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„Ich bin überzeugt, dass der historische Ratsaal bald ganz in Vergessenheit geraten wird“

Auf dem Bild sieht man Kantonsrat Andrew Katumba. Er befindet sich vor seinem Firmensitz beim Lochergut."Ich sage immer, was ich denke", sagt SP-Kantonsrat Andrew Katumba (54). Er betreibt zusammen mit seiner Frau Nadja Tan eine Kaffee-Importfirma in der Nähe des Locherguts in Zürich. Bild: Lorenz Steinmann

Andrew Katumba, 54-jähriger SP-Kantonsrat, macht sich keine Illusionen. Man könne die Jungen nicht mehr anlügen. „Sie lassen sich nichts mehr vormachen, sie haben eine Art Wahrheitsdetektor“, so der selbstständige Kaffeehändler. Der SP-Spitze wirft er mangelnden Innovationsmut vor. Aufs neue Rathaus Hard singt er ein Loblied.

Kantonsrat Andrew Katumba hat etwas gemacht, was ziemlich selten ist. Er hat schon letzten Herbst angekündigt, dass er im Juni 2025 nach elf Jahren aus dem Kantonsrat zurücktreten wird. Denn die Stadtzürcher SP 1+2, wo er Mitglied ist, kennt die Amtszeitbeschränkung von zwölf Jahren. Und damit sind wir schon mitten im Wespennest. Im Kantonsrat hat Rafael Mörgeli (SP) eben eine parlamentarische Initiative eingereicht, die eine Amtszeitbeschränkung für Zürcher Regierungsräte vorsieht.

Nach zwölf Jahren soll Schluss sein. Stichwort: Sesselkleber. Zur „NZZ“ sagte Katumba zu diesem Thema: „Im Kanton sind wir klar in der Minderheit, darum ist der Wunsch nach einem häufigeren Turnuswechsel für uns legitim.“ In der Zürcher Exekutive stelle sich aber schon auch die Frage, ob ein kürzerer Turnus sinnvoll sei.


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Golta will Nachfolger werden

Etwas, was bei den altgedienten Stadtzürcher SP-Exponenten gar nicht gut angekommen ist. Will heissen: Stadtrat André Odermatt, aber vor allem Stadtpräsidentin Corine Mauch sehen sich in die Ecke gedrängt. Fast schon trotzig sagte Mauch vor einiger Zeit im „Doppelpunkt“-Interview bei Roger Schawinski, sie habe sich Kurt Fluri als Vorbild punkto Amtsdauer genommen. Fluri war von 1993 bis 2021 Stadtpräsident von Solothurn, also geschlagene 28 Jahre. Fluri übrigens gehört der FDP an. Mauch ist aktuell bei 16 Amtsjahren angelangt. Und hat kürzlich nach längerem Überlegen doch gesagt, das sie bei den Stadtratswahlen 2026 nicht mehr antritt.

Zeit liess sich auch Stadtrat Raphael Golta. Zeit, um nun ja zu sagen, als Nachfolger von Corine Mauch zu kandidieren. Im Exklusiv-Interview mit dem „Tages-Anzeiger“ sagte Golta: „Nachdem klar war, dass Corine Mauch nicht mehr antritt, hat es einfach einen Moment gedauert, um das sacken zu lassen. Ich brauchte ein paar Rückmeldungen und Gespräche im privaten Umfeld. Das Bauchgefühl musste stimmen. Und das tut es jetzt.“

Damit scheint der Weg für jüngere, diversere SP-Kandidatinnen und SP-Kandidaten verbaut.

Als Gewerbler kritisch

Zeit für ein Gespräch mit Andrew Katumba, einem der grossen Kritiker des SP-Establishments. Er schlägt das Restaurant Gran Café Lochergut fürs Gespräch vor. Zuerst führt er aber durch seine kleine Kaffee-Importfirma, die er zusammen mit seiner Frau Nadja Tan betreibt. Es ist ein sympathisch eingerichtetes Kleinbüro, an dessen Wänden sich die in Säckchen abgepackten Kaffeesorten ihrer Kaffeemarke „Isule“ stapeln. Die Geschäftsidee: Kaffee aus der Anonymität als Handelsware zu befreien, wie es vor einigen Jahren auf dem Onlineportal Tsüri hiess. Also anbieten ohne die etwa 14 (!) Zwischenhändler – fair produziert und mit stolzen Kleinproduzenten in Uganda an der Grenze zu Kongo.

Für Katumba bietet die digitale Welt beim Kaffee produzieren viele Vorteile. Gerade Bezahl-Apps seien in Afrika weit verbreitet, so werde der Handel viel einfacher und fairer. Und doch: „Wenn wir Kaffee trinken oder kaufen, dann ist uns allenfalls die Marke bekannt, aber kaum die Kaffeesorte, geschweige denn das Anbaugebiet“, so Katumba in einem Porträt des Quartiervereins Wiedikon.

Als Einstieg in den lokalen Markt in und um Zürich nutzten Katumba und Tan die Plattform „Marktzugang“ der Firma Gebana für die ersten 600 Abnehmer für ihre zwei Produkte aus ugandischem Arabica Kaffee. Inzwischen sind es vier unterschiedliche Produkte – von sanft bis powervoll, als Bohnen, gemahlen oder in Form von Ökopads für die Maschine. Neben dem Shop am Brupbacherplatz im Kreis 3 ist auch der Pop-up-Kiosk neben dem Globus an der Bahnhofstrasse einen Besuch wert. Der kultige Glasfaserkubus war früher ein Ableger der schweizerischen Lotteriegesellschaft Swisslos.

Katumba und Tan sind Kleinunternehmer, also Gewerbler. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Andrew Katumba nicht selten im linken Spektrum aneckt, etwa mit seinen Aussagen in der Politik.

Kommt der Obama-Effekt oder kommt er nicht?

Andrew Katumba ist laut der „NZZ“ einer von mehreren Zürcher Politikerinnen und Politikern, die dieser Stadt in den nächsten Wahlen so etwas wie einen Obama-Moment bescheren könnten. „Den Moment, ab dem die höchsten Ämter nicht mehr reserviert scheinen für Leute, die heissen und aussehen wie zu Gotthelfs Zeiten“, wie es in der Tageszeitung fast schon poetisch heisst. Und weiter: „London, Paris, Frankfurt – überall regieren Politiker mit Migrationshintergrund. Nur nicht in der Multikulti-Stadt Zürich, wo die SP das Sagen hat.“

Die Nomination der SP erfolgt Ende Juni. Was bis dann noch passiert, ist offen. Zu hoffen bleibt, dass Katumba der Öffentlichkeit in irgend einer Form erhalten bleibt nach seinem Rücktritt aus dem Kantonsrat. Wenn es auch „nur“ als pointierter Gewerbevertreter und Natur-Verfechter ist.

„Und ja, es hat eine bessere Kaffeemaschine, wo man sich treffen und miteinander diskutieren kann“, sagt SP-Kantonsrat Andrew Katumba.

Und damit zu den Kernthemen und was unser Interviewpartner Andrew Katumba davon hält:


Katumba und die SP in der Stadtregierung

Es herrschen Darwinistische Prinzipien. Nachwuchsförderung findet nicht statt bei der SP. Drei Wahlkreise machen die SP-Stadtratssitze unter sich aus, es sind die Wahlkreise 6 und 10, 3 und 9 sowie 4 und 5. Dabei braucht es frische Kräfte. Leute, die etwas zu erzählen haben und die Menschen in Zürich mitreissen können. Wichtig ist auch die Diversität in der SP. Damit meine ich auch die soziale und kulturelle Herkunft der Exekutivmitglieder. Die ist aktuell nicht gegeben.


Katumba und seine Herkunft

Ich wuchs im Stadtzürcher Kreis 4 auf, als Sohn eines Uganders und einer Ukrainerin. In der Sekundarschule nannte man mich „Schoggistängel“. Später, als ich in die Politik ging, bekam ich Morddrohungen. Die nahm ich aber nie ernst. Ich wurde immer geprägt zu sagen, was ich denke. Das ist heute noch so.


Katumba und seine 54 Jahre

Ich habe noch elf Jahre bis zur ordentlichen Pension mit 65 Jahren. Ich finde es gut, keinen Plan zu haben und offen zu sein. Mir ist aber sehr wichtig, darauf zu achten, was als nächstes kommt.


Katumba und seine (offiziell nie erfolgte) Stadtratskandidatur

Ich überlegte mir eine Kandidatur. Das Interesse war da; von mir, von meinem Umfeld, aber auch von Medien wie der „NZZ“. Schlussendlich wäre es aber inkonsequent gewesen, von der SP einen Neuanfang zu fordern und gleichzeitig als 54-Jähriger zu kandidieren. Es braucht frische Kräfte im Alter zwischen 25 und 45 Jahren.


Katumba und die Jugend

Ich mache mir keine Illusionen. Man kann die Jungen nicht mehr anlügen. Sie lassen sich nichts mehr vormachen, sie haben eine Art Wahrheitsdetektor.


Katumba und der Verbund Abenteuer Stadtnatur

Der Verein ist momentan im Umbruch. Als Vorstandsmitglied möchte ich Bäume in den Boden bringen. Wir brauchen in diesem Verein die richtigen Leute am richtigen Ort, keine Amts- und Würdenträger. Das Naturfestival Abenteuer Stadtnatur soll ein Fest sein für die ganze Stadt.


Katumba und das neue Rathaus Hard

Die Ratsanordnung am neuen Ort ist genial. Die Debattenkultur ist viel besser, die Krawatten sind fast ganz verschwunden. Und ja, man hat mehr Platz, kann während der Debatte aufstehen und diskutieren, es ist nicht mehr so mühsam wie mit den Klappsitzen im historischen Ratsaal, als alle aufstehen mussten, wenn jemand raus wollte. So sind überparteiliche Allianzen viel besser möglich.

Und ja, es hat eine bessere Kaffeemaschine, wo man sich treffen und miteinander diskutieren kann. Ich bin überzeugt, dass der historische Ratsaal bald ganz in Vergessenheit geraten wird. Mittlerweile haben alle Fraktionen Sitzungszimmer für ihre Kommissionen gefunden, das passt.


Katumba und der historische Ratsaal

Wegen den Denkmalschutzvorgaben und den Sicherheitsbedenken (es würde einen Fluchttunnel zum Polizeiposten der Kantonspolizei Zürich nebenan brauchen, Anm. d. Red.) kommt das Megaprojekt nie. Es hat zu viele juristische Angriffspunkte, und die Kosten von bis zu 33 Millionen Franken sind viel zu hoch.


Katumba und die Vision einer Neunutzung des historischen Rathauses

Für die Stadt und den Kanton fehlt ein zentraler Ort für Feste und Bankette. Das Haus zum Rechberg ist zu klein, das Muraltengut zu weit weg. Dabei gibt es viele ausländische Delegationen zu empfangen, es gibt auch viele diplomatische Aktivitäten. Als kantonales Eventlokal wäre das Rathaus also ideal. Dabei müsste die Nutzungsform offen und fliessend bleiben. Das historische Rathaus sollte ein Haus der Demokratie werden.

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