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Politik zum Anfassen: In Zürcher Schulen wird abstimmen geübt

An einer Demo hält jemand ein Schild hoch mit der Aufschrift: "Dum dümer Schpahrmassnahmen".Politische Beteiligung kennt viele Formen: Etwa 100 Kantischülerinnen und Kantischüler protestierten 2016 beim Helmhaus am Limmatquai in Zürich gegen geplante Sparmassnahmen. Archivbild: Pascal Turin

Mit originalgetreuen Abstimmungs- und Wahlunterlagen sollen Jugendliche lernen, wie die direkte Demokratie funktioniert. Der Kanton Zürich hat dazu ein neues Angebot für Schulen umgesetzt – angestossen durch ein Postulat zweier Mitte-Politikerinnen.

Sind wir ehrlich: Könnte man jedes politische Thema so kurzweilig zusammenschneiden wie ein Filmchen auf der Video-App Tiktok, dann würde sich die Stimm- und Wahlbeteiligung ziemlich sicher gleich ins Unermessliche steigern. Doch leider, leider ist Demokratie manchmal selbst für Politik-Aficionados eine eher trockene Angelegenheit. Umso wichtiger ist, dass man sich davon nicht abschrecken lässt. Denn wie heisst es so schön: Früh übt sich, wer ein Meister – oder eine Meisterin – werden will.

Ein neues Angebot des Kantons möchte die politischen Prozesse für Sek-, Gymi- und Berufsschulklassen erlebbar machen. Zürcher Schulen können darum bis zu zwei Mal pro Jahr mit originalgetreuen Unterlagen das Abstimmungs- und Wahlprozedere im Unterricht realistisch üben. Das „Schulblatt Kanton Zürich“ berichtete in seiner jüngsten Ausgabe darüber. Die Zeitschrift der Bildungsdirektion besuchte für eine Reportage das Bildungszentrum Limmattal, wo man Logistik-, Strassentransport- und Recyclingberufe lernen kann. Eigentlich befindet sich die Berufsschule in Dietikon. Weil dort aber gerade das Gebäude saniert wird, findet der Unterricht temporär an der Lagerstrasse in der Stadt Zürich statt.


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Das Abstimmungscouvert richtig öffnen

Zeljka Nedovic, die Lehrerin für allgemeinbildenden Unterricht, hatte sich für die angehenden Strassentransportfachleute etwas Besonderes einfallen lassen. Die Lernenden erwartete ein Stapel hellgrauer Couverts auf dem Tisch vor den Bankreihen. Darin enthalten waren kantonale Abstimmungsunterlagen für die Abstimmung vom 30. November. Die Lernenden beschäftigten sich mit zwei Vorlagen und stimmten schliesslich darüber ab. „Allerdings nicht an der Urne, sondern als Übung“, heisst es im Artikel des „Schulblatts“.

Dabei hätte wohl die eine oder andere ältere Person etwas ganz Praktisches erfahren: „Zurück im Schulzimmer zeigt Zeljka Nedovic, wie man das Abstimmungscouvert mit viel Fingerspitzengefühl so öffnet, dass es nicht an der falschen Stelle reisst“, schreibt das „Schulblatt“. Ein paar der Lernenden schauten wohl amüsiert, merkten dann aber schnell, dass das tatsächlich nicht ganz einfach ist.

Ein Postulat war der Auslöser

Das Angebot nennt sich „Politik im Unterricht: Wir stimmen ab!“. Hintergrund ist ein Postulat von 2022 der Kantonsrätin Janine Vannaz sowie der damaligen Kantonsrätin und heutigen Nationalrätin Yvonne Bürgin (beide Mitte). Die Politikerinnen wollten, dass Schülerinnen und Schüler mit fiktiven Abstimmungs- und Wahlunterlagen lernen, wie die direkte Demokratie funktioniert. Das haben die Bildungsdirektion, die Direktion der Justiz und des Innern und die Staatskanzlei umgesetzt.

„Für die demokratische Schweiz ist es zentral, dass sich junge Menschen aktiv daran beteiligen“, hielt die Bildungsdirektion in einer Mitteilung fest. Der Kanton Zürich bereite darum die Jugendlichen in der Schule darauf vor, am politischen Leben teilzuhaben und mitzuwirken. Zusätzlich zu den Abstimmungs- und Wahlunterlagen wird den Lehrpersonen begleitendes Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt. Die Stimmzettel oder die Stimmrechtsausweise sind laut Kanton so gekennzeichnet, dass sie nicht für die echte Abstimmung verwendet werden können.

Ein Smartphone, das die Website Politikvermittlung.ch geöffnet hat, liegt auf einem Tisch aus Holz. Daneben steht eine Dose eines Softgetränks.Inspiration für Lehrpersonen: Auf der Website www.politikvermittlung.ch sind alle Angebote des Kantons Zürich zur politischen Bildung übersichtlich aufgeführt. Bild: Pascal Turin

Auch Kantonsrat will Politik vermitteln

Zum internationalen Tag der Demokratie im vergangenen September lancierte das Kantonsparlament übrigens eine neue Website für Schulen. Auf www.politikvermittlung.ch sind alle Angebote des Kantons zur politischen Bildung übersichtlich aufgeführt. Zu finden ist dort zum Beispiel das interaktive Planspiel „Wir sind Parlament“ oder ein Lexikon mit wichtigen Politikbegriffen. Und mit der Web-Applikation „The Lawmaker“ kann man auf spielerische Art lernen, wie Gesetze entstehen.

Zurück im allgemeinbildenden Unterricht am Bildungszentrum Limmattal: Eine Lernende fände es positiv, wenn in der Schule mehr über Politik geredet würde. Und ein Lernender ergänzt gegenüber dem „Schulblatt“: „Man müsste die Politik schmackhafter machen – schon in der Volksschule.“ Die Idee mit den Abstimmungsunterlagen im Unterricht finde er gut. Er meint, solche Angebote für die Schulen müsse es mehr geben, man könne Politik ja in verschiedenen Fächern einbauen.

Klar, die direkte Demokratie ist kein Tiktok-Video. Politische Inhalte eignen sich nur in ihrer radikalen Verkürzung für virale Kurzclips. Politik ist nicht immer spektakulär, aber sie lebt davon, verstanden und genutzt zu werden. Dass Jugendliche jetzt in der Schule demokratische Prozesse nicht nur in der Theorie, sondern praktisch erleben können, ist deshalb bestimmt ein lohnenswerter Schritt.

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