Zwölf Parteien und Gruppierungen wollen ins Stadtzürcher Parlament einziehen. Neben den üblichen Verdächtigen sind auch solche darunter, die nicht im Gemeinderat vertreten sind. Wir sagen, wer realistische Chancen hat und wer auf ein Wunder hoffen muss.
Das Rennen um die 125 Sitze im Gemeinderat hat begonnen: Insgesamt zwölf Parteien und Gruppierungen wollen ins temporäre Rathaus Hard im Kreis 4 einziehen. Die etablierten Kräfte erhalten bei den Wahlen am 8. März Konkurrenz von der Zürcher Volkspartei, der Freien Liste, der Partei der Arbeit und der EDU. Letztere bildet zusammen mit Aufrecht eine Liste.
Die üblichen Verdächtigen
AL
Die Alternative Liste – kurz AL – war in den 90er-Jahren eine laute Protestpartei. Gegründet wurde sie 1989 in Zürich als basisdemokratische Gruppe „Züri 1990“. Erst 2007 konstituierte sich die AL offiziell als politischer Verein. 2018 hatte sie mit zehn Gemeinderatssitzen und mit Richard Wolff als Stadtrat ihre Hochblüte als Unruhestifterin im politischen Milieu. Doch das hat sich verändert.
Heute hat die Partei noch magere acht Sitze. Über die Gründe lässt sich spekulieren – allerdings kann man die AL immer weniger von der SP und von den Grünen unterscheiden. Ausnahmen, etwa wenn man bei teuren Baukrediten mit der SVP paktiert, sind selten. Man ist grundsätzlich Teil des linken Kuchens, der bei fast jeder Abstimmung Erfolg hat. Diese Ausgangslage ist für eine Partei schwierig, die eigentlich gern von einer Minderheitenposition aus politisiert.
Manchmal gelingt es der AL aber doch noch, Schlagzeilen zu machen. So etwa mit dem schweizweit beachteten Vorstoss zum weitgehenden Verbot von kommerzieller Werbung im öffentlichen Raum.
Die Hoffnungen ruhen bei der AL auf Stadtratskandidatin und Gemeinderätin Tanja Maag. Sie muss das Profil ihrer Partei schärfen, sonst droht die Alternative Liste von ihren Partnern im linken Spektrum zerdrückt zu werden. Denn so radikal, wie sich die Partei selbst gern sieht, ist sie längst nicht mehr. Fazit: Das Ziel muss sein, wieder mehr aufzufallen.
Die Mitte
Für die Mitte mit ihren sechs Sitzen im Gemeinderat ist die grösste Herausforderung wieder einmal die ominöse Fünf-Prozent-Hürde. Eine Partei muss in einem Wahlkreis mindestens fünf Prozent der Stimmen erlangen, damit sie in den Gemeinderat einziehen kann. 2018 flog die damalige CVP darum aus dem Parlament.
2022 schaffte die Mitte zwar die Rückkehr, unter anderem dank dem Zugpferd Josef Widler. Der Kantonsrat trat für den Stadtrat an. Widler war während der Corona-Pandemie Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich und hatte es deshalb zu zumindest kurzfristiger Bekanntheit gebracht.
2026 fehlt der Mitte eine Politikerin oder ein Politiker mit Promi-Faktor. Gemeinderätin Karin Weyermann, die als Stadtratskandidatin vor den Karren gespannt wurde, ist bei der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Die Mitte sieht sich selbst als Zentrumspartei, stimmt dann aber doch immer wieder mit dem bürgerlichen Lager. Für links angehauchte Wählerinnen und Wähler ist die Partei darum häufig zu rechts. Und wer sich selbst als bürgerlich bezeichnen würde, wählt dann halt FDP oder gleich SVP. Fazit: Für die Mitte werden die Wahlen wieder zur Zitterpartie.
EVP
Als die EVP 2018 die Rückkehr in den Gemeinderat schaffte, war die Freude bei der Kleinpartei gross. Mit den aktuell drei Sitzen spielt die EVP aber höchstens noch als Zünglein an der Waage eine Rolle in der Stadtzürcher Politik. Richten soll es Gemeinderätin Sandra Gallizzi. Sie muss als Stadtratskandidatin die Fahne der Zentrumspartei hochhalten. Ausser bei ein paar unverdrossenen EVP-Wählerinnen und EVP-Wählern wird sie aber wohl kaum Stimmen holen können.
Die Fünf-Prozent-Hürde könnte der EVP das Genick brechen. Fazit: Es braucht ein Wunder.
FDP
Die FDP ist mit 23 Sitzen die zweitstärkste Partei im Stadtzürcher Parlament. Das klingt auf dem Papier eigentlich ziemlich gut. Doch diese Zahl ist trügerisch und sollte die FDP-Oberen nicht in Sicherheit wiegen. Der Partei fehlen stadtweit bekannte Persönlichkeiten, auch mit Abstimmungserfolgen können sich die Liberalen nicht brüsten. Die FDP witterte schon Morgenluft, als die höheren Politikerlöhne an der Urne versenkt wurden, aber das war rückblickend eine Anomalie und noch kein Zeichen für ein bürgerliches Revival.
Zwar leben immer mehr gutverdienende Personen in Zürich, doch Argumente von tieferen Steuern, dem Senken des Ausgabenwachstums, dem Stoppen des Regulierungswahns und des ideologisch verursachten Verkehrschaos scheinen beim Stimmvolk nicht zu verfangen. Denn von den Steuereinnahmen profitiert die prächtig gedeihende Limmatstadt, tiefere Steuern spürt der Mittelstand nur marginal, die Regulierungswut trifft eher Firmen als Private und das Verkehrschaos auf der Strasse ärgert insbesondere die Pendlerinnen und Pendler.
Auf den Rückhalt aus dem Wahlkreis 7 und 8 können die Liberalen aber sowieso zählen. Stadtrat Michael Baumer wird kaum zum Zugpferd für die Partei avancieren, Stadtrat Filippo Leutenegger tritt bekanntlich nicht mehr an. Die Stadtratskandidaten Përparim Avdili und Marita Verbali müssen also die Kohlen aus dem Feuer holen. Fazit: Wenn es 23 Sitze bleiben sollen, ist ein Sondereffort nötig.
GLP
Die Grünliberalen sind eigentlich die ideale Zürcher Partei. Sie verbinden Umweltschutz und Wirtschaft so, dass es niemandem wehtut. Das gefällt vermutlich vielen Zürcherinnen und Zürchern, die zwar gern recyceln, aber auch gern um die Welt fliegen. Mit Stadtrat Andreas Hauri ist man in der Exekutive gut aufgestellt und dank Gemeinderätin Serap Kahriman hat man zusätzlich eine junge, urbane Kandidatin für den Stadtrat lanciert. Die 15 Sitze im Stadtparlament sollten eigentlich zu halten sein. Ob allerdings mehr drinliegt, ist fraglich. Thematisch kann die GLP nämlich selten Akzente setzen.
Liegt es vielleicht daran, dass in der GLP viele unternehmerisch denkende Persönlichkeiten dabei sind, bei denen Kompromisse nicht unbedingt zu den Stärken gehören? Klar ist, dass die Causa Sanija Ameti der GLP nicht geschadet hat. Die Gemeinderätin erlangte unrühmliche nationale Bekanntheit, weil sie mit einer Luftpistole auf ein Bild von Jesus und Maria geschossen und das Bild auf Instagram gepostet hat. Schlussendlich verliess Ameti die GLP. Sie politisiert seither als Parteilose.
Fazit: Die Grünliberalen müssen deutlich machen, für was sie stehen, wenn sie neue Wählerinnen und Wähler erreichen wollen.
Grüne
Die Grünen der Stadt Zürich haben sich einen Jux bei den diesjährigen Wahlen erlaubt und 125 Kandidierende für den Gemeinderat nominiert. Das sind genau so viele Personen, wie der Gemeinderat umfasst. Das hat zwar jede grössere Partei ebenfalls getan, doch niemand betont das so sehr wie die Grünen. Zudem legen die Grünen Wert darauf, dass sich bei ihnen an der Spitze jeder Wahlkreis-Liste eine engagierte FINTA-Person befindet. FINTA steht für Frauen, intergeschlechtliche, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen. Der Begriff umfasst somit eine Gruppe von Menschen, die oft von Diskriminierung betroffen ist.
2022 gewannen die Grünen zwei Sitze dazu und holten insgesamt 18 Sitze. So überholten sie die SVP und sind aktuell die solide Nummer drei in Zürich. Mehr liegt bei der aktuellen Weltlage auch nicht drin.
Mit Finanzvorsteher Daniel Leupi sowie Sicherheitsvorsteherin Karin Rykart besetzen sie im Stadtrat zwei Schlüsseldepartemente, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch wenn es um grüne Anliegen geht, war von Leupi und Rykart in den letzten Jahren wenig zu hören.
Ob nun das Schlachtross Balthasar Glättli geeignet ist, für mehr ökologischen Wind in der Exekutive zu sorgen, darf bezweifelt werden. Glättli lebt zu sehr vom Ruhm der Vergangenheit. Als prominentes Zugpferd für mehr Sitze im Gemeinderat könnte er aber dienlich sein – wenn er sich fürs Klinkenputzen nicht zu schade ist. Fazit: In Zürich können die Grünen nur an sich selbst scheitern.
SP
Wie heisst es so schön: Die Sozialdemokraten könnten auch einen Sack Reis aufstellen, selbst der würde in Zürich problemlos gewählt. Wer auf Nummer sicher gehen will, wirft in der Limmatstadt die Liste der SP ein. So bleibt Zürich, wie es ist. Auf Gedeih und Verderben.
Die Partei verfügt im Stadtparlament aktuell über 37 Sitze. Eine stolze Zahl. Ob sich das noch steigern lässt, ist fraglich. Solange die SP keine Sitze verliert, dürfen sich die Oberen gegenseitig auf die Schulter klopfen. Wichtig ist für die Sozialdemokraten vor allem, dass sie erfolgreich das Stadtpräsidium verteidigen können. Sozialvorsteher Raphael Golta muss es richten. Der ist zwar nicht unbedingt trendy, aber dafür solide.
Die SP konnte in den vergangenen vier Jahren gemeinsam mit Grünen und AL schalten und walten. Zwar gab es zwischendurch mediale Kritik, doch ein genereller Widerstand aus der Bevölkerung gegen die links-grüne Politik ist keiner zu spüren. Fazit: Wenn alles seinen gewohnten Gang geht, dann bleibt die SP mit Abstand stärkste Kraft im Gemeinderat.
SVP
Ja, es gab sie einst, die SVP-Hochburg Schwamendingen. Doch das ist schon lange Vergangenheit. Die SVP ist lediglich noch die Nummer fünf im Parteienranking in Zürich. Hinter SP, FDP, Grünen und GLP – kein Vergleich zur nationalen Grösse. Die 14 Sitze kratzen darum am Selbstverständnis der Volkspartei. Aufgeben will man zwar nicht, aber mit den typischen SVP-Slogans gewinnt man in der Limmatstadt im Jahr 2026 keinen Blumentopf.
Die SVP steckt in einem Dilemma: Nähert sie sich thematisch der FDP an, nehmen sich die beiden bürgerlichen Parteien gegenseitig Stimmen weg. Rückt man noch weiter nach rechts, dann verliert man in Zürich noch mehr Wählerinnen und Wähler.
Alles in allem gibt es nicht viel, das der SVP Hoffnung machen kann. Nicht einmal Stadtratskandidat Ueli Bamert. Der Kantonsrat gilt zwar bei vielen Bürgerlichen als wählbar, mit seiner Politik wird er aber ausserhalb des FDP-SVP-Spektrums kaum Stimmen holen.
Fazit: Der Zug ist für die SVP vermutlich abgefahren, auch wenn die SVP-Oberen keck das Ziel von drei zusätzlichen Sitzen im Gemeinderat ausgegeben haben.
Die Herausforderer
Die Zürcher Volkspartei
ZVP? Noch nie gehört. Die handgestrickt wirkende Website der Zürcher Volkspartei gibt nicht sehr viel her. Irgendwie scheint die SVP aber das grosse Vorbild gewesen zu sein. Die Farben grün und gelb dominieren. Eine Ansage ist auch der Claim „Bürger für Freiheit und Sicherheit“. Dabei zeigt das einzige Gruppenbild ein gutes Dutzend Frauen, die sich am 5. Juli 2025 zur ersten Generalversammlung in der Röslischüür im Stadtzürcher Quartier Unterstrass getroffen haben. Dabei soll die Partei „aus den weiblichen Mitgliedern des bürgerlichen Lagers aus dem Kanton Zürich“ bestehen, wie es in einer Medienmitteilung von 2025 heisst. 19 Frauen seien Ende 2024 an der Gründungssitzung dabei gewesen.
Als Präsidentin ist auf der Website Marion Tanja Müller eingetragen, selbst SVP-Mitglied und Schulpflegerin in der Kreisschulbehörde Zürichberg. Politisch fordert die ZVP beispielsweise keine Annäherung an die EU, weniger Ermessensspielraum der Richter und grösseren gesetzlichen und tatsächlichen Schutz bei Delikten an Frauen und Kindern. Es sind durchaus interessante Themen, die zumindest ansatzweise die Frauenrechte ansprechen. Anliegen, die bei der SVP nicht zuoberst auf der Agenda stehen.
Fazit: Die ZVP ist chancenlos, alleine schon wegen der Fünf-Prozent-Hürde.
EDU – Aufrecht
Die Eidgenössisch-Demokratische Union Zürich, kurz EDU, ist eine christlich-konservative Kleinpartei, die der religiösen Rechten zuzuordnen ist. Während die EDU im ländlichen Teil des Kantons Zürich durchaus treue Wählerinnen und Wähler hat, ist sie in der Stadt praktisch inexistent. Ob ihr hilft, dass sie sich für eine Listenverbindung mit Aufrecht zusammengetan hat? Aufrecht, das ist jene Gruppierung, die sich während der Corona-Pandemie als Massnahmengegnerin einen Namen gemacht hat. Schaut man heute auf deren Website, ist dies immer noch das dominierende Thema.
Erstaunlicherweise kandidiert niemand des EDU-Aufrecht-Zusammenschlusses für den Stadtrat. Damit hat man eine Chance verpasst, sich wenigstens ein bisschen bekannter zu machen. Fazit: Es wird in keinem Wahlkreis für die nötigen fünf Prozent reichen.
Freie Liste
Sie trat bereits bei den Wahlen 2022 an – die Freie Liste. Entstanden ist die lose Gruppierung rund um die Corona-Massnahmen und das Thema Impfen. Aktuell steht das Thema der Auswirkungen des Impfens auf die Gesundheit immer noch oben auf der Agenda. Die Website ist nicht gerade übersichtlich, zum Teil ziemlich veraltet. Aber das muss man ja nicht unbedingt verurteilen, denn auch grosse Parteien wie etwa die SVP der Stadt Zürich haben hier Nachholbedarf.
Die Freie Liste geht in die Vollen: So kandidiert Marcel Bühler „als Stapi“, wie es auf der Website heisst. Als Stadtratskandidatinnen und Stadtratskandidaten treten Marcel Bühler (freier Journalist), Bettina Aeppli (Coach), Thomas Horath (Mikrobiologe) und Alex Karrer (Unternehmer) an.
Fazit: Für den Gemeinderat wird es wahrscheinlich nicht reichen. Die Fünf-Prozent-Hürde ist für die Freie Liste zu hoch. Das war schon 2022 der Fall. Ob bei den Stadtratswahlen zumindest ein Achtungserfolg möglich ist, steht in den Sternen.
Partei der Arbeit Zürich
Diese Feststellung sei erlaubt: Endlich eine Partei, die zumindest ziemlich viel Geschichte aufweist. Denn gegründet wurde die dem Kommunismus zugewandte Partei der Arbeit (PdA) 1944 in Zürich, natürlich im Volkshaus. Es war die Zeit des 2. Weltkriegs und Russland trug wesentlich dazu bei, dass Europa nicht im Nationalsozialismus versank. Nach Kriegsende erlebte die PdA in der Zwinglistadt ihre Hochblüte, mit einem Stadtratssitz und mehreren Gemeinderatsmandaten. Der damalige PdA-Stadtrat Edgar Woog musste ein Amtsenthebungsverfahren über sich ergehen lassen – im Zeichen des Kalten Krieges aus politischen Gründen.
Doch seit den 70er-Jahren ist es sehr ruhig geworden um die Linksaussen-Partei. Ändert sich das 2026? Mit Rita Maiorano und Sevin Satan kandidieren zwei Frauen für den Stadtrat. „Beide haben den Kampf für die Gleichberechtigung der Frauen* in den letzten Jahren, ja gar Jahrzehnten in der Stadt aktiv mitgetragen und geprägt“, wie es von der PdA heisst. Die Partei setzt sich zum Beispiel für die 35-Stunden-Woche ohne Lohneinbusse sowie die Senkung des Rentenalters ein.
Fazit: Der eine oder andere Urlinke in Zürich wird die Liste der PdA einwerfen. Nützen wird es wenig.
Ausser Konkurrenz
Volt
Faktenbasiert, pragmatisch und progressiv möchte Volt Schweiz sein. „Wir sind eine europaweite politische Bewegung, die dort ansetzt, wo nationale Parteien an ihre Grenzen stossen“, heisst es auf der hochprofessionellen Website. Und weiter: „Wir bringen Best-Practices aus ganz Europa in die Schweiz – und umgekehrt. Eine neue Politik, die Hoffnung auf eine bessere Zukunft für alle macht.“
Die Hausfarbe ist ein sattes Violett. Laut eigenen Angaben ist die Partei in über 30 Ländern aktiv. Die Vision der Kleinpartei ist ein vereintes Europa mit einer föderalen Demokratie. Volt gelang bei der Europawahl im Jahr 2024 ein Überraschungserfolg. Hierzulande ist Volt im Politikalltag aber fast völlig unbekannt. Bei den Gemeinderatswahlen tritt die Partei nicht an. Mit dem 23-jährigen Jan Holtkamp will Volt aber zumindest im Kampf um einen Sitz im Stadtrat mitreden.

Wahlkampf im Jahr 2022: So kreativ warben die Parteien um die Gunst der Wählerschaft. Archivbild: Lorenz Steinmann
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