Das Bahnunternehmen Eurostar möchte mit seinen Hochgeschwindigkeitszügen direkte Verbindungen in die Schweiz anbieten. Als Erstes soll Genf angefahren werden. Ein SP-Kantonsrat und eine FDP-Kantonsrätin befürchten darum, dass Zürich aufs Abstellgleis geschoben wird.
Der Titel des Vorstosses im Kantonsrat sagt eigentlich schon alles: „Direktverbindungen Zürich-London – Zürich nicht auf dem Abstellgleis“, nannten Felix Hoesch (SP) und Sonja Rueff-Frenkel (FDP) ihre Anfrage, die sie kürzlich im Kantonsrat eingereicht haben.
Hintergrund ist eine Ankündigung, die seit einigen Wochen in den Medien die Runde macht: „In fünf Stunden mit dem Zug nach London: Bundesrat Rösti und die SBB wollen es möglich machen. Doch das wird teuer“, schrieb das Schweizer Radio und Fernsehen im Mai auf ihrer News-Website. Und der „Tages-Anzeiger“ doppelte im Juni nach: „Als Erstes sollen die Bahnhöfe in Genf und Frankfurt angefahren werden.“
Der Tagi hatte übrigens schon im Februar darüber berichtet, dass sich die Firma Getlink um neue Direktverbindungen zwischen London und dem europäischen Festland bemüht. Getlink ist die Betreibergesellschaft des rund 50 Kilometer langen Eurotunnels unter dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und Grossbritannien. „Wir wollen attraktive Möglichkeiten für umweltfreundliche Reisen nach Deutschland, Frankreich und in die Schweiz“, liess sich Getlink-Chef Yann Leriche gemäss Artikel der Tageszeitung in einer Mitteilung zitieren.
Von der Calvin-Stadt ins britische Machtzentrum
Laut Eurostar International könnte ab Anfang der 2030er Jahre eine neue Zugflotte zum Einsatz kommen und drei neue Direktverbindungen bedienen. Dies geht aus einer Mitteilung des Bahnunternehmens hervor. Die Betreiberin der Eurostar-Züge will diese Verbindungen nun gemeinsam mit Partnern entwickeln. Es geht um die Angebote Amsterdam/Brüssel – Genf, London – Frankfurt sowie London – Genf.
Die Reise von Genf nach London würde dann statt achteinhalb Stunden nur noch etwa fünf bis fünfeinhalb Stunden dauern. Aktuell müssen Zugreisende zuerst mit dem TGV von Genf nach Paris zum Gare de Lyon fahren und dort umsteigen. Da die Eurostar-Züge jedoch nicht vom Gare de Lyon, sondern vom Gare du Nord abfahren, ist zusätzlich ein Trip mit dem Taxi, mit der Metro oder mit der S-Bahn durch die französische Hauptstadt nötig, der schnell einmal 15 Minuten dauert. Zum Vergleich: Laut der Website der Airline Swiss dauert ein Flug von Genf nach London circa 1 Stunde und 40 Minuten.
Ein erster Schritt ist jetzt mit der Absichtserklärung getan, die SVP-Bundesrat Albert Rösti, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), und seine Labour-Amtskollegin Heidi Alexander, britische Transportministerin, vor kurzem unterzeichnet haben.
Bis jedoch Genfer Geschäftsleute für ihre Meetings mit dem Direktzug nach London reisen können, müssen einige Herausforderungen gemeistert werden. So braucht es zum Beispiel spezielle Terminals für Sicherheits- und Passkontrollen, ähnlich wie an einem Flughafen. Dies ist einerseits nötig, weil das Vereinigte Königreich nicht Teil des Schengen-Raums ist. Andererseits gelten für die Fahrt durch den Eurotunnel unter dem Ärmelkanal generell verschärfte Sicherheitsvorschriften. „Für die Etablierung einer direkten Bahn-Verbindung in die Schweiz ist auch ein Abkommen zwischen der Schweiz, Frankreich und dem Vereinigten Königreich notwendig“, schreibt das UVEK in einer Mitteilung.
Ins Gespräch vertieft (v. l.): Die britische Transportministerin Heidi Alexander (Labour Party) und der SVP-Bundesrat sowie Verkehrsminister Albert Rösti besichtigen den Londoner Bahnhof St. Pancras. Bild: UVEKAuswirkungen und Kosten abschätzen
Kantonsrat Felix Hoesch und Kantonsrätin Sonja Rueff-Frenkel wollen darum frühzeitig verhindern, dass der Standort Zürich den Anschluss verliert – und „auf dem Abstellgleis landet“, wie es im Vorstoss heisst. Die Politikerinnen und Politiker möchten unter anderem von der Kantonsregierung wissen, wie sich der Kanton bei den Gesprächen betreffend Direktverbindung Schweiz-London auf Bundesebene einbringen kann und ob der Regierungsrat oder der Zürcher Verkehrsverbund in dieser Frage aktiv ist. „Wie stuft der Regierungsrat die sozialen, wirtschaftlichen und umweltpolitischen Auswirkungen einer Direktverbindung Zürich-London ein?“, fragen die Stadtzürcher Rueff-Frenkel und Hoesch.
Ausserdem soll der Regierungsrat abklären, wie und wo der Hauptbahnhof Zürich umgebaut werden muss, um die nötigen Grenz- und Sicherheitsvorgaben umsetzen zu können. Zudem sind auch die Kosten Thema und nicht zuletzt wer dafür zuständig ist. „Gibt es neben London noch weitere Direktverbindungen, die der Kanton Zürich wünscht?“, schreiben die beiden Kantonsrätinnen und Kantonsräte in ihrer Anfrage weiter.
Für die Antwort auf folgende Frage wird der Regierungsrat allerdings wohl in die Glaskugel schauen müssen: „Was sind die Auswirkungen auf die Flugverbindungen Zürich-London und die damit zusammenhängenden Folgen für den Flughafen Zürich?“
Eins ist schon heute klar: Ob Zürich tatsächlich aufs Abstellgleis geschoben wird oder doch irgendwann einen direkten Anschluss nach London an den Bahnhof St. Pancras erhält, ist offen. Wer aktuell mit dem Zug statt mit dem Flugzeug aus der Limmatstadt in die britische Hauptstadt reisen will, braucht Geduld – und bis dereinst eine Direktverbindung Realität ist, wohl noch deutlich mehr davon.

Die Grenadier Guards – hier zu sehen die Militärkapelle – sind ein beliebtes Fotomotiv. Das Bild wurde zwischen 1980 und 1990 geschossen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC0653-004-007
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