Simon Gredig, Grünen-Stadtrat von Chur, gewann zusammen mit Luca Bronzini in der Kategorie „Pair“ ein ultralanges Velorennen im hohen Norden. Für den Politiker ist klar: Körperliche Fitness bringt auch im politischen Alltag viel. Im Interview spricht der 33-Jährige über seine Erlebnisse und über seine Haltung zum Fliegen.
Die einen Politiker gehen in den Ferien an den Strand, andere stürzen sich in sportliche Abenteuer. So etwa Simon Gredig, Mitglied der dreiköpfigen Exekutive von Chur. Zusammen mit seinem Jugendfreund Luca Bronzini nahm der Politiker der Grünen am Ultra-Velorennen „Mother North 2026“ teil. Gredigs Sportaffinität ist hinlänglich bekannt, hat er doch erst kürzlich am Züri-Triathlon teilgenommen (wir berichteten).
Mit Startschuss im olympischen Stadion von Lillehammer führte dieses Bikepacking-Abenteuer die Teilnehmenden ab dem 2. August tief in die unbarmherzige, atemberaubende Natur von Norwegen. Ohne Support, ganz auf sich allein gestellt, mussten die Fahrerinnen und Fahrer über 1100 Kilometer und 18’500 Höhenmeter bewältigen. Dies ist als Beispiel die Distanz von Bern nach Rom mit zehnmaliger Überquerung des Stilfser Jochs. Erschwerend kam dazu: Es ging oft über zusätzlich kräftezehrende Naturstrassen. Immerhin aber über urtümliche Pfade, durch dichte Wälder und vorbei an tiefen Fjorden.
Eher überraschend gewannen Gredig und Bronzini das Rennen in der Kategorie „Pair“. Sie benötigten 105 Stunden und 32 Minuten und machten pro Tag kaum mehr als 7 Stunden Pause.
Simon Gredig (l.) und Luca Bronzini am Ziel. Wind, Regen, die vielen Höhenmeter – nichts hat sie am Erfolg gehindert. Bild: zvgAm letzten Tag legten die beiden 250 Kilometer zurück und erklommen 4400 Höhenmeter auf teilweise schlechtem Untergrund. Dabei gönnten sich die Churer lediglich 20 Minuten Rast.
Total machten am „Mother North 2026“ 148 unerschrockene Sportlerinnen und Sportler mit, wobei lediglich 72 das Ziel erreichten.
„Das eindrücklichste Erlebnis war sicherlich der zweitletzte Anstieg auf dem Rückweg nach Lillehammer.“
Simon Gredig, Sie kommen eben vom „Mother North 2026“ zurück. Gratulation zum Kategorien-Sieg. Hatten Sie auch Krisen?
Ja, in den viereinhalb Tagen im Rennmodus hatten wir einige Krisen. Das Wetter, der Schlaf und die Schmerzen waren sicherlich die grössten Herausforderungen. Nach nur drei Stunden unruhigem Schlaf wieder in die feuchten Kleider zu steigen und im Nieselregen durch die Dunkelheit zu fahren – das braucht etwas Überwindung. Zu zweit konnten wir uns aber immer wieder motivieren, trotz Schmerzen an Knie und Hintern weiterzufahren. Am letzten Tag haben wir 250 Kilometer und 4400 Höhenmeter auf teilweise schlechtem Untergrund absolviert und dabei gesamthaft nur 20 Minuten Pause gemacht. Das war hart, hat uns aber richtig zusammengeschweisst.
Endlose Weiten, oft Strassen ohne festen Belag, sowie stark wechselnde Winde stellten die Teilnehmenden öfters auf die Probe. Bild: zvgWas bleibt an schönen Erinnerungen?
Wunderschöne Berglandschaften, wechselhaftes Wetter, bei dem sich Regen, Kälte und Sonnenschein teilweise im Viertelstundentakt abwechselten, enorme Mengen an Süssigkeiten, die wir unterwegs verdrückt haben, lustige Gespräche auf dem Velo. Und: Die Erkenntnis, dass wir fast alles schaffen können, wenn wir durchbeissen. Das eindrücklichste Erlebnis war sicherlich der zweitletzte Anstieg auf dem Rückweg nach Lillehammer. Wir hatten realisiert, dass uns der Sieg in der Pair-Kategorie nicht mehr zu nehmen ist. Das Adrenalin kam hoch, wir haben dramatische Musik gehört, alle Schmerzen vergessen und sind nochmals mit Vollgas auf den Pass gerauscht – genial!
„Die Diskussion, inwiefern das persönliche Konsumverhalten und die politische Haltung deckungsgleich sein müssen, ist vermutlich so alt wie die Grünen-Bewegung.“
Wie es heisst, reisten Sie per ÖV von Chur nach Oslo und dann weiter nach Lillehammer. Haben Sie das nur getan, weil Sie Grüner sind?
Die Frage sollte man vermutlich umdrehen. Weil ich Umweltnaturwissenschaften studiert und dabei ein vertieftes Verständnis ökologischer Zusammenhänge gewonnen habe, ist es mir ein Anliegen, die Umwelt durch mein Reiseverhalten nicht unnötig zu belasten. Ich bin wohl eher bei den Grünen gelandet, weil ich dieses Anliegen auch politisch vertrete.
Immer wieder hört man von Grünen, die fliegen – also Wasser predigen und Wein trinken. Sind Sie ökologisch gesehen immer so konsequent?
Die Diskussion, inwiefern das persönliche Konsumverhalten und die politische Haltung deckungsgleich sein müssen, ist vermutlich so alt wie die Grünen-Bewegung. Man kann das Ganze sehr technisch betrachten, mit einem CO2-Budget. Möchte man sein Budget einhalten, liegt vermutlich alle paar Jahre …
Der Churer Stadtrat Simon Gredig (links) liess sich die gute Laune trotz Strapazen nie nehmen. Bild: zvg
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