Mehr Schatten, weniger Asphalt, wasserdurchlässige Flächen: Es gibt gute Ideen, um die Sommerhitze in der Stadt Zürich erträglicher zu machen. In der Praxis scheitern viele Massnahmen aber an baulichen Prioritäten. Besonders deutlich zeigt sich das bei der neuen Haltestelle der Verkehrsbetriebe Zürich am Hauptbahnhof.
Seit Jahren tobt hinter den Kulissen der Stadtverwaltung Zürich ein Streit. Es geht um das hochaktuelle Thema der Hitzeminderung bei Bauprojekten. Die Dienstabteilungen Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich und Grün Stadt Zürich sind zwar federführend bei der so genannten „Fachplanung Hitzeminderung“. Dieser Massnahmenplan für mehr natürliche Kühlung in Zürich wurde vor sechs Jahren vorgestellt. Dazu kommt der Volksentscheid vom 3. September 2023, der für ein besseres Stadtklima 130 Millionen Franken Ausgaben vorsieht.
Doch geplant und gebaut wird von der Stadt Zürich, wie wenn es besagte Papiere und Entscheide nicht gäbe – also wie eh und je. Das Tiefbauamt diktiert die Stossrichtung. Und diese lässt die Hitzeminderung aussen vor. Rathuus hat mit diversen Leuten in der Stadtverwaltung gesprochen. Diese wollen sich nicht zitieren lassen, bestätigen aber, wie krass die Stadt Zürich die Hitzeminderung verschläft – wegen interner Querelen.
Beispiel 1: VBZ-Haltestelle Bahnhofquai wird zum Kochtopf
Die Haltestelle Hauptbahnhof der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) wird momentan für 29 Millionen Franken umgebaut. Auf die Frage, welche speziellen Hitzeminderungsmassnahmen vorgesehen seien wie begrünte Dächer, Bäume, unasphaltierte, wasserdurchlässige Flächen, aber auch Brunnen, heisst es von der Stadt: „Die baulichen Rahmenbedingungen der Haltestelle Bahnhofquai lassen keinen Spielraum zu für Hitzeminderungsmassnahmen“. Für die Pflanzung von Bäumen oder Grünflächen fehle sowohl ober- als auch unterirdisch der notwendige Raum. Und weiter: „Aus denkmalpflegerischen und statischen Gründen ist eine Dachbegrünung nicht machbar. Zudem brauchen Dachbegrünungen einen laufenden Unterhalt, der wegen der Nähe zu den Fahrleitungen und der speziellen Lage der Wartehallen aus sicherheitstechnischen Gründen nicht gewährleistet werden kann“. Eine Antwort, die aus den 1990er Jahren stammen könnte, als Hitzeminderung und Klimaschutz noch kein Thema waren.
Die Stadt verweist punkto Hitzeminderung lediglich auf das Projekt „Stadtraum Hauptbahnhof 2050“. In 20, vielleicht auch 30 Jahren geht man demnach daran, das Gebiet um den HB „aufzuwerten, auch durch Begrünungsmassnahmen“. Die Ausarbeitung der einzelnen Projekte werde noch einige Zeit in Anspruch nehmen, räumt die Stadt ein und hält auch auf Nachfrage fest, man habe das Projekt VBZ-Haltestelle in den vergangenen Monaten und Jahren nicht angepasst punkto Hitzeminderung.
29 Millionen und keinen Rappen für Hitzeminderung. Dabei erwähnt die „Fachplanung Hitzeminderung“ explizit etwa die Begrünung von Dächern. Und der grösste Teil des Dachs der VBZ-Haltestelle am HB ist ja neu und nicht denkmalgeschützt. Man muss fast hoffen, dass dieses Versäumnis den Stadtoberen im nächsten Hitzesommer nicht um die Ohren fliegt.
Beispiel 2: Versiegelte Parkplätze wie seit 100 Jahren
Versiegelte Flächen auf Strassen, Trottoirs und Parkplätzen tragen enorm zur Hitze in Siedlungsgebieten bei. Städte wie Chur haben sich Gedanken gemacht und bauen seit einigen Jahren wasserdurchlässige Parkplätze mit Rasengitter-Steinen. Das sorgt für Wasserabfluss und für weniger Stauhitze. Wer hingegen in Zürich Tiefbauarbeiten beobachtet, vermisst solche innovativen Lösungen. Es gibt zwar vereinzelt Beispiele wie an der Giesserei- oder an der Heinrichstrasse im Kreis 5. Aber das sind Ausnahmen. Gerade all die vielen Strassen, die stadtweit wegen der Fernwärme aufgerissen werden, werden nachher wieder asphaltiert wie vorher.

Sicht aus dem Tram: Ein Jahr und noch bis Dezember 2026 dauert diese Baustelle. Nachher erwartet die Passagiere eine Hitzeinsel vom Feinsten. Bild: Lorenz Steinmann
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