9 Minuten

Zeitung statt Tiktok: Social-Media-Minimalisten im Kantonsrat

Illustration eines Smartphones, auf dessen Bildschirm ein stilisiertes Parlamentsplenum in Halbkreisen um ein zentrales Rednerpult angeordnet ist. Darüber wirbelt ein Strudel mit Symbolen für Medien wie Zeitung, Fernseher, Twitter-Vogel und Sprechblase.Radio, Social Media, TV oder Zeitung? Auch Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte müssen aufpassen, nicht von der täglichen Newsflut verschluckt zu werden. Bild: Generiert mit DALL-E von OpenAI

Wie informieren sich Zürcher Kantonsrätinnen und Kantonsräte? Unsere Stichprobe zeigt: Instagram, Tiktok und Co. spielen dabei kaum eine Rolle – ganz anders als bei Schweizer Jugendlichen. Die Zeitung dominiert. News-Junkies sind die Politikerinnen und Politiker dennoch nicht.

Dass sie ständig am Handy hängen, mag ein Vorurteil sein. Doch immerhin wissen wir jetzt dank einer Studie, wofür Schweizer Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren Social-Media-Plattformen benutzen. Nämlich vor allem, um sich zu informieren und unterhalten zu lassen, wie ein Bericht der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften – kurz ZHAW – und des Telekommunikationsunternehmens Swisscom zeigt.

91 Prozent der Jugendlichen verwenden soziale Netzwerke täglich oder mehrmals pro Woche, so die ZHAW in einer Mitteilung. „Als soziale Netzwerke gelten im sogenannten ‚Jamesfocus‘-Bericht 2025 Plattformen, die sowohl persönliche wie auch öffentliche Kommunikation ermöglichen“, berichtet die Fachhochschule weiter. Damit gemeint sind unter anderem die Bilderplattform Instagram, die Video-App Tiktok, das Social-Media-Urgestein Facebook, der Kurznachrichtendienst X (ehemals Twitter), das Online-Forum Reddit und sogar die Dating-App Tinder.

James steht für „Jugend, Aktivitäten, Medien – Erhebung Schweiz“ und ist eine Studie zum Mediennutzungs- und Freizeitverhalten. In den „Jamesfocus“-Berichten werden die Daten vertieft ausgewertet. Die Analysen liefern jeweils interessante Ergebnisse: Etwa, dass Mädchen Social Media signifikant häufiger zu Unterhaltungszwecken nutzen als Jungen. „Diese scheinen ihr Bedürfnis nach Unterhaltung stärker über andere Kanäle zu stillen – beispielsweise beim Gaming“, schreibt die ZHAW.

Zudem bemerkenswert: Wenn also Jugendliche ihre News zunehmend über Social Media beziehen, stellt sich die Frage, wie das bei Politikerinnen und Politikern aussieht. Nutzen sie auch vermehrt Instagram, Tiktok und Co. oder bevorzugen sie traditionelle Medien?


Lass dir den Artikel durch eine KI-gestützte Stimme vorlesen.

„Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht, ich bin interessiert, was in meiner Umgebung geschieht“, sagt SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher.

Zeitungen und SRF-Sendungen sind in

Wir wollten unter anderem wissen, welche Zeitungen gelesen werden – online oder gedruckt, je nach Gusto – und ob man als Kantonsrätin oder Kantonsrat ein News-Junkie sein muss. „Das dachte ich früher. Heute, da sich die Medienkanäle vervielfältigt haben und mehr News nicht unbedingt bedeutet, besser informiert zu sein, muss eine Politikerin vor allem auch ‚wählerisch‘ sein“, sagt Jeannette Büsser. Die Grünen-Kantonsrätin liest das Onlinemagazin Republik, das Onlineportal Tsüri und die „SonntagsZeitung“. Ausserdem schaut die Sozialarbeiterin aus Horgen viele Fernsehsendungen des Schweizer Radio und Fernsehens (SRF) – darunter den Literaturclub, Einstein und „10 vor 10“. Und sie hört die politische SRF-Hintergrundsendung „Echo der Zeit“.

Anders klingt es bei SVP-Kantonsrat Pierre Dalcher: „Ob ich ein Junkie bin, weiss ich nicht.“ Er sei interessiert, was in seiner Umgebung geschehe, was sich ändere, ob gesellschaftlich oder politisch. Darum informiert sich der Augenoptiker mit dem „Tages-Anzeiger“, der „Limmattaler Zeitung“, der „Weltwoche“, der „Neuen Zürcher Zeitung“ und weiteren Zeitungen oder Magazinen. Ausserdem schaut der Politiker aus Schlieren die Tagesschau und den Lokalsender Tele Züri. Radio hört Dalcher aber nicht.

Beim EDU-Politiker und diplomierten Baumeister Roger Cadonau laufen hingegen auf seinen arbeitsbedingten Autofahrten jeweils die Nachrichten auf verschiedenen Radiosendern, „ansonsten konsumiere ich keine Radiosendungen speziell“. Einen Fernseher hat Cadonau nicht. „Es liegt in der persönlichen Verantwortung, dass sich ein Politiker ausreichend informiert“, findet der Wetziker Kantonsrat, der den „Zürcher Oberländer“ liest. Aus seiner Sicht müsse man hierzu aber nicht unbedingt ein News-Junkie sein.

Ähnlich tönt es auf der anderen Seite des politischen Spektrums bei AL-Politikerin Gianna Berger. Sie findet, dass man kein News-Junkie sein müsse. „Aber das Interesse muss vorhanden sein – sonst geht es nicht“, so die Pflegefachfrau an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Man könne und müsse nicht alles lesen, wichtig sei aber, die relevanten Entwicklungen im Blick zu haben.

Die Stadtzürcherin Berger hat die NZZ und den „Tages-Anzeiger“ abonniert. Ausserdem lese sie „leider etwas unregelmässig“ die „Wochenzeitung WOZ“ und nutze den Newsticker von „20 Minuten“. Bei Berger flattert zudem der Newsletter Züri-Briefing von Tsüri ins virtuelle Postfach. Auch die AL-Kantonsrätin hat keinen Fernseher, schaut jedoch die „Tagesschau“ auf der SRF-Website und hört beim Kochen manchmal das „Echo der Zeit“.

„Neu dazugekommen ist das Rathuus, bei dem ich auch ein Abo gelöst habe“, sagt FDP-Kantonsrat Yiea Wey Te. 

Wissen, was lokal und national passiert

Auch bei GLP-Kantonsrätin Nathalie Aeschbacher zeigt sich: Der Medienmix bleibt klassisch, Social Media spielt höchstens eine Nebenrolle. Als News-Junkie würde sich Aeschbacher zwar nicht bezeichnen. Sie findet jedoch, dass alle politischen Akteure gut informiert sein müssen. „Aus diesem Grund erachte ich es als wichtig, täglich Zeitungen zu lesen, Radio zu hören“, so die Zürcher Architektin. Dabei sei ein ausgewogener und diverser Mix von Medien wichtig. Sie liest darum die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, das Onlineportal Watson und informiert sich auf der News-Website von SRF und der Website des US-amerikanischen Fernsehsenders CNN. Ausserdem konsumiert Aeschbacher laut eigener Aussage „fast das ganze Programm von SRF“, insbesondere die Sendungen Sternstunde Philosophie, Sternstunde Religion, DOK, Einstein, Arena und das Regionaljournal.

Thomas Anwander findet, dass sich ein Politiker oder eine Politikerin auf dem Laufenden halten muss. Man sollte aus seiner Sicht wissen, was lokal, national und global passiert – und welche Trends sowie Entwicklungen relevant werden. Der Winterthurer Mitte-Kantonsrat liest selbst die NZZ und den Tagi sowie die Website Forum Winterthur, die von der Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur betrieben wird. Hinzu kommen die britischen Zeitungstitel „Financial Times“, „The Economist“ und „The Guardian“. Auch Nachrichten hören im Radio gehört für Anwander dazu. Häufig konsumiert der Rechtsanwalt das „Echo der Zeit“, manchmal das „Regionaljournal“. Im Fernsehen schaut er hin und wieder die „Tagesschau“ und „10 vor 10“.

Eine bei Medien gefragte Stimme ist EVP-Politiker Donato Scognamiglio aus Freienstein-Teufen. Aus Sicht des Immobilienexperten müssen Politikerinnen und Politiker keine News-Junkies sein, sich aber informieren, „doch viele ‚News‘ sind nicht relevant“. Der Verwaltungsratspräsident der Regionalbank Avera liest regelmässig die NZZ, den „Tages-Anzeiger“, „20 Minuten“ sowie den „Blick“. Er schaut die „Tagesschau“ und hört Radio SRF 4 News sowie Radio SRF 1.

Auch SP-Kantonsrätin Patricia Bernet findet, dass regelmässige Information auf diversen Kanälen wichtig ist. Sie liest den „Anzeiger von Uster“, den „Tages-Anzeiger“, die News-Website von SRF, die Finanzwebsite Inside Paradeplatz, das Onlineportal Infosperber, die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ – und je nach Gelegenheit „Blick“ und NZZ. Ab und an zappt die Stadträtin von Uster bei der „Tagesschau“ oder bei „10 vor 10“ rein und informiert sich über das „Echo der Zeit“.

Auf einer ähnlichen Linie wie Bernet bewegt sich Yiea Wey Te. „Ich denke nicht, dass man als Politiker ein News-Junkie sein muss“, sagt der FDP-Kantonsrat. Jedoch sei es aus seiner Sicht sehr vorteilhaft, „wenn Politikerinnen und Politiker sich die Zeit nehmen, um sich täglich über Nachrichten aus verlässlichen Medien zu informieren“. Der Unternehmer liest täglich die „Limmattaler Zeitung“, die NZZ, den „Tages-Anzeiger“ sowie „20 Minuten“ und informiert sich auf der Website des britischen Senders BBC. „Aus meiner Sicht ergänzen sie sich sehr gut, da sie nicht selten einen anderen Fokus auf die gleiche Nachricht legen“, so Te. Neu dazugekommen sei das Rathuus, bei dem er auch ein Abo gelöst habe. „Da schaue ich in regelmässigen Abständen rein.“ Zudem hört der Unterengstringer Radio SRF 3.

Und was ist mit Social Media? Hier halten sich die meisten der von Rathuus angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräte erstaunlich zurück.

„Sehr hilfreich ist für mich ausserdem der Austausch im Umfeld – und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde.“, sagt AL-Kantonsrätin Gianna Berger.

Social Media wird stiefmütterlich behandelt

Aufmerksamkeit ist vielleicht die stärkste Währung der Gegenwart. Das beweist der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der auf Instagram über 760’000 Follower hat. Zum Vergleich: Regierungsratspräsident Martin Neukom (Grüne) bringt es auf der gleichen Plattform auf lediglich rund 1500 Follower. Doch der Baudirektor steht mit seiner überschaubaren Online-Gefolgschaft nicht alleine da. Der „Blick“ nahm erst kürzlich die Instagram-Profile der Bundesrätinnen und Bundesräte unter die Lupe. „Trotz einiger Highlights verteilt der Experte im grossen Instagram-Check der Schweizer Bundesräte insgesamt schlechte Noten“, schreibt das Boulevardmedium. Auffällig war gemäss des Artikels insbesondere die geringe Reichweite der Profile.

Gut, mancher wird jetzt sagen, dass Social Media sowieso eine Gefahr für die Demokratie sind. Etwa wegen der undurchschaubaren Algorithmen, die zum Teil begünstigen, dass Nutzerinnen und Nutzer in ihrer Timeline besonders oft kontroverse Inhalte zu sehen kriegen. Auffällig ist, dass sich die befragten Politikerinnen und Politiker offenbar nicht sehr häufig auf Facebook, Instagram oder Tiktok zu tummeln scheinen. Dies im starken Kontrast zu vielen jungen Menschen, für die die sozialen Netzwerke ein Ort zum Spass haben und Informieren sind. Das mag auch an unserer Stichprobe liegen, bei der weder ein Fokus auf das Geschlecht noch das Alter gelegt worden ist. Trotzdem erstaunt das Nutzungsverhalten im Jahr 2025.

EDU-Politiker Roger Cadonau ist zurückhaltend und nutzt Facebook unregelmässig, „aber nicht gross zur Information“. EVP-Kantonsrat Donato Scognamiglio beschränkt sich auf das Business-Netzwerk Linkedin und GLP-Politikerin Nathalie Aeschbacher schaut manchmal zur Unterhaltung auf Instagram vorbei, „aber nicht täglich“, wie sie anfügt.

Der Mitte-Kantonsrat Thomas Anwander braucht Linkedin, „Insta“ – wie die App Instagram umgangssprachlich genannt wird – und Facebook vor allem zur Information. Pierre Dalcher ist zwar auf Social Media präsent, der SVP-Kantonsrat hat einen Facebook- und einen Instagram-Account. Er schreibt allerdings keine Kommentare, wie er betont. Die Kantonsrätin Jeannette Büsser (Grüne) nutzt Facebook und Linkedin – zur Unterhaltung und zur Information – sowie bewusst kein „Insta“ oder X (ehemals Twitter).

Yiea Wey Te teilt hingegen auf Linkedin aktiv Inhalte mit seinen Abonnenten. „Instagram und Facebook nutze ich privat und zur Unterhaltung“, so der FDP-Kantonsrat. Interessanterweise erfahre man auch über Instagram vermehrt aktuelle Geschehnisse, die jedoch unbestätigt seien. Insofern sei für ihn Instagram als Quelle ungeeignet.

Die SP-Kantonsrätin Patricia Bernet könnte man dann schon eher als regelmässige Social-Media-Userin bezeichnen. Die Biologin liest dort unter anderem Berichte über wissenschaftliche Studien. Sie folgt auf Instagram dem Netzwerk Bildung und Familie oder dem US-amerikanischen Psychologen Jonathan Haidt.

Gianna Berger benutzt Social Media vor allem über Instagram. Die AL-Politikerin findet X zu primitiv, „dort bin ich nicht präsent“. Ein älteres Facebook-Profil habe sie noch, es sei aber kaum in Gebrauch. Sehr hilfreich sei für die Pflegefachfrau ausserdem der Austausch im Umfeld – „und oft bekomme ich auch spannende Artikel zugeschickt, die ich sonst vielleicht übersehen würde“.

Von Newsmüdigkeit kann bei den angefragten Kantonsrätinnen und Kantonsräten also keine Rede sein. Doch ihr Umgang mit Social Media ist dafür minimalistisch. Fernsehen, Radio und Zeitungen (gedruckt und digital) haben klar die Nase vorn.

Spätestens bei den nächsten Kantonsratswahlen im Jahr 2027 wird sich zeigen, ob das noch reicht oder ob dann auch in der Politik Influencerinnen und Influencer den Ton angeben. Für die Jugend ist es längst Alltag, ihre Meinungen nicht durch Leitartikel, sondern den schier endlosen Strom an Posts und Videos im Internet zu formen.

Lust auf Austausch?
Unsere Newsletter und unsere Podcast-Folgen auf Steady sind der richtige Ort dafür – kommentiere dort und sag uns, was du denkst:
Zu unseren Steady-Beiträgen

Oder schreib uns eine E-Mail: redaktion@rathuus.ch