Zürich will kühler werden – aber gebaut wird wie eh und je

Zu sehen ist die Baustelle der neuen VBZ-Haltestelle am AB aus Sicht des Bahnhofplatzes. Es führen Schienen in Richtung Baustelle, doch dann folt eine Absperrung.Sicht aus dem Tram: Ein Jahr und noch bis Dezember 2026 dauert diese Baustelle. Nachher erwartet die Passagiere eine Hitzeinsel vom Feinsten. Bild: Lorenz Steinmann

Mehr Schatten, weniger Asphalt, wasserdurchlässige Flächen: Es gibt gute Ideen, um die Sommerhitze in der Stadt Zürich erträglicher zu machen. In der Praxis scheitern viele Massnahmen aber an baulichen Prioritäten. Besonders deutlich zeigt sich das bei der neuen Haltestelle der Verkehrsbetriebe Zürich am Hauptbahnhof.

Seit Jahren tobt hinter den Kulissen der Stadtverwaltung Zürich ein Streit. Es geht um das hochaktuelle Thema der Hitzeminderung bei Bauprojekten. Die Dienstabteilungen Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich und Grün Stadt Zürich sind zwar federführend bei der sogenannten „Fachplanung Hitzeminderung“. Dieser Massnahmenplan für mehr natürliche Kühlung in Zürich wurde vor sechs Jahren vorgestellt. Dazu kommt der Volksentscheid vom 3. September 2023, der für ein besseres Stadtklima 130 Millionen Franken Ausgaben vorsieht.

Doch geplant und gebaut wird von der Stadt Zürich, wie wenn es besagte Papiere und Entscheide nicht gäbe – also wie eh und je. Das Tiefbauamt diktiert die Stossrichtung. Und diese lässt die Hitzeminderung aussen vor. Rathuus hat mit diversen Leuten in der Stadtverwaltung gesprochen. Diese wollen sich nicht zitieren lassen, bestätigen aber, wie krass die Stadt Zürich die Hitzeminderung verschläft – wegen interner Querelen.

Beispiel 1: VBZ-Haltestelle Bahnhofquai wird zum Kochtopf

Die Haltestelle Bahnhofquai/Hauptbahnhof der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) wird momentan für 29 Millionen Franken umgebaut. Auf die Frage, welche speziellen Hitzeminderungsmassnahmen vorgesehen seien wie begrünte Dächer, Bäume, unasphaltierte, wasserdurchlässige Flächen, aber auch Brunnen, heisst es von der Stadt: „Die baulichen Rahmenbedingungen der Haltestelle Bahnhofquai lassen keinen Spielraum zu für Hitzeminderungsmassnahmen“. Für die Pflanzung von Bäumen oder Grünflächen fehle sowohl ober- als auch unterirdisch der notwendige Raum. Und weiter: „Aus denkmalpflegerischen und statischen Gründen ist eine Dachbegrünung nicht machbar. Zudem brauchen Dachbegrünungen einen laufenden Unterhalt, der wegen der Nähe zu den Fahrleitungen und der speziellen Lage der Wartehallen aus sicherheitstechnischen Gründen nicht gewährleistet werden kann.“ Eine Antwort, die aus den 1990er-Jahren stammen könnte, als Hitzeminderung und Klimaschutz noch kein Thema waren.

Die Stadt verweist punkto Hitzeminderung lediglich auf das Projekt „Stadtraum Hauptbahnhof 2050“. In 20, vielleicht auch 30 Jahren geht man demnach daran, das Gebiet um den HB „aufzuwerten, auch durch Begrünungsmassnahmen“. Die Ausarbeitung der einzelnen Projekte werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, räumt die Stadt ein und hält auch auf Nachfrage fest, man habe das Projekt VBZ-Haltestelle in den vergangenen Monaten und Jahren nicht angepasst punkto Hitzeminderung.

29 Millionen und keinen Rappen für Hitzeminderung. Dabei erwähnt die „Fachplanung Hitzeminderung“ explizit etwa die Begrünung von Dächern. Und der grösste Teil des Dachs der VBZ-Haltestelle am HB ist ja neu und nicht denkmalgeschützt. Man muss fast hoffen, dass dieses Versäumnis den Stadtoberen im nächsten Hitzesommer nicht um die Ohren fliegt.

Beispiel 2: Versiegelte Parkplätze wie seit 100 Jahren

Versiegelte Flächen auf Strassen, Trottoirs und Parkplätzen tragen enorm zur Hitze in Siedlungsgebieten bei. Städte wie Chur haben sich Gedanken gemacht und bauen seit einigen Jahren wasserdurchlässige Parkplätze mit Rasengitter-Steinen. Das sorgt für Wasserabfluss und für weniger Stauhitze. Wer hingegen in Zürich Tiefbauarbeiten beobachtet, vermisst solche innovativen Lösungen. Es gibt zwar vereinzelt Beispiele wie an der Giesserei- oder an der Heinrichstrasse im Kreis 5. Aber das sind Ausnahmen. Gerade all die vielen Strassen, die stadtweit wegen der Fernwärme aufgerissen werden, werden nachher wieder asphaltiert wie vorher.

zu sehen ist die schwarz asphaltierte Seminarstrasse nach Beendigung der Fernwärme-Installation.Asphaltiert wie vorher ist die Seminarstrasse in Unterstrass nach den Tiefbauarbeiten. Bild: Lorenz Steinmann

Ein Paradebeispiel ist aktuell an der Seminarstrasse im Kreis 6 zu besichtigen. Die Stadt sagt dazu: „Eine grossflächige Begrünung und Entsiegelung der Parkplätze ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Dazu gehören die geringe Versickerungsfähigkeit des Untergrunds, die Anforderungen an eine hindernisfreie Gestaltung gemäss Behindertengleichstellungsgesetz sowie die langfristige Unterhaltstauglichkeit der Flächen. Grossflächig entsiegelte Oberflächen eignen sich deshalb vor allem in Randgebieten mit wenig Verkehr.“

Da wäre sie wieder, die technokratische Antwort des Tiefbauamts. Dabei würde der Auftrag gemäss der „Fachplanung Hitzeminderung“ lauten: „Aufenthalts- und Bewegungsoberflächen entsiegeln und begrünen.“

Zu sehen sind die Probeparkfelder in Oerlikon. Es sind verschiedene Rasenziegelvarianten, wo jeweils Gras durch die Öffnungen wächst. Im Hintergrund sieht man das Hallenstadion.Hier in Oerlikon hat das Tiefbauamt einen Langzeitversuch mit verschiedenen Parkplatzbelägen gestartet. Aber warum wartet man so lange mit der Umsetzung? Bild: Lorenz Steinmann

Typisch Zürich ist zudem, dass man keinesfalls auf andere Erfahrungen zurückgreifen will. Etwa in Chur nachfragen, wie es so laufe mit den modernen Parkplätzen. Lieber versucht man, das Rad selber neu zu erfinden.

In Oerlikon auf einem Parkplatz beim Hallenstadion testet das Tiefbauamt seit 2023, wie sich unterschiedliche Oberflächenbeläge bei Parkplätzen auf die Hitzeminderung auswirken. „Dabei kommen auch Bauweisen mit begrünten Fugen zum Einsatz. Die Langzeitentwicklung der Begrünung lässt sich erst in den kommenden Vegetationsperioden vollständig bewerten“, so das Tiefbauamt gegenüber Rathuus. Der Versuch dauert noch bis 2028. Aktuell werde „basierend auf den Ergebnissen des Pilotprojekts in Oerlikon die entsprechende Bauweise in die Planung der Strassenbauprojekte aufgenommen“. Und weiter: „Künftig werden dann auch die Strategien, Normen und Richtlinien für die Oberflächengestaltung von Parkplätzen angepasst.“ Kurzum: Vor 2035 werden in Zürich wohl keine neuen Parkplätze mit Rasengittersteinen existieren. Hitzetage und Tropennächte hin oder her.

zu sehen ist eine Sprühdusche, die an zwei Betonpfeilern befestigt ist. Unten durch laufen einige junge Frauen, die sich sichtlich freuen über die Abkühlung.In Chur finden diese Sprühduschen seit 2022 grossen Anklang. Sie sorgen für kurzzeitige Abkühlung und viel Spass. Bild: zvg/Stadt Chur

Beispiel 3: Keine Lust auf Fun-Lösungen

Natürlich lösen Sprühduschen – sogenanntes „Urban Cooling“ – das Hitzeproblem nicht. Genauso wenig, wie Klimaanlagen den Klimawandel bremsen. Aber Sprühduschen machen den Aufenthalt an Hitzetagen in heissen Strassenschluchten und auf flimmernden Plätzen erträglicher. Chur (schon wieder diese Alpenstadt!) hat solche Sprühduschen seit 2022 im Einsatz. Sie lindern seit jeher die Hitze und sorgen für gute Stimmung. Der Wasserverbrauch für den Sprühnebel sei sehr gering und bei schlechtem Wetter würden die beiden Anlagen ganz ausgeschaltet bleiben, heisst es aus Chur.

Doch von solchen Ideen hält Zürich offenbar nichts.

„Grün Stadt Zürich hat die Nebelwolke Alto Zürrus während der Jahre 2022 und 2023 an Hitzetagen in den Sommermonaten auf dem Turbinenplatz betrieben. Die Messungen haben gezeigt, dass die Wirkung dieser Versuchsanlagen begrenzt ist und dass Bäume nach wie vor die beste hitzemindernde Wirkung zeigen.“ Ende der Durchsage. Zürich scheint so traumatisiert vom Misserfolg seiner „Alto-Zürrus-Wolke“, dass man nun lieber gar nichts mehr macht. Dabei schlägt die „Fachplanung Hitzeminderung“ explizit vor: „Wasser im städtischen Raum etablieren.“

Was bleibt? Die drei praktischen Beispiele zeigen, wie stadtintern gerungen wird um hitzemindernde Massnahmen. Mit dem „Sieger“ Tiefbauamt und seinen Asphalt-Konzepten.

Pikant ist, dass sowohl Grün Stadt Zürich, wie auch das Tiefbauamt zum Departement von Simone Brander (SP) gehören. Doch während das Tiefbauamt seit über 100 Jahren das Stadtbild dominiert, ist und bleibt Grün Stadt Zürich der Juniorpartner. Kein Wunder, wurde im Juni 2026 das 25-jährige Bestehen des Amtes kaum gefeiert. Zu tief sitzt der Stachel, immer die Zwei am Rücken zu haben.

Lust auf Austausch?
Unsere Newsletter und unsere Podcast-Folgen auf Steady sind der richtige Ort dafür – kommentiere dort und sag uns, was du denkst:
Zu unseren Steady-Beiträgen

Oder schreib uns eine E-Mail: redaktion@rathuus.ch