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Velo können sie definitiv besser

Auf dem Bild ist ein Ausschnitt einer Lithografie des französischen Künstlers Sempé zu sehen. Darauf ein gemütlich pedalender Velofahrer. Zudem einfügt ins bilkd ein rundes Portrait des Autors Lorenz Steinmann.Wer in Zürich Velo fahren will, braucht eine grosse Portion Gelassenheit. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus

Die Legislatur neigt sich dem Ende zu – Zeit für eine ehrliche Bilanz. Besonders die Velopolitik des Zürcher Stadtrats fällt durch. Note ungenügend. Ein Kommentar.

In Zürich Velofahren ist die Hölle. Alles viel zu gefährlich. Kinder selbstständig mit dem Velo herumkurven lassen – unmöglich. Die sogenannten Velorouten hören immer dort auf, wo es Kreuzungen hat. Es werden Millionen verlocht für unnötige Projekte, die dann an wirklichen Brennpunkten fehlen. Stichwort Bellevue oder Hardbrücke. Kein Wunder, sagte kürzlich sogar SVP-Stadtratskandidat Ueli Bamert, ihm täten in Zürich die Velofahrenden manchmal leid.

Doch halt, stopp. Ein- und Ausschnaufen. Ist die Velosituation wirklich so übel in Zürich? Oder nervt einen die Sache einfach umso stärker, weil Trump wieder spinnt und sich das Wallis mit dem Crans-Montana-Desaster einmal mehr selbst übertrifft?

Gestern habe ich das in unserer Wohnung hängende Bild von Jean-Jacques Sempé angeschaut. Sempé (1932–2022) war der geniale Zeichner, der gemeinsam mit dem berühmten Comicautor René Goscinny die bekannte Kinderbuchserie „Der kleine Nick“ schuf. Daneben veröffentlichte er Bildbände, in denen er humorvoll alltägliche Begebenheiten einfing. Ja, oft Veloszenen wie auf erwähntem Bild, das auch als Illustration für diesen Text passt.

Das Bild strahlt eine grosse Gelassenheit aus. Diese braucht man ohne Zweifel, wenn man auf dem Drahtesel durch Zürich fährt. Dabei ist zitierte Gelassenheit bekanntermassen oft auch im Auto und sogar im Tram nötig.


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Aber so krass wie beim Velo ist die Diskrepanz zwischen Volksauftrag und Umsetzung nirgends. Darum nochmals die Lamento-Leier: Objektiv betrachtet ist fast jede grössere Kreuzung für Velos unbrauchbar oder zumindest gemeingefährlich. Der 40 Millionen Franken kostende Velotunnel hat unglaublich schlechte Zufahrt. Bei vielen von der Verwaltung gross gefeierten Strassenbauprojekten wie der Einhausung Schwamendingen, den Sanierungsarbeiten am Kreuzplatz oder der Walchebrücke ging das Velo vergessen. Nein, fast noch schlimmer: Die Velofahrenden wurden sogar mitgedacht – aber das Ergebnis macht ganz und gar keine Freude.

Bei den vielen Tiefbauprojekten rund um die Fernwärme wiederum wird für den Autoverkehr punkto Umfahrungsmöglichkeiten viel getan. Die Velofahrerinnen und Velofahrer gucken hingegen regelmässig in die Röhre.

Trotzdem, Gelassenheit ist Trumpf! Aufregen bringt wenig. Und ehrlich gesagt, die vielzitierte bürgerliche Wende im Stadtrat würde die Situation für Velofahrende ziemlich sicher nicht markant verbessern. FDP, SVP und Co. würden dann eher für freie Fahrt von der Goldküste in die Stadt sorgen.

Das Problem lässt sich auf einen einfachen Merksatz herunterbrechen: Stadträtinnen und Stadträte kommen und gehen, die Verwaltungsmitarbeitenden bleiben.

Natürlich können Exekutivmitglieder die Chefbeamten auswählen, manchmal sogar auswechseln. Doch das Heer der Zudiener, etwa im tonangebenden Tiefbauamt, bleibt über Jahre dasselbe. Und diese Mitarbeitenden scheinen total autofixiert, total beton- und asphaltlastig. Da braucht es Zeit, viel Zeit. Wohl sogar einen Generationenwechsel in der Verwaltung.

Ist das alles nun Schwarzmalerei? Ich hoffe nicht! Neue Mitglieder im Stadtrat könnten sicher mehr Schwung und Pep auf die Brücke des Megatankers Stadtverwaltung bringen. Ich wünsche mir aber auch, dass die wieder antretenden Stadträtinnen und Stadträte mehr als Team auftreten. Sie sollten nicht einfach die anderen „Gspänli“ machen lassen und ihre eigenen Süppchen kochen. Gerade die Grünen hätten ja mit dem ehemaligen Pro-Velo-Präsidenten Daniel Leupi einen Experten für Velobelange in ihren Reihen.

Manchmal werde ich aber auch in Zukunft vor mich hin grummeln. Sempé-Bild hin oder her. Ich muss mir wohl bald diesen Spruch auf den Unterarm tätowieren lassen: „Vive le Vélo!“ Der harmoniert dann perfekt mit dem Anker auf dem Oberarm – als Symbol für den Verwaltungstanker, der endlich in Bewegung gebracht werden muss.

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