten des ÖV in den nächsten Jahrzehnten. Bild: zvg
Die Verkehrsbetriebe Zürich – kurz VBZ – wollen dank dem Geld folgende neuen direkten Verbindungen zwischen den Quartieren vorantreiben, um das Stadtzentrum zu entlasten:
Tram Flur-/Gutstrasse (also Trams ins Kochareal und übers Sihlfeld)
Busverbindung über Gleisanlage beim Bahnhof Altstetten als Vorläufer für spätere Tramverbindung
Tram Hardplatz–Albisriederplatz (als Verbindung des heutigen 8er- und 2er-Trams)
Optionale Ergänzungen: Zweite Phase Flur-/Gutstrasse bis Bahnhof Altstetten oder Tram Hubertus–Triemli
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Martin Sturzenegger, der vor gut vier Monaten die Nachfolge von VBZ-Direktor Marco Lüthi übernommen hatte, betonte, dass diese Strecken abgestimmt seien auf die rasante Stadtentwicklung im Westen der Stadt. Zudem versuche man damit, die City zu entlasten. Sprich, fast jedes Tram fährt heute durch die Innenstadt (Central, Hauptbahnhof und Bellevue). Das bedeutet oft Tramstaus und bei Tramausfällen noch längere Wartezeiten.
Martin Sturzenegger ist seit dem 1. Mai 2025 der neue VBZ-Direktor. Er betonte, dass die neuen Tramlinien auch bei Umleitungen spannende Möglichkeiten darstellen würden. Bild: Lorenz Steinmann
Folgt der Gemeinderat den Ideen der Stadt, ist eine Volksabstimmung schon 2026 geplant. Auf Nachfrage von Rathuus sagte Baumer, die 450-Millionen-Abstimmung habe nichts zu tun mit jener über das Tram Affoltern im Norden der Stadt. „Das gibt zwei Abstimmungen, und an der Urne ist alles möglich“, so Baumer.
Gelassen sieht Stadtrat Michael Baumer der Haltung des Kantons zum eigenen Vorpreschen entgegen. Man nehme an, dass die Finanzierungsfrage vor dem Baubeginn der jeweiligen Projekte mit dem Kanton geklärt werden könne.
Ein Tunnel und ein Mini-Rosengarten-Tram
Bemerkenswert ist, dass in den vorgestellten Unterlagen ein Tramtunnel Hönggerberg sowie Tramverbindungen von der Rosengartenstrasse via Bahnhof Wipkingen zum Milchbuck vorkommen. Es ist quasi ein Plan B für das vom Volk vor fünf Jahren an der Urne abgelehnte Rosengartentram. Diese Projekte seien aber erst in den 2040er-Jahren spruchreif, im Gegensatz zu den heute Dienstag vorgestellten ÖV-Strecken, hiess es von den Verantwortlichen dazu an der Medienkonferenz.
Es gab feurige Voten, aber auch zurückhaltende Statements. Auf dem Bild von rechts stehend Conrad Brunner (Teil des Publikums), Mischa Schiwow, Lydia Trüb, Flurin Capaul, Katrin Gügler und Isabelle Sterchi Pelizzari. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Der Hegibachplatz könnte eigentlich ein Quartierzentrum sein. An einem Podium prallten Stadtplanung, Verkehrspolitik und private Bauinteressen frontal aufeinander. Wie viel Einfluss kann die Stadt Zürich nehmen? Das Interesse war gross, der kleine Veranstaltungssaal voll.
Von der Forchstrasse aus betrachtet wirkte das Festgelände des 3. Hegi Fäschts wie eine Karikatur. Eingeklemmt und reduziert aufs enge Trottoir beim Brunnen, daneben die fünf fast leeren Fahrspuren für Tram, Forchbahn, Trolleybus und Autos. Doch das krasse Grössen- ja Kräfteverhältnis trübte die Stimmung keineswegs. Der DJ Battaglia sorgte für gute Stimmung und um 18 Uhr war die Buchhandlung des Kampaverlags proppenvoll.
Über 40 Leute wollten im Rahmen einer 75-minütigen Podiumsdiskussion mehr darüber erfahren, was die Identität des Hegibachplatzes im Stadtzürcher Quartier Hirslanden eigentlich ausmacht und welchen Einfluss die diversen Neubauten vor Ort haben. Und vor allem, was getan werden kann, um die Substanz des Platzes zu erhalten und um den Platz für das Quartier attraktiver zu machen. Unter der Leitung von alt AL-Gemeinderat Mischa Schiwow, Co-Präsident des Quartiervereins Hirslanden, diskutierten die Historikerin und Vizepräsidentin des Zürcher Heimatschutzes Lydia Trüb, Katrin Gügler, Direktorin des Amts für Städtebau, FDP-Gemeinderat Flurin Capaul, der Mitglied der gemeinderätlichen Sachkommission Hochbaudepartement und Stadtentwicklung ist, sowie Isabelle Sterchi Pelizzari, Co-Präsidentin Grüne 7/8.
In Zürich hat es 47 Plätze
Laut Katrin Gügler, die faktisch die Funktion einer Stadtbaumeisterin inne hat, ist der Hegibachplatz mit seiner Nummer 40 einer von 47 Plätzen im Stadtzürcher Richtplan. Sie verneinte nicht, dass Plätze meistens vor allem als Verkehrsknotenpunkte genutzt werden. Oft ist dies historisch bedingt, wurde aber auch durch die Priorisierung des Autoverkehrs in den 1960er- und 1970er-Jahren planerisch untermauert.
Beispiele dieses engen Verkehrskorsetts sind etwa der Schaffhauserplatz, der Bucheggplatz und auch der Limmat- und der Albisriederplatz. Erst vereinzelt gibt es Umwandlungen hin zu Begegnungsorten wie vor Jahrzehnten beim Röntgenplatz, später beim Ida- und neueren Datums etwa beim Röschibachplatz und beim Bullingerplatz. Dass oft ein Zielkonflikt zwischen dem rollenden Verkehr und der Aufenthaltsqualität herrscht, brachte Flurin Capaul auf den Punkt: „Alle wollen Mobilität, aber niemand Verkehr.“
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Auf dem Hegibachplatz nehmen die verschiedenen Verkehrsformen viel Platz ein. Rechts beim Baum fand das 3. Hegi Fäscht auf einem Mini-Plätzchen statt. Bild: Lorenz Steinmann
Und damit eins vorweg. Auf dem politisch durchmischten Podium war man sich einig, dass der Hegibachplatz ein Ort des Verkehrs ist und bleibt. Er wurde zwar als „Durchfahrtgenerator für Tram und Auto“ bezeichnet und als „Nicht-Ort“, er habe aber schon auf alten Fotos primär als Tramstation gewirkt. Es sollten aber Schulwege, die über den Platz führen, sicherer werden, ebenso die Fusswege für Senioren.
Und die Klein-Klein-Gestaltung mit Veloständern und Abfallcontainern solle man bitte überdenken. Zudem wurde das privat geführte Kaffee-Fenster „Hegifret“ mit Barista-Kaffee und Frühstücksgebäck als wunderbare Innovation und als neuer Treffpunkt bezeichnet.
Mehr Freiraum für Restaurants gefordert
Bedauern gab es ausserdem, weil es (noch) keine Aussenbestuhlung gebe für die Mini-Beiz Hegifret. Eine Vergrösserung der Aussenbestuhlung wurde auch für das koreanische Restaurant Misoga und für das Restaurant Williams Butchers Table gefordert. Denn Strassenrestaurants sorgen ohne Zweifel für mehr Leben und Attraktivität. Dies war ein Fingerzeig an die für die Aussenbestuhlung von Restaurants zuständige Stadträtin Karin Rykart, welche wie auch Stadtratskandidat und Nationalrat Balthasar Glättli (beide Grüne) unter dem Publikum auszumachen war.
Der untere Teil des Hegibachplatzes fällt durch ein gestalterisches "Chrüsimüsi" auf. Bild: Lorenz Steinmann
Grosse und utopische Forderungen blieben aus auf dem Podium. Lediglich aus dem Publikum gab es etwa den Input, Tempo 30 einzuführen. Ein möglicher Spurabbau und die Einführung von Kapp-Haltestellen, um die Durchfahrt für den motorisierten Strassenverkehr unattraktiver zu gestalten, waren kein Thema. Zu sehr ist der Ort Zubringer etwa für die Universitätsklinik Balgrist und fürs Kinderspital Zürich, wie Isabelle Sterchi Pelizzari von den Grünen ausführte.
Und hier erlauben wir uns eine Vermutung: Die Podiumsteilnehmenden wollten es sich als etablierte Grössen im Quartier vermutlich auch mit niemandem verscherzen.
Schon 1939 wirkte der Hegibachplatz gestalterisch dominiert vom Verkehr. Bild: Baugeschichtliches Archiv
Ebenfalls von einem Zuhörer kam die Feststellung, dass bei Platzumbauten in Zürich immer Verkehrsingenieure die Projektleiter seien. Dabei müsse der Städtebau führend sein, nicht der Verkehr. Doch auch auf Nachfrage von Diskussionsleiter Mischa Schiwow konnte oder wollte sich Katrin Gügler nicht dazu äussern, wer jeweils den Lead habe bei Umbauten.
Nur so viel: „Der Verkehr schafft eine klare Ausgangslage“, so Gügler, die seit 2017 Chefin des Amts für Städtebau im Hochbaudepartement unter André Odermatt (SP) ist. Sie sagte, sie sei froh, dass sie nicht mehr jene städtebaulich tragende Rolle innehabe wie einige ihrer Vorgänger. Tatsächlich prägen diese das Stadtbild bis heute, wie etwa Gustav Gull, im Amt von 1895 bis 1900, oder Hermann Herter, im Amt von 1919 bis 1942.
Immerhin: Neben dem kommunalen Richtplan gebe es auch noch den kommunalen Verkehrsrichtplan, wo das Tiefbauamt immer den Lead habe, so Gügler. So gebe es heute „sehr viele Zielkonflikte“, stellte die 59-Jährige fest. Dass es neben Güglers Amt auch noch ein Amt für Stadtentwicklung unter Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) gibt, macht die Sache mit den Zuständigkeiten mit Konfliktpotenzial auch nicht einfacher.
Am Podium wurden die Bauten an der Hegibachstrasse 1 (in der Mitte) sowie das schon 50-jährige ACS-Haus verschiedentlich als "Schandflecke" bezeichnet. Bild: Lorenz Steinmann
Zielkonflikte also, die auch bei Hochbauten offensichtlich erscheinen. Denn im Quartier machte der Neubau an der Hegibachstrasse 1 Schlagzeilen. Dieser Neubau gehe überhaupt nicht auf den Quartiercharakter ein, befand Lydia Trüb. Zudem habe es keine Läden im Erdgeschoss, obwohl doch eigentlich passende Fensterfronten vorhanden seien. Dazu erwähnte Mischa Schiwow auch das ACS-Haus, das den Platzcharakter vor 50 Jahren schon negativ beeinflusst habe.
Gügler betonte, die Verantwortung trage jeweils der Hauseigentümer. „Wir können beraten, aber nicht verfügen“, so Gügler. Und mit Wohnen verdiene man nun einmal mehr als mit dem Gewerbe. „Die Art der Nutzung des Erdgeschosses konnten wir bei der Hegibachstrasse 1 nicht vorschreiben“, sagte die Direktorin des Amts für Städtebau. Nicht so einfach sei es zudem, Häuser ins Inventar schützenswerter Bauten zu nehmen oder gar unter Schutz zu stellen. „Der Grundeigentümer darf sich jeweils einbringen und der Stadtrat muss Abwägungen treffen“, so Architektin Katrin Gügler.
So scheint es, dass die Gestaltung von prägenden Häuserzeilen und Plätzen öfter als gedacht vom Willen und vom Geschmack der Hauseigentümer abhängt.
Ein weiteres Thema war die aktuell laufende Neugestaltung des benachbarten Kreuzplatzes. Dort gibt es künftig mehr Platz für den Veloverkehr auf Kosten einer Autospur in Richtung Forch. Bei der Diskussion wurden Befürchtungen geäussert, dass sich die Verkehrsproblematik einfach in Richtung Hegibachplatz verlagere und sich hier darum nie etwas ändere. Als Möglichkeit, sich zu äussern, wurde aber die Form der Petition erwähnt. „Beim Klusplatz wurde tatsächlich etwas bewirkt, auch wir wollen Einfluss nehmen“, betonte Moderator Schiwow, der zum Schluss der Veranstaltung seinen Hut als Co-Präsident des Quartiervereins aufsetzte.
BZO als Möglichkeit, fürs Quartier einzustehen
Katrin Gügler erwähnte punkto Einbringen von Quartieranliegen den angelaufenen Prozess der neuen Bau- und Zonenordnung (BZO). Die vom Volk angenommene und seit dem 1. April 2025 geltende BZO für die Stadt Zürich werde nun „parzellenscharf“ gemacht, wie Gügler den Prozess nannte. Sprich: Es gibt öffentliche Auflagen und einen politischen Prozess. „Alle können sich nächsten Frühling dazu äussern, Verbände wie auch Privatpersonen“, erklärt Gügler. Dazu seien auch Anträge via Gemeinderat möglich.
Will heissen: Gemeinderätinnen und Gemeinderäte aus den Quartieren können Anliegen wie am heutigen Podium geäussert in die Debatte tragen. Ob sie dann umgesetzt werden, ist freilich eine andere Frage. So kann man auch nicht einfach den Abriss eines „hässlichen“ Hauses fordern. „Was da ist, hat Bestandesgarantie“, musste Gügler die aufkommende Euphorie im Saal bremsen.
Was bleibt, ist, dass es eine erfrischende, angeregte 75-Minuten-Diskussion über eine Platzgestaltung gab, bei der viele Themen angesprochen wurden, die man auch auf anderswo in der Stadt übertragen könnte. Die Zutaten: engagierte Quartierbewohnerinnen und -bewohner, interessierte Politikerinnen und Politiker sowie eine Verwaltung, die sich auf eine Auseinandersetzung einlässt. Ein Abend der gelebten Demokratie.
Ist die Signalisation hier an der Langstrasse in der Stadt Zürich tatsächlich so unklar? Offensichtlich schon, wie die Bussenstatistik zeigt. Sie spricht eine klare Sprache. Bild: Lorenz Steinmann
Lorenz Steinmann
Die autofahrende Zürcher Bevölkerung konnte es kaum glauben: Wer das kleine Fahrverbotsstück an der Langstrasse übersah, tappte in die Bussenfalle. Doch bis die versprochenen Wechselsignale kommen, ist Geduld gefragt. Es dauert noch bis 2026.
Es sind für Autofahrerinnen und Autofahrer die wohl teuersten 60 Strassenmeter der Schweiz. Das tagsüber geltende Fahrverbot an der Zürcher Langstrasse zwischen der Diener- und Brauerstrasse. Es wurde Ende September 2023 eingeführt, um den Verkehr an der Langstrasse zu reduzieren. Weil sich aber fast niemand daran hielt, wurde Anfang 2024 eine Kamera installiert, die alle Autolenkerinnen und -lenker filmte.
Sogleich hagelte es Bussen – die Zahlen waren enorm: In nur einem Monat wurden rund 17’000 Autofahrerinnen und -fahrer gebüsst. Kostenpunkt pro Busse: 100 Franken. Das spülte einen Millionenbetrag in die Stadtkassen. Die durchaus unklare Signalisation sorgte so für viel Ärger und Frust bei den Autofahrerinnen und Autofahrern. Bis zu 500 Bussen wurden täglich ausgestellt.
Im April 2024 berichtete das Onlineportal Zürich24, dass die Stadt Zürich deswegen in grosser Kritik stehe. „Nun tut sich was, doch die Stadt will (noch) nicht informieren“, hiess es damals auf Zürich24. Ende Juni 2024 teilte die Stadt dann mit, das Blitzergerät vorerst deaktivieren und das Fahrverbot besser ausschildern zu wollen.
Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.Das Fahrverbot für Autos und Motorräder wird laufend übertreten. Erst grosse Wechselsignale ab Frühling 2026 sollen für Abhilfe sorgen. Bild: Lorenz Steinmann
Wie präsentiert sich die Situation heute, über ein Jahr nach dem Ausschalten der Bussenkamera? Michael Walker vom Mediendienst der Stadtpolizei (Stapo) bestätigt, dass seit Juni 2024 keine Übertretungen mehr geahndet worden seien durch die Anlage. Der Grund: „Bei den Autofahrenden stellte sich zwar ein gewisser Lerneffekt ein, wie die sinkenden Zahlen seit der Einführung Anfang Jahr zeigen.“ So sei die Anzahl der Übertretungen von rund 17’000 auf rund 7’800 gesunken. „Insgesamt blieben sie aber auf einem zu hohen Niveau; zu viele Autofahrende missachteten nach wie vor die Signalisation“, so die Stapo.
Weil es nicht darum gegangen sei, möglichst viel Bussengeld einzutreiben, sondern das neue Verkehrsregime durchzusetzen, habe man weitere Massnahmen geprüft. „Eine davon ist die bessere Signalisation mit einem Wechselsignal. Die Kosten dafür sind im Budget 2025 eingestellt.“
Doch irgendwie harzt das Projekt seither. Laut Stapo-Sprecher Michael Walker wird das Wechselsignal erst bis spätestens Frühling 2026 montiert. Als Grund für die erstaunlich lange Frist verweist Walker auf die spezielle Situation an der Langstrasse mit schmalen Trottoirs, Ladenschaufenstern, Fensterstoren und den vielen Werkleitungen im Trottoir. Diese hätten die Projektierung erschwert und eine technische Herausforderung dargestellt. „Die Bauarbeiten erfolgen zudem koordiniert mit der Umsetzung der Velovorzugsroute von der Stauffacherstrasse an den Hauptbahnhof“, so Walker, der für Rathuus die Antworten der Stadtpolizei und der Dienstabteilung Verkehr eingeholt hat.
So sieht die Kamera aus hinter dem Fahrverbotszeichen für Autos und Motorräder. Seit Juni 2024 wird sie nicht mehr als Bussengenerator benutzt. Bild: Lorenz Steinmann
Immerhin blieb die Stadtpolizei beim Bussenverteilen nicht ganz untätig. „Nach der Abschaltung wurden Stichprobenkontrollen durchgeführt. Insgesamt wurden seit der Abschaltung im Juni 2024 bis Ende Juli 2025 2752 Ordnungsbussen à 100 Franken ausgestellt“, so Walker. Das macht total 275’200 Franken, die in den letzten 13 Monaten in die Staatskasse flossen.
Im ersten Monat der Filmaufzeichnungen waren es noch 1,7 Millionen Franken, jetzt sind es im Schnitt nur noch gut 21’000 Franken. Das sind lediglich noch 1,2 Prozent oder gut hundertmal weniger.
Ein Gewohnheitsrecht, das stutzig macht
Laut der Stadt kostet die Installation der beiden Wechselsignale übrigens die stattliche Summe von etwa einer Million Franken. Dank jenen Signalen soll dann klarer sein, dass hier tagsüber von 5.30 bis 22 Uhr ein allgemeines Fahrverbot gilt – ausser für Busse, Taxis und natürlich für Velos.
Mehrere Besuche vor Ort zeigen, dass gefühlt jedes dritte Auto die Verbotstafeln ignoriert. Es ist ein erstaunliches Gewohnheitsrecht, das hier toleriert wird. Für die Reputation der Stadt definitiv kein Ruhmesblatt.
Radio, Social Media, TV oder Zeitung? Auch Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte müssen aufpassen, nicht von der täglichen Newsflut verschluckt zu werden. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI
Pascal Turin
Wie informieren sich Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte? Unsere Stichprobe zeigt: Instagram, Tiktok und Co. spielen dabei kaum eine Rolle – ganz anders als bei Schweizer Jugendlichen. Die Zeitung dominiert. News-Junkies sind die Politikerinnen und Politiker dennoch nicht.
Dass sie ständig am Handy hängen, mag ein Vorurteil sein. Doch immerhin wissen wir jetzt dank einer Studie, wofür Schweizer Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren Social-Media-Plattformen benutzen. Nämlich vor allem, um sich zu informieren und unterhalten zu lassen, wie ein Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – kurz ZHAW – und des Telekommunikationsunternehmens Swisscom zeigt.
91 Prozent der Jugendlichen verwenden soziale Netzwerke täglich oder mehrmals pro Woche, so die ZHAW in einer Mitteilung. „Als soziale Netzwerke gelten im sogenannten ‚Jamesfocus‘-Bericht 2025 Plattformen, die sowohl persönliche wie auch öffentliche Kommunikation ermöglichen“, berichtet die Fachhochschule weiter. Damit gemeint sind unter anderem die Bilderplattform Instagram, die Video-App Tiktok, das Social-Media-Urgestein Facebook, der Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter), das Online-Forum Reddit und sogar die Dating-App Tinder.
James steht für „Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz“ und ist eine Studie zum Mediennutzungs- und Freizeitverhalten. In den „Jamesfocus“-Berichten werden die Daten vertieft ausgewertet. Die Analysen liefern jeweils interessante Ergebnisse: Etwa, dass Mädchen Social Media signifikant häufiger zu Unterhaltungszwecken nutzen als Jungen. „Diese scheinen ihr Bedürfnis nach Unterhaltung stärker über andere Kanäle zu stillen – beispielsweise beim Gaming“, schreibt die ZHAW.
Zudem bemerkenswert: Wenn also Jugendliche ihre News zunehmend über Social Media beziehen, stellt sich die Frage, wie das bei Politikerinnen und Politikern aussieht. Nutzen sie auch vermehrt Instagram, Tiktok und Co. oder bevorzugen sie traditionelle Medien?
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„Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht, ich bin interessiert, was in meiner Umgebung geschieht“, sagt SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher.
Zeitungen und SRF-Sendungen sind in
Wir wollten unter anderem wissen, welche Zeitungen gelesen werden – online oder gedruckt, je nach Gusto – und ob man als Kantonsrätin oder Kantonsrat ein News-Junkie sein muss. „Das dachte ich früher. Heute, da sich die Medienkanäle vervielfältigt haben und mehr News nicht unbedingt bedeutet, besser informiert zu sein, muss eine Politikerin vor allem auch ‚wählerisch‘ sein“, sagt Jeannette Büsser. Die Grünen-Kantonsrätin liest das Onlinemagazin Republik, das Onlineportal Tsüri und die „SonntagsZeitung“. Ausserdem schaut die Sozialarbeiterin aus Horgen viele Fernsehsendungen des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) – darunter den Literaturclub, Einstein und „10 vor 10“. Und sie hört die politische SRF-Hintergrundsendung „Echo der Zeit“.
Anders klingt es bei SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher: „Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht.“ Er sei interessiert, was in seiner Umgebung geschehe, was sich ändere, ob gesellschaftlich oder politisch. Darum informiert sich der Augenoptiker mit dem „Tages-Anzeiger“, der „Limmattaler Zeitung“, der „Weltwoche“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und weiteren Zeitungen oder Magazinen. Ausserdem schaut der Politiker aus Schlieren die Tagesschau und den Lokalsender Tele Züri. Radio hört Dalcher aber nicht.
Beim EDU-Politiker und diplomierten Baumeister Roger Cadonau laufen hingegen auf seinen arbeitsbedingten Autofahrten jeweils die Nachrichten auf verschiedenen Radiosendern, „ansonsten konsumiere ich keine Radiosendungen speziell“. Einen Fernseher hat Cadonau nicht. „Es liegt in der persönlichen Verantwortung, dass sich ein Politiker ausreichend informiert“, findet der Wetziker Kantonsrat, der den „Zürcher Oberländer“ liest. Aus seiner Sicht müsse man hierzu aber nicht unbedingt ein News-Junkie sein.
Ähnlich tönt es auf der anderen Seite des politischen Spektrums bei AL-Politikerin Gianna Berger. Sie findet, dass man kein News-Junkie sein müsse. „Aber das Interesse muss vorhanden sein – sonst geht es nicht“, so die Pflegefachfrau an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Man könne und müsse nicht alles lesen, wichtig sei aber, die relevanten Entwicklungen im Blick zu haben.
Die Stadtzürcherin Berger hat die NZZ und den „Tages-Anzeiger“ abonniert. Ausserdem lese sie „leider etwas unregelmässig“ die „Wochenzeitung WOZ“ und nutze den Newsticker von „20 Minuten“. Bei Berger flattert zudem der Newsletter Züri-Briefing von Tsüri ins virtuelle Postfach. Auch die AL-Kantonsrätin hat keinen Fernseher, schaut jedoch die „Tagesschau“ auf der SRF-Website und hört beim Kochen manchmal das „Echo der Zeit“.
„Neu dazugekommen ist das Rathuus, bei dem ich auch ein Abo gelöst habe“, sagt FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te.
Wissen, was lokal und national passiert
Auch bei GLP-Kantonsrätin Nathalie Aeschbacher zeigt sich: Der Medienmix bleibt klassisch, Social Media spielt höchstens eine Nebenrolle. Als News-Junkie würde sich Aeschbacher zwar nicht bezeichnen. Sie findet jedoch, dass alle politischen Akteure gut informiert sein müssen. „Aus diesem Grund erachte ich es als wichtig, täglich Zeitungen zu lesen, Radio zu hören“, so die Zürcher Architektin. Dabei sei ein ausgewogener und diverser Mix von Medien wichtig. Sie liest darum die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, das Onlineportal Watson und informiert sich auf der News-Website von SRF und der Website des US-amerikanischen Fernsehsenders CNN. Ausserdem konsumiert Aeschbacher laut eigener Aussage „fast das ganze Programm von SRF“, insbesondere die Sendungen Sternstunde Philosophie, Sternstunde Religion, DOK, Einstein, Arena und das Regionaljournal.
Thomas Anwander findet, dass sich ein Politiker oder eine Politikerin auf dem Laufenden halten muss. Man sollte aus seiner Sicht wissen, was lokal, national und global passiert – und welche Trends sowie Entwicklungen relevant werden. Der Winterthurer Mitte-Kantonsrat liest selbst die NZZ und den Tagi sowie die Website Forum Winterthur, die von der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur betrieben wird. Hinzu kommen die britischen Zeitungstitel „Financial Times“, „The Economist“ und „The Guardian“. Auch Nachrichten hören im Radio gehört für Anwander dazu. Häufig konsumiert der Rechtsanwalt das „Echo der Zeit“, manchmal das „Regionaljournal“. Im Fernsehen schaut er hin und wieder die „Tagesschau“ und „10 vor 10“.
Eine bei Medien gefragte Stimme ist EVP-Politiker Donato Scognamiglio aus Freienstein-Teufen. Aus Sicht des Immobilienexperten müssen Politikerinnen und Politiker keine News-Junkies sein, sich aber informieren, „doch viele ‚News‘ sind nicht relevant“. Der Verwaltungsratspräsident der Regionalbank Avera liest regelmässig die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, „20 Minuten“ sowie den „Blick“. Er schaut die „Tagesschau“ und hört Radio SRF 4 News sowie Radio SRF 1.
Auch SP-Kantonsrätin Patricia Bernet findet, dass regelmässige Information auf diversen Kanälen wichtig ist. Sie liest den „Anzeiger von Uster“, den „Tages-Anzeiger“, die News-Website von SRF, die Finanzwebsite Inside Paradeplatz, das Onlineportal Infosperber, die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ – und je nach Gelegenheit „Blick“ und NZZ. Ab und an zappt die Stadträtin von Uster bei der „Tagesschau“ oder bei „10 vor 10“ rein und informiert sich über das „Echo der Zeit“.
Auf einer ähnlichen Linie wie Bernet bewegt sich Yiea Wey Te. „Ich denke nicht, dass man als Politiker ein News-Junkie sein muss“, sagt der FDP-Kantonsrat. Jedoch sei es aus seiner Sicht sehr vorteilhaft, „wenn Politikerinnen und Politiker sich die Zeit nehmen, um sich täglich über Nachrichten aus verlässlichen Medien zu informieren“. Der Unternehmer liest täglich die „Limmattaler Zeitung“, die NZZ, den „Tages-Anzeiger“ sowie „20 Minuten“ und informiert sich auf der Website des britischen Senders BBC. „Aus meiner Sicht ergänzen sie sich sehr gut, da sie nicht selten einen anderen Fokus auf die gleiche Nachricht legen“, so Te. Neu dazugekommen sei das Rathuus, bei dem er auch ein Abo gelöst habe. „Da schaue ich in regelmässigen Abständen rein.“ Zudem hört der Unterengstringer Radio SRF 3.
Und was ist mit Social Media? Hier halten sich die meisten der von Rathuus angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräte erstaunlich zurück.
„Sehr hilfreich ist für mich ausserdem der Austausch im Umfeld – und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde.“, sagt AL-Kantonsrätin Gianna Berger.
Social Media wird stiefmütterlich behandelt
Aufmerksamkeit ist vielleicht die stärkste Währung der Gegenwart. Das beweist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der auf Instagram über 760’000 Follower hat. Zum Vergleich: Regierungsratspräsident Martin Neukom (Grüne) bringt es auf der gleichen Plattform auf lediglich rund 1500 Follower. Doch der Baudirektor steht mit seiner überschaubaren Online-Gefolgschaft nicht alleine da. Der „Blick“ nahm erst kürzlich die Instagram-Profile der Bundesrätinnen und Bundesräte unter die Lupe. „Trotz einiger Highlights verteilt der Experte im grossen Instagram-Check der Schweizer Bundesräte insgesamt schlechte Noten“, schreibt das Boulevardmedium. Auffällig war gemäss des Artikels insbesondere die geringe Reichweite der Profile.
Gut, mancher wird jetzt sagen, dass Social Media sowieso eine Gefahr für die Demokratie sind. Etwa wegen der undurchschaubaren Algorithmen, die zum Teil begünstigen, dass Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Timeline besonders oft kontroverse Inhalte zu sehen kriegen. Auffällig ist, dass sich die befragten Politikerinnen und Politiker offenbar nicht sehr häufig auf Facebook, Instagram oder Tiktok zu tummeln scheinen. Dies im starken Kontrast zu vielen jungen Menschen, für die die sozialen Netzwerke ein Ort zum Spass haben und Informieren sind. Das mag auch an unserer Stichprobe liegen, bei der weder ein Fokus auf das Geschlecht noch das Alter gelegt worden ist. Trotzdem erstaunt das Nutzungsverhalten im Jahr 2025.
EDU-Politiker Roger Cadonau ist zurückhaltend und nutzt Facebook unregelmässig, „aber nicht gross zur Information“. EVP-Kantonsrat Donato Scognamiglio beschränkt sich auf das Business-Netzwerk Linkedin und GLP-Politikerin Nathalie Aeschbacher schaut manchmal zur Unterhaltung auf Instagram vorbei, „aber nicht täglich“, wie sie anfügt.
Der Mitte-Kantonsrat Thomas Anwander braucht Linkedin, „Insta“ – wie die App Instagram umgangssprachlich genannt wird – und Facebook vor allem zur Information. Pierre Dalcher ist zwar auf Social Media präsent, der SVP-Kantonsrat hat einen Facebook- und einen Instagram-Account. Er schreibt allerdings keine Kommentare, wie er betont. Die Kantonsrätin Jeannette Büsser (Grüne) nutzt Facebook und Linkedin – zur Unterhaltung und zur Information – sowie bewusst kein „Insta“ oder X (ehemals Twitter).
Yiea Wey Te teilt hingegen auf Linkedin aktiv Inhalte mit seinen Abonnenten. „Instagram und Facebook nutze ich privat und zur Unterhaltung“, so der FDP-Kantonsrat. Interessanterweise erfahre man auch über Instagram vermehrt aktuelle Geschehnisse, die jedoch unbestätigt seien. Insofern sei für ihn Instagram als Quelle ungeeignet.
Die SP-Kantonsrätin Patricia Bernet könnte man dann schon eher als regelmässige Social-Media-Userin bezeichnen. Die Biologin liest dort unter anderem Berichte über wissenschaftliche Studien. Sie folgt auf Instagram dem Netzwerk Bildung und Familie oder dem US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt.
Gianna Berger benutzt Social Media vor allem über Instagram. Die AL-Politikerin findet X zu primitiv, „dort bin ich nicht präsent“. Ein älteres Facebook-Profil habe sie noch, es sei aber kaum in Gebrauch. Sehr hilfreich sei für die Pflegefachfrau ausserdem der Austausch im Umfeld – „und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde“.
Von Newsmüdigkeit kann bei den angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräten also keine Rede sein. Doch ihr Umgang mit Social Media ist dafür minimalistisch. Fernsehen, Radio und Zeitungen (gedruckt und digital) haben klar die Nase vorn.
Spätestens bei den nächsten Kantonsratswahlen im Jahr 2027 wird sich zeigen, ob das noch reicht oder ob dann auch in der Politik Influencerinnen und Influencer den Ton angeben. Für die Jugend ist es längst Alltag, ihre Meinungen nicht durch Leitartikel, sondern den schier endlosen Strom an Posts und Videos im Internet zu formen.
Die Web-App ist die Rathuus-Website im App-Format für iOS- und Android-Geräte. Bild: Pascal Turin
Lorenz Steinmann, Pascal Turin
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