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Staatliche Wohnstiftung muss sich mit Baumschützern herumschlagen

Zu sehen ist eine Fotomontage aus Sicht der Rotbuchstrasse, wo rot die Grösse des Neubaus eingezeichnet ist.So stellen die Projektgegner den Neubau aus Sicht der Rotbuchstrasse im Stadtzürcher Kreis 6 dar. Bild: zvg

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp: Die Stadtzürcher Stiftung Einfach Wohnen soll Abhilfe schaffen. Eine Überbauung ist bisher auf dem Guggachareal entstanden, aber ein Projekt an der Rotbuchstrasse stockt. Kritisiert werden die Baumfällungen. Doch die Autoren eines entsprechenden Flyers wollen im Hintergrund bleiben.

Die städtische Wohnstiftung Einfach Wohnen (SEW) geht auf eine Volksinitiative zurück. Im März 2013 haben die Stimmberechtigten der Stadt Zürich mit 75 Prozent dem Grundkapital der Stiftung zugestimmt. Das Ziel: Mehr Wohnraum schaffen in der grössten Stadt der Schweiz. Doch irgendwie kam die Stiftung unter der Federführung des Finanzdepartements der Stadt Zürich bisher nicht richtig in die Gänge. Lediglich an der Kreuzung Hofwiesenstrasse/Wehntalerstrasse wurde 2024 ein Gebäude mit 111 Wohnungen erstellt. Das Gebäude fällt wegen der sehr prägnanten Solarpanels an den Balkonen auf.

Zu erwähnen wäre da noch die temporäre Wohnsiedlung Fogo beim Vulkanplatz in Altstetten – ein Projekt in Kooperation mit dem Jugendwohnnetz und der Asylorganisation Zürich. Sonst kauft die SEW vor allem Wohnhäuser zusammen – was eher kritisiert wird, weil damit kein Quadratmeter zusätzlicher Wohnraum entsteht.

Nun erwächst dem zweiten Bauprojekt der SEW doppelter Widerstand aus der Umgebung. Einerseits ist eine Klage gegen das Bauprojekt mit den 42 Wohnungen vor Bundesgericht hängig. Andererseits sind in den letzten Tagen Kritikerinnen und Kritiker mit einem Flugblatt an die Anrainerinnen und Anrainer gelangt. Für sie ist klar: Wegen des geplanten Neubaus an der Ecke Rotbuch-/Rötelstrasse würde eine markante grüne Oase verschwinden. Dabei profitiere das Quartier von dieser hohen Biodiversität – inklusive der namengebenden Rotbuchen.

„Da die Stiftung SEW eine öffentlich-rechtliche Stiftung der Stadt ist, plant faktisch die Stadt, ihr eigenes Grundstück zu roden. Und dies in einer Zeit, in welcher der Erhalt alter Bäume wichtiger ist denn je“, heisst es im professionell und pikanterweise in den Farben des Tiefbauamts gehaltenen Flugblatt angriffig.

Zu sehen ist der Bauplan von oben mit den runden Aussparungen, wo die Bäume erhalten bleiben sollen. Die jetzigen Bäume sind grün eingefärbt.So schaut der Grundriss des Neubaus mit den Aussparungen für bestehende Bäume aus. Bild: zvg

Schon mehrere Jahre im Verzug

Auf Anfrage erklärt SEW-Geschäftsführerin Mira Porstmann, man wisse nicht, wer die Flyer verfasst habe. „Wir haben bereits versucht, Kontakt mit den Absendern aufzunehmen, um die Sachlage und offene Fragen bei einem Gespräch zu klären.“ Ursprünglich sei die Fertigstellung des Neubaus für das Jahr 2025 vorgesehen gewesen. „Die Verzögerung ist für die Stiftung finanziell nachteilig, da bereits Planerhonorare ausgegeben wurden. Eine Verzögerung bedeutet zudem in der Regel eine Erhöhung der Baukosten mit der Folge von höheren Mietzinsen nach Berechnung im Kostenmietmodell“, so Porstmann, welche die SEW seit sechs Jahren leitet.

Grundsätzlich könne sie verstehen, „dass es der Nachbarschaft ein Anliegen ist, die Bäume zu erhalten“. Doch Porstmann ist überzeugt, dass das Projekt „ein ausgewogenes Verhältnis von Bebauung zu Baumbestand und Aussenraum“ aufweise.

Tatsächlich versucht der Grundriss, die bestehenden Bäume zu integrieren, mit speziellen Aussparungen bei den Bauten. Etwa so, wie dies die Stadt schon am Limmatplatz bei der vor gut 20 Jahren erbauten Tramhaltestelle praktizierte.

So widerspricht Porstmann, dass auf dem Areal ein eigentlicher Kahlschlag geplant sei, wie dies die Gegnerschaft postuliert. So sollen laut ihr lediglich acht Bäume gefällt werden, 17 Bäume würden erhalten bleiben. „Dazu gehören die besonders prägnanten Eichen an der südwestlichen Grundstücksecke (Rotbuchstrasse) und eine Lärche im hinteren Teil des Grundstücks, die im gartenpflegerischen Gutachten der Stadt Zürich als besonders schutzwürdig eingestuft wurden“, erklärt Porstmann. Dazu sollen zwölf Neupflanzungen kommen – total gebe es also vier Bäume mehr als heute.

So schaut die Visualisierung aus: Halbrunde Bauten mit Balkonen, daneben einer der erhaltenen Bäume. Es ist Spätherbst.So stellen sich die Planer den Neubau vor, luftige Balkone und alte Bäume, die im Halbrund der Aussparung weiter gedeihen können. Visualisierung: zvg

„Bäume gemäss Baumpfleger sehr gefährdet“

Für die Interessengemeinschaft (IG) Rotbuchstrasse ein schwacher Trost. Alte Bäume seien viel klimawirksamer als junge. Und die geplanten halbrunden „Nischen“ in den Fassaden seien in der Realität „deutlich zu klein und die Bäume gemäss Baumpfleger sehr gefährdet“. Und überhaupt: „Nach heutiger Rechtslage wäre das Bauprojekt der Stiftung SEW nicht mehr bewilligungsfähig“, so die Kritikerinnen und Kritiker. Im September 2025 nämlich habe der Stadtrat die Bau- und Zonenordnung revidiert. Seither sei das Fällen eines Baumes mit einem Stammumfang von mehr als 100 Zentimetern nicht mehr gestattet.

Wie es nun weitergeht, ist unklar. Die IG Rotbuchstrasse reagierte erst nach einigen Tagen auf die Anfrage von Rathuus, wer denn namentlich hinter dem Protest stehe. „Wir sind eine sehr lockere und wenig organisierte Gruppe von Nachbarn“, schreibt Andreas Lindau. Ihnen sei es wichtig, nicht als NIMBY („Not In My Back Yard“) wahrgenommen zu werden. „Denn wir sind nicht gegen ein Bauprojekt, wir finden nur, dass es auch ausgewogener gehen sollte“, so Lindau gegenüber Rathuus.

Einfach wohnen ist in der Limmatstadt – und vermutlich vielerorts im Kanton – offenbar nicht so einfach. Schon gar nicht, wenn zwischen Wohnungsnot und Baumschutz entschieden werden muss.

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