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Damit die Zahlen richtig sind – ein Verhaltenskodex für Statistikämter

Balkendiagramm, bei dem eine Hand die höchste Säule sichtbar nach oben zieht und dadurch das Ergebnis verfälscht.Unabhängige Statistik schützt vor verzerrten Bildern, verlässliche Daten stärken das Vertrauen. Die Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz ist ein Verhaltenskodex, der Standards festlegt. Bild: Pascal Turin

Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ unterzeichnet. Das klingt für Laien vielleicht langweilig, ist es aber definitiv nicht. Denn Glaubwürdigkeit ist in Zeiten von Fake News ein umso wertvolleres Gut.

Drei bis vier Mal pro Jahr finden in der Schweiz Volksabstimmungen statt. Je nach Themenlage entscheiden die Stimmberechtigten über eidgenössische, kantonale oder kommunale Anliegen. Bei vielen Abstimmungen spielen Zahlen eine entscheidende Rolle. Regierungen, Parlamente oder Initiantinnen und Initianten untermauern damit ihre Argumentation. Die Grundlage bildet häufig die öffentliche Statistik – also die Daten über den Zustand und die Entwicklung von Bevölkerung, Umwelt oder Wirtschaft.

Umso wichtiger ist, dass die Zahlen stimmen. Das zeigt ein Blick auf jüngste Ereignisse.

Wir erinnern uns: Das Bundesamt für Sozialversicherungen – kurz BSV – wies die Ausgaben der AHV zu hoch aus. Plötzlich stand deshalb die Forderung im Raum, dass die Abstimmung über die Erhöhung des Rentenalters der Frauen auf 65 Jahre von 2022 wiederholt werden muss. Laut einer Administrativuntersuchung lag zwar kein Rechenfehler im Programm der AHV-Finanzperspektiven vor und es wurden keine Sorgfaltspflichtverletzungen durch Mitarbeiter des BSV festgestellt. „Das Berechnungsprogramm habe aber zwei Formeln enthalten, die mathematisch zu wenig abgestützt und dokumentiert waren und langfristig zu unplausibel hohen Ausgaben führten“, heisst es in einer Medienmitteilung des Eidgenössischen Departements des Innern.

Das BSV gelobte Besserung und ergriff Massnahmen. Doch der Schaden in der öffentlichen Wahrnehmung war bereits angerichtet. Denn in Zeiten von Fake News und demokratiefeindlichen Tendenzen muss die öffentliche Statistik umso höheren Ansprüchen genügen.

Genau hier setzt die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ an, die in mittlerweile vierter Auflage vorliegt. Das Bundesamt für Statistik und die Konferenz der regionalen statistischen Ämter der Schweiz hielten in einer im Frühling verschickten Mitteilung fest, dass die Statistikstellen mit der revidierten Charta „ein starkes Zeichen“ für Transparenz, Qualität und Innovation und gegen Desinformation und Fake News in einer zunehmend datengetriebenen Welt setzen würden.

Die „Charta der öffentlichen Statistik der Schweiz“ orientiert sich am Verhaltenskodex für europäische Statistiken (Code of Practice). Seit 1994 bestehen zudem die Fundamental Principles of National Official Statistics der United Nations Statistical Commission.

Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die Charta kürzlich unterzeichnet. Was darin enthalten ist, lohnt einen genaueren Blick.


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„Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss“, sagt Co-Amtsleiterin Andrea Schnell.

Öffentliche Statistik soll verlässlich und unabhängig sein

Wie man einem Communiqué des Statistischen Amts entnehmen kann, ist die Grundsatzerklärung ein berufsethischer Verhaltenskodex, der Standards für das Entwickeln, Erstellen und Verbreiten öffentlicher Statistiken festlegt. „Die Charta definiert in Ergänzung zu den bestehenden Rechtsgrundlagen verschiedene Qualitätsstandards der öffentlichen Statistik und trägt zu deren Glaubwürdigkeit bei“, heisst es in der Mitteilung der Direktion der Justiz und des Innern, zu der das Statistische Amt gehört. Die politische Leitung der Direktion hat Jacqueline Fehr (SP).

In der Charta sind verschiedene Prinzipien aufgeführt, an denen sich das Statistische Amt nun zu orientieren hat. Die Idee: Die öffentliche Statistik soll fachlich unabhängig, objektiv, transparent und von hoher Qualität sein.

„Die Glaubwürdigkeit und die Verlässlichkeit der öffentlichen Statistik der Schweiz ist sehr hoch“, sagt Andrea Schnell, Co-Amtsleiterin, auf Anfrage. Die öffentliche Statistik sei ein System mit zahlreichen Akteuren aus allen föderalen Ebenen. Die Charta biete diesen Akteuren einen einheitlichen Qualitätsrahmen, einen Verhaltenskodex. Und sie betont: „Vertrauen ist ein Gut, für das kontinuierlich gearbeitet werden muss. Die Charta bietet den Statistikstellen, vor allem aber auch der Öffentlichkeit, einen Bezugsrahmen dafür.“

Doch dieser Anspruch muss sich im Alltag bewähren.

Offene Fehlerkultur ist laut Statistischem Amt wichtig

Wie wird aber sichergestellt, dass Objektivität und Unabhängigkeit gewährleistet sind? Das geschieht gemäss dem Statistischen Amt auf mehreren Ebenen, etwa indem es die Publikationen thematisch und zeitlich unabhängig plant. „Die Ergebnisse werden so bald wie möglich publiziert und durchlaufen fachliche Qualitätsreviews“, führt Schnell aus. Zudem würden die Grundlagen der statistischen Analysen – sofern keine datenschutzrechtlichen Bestimmungen dagegensprechen – öffentlich zugänglich gemacht. Stichwort: Open Government Data. Schnell spricht in diesem Zusammenhang von Transparenz in Bezug auf die verwendeten Datenquellen und die Analysemethodik sowie von einer offenen Fehlerkultur, die für den Erhalt des Vertrauens unabdingbar sind.

„In der Öffentlichkeit wurden jüngst einige, meist jedoch vermeintliche Statistikfehler diskutiert“, sagt Andrea Schnell. Sie ist seit 2014 für das Statistische Amt tätig und seit Juli 2023 Co-Leitende. Wichtig sei hier die Differenzierung zwischen tatsächlichen Rechenfehlern und Anpassungen bei Prognosemodellen beziehungsweise ihren zugrundeliegenden Annahmen und Wirkungsweisen. Wenn Fehler passieren würden, sei eine transparente Kommunikation und offene Fehlerkultur wichtig, damit daraus gelernt werden könne.

In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten, verhindere aber auch Fehler, so Andrea Schnell.

Künstliche Intelligenz hält auch bei Statistik Einzug

Neben den Prinzipien enthält die Charta Zielvorgaben und Ergänzungen zu den gesetzlichen Grundlagen. Die Statistikstellen, welche das Dokument unterzeichnet haben, tauschen sich regelmässig darüber aus, wie die Umsetzung gelingt und wo Entwicklungsbedarf besteht.

Gleichzeitig ändert sich das Umfeld für Statistikämter.

Laut dem Statistischen Amt entwickelt sich die öffentliche Statistik weiter – von der Erhebung über die Verarbeitung und die Analyse bis zur Veröffentlichung. So werden einerseits vermehrt vorhandene Informationen aus amtlichen Registern genutzt, damit der Erhebungsaufwand bei Bevölkerung und Wirtschaft minimal ist. Ausserdem werden Methoden der künstlichen Intelligenz – kurz KI – beispielsweise bei der Analyse von Satellitenbildern angewendet.

„Andererseits stellt auch die öffentliche Statistik die Nutzenden ihrer Produkte ins Zentrum“, sagt Andrea Schnell. Die öffentliche Statistik beschränke sich seit langem nicht mehr nur auf die Veröffentlichung der Ergebnisse, sondern suche den Dialog. In der Datenverarbeitung würden manuelle Bearbeitungsschritte durch Automatisierung abgelöst. Dies reduziere die Kosten und verhindere Fehler. „Schliesslich gehört auch Transparenz und Reproduzierbarkeit dazu“, so Schnell. Auswertungscode werde vermehrt kollaborativ durch verschiedene Statistikstellen entwickelt und veröffentlicht, um Analysen für Fachexpertinnen und Fachexperten überprüfbar zu machen.

Am Ende hängt die Qualität unserer Demokratie also auch von etwas Unspektakulärem ab: Zahlen, denen man trauen kann. Eine verlässliche öffentliche Statistik bildet die Grundlage für fundierte Entscheidungen.

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