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Schützen­wiese vor der Ent­scheidung: Ein Stadion zwischen Tradition und Existenz­frage

Zu sehen ist eine Visualisierung des neuen Fussballstadions in Winterthur mit der Haupttribüne voller Fans. Rechts im Hintergrund ist die Kirche St. Peter und Paul zu sehen. Es herrscht wolkenlose Abendstimmung.Die Haupttribüne ist auch auf der Visualisierung des zukünftigen Stadions voll. Jetzt fehlt nur noch ein Ja an der Urne für das Grossprojekt, das 1200 Fans zusätzlich Platz bieten soll. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

Für die Winterthurer Kultstätte Schützenwiese schlägt am 27. September die Stunde der Wahrheit. Ein Nein an der Urne würde das Ende des Profifussballs in der Eulachstadt bedeuten.

Am 27. September stimmt die Winterthurer Bevölkerung über einen kommunalen Verpflichtungskredit von 35,13 Millionen Franken ab – Herzstück eines Gesamtprojekts mit einem Bruttovolumen von 38,83 Millionen Franken, wovon 3,7 Millionen Franken bereits als Projektierungskredit bewilligt sind. Das Geld fliesst in den Neubau der beiden Stirntribünen in den Sektoren B und D sowie in ein neues, viergeschossiges Betriebs- und Garderobengebäude an der Schützenwiese.

Die Vorlage steht nicht allein: Am selben Abstimmungssonntag entscheidet Winterthur auch über einen 85,18-Millionen-Kredit für den Erweiterungsneubau des Alterszentrums Adlergarten sowie über den Gestaltungsplan zur Kläranlage ARA Hard. Zusammen mit dem Stadionkredit stehen damit städtische Investitionen von weit über 120 Millionen Franken zur Debatte – ein aussergewöhnlich dichter und finanzschwerer Urnengang.

Die „Schützi“ gilt vielen als sozialer Klebstoff der Stadt.

Doch die Schützenwiese ist mehr als eine Zeile im Budget. Der FC Winterthur (FCW) trägt hier seit seiner Gründung 1896 seine Heimspiele aus; das Stadion gilt als eines der traditionsreichsten der Schweiz und ist derzeit das einzige reine Fussballstadion eines Profivereins im Kanton Zürich. Selbst in sportlich schwierigen Phasen pilgern im Schnitt über 8’000 Zuschauerinnen und Zuschauer zu den Heimspielen, über eine Saison gerechnet mehr als 153’000 – eine Auslastung von rund 92 Prozent. Nur das Technorama und das Freibad Geiselweid ziehen in Winterthur noch mehr Publikum an. Auf den Tribünen begegnen sich Generationen, Herkünfte und Milieus, die sich im Alltag selten kreuzen. Die „Schützi“ gilt vielen als sozialer Klebstoff der Stadt.

So sah das Stadion vor gut 20 Jahren aus. Damals dümpelte der Klub in der Nationalliga B – heute Challenge League – herum. Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / DES_05-0306-09

Diesem Kultstatus steht eine bauliche Realität gegenüber, die wenig romantisch ist. Ausser der 2015 neu gebauten Gegentribüne (Sektor C) ist das Stadion über die Jahrzehnte zu einem wetterabhängigen Flickwerk geworden: Auf den ungedeckten Stirntribünen fehlt es an Witterungsschutz, an Toiletten und an Cateringflächen; im Bauch der alten Haupttribüne ist der Garderobentrakt so überlastet, dass der Nachwuchs an Spieltagen der Profimannschaft aussen vor bleiben muss. Und über allem schwebt eine Lizenzfrage: Der FCW spielt im Profifussball seit Jahren nur dank befristeter Ausnahmebewilligungen der Swiss Football League (SFL), die eine Sanierung zur Bedingung machen. Scheitert die Vorlage am 27. September, droht dem Verein nach eigenen Angaben der Lizenzentzug, unabhängig davon, wie die Mannschaft auf dem Platz spielt.

Der Umbau soll deshalb einen Spagat schaffen: die Infrastruktur auf ein lizenzfähiges Niveau heben, ohne der Schützenwiese ihren bodenständigen Charme zu nehmen – von der Bierkurve über die Sirupkurve bis zum Wandbild des Kosmonauten Juri Gagarin und der stadioneigenen Kunstgalerie „Salon Erika“.

Vom Acker zur Kultstätte

Die Geschichte des FCW auf der Schützenwiese, damals noch „Kronenwiese“ genannt, reicht bis um 1900 zurück. Ab 1911 pachtete der Verein das Gelände formell. 1937 wurde ein langfristiger Pachtvertrag mit der Stadt geschlossen: 3000 Franken Subvention gegen 1000 Franken Pachtzins pro Jahr – ein Modell der wechselseitigen Abhängigkeit, das bis heute nachwirkt.

Der Platz überstand auch existenzielle Bedrohungen. Während des Ersten Weltkriegs sollte das Spielfeld 1917 zugunsten der Lebensmittelversorgung in Ackerland umgewandelt werden; die Vereinsmitglieder wehrten dies ab, indem sie ersatzweise ein Feld im benachbarten Wiesendangen bewirtschafteten.

Nicht immer war die Winterthurer Stimmbevölkerung dem Stadion so wohlgesinnt wie heute: 1962 und 1965 verwarf sie zwei Kredite für Tribünenausbau und Zuschauerkomfort deutlich an der Urne.

1922 entstand die erste feste Tribüne, eine Holzkonstruktion für 550 Zuschauer, finanziert von einer eigens gegründeten Genossenschaft. Der grosse Sprung folgte 1957/58: Für 875’000 Franken, finanziert unter anderem durch Lotteriegelder sowie einen städtischen Beitrag, entstand die noch heute stehende Haupttribüne mit Platz für 2000 Zuschauer, Garderoben, einem Kiosk und Turnhallen im Untergeschoss. Zeitgleich wuchs die Gesamtkapazität in der erfolgreichsten Ära des Klubs auf bis zu rund 15’000 Plätze.

Nicht immer war die Winterthurer Stimmbevölkerung dem Stadion so wohlgesinnt wie heute: 1962 und 1965 verwarf sie zwei Kredite für Tribünenausbau und Zuschauerkomfort deutlich an der Urne. Erst 1968 gab es grünes Licht für eine Flutlichtanlage. In den 1980er-Jahren ging das Stadion, da die private Trägergenossenschaft die Unterhaltskosten nicht mehr stemmen konnte, in den Besitz der Stadt über.

Die jüngere Vergangenheit ist von den steigenden Anforderungen des Profifussballs geprägt: 2013 mussten wegen SFL-Lizenzauflagen Beleuchtung und Sicherheitsinfrastruktur für 3,5 Millionen Franken nachgerüstet werden. 2015 folgte der Neubau der heutigen Gegentribüne (Sektor C) für rund 10 Millionen Franken – finanziert durch die Stadt, den kantonalen Sportfonds und, bemerkenswert, durch eine Million Franken an privat gesammelten Spenden von Grossspendern und Fans. Der Rest des Stadions blieb seither unangetastet, und ist es, was die aktuelle Vorlage nun beheben soll.

Eine bewusste Kompromisslösung

Vor der eigentlichen Kreditvorlage prüfte der Stadtrat laut Projektunterlagen drei Varianten: eine Minimallösung ohne zusätzliche Räume für rund 24,5 Millionen Franken, eine Maximalvariante mit allen Garderoben direkt unter den Tribünen für rund 38 Millionen Franken – und eine Hybridvariante, die schliesslich den Zuschlag erhielt. Sie trennt die neuen Stirntribünen (26,83 Millionen Franken) funktional von einem eigenständigen Betriebs- und Garderobengebäude (12 Millionen Franken) und soll damit das beste Kosten-Nutzen-Verhältnis bieten, ohne künftige Ausbauschritte an der Haupttribüne zu blockieren.

Die neuen Stirntribünen in den Sektoren B und D sollen künftig je rund 2500 Personen fassen und damit die Gesamtkapazität von heute rund 8700 auf etwa 9900 Plätze erhöhen. Beide erhalten ein Dach, ein Gewinn für Witterungsschutz und Stimmung, sowie eine verlängerte oberste Stehstufe mit fest integrierten, frostsicheren Verpflegungs- und Sanitärcontainern und barrierefreien Zugängen. Auf den Dächern sind zudem Photovoltaikanlagen vorgesehen, finanziert über einen separaten Kredit des Stadtwerks.

Wichtig für die Fanszene: Identitätsstiftende Elemente sollen erhalten bleiben. Dazu zählen die Bierkurve, die 2005 gegründete kinderfreundliche Sirupkurve, der Kunststoffkosmonaut Gagarin, die historische Handanzeigetafel sowie der „Salon Erika“, ergänzt um eine neue Rutschbahn an der Sirupkurve. Im Sektor D soll zudem eine flexible Sektorentrennung dafür sorgen, dass bei Spielen mit wenig erwarteten Gästefans mehr Tickets an Heimfans verkauft werden können.

Das neue Betriebs- und Garderobengebäude entsteht als viergeschossiger Holzbau mit Recyclingbeton auf der Südseite der Anlage und wird an den Wärmeverbund Sulzer Stadtmitte angeschlossen, so dimensioniert, dass später auch die Haupttribüne davon profitieren könnte. Im Erdgeschoss ist ein Werkhof für das städtische Sportamt vorgesehen, in den oberen Stockwerken zwölf Garderoben, darunter erstmals eine feste Kabine für das NLB-Frauenteam des FCW sowie eine für die U21; die übrigen Räume stehen dem Nachwuchs-, Breiten- und Inklusionssport offen. Die Erschliessung erfolgt über ein offenes Treppenhaus, das an Spieltagen des Nachwuchses gleichzeitig als kleine Zuschauertribüne für das angrenzende Kunstrasenfeld dient.

Ein partnerschaftliches, aber nicht unumstrittenes Modell

Von den 38,83 Millionen Franken Gesamtkosten sind 3,7 Millionen Franken bereits als Projektierungskredit gesprochen; über den Rest von 35,13 Millionen Franken wird nun abgestimmt. Für Unterhalt und Abschreibung der neuen Bauten rechnet die Stadt mit jährlichen Folgekosten von 1,95 Millionen Franken über 33 Jahre.

Getragen wird das Projekt von drei Seiten: Die Stadt Winterthur finanziert als Eigentümerin der Anlage den grössten Teil über die Investitionsrechnung des allgemeinen Verwaltungsvermögens. Der Kanton Zürich stuft die Schützenwiese im kantonalen Sportanlagenkonzept als Anlage von kantonaler Bedeutung ein und beteiligt sich mit rund 3,8 Millionen Franken aus dem Sportfonds. Der FC Winterthur schliesslich beteiligt sich mit 10 Prozent der Tribünenkosten, mindestens aber 2,6 Millionen Franken. Nach Abzug von Kantons- und Vereinsbeitrag verbleibt der Stadt eine Nettoinvestition von rund 32,43 Millionen Franken.

Den eigentlichen Spielbetrieb, ob Profis, Frauen oder Nachwuchs, finanziert der FCW vollständig selbst, über ein Jahresbudget zwischen 10 und 17 Millionen Franken je nach Liga, getragen von Ticketing, Sponsoring und Fan-Einnahmen.

Welche wirtschaftliche Bedeutung der Klub für die Region hat, zeigt eine von ihm in Auftrag gegebene Studie von EBP Schweiz und der Hochschule Luzern: In der Super-League-Saison 2024/25 habe der FCW-Betrieb einen regionalen Gesamtumsatz von 49 Millionen Franken ausgelöst, eine direkte Wertschöpfung von 25 Millionen Franken erzeugt, 178 Vollzeitstellen gesichert und 1,8 Millionen Franken an Steuereinnahmen generiert. Nach dem Abstieg musste das Budget für die laufende Challenge-League-Saison von 17 auf 10 Millionen Franken gekürzt werden. Die wirtschaftliche Wirkung dürfte entsprechend geringer ausfallen. Der Stadtrat argumentiert demgegenüber, ein Stadion werde nicht für eine einzelne Saison, sondern für Jahrzehnte gebaut.

Ein Nein an der Urne würde die Grundlage der befristeten Ausnahmebewilligung entziehen – mit der Folge, dass laut Klub die Lizenz für beide Profiligen automatisch verloren ginge, unabhängig vom sportlichen Ergebnis.

Warum aus Sicht des Vereins kein Weg vorbeiführt

Die Anforderungen der SFL an Sicherheit, Infrastruktur und Medienarbeitsplätze gelten für Super League und Challenge League gleichermassen. Der FCW spielt im Profifussball seit Jahren nur dank befristeter Ausnahmebewilligungen; laut Klub wurde die Lizenz einmal in erster Instanz sogar verweigert und erst im Rekursverfahren unter der Auflage erteilt, dass ein „laufendes Projekt“ für den Stadionausbau rechtsverbindlich nachgewiesen wird. Für die laufende Saison muss der Verein der Liga quartalsweise über den Planungsfortschritt Bericht erstatten. Ein Nein an der Urne würde diese Grundlage entziehen, mit der Folge, dass laut Klub die Lizenz für beide Profiligen automatisch verloren ginge, unabhängig vom sportlichen Ergebnis.

Um während der Bauzeit weiter auf der Schützenwiese spielen zu können, ist der Umbau in zwei Etappen geplant: Sektor B von Frühjahr 2027 bis Sommer 2028, Sektor D sowie das Betriebsgebäude von Sommer 2028 bis Sommer 2029. Ein temporärer Umzug in ein anderes Stadion, etwa nach Zürich, St. Gallen oder Schaffhausen, würde den Verein laut eigenen Schätzungen rund 3 Millionen Franken pro Saison kosten. Der Verbleib auf der Schützenwiese bedeutet dennoch spürbare Einbussen: Während der jeweiligen Bauphase sinkt die Kapazität um rund 2300 Plätze, was Ticket- und Cateringeinnahmen schmälert.

Grünraum und Rückhalt aus der Stadt

Auch das Umfeld des Stadions soll sich verändern. Auf der Seite Schützenstrasse (Sektor B) entsteht ein unversiegelter, begrünter Platz zwischen Tribüne und Kindergarten mit Sitzbänken, Velobügeln und neuem Baumbestand als Schattenspender; der Aussenraum des Kindergartens wird dafür leicht angepasst. Auf der Seite Kronenwiesenweg/Eulach (Sektor D) soll ein naturnaher, ganzjährig nutzbarer Treffpunkt fürs Quartier entstehen, der an Spieltagen zugleich als Fläche für die geordnete Entflechtung der Fans dient.

Politisch und gesellschaftlich wird das Projekt von einer breiten Allianz getragen. Nach Angaben der Trägerschaft engagieren sich im überparteilichen Komitee „Ja zur Schützi“ neben Sportverbänden und -vereinen aus der ganzen Region auch bekannte Winterthurer Persönlichkeiten aus Kultur und Sport, darunter der Casinotheater-Mitgründer Viktor Giacobbo, die Slam-Poetin Lara Stoll und der frühere Sportmoderator Beni Thurnheer sowie Vertreterinnen und Vertreter des Dachverbands Winterthurer Sport, des EHC Winterthur, der Unihockey-Formation Red Ants Rychenberg und zahlreicher weiterer Klubs.

Ein Schulterschluss – und eine einzelne Gegenstimme

Im Stadtparlament fiel der Entscheid deutlich: Am 13. April 2026 stimmten von 54 anwesenden Ratsmitgliedern 51 für den Kredit, eine Person dagegen, zwei enthielten sich – nachdem die vorberatende Kommission Stadtbau die Vorlage bereits im März mit 7 zu 2 Stimmen unterstützt hatte. Schon der vorgelagerte Projektierungskredit von 3,7 Millionen Franken war im November 2024 mit 53 zu 1 Stimmen bewilligt worden.

Zu sehen ist eine Visualisierung des neuen Fussballstadions in Winterthur. Im Zentrum das bestehende Hochhaus, das witzigerweise beleichtete Fenster hat mit den Buchstaben FCW. Es herrscht wolkenlose Abendstimmung.So stellen sich die Planer das renovierte Stadion am alten Ort vor. Visualisierung: Nightnurse Images, Zürich

Diese Geschlossenheit setzt sich bei den Parteiparolen fort. Direkt bei den Winterthurer Parteien nachgefragt, bestätigten SVP, Grüne, FDP und SP unabhängig voneinander eine Ja-Parole. Die SVP tat sich laut eigenen Aussagen „nicht leicht“ mit dem Entscheid angesichts der Finanzlage der Stadt, kritisierte aber vor allem den aus ihrer Sicht „eher bescheidenen“ FCW-Eigenanteil. Die Grünen begrüssten den Werterhalt der Bausubstanz und die Förderung des Breitensports, übten aber explizite Kritik an der Rolle der Swiss Football League. Die FDP entschied sich klar und kurz für ein Ja, unabhängig vom Ligastand. Die SP fasste ihre Ja-Parole am 1. September einstimmig an der Mitgliederversammlung; hervorgehoben wurden dabei unter anderem die Förderung von Frauen- und Nachwuchsfussball sowie die Aufwertung des Vorplatzes.

Die GLP hat bereits im Juli eine Ja-Parole beschlossen haben.

Die einzige bekannte Gegenstimme im Parlament stammte aus dem rechten Lager und begründete sich ordnungspolitisch: Profisport solle sich selbst tragen, zumal die Stadt finanziell angespannt sei.

So scheint alles auf Kurs zu sein, dass in Winterthur auch nach dem 27. September weiterhin Profifussball gespielt werden kann.

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