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Sie kritisiert, dass gute Argumente in der Debatte kaum was bringen

Gianna Berger trägt eine blaue Strickjacke. Sie lächelt in die Kamera."Mir hat gefallen, dass die AL ihren Fokus auf die Chancengleichheit legt", sagt die Kantonsrätin Gianna Berger (26) aus Zürich im Gespräch mit Rathuus. Bild: Pascal Turin

Gianna Berger politisiert für die AL im Kantonsrat. Die Pflegefachfrau interessiert sich berufsbedingt für das Gesundheitssystem und für Menschen, die weniger Chancen haben als andere. Die 26-jährige Stadtzürcherin hat nach einem Jahr Parlamentsarbeit eine klare Erkenntnis gewonnen. Debatten? Nur Show für die Medien.

Die Alternative Liste – kurz AL – war in den 90er-Jahren eine laute Protestpartei. Gegründet wurde sie 1989 in Zürich als basisdemokratische Gruppe „Züri 1990“. Erst 2007 konstituierte sich die AL offiziell als politischer Verein. 2018 hatte sie mit zehn Gemeinderatssitzen und mit Richard Wolff als Stadtrat ihre Hochblüte als Unruhestifterin im politischen Milieu. Doch das hat sich verändert.

„Der AL droht die Unverwechselbarkeit abhandenzukommen“, schrieb die „Neue Zürcher Zeitung“ vergangenes Jahr. Die Tageszeitung hat zumindest in einem Punkt recht: Seit bekannte langjährige Exponenten wie Urgestein Niklaus Scherr, Mischa Schiwow, Co-Präsident des Quartiervereins Hirslanden, oder Mieterverbands-Vertreter Walter Angst aus dem Stadtzürcher Parlament ausgeschieden sind, ist es um die AL ruhiger geworden.

Heute unterscheidet sich die Partei im Gemeinderat von Zürich immer weniger von SP und Grünen. Kein Wunder, in der rot-grün dominierten Limmatstadt ist es als kleine linke Partei schwierig, aufzufallen. Doch manchmal gelingt es der AL immer noch, Schlagzeilen zu machen. So geht der schweizweit beachtete Vorstoss zum weitgehenden Verbot von kommerzieller Werbung im öffentlichen Raum auf AL-Gemeinderat Michael Schmid zurück. Und vielleicht schafft Stadtratskandidatin und AL-Gemeinderätin Tanja Maag im kommenden März bei den Kommunalwahlen sogar die Überraschung – den Einzug in die Zürcher Exekutive.

Die AL pflegt im Kantonsrat die Minderheitenrolle

Während die AL in der Stadt Zürich also darum kämpft, zwischen SP und Grünen ein eigenes Profil zu wahren, überzeugt sie im bürgerlicher orientierten Kantonsrat gerade durch ihre Minderheitenrolle. Dazu trägt auch Gianna Berger bei, die erst seit 2024 im Kantonsparlament politisiert. „Ich sehe eine unserer Rollen darin, Probleme klar zu benennen, damit darüber diskutiert wird“, erklärt die Kantonsrätin, die in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben sitzt.


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Aufgefallen war die 26-Jährige zum Beispiel in einer Debatte über eine Einzelinitiative, die verlangte, dass der Kanton sich „für die Anerkennung von Palästina als eigenem Staat“ einsetzen soll. „Palästina existiert. Dass es bis heute nicht anerkannt wird, ist beschämend“, kritisierte Berger. Die Anerkennung bedeute nicht, Geld zu schicken oder Organisationen zu unterstützen. Sie bedeute einzig, eine Realität anzuerkennen und die Grundlage für Gespräche auf Augenhöhe zu schaffen. Auch Zürich dürfe sich hier nicht länger zurückhalten. „Unser Kanton bezieht zu vielen Themen Stellung, warum also nicht hier?“, fragte sie. Palästina anzuerkennen sei zu wenig, aber das Mindeste.

Zwar verfing Bergers Votum nicht. Das Anliegen holte nur 47 Stimmen. Für eine vorläufige Unterstützung wären 60 Stimmen des 180-köpfigen Rates notwendig gewesen. Doch die AL zeigte wieder einmal, dass sie bei unangenehmen Themen eine klare Haltung einnimmt. Auch deshalb ist die Stadtzürcherin in die Partei eingetreten. Berger ist früher Sympathisantin der SP gewesen. Sie habe dann aber durch einen Nachbarn die Alternative Liste kennengelernt, wie sie erzählt. „Mir hat gefallen, dass die AL ihren Fokus auf die Chancengleichheit legt.“ Das habe für sie Sinn gemacht, weil sie in der Psychiatrie mit Patientinnen und Patienten zu tun habe, die weniger Chancen hätten.

„Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass ich nicht mein Leben lang auf dem Beruf arbeiten werde“, sagt Gianna Berger.

Die diplomierte Pflegefachfrau HF – kurz für Höhere Fachschule – arbeitet in der Abteilung Krisenintervention für Jugendliche der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Diese ist in der Nähe des Hegibachplatzes stationiert. Nicht weit davon entfernt wohnt Berger derzeit in einer Wohngemeinschaft im Kreis 7. Neben der Arbeit und der Politik studiert sie berufsbegleitend Pflege an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Pflegeinitiative muss zuerst richtig umgesetzt werden

Durch das Studium verspricht sich Berger mehr Möglichkeiten, etwa als Fachexpertin auf einer Station oder in der Forschung. „Die Arbeitsbedingungen sind so schlecht, dass ich nicht mein Leben lang auf dem Beruf arbeiten werde.“ Damit ist sie sicher nicht allein. In der Schweiz herrscht ein Mangel an Pflegepersonal – auch weil viele erfahrene Leute irgendwann wegen der hohen Arbeitsbelastung aus dem Beruf aussteigen. Die vom Schweizer Stimmvolk 2021 angenommene Pflegeinitiative, die unter anderem die Verbesserung der Arbeitsbedingungen des Personals fordert, muss ihre Wirkung erst noch entfalten.

Nach über einem Jahr im Kantonsrat hat Gianna Berger eine klare Erkenntnis gewonnen: "Niemand ändert seine Meinung in der Debatte." Bild: Pascal Turin

Zu aufopfernde ältere Pflege-Generation

Einen Prestigeerfolg für die Pflegebranche hat die Kantonsrätin vor Kurzem erzielt: Berger war mit Vertreterinnen und Vertretern der SP, der Grünen und der EVP an vier parlamentarischen Initiativen beteiligt, die vom Parlament – wenn auch knapp – vorläufig unterstützt wurden. Gefordert wurde, dass die Mitarbeitenden des Universitätsspitals Zürich, des Kantonsspitals Winterthur, der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland und der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich zukünftig den vollen Teuerungsausgleich erhalten. Aktuell ist der Teuerungsausgleich beim Spitalpersonal nicht mehr verbindlich an die Empfehlung des Regierungsrates gekoppelt. Nun muss sich die Kommission für soziale Sicherheit und Gesundheit über das Anliegen beugen.

Aus Sicht von Berger ist die Lobby des Pflegepersonals in der Politik zu wenig gut vernetzt. Gerade die ältere Generation der Pflegefachpersonen sei zudem zu aufopfernd. Jene würden jedes Mal sofort einspringen, wenn jemand ausfalle oder gar die Ferien abbrechen, wenn Personal fehle. „Wir dürfen ein System, das nicht funktioniert, nicht mit unserer Aufopferung aufrechterhalten“, so Bergers Befund. Doch das Totschlagargument sei dann häufig, dass man dadurch das Wohlbefinden von Patientinnen und Patienten gefährde. Gianna Berger sagt, die Politik solle sich endlich eingestehen, dass man mehr Geld ins Gesundheitswesen investieren müsse. „Mit Gesundheit Geld verdienen funktioniert einfach nicht, ausser es ist ein unfaires System“, so die Kantonsrätin.

Nach über einem Jahr im Parlament hat Berger eine klare Erkenntnis gewonnen: „Niemand ändert seine Meinung in der Debatte.“ Diese sei nur eine Show für die Medien. „Anfangs dachte ich noch, ich könne mit guten Argumenten überzeugen. Aber nein, keine Chance. Es wird alles vorher in den Fraktionen besprochen und entschieden“, sagt die Politikerin. Wichtig seien darum die bilateralen Gespräche über die Parteigrenzen hinaus. „Eigentlich könnte man also einfach von daheim aus abstimmen und einfach die Voten an die Medien schicken“, sagt sie augenzwinkernd. Das Zwischenmenschliche würde dann aber natürlich fehlen.

Erst kürzlich hat sich Gianna Berger entschieden, dass sie 2027 wieder zu den Wahlen antreten wird. „Eine erneute Kandidatur habe ich mir wegen der Belastung mit Studium, Job und Politik schon gut überlegen müssen.“

In Oerlikon trifft man sie im Venus Bistro

Als Treffpunkt hat die Stadtzürcherin das Venus Bistro an der Franklinstrasse vorgeschlagen. Das sei „Oerlikons charmante Antwort auf seelenlose Gastroketten“, so das Onlineportal Tsüri in seinem Geheimtipp-Guide. Das Restaurant mit Bar ist eine Art gemütliches Szene-Lokal mit guter Küche, wie auch der Schreibende durch verschiedene Besuche zu bestätigen weiss. „Wenn ich in Oerlikon einen Kaffee trinken möchte, komme ich meistens hierhin“, sagt Berger, die im Leutschenbach-Quartier in Seebach aufgewachsen ist. Im Kreis 11 fühle sie sich nach wie vor wohl.

Erst kürzlich hat sich Gianna Berger entschieden, dass sie 2027 wieder zu den Wahlen antreten wird. „Eine erneute Kandidatur habe ich mir wegen der Belastung mit Studium, Job und Politik schon gut überlegen müssen.“ Es wird ihr erster richtiger Wahlkampf mit Standaktionen und Co. sein. 2024 war sie für Anne-Claude Hensch ins Kantonsparlament nachgerückt.

Zeit für Hobbys bleibt ihr wenig – auch nicht fürs Singen. Seit sie 12 Jahre alt ist, nimmt die Zürcherin Unterricht im Sologesang an der Musikschule Konservatorium Zürich. Auftritte gibt es allerdings keine. „Ich stehe gar nicht gerne vor Leuten“, verrät sie und fügt an: „Obwohl ich das im Kantonsrat immer wieder machen muss.“ Das brauche jeweils sehr viel Überwindung. Aber sie werde langsam routinierter.

Die AL ist heutzutage vielleicht keine Protestpartei im ursprünglichen Sinn mehr. Doch mit Politikerinnen wie Gianna Berger zeigt sie, dass sie auch ohne laute Töne eine klare Haltung vertreten kann.

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