Wenn es heiss und trocken ist, fallen einem die vielen Brunnen in Zürich eher auf. Der „Büebli-Brunnen“ könnte eigentlich dem berühmten „Manneken Pis“ das Wasser reichen. Doch nun ist der nackte Knabe vorübergehend abgedeckt.
Während das „Manneken Pis“ in Brüssel täglich tausendfach bestaunt wird, ist das Zürcher Pendant, der „Büebli-Brunnen“ an der Ecke Sonnegg-/Weinbergstrasse im Kreis 6, seit kurzem ganz züchtig abgedeckt.
Aber die Reklamationen blieben bisher zumindest öffentlich aus.
Tatsächlich gilt der „Büebli-Brunnen“ in Zürich nicht gerade als Publikumsmagnet, zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Das Kunstwerk mit Baujahr 1910 hat es nie geschafft, zu einem Wahrzeichen Zürichs zu werden – wie etwa das belgische Vorbild. Jenes soll seit 400 Jahren den typischen Brüsseler Humor und den aufmüpfigen Widerstandsgeist der Bürgerinnen und Bürger symbolisieren. Obwohl die Statue lediglich 61 Zentimeter gross ist, ein Wahrzeichen ist und bleibt es.
Doch zurück in die Limmatstadt. Der neckisch und offiziell „Büebli-Brunnen“ genannte Wasserspender fügt sich ein in eine Reihe von Brunnen mit nackten Knaben, wobei lediglich beim „Büebli-Brunnen“ Wasser aus dem „Pfiffli“ strömt.
Dafür zeichnet sich der Brunnen „Jüngling mit Flöte“ von 1934 durch eine eher irritierende Mehrdeutigkeit aus. Der Wasserspender steht am Merkurplatz im Kreis 7. Auf die Gefahr hin, dass Rathuus vor den Presserat oder vor ein Sittengericht gezerrt wird: Auf so ein albernes Wortspiel muss man auch erst einmal kommen. Denn die Brunnenbezeichnung ist mehr als zweideutig. Als Flöte wird umgangssprachlich auch ein Penis bezeichnet. Immerhin spielt der Jüngling ein Musikinstrument gleichen Namens.
Auch nicht ohne ist der Zierbrunnen „Knabe mit Aal“ in Altstetten. Hier hält ein nackter Knabe einen Aal in der rechten Hand. Kalt, glitschig, igitt! Als Knabenmodell diente gemäss der Beschreibung der Sekundarschüler Emil Lörtscher, der pro Sitzungsstunde einen Schweizer Franken erhielt. Von dem Geld kaufte sich der spätere Lokomotivführer ein Fahrrad.
Es müssen also ziemlich viele Sitzungen stattgefunden haben. Fertiggestellt wurde der Brunnen 1937.
Hatte die Politik die Hand im Spiel?
Der „Büebli-Brunnen“ im Kreis 6 ist somit nur die Spitze des Eisbergs. Doch diese Spitze mit einem brünzelnden nackten Knaben ist aktuell züchtig abgedeckt. Hat sich der oberste Brunnenchef der Stadt, FDP-Stadtrat Michael Baumer, seiner zwinglianischen Herkunft besonnen? Oder gab es Reklamationen seitens der EDU, der Eidgenössisch-Demokratischen Union, die sich wieder mal als Sittenwächterin ins Gespräch bringen wollte?
Es ist alles viel weniger aufregend, als erhofft.
Der Brunnen wurde nur vorübergehend abgestellt. „Der Grund für diese Massnahme war ein Treffen mit dem Elektrizitätswerk der Stadt Zürich, das für die Trafostation im Rücken des Brunnens zuständig ist“, so Riccarda Engi von der Wasserversorgung Zürich. Der Raum sei immer feucht, und die Installationen im Raum entsprächen nicht mehr den heutigen Sicherheitsstandards.
„Eine Verbesserung der Situation ist in Planung, die sowohl den Anforderungen des Traforaumes gerecht wird als auch den weiteren Erhalt des Brunnens und Bronzerelief sicherstellt“, so die Kommunikationsverantwortliche weiter. Das Bronzerelief sei deshalb wurde sicherheitshalber demontiert worden. Während der Lagerung bei der Wasserversorgung werde das Relief in Absprache mit der Kommission Kunst im öffentlichen Raum restauriert, damit es in Zukunft wieder seine alte Pracht entfalten könne.
So ganz zufrieden sieht dieses Büblein defintiv nicht aus. Es ist eine Archivaufnahme des "Büebli-Brunnens" an der Weinbergstrasse. Bild: Lorenz SteinmannEs war also ein Sturm im Wasserglas. Eine Sommergeschichte erster Güte. Immerhin hat Rathuus darauf verzichtet, im Titel oder im Lead von Sex oder Prüderie zu schreiben. Denn wir brauchen keine Klickköder, da wir ohne Werbung auskommen.
Hier würde sie stehen, die Statue des brünzelnden Knaben. Der Brunnen heisst "Büebli-Brunnen". Bild: Lorenz Steinmann
Unsere Newsletter und unsere Podcast-Folgen auf Steady sind der richtige Ort dafür – kommentiere dort und sag uns, was du denkst:
Zu unseren Steady-Beiträgen
Oder schreib uns eine E-Mail: redaktion@rathuus.ch