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Wenn der Tagi die bürgerliche Wende empfiehlt

Auf dem Foto sieht man lächelnd Stadtrat Daniel Leupi, Stadträtin Karin Rykart und Stadtratskandidat Balthasar Glättli, alle von den Grünen.Haben sie bald ausgelacht? Raphaela Birrer jedenfalls graut es vor noch mehr Rot-Grün im Zürcher Stadtrat. Also keinesfalls (v. l.) neben Stadtrat Daniel Leupi und Stadträtin Karin Rykart auch noch Nationalrat Balthasar Glättli (alle Grüne). Bild: zvg

Raphaela Birrer, die Chefredaktorin des „Tages-Anzeigers“, hat in einem Leitartikel die politische Zusammensetzung des Stadtrats von Zürich mit nordkoreanischen Verhältnissen verglichen. Sie fordert einen politischen Wandel. Und der Zuspruch in den Kommentaren ist bemerkenswert hoch.

Seit fast genau drei Jahren ist Raphaela Birrer Chefredaktorin des „Tages-Anzeigers“. Sie ist Chefin einer Zeitung, die wie die meisten Blätter mit Inseratschwund und sinkender Auflage zu kämpfen hat. Die digitale Transformation gelingt zudem nicht wie gewünscht. Der Tagi gehört wie die „SonntagsZeitung“ oder die „Basler Zeitung“ zum Medienunternehmen Tamedia – und damit wie die eigenständige Firma „20 Minuten“ zum Konzern TX Group. „20 Minuten“ – mittlerweile ein reines Onlineportal, hat mehr als dreimal mal so viele Besuchende wie die Website des „Tages-Anzeigers“.

In diesem Kontext überrascht der Leitartikel von Birrer nur bedingt. „Zürich verdient mehr Diversität“, schreibt die Tagi-Chefin. „Die grösste Stadt der Schweiz war nie vielfältiger.“ Doch politisch herrsche linke Monokultur. „Es ist Zeit für einen Wandel“, fordert Birrer. Also nichts weniger, als mehr Bürgerliche zu wählen. Denn Birrer ist überzeugt. „Kontroverse Diskussionen über die ungelösten urbanen Probleme? Divergierende Ansichten zu Wohnungsbau oder Verkehrsplanung? Ein Ideenwettbewerb zur strategischen Weiterentwicklung der Stadt? Fehlanzeige. Stattdessen: Kopfnicken und Durchwinken“. Die 42-Jährige ortet gar nordkoreanische Verhältnisse in Zürich, weil hier „selbstverordnete Langeweile“ herrsche.

In der Kommentarspalte wird jubiliert

Ihr provokativer Text stiess in den Kommentarspalten auf erstaunlich viel Zuspruch für ein zumindest im Volksmund links-liberales Blatt. Etwa diese: „Danke für diesen Artikel. Ich habe rot-grün bewusst nicht mehr gewählt, weil die Stadträt:innen unsere Stadt nicht mehr repräsentieren“. Und: „Bravo für den Kommentar. Es ist endlich an der Zeit, dass alle Bewohner in der Stadt angemessen vertreten sind“. Sowie: „Sehr guter Kommentar, danke Frau Birrer. Genau das, was ich auch vertrete“. Politische Monokultur und ideologischer Tunnelblick führe zu Exzessen und Intoleranz. Und das sei schlecht für die Demokratie.

Thomas Marthaler, SP-Kantonsrat und Friedensrichter aus dem Kreis 3, schrieb hingegen: „Zürich würde vor allem mehr journalistischen Wettbewerb benötigen.“ Die NZZ sei ja schon ziemlich auf eine Mitte-Rechts-Leserschaft getrimmt; dieser Artikel argumentiere in einem ähnlichen Stil.

Tatsächlich erinnert der Leitartikel von Raphaela Birrer an Texte der NZZ-Redaktoren Lucien Scherrer, Michael von Ledebur oder Daniel Fritsche. Letzterer hat kürzlich den Stadtrat mit „neun Zwergen hinter dem Uetliberg“ verglichen, welche ein Reich erschaffen hätten, auf das die Wählenden hereinfallen.

Will man damit dem Verleger gefallen?

Doch warum in aller Welt wollte Birrer mit ihrem Leitartikel so provozieren? Um in der Manier von „Weltwoche“-Chefredaktor und alt SVP-Nationalrat Roger Köppel die Gegenthese ins Feld zu führen? Um ihrem Verleger und Chef Pietro Supino zu gefallen? Er, der politisch als bürgerlich gilt und als einziger der grossen Verleger keinen Deal mit der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft eingehen und so Stellung gegen die Halbierungsinitiative beziehen wollte?

„War es Ihre persönliche Meinung oder mehr das ‚contre coeur‘, um die Meinungsvielfalt im Tagi abzubilden?“ und „Haben Sie erwartet, dass die Leserschaft des Tagi gar nicht so links eingestellt zu sein scheint, wie man das zumindest im älteren Volksmund sagt?“ waren die Fragen, die Rathuus an Raphaela Birrer stellte. Bislang verzichtete sie auf eine Antwort.

Bleibt abzuwarten, ob und wie Birrers Wunsch am kommenden Sonntag Realität wird.

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