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Die Kasernenbauten als verlotterte Trouvaillen

Zu sehen ist der berühmte Waffensaal von aussen auf dem Kasernenaral. Es ist ein Gebäude mit drei grossen Fenstern, die wegen dringlicher Sanierung überdeckt sind.Hinter diesen Mauern verbirgt sich der ehemalige Waffensaal der Kaserne Zürich. So, wie er seit gut 30 Jahren der Verwahrlosung überlassen wurde, muss er teuer saniert werden. Bild: Lorenz Steinmann

Man habe alles versucht, damit der Kanton bei der Sanierung der kantonalen Zeughäuser in Zürich mehr zahle als 15 Prozent, sagte Grünen-Stadtrat Daniel Leupi kürzlich. Doch nun bleibt die Stadt auf den Kosten von mindestens 170 Millionen Franken sitzen. Sorgfaltspflicht sieht anders aus.

Es ist definitiv eines der schönsten Gebiete der Zürcher Innenstadt. Und eines, das ein enormes Potenzial hat als Naherholungsgebiet sowie als Lern- und Kulturzentrum. Darin sind sich Kanton wie auch die Stadt Zürich einig. Wir sprechen vom Kasernenareal. Dieses umfasst eine Fläche von rund 65’000 Quadratmetern. Das Hardturm-Areal als Vergleich ist lediglich 55’000 Quadratmeter gross.

Das Bild zeigt das Modell einer ETH-Diplomarbeit mit Wohnungen auf dem Kasernenareal (1975/1976).Schon 1975 und 1976 war das Kasernenareal ein Thema. Damals zerbrachen sich Architekturstudierende an der ETH den Kopf, wie man hier Wohnungen bauen könnte. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / SIK_03-094304

Die Anlage mit den ehemaligen Kasernenbauten erstreckt sich als einer der grössten historischen Baukomplexe der Schweiz entlang der Sihl und beinhaltet die Kaserne, die Kasernenwiese, Zeughäuser und Stallungen. Nach dem Bau zwischen 1864 und 1876 war die Anlage bis 1987 für die Zivilbevölkerung verbotenes Gebiet. Dann zog das Militär ins Reppischtal. Doch erst 2022, als die Kantonspolizei ins Polizei- und Justizzentrum zügelte, wurde der grosse Teil mit der Wiese und der mächtigen Baumallee öffentlich zugänglich. Dieser Teil mit der Kaserne, also dem langgezogenen Bau entlang der Sihl, baut der Kanton aktuell zu einem Bildungszentrum für Erwachsene um.

Der westlich gelegene Teil mit den Zeughäusern, den Stallungen, dem berühmten Waffensaal, aber auch dem grünen Innenhof mit beispielsweise dem Labyrinthplatz, geht an die Stadt über.

Und wieder ein Streit

Alles paletti? Keineswegs. Denn wenn es um die Sanierungs- und Umbaukosten dieses besagten Teils geht, verstehen sich Stadt und Kanton Zürich überhaupt nicht. Obwohl schon seit Jahrzehnten klar ist, dass dereinst die Stadt das Gebiet vom Kanton zur Nutzung für die Bevölkerung übernehmen würde, liess der Kanton die Bauten verlottern. Dies sagten die Stadträte Daniel Leupi (Grüne) und André Odermatt (SP) kürzlich, als sie die Pläne der Stadt für das Gebiet den Medien vorstellten. Der Kanton habe jahrelang die Unterhaltsarbeiten sträflich vernachlässigt, hiess es.

So präsentiuerte sich der Waffensaal in der Kaserne Zürich um 1980. Mit Rüstungen und mit Helebarden.Früher der ganze Stolz des militärisch eingestellten Zürichs: Der Waffensaal in der Kaserne Zürich. Das Foto stammt von etwa 1890. Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Ein besonders krasses Beispiel ist der berühmte Waffensaal, der fürs Militär und den Regierungsrat über 100 Jahre der ganze Stolz war. Im Widerspruch zur Bedeutung des Ensembles hat der Kanton den aufgeschobenen Unterhalt immer wieder mit der offenen künftigen Nutzung des Areals begründet. Und die Gebäude schon fast verfallen lassen. Im Widerspruch dazu haben die Medien überaus zurückhaltend über diese Misere berichtet. Darüber, dass der Kanton seine Sorgfaltspflicht verletzt hat. Im Mietrecht käme so ein Verhalten teuer zu stehen, sehr teuer.

Irgendwie wirkte der Regierungsrat hier wie ein fundamental eingestellter Waffengegner, ein Kriegsdienstverweigerer, der alles lieber hat als eine altehrwürdige Waffenhalle für Hellebarden und Ritterrüstungen. Was würden da unsere staats- und armeetreuen Vorfahren sagen?

Zu sehen ist ein Teil der eigentlichen Kaserne entlang der Sihl mit der Bautafel, die zeigt, was bis wann saniert wird.Dieser Gebäudeteil entlang der Sihl bleibt in der Obhut des Kantons. Hier wird aktuell eine Stätte für die Erwachsenenbildung entstehen. Bild: Lorenz Steinmann

In diesem Zusammenhang der Unterlassungssünde ist es fast ein Hohn, wie Sicherheitsdirektor Mario Fehr (parteilos) alle Fahnenweihen, Militärjubiläen und Dienstenlassungen von Militärangehörigen auskostet und abfeiert. Fehr, der bekannt dafür ist, dass er Journalistinnen und Journalisten auch mal am Telefon zusammenstaucht, wenn sie kritisch berichten. Ist das einer der Gründe, warum so zahnlos über diese Geldvernichtungsaktion berichtet wurde?

Rauschen im Blätterwald blieb aus

Logisch ist, dass die Sanierungskosten ohne die Arbeitsverweigerung des Kantons niemals die jetzt genannte Summe von gut 200 Millionen Franken erreicht hätte. Die Stadt habe einen höheren Beitrag des Kantons als 30 Millionen erwartet, sagte Leupi gegenüber dem „Tages-Anzeiger“. Doch politisch sei dies nicht durchsetzbar gewesen. Die „Neue Zürcher Zeitung“ beliess es bei der Feststellung, „dass die Anlage seit 25 Jahren als dringend sanierungsbedürftig“ gelte. In der linken Wochenzeitung „P.S.“ (Artikel online nicht verfügbar) hiess es: „Angesichts der Unterhaltsarbeiten, die der Kanton über Jahre nicht gemacht hat, sind 30 Millionen Franken nicht viel.“

Zu sehen sind die ehemaligen Stallungen der Kaserne Zürich. sie befinden sich am Arealende in Richtung Zeughausstrasse und Helvetiaplatz.Ein grosses Potenzial für die Quartierentwicklung beinhalten die ehemaligen Stallungen an der Zeughausstrasse in Richtung Langstrasse. Bild: Lorenz Steinmann

Es ist wohl wie bei Verkehrsfragen und dem eben erfolgten Kräftemessen wegen der Velospuren am Hauptbahnhof. Das Geschirr scheint zerschlagen. Diskutieren zwecklos.

Wie geht es nun weiter? „Wir streben eine am Gemeinwohl orientierte Nutzung an, keine hochkommerzielle“, hielt Daniel Leupi an der Medienkonferenz vor bald zwei Wochen fest. Ziel sei es, Räume zu schaffen, die der Quartierbevölkerung und der gesamten Stadt dienen. Damit folgt der Stadtrat der politischen Leitlinie, das Kasernenareal als einen Ort der Begegnung und des Austauschs zu bewahren.

2028 soll die Vorlage im Gemeinderat behandelt und den Stimmberechtigten an der Urne vorgelegt werden. Stimmen diese zu, könnte 2029 der Baubeginn erfolgen. Mit einem Bezug der renovierten Zeughäuser ist frühestens 2034 zu rechnen. Amtsmühlen mahlen langsam. Ob bei der Stadt oder beim Kanton.

Zu sehen ist der Innenhof der Kaserne mit den Zeughäusern. Diese werden nun von der Stadt saniert.Der Innenhof der Kaserne mit den Zeughäusern ist heute schon eine grüne Oase. Gemäss Plänen der Stadt soll diese grüne Lunge gestärkt werden. Der Labyrinthplatz (im Vordergrund) bleibt erhalten. Bild: Lorenz Steinmann
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