Die Verschiebungen bei den Parteistimmen im Zürcher Gemeinderat sorgte für dicke Überraschungen. Fazit: Viele Vorstösse und Medienpräsenz scheinen nicht nur förderlich für eine Wiederwahl.
Ein vorderer Listenplatz heisst nicht unbedingt, dass man gewählt wird. Im Wahlkreis 1 und 2 musste dies Ivette Djonova schmerzlich erfahren. Die Präsidentin der FDP Zürich 2 und Geschäftsführerin von Pro Cinéma Schweiz galt als designierte Nachfolgerin des nicht mehr antretenden Michael Schmid. Doch Alex Guggenheim konnte offensichtlich auf breitere lokale Bekanntheit zurückgreifen. Guggenheim startete von Listenplatz 7 und überholte Djonova, die auf Listenplatz 2 ins Rennen ging.
Opfer der Baisse der Grünen (total minus 3 Sitze) wurde ebenfalls im Wahlkreis 1 und 2 Luca Maggi. Der Leiter eines Rechtsberatungsbüros und nebenamtliche Sicherheitschef des FC Zürich musste über die Klinge springen. Immerhin acht Jahre war der ehemalige Medienchef des 1.-Mai-Komitees im Gemeinderat.
Nur um 31 Stimmen verpasste Stadtratskandidat Ueli Bamert von der SVP den Einzug in den Gemeinderat. Dabei startete er lediglich von Listenplatz 11. Fast wäre er also neben seinem Mandat als Kantonsrat auch noch Gemeinderat geworden.
Eine grosse Enttäuschung musste im Wahlkreis 3 Flurin Capaul verdauen. Er wurde von Marita Verbali verdrängt, die als Stadtratskandidatin der FDP doch nochmals einiges mehr an Publizität hatte. Capaul wiederum machte sich in den letzten vier Jahren einen Namen mit Vorstössen, die das Gewerbe und im Besonderen Gastrobetriebe stützten. Negativ spielte mit, dass der Kreis 3 einen Gemeinderatssitz an den stärker wachsenden Kreis 9 abgeben musste.
Ein Urgestein der Zürcher Politik räumt im Wahlkreis 4 und 5 seinen Platz. Markus Knauss wurde offensichtlich Opfer der jüngeren Generation, die ersten lieber Frauen und zweitens lieber jüngere Menschen im Rat haben will. Denn Knauss (Jahrgang 1961) auf dem Listenplatz 2 wurde von Janina Flückiger (Jahrgang 1991) überholt. Knauss war seit 1998 Mitglied des Gemeinderats. 2014 versuchte er erfolglos Stadtrat zu werden.
Im Wahlkreis 6 musste Jürg Rauser (Grüne) über die Klinge springen. Der ETH-Architekt, der mit naturfördernden Anliegen auffiel, war sechs Jahre im Rat. Bernhard im Oberdorf machte kürzlich Schlagzeilen, weil er von der SVP zur Mitte wechselte. Der amtsälteste Gemeinderat – fast 30 Jahre – musste bei der Mitte auf Listenplatz 3 antreten und schaffte die Wiederwahl klar nicht.
Im Wahlkreis 7 und 8 erzielte Dominik Waser (Grüne) ebenfalls zu wenig Stimmen für eine Wiederwahl. 2022 kandidierte er für den Stadtrat und wurde immerhin in den Gemeinderat gewählt. Der Politiker mit der charakteristischen „Dutt“-Frisur muss sich nun mittwochs anderweitig beschäftigen.
Wieder dabei ist hingegen Mischa Schiwow (AL), der in der vergangenen Legislatur zurückgetreten war. Der ehemalige Gemeinderatspräsident will es also nochmals wissen.
Im Wahlkreis 9 erwähnenswert ist Stefan Reusser von der EVP. Er ist einer der drei EVP-Vertretungen, die wegen des Verpassens der Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr im Rat vertreten sind.
Trotz grosser Medienpräsenz einen Rang nach hinten gerutscht ist im Wahlkreis 10 Jascha Harke (SP). Er profilierte sich als queere Politvertretung anscheinend zu wenig oder in die falsche Richtung. Ihm zogen die Wählenden die Architektin Stefania Koller vor. Fazit: Akademikerinnen haben es bei der SP einfacher als eine Fachperson Betreuung.
Im Wahlkreis 10 nicht wiedergewählt wurde GLPler Ronny Siev. Der Politiker jüdischer Religionszugehörigkeit machte mit kritischen Voten gegen die arabische Welt Schlagzeilen. Konkret wurde er aber wohl Opfer der GLP-Baisse mit minus zwei Sitzen im 125-köpfigen Gemeinderat.
Bemerkenswert ist die Wahl der 20-jährigen Vera Çelik (SP). Sie ist Muslima und wollte die erste Zürcher Politikerin mit Kopftuch werden. Jetzt hat sie es im Wahlkreis 11 geschafft.
Nicht mehr im Rat ist dafür Markus Merki von der GLP. Der Chefbauleiter und ehemalige Leiter der Parlamentarischen Untersuchungskommission – kurz PUK – zum Skandal bei Entsorgung und Recycling Zürich musste Cornelia Taiana den Vortritt lassen, obwohl Merki auf Listenplatz 3 und Taiana lediglich von Platz 8 aus startete. Merki war seit 2016 Ratsmitglied.
Trotz Stadtratskandidatur reichte es auch Sandra Gallizzi nicht für eine Wiederwahl. Die EVP-Politikerin scheiterte wie erwähnt an der Fünf-Prozent-Hürde. Sie sass seit 2023 im Rat.
Erstaunliches ereignete sich im Wahlkreis 12. Bei der SVP, wo erste Listenplätze eigentlich Garant für die Wiederwahl sind, musste der Bisherige und auf Listenplatz 1 angetretene Michele Romagnolo den Neulingen Markus Weidmann und Fabian Klöti den Vortritt lassen. Gerade der Landwirt Klöti profitierte wohl von seiner Bekanntheit im Quartier.
Fazit zu den Wahlen 2026: Der Gemeinderat wird jünger (im Schnitt 44,5 Jahre) und weiblicher (45,6 Prozent). Einige Charakterköpfe wird man vermissen. SP, Grüne und AL behalten ihre hauchdünne Mehrheit – mit 63 Sitzen von 125 Sitzen im Stadtzürcher Parlament.

Nach gut 30 Jahren wurde Bernhard im Oberdorf nicht mehr in den Gemeinderat gewählt. Einer der Gründe: Er wechselte von der SVP zur Mitte. Bild: Lorenz Steinmann
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