Die Mobilitätsinitiative will auf dem ganzen Kantonsgebiet Tempo 50 auf Hauptstrassen innerorts zementieren. Tempo 30 soll nur in absoluten Ausnahmefällen und nur noch mit dem Segen des Kantons möglich sein. Die Befürworter und Gegner sind klassisch im rechten und linken Lager verortet. Doch sollte beim Thema Verkehr nicht die Situation vor Ort stärker ins Gewicht fallen als festgefahrene Prinzipien?
Max Frisch oder Friedrich Dürrenmatt? Mac oder PC? Mercedes oder BMW? Das Thema Tempo 30 ist eine Art moderner Glaubenskrieg, also eine Prinzipienfrage. Es sind zwei Ansichten, die aufeinanderprallen. Weniger Lärm für Direktbetroffene und mehr Sicherheit für Velos und Fussgänger versus flotte Fahrt auf allen Hauptstrassen und keine Mehrkosten für den öffentlichen Verkehr. Ein bürgerliches Komitee von SVP- und FDP-Politikern will, dass in Zukunft, wo immer möglich, Tempo 50 gilt. Eine entsprechende Initiative wurde 2023 eingereicht und hat mittlerweile Rückenwind durch die Unterstützung des Regierungsrates erhalten.
Dabei sind die Fakten eigentlich nicht nur für Staatsrechtler klar: Die eidgenössische Umweltschutzgesetzgebung schreibt weniger Lärm vor. Und zwar wenn immer möglich an der Quelle (sprich bei den Fahrzeugen) und nicht mit teuren Lärmschutzfenstern oder massiven Lärmschutzwänden. Doch die Initianten der Mobilitätsinitiative wollen Tempo 50 überall, zumindest auf Durchgangs- und Hauptstrassen. Die Konsequenz: Das eidgenössische Umweltrecht würde ausgehebelt.
Ausnahmen sollen für Quartierzentren und rund um Schulhäuser gelten. „Die Mobilitätsinitiative setzt ein klares Signal: Hauptachsen sind für den Verkehr da, im Gegenzug sollen Quartiere durch Tempo 30 beruhigt werden – und bleiben. Nur so entsteht ein ausgewogenes Verkehrskonzept“, sind FDP und SVP laut einer gemeinsam verschickten Medienmitteilung überzeugt. Rechtlich stützen sie sich auf die nationale Verkehrsregelnverordnung.
ÖV-Spitze geeint für Tempo 50
Zu Hilfe kommen dem Initiativkomitee in dieser Situation die zuständigen Exekutivmitglieder, welche die wegen langsamerer Fahrweise verlorenen ÖV-Sekunden regelmässig hochrechnen lassen und betonen, dass es wegen Tempo 30 viele zusätzliche Busse brauche. Aktuell sind dies Carmen Walker Späh (FDP und politische Chefin des Zürcher Verkehrsverbundes) sowie Michael Baumer (FDP und politischer Chef der Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich). Dabei ist nicht bekannt, dass Walker Späh wie auch Baumer je eine Studie in Auftrag gegeben hätten, wie viele Sekunden, Minuten und Stunden der ÖV durch den Stau des stark zunehmenden motorisierten Individualverkehrs verliert.
Sicher ist hingegen, dass verlorene Sekunden wegen Tempo 30 oft herangezogen werden, um gegen Tempo 30 auf Haupt- und Durchgangsstrassen zu votieren. Der Klassiker: Die Rosengartenstrasse, wo der Kanton schon zweimal Nein gesagt hat zum Vorschlag der Stadt. Eines der Argumente: Der ÖV würde zu viel Zeit verlieren.
Der Kanton übrigens wird bei diesem Thema jeweils von der Kantonspolizei vertreten, die sich kommunikativ höchst zugeknöpft gibt bei Anfragen. Stossrichtung: Es ist einfach so, keine Diskussion, keine Fragen. Die Delegierung an diese Abteilung innerhalb der breit gefächerten kantonalen Verwaltung zeigt, wie die Prioritäten beim Kanton beim Thema Motorisierter Individualverkehr versus Umwelt- und Gesundheitsschutz – der immerhin seit 1971 in der Bundesverfassung verankert ist – liegen. Ganz anders in der Stadt, wo bei Tempo 30 das Gesundheits- und Umweltdepartement von Stadtrat Andreas Hauri (GLP) den fachlichen Lead hat.
Elektroautos sind nicht leiser
Was spricht denn noch gegen Tempo 30? Ein oft gehörtes Argument sind Elektrofahrzeuge. Diese seien leise und deswegen Tempo 30 obsolet. Was sicher stimmt: Lautes Gas geben und Geknatter aus den Auspuffen gibt es bei E-Fahrzeugen nicht. Das gut hörbare Summen ist künstlich erzeugt und dient dazu, dass man die leisen Fahrzeuge bei Niedriggeschwindigkeit gut hören kann. Doch ab Tempo 30 sind die Rollgeräusche bei Benzinern und bei Elektrofahrzeugen ähnlich – und bekanntermassen lauter, als es das Gesetz bei Strassen mit Wohnhäusern vorschreibt.
Und damit zum Hauptargument, das die Stadt Zürich seit 1990 vorbringt wie das Amen in der Kirche. 140’000 Menschen leben in Zürich an Strassen, an denen der Lärmgrenzwert der Lärmschutzverordnung überschritten wird, 35’000 Menschen sogar an Strassen, an denen der Alarmgrenzwert überschritten wird. Übrigens gelten diese Werte für trockene Strassen, bei Nässe ist der Lärm spürbar höher.
Flüsterbeläge? Ja, aber …
Helfen da nicht die viel gepriesenen „Flüsterbeläge“, die vor einigen Jahren Filippo Leutenegger (FDP), der damalige Vorsteher des Stadtzürcher Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, ins Spiel brachte? Diese bestehen aus feinporigerem Strassenbelag. Es hat also zwischen Reifen und Boden weniger Platz für Luft und demnach gibt es weniger Lärm.
Die Schwierigkeit: Diese Böden nutzen sich schnell ab und die Lärmdämpfungswirkung verpufft nach acht bis zehn Jahren, nach fünf Jahren beträgt die höhere Lärmbelastung schon gut ein Drittel. Zudem sind diese Beläge bis zu dreimal teurer als herkömmliche. Trotzdem will die Stadt Zürich bis 2045 gut 200 Kilometer Strassenraum mit Flüsterbelägen ausstatten – das sind bei total gegen 850 Kilometern (ohne Nationalstrassen) doch einige Kilometer.
Mobilitätsverhinderer in Zürich?
Aus Sicht der betroffenen Personen sprechen also nicht wenige Argumente gegen die Mobilitätsinitiative. Und so ist die Tempo-30-Frage momentan noch stärker als die Parkplatzfrage ein krasses Entweder-oder. Man ist gegen Autos, wie das der Stadtregierung Zürichs vorgeworfen wird. Man setzt auf Tempo 30, möchte aber am liebsten Tempo 20 oder ein Fahrverbot. Dazu werden Projektideen wie aktuell die Quartierblöcke erprobt.
Oder man will freie Fahrt für freie Bürgerinnen und Bürger. Sind vielleicht darum so viele Politikerinnen und Politiker dafür, weil man weiss, dass an stark befahrenen Haupt- und Durchgangsstrassen meist nur Leute wohnen, die entweder zum Teil gar nicht abstimmen können oder eher der finanzschwachen Unterschicht angehören?
Ist Tempo 30 nun teurer oder günstiger?
Die Initianten betonen hingegen, dass Tempo 30 einfach nur schädlich sei, zumindest für die Volkswirtschaft und somit für alle. Wieso sonst müssten die Städte Zürich und Winterthur mehr Geld vom Zürcher Verkehrsverbund für mehr Buskurse fordern, um die Verspätungen wegen Tempo 30 auszugleichen?
„Die jährlichen Mehrkosten durch Tempo 30 auf Hauptachsen schätzten die Verkehrsbetriebe Zürich auf 20 Millionen Franken, Stadtbus Winterthur auf 6 Millionen Franken“, wird Sonja Rueff-Frenkel, Stadtzürcher FDP-Kantonsrätin und Mitglied der Verkehrskommission, in der Medienmitteilung zitiert. Sie erklärt: „Der gesamtwirtschaftliche Schaden der Verkehrsverlangsamung wird noch viel höher sein, denn der Individualverkehr wird ebenfalls ausgebremst. Aber das ist noch nicht alles: Gleichzeitig würde das Verkehrsangebot verschlechtert – im ÖV ganz offensichtlich durch längere Reisezeiten.“
Auch Lärmschutzfenster kosten
Nicht erwähnt in der Mitteilung wird freilich, dass allein in der Stadt Zürich die zu montierenden gut 9000 Schallschutzfenster an Orten, wo der Lärm-Alarmwert überschritten wird, die öffentliche Hand rund 33 Millionen Franken kosten wird. Eine stolze Summe, die sich mit der Umsetzung der Tempo-50-Initiative noch erhöhen würde.
Fronten gegen Fronten, Argumente hin und her. Die Fraktionen der SVP und FDP im Kantonsrat unterstützen beide Initiativen (neben der Mobilitätsinitiative auch die ÖV-Initiative) und den Gegenvorschlag zur ÖV-Initiative. Die ÖV-Initiative ist quasi das unterstützende Vehikel, um die aufs Auto fokussierte Mobilitätsinitiative mehrheitsfähig zu machen. Was bei den politischen Gegebenheiten im Kanton durchaus clever ist.
Röstigraben en miniatur
Der Regierungsrat unterstützt die Initiativen, während der Zürcher Stadtrat dagegen ist und sogar von einem „Angriff auf Tempo 30“ spricht. Für Zoff ist also gesorgt. Der Röstigraben im Kleinformat lebt auf, der Stadt-Land-Graben tut sich einmal mehr auf.
Unklar ist, ob die Vorlagen schon 2025 vors Volk kommt. Die Prognose? Weil die Initiativtexte allgemein formuliert sind, haben sie grosse Chancen für ein Ja. Das passierte schon 2017, als die kantonale Volksinitiative „Stopp der Verkehrsbehinderung (Anti-Stau-Initiative)“ an der Urne angenommen wurde. Seit 2018 wird per Gesetz verlangt, dass die Leistungsfähigkeit des kantonalen Strassennetzes an der Nachfrage des motorisierten Individualverkehrs auszurichten sei. Daran haben vor allem die Regierungen der Städte Zürich und Winterthur zu beissen. Das wird bei der Mobilitätsinitiative und der ÖV-Initiative nicht anders sein.

Soll auf Durchgangsstrassen quasi für immer Tempo 50 gelten, auch wenn hier Menschen leben und wohnen? Bild: Lorenz Steinmann
In der Gemeinde Wila im Tösstal wird über eine Einzelinitiative abgestimmt, die eine Schulgemeinde Wila-Turbenthal schaffen will. Symbolbild: Pascal Turin
Der Kantonsrat Thomas Schweizer (Grüne) will vom Regierungsrat wissen, weshalb an der Affolternstrasse in Hedingen keine Bäume gepflanzt wurden. Bild: Pascal Turin
Der Schnee hüllt die Landschaft in sein weisses Kleid: Entlang der Affolternstrasse waren einst Bäume geplant. Bild: Pascal Turin
Nirgends ist die direkte Demokratie spürbarer wie in der pulsierenden, historischen Bahnhofshalle des HB. Hier die Ratsversammlungen durchzuführen, das wär's! Bild: Lorenz Steinmann
Wir bieten drei Abostufen: Das Einsteiger-Paket, das Treue-Paket und das Gönner-Paket. Bild: Pascal Turin





Kantonspolizisten wird in Zukunft die Möglichkeit verwehrt, ein Staatsanwaltspraktikum im PJZ zu machen. Bild: Kantonspolizei Zürich
FCZ-Fan und Lugano-Anhänger (v. l.): Lorenz schaut noch ein bisschen skeptisch, während Pascal alles nur rosa sieht. Bild: zvg
