Im Kantonsrat wurde über die Abschaffung des Langzeitgymnasiums im Kanton Zürich diskutiert. Der Vorstoss hatte keine Chance. Doch die Alternative Liste hat damit einen wunden Punkt getroffen. Ein Kommentar.
Kürzlich berichteten die „Neue Zürcher Zeitung“ und der „Tages-Anzeiger“ beide über eine Debatte im Kantonsrat. Es ging ums Langzeitgymnasium. Die AL-Politikerinnen Judith Stofer, Lisa Letnansky und Nicole Wyss hatten nämlich eine Motion mit provokantem Inhalt eingereicht: Die Kantonsrätinnen forderten nichts Geringeres als die Abschaffung des Langzeitgymnasiums. Am vergangenen Montag wurde der Vorstoss im Parlament diskutiert.
„Unterschiedliche Studien zeigen, dass die Selektion aus neurologischer Sicht zu früh und zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt erfolgt, nämlich dann, wenn die Kinder in die Pubertät kommen“, heisst es in der Motion unter anderem. Ausserdem würden verschiedene Forschungsarbeiten darauf hinweisen, „dass diese Selektion zu Diskriminierungen von sozioökonomisch benachteiligten und/oder fremdsprachigen Kindern führt“.
„Die Abschaffung des Langzeitgymnasiums im Kanton Zürich ist ein erster Schritt zu einer Gesamtschule. Alle Kinder und Jugendlichen sollen dieselbe Schule besuchen“, so die Motionärinnen.
Was für manche im Mitte-Rechts-Lager eine Provokation darstellt, ist für AL-Kantonsrätin Judith Stofer ein Weg zu einer chancengerechteren Volksschule.
Chancengerechte Schule? Lasst uns über eine unbequeme Wahrheit sprechen.
Ist eine Welt ohne Langzeitgymnasium gerechter?
Der sozioökonomische Hintergrund spielt eine Rolle, wie eine Bildungslaufbahn verläuft. An der Goldküste wollten dieses Jahr zum Beispiel so viele Kinder ins Gymi wie nirgendwo sonst im Kanton. Oder anders formuliert: Vor allem ganz viele Eltern im Bezirk Meilen wollten, dass ihre Kinder ins Gymi gehen. „Von 10 Schulkindern haben 4 die Gymiprüfung absolviert, mehr als die Hälfte hat bestanden, also 248 Meilemer Sechstklässler“, schrieb kürzlich der Tagi.
Da lässt sich ein Zusammenhang zwischen Kontostand und Bildungsaussichten wohl nicht wegdiskutieren.
Doch eine Welt ohne Langzeitgymnasium wäre nicht gerechter. Eltern, die nicht jeden Rappen zweimal umdrehen müssen, werden immer versuchen, ihrem Kind eine möglichst reibungslose und erfolgreiche Bildungskarriere zu ermöglichen. Unabhängig davon, ob der Übertritt ins Gymnasium nach der 6. Klasse oder erst später erfolgt.
Darüber brauchen wir aber sowieso gar nicht gross diskutieren. Eine klare Mehrheit des Kantonsrats hatte kein Musikgehör für das Anliegen der AL. Die Parlamentarierinnen und Parlamentarier folgten damit der Position des Regierungsrats, der sich deutlich gegen die Motion ausgesprochen hatte.
Dass die leistungsstarken Schülerinnen und Schüler – um die sich viele der (bürgerlichen) Politikerinnen und Politiker in der Kantonsratsdebatte solche Sorgen gemacht haben – ins Gymi gehen, daran ist von meiner Warte aus betrachtet nichts auszusetzen.
Trotzdem sollten wir die Tatsachen nicht aus den Augen verlieren. Der Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen hängt zu einem grossen Teil davon ab, in welchem Umfeld sie aufwachsen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung – kurz OECD – zeigt zum Beispiel auf, dass die Schweiz eines der Länder ist, in denen der soziale Hintergrund den Schulerfolg besonders stark voraussagt. Das zeigen auch die Ergebnisse der PISA-Studie 2022 (Programme for International Student Assessment), insbesondere bei der Leseleistung.
Der Weg durchs Bildungssystem kann generell steinig sein, aber er ist nicht für alle gleich steil. Ich schrieb vergangenes Jahr in einem Artikel für die mittlerweile eingestellte Quartierzeitung „Zürich West“: „Es gibt ein paar Dinge im Leben, die auf der Hand liegen.“ Dazu gehöre, dass es einfacher sei, ins Gymnasium zu kommen, wenn man dabei von den Eltern unterstützt werde. „Es braucht auch nicht viel Fantasie, um zu glauben, dass Kinder mit Migrationshintergrund eher in die Sek B eingeteilt werden als Kinder, deren Eltern beide aus der Schweiz stammen – selbst dann, wenn sie in der Schule gleich gut sind“, kommentierte ich damals.
Die Schere öffnet sich während der Schulzeit
Hintergrund des Artikels war eine interne Veranstaltung der Kreisschulbehörde Limmattal im Eventlokal Alte Kaserne Zürich, an der die Bildungsforscherin Carola Mantel über das Thema „Chancengerechtere Schulen – Was können wir tun?“ sprach.
Eine Aussage hatte mich besonders zum Nachdenken gebracht: „Leistungsdifferenzen bei der Einschulung vergrössern sich im Verlauf der Primarschulzeit zuungunsten sozial benachteiligter Kinder“, sagte Mantel. Mit anderen Worten: „Die Schere geht im Laufe der Schulzeit weiter auf.“
Zwar tun der Kanton und die Stadt Zürich bereits einiges, um die Bildungschancen gerechter zu verteilen.
Doch gegen gesellschaftliche Realitäten kommt Bildungspolitik nur begrenzt an. Je mehr sich die Chancen formal angleichen, desto mehr Geld investieren privilegiertere Familien in die Bildung ihres Nachwuchses. Damit meine ich nicht nur jene, die am Zürichberg leben. Auch anderswo wünschen sich Eltern für ihre Emilia oder ihren Noah eine Karriere als Juristin oder Ökonom. Wer studiert hat, will sein Kind oft durchs Gymi bringen, selbst wenn es in einer Lehre besser aufgehoben wäre. Ganz egal, ob man in Fluntern, Höri oder Wiesendangen wohnt.
Klar, man kann Gymi-Vorbereitungskurse und Privat-Lehrpersonen verbieten. Aber man muss der Realität ins Auge sehen: Es werden selbst dann nie alle Kinder und Jugendlichen die gleichen Chancen haben.
Bevor jemand reklamiert – mir ist bewusst, dass eine Berufslehre ebenso zum Studium führen kann wie das Gymnasium. Doch selbst dann gilt: Wer von seinen Eltern unterstützt wird, kommt schneller ans Ziel und muss weniger Hürden überwinden. Das war auch mein Werdegang mit KV-Lehre, Berufsmittelschule und späterem Studium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Der „Tages-Anzeiger“ veröffentlichte vergangenes Jahr übrigens eine beeindruckende Datenanalyse. Der Titel „Die Schule diskriminiert Kinder aus bildungsfernen Haushalten“ sagt eigentlich schon fast alles.
Fazit: Auch wenn der Vorstoss der AL chancenlos war, trifft die Partei damit einen wunden Punkt. Wer in der Schweiz erfolgreich lernen will, braucht mehr als Talent – er braucht das passende Elternhaus.

Haben wir alle die gleichen Chancen und wie gerecht ist unser Bildungssystem? Es braucht nicht viel zu Fantasie, um zu glauben, dass es Kinder aus weniger bildungsaffinen Familien schwerer haben. Bild: Pascal Turin, Bildmontage: Rathuus
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