Umweltschutz oder Wirtschaft? Aus Sicht von Beat Hauser ist das kein Entweder-oder. Der GLP-Kantonsrat aus Rafz will Verantwortung für die nächste Generation übernehmen – dazu gehören für den Schulleiter auch gute Bildungschancen für alle.
Der Parkplatz, auf dem der rote Hyundai Kona Elektro hält, befindet sich direkt neben dem Bahnhofsgebäude. Beat Hauser steigt aus und schaut sich um. „Ach, sind Sie auch mit dem Auto gekommen?“, ruft er mir zu, als er mich entdeckt. Ich verneine, weil ich den Zug genommen habe. Rafz liegt an der deutschen Grenze, ganz am Rand des Kantons Zürich. Hierhin verkehrt die S-Bahnlinie 9. Wer will, kann über Jestetten und Lottstetten nach Schaffhausen weiterfahren.
Wir treffen uns also beim Bahnhof Rafz. Hauser wohnt nicht im Dorfzentrum, sondern etwas ausserhalb in einem Minergie-zertifizierten Einfamilienhaus mit Ladestation für sein Elektroauto. Eigentlich war ein Spaziergang zum Gnal geplant, dem Rafzer Aussichtspunkt mit Feuerstellen und Blick über das Rafzerfeld. Doch es hatte die ganze Nacht und am Morgen geregnet, weshalb der Kantonsrat eine kurze Führung durch das Dorf vorschlug. Hauser holt zur Sicherheit noch einen Regenschirm von der Rückbank. Dann geht es los.
Rafz ist ländlich geprägt. Die schicke Märktgass mit den gut erhaltenen historischen Fachwerkhäusern lässt sich sehen. Sie wurde erst kürzlich erneuert und feierlich eingeweiht. Die Werkleitungen, die Strasse und die Beleuchtung sind instand gesetzt worden. Alles sieht herausgeputzt aus. Ein typisches Postkartenidyll. Jetzt gilt hier Tempo 30. So stellen sich Städterinnen und Städter ein Dorf vor. Und dem Klischee entspricht, dass es einen Volg-Laden hat.
Aktuell leben in Rafz rund 4700 Menschen. „Die guten Verkehrserschliessungen nach Bülach, zum Flughafen Zürich, nach Winterthur, Zürich und Schaffhausen haben die Bevölkerung in den letzten 30 Jahren um nahezu 70 Prozent ansteigen lassen“, heisst es auf der Website der Gemeinde. Durch diese Entwicklung sei das Bild der Gemeinde nachhaltig geprägt worden. „Trotzdem ist Rafz als Einheitsgemeinde von Politik und Schule ein aktives und in jeder Beziehung lebens- und liebenswertes Dorf geblieben“, so die Gemeindeverwaltung.
Erfolgreich gegen geplante Abfalldeponie gekämpft
Auch Hauser lebt gern in Rafz. Schon seit 19 Jahren ist er hier daheim. Der Vater zweier Zwillingstöchter, von denen eine bereits ausgezogen ist und die andere mit einem Studium begonnen hat, schwärmt von der Ruhe, aber auch von der Nähe zur Natur. „Unser Naherholungsgebiet schätze ich besonders“, sagt der 61-Jährige. Trotz Volg und Metzgerei sind die Einkaufsmöglichkeiten in der Gemeinde recht eingeschränkt. Zum Einkaufen fahren darum viele Rafzerinnen und Rafzer ins Nachbardorf Hüntwangen, weil es dort einen grossen Coop gibt. Nur wenig entfernt – schon auf Eglisauer Boden – betreibt ausserdem die Migros eine Filiale. „Gewisse Dinge wie WC-Papier hole ich zudem in Deutschland. Dort ist das gleiche Produkt deutlich günstiger.“
Seit 2023 sitzt Hauser für die Grünliberalen im Kantonsrat. Bekanntheit erlangte er im Zürcher Unterland, weil er sich kritisch mit einer geplanten Abfalldeponie für Bauschutt in einer alten Lehmgrube auseinandersetzte. Im sogenannten Rafzer Bürgerkomitee engagierte er sich öffentlich gegen die Deponie und im Kantonsrat stellte er dazu eine Anfrage. Er wollte vom Regierungsrat unter anderem wissen, wie die Baudirektion die Auswirkungen bei Hochwasser und Überschwemmungen im Gebiet bezüglich Ausbreitung von Schadstoffen bewertet und welche Auswirkungen für die Gemeinde betreffend zusätzlichem Verkehr entstehen.
Die Gemeindeversammlung sagte im Juni Nein zu den Plänen. Vorangegangen waren heftige Diskussionen, es gab sogar Hasskommentare auf Social Media. Dass es neue Abfalldeponien im Kanton braucht, bestreitet eigentlich niemand. Aber halt nicht hier im beschaulichen Rafz. Auch andernorts gibt es Widerstand, etwa in Birmensdorf, Dielsdorf oder Wädenswil – „not in my backyard“ eben.
Hauser war aus ökologischen Gründen dagegen, wie er gegenüber „Schweiz aktuell“ von Schweizer Radio und Fernsehen erklärte: „Weil das da oben ein Naturschutzgebiet ist, das auch der Kanton Zürich seit 1999 dementsprechend ausgeschieden hat.“ Es sei ein schützenswertes Gebiet, das vor allem für Amphibien sehr wertvoll sei. Die Deponie wäre von den Eberhard Unternehmungen gebaut worden, einem Bauunternehmen mit Sitz in Kloten. Die Flughafenstadt ist Teil des Wahlkreises von Hauser.
Vom Wirtschaftsinformatiker zum Schulleiter umgesattelt
Politikerinnen und Politiker müssen häufig abwägen. Grünliberale noch mehr. Den Spagat zwischen einer liberalen Marktwirtschaft und einer Wirtschaft, die nicht auf Kosten der Umwelt geht, findet der Präsident der GLP Bezirk Bülach anspruchsvoll. „Man muss sich zum Beispiel schon ziemlich genau überlegen, wo neue Strassen gebaut werden“, sagt Hauser. Mehr Strassen bedeuten auch mehr Verkehr. „Wo Strassen sind, werden sie auch benutzt.“ Das Rafzerfeld solle kein Ballenberg werden, „aber es gibt Menschen, die gern auf dem Land wohnen und andere wohnen lieber in den Städten. Es muss beides geben“.
Hauser möchte Verantwortung für die nächste Generation übernehmen. Dafür ist Umweltschutz aus seiner Sicht ein wichtiger Pfeiler. Doch auch das Thema Bildung ist ihm wichtig. Der Rafzer hat ursprünglich dreissig Jahre als Wirtschaftsinformatiker gearbeitet, unter anderem bei der früheren Grossbank Credit Suisse oder der Versicherung Axa. Doch seit 2016 ist er Schulleiter. Allerdings nicht in Rafz, sondern als Springer. Zuletzt war er beispielsweise in der Schaffhauser Gemeinde Stein am Rhein und in der Aargauer Gemeinde Kaisten an Schulen im Einsatz.
„Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln“, erinnert sich Hauser. „Man muss ja auch nicht das ganze Leben lang das Gleiche machen“, sagt er schmunzelnd. Das erste Mandat sei hart gewesen, weil er sich an die Kultur in der Schule gewöhnen habe müssen. „Da muss man einfach reinwachsen – die Kulturen in der Finanzbranche und im Bildungswesen sind eben unterschiedlich.“
Heute verfügt er über einen Master in Bildungsmanagement der Pädagogischen Hochschule Zürich und hat schon an verschiedenen Primar- und Sekundarschulen temporär das Zepter übernommen. „Oft muss man als Schulleiter-Springer versuchen, ein Team zusammenzubringen oder Missverständnisse zwischen Behörde und Schulleitung auszuräumen.“
"Durch meine Zeit als Schulpfleger in Rafz habe ich gemerkt, wie anspruchsvoll das Führen einer Schule ist. Das hat mich motiviert, umzusatteln", sagt Beat Hauser. Bild: Pascal TurinAuch Hauser ist für die Abschaffung des Frühfranzösisch
Am meisten Spass hat Hauser an der zum Teil herausfordernden, aber abwechslungsreichen Zusammenarbeit mit Lehrpersonen, Eltern und Behördenmitgliedern. Insbesondere über die Elternräte werde immer wieder Kritik direkt an die Lehrpersonen getragen, etwa wenn es um Beurteilungen von Schülerinnen und Schülern gehe. „Das ist aber nicht deren Job“, urteilt Hauser. Die Aufgabe des Elternrats ist aus Sicht von Hauser das Vertreten der Anliegen der Elternschaft und das Mitwirken bei Veranstaltungen – aber nicht das Bewerten von Lehrpersonen.
Auch zum Frühfranzösisch hat Beat Hauser eine klare Meinung. Statt ab der fünften Klasse der Primarschule soll Französisch im Kanton Zürich erst ab der ersten Klasse der Sekundarschule beziehungsweise des Gymnasiums gelehrt werden. So hat es kürzlich der Kantonsrat entschieden. „Erstens reichen die drei Lektionen pro Woche in der Primarschule zum Erlernen einer Sprache nicht. Zweitens hapert es schon im Deutsch und im Englisch bei der Grammatik“, erklärt der Schulleiter. Eine Verschiebung in die Sekundarschule mache darum Sinn.
Hauser wohnt nicht nur gern in der Natur, er mag auch die Berge. „Dort nehme ich Abstand von der Politik und vom Schulleiter-Dasein“, erzählt der Politiker. Als Vorzeige-GLPler würde er sich nicht bezeichnen, aber vielleicht als ein recht typischer Grünliberaler vom Land. „Ich finde Zürich sehr schön, bin auch gern dort, aber auf dem Land hat man halt zum Teil andere Bedürfnisse als in der Stadt.“ Er verweist auf die Parkplatzdiskussion und den bisher zögerlichen Umgang der Oberen in der Limmatstadt mit der Elektromobilität.
Wir kommen an den Schulhäusern Tannewäg und Schalmenacker vorbei. Man hört Kindergeschrei.
„Dass man den Verkehr nicht in den Quartieren will, das verstehe ich. Aber die Hauptachsen sollten offen sein und es braucht Parkplätze für Handwerker und Lieferanten“, sagt der Politiker. Er fügt an, dass er hier als Landschäftler rede. Gut möglich also, dass ein GLP-Mitglied aus der Stadt eine andere Meinung habe. „Doch das muss eine Partei aushalten können.“
Es beginnt zu tröpfeln, dann folgt der Regen. Beat Hauser spannt seinen Schirm auf. Vor uns sehen wir den Bahnhof. Gerade zum richtigen Zeitpunkt kommt unsere Runde durch Rafz zu ihrem Ende. Wir kommen noch auf das Thema Finanzen zu sprechen. „Mein altes Lieblingsthema, weil ich ja lange in der Finanzindustrie tätig war“, so Hauser. Er versuche dort einen Ausgleich zu schaffen zwischen grünen Themen und Finanzthemen. Ihm sei es wichtig, dass die öffentliche Hand Gelder sinnvoll ausgebe, aber die Umwelt dabei nicht zu kurz komme.
„Hier geht es runter zum Perron“, sagt Hauser und zeigt auf die Unterführung. Wir verabschieden uns. „Danke für das Gespräch“, sage ich und gehe los. Hauser spaziert zu den Parkplätzen, während die S-Bahn Richtung Hauptbahnhof bereits einfährt und ich mich sputen muss.
Als Rafz schon hinter mir liegt, fährt der Zug am grossen Coop beim Bahnhof Hüntwangen-Wil vorbei. Der Supermarkt befindet sich in einem Industriegebiet. Vom beschaulichen Hüntwangen ist hier nichts zu sehen. Das Dorfzentrum liegt rund 2,5 Kilometer entfernt. Alle lieben den dortigen Volg, aber eingekauft wird meist hier.

Beat Hauser ist Wirtschaftsinformatiker und Schulleiter: Der 61-jährige Grünliberale wohnt in der beschaulichen Gemeinde Rafz und sitzt seit 2023 im Kantonsrat. Bild: Pascal Turin
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