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Er war mehr als nur der Vater der Zürcher S-Bahn

Hans Künzi im Anzug und Krawatte winkt der Bevölkerung an der Eröffnungsfeier der Zürcher S-Bahn zu. Im Arm hält er ein lebendes Schweinchen. Viele Kinder sind auf dem Bild zu sehen. Die Erwachsenen beobachten den Politiker. Hans Künzi wirkt glücklich.Am 27. Mai 1990 gab es für Hans Künzi einen Grund zum Feiern, nämlich die Eröffnung der Zürcher S-Bahn. Hier ist der Politiker mit einem herzigen Glückssäuli zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_LC1943-021-007

Hans Künzi förderte nicht nur den öffentlichen Verkehr, er war auch IT-Pionier. Der Mathematiker und spätere FDP-Regierungsrat befasste sich zudem mit der Frage, welches Kampfflugzeug die Schweiz beschaffen sollte. Doch der Vorschlag seines Teams wurde vom Bundesrat abgeschossen.

Es gibt diesen Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung“ vom Mai 1991. Erschienen in einer Samstagsausgabe mit gesamthaft sage und schreibe 108 Seiten und ganz vielen Anzeigen. Der Text könnte fast als Liebesbrief durchgehen, eine Huldigung ist er definitiv. Vielleicht lässt sich der Mensch Hans Künzi damit am besten beschreiben. „Seit dem 7. April ist die Zusammensetzung des Regierungsrates für die am kommenden Montag, 6. Mai, mit der Konstituierung beginnende Amtsdauer 1991 bis 1995 bekannt.“ Die Stimmberechtigten hätten alle bisherigen und wiederkandidierenden Regierungsmitglieder in ihrem Amt bestätigt und sie hätten anstelle der beiden Zurücktretenden Hans Künzi und Jakob Stucki Ernst Homberger und Moritz Leuenberger als neue Regierungsräte gewählt.

„Wer aber geglaubt haben sollte, der noch bis am Montag amtierende Regierungspräsident, Hans Künzi, verbrächte seine letzten Tage als Direktor der Volkswirtschaft, der er nun seit 21 Jahren vorgestanden ist, in mehr oder weniger melancholischer Abschiedsstimmung in seinem Büro im Kaspar-Escher-Haus, sähe sich arg getäuscht“, schrieb die NZZ. Die auswärtigen und verwaltungsinternen Termine und Verpflichtungen würden nicht abreissen, „ja sie scheinen sich zu häufen wie noch nie, und sie werden vom amtsältesten der Regierungsräte mit unverminderter Freude, ja mit Vergnügen, mit ungeschmälertem Schwung und Optimismus wahrgenommen wie am ersten Tag“, schwärmte der Journalist.

Erst ein Jahr zuvor durfte Künzi (1924–2004) den Höhepunkt seiner Politkarriere feiern: die offizielle Eröffnung der Zürcher S-Bahn am 27. Mai 1990, als deren Vater der Freisinnige bezeichnet wird.


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Künzi war als Regierungsrat beim Volk beliebt

Lange bevor seine politische Laufbahn begann, war der gebürtige Oltener im Herbst 1943 für sein ETH-Studium nach Zürich gezogen und hatte sich für Mathematik und Physik eingeschrieben. 15 Jahre später, im Jahr 1958, fand die Familie Künzi eine Mietwohnung an der Stockerstrasse. „Zwischen Paradeplatz und Bahnhof Enge gelegen, bot sie für Hans Künzi den idealen Ausgangspunkt, um den damaligen und späteren beruflichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen in Gehdistanz oder mit dem öffentlichen Verkehr bequem nachgehen zu können“, schreibt Historiker Joseph Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Die Wohnung sei bis zum Tod des Politikers sein Zuhause geblieben. „Die Stockerstrasse war nun aber wenig kinderfreundlich: stark befahren, und Grünflächen gab es in der direkten Umgebung nicht“, heisst es in der Biografie. Hans und Magdalen Künzi bauten darum in der Nähe von Einsiedeln ein Ferienhaus – als Wochenendrefugium.

Künzi wollte sich in der Limmatstadt politisch engagieren. Doch das wurde ihm gar nicht so einfach gemacht. Im Kreis 2 hatte es der Wahl-Engemer nämlich nicht geschafft, bei Gemeinderatswahlen auf die vorderen Plätze der FDP-Liste gesetzt zu werden. Kantonal gelang ihm hingegen der Durchbruch – 1967 stellte er sich der FDP als Kantonsratskandidat zur Verfügung und wurde gewählt. 1970 kandidierte Künzi für den vakant gewordenen Sitz im Regierungsrat. Die Delegiertenversammlung der FDP nominierte ihn mit 158:0 Stimmen.

Die Nominierung Künzis sollte sich für die Freisinnigen auszahlen. In einer Ausmarchung gegen den bekannten SP-Kandidaten, Nationalrat und späteren Gewerkschafter Walter Renschler wurde er im Februar 1970 in den Regierungsrat gewählt. Er erzielte 70’640 Stimmen – rund 14’000 mehr als Renschler. Insgesamt 21 Jahre amtete der Mathematiker bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Viermal war Künzi Regierungsratspräsident.

„Bereits bei der ersten Gesamterneuerungswahl 1971 erzielte er das beste Resultat. Künzi wurde der beliebteste Regierungsrat aller Zeiten, wie ein ehemaliger Kollege das Phänomen Künzi doppelt zugespitzt formulierte“, hält Jung fest. Für diese Feststellung brauche es keine wissenschaftliche Erhebung und keine tiefgründigen Analysen. Die vorliegenden Fakten und Indizien würden vollauf genügen. Etwa die alle vier Jahre wiederkehrenden Regierungsratswahlen, bei denen Künzi stets hervorragende Resultate erzielt habe. „Man wird wohl auch niemanden finden, der persönlich etwas gegen Künzi gehabt hätte – trotz politischer Abgrenzungen“, heisst es im Buch.

In den Jahren 1971 bis 1987 politisierte Künzi zudem als Nationalrat – damals war es rechtlich noch möglich, gleichzeitig Mitglied in einer Kantonsregierung und des eidgenössischen Parlaments zu sein. Doch nicht nur politisch hatte der Zürcher viel bewegt. Als Professor schaffte Künzi für die Universität Zürich beispielsweise den ersten Computer an.

Universität ins Computerzeitalter verholfen

Künzi war 1958 mit 34 Jahren Professor für Operations Research und elektronische Datenverarbeitung an der Universität Zürich (UZH) geworden. Unter Operations Research wird der Einsatz von mathematischen Verfahren zur Unterstützung von Entscheidungsprozessen verstanden. Ohne Computer hat man da keine Chance. Darum setzte sich der Mathematiker für die Anschaffung einer grossen elektronischen Datenverarbeitungsanlage ein.

Und so kam es: „Vier Jahre später schaffte dann die UZH mit dem IBM 1620 ihren ersten Computer an – dieses schreibtischgrosse Ungetüm wog eine halbe Tonne und konnte für die damalige Zeit phänomenale 20′000 Dezimalzahlen à 6 Bit speichern. Heutzutage würde, was die Rechenkapazität betrifft, jede Smartwatch jenen Koloss einfach pulverisieren“, schreibt die Universität dazu auf ihrer Website.

Historiker Joseph Jung beschreibt den Schritt der Uni Zürich ins Computerzeitalter in seinem Buch wie folgt: „Unter den staunenden Augen gleich mehrerer Regierungsräte wurden mit Seilwinden die einzelnen Elemente des Computers durch das grosse Treppenhaus des Hauptgebäudes hochgezogen, wo das Rechenzentrum im Eckraum unter dem Uni-Turm provisorisch untergebracht wurde.“

1966 wurde Künzi an die ETH gewählt und bekleidete fortan eine an den Zürcher Hochschulen seltene Doppelprofessur. 1967 folgte mit der IBM 360 an der Universität die Nachfolgelösung. Diese war allerdings noch grösser als der Vorgänger. „Die Installation wurde zu einem Spektakel, zu dem Künzi seine Frau und seine drei Kinder mitgenommen hatte“, so Jung.

Hans Künzi sitzt 1971 mit Anzug und Krawatte in seinem Büro. Hinter ihm befindet sich ein Büchergestell voller Bücher. Hans Künzi trägt eine Brille und lächelt.Insgesamt 21 Jahre amtete Hans Künzi bis Frühjahr 1991 als Volkswirtschaftsdirektor. Hier ist er auf einem Foto aus dem Jahr 1971 zu sehen. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C20-020-006-002

Bundesrat schiesst Kampfjet-Evaluation ab

Mit seinen wissenschaftlichen Methoden sollte Künzi einst ein neues Kampfflugzeug evaluieren. Der Kauf von Kampfjets führt bekanntlich in der Schweiz regelmässig zu Problemen. Die F-35A-Beschaffungsposse oder die Mirage-Affäre zeigen auf: Das mit den Kosten kriegen die Verantwortlichen in der Schweiz irgendwie nicht in den Griff. Weder 1961 mit den französischen Mirage-III-Kampfflugzeugen noch 2022 mit dem US-amerikanischen F-35A.

Wär es nach den Berechnungen des Zürchers gegangen, wäre die Schweizer Luftwaffe nie mit dem F-5 Tiger geflogen. In den 1960er-Jahren forschte er nämlich mit Mathematikern, Physikern, Ingenieuren, Computerspezialisten und Ökonomen zur Frage, welchen Kampfjet der Bund beschaffen sollte. Gestützt wurden die Analysen auf eine riesige Menge von Daten. Aus einer langen Liste von Kandidaten ermittelte Künzi mit seinem Team das US-Kampfflugzeug A-7 Corsair als dasjenige, das am besten für die Schweizer Luftwaffe geeignet war. Gesucht war eine Ergänzung zum Allwetter-Abfangjäger Mirage III. Es sollte ein Kampfflugzeug für den Erdkampf werden – also für den gezielten Angriff auf Panzer oder andere Bodenziele.

„Die ausgeklügelte wissenschaftliche Evaluation wurde ergänzt durch die praktische, welche die Flieger- und Fliegerabwehrtruppen mit Testflügen durchführten“, schreibt Jung im Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“. Zu diesen Bewertungsansätzen seien volkswirtschaftliche und wirtschaftspolitische Aspekte gekommen, die in eigenen Studien beleuchtet worden seien. „Doch dieses Rüstungsgeschäft, das sorgfältig wie zuvor keine andere vergleichbare Beschaffung vorbereitet wurde und das zudem den vorgegebenen Kreditrahmen von 1,3 Milliarden Franken nicht strapazierte, fiel 1972 im Bundesrat durch“, so Jung.

Laut Historiker und Alfred-Escher-Biograf Joseph Jung ist der Entscheid der Landesregierung auch aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar zu begründen.

Der Bundesrat wählte einige Jahre später den Tiger F-5E, heute bekannt durch die Flugshows der Patrouille Suisse. Der Tiger habe seine Wahl politischen Gründen und für ihn günstigen Konstellationen und Umständen zu verdanken, wie Jung schreibt. „Für den Erdkampfeinsatz – bei der Corsair-Evaluation entscheidendes Kriterium – war er nicht ausgerüstet.“ Er habe 1976 von einem Konzeptionswechsel profitiert. „Denn nun wollte man keinen Erdkämpfer mehr, sondern ein Flugzeug für den Raumschutz.“

Sie haben ihm ein Denkmal gebaut

Nach seinem Rücktritt als Regierungsrat 1991 betätigte sich Hans Künzi im Bereich der Non-Profit-Organisationen und unterstützte wissenschaftliche Stiftungen. Zum Beispiel war er von 1992 bis zu seinem Tod am 16. November 2004 Gründungspräsident der Karl-Schmid-Stiftung. Schmid war ein für die wissenschaftliche Entwicklung der Schweiz sehr wichtiger ETH-Rektor.

Aussergewöhnlich ist, dass einem ehemaligen Regierungsrat der Neuzeit ein Denkmal im öffentlichen Raum gewidmet wurde. Der Zugang von der Europaallee zum Hauptbahnhof Zürich ist nämlich auch ein Kunstwerk. Denn unter dem Dach leuchten rund 400 Neonringe. Erschaffen hat die Installation der Künstler Carsten Höller. Das Ganze soll ein Denkmal zu Ehren von Hans Künzi darstellen und das Bewegungssystem symbolisieren, welches er mit der S-Bahn geschaffen hat. Bei der Einweihung im September 2017 waren der damalige SBB-Chef Andreas Meyer, die FDP-Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh sowie der FDP-Stadtrat Filippo Leutenegger anzutreffen.

Doch kommen wir zurück zum am Anfang erwähnten NZZ-Artikel. Der Text aus dem Jahr 1991 endete damit, dass Künzis Volksverbundenheit auf seiner Menschlichkeit gegründet habe – der Begriff sei in Gesprächen mit ihm regelmässig aufgetaucht. „Ein menschlicher Regierungsrat zu sein, darauf legte er grössten Wert, und es bedeutete ihm viel, wenn diese seine Stärke auf freundschaftliche Gegenliebe stiess und Anerkennung fand“, so die Tageszeitung. Für seine grosse Leistung im Dienste der Gemeinschaft, dafür, dass er sie auf diese menschliche Art und Weise erbracht habe, dürfe er „des Dankes des Zürchervolkes“ gewiss sein.

Joseph Jung: Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik. 192 S. www.pioniere.ch

Themenbezogene Interessenbindung des Autors: Pascal Turin ist Mitglied des Vereins für wirtschaftshistorische Studien, der das Buch „Hans Künzi. Operations Research und Verkehrspolitik“ herausgegeben hat.

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