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Er hat den Mut zur Unsicherheit

Auf dem Bild zu sehen ist der Gemeinde- und Kantonsrat Bernhard im Oberdorf. Listig schaut er nach links, er hat die SVP verlassen und politisiert nun bei der Mitte.Bernhard im Oberdorf (Die Mitte) ist amtsältester Gemeinderat im Parlament der Stadt Zürich, mit bald 30 Jahren Zugehörigkeit. Zudem ist er seit 2023 Mitglied im Kantonsrat und dort ältestes Mitglied. Bild: Lorenz Steinmann

„Zu viele Putin-Versteher und Trump-Verehrer!“ Bernhard im Oberdorf hat die SVP deswegen verlassen und politisiert bei der Mitte. Dass er für die Wahlen lediglich auf einem Listenplatz 3 steht, bereitet ihm wenig Sorge. Dabei könnte seine lange Politkarriere im Stadtzürcher Gemeinderat bald zu Ende gehen.

Es ist eine Mischung aus Schalk und Gelassenheit, die Bernhard im Oberdorf ausstrahlt beim Treffen im hinteren Foyer des temporären Rathauses Hard im Stadtzürcher Kreis 4. Mit seiner legeren, farblich aber perfekt abgestimmten Kleidung wirkt er wie ein Hochschulprofessor, der immer noch ein Büro an der Uni hat. Oder wie ein Unternehmer, der nach wie vor für seine Ideen brennt – und sich von niemandem etwas sagen lässt. Als Professor könnte er tatsächlich durchgehen, hat er doch in Wirtschaft doktoriert und anschliessend noch Politikwissenschaft und Militärstrategie studiert. Und er hat vor Jahrzehnten die Schweizer Hochschul-Zeitung „Vision“ gegründet. Noch heute ist er Herausgeber dieses bürgerlichen Pendants zur „Zürcher Studierendenzeitung“.

Wenn der Chef in die Tasten haut

Nach dem Gespräch mit Rathuus schickt mir im Oberdorf, den viele in der Politik nach seinen Initialen als „Bio“ ansprechen, zehn der jüngsten Ausgaben per Post zu. Sie sind trotz des etwas aus der Zeit gefallenen Layouts durchaus lesenswert. Mit kritischer Note, vielen Kommentaren und einem interessanten Mix aus Innen- und Aussenpolitik mit Fokus Ukrainekrieg und den USA. Es ist wenig zu spüren von einem Rechtsdrall. Auch Reportagen von fernen Ländern findet man und auch die Airline Swiss kommt thematisch nicht zu kurz. Gerade besagte Fluggesellschaft wird schonungslos kritisiert.

Bernhard im Oberdorf himself greift oft und offensichtlich lustvoll in die Tasten in der kompakten Zeitung mit jeweils gut 16 Seiten. Selbstredend sind auch seine Reden im Gemeinde- und im Kantonsrat als „Alterspräsident“ in der vierteljährlich erscheinenden Publikation abgedruckt. Aufhorchen lässt dabei der Passus, dass die Mitte seit 2022 wieder im Gemeinderat vertreten sei und zusammen mit der EVP „so wie ich das einschätze, eine wertbasierte Fraktion“ bilde.

zu sehen ist eine Auswahl der von Bernhard im Oberdorf herausgegebenen Zeitschriften "Vision".So sehen sie aus, die von Bernhard im Oberdorf verantworteten Hochschul-Zeitungen. Bild: Lorenz Steinmann

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Aufhorchen darum, weil im Oberdorf seit Ende November 2025 eben dieser Mitte angehört und am 8. März in neuer politischer Umgebung für eine Wiederwahl buhlt. „Ich wurde relativ rasch angefragt nach meinem Austritt aus der SVP“, erzählt im Oberdorf. Dann habe es ein Hearing mit durchaus kritischen Fragen gegeben. „Es ging aber schlussendlich recht schnell. Doch weil die Wahllisten schon beschlossen waren, wollte ich die beiden Spitzenkandidatinnen und Spitzenkandidaten respektieren. Sie haben mehr geleistet für die Partei als ich.“

Die Rückkehr zur FDP habe sich übrigens nie konkretisiert. „Mehr als Schalmeienklänge einzelner Mitglieder mir gegenüber war da nicht.“ Dabei startete im Oberdorf in den 1990er-Jahren bei der FDP seine politische Karriere, wandte sich aber wegen des Pro-Europa-Kurses und des beschlossenen EU-Beitritts der Liberalen bald der SVP zu. Und wurde jahrzehntelang sicher gewählt.

Doch nun kommt es, dass Bernhard im Oberdorf auf Listenplatz 3 um seine Wiederwahl zittern muss.

Zwei eher Unbekannte stehen ihm vor der Nase

Vor ihm figurieren Daniel Weiss und Nathalie Zeindler. Weiss ist eine jener Personen, die treue Parteiarbeit leisten, aber doch selten gewählt werden. Nathalie Zeindler kennen zumindest Belesene, weil sie stark beachtete Biografien über die Politikerinnen Judith Stamm (CVP) und Jacqueline Badran (SP) geschrieben hat. Ob im Oberdorf als Bisheriger die beiden zu überholen vermag? Erschwerend kommt hinzu, dass im Oberdorf seit 2001 in Schwamendingen antrat, einem Wahlkreis mit traditionell hohem SVP-Anteil. Dass es der Politiker nun wieder dort versucht, wo er wohnt und arbeitet, ist verständlich. Das war schon zwischen 1996 und 2001 der Fall, ist aber ohne Zweifel sehr lange zurück.

Tatsächlich brauchte der Parteiwechsel und die Akzeptanz eines hinteren Listenplatzes durchaus Mut. „Eine gewisse Unsicherheit ist da“, räumt im Oberdorf ein. Er hofft auf einen Bonus, weil er im Kreis 6 doch einen gewissen Bekanntheitsgrad geniesst. Etwa, weil er im Vorstand des Vereins Theater Rigiblick und des Quartiervereins sitzt, im Pfarreirat Bruder Klaus mitmacht und im universitären Umfeld eine bekannte Persönlichkeit ist.

Er will nicht nachbeten, was die „Weltwoche“ verkündet

Profitiert im Oberdorf gar von einem Anti-SVP-Reflex? Von Wertschätzung, weil er die Probleme in der Rechtspartei beim Namen nennt? Immerhin ist er letzten Herbst mit einigem Getöse aus der „Sünneli“-Partei ausgetreten. Primär, weil die SVP ihre Neutralitätsinitiative lancierte. Dazu kam im Oberdorfs zunehmende Distanz zu jenen Kreisen innerhalb der SVP, die er als „Putin-Versteher und Trump-Verehrer“ bezeichnet. Und: Er wolle nicht nachbeten, was die rechte „Weltwoche“, also Roger Köppel, diktiere. Er wiederholt damit im Foyer des Rathauses Hard seine Aussage, die er letztes Jahr schon der NZZ gemacht hatte.

Köppel, das ist der Besitzer und Chefredaktor in Doppelfunktion, der jeden Tag „penetrant gut gelaunt“, wie die linke „Wochenzeitung WOZ“ einmal schrieb, Monologe vom Stapel lässt. Einwegkommunikation, die zwar an den sogenannten Mainstream-Medien konsumierenden Leserinnen und Lesern vorbeirauscht, aber viele der Newsdeprivierten zu erreichen scheint. Die Rede ist von über 400’000 Youtube-Abonnentinnen und Youtube-Abonnenten. Wie es heisst, arbeitet Köppel beharrlich am Ziel, wie Tucker Carlson, der ultrarechte Ex-Moderator von Fox News, ein Interview mit Russland-Präsident Wladimir Putin führen zu können.

Zu sehen ist der Politiker Bernhard im Oberdorf. Er hat kürzlich von der SVP zur Mitte gewechselt. Er ist im Foyer des Rathauses Hard.Er bereut nichts, der Politiker und Verleger Bernhard im Oberdorf. Bild: Lorenz Steinmann

Bernhard im Oberdorf immerhin hat diesen „Köppel-Kult“ wieder einmal thematisiert. Er, der fast schon humoristisch ein Geheimnis um sein Alter macht („man ist so alt, wie man sich fühlt“). Dass er nun für die Mitte politisiert, ist bemerkenswert. Aber es wird enorm schwierig sein, den Sitz zu halten. So wie es schwierig sein wird, überhaupt die Fünf-Prozent-Hürde zumindest in einem der Wahlkreise zu schaffen, die es braucht, um ins Parlament einzuziehen. Zünglein an der Waage könnte da durchaus Karin Weyermann sein. Denn die Mitte-Gemeinderätin kandidiert auch für den Stadtrat. Das sorgt für mehr Aufmerksamkeit und Stimmen.

Bernhard im Oberdorf bereut seinen Wechsel nicht. „Wenn nicht jetzt, wann dann“, sagt er schmunzelnd. Immerhin habe er den Wechsel vor und nicht nach den Wahlen vollzogen, fügt er an und verschwindet wieder im Ratssaal.

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