Die Gemeinderätin und Gesundheitsexpertin Tanja Maag skizziert, wie sich die AL neu positionieren will. Mit Rathuus spricht sie unter anderem darüber, was das AL-Gastspiel im Zürcher Stadtrat der Kleinpartei brachte und woran das Gesundheitswesen krankt.
Vor 13 Jahren setzte die 1990 gegründete AL zu ihrem Höhenflug an. Im Zürcher Stadtratswahlkampf sorgte der AL-Kandidat Richard Wolff für eine Sensation, als er im zweiten Wahlgang den FDP-Favoriten Marco Camin schlug und den Sitz des zurückgetretenen Martin Vollenwyder holte. Die SP verhielt sich während dieses Wahlkampfs im Jahr 2013 jedoch abwartend und beschloss zweimal Stimmfreigabe, was damals als indirekte Empfehlung für den FDP-Kandidaten gewertet wurde. An der SP-Delegiertenversammlung soll der damalige Kantonsrat und heutige Stadtpräsident sogar gesagt haben, Camin sei die viel bessere Wahl als Wolff.
Das ist typisch für das noch heute ambivalente Verhältnis der SP zur AL. Es ist der ungeliebte Juniorpartner, der das Linke, Ungestüme und Solidarische verkörpert, das die SP höchstens noch bei der Juso lebt. Handkehrum wirken viele der heutigen AL-Politikerinnen und AL-Politiker so, als wenn sie problemlos auch für die SP in den Räten sitzen könnten.
Dabei ist die Stadtratszeit von Richard Wolff längst Geschichte. Von 2013 bis 2018 war er Vorsteher des Sicherheitsdepartements der Stadt Zürich und von 2018 bis 2022 Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements. „Meh Biss“ lautet einer der Slogans der AL noch heute. Das Wortspiel passte 2013 zu Richard Wolff. Aber im Jahr 2026.
Die grosse Ernüchterung nach der Ära Wolff
Denn die Ernüchterung nach neun Jahren AL in der Exekutive – als Teil der rot-grünen Macht in der grössten Stadt der Schweiz – war gross. Das Kollegialitätsprinzip schien die Linksaussenpartei zu erdrücken, so wie dies der alt Stadtrat Filippo Leutenegger von der FDP ebenfalls oft beschrieb. Nur mit anderen Vorzeichen. Leutenegger gilt innerhalb der FDP als dem Rechtsaussen-Flügel verortet.
Ähnliches geschah, als Ruth Genner von den Grünen Stadträtin war. Unvergessen, wie die damalige Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements 2010 die Sanierung der Hardbrücke feierte. Voll autofokussiert und ohne Velowege.
Eines von vielen Beispielen, wie man als Exekutivmitglied eingebunden und angepasst wird. Es gibt ja das Bonmot, dass die Politiker kommen und gehen, die Verwaltung aber bleibt.
Doch halt. Wandelt Rathuus nicht zu sehr auf alten Pfaden? Zumindest punkto Einschätzung der AL? Für Tanja Maag, seit vier Jahren Gemeinderätin, hat sich Rathuus in seiner AL-Berichterstattung zu sehr „auf das Bedienen bei den ausgelatschten NZZ-Floskeln“ fokussiert. „Das hat mich wirklich geärgert“, so die Co-Fraktionschefin schriftlich zu Rathuus. Dabei hat die NZZ selbst dringenden Bedarf, ihre Handvoll Sätze zur AL in ihrem Archiv zu überarbeiten. „Dass Sie nichts zu ergänzen haben, als die männlichen Politrösser zu feiern, tut mir einmal mehr leid für alle hochkarätigen Vorgängerinnen in der AL-Gemeinderatsrfaktion.“
Es ist Zeit für ein klärendes Gespräch.
Es findet um 8 Uhr morgens im Rathuus-Büro an der Stauffacherstrasse statt. Für Tanja Maag eine ganz normale Arbeitszeit. Sie war viele Jahre Pflegefachfrau und arbeitet jetzt als Bildungsverantwortliche bei der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, welchem auch das Spital Zollikerberg angegliedert ist. Sie ist also gewohnt, früh aufzustehen und auch Schicht zu arbeiten.
Ihre Berufswahl war die Initialzündung
Aufgewachsen ist Tanja Maag im thurgauischen Nussbaumen. Die Erstausbildung als Pflegefachfrau – damals hiess es noch Schwester – machte sie an der Krankenpflegeschule Zürich. Den Beruf wollte sie schon jung ergreifen – und sie wollte nicht ins Gymi. „Es war eine meiner wichtigsten Lebensentscheidungen, so früh nach Zürich zu kommen.“ Sie habe so entschieden, nicht in Frauenfeld zu bleiben. Heute hört man ihr den typischen Thurgauer Dialekt fast nicht mehr an. Ihr Vater war Rohrschlosser, liess sich später in der IT weiterbilden. Die Mutter machte das KV und stieg wieder in den Beruf ein, als das jüngste Geschwister von Tanja vier Jahre alt war. „Im Thurgau ein Skandal“, erinnert sich Maag. Es gab böse Briefe und viel Geschwätz. Tanja Maag fand es toll, wie ihre Mutter sich engagierte und auch bei der FDP dabei war.
„Uns zeichnet die Präsenz aus, wir haben eine aktivistische Seite, wir können Arbeitskämpfe führen, dieses Gefühl kommt an“, sagt AL-Gemeinderätin Tanja Maag.
Ihre Berufswahl war die Initialzündung
Politisiert wurde Tanja Maag aber stärker durch ihren Beruf. „In Krisensituationen im Spital sind alle Menschen gleich.“ Da sei es enorm wichtig, dass alle auch die gleiche medizinische Versorgung erhielten – unabhängig von den finanziellen Möglichkeiten. Während der Coronakrise standen medizinische Berufe im Fokus, gewannen an Achtung und Respekt. Doch nun sei vieles wieder vergessen. „Es ist eine Katastrophe“, so Maag. Das Verständnis für den Pflegeberuf sei wieder weg, die Forderungen nach mehr Achtung wie vor 30 Jahren pendent. Ein Problem sei, dass sich die Berufsgruppe schlecht mobilisieren lasse. Das Pflegepersonal mache seinen Job dann doch, auch bei schlechten Bedingungen, weil man die Patientinnen und Patienten nicht im Stich lassen wolle. „Das Verantwortungsgefühl ist gross, damit spielt die Lobby des Gesundheitswesens“, ist Maag überzeugt. Zudem sei der Beruf nach wie vor stark weiblich geprägt und werde dadurch gesellschaftlich geringer wertgeschätzt
Aber woran krankt das Gesundheitswesen?
Das Pflegepersonal verdient ja nicht proportional mehr, so wie die Krankenkassenprämien steigen. „Die Spitaldichte ist sehr hoch, mit stark verbreiteter medizinischer Spitzentechnologie, die man besser vom Bund aus steuern würde.“ Keine gute Idee sei zudem der Pseudowettbewerb unter den Krankenkassen. „Viel zu teuer. Eine Einheitskrankenkasse wäre viel besser. „Plus lohnabhängige Beiträge“, so die 52-Jährige. So würden viel Lobbyarbeit und teure Verwaltungsratsmandate wegfallen. „Es wäre an der Zeit, dieses Problem endlich anzugehen“, fordert die Politikerin.
Doch das muss eher in Bundesbern passieren, mit der SP als Zugpferd. Im Bundeshaus ist das linke Lager allerdings seit 1848 in der Minderheit – im Gegensatz zur Stadt Zürich, wo man noch eine knappe Mehrheit inne hat.
Damit zur lokalen Politik. Woran liegt es, dass die AL beim Pflegepersonal, aber auch bei Ärzten so beliebt ist? „Uns zeichnet die Präsenz aus, wir haben eine aktivistische Seite, wir können Arbeitskämpfe führen, dieses Gefühl kommt an.“ Daher passe der Slogan „radikal-sozial“ so gut. Damit strahle man eine gewisse Distanz aus – zum Establishment, auch wenn das abgedroschen töne. Mit dieser Haltung könne sich die AL durchaus abheben von der SP.
Und der neue Name Alternative Linke soll helfen. Bis vor kurzem hiess man noch Alternative Liste.
„Wir unterscheiden uns stark von der SP, weil wir uns für Leute einsetzen, die wenig verdienen, für Menschen, denen es einfach nicht reicht.“ Bei den beiden SP-Initiativen für die Krankenkassenprämienverbilligungen und für günstigeren ÖV habe die AL sich dafür eingesetzt, tiefe Einkommen stärker zu entlasten. „Nur sind wir damit nicht durchgekommen.“
Die Crux eines Juniorpartners, einmal mehr. Denn die Lorbeeren holte allein die SP ab.
Ist das nicht ein wenig undankbar für die AL?
Maag nickt und betont, man wolle nicht einfach das Klientel bis in den Mittelstand hinein bedienen. Und ja, oft könne jene Bevölkerungsgruppe, für die man sich einsetze, nicht an die Urne gehen. Da müsse man schon schauen, dass man genügend Leute mit Stimm- und Wahlrecht für die eigenen Anliegen mobilisieren könne. „Ein Widerspruch ist da tatsächlich vorhanden“, gibt sich Maag selbstkritisch.
Damit sind wir beim Thema Stimm- und Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer. Was läuft da seitens der AL? Tanja Maag setzt grosse Hoffnungen auf die so genannte „Vierviertel-Initiative“, die noch 2026 an die nationalen Urnen gelangt. Die Initiative, auch „Demokratie-Initiative“ genannt, will einen Anspruch auf Einbürgerung nach bundesweit einheitlichen und nachvollziehbaren Kriterien verankern. Damit würden die unterschiedlichen und oft auch nicht durchschaubaren Verfahren, Kosten und Hürden bei den Einbürgerungen wegfallen. „Die AL hat sich bisher stark in lokalen Komitees engagiert“, weiss Maag.
Was Tanja Maag von Raphael Golta hält
Auf Gemeindeebene sei man in Diskussion, um wieder einmal einen Anlauf fürs Stimm- und Wahlrecht für Ausländer zu starten. Super sei, dass es unter dem neuen Stadtpräsidenten Raphael Golta eine neue Durchmischung im Stadtrat gegeben habe. „Ist man so lange im Amt wie etwa Corine Mauch, kann das zum Klotz werden“, ist Maag überzeugt. Golta habe sich als Sozialvorsteher immer wieder aus dem Fenster gelehnt und Dinge ausprobiert, die auf den ersten Blick unmöglich schienen. Maag hofft, dass der gewisse von Golta gepflegte Ungehorsam im Sozialdepartement nun auch im Gesamtstadtrat Schule mache: „In den letzten Jahren war viel zu wenig spürbar, dass Zürich von einer linken Regierung geleitet wird.“
Dabei ist die politische Arbeit der AL laut Tanja Maag durchaus anspruchsvoll im Gemeinderat. Mit acht Sitzen habe man eine kritische Grösse, weil man eigentlich überall dabei sein müsse, was dann aber personell nicht immer aufgehe. In der Geschäftsprüfungskommission ist die AL aus Ressourcengründen nicht vertreten, Tanja Maag ist immerhin in der einflussreichen Rechnungsprüfungskommission.
Zeitlich ist das durchaus anspruchsvoll. Ab Mittwochmittag sind Sitzungen und ab 17 Uhr die wöchentliche Zusammenkunft des 125-köpfigen Gemeinderats, oft bis spätabends. „Unsere Arbeitsmoral ist halt so, dass wir uns einlesen und mitbestimmen wollen, nicht etwa wie gewisse Rechtsaussen-Parteien, die sehr oft nichts sagen und am Schluss Nein stimmen.“
„Wir müssen da aber eher noch einen Zahn zulegen, denn oft macht man nichts, weil man weiss, dass man eh untergeht“, so AL-Politikerin Tanja Maag.
„Das Amt muss man sich leisten können“
Klar sei, dass man sich das Amt als Gemeinderätin oder Gemeinderat querfinanzieren müsse. „Ich arbeite 60 Prozent im Beruf, das geht, ich kann das auch dank des Lohns meines Mannes kompensieren.“ Es gebe aber Lebenssituationen, in denen es unmöglich reiche für ein Gemeinderats-Mandat. Etwa alleinerziehend und im Verkauf arbeitend. Dazu kommt die Kombi, dass alles am Mittwochabend und abends stattfindet. Das macht es nochmals komplizierter“, so die Feststellung von Tanja Maag.
Immerhin scheint sich nun etwas zu regen bei den Löhnen für den Gemeinderat. Nachdem im Februar 2025 vom Stimmvolk eine Erhöhung überraschend abgelehnt wurde, kommt nun am 27. September eine neue Totalrevision der Entschädigungsverordnung zur Abstimmung. Für Maag hat diese grosse Chancen, angenommen zu werden, weil nun die FDP dahintersteht. Es wäre eine Erhöhung um rund 30 Prozent, welche die Teuerung seit der letzten grossen Anpassung im Jahr 1998 ausgleichen würde. Für Maag ist wichtig, dass der Gemeinderat repräsentativ für die Einwohnenden stehen soll und sich nicht als aussenstehenden Körper entwickeln solle, mit dem man nichts mehr zu tun habe. „Lieber wieder mehr Zusammenhalt und Demokratie“, sagt Maag.
Der Kantonsrat als Spielwiese für die Opposition
Doch zurück zum praktischen Politikbetrieb. Wegen der parteilichen Verhältnisse ist die Situation für die AL im Kantonsrat komplett anders. Da sei es sonnenklar, dass die Linke und vor allem die AL Oppositionspolitik betreibe. „Wir müssen auf kantonaler Ebene aber eher noch einen Zahn zulegen, auch wenn man mit Anliegen untergeht“, sagt die AL-Politikerin.
Im Gemeinderat in Zürich sei es oft so, dass man abwägen müsse und auch mal einen Kompromiss der SP unterstütze, denn die linke Mehrheit im Gemeinderat sei sehr knapp.
Nun lacht Tanja Maag und sagt entwaffnend ehrlich: „Das ist doch der Vorteil, dass ich nicht in den Stadtrat gewählt wurde. So ist die AL viel weniger eingebunden und kann auf Gegenkurs machen.“ Man sei nun von Allianzen befreit, also freier. Indirekt kann das als Bestätigung aufgefasst werden, dass die Stadtratsära mit Richard Wolff für die Linksaussenpartei ein enormes Spannungsfeld darstellte. Auch, weil Wolff dem Kollegialitätsprinzip verpflichtet war, etwa beim Thema Polizei.
Den Stadtratswahlkampf hat Maag in guter Erinnerung, Höhepunkte waren aber eher die von der AL selber organisierten Veranstaltungen, als man unter sich war. „Es waren thematische Abende, die mir gefielen.“ Plus natürlich das Verteilen von Wahlunterlagen, etwa morgens um 6 Uhr am Bahnhof Wiedikon. „Das machte Spass und war persönlich bereichernd, mit Leuten ins Gespräch zu kommen.“ Eine Herausforderung, ja gar Hürde, war das Heraustreten aus der eigenen Blase, um in den Medien zu erscheinen.
Die SP hatte deutlich mehr Geld zur Verfügung. Ihr Viererticket war deshalb von Anfang an bekannter.
Die „Neue Zürcher Zeitung“ behandelte Tanja Maag im Wahlkampf eher zweitklassig, so wie etwa auch Karin Weyermann von der Mitte. Das hat zumindest die AL-Co-Fraktionschefin so empfunden. Die einflussreiche Tageszeitung von der Falkenstrasse schrieb Maag zum Beispiel eine falsche Berufsbezeichnung zu, nämlich Fachfrau Gesundheit. Klar, eine Kleinigkeit. Aber irgendwie symptomatisch. Ausserdem nahm die NZZ vor allem Bezug auf männliche AL-Politrösser, wie das Rathuus in einem Kommentar kürzlich auch tat.
Der „Tages-Anzeiger“ machte laut Maag lange Zeit gar nichts. „Dann folgte ein nettes Porträt, das aber nichts über meine politische Arbeit aussagte.“ Alles in allem hatten Frauen laut Maag zu wenig Präsenz im Wahlkampf, wobei dies ohne Zweifel auch an den Medien lag. Denn das Thema Geschlecht war irgendwie keins. Beim Wahlkampf um das Stadtpräsidium ging es fast ganz unter, wie erstaunlicherweise schon vor vier Jahren.
Wer soll es von der AL richten?
Sicher ist, dass Tanja Maag bei den Regierungsratswahlen 2027 nicht antreten will. Aber wer denn sonst? Ein gewisser Chaosanteil bei der AL sei definitiv vorhanden. Dieser äussere sich zum Beispiel bei späten Nominierungen, ortet Maag ein gewisses Problem. Und bei den Stadtratswahlen 2030? „Es ist doch so, wie wenn man gerade einen Marathon gelaufen ist. Dann meldet man sich im Ziel nicht gerade wieder an“, sagt sie lächelnd.
Immerhin, ein Nein ist das nicht.
Sicher ist, dass die AL in den nächsten vier Jahren pointierter auftreten will. Nicht unbedingt, um in die Exekutive zu kommen. Aber um wieder mehr Sitze im Gemeinderat zu erobern und so im Endeffekt die politische Arbeit auf mehr Schultern verteilen zu können.