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Langstrasse: Bussenfalle entschärft, Problem bleibt bestehen

Das Bild zeigt den Abschnitt an der Langstrasse, wo tagsüber ein allgemeines Fahrverbot gilt.Ist die Signalisation hier an der Langstrasse in der Stadt Zürich tatsächlich so unklar? Offensichtlich schon, wie die Bussenstatistik zeigt. Sie spricht eine klare Sprache. Bild: Lorenz Steinmann

Die autofahrende Zürcher Bevölkerung konnte es kaum glauben: Wer das kleine Fahrverbotsstück an der Langstrasse übersah, tappte in die Bussenfalle. Doch bis die versprochenen Wechselsignale kommen, ist Geduld gefragt. Es dauert noch bis 2026.

Es sind für Autofahrerinnen und Autofahrer die wohl teuersten 60 Strassenmeter der Schweiz. Das tagsüber geltende Fahrverbot an der Zürcher Langstrasse zwischen der Diener- und Brauerstrasse. Es wurde Ende September 2023 eingeführt, um den Verkehr an der Langstrasse zu reduzieren. Weil sich aber fast niemand daran hielt, wurde Anfang 2024 eine Kamera installiert, die alle Autolenkerinnen und -lenker filmte.

Sogleich hagelte es Bussen – die Zahlen waren enorm: In nur einem Monat wurden rund 17’000 Autofahrerinnen und -fahrer gebüsst. Kostenpunkt pro Busse: 100 Franken. Das spülte einen Millionenbetrag in die Stadtkassen. Die durchaus unklare Signalisation sorgte so für viel Ärger und Frust bei den Autofahrerinnen und Autofahrern. Bis zu 500 Bussen wurden täglich ausgestellt.

Im April 2024 berichtete das Onlineportal Zürich24, dass die Stadt Zürich deswegen in grosser Kritik stehe. „Nun tut sich was, doch die Stadt will (noch) nicht informieren“, hiess es damals auf Zürich24. Ende Juni 2024 teilte die Stadt dann mit, das Blitzergerät vorerst deaktivieren und das Fahrverbot besser ausschildern zu wollen.


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Das Bild zeigt eine Alltagssituation an der Langstrasse. Das Fahrverbot für Atos und Motorräder wird laufend übertreten.Das Fahrverbot für Autos und Motorräder wird laufend übertreten. Erst grosse Wechselsignale ab Frühling 2026 sollen für Abhilfe sorgen. Bild: Lorenz Steinmann

Diese Ankündigung der Stadt wiederum sorgte für hämische Kommentare. „Die Stadt knickt vor sich selbst ein“, schrieb das Onlineportal Tsüri. Und doppelte Monate später nach mit einer Analyse: „Ignorieren ist keine Lösung.“

Es gab einen Vorstoss von GLP und SP

Wie präsentiert sich die Situation heute, über ein Jahr nach dem Ausschalten der Bussenkamera? Michael Walker vom Mediendienst der Stadtpolizei (Stapo) bestätigt, dass seit Juni 2024 keine Übertretungen mehr geahndet worden seien durch die Anlage. Der Grund: „Bei den Autofahrenden stellte sich zwar ein gewisser Lerneffekt ein, wie die sinkenden Zahlen seit der Einführung Anfang Jahr zeigen.“ So sei die Anzahl der Übertretungen von rund 17’000 auf rund 7’800 gesunken. „Insgesamt blieben sie aber auf einem zu hohen Niveau; zu viele Autofahrende missachteten nach wie vor die Signalisation“, so die Stapo.

Weil es nicht darum gegangen sei, möglichst viel Bussengeld einzutreiben, sondern das neue Verkehrsregime durchzusetzen, habe man weitere Massnahmen geprüft. „Eine davon ist die bessere Signalisation mit einem Wechselsignal. Die Kosten dafür sind im Budget 2025 eingestellt.“

Druck kam auch aus dem Gemeinderat. GLP und SP wünschten sich in einem Vorstoss eine klarere Signalisation, welche das jeweils aktuelle Verkehrsregime anzeigt. 

Hundertmal weniger Bussen

Doch irgendwie harzt das Projekt seither. Laut Stapo-Sprecher Michael Walker wird das Wechselsignal erst bis spätestens Frühling 2026 montiert. Als Grund für die erstaunlich lange Frist verweist Walker auf die spezielle Situation an der Langstrasse mit schmalen Trottoirs, Ladenschaufenstern, Fensterstoren und den vielen Werkleitungen im Trottoir. Diese hätten die Projektierung erschwert und eine technische Herausforderung dargestellt. „Die Bauarbeiten erfolgen zudem koordiniert mit der Umsetzung der Velovorzugsroute von der Stauffacherstrasse an den Hauptbahnhof“, so Walker, der für Rathuus die Antworten der Stadtpolizei und der Dienstabteilung Verkehr eingeholt hat.

Das Bild zeigt den unscheinbaren Blitzer an der Langstrasse.So sieht die Kamera aus hinter dem Fahrverbotszeichen für Autos und Motorräder. Seit Juni 2024 wird sie nicht mehr als Bussengenerator benutzt. Bild: Lorenz Steinmann

Immerhin blieb die Stadtpolizei beim Bussenverteilen nicht ganz untätig. „Nach der Abschaltung wurden Stichprobenkontrollen durchgeführt. Insgesamt wurden seit der Abschaltung im Juni 2024 bis Ende Juli 2025 2752 Ordnungsbussen à 100 Franken ausgestellt“, so Walker. Das macht total 275’200 Franken, die in den letzten 13 Monaten in die Staatskasse flossen.

Im ersten Monat der Filmaufzeichnungen waren es noch 1,7 Millionen Franken, jetzt sind es im Schnitt nur noch gut 21’000 Franken. Das sind lediglich noch 1,2 Prozent oder gut hundertmal weniger.

Ein Gewohnheitsrecht, das stutzig macht

Laut der Stadt kostet die Installation der beiden Wechselsignale übrigens die stattliche Summe von etwa einer Million Franken. Dank jenen Signalen soll dann klarer sein, dass hier tagsüber von 5.30 bis 22 Uhr ein allgemeines Fahrverbot gilt – ausser für Busse, Taxis und natürlich für Velos.

Mehrere Besuche vor Ort zeigen, dass gefühlt jedes dritte Auto die Verbotstafeln ignoriert. Es ist ein erstaunliches Gewohnheitsrecht, das hier toleriert wird. Für die Reputation der Stadt definitiv kein Ruhmesblatt.

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