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Vier Politikerinnen und Politiker, die Spuren hinterlassen haben

Collage von Fotos im Polaroid-Stil. Sie zeigen Christoph Blocher, Elmar Ledergerber, Vreni Spoerry und Verena Grendelmeier.Vier Politikerinnen und Politiker mit Leib und Seele (von oben links nach unten rechts): Elmar Ledergerber, Verena Grendelmeier, Vreni Spoerry und Christoph Blocher. Collage: Rathuus, Bilder: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Pascal Turin

Christoph Blocher, Verena Grendelmeier, Elmar Ledergerber und Vreni Spoerry – sie haben die Politik im Kanton Zürich und in der Schweiz geprägt. Einer mischt weiterhin mit.

Hand aufs Herz: Wer hatte nicht schon das Gefühl, dass sich in unserer zum Teil behäbigen Demokratie kaum je was ändert? Oder zugespitzt formuliert, dass „die da oben“ einfach ihre Zeit bis zu den nächsten Wahlen absitzen? Wir wagen in diesem Text die Gegenthese und haben vier Politikerinnen und Politiker aus dem Kanton Zürich herausgesucht, die definitiv Einiges erreicht haben.

Zugegeben, die Auswahl ist völlig subjektiv erfolgt. Darum bemühen wir hier das Prinzip pars pro toto: Vier Köpfe, die für viele stehen.


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Die Grande Dame des Zürcher Freisinns

Vreni Spoerry, fotografiert im Jahr 1987, sass für den Kanton Zürich von 1996 bis 2003 im Ständerat. Sie ist im Mai 2025 im Alter von 87 Jahren gestorben. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1501-00S-004-001

Als Vreni Spoerry Ende Mai im Alter von 87 Jahren starb, war die Anteilnahme gross. „Ihr politisches und gesellschaftliches Wirken bleibt für uns ein bleibendes Vorbild. Wir verlieren mit ihr eine geschätzte Weggefährtin, eine starke Stimme der liberalen Sache und einen liebenswerten Menschen“, schrieb die FDP Horgen. Die ehemalige Nationalrätin und Ständerätin lebte in der Gemeinde am Zürichsee und war Ehrenmitglied der FDP-Ortspartei.

„Die am 8. März 1938 geborene Juristin Vreni Spoerry stieg relativ spät in die Politik ein, machte danach aber eine Bilderbuchkarriere“, so das Schweizer Radio und Fernsehen auf seiner News-Website. Politische Ämter habe sie nur übernommen, wenn sich diese mit ihrer Aufgabe als Hausfrau und Mutter von drei Kindern vereinbaren liessen.

Das Onlineportal Nebelspalter titelte „Die eiserne Lady der Schweizer Liberalen“ – in Anlehnung an die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher (Conservative Party). Der „Tages-Anzeiger“ huldigte der verstorbenen Politikerin mit den Worten: „Sie war so einflussreich, wie es heute in der Politik kaum mehr jemand werden kann. Swissair hin oder her.“ Auch aus Sicht der „Neuen Zürcher Zeitung“ war die Horgemerin „eine der mächtigsten Frauen in der Schweiz“.

Nach dem Jus-Studium wurde Spoerry Hausfrau und Mutter, später Gemeinderätin von Horgen und Kantonsrätin. Von 1983 bis 1996 sass Spoerry im Nationalrat, von 1996 bis 2003 politisierte sie dann im Ständerat. Alles in einer Zeit, als Frauen keineswegs von allen gern gesehene Leader in der Politik und der Wirtschaft waren.

„Vreni Spoerry war die erste Frau in der Rechnungsprüfungskommission, so wie später auch im Gemeinderat von Horgen oder im Verwaltungsrat der Schweizerischen Kreditanstalt“, schrieb die NZZ in ihrem Nachruf. Die Juristin amtete aber nicht nur im Verwaltungsrat der Kreditanstalt, die später Credit Suisse genannt und schliesslich von der UBS übernommen wurde. Die Freisinnige war ausserdem Verwaltungsrätin bei der Zürich-Versicherung, bei Nestlé und in der heute noch existierenden Bauunternehmung Toneatti, die Spoerrys Grossvater gegründet hatte.

Sie galt als profilierte Finanz- und Wirtschaftspolitikerin. Als Ständerätin und Teil der Wirtschaftselite kumulierten sich bei ihr viel Einfluss. Wohl so viel wie zur damaligen Zeit bei nur wenigen anderen unter der Kuppel des Bundeshauses.

Es gab auch einen besonderen Tiefpunkt in ihrer sonst glänzenden Karriere: Spoerry sass im Verwaltungsrat der früheren Fluggesellschaft Swissair und war darum mitverantwortlich für das unrühmliche Ende der Airline, das sogenannte Grounding, also die Einstellung des Flugbetriebs im Oktober 2001. Für sie war das eine schwierige Zeit. Schon bevor der Untergang der Swissair unausweichlich war, stand Spoerry gewaltig unter Beschuss. Mit ihr hatte das Grounding ein Gesicht. Statt auf anonyme Anzugsträger konnten Bevölkerung und Medien mit dem Finger auf eine erfolgreiche Politikerin zeigen.

Jahre später sagte die alt Ständerätin in einem Interview mit dem Magazin „Schweizer Familie“: „Vielleicht haben wir im Verwaltungsrat nicht immer alles richtig gemacht. Aber immer wollten wir das Beste für die Swissair.“ Ihr Mann (der Direktor der Zürcher Ziegeleien war, Anm. d. Red.) habe sie unterstützt, wenn man ihr wieder einmal zusetzte, „und die echten Freunde standen zu mir“.


Der Stapi mit Bundesratsformat

Der Sozialdemokrat Elmar Ledergerber, hier 1991 als Nationalrat bei einer Demo, war von 2002 bis 2009 ein beliebter Stadtpräsident von Zürich. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1501-00L-019-001

Elmar Ledergerber ist ein Phänomen. Als er im Oktober 2008 seinen Rücktritt als Stadtpräsident auf Ende April 2009 verkündete, tat er dies an einer Medienkonferenz mit den Worten: „Ich bin quasi jetzt ein wenig auf dem Weg vom Stapi zum Papi und auch das ist ein schöner Weg. Auf das freue ich mich.“

Der damals 64-jährige SP-Politiker und Vater von einer Tochter sowie zwei Söhnen gab als Begründung an, dass er in Zukunft mehr Zeit für seinen 16-jährigen Sohn aufwenden wolle – der allerdings kein Problemfall sei, wie er versicherte. „Auch gebe es keinen politischen Druck oder andere Hintergründe für diesen Schritt. Er wolle lediglich mehr Zeit mit seiner Familie verbringen“, schrieb der Tagi.

Die Medien konnten es kaum glauben und für kurze Zeit war Ledergerber alias Super-Papi das Thema Nummer 1. „Mit Elmar Ledergerber verliert die Stadt ihren besten Verkäufer“, hiess es im Beitrag in der Hintergrundsendung „Echo der Zeit“ von Radio SRF. Er habe Zürich vermarktet wie kein anderer, stets optimistisch und selbstbewusst – auch in eigener Sache, etwa im Wahlkampf fürs Stadtpräsidium.

Manche kritisierten den Sozialdemokraten hingegen als Ankündigungsminister, unter anderem wegen des einst geplanten und vom Volk im Jahr 2008 versenkten neuen Kongresszentrums am See.

Der gebürtige Engelberger startete seine politische Karriere als Kantonsrat. Von 1987 bis 1998 sass er für die SP im Nationalrat. 1998 wählte ihn die Zürcher Stimmbevölkerung in den Stadtrat. Ledergerber wurde Vorsteher des Hochbaudepartements und 2002 Nachfolger von Josef Estermann (SP) als Stadtpräsident. Wie Ledergerber war lustigerweise auch Estermann ein Innerschweizer. 2008 wurde Elmar Ledergerber als zweitbester Bürgermeister – im Fall von Zürich Stadtpräsident – der Welt ausgezeichnet. Überflügelt hatte ihn lediglich die südafrikanische Politikerin Helen Zille (Democratic Alliance), die damalige Bürgermeisterin von Kapstadt.

Nach seinem Rücktritt engagierte sich Ledergerber während sechs Jahren als Präsident für die Vermarktungsorganisation Zürich Tourismus. 2015 gab der studierte Historiker und Ökonom sein Amt ab. Der heute 81-Jährige hält sich medial verhältnismässig zurück. Doch es gibt Ausnahmen: Ledergerber kämpfte 2024 (erfolglos) gegen die Initiative für eine 13. AHV-Rente. Er stellte sich damit gegen seine eigene Partei, die SP. Zudem ist er wöchentlich als Kolumnist beim Privatsender Radio 1 zu hören.


Die letzte grosse Stimme des LdU

Verena Grendelmeier war Kantonsrätin und Nationalrätin des Landesrings der Unabhängigen. Die eloquente Rednerin – hier in einer Aufnahme von 1985 – starb 2018. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1500-0851

Es war rückblickend eine ihrer wichtigsten politischen Leistungen: Verena Grendelmeier legte im März 1995 mit einer parlamentarischen Initiative im Nationalrat den Grundstein für die Aufarbeitung der nachrichtenlosen Vermögen aus dem Zweiten Weltkrieg. Dabei handelte es sich um Guthaben auf Schweizer Banken, die oft jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gehörten.

Grendelmeier starb 2018 im Alter von 79 Jahren. Sie hatte in Bundesbern den Landesring der Unabhängigen – kurz LdU – vertreten und sass von 1983 bis 1999 in der Grossen Kammer. Ab 1992 war sie Präsidentin der Fraktion LdU/EVP.

Die Zürcherin, vor ihrem Nationalratsmandat im Kantonsrat, war schon als Kind von ihrem Vater und LdU-Nationalrat Alois Grendelmeier politisch geprägt worden. Nach der Matur wurde sie Primarlehrerin und später Schauspielerin sowie Regisseurin. Schweizweite Bekanntheit erlangte sie als Moderatorin der Sendungen „Tatsachen und Meinungen“ sowie „Rundschau“ beim Schweizer Fernsehen.

Grendelmeier war eine begabte Rednerin – wie auch ein Rededuell mit dem damaligen FDP-Nationalrat Richard Reich in der „Rundschau“ demonstrierte. Die Politikerin warb für den Beitritt der Schweiz zur Europäischen Union (EU) und wurde darum auch als „Euro-Turbo“ abgestempelt.

Grendelmeiers vorzeitiger Rücktritt aus dem Nationalrat nach der Frühjahrssession 1999 sorgte dafür, dass der ehemalige Fernsehmoderator und damalige Kantonsrat Anton Schaller nachrücken konnte. Die NZZ hatte diesen Schachzug in einem Artikel als „Damenopfer“ bezeichnet. Die Idee der unter Druck geratenen Partei war, dass LdU-Präsident Schaller bei den nationalen Wahlen im Herbst 1999 als Bisheriger antreten konnte. „Eitel Freude löste diese Rochade nicht überall aus“, so die Tageszeitung kritisch.

Doch die Partei hatte die Rechnung ohne die Wählerinnen und Wähler gemacht. Schaller wurde nicht gewählt. Der LdU erlitt eine schwere Niederlage. Die von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler 1936 ins Leben gerufene Partei wurde im Dezember 1999 aufgelöst. Als Todesstoss gilt die Wahlniederlage an den Eidgenössischen Wahlen im Herbst, aber schon zuvor war die Migros-Partei, die mal linke, mal rechte Positionen vertrat, aus vielen kantonalen Parlamenten gefallen. Der LDU war zusehends zwischen rot-grünem und bürgerlichem Lager zerquetscht worden.

Nach ihrer Zeit im Nationalrat arbeitete Verena Grendelmeier als Mediendozentin. „Es wurde still im sonst lärmigen Ratssaal, wenn sie ans Rednerpult trat“, hiess es in einem rührenden Nachruf in der NZZ. Die Nationalrätinnen und Nationalräte hätten ihre Zeitungen, ihre Dokumente für kurze Zeit abgelegt, wenn sie gesprochen habe. „Ihre Auftritte hatten eine besondere Klasse.“


Der beharrlichste EU-Gegner der Schweiz

SVP-Doyen Christoph Blocher erhielt für seine Rede an der Albisgüetli-Tagung 2024 viel Applaus. Der 84-jährige alt Bundesrat wird noch heute häufig von den Medien nach seiner Meinung gefragt. Bild: Pascal Turin

Die Albisgüetli-Tagung in Zürich ist das Stelldichein der meist bürgerlichen Polit-Prominenz. Alle, die in der SVP etwas zu sagen haben, sind dort anzutreffen. Manche Vertreterin oder mancher Vertreter anderer Parteien hat dort ebenfalls schon vorbeigeschaut – und sich von den zahlreich anwesenden Medienvertretungen filmen oder fotografieren lassen.

So ähnlich war es im Januar 2024. Der Anlass nahm seinen Gang, es wurde an den Tischen geredet und gelacht. Manche kauften Tombola-Lose. Eigentlich warteten sowieso alle auf die Rede von Christoph Blocher.

Die SVP-Überfigur war Gemeinderat in Meilen, Kantonsrat, Nationalrat – von 2004 bis 2007 Bundesrat – und nach seiner Abwahl als Bundesrat erneut Nationalrat. Er baute die Zürcher SVP zur stärksten Kantonalpartei auf und lenkt die wählerstärkste Partei der Schweiz bis heute, auch wenn er seit 2018 kein offizielles SVP-Amt mehr bekleidet. Sein prägendster Erfolg war 1992 die Nein-Kampagne zum Europäischen Wirtschaftsraum, einer geplanten Anbindung an die EU.

Blocher ist mehr als Politiker. Er ist der Lieblingsgegner der Linken und ein Idol für rechts-konservative Politiker. Der Herrliberger ist studierter Jurist und Unternehmer. Als langjähriger Hauptaktionär und Chef der Ems-Chemie wurde Blocher zum Milliardär. Seine Mehrheitsbeteiligung an der Ems-Chemie hat er aber schon 2003 als frisch gewählter Bundesrat an seine vier Kinder übertragen, berichtete die Nachrichtenplattform Swissinfo. Bekanntestes Kind des alt Bundesrats ist Magdalena Martullo-Blocher, die für die SVP im Nationalrat politisiert und seit 2004 Chefin der Ems-Chemie ist.

Nach 1987 versuchte es Christoph Blocher 2011 zum zweiten Mal, für den Kanton Zürich in den Ständerat einzuziehen. Das Zugpferd der SVP scheiterte aber erneut. Die Bisherigen Felix Gutzwiller (FDP) und Verena Diener (GLP) hatten klar die Nase vorn. Als stark polarisierende Figur erlitt er das gleiche Schicksal wie schon der SVP-Ständeratskandidat Ueli Maurer. Der spätere Bundesrat war 2007 ebenfalls an Diener gescheitert.

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man denken, Christoph Blocher sei noch immer Justizminister – obwohl er im Dezember 2007 vom Parlament überraschend abgewählt worden ist. Hinter seinem Rücken hatten Sozialdemokraten, Grüne und CVP (heute Die Mitte) einen Plan geschmiedet und die damalige Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf gewählt. Gegen den Willen ihrer Partei nahm sie die Wahl an. Worauf ihr mit dem Ausschluss gedroht wurde. Kurz darauf entstand die BDP. Widmer-Schlumpf blieb deren einzige Bundesrätin. Doch das ist eine andere Geschichte.

Der 84-Jährige sitzt zwar seit 2014 nicht mehr im Nationalrat, wird allerdings trotzdem häufig zu allerlei Themen befragt. Im Juni gab er den Zeitungen des Verlags CH-Media ein Interview und äusserte sich zur Weltlage. Erst vor wenigen Tagen durfte er seine Meinung zum US-Zollhammer in der „SonntagsZeitung“ kundtun. Es ging darum, dass viele Politikerinnen und Politiker nun eine schnelle Annäherung an die Europäische Union fordern. Für den beharrlichsten EU-Gegner der Schweiz ein rotes Tuch.

Seine regelmässige Medienpräsenz hängt auch mit der wöchentlichen Sendung „Teleblocher“ des Schaffhauser Fernsehens zusammen. Dort äussert sich der Herrliberger häufig pointiert und wird dafür entweder kritisiert oder gelobt – je nach politischer Einstellung.

Kommen wir zurück zur Albisgüetli-Tagung 2024. Als Blocher die Bühne betritt, wird eifrig geklatscht. Die Rede selbst plätschert vor sich hin und wäre wohl nicht in Erinnerung geblieben, hätte der alt Bundesrat zum Schluss keine Bombe platzen lassen: Er kündigte an, dass es seine letzte an einer Albisgüetli-Tagung gewesen sei. „Meine Redezeit ist abgelaufen“, sagte er – und sang den Rest zur Melodie des Volkslieds „Dr Schacher Seppli“. Blocher überraschte damit selbst wichtige Vertraute seiner Partei.

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