Grosses Tamtam in der Baugrube

Baudirektor Martin Nekom fotografiert mit seinem Handy die Grossbaustelle. Bildungsdirektorin Silvia Steiner bestaunt die Grösse der Baustelle. Man steht in einer 30 Meter tiefen Baugrube.Ein eigenes Bild! Obwohl es gefühlt zehn Fotografen hat, sorgt Baudirektor Martin Neukom (Grüne) für ein persönliches Zeitdokument. Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Die Mitte) geniesst die Grösse der Baustelle. Bild: Lorenz Steinmann

Grundsteinlegungen sind aus der heutigen Medienberichterstattung fast verschwunden. Fotos von Polit-Promis oder CEOs mit Helmen auf dem Kopf kennt man zur Genüge. Die Universität Zürich tat darum alles, um eine spezielle Show zu bieten – für ihren Neubau Forum UZH im Uni-Zentrum.

Beinahe wie bei US-Präsident Donald Trump: Das war der erste Gedanke, als die Medienstelle der Baudirektion das kleine Trüppchen an Journalisten platzierte. Denn es war in der zweithintersten Reihe der mit Ehrengästen, Angestellten und wohl auch Architekturstudenten gefüllten Aula der Universität Zürich. Aber egal, immerhin willkommen.

Und immerhin fand der Anlass in jener Aula statt, wo fast genau vor 80 Jahren Winston Churchill, ehemaliger Premierminister von Grossbritannien, seine berühmte Rede hielt. Mit dem Aufruf „Let Europe Arise!“ forderte er nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs einen Zusammenschluss der europäischen Staaten.

Gestern Dienstag waren die Reden aber definitiv weniger historisch und weltbewegend. Kein Wunder. Ging es doch „nur“ um die Grundsteinlegung des Forums UZH. Bis in fünf Jahren soll gegenüber vom heutigen Hauptgebäude ein neues Bildungs- und Forschungszentrum der Universität Zürich – kurz UZH – stehen.

Doch welche Botschaften bringt man zu diesem eigentlich eher trockenen Thema rüber?

Silvia Steiner, Bildungsdirektorin, spricht in der Uni-Aula. Sie lächelt.Sichtlich zufrieden – Regierungsrätin und Bildungsdirektorin Silvia Steiner. Bild: Lorenz Steinmann

Irgendwie wirkten die Worte von Baudirektor Martin Neukom (Grüne), Bildungsdirektorin Silvia Steiner (Mitte) und Architekt Pierre de Meuron mehr entschuldigend als ermutigend. Euphorie sieht definitiv anders aus.

Es gebe Dachbegrünungen und Photovoltaikanlagen, versicherte Neukom. Und die oberen Stockwerke würden dank Holzhybrid-Bauweise Beton ersetzen. Steiner beschwörte den Geist von Hochschulen, deren Nähe Innovationen erst gedeihen lasse.

Pierre de Meuron, der berühmte Architekt aus Basel, betonte den geplanten offenen Charakter dieser „Stadt-Uni“. Und forderte – ganz der zeitgemässe Freigeist – eine begrünte Polyterrasse und ein Helmhaus mit viel mehr Grünzonen.

Uni-Vizerektorin Gabriele Siegert schliesslich skizzierte ein Forum UZH, in welchem KI-Antworten reflektiert würden. „Der Campus soll als Diskurs-Raum dienen“, so Siegert. Denn tatsächlich kann man sich fragen, ob es noch so einen 600-Millionen-Bau braucht, wenn doch alle nur in ihre Computer und Handys starren. Heute und wohl auch 2031.

Von oben zu sehen ist die 30 Meter tiefe Baugrube, wo das Forum UZH gebaut wird. Rechts zu sehen sind drei rote Baukräne, im Hintergrund steh das Hochhaus des Instituts für medizinische Genetik. Das Wetter: schön!So sieht die Mega-Baustelle an der Rämistrasse heute aus. Die Baugrube ist 30 Meter tief. Bild: Baudirektion

Nicht digital, sondern richtig rustikal ging es nach 40 Minuten Grussworten weiter. Denn die vier Referierenden marschierten nun zusammen mit einer Filmequipe der Uni, den sechs, sieben Journalisten sowie einer grösseren Handvoll Stabsleute die Treppe hinunter und über die Rämistrasse zum 30 Meter tiefen Bauloch. Dort, wo nun eben der Megabau entsteht.

Mit Sicherheitsschuhen ausgerüstet

Speziell, wie die Honoritäten mehrheitlich „Engelbert Strauss“-Sicherheitsschuhe trugen. Laut Mediensprecher Claudio Jörg stellte die Baudirektion die Schuhe für alle zur Verfügung, die kein adäquates Schuhwerk für die Baustelle dabei hatten.

Die Kurzkritik: Neukom und de Meuron sahen mit ihren schwarzen, fabrikneuen Baustellenschuhen einfach stark aus. Steiner, die mit ihren eigenen Tretern auftauchte, machte zum Schuhwerk sogar eine Bemerkung in ihrer Rede: „Noch nie habe ich in solch ‚eleganten‘ Schuhen an einer Uni eine Rede gehalten.“

Zu sehen ist der gaplante Neubau des Forums UZH. Im Vordergrund die Rämistrasse, dann die grosszügige Terasse des Neubaus plus der 7-stöckige Neubau mit begrüntem, begehbarem Dach.So schön grün und naturnah soll sich in fünf Jahren der Neubau präsentieren. Die Dachterrasse soll auch für die Bevölkerung zugänglich sein. Visualisierung: Herzog & De Meuron

Via einer erstaunlich wackligen Behelfstreppe gelang nun die Gesellschaft an die Sohle der riesigen Baugrube. Über das folgende Prozedere der Grundsteinlegung seien nicht zu viele Worte verschwendet. Nur soviel: Es war ein eher komplizierter Akt mit verschiedenfarbigen Sandarten, welche Neukom, Steiner, de Meuron und Siegert in Eimerchen füllen mussten, um sie dann in ein Behältnis aus Plexiglas zu schütten. Dort drin lag schon eine kleine, überaus hässliche Skulptur, welche einen Baum symbolisieren soll.

Es war ein amüsantes Schauspiel und ergab recht wunderliche Farbkombinationen. Mittels Kranarm, dessen Metallhaken sich aus gut 60 Metern fast millimetergenau zu den Gästen heruntersenkte, wurde das Gemeinschaftswerk nun in ein Loch gehievt. Naja. Wenn in 200 Jahren hier jemand Grabungen macht, dann findet er keine Zeitkapsel mit etwa dem papierenen „Tages-Anzeiger“ von heute. Nein, einfach eine Kiste mit verschiedenfarbigem Sand und besagter Baumsymbolik.

Live dabei und doch aussen vor

Doch was passierte mit den gut 250 geladenen Gästen in der Aula während des Grundsteinaktes? Sie kamen in den Genuss einer aufwändig inszenierten Direktübertragung von der Baustelle. Gefühlt 20 Personen waren beteiligt. Von der Filmcrew über die Experten an den Mischpulten bis zum Profimoderator, den Assistentinnen und den Fotografen für den Uni-internen „Making-of-Beitrag“. Besser fast als das Schweizer Radio und Fernsehen – der Lokalsender Tele Züri könnte definitiv einpacken.

Was bleibt? Es war eine Inszenierung, die vor allem dem universitären Zusammenhalt diente. Was auch nicht schlecht ist. Denn wenn ein Blick in die Zukunft erlaubt ist, scheint Sparen definitiv die kommende Währung.

Scheinen der Zukunft gelassen gegenüberzustehen: Martin Neukom und Silvia Steiner. Bild: Lorenz Steinmann
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