Eine gute Bildungspolitik beginnt mit einer Einsicht: Nicht für alle ist das Gymnasium der richtige Weg – und nicht für alle die Lehre. Der Kanton Zürich will dafür sorgen, dass Schulen die Begabungen der Schülerinnen und Schüler besser erkennen und fördern.
Bildung ist vermutlich der wichtigste Rohstoff der Schweiz. Damit das so bleibt, müssen Verwaltung und Politik möglichst fundierte Entscheidungen treffen können. Der Bund lässt zum Beispiel erfassen, wie die Situation auf dem Lehrstellenmarkt aussieht.
Das ist insofern interessant, weil sich nach der obligatorischen Schulzeit viel mehr Jugendliche für eine Lehre als für das Gymnasium entscheiden. Im besten Fall freiwillig, aber wohl auch immer mal wieder unfreiwillig, wenn man die Gymi-Prüfung nicht bestanden hat.
Ein vertieftes Bild liefert das sogenannte Nahtstellenbarometer. Erhoben werden unter anderem Daten zu den Bildungsentscheidungen von Jugendlichen und zum Lehrstellenangebot der Betriebe. Das vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation für die Umfrage beauftragte Forschungsinstitut GFS Bern hat für die Resultate extra eine Website eingerichtet. Sie zeigt, dass das Bild der beruflichen Grundbildung offenbar mehrheitlich positiv ist. Die berufliche Grundbildung wird von vielen Jugendlichen nicht als zweite Wahl wahrgenommen.
Doch nicht für alle ist eine Lehrstelle der richtige Weg – genauso wenig wie das Gymnasium für alle die passende Wahl ist.
Schülerinnen und Schüler sollten deshalb gemäss ihren Stärken, Begabungen und Talenten gefördert werden. Der Zürcher Regierungsrat will die Begabungs- und Begabtenförderung ausbauen. Dies, um die Chancengerechtigkeit zu stärken und für alle Jugendlichen vergleichbare Bedingungen zu schaffen, wie es in einer Mitteilung heisst.
Kanton will Begabtenförderung flächendeckend einführen
In vielen Schulen gibt es zwar bereits Begabungs- und Begabtenförderung, allerdings nicht überall. Der Kanton will die Gemeinden darum dazu verpflichten, entsprechende Angebote sowie solche für die Vorbereitung der Aufnahmeprüfung für eine Mittelschule wie das Gymi, die Fachmittelschule oder die Berufsmaturitätsschule bereitzustellen. „Die Verantwortung für die Ausgestaltung der Angebote und deren Finanzierung liegt bei den Gemeinden“, schreibt der Regierungsrat.
Die Finanzierung durch die Gemeinden könnte allerdings noch zum Knackpunkt werden. Zumindest, wenn man die heftigen Diskussionen bezüglich der Anpassung des neu definierten Berufsauftrags für Lehrpersonen zum Massstab nimmt. Gegenüber dem „Tages-Anzeiger“ äusserten sich FDP und SVP bereits kritisch. „Geht es nach der SVP, braucht es keine flächendeckenden Vorbereitungskurse“, so die Tageszeitung.
Ob Begabungs- und Begabtenförderung wirklich überall eingeführt wird, muss nun der Kantonsrat entscheiden. Im Hinterkopf sollten die Politikerinnen und Politiker allerdings behalten, dass die Schülerinnen und Schüler damit bestmöglich auf weiterführende Schulen vorbereitet werden. Und längst nicht alle Jugendlichen fühlen sich heute von ihren Schulen gut unterstützt. Dies hat eine Untersuchung des Instituts für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich gezeigt.
Rund 4000 Schülerinnen und Schüler mehr als im Vorjahr
Dass die Schulen vor wachsenden Aufgaben stehen, zeigt die Entwicklung der Anzahl Schülerinnen und Schüler. Im Schuljahr 2025/26 ist sie erneut gestiegen, wie der Broschüre „Die Schulen im Kanton Zürich“ zu entnehmen ist. Konkret besuchten knapp 328’000 Schülerinnen und Schüler, Lernende und Studierende eine öffentliche oder private Bildungseinrichtung. Das sind laut Mitteilung der Bildungsdirektion rund 4000 mehr als im Vorjahr und gut 42’000 mehr als vor zehn Jahren.
Besonders spannend ist die Entwicklung an den Gymnasien. Dort erfreut sich das Mathematisch-Naturwissenschaftliche Profil zunehmender Beliebtheit. „Seit 2015 hat sich die Zahl der jungen Frauen, die dieses Profil wählen, nahezu verdoppelt“, schreibt die Bildungsdirektion in einem Communiqué. Auch bei den jungen Männern sei ein deutlicher Anstieg zu beobachten: Ihre Zahl habe im gleichen Zeitraum um knapp zwei Drittel zugenommen.
Der wichtigste Rohstoff des Landes sitzt jeden Morgen im Klassenzimmer. Die Aufgabe der Politik und der Verwaltung besteht darin, sein Potenzial zu erkennen und zu fördern.
Neuerdings spielt zudem punkto Potenzial die künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle. Denn je länger je mehr steigen praktische Berufe im Attraktivitätsranking. Handwerkliche Begabung könnte sich auf dem Arbeitsmarkt wieder stärker bezahlt machen, nachdem jahrzehntelang vor allem der Intellekt zählte.

Blick in das kleine, aber feine Schulhaus Pünten in Höngg. Bild: Baugeschichtliches Archiv, Thomas Hussel
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