Mein Redaktionskollege Pascal Turin hat schon recht. Jetzt reicht es dann mal mit Verkehrsthemen. Aber weil ab heute Montag in Zürich eine weitere Veloroute wegen Bauarbeiten gesperrt wird, schöpfe ich aus dem Vollen und beklage mich. Ein Kommentar.
Dies ist ein Lagebericht aus dem Maschinenraum des Veloalltags. Es sind Fallbeispiele über Missstände im Velobereich, die aus meiner Sicht zu Dutzenden vorkommen – in der Stadt Zürich, aber auch auf Radwegen in der Agglo. Ich berichte also nur über die Spitze des Eisbergs.
Unter Missständen verstehe ich Radwege, für die man oft Haupt- und Überlandstrassen ohne Warnhinweise kreuzen muss, oder solche, die plötzlich aufhören. Manchmal wegen Planungsfehlern, manchmal, weil bei einer Baustelle die Beschilderung für das Velo einfach vergessen wurde.
Das ist gefährlich und hält viele Leute davon ab, mit dem Velo herumzupedalen. Nicht so ich. Es ist wohl eine Art von Masochismus, das zu erdulden und das Beste daraus zu machen. Aber ganz ehrlich, ich tue das ohne Gesetze zu übertreten und Fahrverbote zu missachten.
Der tägliche Horror für Velofahrende. Das Bild zeigt die Baustelle bei der Sihlbrücke beim Hauptbahnhof. Die Velos gingen vergessen, Warnschilder sucht man vergebens. Bild: Lorenz SteinmannIch bilde mir natürlich ein, besonders qualifiziert zu sein, um über dieses Velothema schreiben zu können. Ob das so ist, ich weiss es nicht. Vielleicht wirke ich damit auch nur arrogant und altklug. Und ich rege mich oft gehörig auf. Das ist normalerweise keine gute Voraussetzung, um in die Tasten zu hauen. Darum mache ich es auch nur hier und jetzt. Nachher wende ich mich wieder anderen Themen zu, versprochen.
Ich fahre fast jeden Tag mit meinem Drahtesel durch Zürich, so auch vom Limmatplatz die Kornhausstrasse hoch zum Milchbuck. Ich komme dazu gehörig ins Schwitzen, und wie geschrieben bin ich darum auch öfters sauer. Die gut 80 Höhenmeter verbrauchen wohl mehr Sauerstoff fürs Hirn, als mir lieb ist. So fällt mir das Denken beim Pedalen schwer und schwerer.
Doch warum scheint es auch in den Amtsstuben zu hapern mit dem Denken? Müssen die auch dauernd buckeln im Büro? Mein Weg ist sogar Teil der nationalen Veloroute Nummer 45 „Wyland-Downtown“. Diese nehmen jeden Tag Hunderte, wenn nicht sogar Tausende von Velofahrenden. Und alle stehen sie vor dem gleichen Problem. Seit März 2025 wird auf der Rötelstrasse gebaut, die Strecke ist unterbrochen. Velosignalisationen fehlen.
Ab heute Montag kommt auch noch die gesperrte Rotbuchstrasse hinzu. Leitungen für die Fernwärme! Dass man sich hier als Velofahrerin oder Velofahrer selber einen alternativen Weg suchen muss, ist sinnbildlich dafür, welchen Stellenwert das Velo bei der Stadtplanung im angeblich links-grünen Zürich im Alltag hat. Nämlich fast gar keinen. So viel zur Verdrängung des Autos durch das Velo.
Die Stadt gab sich keine Mühe, für Velofahrende eine Signalisation einzurichten. Dabei wäre mit ein wenig Fantasie ein provisorischer Veloweg für die 18-monatige Bauerei sicher möglich gewesen. Bild: Lorenz SteinmannAn vielen Orten in der Limmatstadt muss man wegen Baustellen aus Sicherheitsgründen auf Trottoirs ausweichen und hoffen, dass man auf verengten Fahrspuren nicht von hinten gerammt wird. Kein Wunder, ist das Image von uns Velofahrenden so schlecht.
Die beschriebene Kreuzung Rötel- und Rotbuchstrasse ist typisch. Dort, wo linkerhand das Hipster-Restaurant Kafi Schnaps ist, steht man als Velofahrende vor dem Nichts. Geradeaus fahren geht offiziell nicht. Wie kommt man also trotzdem zum Bucheggplatz in diesem Gebiet mit recht steilen Strassen?
Schon im März fragte ich bei der Stadt nach und bekam diese schräge Antwort. „Auf eine Signalisation wurde absichtlich verzichtet, damit Autofahrerinnen und Autofahrer nicht verwirrt werden“, so die Stadt. Velofahrende müssten der temporären Verkehrsführung für Autos folgen. Den Weg, den die Busse der Verkehrsbetriebe Zürich fahren, dürfen Velos nicht benützen, weil „es bergauf geht“ und das Überqueren der Kreuzung mit dem Velo zu lange dauern könnte. Und weiter: „In Richtung Bucheggplatz können Velofahrerinnen und Velofahrer legal einen U-Turn bei der Fussgängerinsel machen. Das ist erlaubt und sicher“, so die Stadt.
Schon seit sechs Monaten wird hier an der Kornhausstrasse trotz Grossbaustelle auf eine Signalisation für Velofahrende verzichtet. "Um Autofahrer nicht zu verwirren", wie es von der Stadt heisst. Bild: Lorenz SteinmannDer „Gaht’s-no!-Priis“ der FDP wäre den Oberen sicher, keine Frage. Denn wer diesen amtlichen Tipp schon einmal befolgt hat, weiss, wie gefährlich das ist. Und es ist erst noch unpraktisch. Zuerst den Berg hochfahren, mühselig die Strasse queren und dann wieder hinunter sausen. Das kann man wirklich nur in einer Amtstube erfinden.
Darauf angesprochen heisst es von der Stadt, man versuche, „allen Bedürfnissen gerecht zu werden“. Teilweise gebe es aber Verbesserungsbedarf. „Deshalb sensibilisieren wir unsere Mitarbeitenden, in Baustellen ein spezielles Augenmerk auf die Veloumleitung zu legen.“ Zudem würden die verantwortlichen Fachpersonen mit dem Bereich Velosicherheit zusammenarbeiten, um heikle Situationen wie Ein- und Ausfahrten bei Baustellen sicherer zu machen.
Da bin ich ja beruhigt. Dumm nur, dass man davon so wenig merkt im Alltag.
Ich bin mal gespannt, ob und wie bei der heute beginnenden Baustelle an der Kornhausstrasse die von der Stadt in Aussicht gestellte neue Plakataktion wirkt. „Diese soll Velofahrerinnen und Velofahrer zur Nutzung der Umleitung motivieren“, heisst es auf Anfrage von der Stadt. Die Aktion sei ein Pilotprojekt. „Wir werten sie aus, um daraus für künftige Baustellen zu lernen.“ Da bin ich mal gespannt.
Aber keine Angst. Bis darüber etwas auf Rathuus zu lesen ist, vergehen noch viele Wochen. Das ist mein Ehrenwort an die Leserschaft und an meinen Redaktionskollegen Pascal Turin. Denn es liegen ohne Frage genügend andere Themen als der Auto- und der Veloverkehr in der Luft.
PS: Einen habe ich noch. Mitten auf dem Veloweg am Bucheggplatz ragt ein dicker Fahrleitungsmast aus dem Asphalt. Offensichtlich ist auch da eine Signalisation nicht nötig, da der Mast in Blickrichtung der Velofahrenden steht und damit gut sichtbar ist – sagt die Stadt. Echt top, top, top, vor allem, wenn gleichzeitig viele Velofahrende am Mast vorbei müssen. Der Standort habe „vor allem eine funktionelle Funktion“ und decke „Sicherheitsfragen aller Verkehrsbeteiligten“ ab. Was auch immer das genau bedeutet.

Es ist halt schon typisch, findet Lorenz Steinmann. Da baut die Stadt den Bucheggplatz für Dutzende von Millionen Franken um und lässt einen massiven Fahrleitungsmasten auf einem neuen Veloweg stehen. Bild: Lorenz Steinmann, Bildmontage: Rathuus
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